Nr. 77 18V 3. C-^9--H—<2^ (T-E-j ®si -lE—S ■+ -- rlntevhaltrrirgsblatt zunr Gietzenev Anzeigen (Gensval-Anzeigev) Dienstag, den 4. Juli. <3v?. TTTiTlfWvZ , .111 HDD 'A« x % <‘i=s5> Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (Fortsetzung). Die verschiedentlichen namhaften Zahlungen, zu denen sich Erna herbeigelassen, hatte Hans ihr verschwiegen; auch die Höhe seiner Schulden, welche durch unsinnige Verschwendung in letzter Zeit und große Verluste im Spiel sich um mehr als das Doppelte gesteigert. Dagegen hatte er Leonore sein häusliches Elend in grellen Farben gemalt, ihr vollen Einblick in sein vergälltes Gemüth gegeben. Er möge um sein Leben nicht von Erna etwas verlangen, sagte er, sie lasse ihn schon bei jeder Gelegenheit fühlen, sie sei Frau vom Hause, er nur der Mann von ihrer Gnade. Das Dasein, welches er an ihrer Seite führte, stehe ihm bis zum Halse hinaus. Er hätte den ernsten Willen gehabt, ein anderer Mensch zu werden, gewissermaßen abschließen wollen mit der Vergangenheit, durch Ernas Nichtswürdigkeiten aber sei es ganz anders gekommen. Er hätte sein eheliches Leben mit den besten Vorsätzen begonnen. Ihnen treu zu bleiben, sei unmöglich. Erna treibe ihn mit ihrem Keifen zum Hause hinaus. Sie sei schuld daran, stürze er sich in wüste Zerstreuungen, um seine Sinne zu betäuben und sein Unglück auf Stunden zu vergessen. Ob er es etwa vor seiner Verhetrathung besser getrieben habe? hatte ihn Leonore hart unterbrochen. Er kam sich wie gerichtet vor bei dieser unerwarteten Frage und ihrem durchdringenden Blick. Das Herz sank ihm: auch hier keine Hilfe! „Du verurtheilst mich um ein paar tolle Streiche," hatte er nach einer Pause mit dumpfer Stimme erwidert, „zu denen Andere mich verführten. Du kennst das Spötteln der Kameraden nicht, will man sich von einem Vergnügen ausschließen! Wer nicht mitmachen kann oder will, wird wie ein Geächteter, Ausgestoßener betrachtet. Ein Einzelner in der Schaar kann sich nicht zurückziehen. Mit den Wölfen muß man heulen, ob's Einem behagt, ist eine andere Sache! Habe ich an Dir gesündigt, sei zufrieden, Leonore: Du bist gerächt! Hättest Du für meinen Treubruch eine Strafe über mich verhängen sollen, so teuflische Rache hättest Du nicht ersonnen, nie ersinnen können, als über mich hereingebrochen ist. Den „Walther von Habenichts" muß ich mir bei jeder Gelegenheit bieten lassen und vor den Leuten will man es nicht zu einem Auftritt kommen lassen. Der Lärm und das Geklatsch in diesem Krähwinkel, witterten die Dienstboten erst, welche glückselige Ehe wir führen I — Ich schwöre Dir zu, Leonie, stürbe Tante Anna heute, ich käme um meine Versetzung ein und ließe mich von ihr scheiden!" „Hans, halt' ein!" rief Leonore. Sie wallte nichts mehr hören; sie hatte schon zu viel vernommen. Sie war ganz entsetzt über diesen stürmischen Ausbruch eines an Haß streifenden Grolls. Freilich waren seine Empfindungen gerechtfertigt! Ihr brauchte er nicht von der boshaften Gemüthsart seiner Frau zu sprechen; die kannte fie zur Genüge: sie schüttelte den flechtenbeschwerten Kopf. Erna war nicht die Frau, einen zur Umkehr Geneigten, Bereuenden zu fördern. Das Leben, das sie Hans bereitete, mußte ein unerträgliches sein. Und welche Scenen standen ihm erst bevor, ließen sich seine Gläubiger nicht länger vertrösten und gingen mit ihren Forderungen direct an sie? — Das durfte auf keinen Fall geschehen, das mußte verhindert werden! — Hans that ihr in innerster Seele leid. Welch' schwere Ueberwindung mochte es ihm gekostet haben, sich an sie zu wenden, die er seinem Egoismus geopfert? — „Sorge Dich nicht weiter!" beruhigteste ihn. „Was sich irgend thun läßt, wird geschehen- Schlimmsten Falls könnte ich mit meinem Mann Rücksprache nehmen; er ist großmüthig und würde Dir, mir zu Liebe, feinen Beistand nicht verweigern. Vorerst will ich aber zu Tante Anna gehen und sehen, was sich bei ihr erreichen läßt. Ich hoffe das Beste, denn von mir kann sie nicht annehmen, daß ich aus Eigennutz komme. Es wird ihr Eindruck machen, wenn ich für Dich bitte! Auch das verhärtetste Gemüth hat einen weichen Punkt, bei dem es zu fassen ist! Sieht sie, welch' unerschütterliches Vertrauen ich in ihre Güte setze, kann sie nicht anders, als edel und großherzig handeln!" — „Ach, warum mußte ich Dich verlassen, meinen guten Engel von mir stoßen! Könnte ich doch entschwundene Zeiten zurückzaubern, wie anders würde sich mein Geschick gestalten!" hatte Hans ausstöhnend gerufen. Ueberwältigt von Schmerz, Scham und Zerknirschung war er, Alles um sich her vergessend, vor ihr niedergesunken, sein Gesicht in ihre Hände bergend. „Hans, steh' auf, ich bitte Dich, steh' auf! Das ziemt weder Dir noch mir!" hatte sie mehr gefleht als gebeten. Ihre Hände waren jetzt feuchtkalt, während die seinen brannten. Ein Sturm von widerstreitenden Gefühlen tobte in ihrem Innern. Sie riß sich von ihm los, als müsse sie sich selber entfliehen. In fliegender Hast durchmaß sie die letzte Strecke des dunklen Laubenganges. Tief aufathmend stand sie nun an, Ufer des Teiches und blickte zum Himmel auf, an dem schon der Abendstern mit mildem Glanze strahlte. Sein Licht goß Ruhe und Frieden in ihr bewegtes Herz. Auch Hans hatte sich mittlerweile gefaßt. Langsamen Schrittes holte er die Wartende ein und sie gingen, ruhigen Tones das Abkommen — 306 „Leonie," hob Strehlen mit feierlichem Ausdruck an, „es könnte fein, ich stünde von diesem Lager nicht wieder auf I „Aber, bester Mann, was für wunderliche Grillen! lachte ste ihn aus. „Der Rath meint, es habe gar nichts aiff sich! Du müßtest Dich nur hübsch ruhig verhalten und Dich nicht unnöthig aufregen. Vielleicht mrd es am besten fein, ich lese Dir etwas vor. Recht harmlose Lecture, ein «ein wenig langweilig, damit mein lieber Mann darüber emschläst. Wenn man sich zwei Uhr Morgens zur Ruh' begibt, hat man um fünf Uhr nicht ausgeschlafen und seitdem bist Du schon wach. T Sie huschte hinaus, ohne seine Erwiderung abzuwaüen, war im Nu zurück, setzte sich auf den Stuhl bei fernem Bett in "DerÄerst streckte bittend seine Hand aus und sie legte ihre Rechte hinein, die er festhielt und nicht ««eber freigab War sie mit einer Seite zu Ende, ließ sie das Buch aus s Knie sinken und blätterte mit der Linken um. Während ste ihm fo vorlas, hatte er Muße genug, siezu betrachten und sich an ihrem Anblick zu^weiden. Sw kam ihm , wie die verkörperte Jugend und Anmuth vor. Seit 'h"rVe beiratbung hatte sie an Fülle verloren, aber oas ließ W- mädchenhafter als vordem erscheinen. Ec hörte Nicht, was sie las; er lauschte nur dem Klange ihrer Worte und die wilden, finsteren Bilder nahten ihm wieder. Dre Eche, süße stimme würde bald für einen Anderen klingen, »hm vielleicht heiß, druck^reerngubtoig/- bat sie zitternd, „quäle doch nicht Dich und mich durch solche entsetzliche Gedanken! Bei ihre? fortgesetzten Weigerung legte sich taue* raubvogelartiger Ausdruck m seme 3^- Seme Augen nlänrten unheimlich und sein Athem ging pfeifend. $ Leonie" sprach er fast drohend, „ich weiß er bestimmt, ich liege auf'meinem Todtenbett. Schwöre mir, daß Du mir treu tteibst und keinem Andern gehören wirst? — Schwüre es mir schwöre! - Du kannst nicht? - Willst nicht? - DasBuch in ihremSchooß war längst zuBoden ge allew Sie glitt vom Stuhl herunter und lag vor seinem Bett auf den Knieen ihr thränenüberströmtes Gesicht in die Decke bergend- Ludwig fti^gut, sei barmherzig!» flehte fie in Ijer^ereiöeHben Saiten Beruhige Dich, ich schwöre es Dir zu, ich bin Dem i treues Weib, ich habe Dich von Herzen lieb! Verbanne diese fürchterlichen Gedanken einer krankhaft erregten Phantasie! Du wirst nicht sterben, glaube mir, Du wirst gesunden! Wir wollen auch nicht hier bleiben! Bist Du einigermaßen hergestellt, gehen wir nach dem Süden- In dem milden Klima wirst Du Dich ^nds^erholen^ ^odtenbett," beharrte er mit eiserner Consequenz auf seiner Idee, „Awöremir, daßDumchtwwde heirathest! - Du willst mir Dem Wort mcht geben? keucyie Cr' ^,Jch kannbnicht, Ludwig," entrang es sich ihr wie em A llst^. brennenden Hände, die gleich zwei glühendenEffe« die ihren umklammerten, gaben sie mit emer wegwerfenden I Geberde frei. Seine hageren Wangen bekamen zwei rothe Fieberflecken. @C ^Sie 8ß augenblickli^ das Buch mit ^r aufgeschlagenen Seite nach unten in den Schooß sinken und fragte, liebevoll ihre linke Hand zu ihrer rechten in dre ferne fugend. „Willst Du etwas? — Was soll ich thun?' Mir versprechen, daß Du nach meinem Tode Nicht wieder heirathen willst?» stieß er hastig hervor. Sie entfärbte sich bei dieser unvermutheten Wendung. „Schon wieder Todesgedanken!» entgegnete sie mitGeisern Vorwurf „Hat Dir der Geheimrath nicht ausdrücklich vn boten Dich folchen schwarzen, unbegründeten Vorstellungen ' Gib mir Dein Wort, Du wirst Dich nicht wieder ver- heirathen?» wiederholte er dringender und lauter em zweites I und drittes Mal rasch hintereinander, sie mit stechendem Au.- @r *Si?war nicht zur Stelle. Sie hatte dem Geheimrath durch's nächste Zimmer das Geleit gegeben, in angstvoller Sorge iorickte sie ob ein Rückfall zu befürchten sei. Er zuckte die Achseln. '.Abwarten, gnädige Frau!» lautete sem schlechter Trost Immer Kopf oben und vergnügt dremfchanen! Wer am Krankenbett sitzt, muß dummes Zeug schwatzen können, müß auch das Herz nichts davon. Die Thränen des Schmerzes muß man Mit denen des Lachens verwechseln können, sonst ist die Pflege nichts nütz! Merken Sie sich das für die Zukunft!» Das war nicht geeignet, ihre Besorgnisse zu zerstreue«, aber sie nahm sich vor, seinen Rath zu beherzigen. Heiteren Antlitzes kehrte sie in's Schlaszimmer zurück. bezüglich Tante Annas weiter besprechend, wie zwei sich gleich' ailtiae Menschen. — Doch Leonorens gute Absichten wurden i durchkreuzt und sie sah sich am anderen Tage außer Stande, ihr gegebenes Wort einzulösen und zu Tante Anna zu gehen. 1 Der Oberst fühlte sich am Morgen unfähig, das Bett zu verlassen; sein Bein war über Nacht wieder völlig steif geworden- Aber das war noch das Wenigste! Die Stiche in- der Herzgegend stellten sich neuerdings mit vermehrter Heftigkeit Sn unb dazu gesellten sich ruckweise -auftretende starke Kopf' schmerzen. Der Geheimrath kam, untersuchte und behorchte ün lange. Er zog die Stirn hoch, als er von dem Unfall Tags vorher hörte und schalt, daß man seinenetwaigenFolgen nicht sofort wirksam entgegengetreten fei und das Fest auf gehoben^habe. h^sch lange! Haben wohl schlechte I Hoffnung für mich?" murrte der Oberst, bei der Untersuchung I ""g^Mstnn^Wie kann man sich so etwas einfallen laffen?' I schnauzte ihn der Geheimrath an. qwHr es aebt zu Ende? Sie machen mit ein verteufeltes Gesicht!» sagte Strehlen plötzlich sonderbar ernst und eindringlich. „Muß ich dran?" . I Unsinn! Ich untersuche! Bin doch Nicht beim Photo aravb'en wo es heißt: Und nun sehen Sie recht freundlich rt,,« i _1 Qu Ende aeht's mit uns Allen einmal! Sie haben I sich ein Bischen erkältet, hat nichts weiter auf sich 1 Verhalten I Sie sich ruhig und schicken Sie vor allen Dingen Ihre ver- I rückten Sterbegedanken zum Teufel! Das stirbt sich nicht so rasch,» scherzte er in seiner rauhen, bärbeißigen Art, „es muß prft HMannett sein! Kein Mensch ist tobt zu sagen, so lange ÄÄ Äthern geht Hatte zum Beispiel College N. von seinen Aeußerungen nicht vorsichtig genug fern! Trotz des zur Schau getragenen Humors und der an- geeommenen Sorglofiatdi w« ein ’S'fXS' sicht und Ton des Gehermeraths, was -stteh lennicht behagte. Er fühlte heraus, der Arzt war mit dem Resultat seiner Unter suchunq unzufrieden. Es stand nicht gut um ihn, melleicht sogar recht bedenklich. Er wußte, ein Geringes, eine Klemig- keck und der Rheumatismus griff weiter, die Herzthattgkeit stockte — Strehlen hatte im Kugelregen gestanden und dem Tod mit Kaltblütigkeit in's Auge gesehen, er urchtete ihn auch jetzt nicht. Aber sein ganzes Herz empörte sich dagegen, aus einem Leben scheiden zu sollen, in welchem fern schönes Weib, seine Leonore allein zurückblieb. Sein Herz begann schneller ,u schlagen, das Blut hämmerte wild in seinen Schliffen bei diesem Gedanken- Ob sie wieder heirathen wurde wenn er Ä &TÄ Ä.*( a 307 Haltlos sanken ihre Arme am Bettrand herunter. Es war zu viel gewesen- Sie brach zusammen. „Ich weiß es, habe es immer gewußt!" tobte er in aufloderndem Zorn, „Du liebst mich nicht, nahmst mich, weil ich reich und alt war! Du hoffst auf einen Anderen und wartest mit Schmerzen auf meinen Tod! Freue Dich nicht zu früh! Ich kann Dir noch einen Strich durch die Rechnung machen, der alle Deine Pläne zerstört!" Er riß heftig am Glockenzug. „Franz," gebot er dem Eintretenden mit dem alten Commandoton, „Du gehst sofort zur Stadt mit beschleunigter Eile — die Sache leidet keinen Aufschub! Der Justizrath soll gleich in den Wagen steigen und einen Schreiber mit« bringen, Du steigst gleich mit auf! Er soll ohne Aufenthalt kommen, ich hätte es sehr eilig! Was stehst Du noch und gaffst? — Himmeldonnerwetter, soll ich Dir Beine machen?" Der Diener stob hinaus und suchte schleunigst die Jungfer auf. Sie solle der armen Gnädigen beistehen; der Oberst thue, als stünde er vor dem Regiment und es ginge stracks in den Feind. Dann lief er ins Gewächshaus- Der Gärtner solle sich ins Vorzimmer schleichen und dort bleiben. Man könne nicht wtffen, was passire, und er sei die kräftigste Mannsperson im Hause. — Das ging ihm noch vor seines Herrn Befehl, die Sorge um die gute Gnädige. — Als Justizrath Salzmann erschien, war der Oberst bereits gelassen. Er sprach fest und mit ruhiger Entschlossenheit und machte nicht im mindesten den Eindruck eines Zornerregten oder gar Fiebernden, sondern den eines Mannes, der kalten Blutes dem Unabwendbaren ins Auge blickt und mit größter Seelenruhe seine letzten Ver- fügungen trifft. Er war darauf sehr ruhig geworden und die Röthe war aus seinem Gestcht gewichen. Für seine Frau hatte er keinen Blick gehabt- Sie hatte sich mit Hülfe der Jungfer erhoben. Run im Vorzimmer Stimmen laut wurden, hieß er sie sammt ihrem Mädchen hinausgehen, bis er sie werde rufen lassen. In knapper Form setzte er darauf sein Testament auf. Zur Erbin seiner gesammten Hinterlassenschaft bestimmte er seine Frau mit der Klausel, er enterbe sie für den Fall einer etwaigen Wiederverheirathung und setzte ihr dann nur ein Pflichtteil aus. Sollte diese Anwendung ein treten, sei der Fiscus Universalerbe. Der Justizrath machte große Augen, doch durste er keinen Widerspruch erheben und mußte thun, was seines Amtes war. Nachdem sämmtliche Formalitäten erfüllt waren, ließ Strehlen seine Frau hereinbitten und ihr in Gegenwart aller Zeugen das Testament vorlesen. Ob sie Einspruch erhebe, fragte er darauf. Sie schüttelte wortlos den Kopf. Dann möge auch sie die Güte haben, ihre Unterschrift darunter zu setzen. Sie that es. Dankend entließ er die Herren. Er wolle schlafen, sagte er dann, man möge sich ruhig verhalten oder, noch lieber, das Zimmer verlassen. Er wünsche nicht gestört zu werden, durch nichts, auch nicht durch die Einnehmezeit — das Zeug rette ihn doch nicht! Er kehrte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und war im Verlauf einer Viertelstunde eingeschlafen. Leonore setzte sich auf Zeinen Stuhl nahe der Thür. So konnte sie im Spiegel jede seiner Bewegungen überwachen- Nach all' den Anstrengungen des vergangenen und des heutigen Tages machte sich eine tödtliche Abspannung bei ihr geltend. Sie schickte die Jungfer hinaus, die sich auf den Zehenspitzen heranschlich, sie zum Essen oder Trinken zu nöthigen. Sie konnte heute nichts genießen. Gegen Abend kam der Geheimrath nochmals, um nach dem Kranken zu sehen und fand Strehlen noch schlafend. Er verordnete vorläufig nichts Anderes und hinterließ die Weisung, ihn in der Nacht herauszuklingeln, sollte der Oberst erwachen und sich schlechter befinden. Franz und die Jungfer erboten stch, die Nachtwache zu übernehmen. Die gnädige Frau solle sich ein paar Stundest im Fremdenzimmer schlafen legen, baten sie. Leonore fühlte sich so erschöpft, daß sie es auch that. Ihr Mann schlief ja anscheinend ruhig. Kurz nach Mitternacht erwachte jedoch der Oberst. Mit halblauter Stimme schwatzte er verworrenes Zeug durcheinander. Er glaubte sich in Venedig und in Rom mit seiner Frau. Die erschrockene Jungfer wollte die Gnädige herbeirufen, aber Franz verhinderte sie daran und raunte ihr zu: „Gott sei Dank, sie schläft, die Aermste! Sie glauben nicht, Emma, er hat sie heute Morgen höllisch malträtirt mit seiner Eifersucht nach dem Tode! — Ich wäre bald dazwischen gesprungen," prahlte er. Gegen Morgen beruhigte sich der Oberst. Die beiden Krankenwärter beschlossen, ihrer Herrin zu verschweigen, daß der Oberst in der Nacht wieder aufgeregt gewesen sei. Sie würde schon am Tage noch genug mit ihm auszustehen haben, meinten sie. Leonore hatte wie tobt geschlafen. Sie erwachte mit jähem Schreck. So lange hatte sie der Ruhe nicht pflegen wollen. Sie eilte ins Schlafzimmer- „Der Herr Oberst schlafen noch wunderschön," log die Jungfer. Franz nickte stumm dazu- Sie nahm Emmas Platz ein. Dem Himmel sei Dank, sie hatte nichts versäumt. Im Lause des Vormittags sprach Frau von Schönholz mit vor, um zu erfahren, wie ihrem Vetter und seiner Frau das Gartenfest bekommen. Sie ließ sich von der Jungfer nicht abfertigen, noch zurückhalten; ihres Vetters Krankheit war doch nichts Gefährliches! Sie ging ins Schlafzimmer und setzte sich zu Leonore. Sie sollte ihr haarklein Bericht erstatten, wodurch das abscheuliche Rheuma wieder hervorgerufen worden. Sie wollte es nicht verstehen, daß sie über* flüssig sei, trotz der kurzen Antworten Leonorens. Sie wurde nicht müde, in leisem Flüsterton ein Thema nach dem anderen abzuhaspeln und erwähnte auch Hans. Leonore gedachte erschrocken ihres nicht eingelösten Versprechens. Vielleicht konnte sie morgen oder übermorgen auf eine Stunde weg; Ludwig schien ja seine Krankheit auszuschlafen. Da fuhr der Oberst plötzlich jäh aus dem Schlaf in die Höhe. „Du willst mir Dein Wort nicht geben?" stieß er zornig hervor. Seine Augen stierten dabei nach dem Bettende und die Fäuste ballten sich. „Du wartest voll Sehnsucht auf meinen Tod? Du willst auf meinem Grabe den Hochzeitsreigen tanzen?" lachte gellend auf. „Warte nur, es kommt Alles anders, als Du denkst. Nichts sollst Du haben von meinem Vermögen, Treulose, nicht», nicht», nichts, nur das Bouquet am Balcon. Siehst Du den rothen Blutstreifen in der Luft? — Der galt mir, ich weiß!" — Frau von Schönholz hatte im jähen Schreck einen Schrei ausgestoßen und vermochte sich anscheinend nicht vom Stuhl zu erheben. Leonore war zu ihrem Manne gestürzt. Thrä« nenden Auges suchte sie ihn mit tausend Liebesworten zu beschwichtigen. Franz und die Jungfer standen ihr bei. In der Aufregung hörte Niemand den Geheimrath eintreten. „Was haben Sie hier im Krankenzimmer zu suchen?" herrschte er mit halblautem Ton Frau von Schönholz an. Sie war bei seinen Worten mit einem Schlag Herr ihrer Nerven geworden und konnte vom Stuhle hochkommen. „Grobian!" zischte sie, „hat man ihn zum Hausarzt und giebt ihm alle Jahre sein schweres Geld, um sich solche Behandlung gefallen zu lassen. Wenn er nur nicht der Ge> scheiteste wäre im ganzen Land und ein Stück darüber hinaus!' Damit ging sie, im Vorzimmer mit der Jungfer ein Verhör anflellend. Drinnen konnte nicht Alles so stehen, wie es sollte. Sie wollte den Auslassungen Strehlens noch ein Weilchen lauschen. Es war zu interessant gewesen. Wovon hatte er geredet? — Von Enterben und Treulosigkeit. Da mußte etwas vorgefallen sein - eine scandalöse Geschichte! (Fortsetzung folgt.) —- 808 Kumor aus der Jagd-Saison. Der „dicke Neumann" in Berlin ist unter seinen Jagd- freunden sehr beliebt. Er ist ein fideles Haus, steckt voll von Jagdschnurren und kennt die Geheimnisse des edlen Waidwerks' so genau, daß seine sieben Genossen, mit denen zusammen er ein paar Meilen von Berlin Jagdgründe gepachtet hat, auf sein Urtheil schwören und sich ihm willig unterordnen, wenn er das Obercommando beim Jagen übernimmt. Aber der dicke Neumann hat einen unausstehlichen Fehler, er ist „gniet- schig" über die Maßen und hat eine ausgesprochene Neigung zum „Nassauern". Im gewöhnlichen Leben erheben sich seine Wünsche selten über Schweinebraten mit Gurkensalat und eine kühle Blonde mit dazu gehöriger Strippe, aber wenn er die Flinte über der Schulter hat, fängt er an, „etwas Genußmensch" zu werden, wie Herr Friedmann sagt. Da weiß er listig jede Gelegenheit zu benutzen, um einen der Collegen zum Spenden eines kleinen „Menus" zu reizen und wenn er dann die Gabel in der entschloffenen Rechten hält und seinen alten Wahlspruch vom Stapel läßt: „Ach, ohne einen guten Schluck entbehrt dies Leben jeden Schmuck", dann bleibt den Anderen nichts übrig, als den entsprechenden Rothspon zu bestellen. Herr Neumann drückt sich immer um die Bezahlung, obwohl beim Schmaus Niemand so bei der Sache ist wie er. In diesem Jahre hat sich sein Fehler noch weiter ausgebildet — er hat , sich aufs „Schinden" der Fahrkarte verlegt. Bald muß Dieser, bald Jener unter irgend einem Vorwande das Geld für ihn auslegen — und die Berechnung bleibt nachher immer aus. Das ist seinen Freunden aber schließlich doch zu viel geworden, und sie haben ihn neulich durch einen bösen Streich von dieser Prellerei hoffentlich für alle Zeiten geheilt. Es war eine Brandhitze, als sie sich auf der Anhalter Bahn trafen, um zur Hühnerjagd zu fahren. Als die anderen Sieben mit zwei Jagdhunden schon im Abtheil saßen, kam Neumann schwitzend und keuchend angestiefelt. „Rasch, rasch, rin, hier sitzen wir!" ertönte es ihm entgegen, und Herr Neumann wälzt sich mit Hülfe seiner Freunde durch die für seine Körperfülle kaum ausreichende Oeffnung. „Kinder", ist sein erstes Wort, „Ihr habt mir doch 'n Billet besorgt, ick habe mir wejen der verdammten Pferdebahn verspätet." — „Nee, wir haben bloß sieben." „Herrejott", ruft Herr Neumann, „rck bin schachmatt, ick komme nicht mehr hin bis zu'n Schalter — Herr Schulze, haben Sie doch die Jüte!" — „Nee, det jetzt nicht mehr, das klingelt gleich zum dritten Male, wer jetzt noch 'raussteigt, bleibt sitzen!" ,Ja, wat soll ick denn aber machen, ick wer' doch nicht nachher noch Strafe zahlen." „I Jott bewahre. Det merkt der Schaffner ja jar nich. Stellen Sie sich man hinter, da sieht Sie keen Mensch!" „Nee, dat jeht nich, wie soll er mir denn nich sehen" — „Na, denn rasch unter die Bank die paar Minuten, man zu, jetzt kommt er schon!" Herr Neumann kämpft einen Augenblick einen schweren Kampf, aber seine Tugend unterliegt, er kriecht unter die Bank. „Um Jotteswillen, Kinders, verdeckt mir, wenn det rauskommt „Pst, sind Se stille, er is schon nebenan!" Herr Neumann liegt unter der Bank. Es ist schon kein Genuß, bei fünfundzwanzig Grad mit sieben Personen und zwei Hunden in einem Abtheil zusammen zu sitzen, aber unter den Füßen der Gefährten zu liegen und gestoßen und getreten zu werden und dabei eine Heidenangst ausstehen zu müssen, das ist unmenschlich. Jetzt wird der Abheil geöffnet. „Nitte, meine Herren, die Fahrkarten!" Zwei Hundekarten, eins, zwei, drei, sieben, acht — ich sehe ja bloß sieben Herren, für wen ist denn der achte Schein?" Ein fürchterliches Gelächter erhebt sich. „Dem Herrn is't hier oben zu heiß je» wesen, der kühlt sich hier unten 'n Bischen ab!" Und sie treten zur Seite und zeigen auf den unglücklichen Nassauer. — Herr Neumann hat erst schwer gegrollt, dann hat er aber sm re und als er nach beendeter Jagd zum ersten Male ein paar Flaschen Rothspon hat auffahren lassen, da haben sich seine Gefährten der wohl nicht unberechtigtes Hoffnung hingegeben, daß der Streich auch für die Zukunft helfen werde. ÄsMsrnnntzZges. Ganze Stachelbeeren tn Flaschen aufzubewahren. Bei trockenem Wetter gepflückte unreife, sauber von Stielen und Blumen befreite Beeren bringt man in kurz vor dem Einkochen gereinigte und geschwefelte Flaschen, am besten Rheinweinflaschen. Die möglichst (durch Ausstößen der Flasche) fest gefüllten Flaschen werden in einem Kessel zwischen und auf Heu so eingepackt, daß sie sich nicht berühren. Dann gießt man so viel kaltes Wasser nach, daß die Flaschen bis an den Hals bespült werden. Das Sieden muß langsam geschehen; zehn bis fünfzehn Minuten muß das Wasser kochen. Dann läßt man die Flaschen erkalten und verschließt sie luftdicht. • * ♦ Erdbeerkaltschale. Auf anderthalb Liter sauber gepflückte Erdbeeren mische man 200 Gramm gestoßenen Zucker in einem Porzellangesäß und lasse sie eine Stunde lang stehen. Dann gießt man anderthalb Liter Weißwein, anderthalb Liter Wasser und den Saft einer Citrone dazu. Man kann die Schale nach Belieben versüßen. Aromatischer wird die Kaltschale, wenn man zuerst die Erdbeeren durch ein Haarsieb preßt, dann den Brei mit Zucker versüßt, Wein, Wasser und Citronen- saft zusetzt und bis zum Serviren auf Eis stellt. Man kann statt Wein auch frische, süße Milch verwenden. Man gieße die Milch auf die gezuckerten Erdbeeren und lasse die Kaltschale eine Stunde stehen, ehe man sie servirt. * * * Erdbeerauslauf. Man wasche Erdbeeren, lasse das Wasser rein ablaufen, menge sie mit Zucker und Zimmt und lasse sie einige Stunden durchziehen; dann quirle man zu V2 Liter Rahm 8 Eidotter, 80 Gramm Zucker und zwei gute Eßlöffel voll Kartoffelmehl, mische das zu Schnee geschlagene Eiweiß der 8 Eier und die Erdbeeren dazu, lasse den Auflauf eine Stunde backen und bestreue ihn mit Zucker. * * ♦ Abgerahmte Milch als Heilmittel. Die Milch- cur ist nichts Neues; aber viele erwachsene Personen vertragen die frische Milch nicht und man schreibt dies mit dem Fettgehalte derselben zu- Die englischen Aerzte verordnen deshalb abgerahmte Milch, und der Erfolg war in vielen Fällen ein sehr befriedigender. Man läßt sie 12—18 Stunden stehen und nimmt darauf den Rahm ab. Sie wird dann in der Regel schon eine gewisse Säure angenommen haben. In diesem Zustand wird sie selbst von dem schwächsten Magen gewöhnlich gut vertragen. Der Milchgenuß bildet eine ober mehrere Wochen lang die einzige Nahrung. Man fängt mit kleinen Quantitäten an und steigt auf drei, selbst bis auf fünf Liter täglich. Man wendet diese Cur hauptsächlich bei Magen- und Leberkrankheiten, bei Nieren- und Blasenleiden, sowie bei Asthma und Wassersucht an. Gute Heilungen sind damit erzielt worden. • -e ♦ Ghpsfiguren zu brorrciren. Gyprfiguren broncirt man ganz einfach, indem man sie mit flüssiger Goldbronce oder dunkler Bronce anstreicht. Auch kann man Broncepulver kaufen und mit der ebenfalls käuflichen Auflösungsflüssigkeit vermengen, um ebenfalls die Figuren damit zu überpinseln. Broncirte Gyprfiguren sind nicht schön, doch ist das Bronciren ja jetzt sehr modern; auch verliert GypS gar bald feine schöne weiße Farbe. Gegen letzteren Uebelstand weiß jedoch gewiß ein Künstler Rath. Diesen einzuholen würde dringend zu rathen sein; reine, weiße Figuren sind jedenfalls hübscher al« broncirte. Redactwn: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.