Nr. 130. 1893. ^D- -$xS>—W- --^s----i^zd-'s---■+—^9—h.----gf^j NntevhaltunKsblatt zrnn Giehensv Anzeigev (Geneval-Anzeigev) _ . .. . ' V-;jr K^S LA^EMW EsMANM Samstag, den 4. November. Herzenskämpfe. . Roman von Theodor Schmidt. -----7- (Nachdruck verboten.) Erstes Capitel. Es war an einem warmen Junitage. Draußen über den Wäldern von Bergsdorf ruhte die ganze Pracht eines schönen Sommers; die goldenen Sonnenstrahlen berührten fast zärtlich die Gipfel der hohen Bäume; die Wiesenblumen ver» breiteten einen köstlichen Duft; die Vögel ließen ihr munteres Lied erschallen und die geschäftigen Bienen schwirrten von Blume zu Blume und sammelten süßen Honig ein. Im Schatten der Wälder herrschte tiefe Stille, die nur durch das muntere Plätschern des kleinen Baches und das schwache Rauschen des Laubes unterbrochen wurde. Es war ein Sommerabend, wie die Poeten ihn besingen, voll Pracht, Dust und Harmonie, während sich drinnen in einem einfachen Häuschen von Bergsdorf eine Scene tiefsten menschlichen Kummers abspielte. Vergebens schauten die Rosen und Jasminblüthen zu den goldglänzenden Fenstern herein und neigten wie theilneh- mend ihre Köpfe; vergebens suchte der Duft von Schwarzdorn und frischgemähtem Heu, von einem sanften Zephyr getragen, einzudringen, vergebens sangen die Vögel und blühten die Blumen, vergebens schienen die süßen Stimmen der Natur von Liebe und Hoffnung zu flüstern, Alles, Alles war umsonst, denn da drinnen brach ein Menschenherz von Kummer und Weh. Es war ein kleines, nur ärmlich ausgestattetes Zimmer, ohne Teppich, ohne Bücher, ohne Bilder, ohne jegliches Behagen — Alles sprach von kalter, trauriger Armuth. Auf einem rohen Holzschemel mitten im Zimmer saß eine vornehme Dame, reich in Sammet und schwere Seide gehüllt, eine Dame in der Blüthe ihrer Jahre, von stolzer, schlanker Gestalt und regelmäßigen, edlen Zügen, die deutlich die Spuren vergangener Leiden trugen. Die Dame war die Gräfin von Scherwiz. Sie war nicht schön zu nennen, aber in dem Ausdruck ihrer klaren Augen und dem Lächeln, das hin und wieder ihre Lippen umspielte, lag ein eigenthümlicher Reiz. Wenn je Stürme der Leidenschaft diese ruhigen Züge bewegt hatten, so war jetzt sicher nichts mehr davon zu bemerken; wenn je Spott, Haß oder Liebe in diesem Herzen gewohnt hatten, so waren sie jetzt todt. Welchen Gegensatz zu dieser leidenschaftslosen Dame bildete die schöne Frau, die auf dem Fußboden kniete und die weißen, zarten Finger eines kleinen Kindes mit heißen, bitteren Thränen netzte. Eine dichte Maffe goldblonden Haares hing ihr wirr und unordentlich über die Schultern herab, und ihr Gesich war trotz der tiefen Bläffe und bitteren Thränen wunderbar schön; trotz dem Liebreiz ihrer Züge, trotz der anmuthigen Würde, die sich in einer jeden ihrer Bewegungen kund that, war die junge Frau Magdalene Horst doch nur ein einfaches Landmädchen gewesen. Tief traurig und leidenschaftlich küßte sie die kleinen Händchen, küßte sie das Kind mit der Wärme innigster Liebe, mit der Leidenschaft wilder Verzweiflung. „Meine kleine Martha," rief sie, „schau' mich an, daß ich Dein süßes Bild in meinem Herzen tragen kann; o, steh' mich an, mein Liebling!" Die Kleine richtete ihre großen Augen verwundert auf das bleiche, bekümmerte Gesicht. Wie ähnlich sahen sich Mutter und Kindl Beide hatten dieselben schönen, veilchenblauen Augen, dasselbe goldblonde Haar, dieselben zarten, feingeschnittenen Züge, dieselbe weiße Stirn und dieselben rothen, leicht herabgezogenen Lippen- „Fast bedauere ich, gekommen zu sein," sagte die Gräfin. „Ich mußte Martha noch einmal sehen," erwiderte die Knieende mit flehendem Blick, „o, Sie können nicht wtffen, wie einem Menschen zu Muthe ist, dem das Herz in Stücke zerreißen will, wie mir! Ich muß wählen zwischen Mann und Kind; er ist in Kummer, in Roth und Elend —'sie findet eine Heimath und eine Mutter; — ich muß zu ihm, er bedarf meiner am meisten; und doch wäre der Tod mir minder bitter, als mein Kind verlassen zu müssen." „Und doch ist es wohl das Beste," entgegnete die Gräfin, „das Kind wird bei mir Alles haben, was es glücklich machen kann." „O, das weiß ich," schluchzte die Frau, „das weiß ich, sonst würde ich sie nicht verlassen. Aber wie werde ich mich nach dem Kinde sehnen, wenn seine Aermchen mich nicht mehr umschlingen, wenn seine warmen, weichen Lippen mich nicht mehr küssen. Wie soll ich leben, ohne feine süße Stimme zu hören!" „Ich lasse Ihnen freie Wahl," antwortete die Gräfin ruhig, „noch ist es Zeit, Ihren Entschluß zu ändern." „Quälen Sie mich nicht länger, Frau Gräfin," stöhnte die unglückliche Mutter, „Sie wissen, daß ich zu meinem Manne muß. Können Sie denn nicht begreifen, was es heißt, vielleicht zum letzten Mal in diesem Leben sein eigenes Kind zu sehen?" Für eine kurze Minute zitterte es wie tiefer Schmerz über das ruhige Antlitz der Gräfin. „Ich begreife es wohl," erwiderte sie sanft, „darum habe ich das Kind hergebracht; feien Sie versichert, daß ich es wie mein eigenes halten will." 518 Die Frau erwiderte nichts; ntit jeder Minute ward ihr Gesicht bleicher; dann nahm sie das Kind in die Arme und drückte es an sich, als könnte nur der Tod sie trennen. „Mein Kind, mein einzig geliebtes Kind!" schluchzte sie. „Wie gern hätte ich mein Leben für Dich hingegeben und nun soll ich Dich zum letzten Mal sehen! O, Gräfin, seien Sie barmherzig! Sagen Sie, daß sie wieder mein sein soll, wen« ich zurückkehre! Wie kann ich ohne sie leben? Wie kann ich sterben? Was soll ich meinem Gott droben antworten, wenn er mich nach meinem Kinde fragt?" „Martha findet in mir eine Mutter," sprach die Gräfin ruhig, aber entschieden, „es muß bei Dem bleiben, was ich gesagt habe und was Sie selbst für das Beste hielten. Wenn ich Ihre Tochter zu mir nehme und sie zu einer feinen, vornehmen Dame erziehe, wollen Sie sie doch sicher nicht dann später zu Ihrer niedrigen Sphäre herabziehen?" „Nein," versetzte die Frau, wie in tödtlichem Schrecken erschaudernd, „nein, alles Andere lieber als das." „Lasien Sie Ihr Kind so glücklich werden, wie es bei Ihnen nie werden kann! Um Ihrer Tochter willen, seien Sie ♦ muthig und ertragen Sie Ihr schweres Loos. Martha wird als meine Erbin zu einer feinen Dame heranwachsen, sie wird sich gut verheirathen und geehrt und geachtet sein. Und Sie könnten wünschen, daß sie das Alles aufgebe und vielleicht später in Armuth und Schande sinke?" „Aber mein Mann kann sich ja ändern, vielleicht fühlt er Reue und dann —" „An alles Andere glaube ich eher, als daß ein wirklich schlechter Mensch sich ändert," fiel die Gräfin ihr in's Wort. „Hier, Magdalene, ist das Geld. Sagen Sie, kann ich sonst noch etwas für Sie thun? Meinen Entschluß ändere ich nicht. Wenn ich Martha jetzt zu mir nehme, ist es für das ganze Leben und ich nehme Ihnen das heilige Versprechen ab, daß Sie Martha nie wieder suchen, nie wieder nach ihr fragen, daß Sie nie vergessen wollen, daß Sie sich zu des Kindes Heil von ihm getrennt haben, bis Sie sich in einer anderen Welt wiedersehen." Magdalene Horst drückte das Kind noch inniger an sich; zärtlich preßte sie ihre Lippen auf das kleine, süße Gesicht, auf die goldenen Locken und die rosigen Lippen. „Mein Liebling wird eine feine Dame werden und kostbare Kleider und Juwelen tragen," sagte sie dann geisterhaft, „sie wird reich und geehrt werden, aber mein Herz wird leer bleiben, sie wird mich nie kennen, nie lieben." Die Gräfin nahm Gold und Banknoten aus ihrer Börse und legte sie auf den Tisch. „Hier ist das Geld," sprach sie, „es wird dunkel; Sie möchten Martha nun Adieu sagen, wir müssen sort. Wenn Sie das Ziel Ihrer Reise erreicht haben, so schreiben Sie mir. Ich kann nur hoffen, daß Ihre Zukunft eine glücklichere werde, als Ihre Vergangenheit gewesen ist." Ein unterdrücktes Stöhnen rang sich von den bleichen Lippen der unglücklichen Mutter. Dann richtete sie sich auf und zog einen einfachen Goldreif vom Finger. „Frau Gräfin," sprach sie weich, „darf ich Martha diesen Ring geben? Wollen Sie erlauben, daß sie ihn trage?" Die Angeredete nahm den Ring und befestigte ihn mit eigener Hand an der kleinen Kette, die das Kind trug. „Ich verspreche Ihnen, daß sie den Ring immer tragen soll," sagte die Gräfin. „Ich will ihr ihn selbst an den Finger stecken, wenn sie alt genug ist." Es war ein glatter Goldreif mit der Inschrift „Treue". Hätte Magdalene Horst ahnen können, was es ihre Tochter einst kosten würde, diesen Ring zu tragen, sie hätte lieber ihr Leben auf's Spiel gesetzt, als ihn ihr zu geben. „Leben Sie wohl, Magdalene," sprach die Gräfin, „machen Sie sich um das Kind keine Sorge, es wird ihm gut gehen. Wir müssen fort, die Sonne geht schon unter." Noch einmal drückte die unglückliche Mutter ihr Kind fef: in die Arme; der Tod konnte nicht halb so bitter sein, wie dieser Moment, der ihr das Herz zerriß. „Martha," hauchte ste, „mein einzig geliebtes Kind! Ich soll Dich nie wiedersehen! Sage mir „Leb' wohl" und „Got segne Dich, Mutter"." Das Kind wiederholte die ihr vorgesprochenen Worte und schlang seine Aermchen um den Hals der Mutter. „Ich will bei Dir bleiben, Mutter," bat fie, „Dich habe ich am liebsien." c Einen Moment schien es, als könne die Mutter die Trennung nicht ertragen; noch einmal beugte sie sich über die Kleine und flüsterte ihr Worte der Liebe zu, welche die Gräfin nie vergaß. Bis zur letzten Secunde folgten ihre traurigen Augen der kleinen Gestalt, wie die Sonnenstrahlen auf dem lieblichen Gesicht und den goldenen Locken spielten, wie die Gräfin sie in die Arme nahm und ihre Thränen zu trocknen suchte. Mit einem gellenden Schrei, der durch die klare Sonnenluft drang, brach dann Magdalene Horst zusammen, und die Sonne beschien ihr wachsbleiches, ohnmächtiges Antlitz, während ihr Kind sanft in den Armen der Gräfin davon getragen wurde. Zweites Capitel. Fünf Jahre vor Anfang dieser Geschichte gab es weit und breit kein schöneres Mädchen, als Magdalene Bauer. Ihr Vater war Unterförster bei dem Grafen Elkens und ihre Mutter war Jungfer bei der Gräfin gewesen. Als sie heiratheten, zogen sie in das kleine Häuschen am Saume des Waldes von Bergsdorf. Sie, Magdalene, war ihr einziges Kind. An demselben Tage, wo sie geboren wurde, erblickte auch im Schloß ein Töchterchen das Licht der Welt, das Frau Bauer gemeinsam mit ihrem eigenen Kinde nährte. Als die junge Gräfin heranwuchs, bewahrte sie große Liebe zu ihrer Milchschwester. Die Gräsin Elkens erbot sich, Magdalene erziehen zu lassen, aber der Unterförster lehnte dieses großmüthige Anerbieten dankend ab- Seine Tochter, meinte er, solle zwar Lesen und Schreiben und die Wirthschast führen lernen, aber nicht zu einer vornehmen Dame erzogen werden. So blieb Magdalene arm und wenig gebildet. Doch trotzdem besaß sie eine Mitgift, um die manche Fürstin ste hätte beneiden können. Magdalene war von einer wunderbaren Schönheit, einer so edlen Schönheit, wie man sie in ihrem Stande nur selten findet; ihr Gesicht war anmuthig, edel und voller Poesie; in ihren veilchenblauen Augen lag Feuer und Leben, und ihre rosigen Lippen waren reizend in ihrem lieblichen Lächeln. Ganz verschieden von ihr war die junge Comtesse, ihre Milchschwester; dieselbe hatte zwar regelmäßige Züge und eine vornehme siolze Gesialt, doch kein Mensch hätte ste schön nennen können. Trotz ihrer verschiedenen Lebensstellung bestand aber ein großes Freundschaftsband zwischen den beiden Mädchen. Oft verließ die Comtesse ihr stolzes Heim und streifte mit der reizenden Tochter des Unterförsters in den Wäldern umher; und oft wurde Magdalene in das Schloß geladen. Aber ihr Vater wollte sie nie gern hingehen lassen. Hatte er vielleicht eine Ahnung von dem Schicksal, das seine schöne Tochter einst ereilen würde? Die junge Gräfin Leontine hatte viele Verehrer, ihr war aber nur an Einem gelegen und das war der junge Graf Scherwiz, der hübscheste, heiterste, flotteste junge Mann in der vornehmen Welt, der übermüthige Sohn eines stolzen Geschlechts. Die junge Gräfin gefiel ihm, und seine Freunde riethen ihm, er solle sie heirathen, denn sie war reich und er brauchte Geld. Bei seinen häufigen Besuchen in dem Grafenschloß führte er auch seinen Freund, den Maler Werner Horst, dort ein. Diesem lustigen, geistvollen Menschen aber war es zu ernst, zu ruhig im Schlosse und er streifte viel allein in Wäldern und Feldern umher, um sich Zerstreuung zu suchen. Als Horst eines Tages gemächlich eine gute Cigarre rauchend im Walde auf einem Baumstamm saß, sah er plötzlich ein Mädchen, schön wie eine überirdische Erscheinung, auf Ilch zukommen. Horst war ganz entzückt von dem Anblicke dieser Mädchens und beschloß, ihre Bekanntschaft zu machen. I Das Mädchen bemerkte ihn erst, als er sie ansprach. Bet 519 dem ersten Worte, das er an sie richtete, hob ste erstaunt die Augen zu ihm empor. Zuerst that er ein paar Fragen über den nächsten Weg nach dem Schlöffe und allmälig erfuhr er Magdalenens Namen und ihre einfache Lebensgeschichte. Von der Stunde an gewann die Gegend einen neuen Reiz für Werner Horst. Kein Tag verstrich, an dem er Magdalene nicht im Schatten der Waldbäume traf. Er tändelte in seiner Flatterhaftigkeit erst nur mit dem Mädchenherzen, wie so mancher Müßiggänger, dem es an ernster Beschäftigung fehlt, aber Magdalene lernte ihn mit der Liebe eines reinen, glücklichen Herzens lieben. Sie wähnte ihn für den besten unter den Männern; keiner schien ihr so schön, so gut, so edel; keine Stimme klang so sanft, fo melodisch; kein Geficht glich dem seinen! - Nie dachte sie an sich; nie fragte sie sich, ob es recht oder thörtcht sei, lange Stunden in dem lauschigen Walde zu verbringen und den süßen Worten zu lauschen. Arme Magdalene! Hätte ste Horst nur einmal sehen können, wie er wirklich war: leichtsinnig und launmhaft, ohne festen, starken Willen. Aber ach! Von alledem sah sie nichts; ein goldener, romantischer Schleier umhMe ihn, er war ihr Held, ihr Ritter! Und sie lernte ihn lieben, wie ein Mädchen nur einmal im Leben lieben kann. Wer konnte wissen, wie Magdalenens Liebe zu dem Maler geendet hätte? Aber eines Morgens, während der Thau noch auf Blatt und Blüthen lag, traf Magdalene den Geliebten und sie gingen eine Weile auf und ab, alles Andere vergessend, nur an sich und ihr eigenes Glück denkend, als der Unterförster plötzlich im grimmen Zorn vor ihnen stand. „So also steht es!" sprach der strenge Förster langsam mit großem Nachdruck. „Ich habe immer gesagt, daß große Schönheit ein Fluch ist. Geh' heim, Magdalene, Dem Geliebter bleibt hier. Doch halt, ich will mich nicht übereilen. Ist er Dein Geliebter? Gibt er vor, Dich zu lieben?" „Er liebt mich," erwiderte Magdalene stolz, „und — o, Vater, zürne mir nicht — auch ich liebe ihn innig." Sie sprach muthig, obwohl ihre Stimme vor Angst zitterte. „Ich zürne Dir nicht, Kind," sagte der Vater mild, „geh' nach Hause, ich werde die Sache mit ihm abmachen." „Du wirst ihm nichts zu Leide thun, Vater?" bat Magdalene. „Kein Haar seiner kunstvollen Frisur soll ihm gekrümmt werden," antwortete der Förster mit bitterem Spott, „überlaß ^Als Magdalene sie verlassen, standen die beiden Männer einander finster gegenüber. Werner Horst war im Grunde ein Feigling und der Anblick der sehnigen Hände des Försters, die vor Aufregung zitterten, erfüllte ihn mit Unbehagen. „Lieber Freund," hob Horst dann mit kecker Drerstigkeit an, „spielen Ste nicht den zürnenden Vater. Dergleichen habe ich so oft im Theater gesehen, daß ich dessen müde bin." . „Ich werde Ihnen etwas sagen, das Sie nie im Theater hörten," versetzte der Förster. „Haben Sie schon einmal einen Vater gesehen, der den Geliebten seiner Tochter wie einen bösen Hund prügelte, wenn er dieser Gerechtigkeit widerfahren ließ?" Die zornigen Augen des Försters glühten und feine leise, zischende Stimme machte Werner Horsts feiges Herz erzittern. „Verstehen wir uns recht," sagte er hastig; „Ihre Tochter ist ein schönes Mädchen, schön und gut wie ein Engel; nicht um mein Leben zu retten, würde ich auch nur ein unlauteres Wort über sie äußern." Bei diesen Worten besänftigten sich des Försters Züge. „Antworten Sie mir — ich will die Wahrheit wissen, haben Sie in meinem Kinde Liebe zu Ihnen erweckt?" „Sie liebt mich," erwiderte Werner ruhig. „So hören Sie mich an," sprach der Förster, „Sie sind ein feiner Herr — vermuthlich einer vom Schlosse droben; und meine Tochter ist arm; aber Sie haben ihr gelehrt, Sie zu lieben, und wenn Sie sie nicht heirathen und glücklich machen, so sollen Sie von mir hören, und wenn ich Ihnen bis an das Ende der Welt folgen sollte — das vergessen Sie nicht; ich fabe es gesagt und habe mein Wort noch niemals gebrochen. Jetzt thun Sie, was Ihnen beliebt." Damit wandte er sich um und ging seines Weges. Werner Horst schaute ihm mit finster zusammengezogener Stirn nach. „Das heißt seine Spaziergänge in diesen schönen Wäldern theuer bezahlen," brummte er zwischen den Zähnen. „Was bleibt mir Anderes Per, als das Mädchen zu heirathen? Oder ch laufe Gefahr, mich von diesem Menschen todtschlagen zu lassen. Sie ifi schön, und ich habe ste wirklich lieber, als rgend Jemand auf der Welt. Ich will allen Ernstes ver« uchen, mit ihr glücklich zu werden." Das war der Mann, den Magdalene liebte und vergötterte. Was vor sich ging, als Werner Horst in dem Haufe des Försters vorsprach, hat nie Jemand erfahren. Als aber Graf Scherwiz hörte, daß fein flotter Freund das schöne Mädchen seirathen wolle, da rieth er der Comtesse, ihren ganzen Ein- luß geltend zu machen, um diese Heirath zu verhindern, denn )er Graf kannte den wankelmüthigen Maler. „Das junge Mädchen soll sich lieber einen rechtschaffenen langen Mann aus ihrem Stande nehmen," sagte er, „wenn ie Werner Horst hetrathet, wird ste sür ihr ganzes Leben un- glücklich." Aber sowohl die Vorstellungen der jungen Comteffe rote auch ihrer Eltern blieben erfolglos. Wann hätte auch die Liebe der Vernunft je Gehör geschenkt? — Bevor der Sommer zu Ende, war die schöne, einfache Magdalene Bauer Werner Horsts Frau geworden. Drittes Capitel. Werner Horst liebte seine schöne junge Frau so sehr, wie er überhaupt zu lieben fähig war, während sie ihm eine wahrhaft edle Liebe entgegenbrachte und ste lebten einige Monate sehr glücklich. Aber das junge Paar sollte bald aus ihrem glücklichen Traum erwachen. Es währte nicht lange, so entdeckte Magdalene, daß ihr Mann kein anderes Einkommen mehr hatte, als was Spielen und Wetten ihm eintrug. Denn obwohl er ein Sohn reicher, bereits todter Eltern war, so hatte er doch bereits vor seiner Verheiratung den größten Theil seines Vermögens vergeudet und den Rest hatten die Ausstattung Magdalenens und kostspielige Reisen verschlungen. Das bekümmerte die junge Frau tief. Sie beschwor ihren Gatten, sich seiner Kunst zu widmen oder irgend einen ehrlichen Erwerbszweig zu suchen; sie erbot sich, für ihn zu arbeiten, aber er lachte nur über ihre Ideen und meinte, sobald er es ermöglichen könnte, würde er in feiner Wohnung ein Spielhaus errichten. Ball) erreichte er auch diese Absicht und da begann Magdalenens wirkliche Qual. Wie sie da in der schmalen Straße in dem düsteren Hause saß und nichts hörte, als das Klappern der Würfel, das Fallen der Karten und heftige Worte der aufgeregten Spieler, da träumte sie von der Heimath, die sie verlassen, von dem Abendhimmel mit seinen glitzernden Sternen, von dem Nachtwind, der in den Bäumen rauscht; von bett Blumen und Vögeln und dock kleinen, sanft dahinrauschenden Bach. Aber ihre Liebe zu dem Gatten erlosch nicht. Trotz allem Ungemach gab sie die Hoffnung nicht auf, daß sich doch mit ihm noch Alles zum Guten wenden möge. Doch noch Schum- » meres stand ihr bevor. Plötzlich schien Werner Horst sem Glück beim Spiel verlassen zu haben. Er konnte keine Karte anrühren, ohne zu verlieren; das machte ihn mißmuthig und reizbar, schließlich ergriff ihn die Verzweiflung und in einer schlimmen Stunde saL er gänzlich. Er fälschte den Namen eines jungen Mannes, der häufig in seinem Hause gespielt hatte, die Fälschung gelang und trug ihm eine bedeutende Summe ein- aber wie so oft, folgte auch hier die Entdeckung dem Be- trüge auf dem Fuße. Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und verurtheilt. (Fortsetzung folgt.) S 520 S Oemnifchtes Herr (am Stammtisch er« komme ich von der Jagd mit Comptoir, wo gerade der Buch- Fensterschmuck. * Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen, Ein rostiges Bügeleisen wieder in Ordnnng zu bringen. Man bestreicht dasselbe an allen Stellen mit Petroleum, stellt es eine Weile hin, scheuert es tüchtig mit Seife und nassem Sande und wäscht es ab. Kaltstüsfiges Baumwachs bereitet man sich auf folgende Weise: 1 Theil Wachs, 2 Theile Harz, V2 Theil dicken Terpentin und V< Theil Fett werden auf dem Feuer flüssig gemacht und unter stetem Umrühren gehörig vermischt. und überall, wo es feucht ist, auf. Sie benagen die Speisen, ja sogar auch Wollstoffe. Zur Tilgung derselben stellt man Abends enghalflge Gläser, in die man etwas Zucker thut, in die Nähe des Aufenthaltsortes. ♦ ♦ • Waschbare Gypsfiguren. Um Gypsabgüffe zu Härten und abwaschbar zu machen, werden dieselben mit einer Lösung von Ammonium-Triborat in Waffer bepinselt oder getränkt. Die Gegenstände erhalten dadurch das Ansehen von Abgüssen aus Elfenbeinmaffe und laffen sich nach Belieben auf nassem Wege reinigen. Das Verfahren wird von der Firma Rheinische Gypsindustrie in Heidelberg in den Verkehr gebracht. Fischchen aus Wohuräumeu zu entfernen. Die Fischchen halten sich gern in den Ritzen der Fensterbretter Der große Dumas. Der bekannte Chemiker Dumas nahm es immer sehr übel, wenn man ihm mit seinem Namensvetter, den Romanschriftsteller, verwechselte. Eines Tages empfing er den Besuch einer englischen Dame, die ihm begeisterte Lobsprüche über seine Werke spendete, namentlich den „Grafen von Monte Christo" und die „Drei Musketiere. Mit einer Kühle, durch die etwas wie Verachtung durch« schimmerte, bemerkte ihr der Chemiker, er stehe in gar keiner Beziehung zu dem Manne, der jene Werke geschrieben habe. — „Wie schade!" rief die Dame enttäuscht, „ich habe Sie für den großen Dumas gehalten!" ♦ * ♦ Kathederblüthe. Lehrer: „Wenn Sie etwa denken, daß Sie mir hinter meinem Rücken auf der Nafe herumtanzen können, so täuschen Sie sich!" viel Böcke darin waren." * G'rad heraus. „Gnädige Frau, Ihr Fräulein Tochter hat mich empfindlich beleidigt; sie hat mich einen eitlen Gecken genannt!" sagte ein anmaßender Herr zu einer ältlichen Dame. — „Ach, das dürfen Sie nicht fo übel nehmen, Baron," antwortete diese verlegen, „sie ist halt noch etwas — g'rad heraus!" Selbsterkenntniß. Assessor: „Aber Du bist dick geworden! Du solltest trachten, das faule Fleisch wieder los zu werden." — Bemoostes Haupt: „Aber lieber Junge, da würde ja rein nichts mehr von mir übrig bleiben!" * ♦ * In der Markthalle. Hausfrau: „Warum sind denn in letzter Zeit die Kartoffeln so voll Sand?" — Händlerin: „Weil wir fie jetzt nach dem Gewicht verkaufen müssen." Essiggurken vor Schimmel zu bewahren. Um das Anlaufen und Schimmeln der eingemachten Gurken zu j verhüten, wende man folgendes einfache Mittel an: Man legt zu den Gurken ein Säckchen mit schwarzem Senf etwa 30 Gramm, und man wird finden, daß die Essiggurken von jedem Schimmel befreit bleiben. ♦ Wirsing kann man den Winter über stehen lassen, wenn man 1. die Köpfe abschneidet, 2. den Boden ringsum auflockert und von Unkraut säubert, 3. den Boden gegen die Stöcke rings hoch anhäufelt. Man hat dann gleich im Früh« I jahr, wenn sie austreiben, ein beliebtes Gemüse. * * * Das Aufblühen von getriebenen Hyaeinthen und anderen Blumenzwiebeln zu befördern. Wenn man zu befürchten hat, daß solche Zwiebeln in der Blüthe stecken bleiben, ein Fall, der nicht ganz selten eintritt, so empfiehlt es sich, sobald die Zwiebeln aufgestellt sind, folgende Mischung zum Begießen anzuwenden: In einem Liter Regen-, Flußoder gekochten Wassers löst man 80 Gramm Salpeter, 10 Gramm Kochsalz und 10 Gramm Pottasche auf Von dieser Lösung setzt man von Zeit zu Zeit ein bis zwei Kaffeelöffel voll dem Waffer zu, das man in die Untersätze der Töpfe gießt. Dieses Mittel läßt sich auch bei anderen Pflanzen, die getrieben oder in ihrer Entwickelung gefördert werden sollen, mit Vortheil in Anwendung bringen. ♦ * ♦ Crysanthemum. Diese in der Neuzeit mit Recht sehr beliebt gewordene Pflanzengattung verdient die weiteste Verbreitung, da die herrlichen sehr vervollkommneten Blüthen gerade in den blumenärmsten Monaten erscheinen und ein feines mannigfaltiges Material für feine Binderei enthalten. Ihrer einfachen Cultur wegen sind sie aber noch ganz besonders jedem Liebhaber zur eigenen Heranzucht zu empfehlen und werden sie die geringe, auf ihre Pflege verwandte Mühe wie kaum eine andere Pflanze durch dankbares Blühen vollauf belohnen. Vom Februar bis Mai bezogene Steckltngspflanzen liefern, im Topf cultivirt oder ins freie Land gesetzt und nach den ersten Nachtfrösten wieder eingetopft, in kaltem oder warmem Zimmer von November bis Januar den herrlichsten Das Kapitalvieh. Herr (am Stammtffch er« zählend): »Meine Herren, ich sag' Ihnen, ich hab' ein Kapita • vieh von Jagdhund. Neulich komme ich von der Jagd mit ihm zurück und trete in mein Comptoir, wo gerade der Buchhalter einen Rechnungs-Auszug auf einen Stuhl zum Trocknen der Schrift gelegt hat. Sofort eilt mein kluger Phylax daraufhin und bleibt unerfchütterlich vor der Rechnung stehen. Und rathen Sie mal, weßhalb? Nun ganz einfach. Weil so Zerstreut. Am Geburtstage eines General« hält beim Festessen der Oberst der Garnison eine Festrede. Im Augenblick, als er mit gehobener Stimme ruft: „Und nun, meine Herren, erheben Sie sich und stinrmen Sie mit mir ein in den Ruf . . ." (in diesem Augenblick läßt eine Ordonnanz die Teller fallen. Entrüstet dreht sich der Oberst um und ruft den übrigen Ordonnanzen mit donnernder Stimme zu): „Schmeißt den Kerl hinaus!" * * Geinenrirütziges. Um guten Schlehenmost zu bekommen, nimmt man zu 100 Liter Obstmost 4 Liter Schlehen, 2 bis 3 Pfd. Zucker und V2 Liter vom feinsten Weingeist. An die Schlehen wird etwas Wasser gegossen und dann werden sie sammt dem Zucker gekocht. Darauf läßt man die gekochte Masse kalt werden. In kaltem Zustand bringt man den gekochten Saft (sammt Steinen) nebst dem Weingeist das Mostfaß und läßt Alles mit einander gähren. Nach der Gährung zeichnet sich der Most nicht bloß durch seine Farbe, sondern auch durch seinen angenehmen Geschmack vor dem gewöhnlichen Most in vortheilhafter Weise aus.