Samstag, den 5. August. Antevhaltnngsblatt zuin Gietzenev Anzeigen (Gensvcrl-Anzeigev) atter «XSS6L M ■•1 WWKKWULW WsNWMM Das goldene Kalb. Novelle von Reinhold Ortmann. -------- (Nachdruck verboten.) I. Der lange Astestor Valentini, besten Magerkeit noch niemals so auffällig gewesen war, als heute, wo ihm der vom Amtsrichter ausgeliehene Pelz in abenteuerlichen Falten um die dürren Glieder schlotterte, hatte seit dem letzten Examen keinen so sauren Tag mehr gehabt, wie diesen. Seit seiner Versetzung nach W. war er bei jeder pastenden Gelegenheit ein so unermüdlicher Apostel des Ruhmes gewesen, den er stch in der Hauptstadt als Arrangeur von Theater-Vorstellungen, Bällen und Picknicks erworben haben wollte, daß man die Anordnung und Leitung der für den heutigen Nachmittag geplanten Schlittenpartie unmöglich hatte einem Anderen übertragen können, als ihm. Nach seinen Schilderungen früherer Groß- thaten war man ja berechtigt, sich auf etwas ganz Außerordentliches gefaßt zu machen, und die geheimnißvollen Andeutungen, mit denen der Herr Astestor während der letzten Woche um sich geworfen, schienen nur danach angethan, diese Erwartungen noch um ein Beträchtliches zu erhöhen. Nun aber drohten ihn seine Feldherrntalente schon vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung kläglich im Stich zu lasten und es hatte ganz den Anschein, als ob ihn ein tückischer Zufall um all' seine Lorbeeren als genialer Vergnügungsmarschall bringen wolle. Wohl waren die Schlitten zum lauten Ergötzen der ge- sammten Jugend von W. mit gewaltigem Schellengeklingel pünktlich zur festgesetzten Stunde vor der kleinen Villa des penstonirten Obersten von Hastelrode, die man zum Rendezvous bestimmt hatte, vorgefahren; aber fast gleichzeitig mit ihnen war aus dem Hause des Herrn Bürgermeisters Steinkirch die niederschmetternde Kunde eingetroffen, daß die Familie wegen plötzlichen Unwohlseins der Frau Bürgermeisterin zu ihrem Bedauern an dem Ausfluge nicht theilnehmen könne. Was diesen Schlag für den Astestor Valentini zu einem so furchtbaren machte, war der Umstand, daß es bei den Steinkirchs nicht weniger als vier erwachsene Töchter gab und daß jede der hübschen jungen Damen einem Cavalier zugetheilt worden war, der nun natürlich auf andere Weise versorgt sein wollte. Anfänglich hatte der bedauernswerthe Astestor noch gehofft, das Unheil durch die Kraft seiner Beredsamkeit abwenden zu können. In einem besonders verführerisch aussehenden Schlitten war er nach dem Hause des Bürgermeisters gefahren, um wenigstens einige der weiblichen Familienglieder für diese Partie zu retten. Aber er hatte sogleich alle Hoffnung aufgegeben, als das sechzehnjährige Fräulein Käthe Steinkirch, das ihm mit rothgeweinten Augen entgegengekommen war, unvorsichtigerweise verrathen hatte, daß die Krankheit der Mama durch das Nichteintreffen der in der Hauptstadt bestellten neuen Kleider verursacht worden fei. Ohne alle weiteren Ueberredungsversuche war er da zu der harrenden Gesellschaft zurückgekehrt und hatte mit dem Geberdenspiel eines geschlagenen Generals erklärt: „Ich würde sie bewogen haben, zu kommen, selbst wenn sie auf dem Sterbebette gelegen hätten — ohne die neuen Kleider aber, besten bin ich gewiß, würde auch ein BataAon Soldaten nicht im Stande gewesen sein, sie hierher zu schleppen." Man war also genöthigt gewesen, sich in das Unabänderliche zu finden, und nachdem die wiederholten Versuche des Assessors, aus eigener Machtvollkommenheit eine anderweitige Vertheilung der Paare vorzunehmen, jedesmal an dem Widerspruch einiger Betheiligten gescheitert waren, rief er endlich in Heller Verzweiflung: „Nun, meine Herrschaften, so bitte ich Sie denn, sich ganz nach Ihrem Belieben zu placiren. Aber bald, wenn es gefällig ist: denn wir haben schon mehr als eine halbe Stunde von unserer kostbaren Zeit verloren." Allgemeiner Beifall begrüßte diesen Act der Entsagung, und es war offenkundig, daß die junge Welt untereinander sehr bald über die zweckmäßigste Vertheilung der Plätze einig werden würde. Die ganze Gesellschaft befand sich noch in dem kleinen verschneiten Vorgarten der Haffelrode'schen Villa, und die holde Straßenjugend von W., die durch das seltene Schauspiel in hellen Haufen angelockt worden war, drückte sich die rothen Nasen an dem kalten Eisengitter platt, um die hübschen Damen in den kleidsamen, knappen Pelzjäckchen oder den gleich dicken Riesenschlangen bis zur Erde niederfallenden Boas recht genau betrachten zu können. Die meiste Bewunderung über erregte unverkennbar Fräulein Editha von Hastelrode, die ältere Tochter des Obersten, die mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester Monika eben erst aus dem Hause getreten war. Sie war hoch und schlank gewachsen, eine echt aristokratische Erscheinung, und das dunkelblaue, mit Streifen vom Pelz des Silberfuchses besetzte Tuchkleid, das — nach englischer Mode gearbeitet — beinahe faltenlos ihre vornehme Gestalt umfloß, gab ihr in den Augen des wenig verwöhnten Klein- stadtnachwuchses etwas wahrhaft königlich Gebieterisches. Auch das kleine kecke Barett von dem nämlichen Pelzwerk nahm sich auf dem reichen dunklen Haar vortrefflich aus und schien die eigenartige, stolze Schönheit des mit vollendeter Regelmäßigkeit geblldeten Antlitzes noch wirkungsvoller hervorzuheben. Es war kein Wunder, wenn neben dieser prächtigen Erscheinung die 362 schlagen hat." t , ,, In einem sehr liebenswürdigen Ton, der bei ihrer stolzen Erscheinung ganz besonders herzgewinnend klang, hatte sie ihre Bitte vorgebracht. Der Doctor aber mußte die Gewährung derselben doch wohl nicht für ein gar so geringfügiges ßw geständniß ansehen; denn er machte ein sehr ernstes, ;a VA nahe trauriges Gesicht und richtete einen vorwurssvollen Bit« auf Edithas schönes, lächelndes Gesicht- „Sie sind selbstverständlich die freie Herrin Ihrer Ent« schlüfle, gnädiges Fräulein," sagte er mit etwas gepreßt ttinzen der Stimme, „und es ist natürlich, daß Sie sich für Da,- jenige entscheiden, was Ihnen das meiste Amüsement verspr chr. Sie that, als habe er sie mit freudigster Bereitwilligkeit jüngere Schwester gleichsam im Schatten stand, obwohl man | sie oder ihren Besitzer hier nichts irgendwie Bedeutsames mehr auch ihr ohne schmeichelnde Uebertreibung hätte zugestehen vor sich gehen kann. So viel ich weiß, ist der Herr doch von können, daß sie recht hübsch sei. Es war nur Alles beschei- Niemandem eingeladen worden. dener, anspruchsloser, ja, man durfte fast sagen: schüchterner, Der Schlitten war unterdessen herangekommen und sem als bei Editha, die in jedem Blick und in jeder Bewegung Lenker, ein noch junger Herr in einem Pelz von fernstem Kam. verrieth, daß sie daran gewöhnt sei, vor allen Anderen bemerkt schatkabtber, ließ, nachdem er die Pferde auf eme sehr elegante und bewundert zu werden. und schneidige Weise parirt hatte, dem hinter ihm sitzenden In diesem Augenblick schien die ältere Tochter des grau- Kutscher die Zügel. Als er auf den Schnee sprang, sah man bärtigen, aus einem verwitterten Soldatengesicht gutmüthig daß seine große, breitschulterige^Gestalt durchaus im«richtigen dreinschauenden Obersten nicht eben in besonders fröhlicher Berhältniß zu dem mächtigen Kopfe unddemrundemrothen Laune. Es war ein kleiner Schatten auf ihrer weißen Stirn nur mit einem kleinen dunklen Schnurrbartchen bewachsenen und ihre schönen, dunklen Augen flogen mehr als einmal wie Antlitz stand. Er lüftete gegen die Gesellschaft im Allgemeinen suchend die Straße hinauf, während sie auf einige Fragen den Hut und wandte sich dann, wie es wohl als eine natür- ihrer Schwester zerstreute und einsilbige Antworten gab. I liche Pflicht der Höflichkeit erscheinen mußte, gegen Denjenigen, Da trat aus einer anderen, lebhaft debattirenden Gruppe auf dessen Grund und Boden er sich befand. r ein etwa zweiunddreißigjähriger Herr mit blondem Vollbart „Ich habe für mein Eindringen um Entschuldigung zu und goldener Brille auf sie zu, höflich seinen Hut gegen die bitten, Herr Oberst/ sagte er sehr verbindlich, „aber ich hoffe. Drei lüftend, den offen bewundernden Blick jedoch einzig auf man wird mir gestatten, mich nut meinem Gefährt dem Aus- Edithas schöne Erscheinung gerichtet. fluge anzuschließen. Es war ohnedies meine Abstch^ Fräulein „Guten Tag, Doctor Asmus I" sagte der Oberst, indem Editha für diesen Nachmittag zu einer kleinen Schlittenfahrt er ihm die Hand schüttelte. „Ein seltenes Vergnügen, Sie einzuladen." „„„„ ra ihnen auch einmal bei solchem Unsinn zu sehen. Es muß ja vor- In demselben Moment, dader neue Ankömmttngsichihnen trefflich um die Gesundheit dieser guten Stadt bestellt sein, genähert hatte, war Doctor Asmus um «nen Schritt zuruck wenn sie sich entschloffen haben, ihr auf so und so viele Stun- getreten. Etwas wie eine Wolke besMißmuthShattefich auf den den besten ihrer Aerzte zu entziehen." seinem Gesicht gezeigt, und er hatte auch nicht gleich den „Vielen Dank für die gute Meinung, Herr Oberst," er- Nebligen den allgemeinen Gruß des eleganten Herrn in dem widerte der Doctor, der seine Augen noch immer nicht von Biberpelze erwidert. Der Oberst aber und seine Töchter Editha losmachen konnte, lächelnd. „Aber in Wahrheit würde schienen nur angenehm überrascht. Es gab von Seiten des mich diese glorreiche Schlittenpartie schwerlich unter ihren Theil- Herrn von Hasselrode eine sehr freundliche Begrüßung und nehmern gesehen haben, wenn ich nicht ohnedies nach Eberbäch Editha sagte lebhaft. „ Ein wie prach^ges Gespann S müßte. Ich habe da eine Patientin," haben, Herr Neukamp I - Es muß wahrhaftig em Vergnügen Um die feingeschwungenen Lippen Edithas zuckte es wie sein, darin über den SHnee zu sausen. in leisem Spott. »Ein Vergnügen, das Sie sich hoffentlich recht oft bereiten „Ist das etwa noch immer die heldenmütige Stellmachers- werden, mein gnädiges Fräulein," S°b er galan zurück. „Sie tochter, von der Sie uns neulich erzählten?" nehmen doch auch jetzt den freien Platz in meinem Schlitten Er mußte die Ironie in der Frage wohl überhört haben, selbstverständlich an? „„„ da er ganz treuherzig antwortete: „Allerdings! - Ich wünschte Editha bejahte Kell, und erst °uf ein^e,se Mahnung freilich, daß ich das arme Ding schon längst wieder hätte auf ihrer Schwester hin schien sie sich zu besinnen daß ne vo die Beine (.ringen können; aber es wird mir bei dieser Ge- wenigen Minuten einemAnderen dl-selb Zusage « * legenheit am Ende nicht zum ersten Mal zum Bewußtsein ge* Mit einer Bewegung, die trotz des Unmuths, den sie ausdrü bracht, wie armselige Stümper wir Heilkünstler doch mit all' sollte, noch graziös und reizend^war, war«sie den Kopf zurück, itnferen mäcktiae« Waffen sind" „Ah, wahrhaftig! — Aber es war nur em yaives „Na — na!" machte der Oberst. „Wenn ich an meinen sprechen und er wird mich davon entbinden, wenn ich^ ihm Er- Rheumatismus und an Ihren Kurerfolg denke —" fatz schaffen kann. — . ?^ber Herr Doc or, s g J „Um Gotteswillen, nur keine Krankengespräche, Papa!" hinzu, indem sie den abseits S ehendenmit einewallerttebsten fiel Editha ein. „Ich glaube, es braucht ohnedies nicht mehr Lächeln heranwinkte, „Sw müssen eine That edter ^e u viel, mir die Laune völlig zu verderben. Fahren Sie in Verleugnung vollbringen. Herr Neukamp hatte so^ Ihrem eigenen Schlitten, Herr Doctor?" - übrigens, die Herren sind „Ja! - Es ist nicht gerade ein Prachtexemplar; aber Der Doctor verzog keine Miene; der Andere aber neig SBrirV*36”@eWaft " Sie zauderte einen Augenblick, dann sagte sie leichthin: als wenn er diese Bemerkung nicht gehört hätte- „Worin soll „Warum nicht? Ich weiß zwar nicht, wem mich der Herr sie bestehen?" . _ Assessor zugedacht hatte; aber da nun doch einmal Alles um» „Sie sollen mir erlauben, die Einladung des Herrn Neu aestoßen ist kamp anzunehmen. Sehen Sie nur selbst, mit einem rote In diesem Augenblick wurde in der Ferne abermals prächtigen Gespann er da alle Anderen aus dem Felde g Schellengeläute vernehmlich und auf dem Grunde von Edithas 1 " Augen leuchtete es eigenthümlich auf, als aus jener Richtung, in die sie während der letzten Minuten so ost suchend gespäht hatte, ein schon von weitem durch seine mächtigen weißen Schneedecken auffallender Schlitten daherkam. Er war mit zwei Rappen bespannt und der gleichmäßige Hufschlag der scharf trabenden Thiere verrieth einem geübten Ohr zur Ge- niige, daß sie nicht unter die von Doctor Asmus eben so geringschätzig erwähnten Miethgäule zu zählen seien. Durch die Gesellschaft in dem verschneiten Vorgarten ging eine kleine Bewegung und das ohnedies schon recht lange Gesicht des Assessors Valentini wurde noch länger. „Wenn mich nicht Alles trügt, sind das die Pferde des , — Herrn Hugo Neukamp," faßte er bissig; „es scheint, daß ohne I sreigegeben. - 363 - „Soll ich bei meiner Schwester Monika ein gutes Wort für Sie einlegen?" fragte sie heiter. „Sie hat ein so viel sanfteres Temperament als ich, daß sie mit dem bedächtigen Trab Ihres dicken Braunen gewiß vollauf zufrieden ist." Fräulein Monika wurde roth bis an die Stirn hinauf und sah verlegen vor sich nieder in den Schnee; als aber Doctor Asmus, wie es nach Edithas herausfordernder Bemerkung ja unvermeidlich war, um die Ehre bat, ihr den freien Platz in seinem Schlitten anbieten zu dürfen, legte sie ohne Zaudern ihre Hand in seinen Arm und ließ sich von ihm zu dem einfachen, kleinen Schlitten führen, der als der erste in der langen Reihe hielt. Dann schickten sich auf eine nochmalige dringende Mahnung des Affeffors auch die übrigen Herrschaften zum Einsteigen an und wenige Minuten später ertönte von hinten her die schon etwas heiser gewordene Commandostimme des dürren Valentini: „Bitte, Herr Doctor, lassen Sie uns abfahren!" Schön und gebieterisch wie eine Fürstin saß Editha von Hasselrode neben ihrem Cavalier. All' ihre üble Laune schien verflogen, seitdem sie die Köpfe der edlen, ungeduldigen Pferde vor sich sah und seitdem sie die Gewißheit haben konnte, von allen anderen Thellnehmerinnen der Partie um ihren bevorzugten Platz beneidet zu werden. Als sich der Schlitten des Doctor Asmus in Bewegung gesetzt hatte, nahm Neukamp, obwohl er außerhalb der Reihe gehalten hatte und sich eigentlich als Letzter hätte anschließen müssen, einen günstigen Augenblick wahr, um sein Gefährt zu dem zweiten zu machen, und das harmonisch abgestimmte, silberne Geläut auf dem Rücken seiner Pferde erregte das Entzücken der Straßenjugend in so hohem Maße, daß sie mit lautem Hurrah daneben herliefen, bis Einem nach dem Anderen der Athem ausgegangen war. Sie hatten die letzten Häuser des Städtchen» bald hinter sich gelassen, und zu ihrer Rechten wurden nun die langgestreckten, schmucklosen Gebäude einer durch ihre gewaltigen Schornsteine gekennzeichneten Fabrik sichtbar. „Ich habe bisher nicht gewußt, daß Ihr Etablissement eine so große Ausdehnung habe," sagte Editha. „Wie viele Arbeiter sind denn darin beschäftigt?" „Augenblicklich nicht mehr als sechshundert," erwiderte er leichthin. „Ich habe vor einigen Monaten, als ich die Fabrik von meinem Vorgänger übernahm, der schlechten Geschäftslage wegen nahezu die Hälfte der Leute entlassen müssen, und ich sehe mehr und mehr ein, daß diese Maßregel noch nicht ein» mal hinreichend war, um mich sür die Dauer der Krisis vor Schaden zu bewahren." „Und die kleine Villa da drüben ist Ihre Wohnung — nicht wahr?" „Ja! — Ein elendes Ding — nach meinem Geschmack wenigstens, und vermuthlich auch nach dem Ihrigen, mein gnädigstes Fräulein I — Aber ich habe mir bereits von einem unserer genialsten hauptstädtischen Baumeister die Entwürfe zu einem Neubau anfertigen lassen, und im Laufe des nächsten Sommers hoffe ich damit sowohl wie mit der Anlage eines großen Parkes, der sich bis an den Waldessaum erstrecken soll, fertig zu werden." „Ah — Sie müssen mir gelegentlich die Pläne zeigen. Ich interessire mich sehr für solche Dinge." „Ihre Theilnahme macht mich sehr glücklich, Fräulein Editha I Wissen Sie auch, daß es mir nur an Muth gebrach, Sie um Ihren Rath in diesen Angelegenheiten anzugehen? Ich habe eine so hohe Meinung von Ihrem Geschmack und Ihrem künstlerischen Verständniß, daß ich stolz darauf wäre, Ihren Beifall für meine Ideen zu gewinnen." Sie lächelte ein wenig und aus den dunkeln Augen traf ihn ein Blick, um den ihn wohl alle Bewunderer der schönen Editha beneiden konnten. Dann blieb es eine kleine Weile still zwischen ihnen, bis Fräulein von Hasselrode mit einem leichten Stirnrunzeln sagte: „Wie unerträglich schwerfällig der Gaul des Doctor» ist! — Es wäre abscheulich, wenn wir immer in diesem Schneckentempo hinter ihm drein trotten müßten. Lassen Sie uns doch die Spitze nehmen, damit Ihre Pferde endlich einmal aus- greifen können." „Die Fahrstraße ist zu schmal, Fräulein Editha! — Ich kann nicht an ihm vorüber, wenn ich nicht Gefahr laufen will, uns umzuwerfen oder einen Zusammenstoß herbeizuführen." Sie kräuselte die Oberlippe und sagte mit einem merklichen Anfluge von Spott: „Wollen Sie mir die Zügel geben? — Ich fürchte mich nicht vor einer solchen Katastrophe." Neukamp antwortete nichts; aber er biß die Zähne zusammen und trieb die Pferde, indem er sie seitwärts lenkte, zu schärfster Gangart an. Als ein geübter Fahrer hatte er die Situation vollkommen richtig beurtheilt. Da Doctor Asmus die Mitte der Fahrstraße hielt, schien es sür den Zweispänner des Fabrikbesitzers fast unmöglich, an ihm vorüber zu kommen, und gewiß war es allein der ungewöhnlichen Geschicklichkeit des Letzteren zu verdanken, wenn die beiden Gefährte nur leicht aneinander streiften, ohne sich gegenseitig ernstlichen Schaden zuzufügen. Immerhin war der Stoß, den des Doctors Schlitten bei dem gefährlichen Wagniß erhielt, ein sehr fühlbarer, und Monika, dir wohl an ein unabwendbares Unglück glauben mochte, stieß einen Schreckensruf aus, indem sie zugleich in dem unwillkürlichen Verlangen nach Schutz angstvoll den Arm ihres Begleiters umklammerte. Der junge Arzt, der durch das tollkühne Beginnen des Anderen ebenfalls aufs Höchste überrascht sein mußte, warf, indem er sein Pferd zur Seite riß, einen zornigen Blick zu dem im Fluge vorbeisausenden Schlitten hinüber; aber wenn er vielleicht ein unwilliges Wort auf den Lippen gehabt hatte, so war es die lächelnde, triumphirende Miene Edithas ge- wesen, welche ihn verhindert hatte, es auszusprechen. Jetzt wußte er ja mit einemmal, daß sie allein die Schuld an dem verwegenen Manöver trug, und diese Gewißheit machte ihn verstummen. / „Verzeihen Sie, Herr Doctor!" sagte Monika leise und beschämt, als die Gefahr vorüber war. „Ich war gewiß sehr thöricht, mich zu ängstigen; aber ich habe leider nicht die muthige Natur meiner Schwester." „Sie brauchen sich dessen wahrhaftig nicht zu schämen, Fräulein Monika," erwiderte er, und e» war eine Bitterkeit in seinen Worten, deren Ursache seine schüchterne, junge Zuhörerin nicht begriff. „So lange es noch nicht die eigentliche Bestimmung der Frau ist, sich als Amazone hervorzuthun, wird man voraussichtlich fortfahren, gewisse andere weibliche Tugenden höher zu schätzen, als die Tugend der persönlichen Tapferkeit." Die Entfernung zwischen dem Schlitten Neukamps und dem {einigen vergrößerte sich rasch — um so rascher, als Doctor Asmus viel eher darauf bedacht schien, seinen Braunen zurückzuhalten, als ihn anzutreiben. Es war, als sei es ihm peinlich, die feinen Umrisse von Edithas Köpfchen vor sich zu fehen und als wünsche er den Beiden einen möglichst großen Vorsprung zu lassen. Der Ton seiner Antwort schien Monika den Muth zu weiteren Gesprächen genommen zu haben; denn sie verhielt sich ganz still, bis ihm selber die Unhöflichkeit seines hartnäckigen Schweigens zum Bewußtsein kommen mochte. Nun bemühte er sich, eine Unterhaltung in Fluß zu erhalten, indem er seine Begleiterin auf alle Halbwegs interessanten Dinge aufmerksam machte, an denen sie vorüber kamen, und er konnte sich kaum eine andächtigere und dankbarere Zuhörerin wünschen, als es ihm Monika von Hasselrode war. Er kannte die Gegend und ihre Bewohner offenbar sehr genau, obwohl er bei seiner Jugend die ärztliche Praxis unmöglich schon lange ausüben konnte. Fast aus jedem Dörfchen und fast von jedem Gehöft, das sie passirten, wußte er etwas zu erzählen, das wohl des Anhörens werth war, weil es nicht nur die Schärfe der Beobachtungsgabe, sondern auch das humane Wohlwollen verrieth, mit welchem der Erzähler hier seine Studien gemacht hatte. Monika beschränkte sich denn auch zumeist darauf, still seinen Worten zu lauschen; aber wenn sie einmal eine Frage oder eine Bemerkung einwarf, so gab dieselbe sicherlich Zeugniß für — 364 gießt man lauwarm über die Beeren und stellt sie so 3 bi» n _. .t-f-L _____ Ux AH HVtttAT MO u tum Kochen, giebt die Beeren dazu, läßt sie eine Weile darin kochen und füllt ste erkaltet^in die ^Gläser. Preitzelbeersaft. Recht reife Preißelbeeren werden gut verlesen, gewaschen, weich gekocht und in einen ausgekochten Beutel geschüttet. Der durchgelaufene Saft wird nach dem Erkalten klar vom Bodenfatz abgegossen, zu.3% »ttet 1 Pfund Ruder genommen, aufs Feuer gestellt, ausgesihäuml, nach 10 Minuten Kochens kalt gestellt und anderen Tags in Flaschen gefüllt. e e Kalte Llprikosensauce zu »rate«..Sech» ge- schälte und ausgesteinte Aprikosen werden in einer Messing pfanne mit 1 Glas Wein, 2 Gläser Master und dem nötigen Zucker unter stetigem Abschäumen gekocht, durch einen Seiher getrieben und kalt gegeben. # Der Goldfisch ist ein Freund wärmeren Masters; bei 17 bis 18 Grad Reaumur sühlt er sich am wohlsten. Zur Waffererneuerung darf nie frisches Brunnenwasser genommen werden, sondern solches, das ebenso warm ck, wie das ab- gelastene- Am einfachsten ist es, stets das frische Master im Zimmer abstehen zu lasten- Preiselbeeren einzumachen. Zu 2 Pfund aus« gelesenen Beeren i/2 Liter Weinessig, Vr Liter alter Wem und 2 Pfund Zucker; Esstg, Wein und Zucker werden bis Frau zur Auflösung ves Zuckers gekocht, dann wird etwas Zimmet , geguckt hast. Astronomische Studien. Frau: „Aber Mann, Du kommst ja erst wieder um drei Uhr nach Hause. — Mann. „Allerdings, liebe Frau, aber Du weißt ja, daß nur heute Sitzung im astronomischen Verein hatten, und da wollten einen Stern beobachten, der erst so spät sichtbar wird. : „Mir scheint, daß Du dabei etwas zu tief ins Glas lein deutend, sagte: ,, I „Da ist Eberbach! - Ich fürchte, Fräulein Monika, Sie werden herzlich froh sein, in zehn Minuten ihres langweiligen Gesellschafters ledig zu werden," - da erhob ste mit sanftem Vorwurf ihre ausdrucksvollen grauen Augen zu seinem Gestcht und sagte im Tone schlichter Aufrichtigkeit: . „Wie mögen Sie nur so sprechen! Mir ist, als waren wir erst seit einer Viertelstunde unterwegs und ich hätte Ihnen ] sicherlich noch lange zuhören können, ohne zu ermüden-" Aus jedem anderen Munde würden solche Worte vielleicht wie berechnete Cocetterie geklungen haben, hier aber konnte nicht einmal der flüchtige Verdacht auskommen, daß sie etwas Anderes als der Ausdruck ihrer ehrlichen Meinung seien. Mit einem freundlichen Lächeln nickte ihr Doctor Asmus zu: „Sie sind eben die verkörperte Güte und Anspruchsloftg- leit, Fräulein Monika! — Für einen ungeberdigen Menschen meines Schlages ist mitunter etwas wahrhaft Beschämendes in Ihrer Sanftmuth und Geduld." Die junge Dame erröthete wieder, und es war gut, daß der Schlitten eben in die Dorfstraße einfuhr, wo ihr einige johlende Bauernkinder und einige kläffende Hunde Gelegenheit gaben, ihre durch des Doctors Lob hervorgerufene Verwirrung hinter einer rafchen, gleichgültigen Bemerkung zu verbergen. Ein paar Minuten später hielten sie vor dem Wirthshause, das zum Empfange der vorher angemeldeten Gesellschaft festlich mit grünen Tannenzweigen geschmückt war, und Monika stützte ihre schmale, leise bebende Hand in die kräftige Rechte des Doctors, deffen Augen forschend umherschweiften, während er seiner Dame auf diefe Art beim Aussteigen behülfltch war. (Fortsetzung folgt-) Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Güßen. die lebhafte innere Antheilnahme, mit welcher sie die Geschichten I und Nelken dazu gethan und mch emmal Dies be/SmWe. nicht mit seinem ganzen gießt man lauwarm.über d'e Beeren und Herzen bei dem Gespräch war, bemerkte jn: wohl.kaum; denn l 4 Tage hin. Dann gicht a d t 'Weile ^darin als nach etwa zweistündiger Fahrt — Hugo Neukamps Schütten war längst ihren Blicken entschwunden — die bescheidenen Häuschen eines kleinen Dorfes vor ihnen auftauchten und als Doctor Asmus, mit der Peitschenspitze auf das fchmucke Kirch- Gemeinnütziges. Gestrickte Frotttr- Handtücher. Für Bäder und bei kalten Abreibungen sind gestrickte Handtücher sehr zu em- pfehlen. Sie stellen sich billiger als die gewirkten und lassen sich bequemer reinigen. Man strickt sie am besten von starker ungebleichter Hauschild'scher Estremadura mit verhältmßmäßig feinen Nadeln und beginnt mit einem Anschlag von 180 bis 190 Maschen. Die einfachste Art ist, immer rechts hin und her zu stricken, wodurch einfache Rippchen, entstehen, doch nt ein Carreaumustrr vorzuziehen, da bei der erstgenannten Art das Handtuch leicht zipfelig wird. Will man mit dem Hand- tuch ein Geschenk machen, so kann man, um es eleganter her- zustellen, am Anfang und Ende eine breite Bordüre arbeiten. Man strickt dann zuerst mehrere Touren, abwechselnd eine links, eine rechts, hieraus ein einfaches Durchbruchmuster nach Art des Zackenbördchen an Strümpfen, dann wieder einen dichten Streifen und so fort, bis man eine Bordüre von 25 Centi- meter Höhe hat. Den Fond bildet ein aus zwei rechts, zwei links gestricktes Muster, das nach jeder zweiten Tour versetzt wird. Nach Belieben kann man in die dichten Streifen der Bordüre ein einfaches Kreuzstichmuster mit rother Baumwolle sticken; zum Abschluß wird das Handtuch an allen vier Seiten mit einem schmalen gehäkelten Bördchen versehen, an den Schmal- feiten werden Fransen eingeknüpft. Vermischtes. Arabisches R-cept für eine gute Ehe. Wenn eine arabische Mutter ihre Tochter verheirathet, grebt sie dieser folgende Rathschläge mit aus den Weg: ,,Du verlaßt letzt D e- jenigen, von denen Du ausgegangen bist; Du entfernst Dich Ä. », d-« Dich s° lange beschütz,. «»”*.£ Dich aufgeschwungen hast, um gehen zu lernen, und Du thust um Dich zu einem Manne zu verfügen, den Du nich kennst, an deffen Gesellschaft Du nicht gewöhnt bist. Ich rath m:r »ine Sklavin zu sein, wenn Du willst, daß er Dir ein Diener sei- Begnüge Dich mit Wenigem- Achte beständig auf Das, was feine Augen sehen könnten, und sorge, daß seine Augen niemals schlimme Handlungen sehen. Wache über seine Nahrung, wache über feinen Schlaf; der Hunger ver ursacht Aufwallung, die Schlaflosigkeit erzeugt böse Laune. Trage Sorge für fein Eigenthum, behandele seine Angehörigen mit Güte. Sei stumm sür seine Geheimnisse; wenn " fröhlich ist, zeige Dich nicht verdrießlich; wenn er verdrießlich „rst, zeige Dich nicht fröhlich - dann wird Allah Dich segnen- Der Salonlöwe. Ein Löwe nimmt der Löwenbändigerin ein Stück Zucker aus dem Munde „O, das könnte ich auch!" ruft einer der Zuschauer. — ,Mas? Sie? erwidert erstaunt die Löwenbändigerin- — „Gewiß, gerade so gut, wie der Löwe!" * , Ein kleiner Verräther- „Was willst Du werden, Fritzchen, wenn Du mal groß bist?" — "Hus^ren-Lleutenant! — „Warum denn gerade das?" — „Well lch s dann bei Tante Emmy so sehr gut haben würde."