Unterchaltungsblatt 31111t Greszenev Anzeigev (Genevnl-Anzeigev) QJ Nr. 2. 1893. MW WM WM« i ■ UHWW xMMZv^'MEd •■. k-«-- - Donnerstag, den 5. Januar. „Jetzt, meine Herrschaften!" Wie ein bunter Strom ergoß sich die Schaar der Gäste n den Wirthschastshof des Schlosses. Hier stand das Dienst« personal, Bauernmädchen mit weißen Schürzen und blitzenden Goldhauben, Burschen in blauen Jacken und federgeschmückten spitzen Füzhüten. Ein Hurrah begrüßie den Schloßherrn, dessen ganzes Gesicht vor Vergnügen lachte. „Na, komm', Liese," redete er die Großmagd an, „wir Beide eröffnen den Ball. Du wolltest ja doch schon längst gern einmal mit mir tanzen, gestehe es nur ein." Und als das Mädchen verschämt an der Schürze zupfte, umfaßte er es und wirbelte als Erster mit ihm in die Tenne hinaus. Der Großknecht drehte unterdeffen den sprossenden Schnurrbart, er schob bald eine Schulter vor, bald die andere und seufzte schwer. .... „Ja, wenn das gnädige Fräulein erlauben wollten — „Kannst Du auch wirklich tanzen, Klaus?" „Ich? Ich? — Ja, das Fräulein verzeihen, aber ich stand doch drei Jahre bei den Garde-Ulanen!" Ruth lachte fröhlich. „Nun, dann komm' nur her, wir wollen den Beweis gelten lassen." Sie und Erich wechselten einen lächelnden Blick, dann flog auch dies Paar unter den Klängen der Musik davon und «ach ihm alle übrigen. Jede Magd bekam ihren Tänzer, jeder Knecht seine Dame. Nach dieser ersten Tour sollte dann das Schloßgesinde bei Bier und Kuchen sich selbst überlassen bleiben. Erich tanzte nicht. Er sah mit erleichtertem Herzen, daß selbst die kleine Gänsehirtin ihren Caoalier gefunden hatte, und daß es daher für ihn keine Pflicht mehr zu erfüllen gab. Seine Blicke beobachteten das schlanke Mävchen im Arm des Großknechts, die blonden, schweren Zöpfe und das süße, rosige Antlitz. Ruth lächelte — gewiß hatte der ehemalige Garde« Ulan eine recht naive Frage gestellt. Jetzt hielten die Beiden ganz in seiner Nähe einen Augen« blick inne und nun hörte er, wie Klaus sagte: „Ja, ich meine nur, warum denn die Damen so wunderlich angezogen sind? Gerade wie auf alten Großmutter-Bildern!" Ruth und Erich tauschten einen lachenden Blick. „Fmdest Du mich denn nicht hübsch, Klaus?" fragte belustigt das junge Mädchen. „O — wunderschön. Schöner noch als die Betty ich hab'« ihr auch schon selbst gesagt und sie nickte ganz freund« sich dazu." „Das ist nett von Betty. Wahrscheinlich gedenkst Du, sie zu heirathen, Klaus. Ist es nicht so?" Der Knecht wischte mit dem Handrücken bte großen Tropfen von der Stirn. „Ach," stammelte er, „wenn es der Dämon Gold. Original-Roman von W. Höffer. (Fortsetzung). Ein sanfter, schüchterner Mädchenantlitz, rosig und frisch wie ein Maimorgen, sah jetzt dem Gutsherrn von Dornau ent» gegen. Ruth hatte ihn bemerkt und kam die Stufen herab- „Wie schön, daß Sie die Einladung nicht vergessen haben, Herr Wolsram! Jetzt werden Sie mich gleich mit dem Groß« knecht als zweites Paar in der Scheune tanzen sehen." „Dieser glückliche Bursche! Aber wenn bann später die Reihe an uns kommt, bars ich um ben ersten Tanz bitten, nicht wahr, Fräulein Aßmann?" „Gewiß! Aber ich dachte, daß — daß —" „Nun?" „Daß Sie nicht mehr tanzen würden, Herr Wolfram. Nehmen Sie er nur um Gotteswlllen nicht übel, vielleicht hätte ich —" Er mochte plötzlich die Farbe gewechselt haben; dar junge Mädchen sah ihn ganz erschrocken an. „Ach, nun sind Sie böse I Und wenn Sie wüßten, wie lieb ich Sie habe, wie —" „Lieb, Fräulein Aßmann? Lieb, sagen Sie?" „Gewiß, wer hat meiner armen Mutter nach Papas Tode über alle Schwierigkeiten hinweggeholfen? Wer hat ihr fßfctcs —" „Kind, Kind, was Sie da Alles hervorsprudeln. Also der erste Tanz ist mein?" „So viele Sie wollen. Aber dann dürfen Sie nicht mehr ^Wer sagt Ihnen denn, daß ich es jemals war? Beichten Sie mir jetzt Alles, Fräulein Aßmann. Ich bin in Ihren Augen ein Greis, ein alter Herr, mit dem man recht schonend umgehen muß, nicht wahr?" Sie sind mein Vormund, ein Mann, den ich unendlich hochschätze, zu dem ich ein unbeschränktes Vertrauen hege. Ich glaube, wenn eines Morgens die Sonne nicht wieder aufginge, ich würde zunächst an Sie denken: Herr Wolftam schafft Rath; wen er beschützt, der ist wohl geborgen." Er schien antworten zu wollen, aber dennoch kam über seine Lippen kein Ton. Die warmen Worte des jungen Mädchens mochten ihn berührt haben wie eine eisige, todeskalte $at%n diesem Augenblick kam der Baron durch das Schloß auf die Terrasse hinaus. Der große Saal wurde ausgeräumt und die Glaswände bei Seite geschoben; mit Pauken und Trompeten fetzten in der Scheune die Husaren zum Walzer em- Herr Baron gestatten wollten. Ich müßte einen Kathen (Hütte) bekommen und als Taglöhner auf Moldt bleiben dürfen." Ruth sah ihn ermunternd an. „Ich will mit meinem Schwager sprechen, Klaus, Du weißt, er schlägt keine Bitte ander« als aus zwingenden Gründen ab Den nächsten frei werdenden Kattzen bekommst Du sicherlich." „Juchhe!" rief aus voller Kehle der Bursche und wollte in alter Gewohnheit seine Tänzerin mit einem kräftigen Schwung durch die Luft wirbeln, dann aber besann er sich noch gerade zu rechter Zeit an das Unpaflende dieses Vor- haben» und stolperte über seine eigenen Füße, so daß Erich zugreifen und das Paar vor jähem Sturz bewahren mußte. Sie lachten alle Drei — die lauteste Fröhlichkeit beherrschte die ganze bunte Ges llschast. Am entgegengesetzten Ausgange der großen Tenne stand eine Dame, deren Züge mit denjenigen Ruths eine unverkenn- bare Aehnlichkeit zur Schau trugen, Baronin Molot, die ältere Schwester der jungen Dame. Auch sie trug das altdeutsche Costüm, aber über demselben einen Mantel aus Schwaneupelz; selbst unter dieser dichten Hülle schien sie jedoch zu frösteln; ihr zartes, blasses Gesicht zeigte deutlich, daß sie sich krank und matt fühlen mußte, wenn auch v elleicht in diesem Augenblicke weniger als sonst wohl. Der Baron hatte ibr in einer der Pausen des Tanzes die Hand gereicht und sie mit seinen schönen, lachenden Augen freundlich angesehen. „Später tanzen wir Beide, Cilli." Ein trügerischer Purpur färbte momentan ibr blasses Ge- ficht- „Meinst Du, daß ich es wagen könnte, Hans?" „Man kann Alles, was man will!" Dann entführte ihn der Tanz und die junge Frau sah ihm glänzenden Blickes nach. Wie schön war er, wie weit überragte er in jeder Beziehung alle anderen Herren der Gesellschaft. „Hans!" flüsterte sie unhörbar, voll tiefer, inniger Zärtlichkeit. „Mein Hans!" Eine schlanke, weiße Frauenhand legte sich leicht auf ihre Schulter und eine Stimme sagte im Ton zärtlichen Vorwurfs: „Baronin, wie konnten Sie sich dem Zugwind so aussetzen! Kommen Sie schnell fort!" Cäcilie wandte beinahe verwirrt den Blick. „Adele! — Weshalb gerade in diesem Augenblick die ängstliche Warnung? — Ich war so glücklich!" Ihre Gesellschafterin trat einen Schritt zurück. Groß und sehr schlank, eine Brünette mit dem Teint und den Augen einer Südländerin, war sie auf gesucht einfache Weise ganz in ein schattenhaftes Grau gekleidet und selbst an diesem Fest- abende ohne Schmuck. „Ich verstehe nicht, gnädige Frau," antwortete sie im Tone des Erstaunens. Cäcilie reichte ihr gütig die Hand. „Mir träumte, Adele! Ich hielt mich für gleichberechtigt nut Andern, für gesund — mein Mann hatte mich um einen Tanz gebeten." „Den Sie aber nicht bewilligen dürfen, Baronin." Die junge Frau nickte. „Doch, ich wage es unter jeder Bedingung. Mein armer Hans! Überall steht die kranke Frau al» tzmderniß auf seinem Wege! Er, der die Freuds und den äußern Glanz so sehr liebt, muß beständig Rücksichten nehmen. O, wie mich das schmerzt, Adele!" Die Gesellschafterin brachte schon ein Flacon zum Vor- schein. „Sie sollen sich nicht so aufregen, Baronin- Das schadet Ihnen!" In den Augen der jungen Frau schimmerten klare Thränen. „Bin ich denn todtkrank, Adele? Sehe ich aus wie Eine, die bald sterben wird? Sagen Sie mir die Wahrheit!" „Thorheit, Baronin. Sie haben Fieber, Ihre Hände glühen — es wäre besser, Sie legten sich zu Bette. Fräulein Aßmann ist ja da, um die Honneurs der Wirthin wie immer —" „Ja, ja, wie immer I" unterbrach voll Bitterkeit die junge Frau. „Wie immer! Aber heute nicht. Ich will tanzen. O ja, ich will tanzen." Die Gesellschafterin schwieg; ihre Gebieterin hörte ohne- 8 - dies nicht mehr auf Das, was sie sagte. Cäcilien» Augen glänzten unnatürlich, sie ließ den Mantel von den Schultern gleiten, und als jetzt drinnen die Reihen sich auflösten, begab sie sich mit den übrigen Damen in den Salon, dessen Glaswände entfernt worden waren. Palmen und Orangen standen in den Ecken, aus den Treibhäusern waren in aller Eile blühende Gewächse Herbetgeschafft worden, ein weißes, mildes Licht durchfluthete den großen Raum, in dessen Mitte verschiedene Paare schon jetzt ohne Musik zu tanzen begannen. Das lange Warten war so unangenehm und — da kamen ja auch die Husaren schon herbei. Eine Hälfte der flotten blauen Jungen musicirte drüben auf Fulterkistm und Leiterwagen, die andere im Salon unter dem Rauschen exotischer Pflanzen. Mehr und mehr Gäste waren hinzugekommen; man gruppirte sich ganz zwanglos wie immer auf Moldt, wo die Etiquette dem Frohsinn weichen mußte, so oft der Baron ein Fest gab und unter den Fröhlichen der Fröhlichste war. Man sah seine hohe, elegante Gestalt überall, er musterte dar Eis in den Champagnerkübeln, begrüßte die Scatspieler in den Nebenzimmern und plauderte mit den älteren, nicht mehr tanzenden Damen- Wer ihn sah, war entzückt; selbst Männer, die seinen Leichtsinn, seine optimistische Auffassung durchaus verurtheilten, konnten es doch nicht über sich gewinnen, ihm zu zürnen. „Maus," hatte er seiner Frau gesagt, „den ersten Tanz mit Dir, das ginge ja wohl nicht!" Sie sah es ein. „Nimm einen Schnellwalzer, Hansi!" „Fühlst Du Dich denn recht kräftig heute Abend?" „Ja. Ich will einmal mit Dir dahinfliegen — je toller, desto besser. Hansi, wir haben seit Jahren nicht zusammen getanzt." „Das kommt noch Alles wieder," tröstete er, ohne seine Frau anzusehen. Die forzchenden Blicke durchmusterten den Saal und beinahe ungeduldig wandte er den Kopf, als sie leise flüsternd seinen Namen nannte. „Hansi!" „Nun?" fragte er. Sie kämpfte mit Thränen. „Sieh' alle diese Frauen und Mädchen an, Hansi! Sie sind gesund und den Ihrigen eine Freude — nur ich bin immer krank, Dir so recht eine Last, eine drückende Bürde- Hast Du mich trotzdem noch ein klein wenig lieb, Hansi?" Er lachte. „Aber Cilli, jetzt eine solche Frage! Natürlich habe ich Dich lieb, Du thörichte kleine Maus Nachher in der Ecke bekommst Du einen Kuß. So, bist Du jetzt zufrieden, Liebste?" Aber selbst während dieser Rede suchten seine Augen im Saale herum; er ließ auch der jungen Frau keine Zeit, ihm zu antworten. „Sieh' da, Frau Consul Bürklin! — Ah, eine superbe Toilette!" „Tanze zuerst mit ihr, Hansi!" „Das will ich auch!" Durch den Saal rauschte eine Dame, deren Schönheit Aller Blicke auf sich zog. So mochten vor zwei Jahrhunderten in Deutschland die Königinnen bei festlichen Gelegenheiten erschienen sein, ganz in Purpur und Weiß, mit Puffen und weitbauschigen Falten überall, mit einer Coiffure aus Straußenfedern und Perlenschnüren, langwallend die Schleppe und von Silber die Kelten am zierlichen Täschchen. Ein Flüstern entstand ringsumher, halb Bewunderung verrathend, halb bitteren Neid. Wahrlich, eine Königin war die schöne, reizende Frau. Schwarzes Haar und schwarze Augen, klein und zierlich die Figur, eine Hand, wie die eines zwölfjährigen Mävchens, ein Lächeln voll Geist und Anmuth zugleich, so präsentirte sich die junge Wittwe, der alle Männerherzen entgegenflogen. Frau Bürklin war auf Moldt schon einige Male gewesen; sie und die Baronin begrüßten sich wie alte Bekannte und dann kam der erste Tanz, bei dem der Schloßherr mit der schönen Königin durch den Saal flog. Nur die Hälfte der anwesenden Paare tanzte zugleich; — 7 — die Uebrigen standen in langer Reihe bei einander. Hans Adam sah wie trunken in die Augen seiner Dame. „Wer jetzt Flügel hätte!" raunte er, nur ihr verständlich. „Und eine Tarnkappe — ach!" „So schlecht gefällt es Ihnen an meiner Seite, Herr Baron?" Sein Arm umschlang sie fester. „Als hätten Sie mich nicht verstanden!" gab er in unsicherem Tone zurück. „Ich verstehe Sie je länger desto weniger, Herr Baron!" Das klang beinahe scharf, aber es entmutigte ihn nicht. „Möglich", antwortete er. „Auf einem andern Sterne, in einer Welt, wo es weniger Gesetzesparagraphen und nicht so viele moralische Anwandlungen gibt, würde ich vielleicht in dieser Beziehung mehr Glück haben." „Sie treiben also jetzt Astronomie?" „Ja, gnädige Frau. Es sind zwei schwarze Sterne, die ich studire!" Anna lachte. „Hüten Sie sich vor falschen Schlüffen, Herr Baron- Ein einziger Jrrthum verwirrt das ganze Exempel. — Aber jetzt sind wir an der Reihe," setzte sie dann rasch hinzu. Hinter diesen Beiden tanzten Erich und Ruth. „Herr Wolfram", sagte halblaut das junge Mädchen, „wissen Sie nicht einen Ort, an dem Schätze verborgen liegen? Kennen Sie keinen Zaubervers, der den Zwergen gebietet, uns über Nacht Gold und Edelsteine auf den Herd zu legen? Ich könnte solch' ein braunes Koboldvölkchen so gut gebrauchen." Ein behagliches Lächeln trennte Erichs Lippen. „Wirklich, Fräulein Aßmann?" sagte er. „Und darf man fragen, wozu die ersehnten Schätze denn eigentlich verwendet werden sollten?" Ruth seufzte. „Hans Adam hat Sorgen!" flüsterte sie. „Sehen Sie nur, wie blaß er ist." „Ach! — Deswegen!" „Nur für ihn. Was dachten Sie sonst?" „Nichts! Nichts! Schade, daß die Zwergbekanntschaften fehlen!" „Das weiß man doch nicht gewiß. Leben keine in den Mauern von Dornau, Herr Wolfram?" Ihm schlug das Herz in der Kehle. Es war unmöglich, das Bedeutsame des Tones geflissentlich zu überhören; er mußte antworten. „Keine, gnädiges Fräulein!" „Schade!" brach sie aus. „Ich hatte mir das Alles so schön zurecht gelegt. Hans Adam sollte nicht mehr heimlich seufzen." Er wandte sich ab- Erschien da vor den Blicken seines Geistes ein Gespenst, das er schon häufig zu sehen glaubte und dessen Existenz er in ruhigen Augenblicken doch für undenkbar hielt? „Wir sind an der Reihe, Herr Wolfram!" Die Paare wogten und wirbelten durcheinander; es waren weit über hundert Personen zugegen. Man nahm die gebotenen Erfrischungen am Buffet stehend ober sitzend, wie es gerade kam, in größeren oder kleineren Gruppen, allein und zu zweien, je nachdem. Dann befahl der Baron einen Schnellwalzer, er streckte seiner jungen Frau beide Hände entgegen, und wenn er sie jetzt zärtlich ansah, so war das keineswegs erkünstelt. Er trieb gern mit der Welle und haßte nichts so sehr, wie große Aufregungen. „Komm, Maus!" Sie zitterte am ganzen Körper, aber sie erhob sich doch und flog wie einst vor Jahren mit Dem, den sie liebte, in Windeseile dahin. „Schneller! Noch schneller, Hansi! Das ist für's ganze Leben zum letzten Male!" „Thorheit, CM- Es geht ja prächtig!" Er fühlte, daß sie schwer in seinen Armen lag, er trug ste fast völlig, aber doch konnte er es nicht über sich gewinnen, sie zu warnen. Arme kleine Maus! — Sie war ein so gutes, liebevolles Geschöpf; einmal in einem unbewachten Augenblick küßte er sie. „Wie hübsch Du bist, Cilli! — Eine wahre kleine Schönheit!" „Liebst Du mich, Hansi? — Ich bin eifersüchtig auf Alle, die Dich nur ansehen, die ein Wort von Dir erhalten. Du gehörst mir allein." Und er lachte sorglos. Hans Adam dachte nur, wenn er gerade große Pläne schmiedete, über die gegenwärtige Stunde hinaus. „Baronin!" warnte die leise Stimme der Gesellschafterin- „Baronin! Um GotteswillenI" Cäcilie winkte abwehrend. „Lasten Sie mich, Adele! Ich will jetzt nichts hören!" Wieder drehten sich die Paare; minutenlang klopfte das Herz der jungen Frau in ungestümer Seligkeit. „Man kann Alles, was man will!" hatte Hans Adam gesagt. Alles?-- Diese seltsame Hitze in der Brust, dieser Mangel an Luft, sie trug es doch kaum. Ihre Augen waren geschlossen. „Hansi — ich ersticke!" „Wir wollen aushören, Schatz." Eine schnelle Wendung brachte ihn und sie au» der Reihe der Tanzenden. Ihr Kopf lag an seiner Brust, der Äthern keuchte, die Hände griffen krampfhaft nach einem Stützpunkt. „Rufs Adele, Hansi!" Die Gesellschafterin stand schon neben ihr. Dies Mädchen mit dem verschloffenen Wesen und dem unhörbaren Schritt schien Alles zu sehen, an allen Punkten zugleich sein zu können- Der Baron athmete auf, als er sie bemerkte. „Fräulein Malten! — Was wären wir ohne Ihre unermüdliche Sorgfalt? Wahrhaftig, ich bin Ihnen lebhaft verbunden." (Fortsetzung folgt) Krankenöesuche. Frau N. hat eine schwere Halsentzündung und liegt fiebernd im Bett Der Arzt hat Ruhe anbefohlen und der Patientin das Sprechen verboten. Herr N-, welchen seine Pflichten in's Bureau rufen, hat dem Dienstmädchen streng angefagt, jeden Besuch abzuweisen, um unnütze Störung zu vermeiden. Lautes Klingeln und darauf folgendes barsches Reden schreckt Fran N. aus leichtem Schlummer. Bald wird die Thür zur Schlafstube aufgeriffen und Frau B„ die Nachbarin, tritt ein, hochroth und mit allen Zeichen der Erregung. „Solch' keckes, junges Ding will mir die Thür weifen. Sie fürchtet wahrscheinlich, daß ich komme, um nach dem Rechten zu sehen- Ja, ja, so ein Mädchen hat gar kein Gefühl und läßt den Kranken verkommen. — Aber sagen Sie, meine liebe Frau N-, sind Sie schon lange krank? Heut' Vormittag sah ich den Wagen des Doctors X. vorfahren und da eilte ich sofort an's Treppengeländer. Mein Schrecken, als ich den Arzt bei Ihnen klingeln hörte! Ich tief sofort zu Frau A. hinüber, um mich zu erholen. War Frau A. noch nicht bei Ihnen? So, so, das begreife ich nicht. Es ist doch Pflicht, sich um feinen Nächsten zu bekümmern. Aber wo thut's denn weh? Im Halse? Das ist schlimm, sehr schlimm- Was hat denn der Arzt verordnet? So, so. Da weiß ich etwas viel Besserer. Meine Kinder leiden oft am Halse und ich nehme nie einen Arzt- Hausmittel sind am besten. Die ganze Medicin taugt nichts. Leiden Sie denn öfters daran? Thut das Sprechen weh, wirklich weh?" Nicht einen Augenblick ruht der Mund von Frau B., sie erzählt und fragt in einem Zuge. Noch einmal ertönt die Klingel. Aber das Dienstmävcheu scheint den Widerstand gegen den Besuch aufgegeben zu haben. „Entschuldigen Sie nur, meine verehrte Frau N, daß ich mich erst jetzt nach Ihrem Befinden erkundige," tritt Frau A. lebhaft und liebenswürdig wie immer ein. „Ah, meine gute Frau B-, da sind Sie ja auch." „Selbstverständlich," betont Frau B. in empfindlichem Tone, „mich findet man nicht bei Freud, sondern bei Leid." „Gewiß, gewiß, Sie sind ja durch ihre liebevolle Theil- nahme bekannt," bemüht sich Frau A- die Beleidigte zu versöhnen- 8 ..Nächstenpflicht, nichts als Nächstenpflicht," wehrt Frau B. I Würfle von Nehlebertt. Die Lebern werden mit „Ich werde doch die Kranke nicht der Pflege eines Dienst- frischem Speck, etwa 180 Gramm auf Ve Kilo Leber, sehr fein Mädchens überlassen. So eine freut sich noch, wenn die Haus- gehackt. Man fügt dieser Portion etwas klein geschnittenen frau krank ist und sie machen kann, was sie will." Thymian und Basilikum, etwas gestoßenen Pfeffer, Gewürz- „Ja, ja, die Dienstmädchen!" pflichtete Frau A. höflichst bei. netten, Muskatnuß und Salz, die kleingehackte Schale einer „Sie können sich gar keine Vorstellung machen," eifert Citrone, ein Paar gehackte Schalotten oder Trüffeln, ein Paar Frau B., „wieviel Butter mein Mädchen gebraucht hat, als gestoßene Wachholderbeeren und ein wenig geriebenes, mit Rahm ich vorigen Winter acht Tage im Bett liegen mußte. Und oder weißem Wein angefeuchtetes Weißbrod hinzu, mengt Alles meine Vorrathskammer erst! Total geplündert, sage ich, als wohl untereinander, füllt die Masse nicht zu fest in Schweins- ob die ganze Kaserne dort einquartiert gewesen wäre." därme und brät sie langsam in Butter oder, mit Butter be- „Der arme Herr N. thut mir auch von Herzen leid," strichen, auf dem Roste. fühlt sich die liebenswürdige FrauA. zu jammern verpflichtet. ~ m t . „Für den ist es am schlimmsten," erregt sich Frau B. Rizinusöl als Schmiermittel. Kastor- oder Rizinus- „Keine Ruhe und Ordnung, wenn er abgearbeitet nach Hause Oel ist nicht nur ein vortreffliches Mittel, Schuhe und Riemen kommt. Große Ausgaben, schlechtes Effen." weich zu erhalten, sondern auch ein gutes Schmiermittel für „Selbstversiändlich, ohne Hausfrau leidet die Wirtschaft," alle äußeren Theile der Maschinen und übertrifft in dieser lächelt Frau A. zustimmend. „Alles geht drunter und drüber." Hinsicht alle anderen Oele. Die italienische Marineverwaltung „Und wenn dann noch ein Mädchen unehrlich ist," zischelt hat darum angeordnet, daß alle sich reibenden Maschinentheile, Frau B. geheimnißvoll. „Ich will gar nichts sagen, aber — wie Lager, Zapfen re-, nur mit Rizinusöl geschmiert werden das Dienstmädchen von Frau N- schien sehr verlegen, als ich sollen. kam. Sie bekam einen rothen Kopf und wurde zuletzt keck- * * * Auch hatte sie ein großes Packet in der Hand, welches sie zu Die arbeitsreiche Zeit, die dem lieben Weihnachtsverbergen bemüht schien. Na, ich sage gar nichts." feste voranging, ist vorüber, uns Mutter und Tochter, die bis- Frau N. liegt schwer athmend in den Kiffen- Sie hat her emsig beschäftigt waren, sehnen sich darnach, die langen bis jetzt nur an ihre Schmerzen gedacht, aber nun? Hundert Winterabende mit einem angenehmen Lesestoffe auszufüllen. Ein Schreckbilder steigen vor ihren erregten, fiebernden Sinnen auf: solcher Lesestoff, der sowohl unterhaltend als belehrend auf den ihr armer Mann, der durch ihre Krankheit leiden muß, ihre Geist der ganzen Familie einwirkt, ist bei einem Blatte zu vernachlässigte Wirthschaft, und dann: Warum bekümmert sich finden, das sich einer großen, allgemeinen Beliebtheit erfreut, eigentlich das Dienstmädchen um gar nichts! Es war ihr doch Es ist dies die practische zu Berlin, früher zu Dresden erschei» angesagt worden, das Gurgelwasser für die Kranke zurecht zu nende Wochenschrift „Fürs Haus", deren Bekanntschaft allen machen- Ist es das böse Gewiffen, welches sie zurückhält? Hausfrauen und Haustöchtern, welche ihre Kenntnisse auf dem Hat sie vorhin wirklich etwas verstecken wollen? Frau N. Gebiete des Hauswesens gern erweitern möchten, warm zu übersieht in ihrer Erregung, daß das junge Mädchen zu ver- empfehlen ist. Jede Nummer ist überaus reich an wirthschaft- legen ist und daß es sich stets vor der als bös bekannten Frau lichen Rathschlägen aller Art. Als Gratis-Äeilagen werden B. gefürchtet hat. Immer lebhafter wird das Gespräch der abwechselnd veröffentlicht eine „Mode-", eine „Handarbeits- Nachbarinnen. An allen möglichen Beispielen werden die Beilage" und eine Beilage „Fürs kleine Volk". „Fürs Haus", Worte bewiesen- Frau N. hat längst das Einnehmen der welches mit dem 1. Januar fein zweites Quartal beginnt, kostet Medicin und das Gurgelwaffer vergessen. Ihr schmerzender vierteljährlich nur 1 Mark und ist durch alle Buchhandlungen Kopf martert sie mit so schlimmen Gedanken. Auch dieser und Postanstalten zu beziehen. Probenummern werden von der Nachmittag geht zu Ende und die Nachbarinnen müssen trotz Geschästsstelle zu Berlin SW. kostenlos versandt. „besten Willens" die Patientin allein lassen, versprechen aber, --— den Besuch recht bald zu wiederholen, um die liebe, kleine Frau (Häurl. Rathg.) N. ein wenig zu zerstreuen. Bureaustyl. In einer Gemeindewaldung wäre durch Unvorsichtigkeit von Kindern beinahe ein Waldbrand entstanden. Der betreffende Bürgermeister, welcher die hierüber aufgenom- GmMeinnütziges. Gefrorene Aepfel sind jetzt keine Seltenheit. Man menen Verhandlungen an das Bezirksamt zu senden hatte, ver- bringt dieselben zum Aufthauen in kaltes Salzwasser und zwar sah dieselben mit folgender Rubrik: „Acten, beinahe einen nimmt man auf 1 Liter Wasser 80 Gramm oder 4 Eßlöffel Waldbrand betreffend/' * * Kochsalz, das man unter Umrühren zum Lösen bringt. In L ~, , „ * t dieses Wasser bringt man die Aepfel und stellt Alles in ein Aus der Schule. Lehrer: „KenntIhr mrr noch andere ♦ mäßig warmes Zimmer. Drückt man nach einiger Zeit die Löschapparate außer der Feuerspritze nennen?" — Fritz: „Das Aepfel sanft und geben sie hierbei nach, so sind sie aufgethaut. Löschpapier!" Die mit kaltem Wasser (ohne Salz) gewaschenen und mit einem * * * trockenen Tuche abgeriebenen Aepfel schält man nun und ver- AufdemKasernenhof. Unteroffizier: „Kerls, wenn wendet sie möglichst bald zu Speisen, Mus u s. w. ich vor einem Wassergraben Halt! rufe, müßt Ihr stehen * * * bleiben — nicht weil der Graben da ist, sondern weil ich Kartoffelkrapfen. Aus 250 Gramm Mehl, etwas Halt! gerufen habe!" lauer Milch und 15 Gramm Hefe bereitet man ein Dampfe! * * * (Hefenstück) und läßt es gehen. Wenn es hoch genug gestiegen Student: „Sie, welche Zeit ist es?" — Pfandleiher: ist, fügt man 250 Gramm geriebene Kartoffel, zwei ganze „Was, solcher Lappalie wegen wecken Sie mich mitten in der Eier und 30 Gramm zerlassene Butter dazu und bereitet einen Nacht?" — Student: „Na ja, Sie haben doch meine Uhr!" festen Germteig, den man nach Geschmack salzt und zuckert. * * * Mit Hilfe eines Eßlöffels werden runde Krapfen aus dem Teig Ein musterhaftes Teleskop. Als Muster einer geformt, auf ein mit Mehl bestaubtes Brett gelegt und mit modernen Reclame theilt ein Leipziger Blatt die nachstehende einem Tuche zugedeckt. Sind sie nochmals gegangen, so bäckt Anzeige mit: „Die von mir angefertigten Teleskope bringen man sie in heißem Schmalz gar. Sie haben das Aussehen selbst eine Fliege, die eine halbe Meile entfernt ist, so nahe, von Faschingskrapfen. daß man sie brummen hören kann." Nedaction: A. Schepda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.