Nnterhatt«ngsblatt jwm Gietzcnev Anzeigen (Geneval.Anzrigep) Rr. 52 SL ISf 3. W^WWW ! ?•' ®*S -^W E,.-r-r^g_,i1 ■Mi-Hg^zac MNUWWWEWNW ÄNtzWMDW^KsM ' Donnerstag, den 4. Mai. Liebe um Liebe. Novelle von Carl Cassau. (Fortsetzung). Der Sanitätsrath nickte, trat an's Pult und schrieb das Verlangte. Jetzt ergriff Lothar die Hand der unglücklichen Wittwe und sagte leise: „Gnädige Frau, ich bin in der glücklichen Lage, das Deficit decken zu können, mein Freund Löwe holt bereits das Geld, aber ich knüpfe daran die Bedingung, daß Niemand erfährt, wer es war, der dieses that. So bleibt der Name Ihres unglücklichen Gatten in Ehren." Frau von Eppinger schluchzte krampfhaft und erwiderte: „Aber, Herr Doctor, ich bin nicht im Stande, Ihre Großmuth je vergelten zu können, ich werde nie in der Lage sein, die Summe zu ersetzen." „Wer hat denn das gefordert, gnädige Frau?" erwiderte Hiller großmüthig. „Ich bewundere Sie, Doctor, Sie find wie ein Engel!" rief der Sanitätsrath beinahe überlaut. „Und ich nehme das Opfer nicht an!" setzte Frau von Eppinger mit Thränen hinzu. „So wollen Sie lieber die Schande, das Unglück Ihrer Kinder?" fragte Lothar bitter. Die unglückliche Frau verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. „Wollen,Sie meine Hilfe annehmen, gnädige Frau?" fragte Hiller jetzt milde und seine Stimme vibrirte. Sie nickte stumm unb reichte dem edlen Manne die Hand. „Und Sie geben Ihr Ehrenwort, niemals von der Angelegenheit auch nur eine Silbe verlauten zu laffen?" „Ja!" antwortete sie fest. Hiller nahm das Ehrenwort über diese Angelegenheit gleichzeitig dem Arzte ab und rief nun Jean- „Sie sind ein wackerer Mensch, Jean," sagte Hiller zu diesem. „Geben Sie Ihr Ehrenwort, über den gewaltsamen Tod des gnädigen Herrn schweigen zu wollen?" „Ich gebe es, Eure Gnaden!" „Gut, Sie sollen dafür belohnt werden- — Wo sind die Schlüffel zu dem Gewölbe der Bank?" „Hier im Pulte, Euer Gnaden!" Jean zeigte die Stelle. „Wo treffe ich den Kassirer der orientalischen Bank?" „Herrn Jührden? Im Bankgebäude, Euer Gnaden!" „Gut, Jean, laffen Sie vorfahren, sobald der Wagen zurück ist!" „Eben fährt er vor, Eure Gnaden." „Desto beffer, kommen Sie, Sanitätsrath." Die Herren gingen, nachdem Lothar Frau von Eppinger nochmals aufgefordert, fest zu bleiben. Dann flüsterte er nochmals heimlich mit Jean und stieg in seinen Wagen. „Nach der orientalischen Bank!" befahl er dem Kutscher. „Adieu, Herr Sanitätsrath!" rief er letzterem zu, welcher in einen anderen Wagen stieg. „Was mag er vorhaben? Umsonst wirft doch Niemand eine halbe Million weg!" Schwer ward es der unglücklichen Wittwe, sich zu fassen, aber es mußte sein. Jean betrieb indeß alle Vorbereitungen zur Bestattung des Tobten mit großer Energie. Er holte den Sarg herbei, legte den Tobten hinein, ließ ein Zimmer schwarz ausschlagen, den Sarg auf einen hohen schwarzen Katafalk bringen und ringsum Silberleuchter und hohe Blattgewächse aufstellen, so daß es schwer war, an die Leiche selbst zu gelangen. Nun erst erfuhren Alexandrine, Beate und Victor die Trauernachricht, jetzt erst beweinte das ganze Haus den armen, angeblich vom Schlage jählings dahingerafften Herrn. Inzwischen hatten Hiller, Löwe und der Kassirer Jührden eine harte Arbeit vor sich, um das Depositengewölbe und die Kasse der Bank, wieder in Ordnung zu bringen- Die Revision fand zwar eine halbe Stunde später statt, aber Alles ward in gehöriger Ordnung befunden und dann erst verbreitete sich das Gerücht vom Tode des Herrn von Eppinger. Unermeßlich war der Schmerz Alexandrinens, als sie die Schreckensbotschaft erfuhr; sie wußte sich gar nicht zu fassen. Den geliebten Tobten sah sie nur aus einiger Entfernung, denn Jean verstand es, ohne Aufsehen zu erregen, Jedermann vom Katafalk in angemessener Entfernung zu halten. Victor erhielt die Nachricht eben, als er von den Anstrengungen der vorigen Nacht ausgeschlafen hatte und war ganz starr vor Schreck. Inzwischen verbreitete sich aber dennoch das Gerücht von einem Kaflendefizit bei der orientalischen Bank und einem daraus resultirenden Selbstmorde des Bankdirectors. Herr von Eppinger, hieß es, habe sich nur durch einen gewaltsamen Sprung aus dem Diesseits in das Jenseits der Schande entzogen. Zu dem Rittmeister von Gilzingen gelangte das Gerücht, ais dieser eben seinen Goldfuchs Alt, ein Geschenk seines Vetters, eines Gutsbesitzers in der ungarischen Pußta, bestieg. „Wissen Sie es schon, Gilzingen?" fragte ein Kamerad. „Was soll ich wissen?" meinte Gilzingen ruhig. „Daß sich Ihr Schwiegervater in spe —« Der Kamerad machte das Zeichen des Erschießens. „Wie?" rief Gilzingen und erbleichte. 206 „Ja, ja, Kaffendefizit, Alles verloren I" „Was sagen Sie, Kamerad Braga! Ist das wahr?" Dieser erzählte nun Alles. Einige Augenblicke stand der Rittmeister wie vom Donner gerührt, dann stieg er wieder von seinem Pferde ab, eilte die Käsernentreppe hinauf, setzte sich in seinem Zimmer an den Schreibtisch, warf einige Zeilen auf einen Briefbogen, couvertirte, adressirte an Alexandrine von Eppinger, steckte den Brief in seine Attila, schwang sich auf das Pferd und ritt davon, indem er sich der Billa Eppinger von der Hinterseite näherte. In der Billa wußte Gilzingen gut Bescheid. Das Pferd gäb er einem Diener zum Halten, er selbst trat durch eine Seitenthür ein und wartete auf den blonden Diener Bertram, der stets seine Correspondenz mit Alexandrine in der letzten Zeit besorgt hatte. „Bertram," rief er halblaut, im Halbdunkel der Treppe stehend, „Bertram, hierher!" Der Gerufene erschien. „Ah, Sie sind es, gnädiger Herr!" „Ja ich! Was ist geschehen?" Bertram fühlte einen Doppelgulden in der Hand. „Der gnädige Herr ist tobt," flüsterte er. „Dummkopf, das weiß ich. Mehr, mehr!" „Hm! Um sechs Uhr war der Bankdiener Klöppel hier und meldete eine Kaflenrevision für zehn Uhr. Gegen sieben Uhr ertönte im Zimmer des Herrn ein Schuß. Man hat uns Alles verheimlicht, aber es war ein Fahren, ein Eilen, ein Geflüster. Dann kamen der Sanitätsrath Stephani, Doctor Löwe und Doctor Hiller. Die Leiche ließ Jean gleich äufbahren, es hieß, ein Schlag habe ihn getroffen, den armen Herrn!" „Weiter!" „Was weiter? Ein Kaffendefect von einer halben Million Gulden ist da. Julie, die Zofe der gnädigen Frau, hat es in einem Briefe gelesen, den der gnädige Herr kurz vor seinem Tode an die Gnädige geschrieben." „Eine halbe Million Gulden? Hm, hm! Da bleibt wohl sür die Familie nicht viel mehr übrig?" „Nichts, gar nichts, gnädiger Herr. Arm wie die Kirchen« mäuse sind die Leute nun." Gllzingen sann eine Weile nach und murmelte für sich: „Schicklicher wäre es vielleicht, wenn ich persönlich bei Alexan- drinen — doch nein, nein —!" Er zog den Brief hervor und befahl dem Diener: „Gib ihn dem Fräulein, Bertram. Adieu!" Gilzingen ging auf den Hof zurück, setzte sich auf sein Pferd und jagte davon. Alexandrine weilte in Trauerkleidern im Boudoir und las ein Dichterwort, welches ihr neulich schon ausgefallen war. Es lautete: „Der Schmerz darf Dich wohl beugen, doch ganz brechen Darf keinesfalls er jemals Dein Gemüth; Er wird sich einstmals an Dir selber rächen, Leidst Du, daß er die Seele niederzieht! Trag philosophisch-würdevoll die schwere Last, Die Du nun einmal erdgebor'n zu tragen hast!" Sie fand darunter, was sie bisher übersehen, den Namen Lothar Hiller. Wie kam es, daß sie gerade an ihn heute gedacht hatte? Ach ja, gestern Nacht noch hatte ihr armer Papa Hillers Namen so warm ausgesprochen, ihn als das Ideal eines männlichen Characters hingestellt. Wie sagte er doch? Ein Felsen im Aufruhr des tobenden Meeres sei Hiller. — Und sie? Sie hatte sich Guido von Gilzingen erwählt. Ob sie die richtige Wahl getroffen? Aber wo blieb er jetzt in ihrem Unglück? Die Botschaft mußte ihn längst erreicht haben. Sie war ganz allein. Die Mutter hatte sich eingeschloffen, Victor war ausgegangen, Beate zum Doctor Löwe gerufen. Es erklangen Schritte; das mußte Guido von Gilzingen endlich sein. Ja, jetzt suchte das rankende Epheu die feste Stütze der starken Eiche! Es klopfte, aber es war Bertram. Einen Brief brachte er! Guido kam nicht einmal selbst! Jetzt, wo sie den herbsten Verlust des Lebens erlitten? Sinnend öffnete Alexandrine den Brief, las ihn und sank todtenbleich in's Sopha zurück. Als sie nach einigen Minuten wieder erwachte, lag ihr ganzes Leben wie zerstört vor ihr. Sie weinte nicht, sie jammerte nicht, sie kniff nur die Lippen zusammen und las nochmals den Brief, welcher lautete: „Gnädiges Fräulein! „Unsere heimliche Verbindung war ein Traum. Da ich Ihnen in Ihrem Unglück nichts bieten kann, gebe ich Ihnen Ihr Wort zurück. Sie sind frei! Genehmigen Sie den Ausdruck meiner Hochachtung. Guido v. Gilzingen." Verächtlich warf sie das Papier in den Ofen. Nur einmal stampfte sie mit dem niedlichen Füßchen den Teppich, dann murmelte sie: „Ein Felsen im Meer? — Ein Rohr im Winde! Pfui, Guido, ich verachte Dich!" Sie wanderte ruhelos hin und her und zermarterte ihr Gehirn über den Grund seines Rücktrittes; denn die wahre Ursache ahnte sie nicht. Die nächsten Tage waren schreckliche für die Eppinger'sche Familie. Zuerst kam das Begräbniß des Todten mit schlimmen Stunden, deren bitterste diejenige war, in welcher beflorte Träger mit befliffener Amtstrauermiene den reich decorirten Sarg fortschleppten; dann folgten die Condolenzbesuche, die neue Ordnung der Dinge endlich traf tief in das Herz der Leidtragenden. Doctor Löwe und Hiller ordneten die Geschäfte des verstorbenen Bankdirectors mit dem Bankier Selbiger und retteten dabei aus den Papieren ein Kapital von 60,000 Gulden. Die Villa am Ring verkauften sie und dieser Erlös, verbunden mit jenem Kapital, gaben einen Fonds, dessen Zinsen der Familie ein bescheidenes Auskommen gestatteten. Nun ward von Eppingers ein kleines Häuschen in der Vorstadt gemiethet, wohin sich die Famflie zurückzog. Da dieses der bekannten Neigung der Frau von Eppinger für Einfachheit und Zurückgezogenheit entsprach, fiel es Niemandem schwer, denn auch Alexandrine war es in ihrem geheimen Schmerze so recht und Victor ließ Alles gewähren, da er wohl sah, daß so Alles zum Besten gelenkt wurde- Das Mobiliar wurde meistens versteigert, die Dienerschaft entlassen. Jean erhielt 2000 Gulden zur Etablirung eines kleinen Hotels. Pferde und Wagen fielen auch unter den Hammer des Auctio- nators und die Familie nahm so wenig Besuche an, als sie solche abstattete, wozu die Trauer hinreichenden Vorwand gab. Inzwischen erließ die orientalische Gesellschaft einen Nachruf sür ihren „treuen Director" und ließ ihm einen herrlichen Granit-Obelisken über seiner Ruhestätte errichten. Auch erhielt die Wittwe des Bankdirectors durch den Verwaltungsrath eine jährliche Pension von 1000 Gulden zugebilligt. Lothar Hiller war ein rechter, echter, treuer Freund des Hauses von Eppinger geworden. Eben hatte er seinen „Kleomenes" beendigt und erntete für denselben außer neuen Lor- beeren auch ein Honorar, welches den sür Eppinger beglichenen Betrag wohl ziemlich decken mochte. Frau von Eppinger wagte es eines Tages gegen den täglich im Hause verkehrenden Freund wieder einmal die Geldfrage zu berühren, indem sie ihm ihre Pension anbot, wodurch in einer Reihe von Jahren doch ein Theil der großen Summe getilgt werden könne. Lothar erröthete bei dieser Verhandlung und entgegnete: „Gnädige Frau, ich schätzte mich damals glücklich, Ihnen den Dienst leisten zu können; an eine Abtragung dachte ich nicht.' „Aber ich kann doch nicht lebenslang Ihre Schuldnerm bleiben!" Er erröthete stärker und sagte sanft: „Das sollen Sre auch nicht, gnädige Frau. Ich erbitte mir dafür von Ihnen ein — Kleinod!" Es zog wie ein Sonnenstrahl über das vom Kummer entstellte Gesicht der Frau von Eppinger; sie ahnte das jetzt Kommende und fragte: „Und das wäre?" „Die Hand — Ihrer — Tochter — Alexandrine!" 207 Thränen standen der geprüften Frau in den Augen, als sie entgegnete: „Das Glück, welches ich mir so oft gewünscht, es sollte wirklich über uns kommen? — Was sagt Alexandrine dazu?" „Gnädige Frau," flüsterte er, „ich liebe sie seit Jahren, hatte aber nicht den Muth, mit ihr zu reden. Ich dachte, das Mutterherz sollte ihr den Weg zeigen." Sie reichte ihm die Hand und erwiderte: „Ich will es, ich will es, mein lieber Sohn. Vielleicht naht bald die Stunde!" „Aber noch Eins, gnädige Frau. Alexandrine muß sich frei entscheiden; nie darf sie von dem Gelds erfahren; denken Sie an Ihr Versprechen!" Sie nickte zustimmend. Von jener Stunde an sah Alexandrine Lothar oft prüfend an, dann wieder stand sie vor dem lebensgroßen Oelbilde des treuen Vaters und flüsterte: „Ein Fels im Meer! Ja, das mag er fein! Papa liebte ihn. O, geliebter Vater, wenn Du wüßtest! Der, den ich liebe, verachtet mich, und der mich liebt, den achte ich nur! O des Zwiespaltes im Herzen!" Eines Morgens stand dann Lothar festlich gekleidet vor ihr; ruhmgekrönt, von der halben Residenz vergöttert, bot er ihr feine Hand. Wie ein Märchen aus der Jugendzeit klangen ihr feine Worte. War sie ein Dornröschen, das wohl hundert Jahre geschlafen, bis der Prinz kam und sie weckte? Und da stand er mit treuem Aufblick der Sphinxaugen und klar tönte die Frage in ihr Ohr: „Alexandrine, geliebtes, hohes Frauenbild, willst Du mein treues Weib werden?" Nun lag er zu ihren Füßen und da war es ihr, als trete der Papa aus den Rahmen des Oelgemäldes und flüsterte „Sage ja, er ist ein Character, eine Stütze im Sturme des Lebens!" Da beugte sie sich zu ihm nieder und sagte zärtlich: „Wenn Sie mich Ihrer würdig halten, Lothar, ich will mich gewiß bemühen, Ihnen eine treue Gattin zu sein!" „Bitte, sprechen Sie nicht so, Alexandrine; Ihr Ja hebt mich auf den Gipfel des irdischen Glückes!" Nun legte sie mit einem Aufblick zum Bilde des Vaters ihre Hand in die seinige, er steckte ihr einen kostbaren Diamantenring an den Finger und küßte sie mit den Worten auf die Stirn: „So bist Du mein, stolze Brünhild, Zauberin Circe! Und bei Gott, ich will Dich hegen als mein höchstes Kleinod!" Frau Bella, die eben htnzutrat, durfte nun segnend ihre zitternden Hände auf Beider Haupt legen- Andern Tages sprach man in der Kaiserstadt nur von der Verlobung der stolzen Alexandrine von Eppinger mit dem bürgerlichen Dichter Lothar Hiller. „Aber der Dichter adelt den Menschen in ihm!" setzte man fast überall hinzu. III. Der gepackte Reisekoffer des glücklichen Bräutigams war von Hillertshausen bereits nach dem Hause'der Braut geschafft. Rach der Trauung sollte ein Diner von fünfzig Gedecken in Jeans Hotel „zum weißen Schwan" stattfinden und mit dem Abendzuge wollte das junge Paar eine längere Reife nach Italien antreten. Die Trauung war vorüber. Die Braut faß stille an der Seite des fröhlichsten, glücklichsten Bräntigams, den man je gesehen. Doctor Löwe brachte den Trinkspruch auf die Neuvermählten aus, der mit den Worten schloß: „Möge, was Amor, der kecke, verwundet, Hymen nun heilen; hoch lebe, dreimal hoch und glücklich das junge Paar!" Und nun folgte Toast auf Toast, darunter der sehr launige des Sanitätsraths Stephani, dann war die Fröhlichkeit allgemein. Mitten int höchsten Wogengange der Freude, gerade, während der Schriftsteller-Verein Lothar eine Ovation mit Fackel, Musik und Ansprache darbrachte, verschwand das junge Paar. Doctor Löwe antwortete für den Freund und gab den Gefühlen des Dankes Ausdruck, das Fest aber nahm ungestört seinen Fortgang. Von der Mutter und dem Bruder hatte Alexandrine schon heimlich Abschied genommen, jetzt half ihr Beate in die Reisekleidung und küßte sie zum Abschied auf die Stirn mit den Worten: „Das Glück sei mit Dir!" Alexandrine stieg in den schon bereiten Wagen und Lothar wollte eben neben ihr Platz nehmen, als die junge Frau zu- sammenschreckend flüsterte: „Lothar, mein Theurer, ich habe meinen Fächer, Dein erstes Geschenk, auf dem Schreibtisch ver- geffen!" Lothar eilte schon die Treppe hinauf. Auf dem Schreib- tisch in Alexandrrnens Zimmer brannte noch der sechsarmige ftlberne Armleuchter. Lothar suchte nach dem Fächer auf dem Tische, dem Divan, aber er war nicht zu finden. Da gewahrte sem scharfes Auge, daß der Schreibtisch gar nicht verschlossen war. Zwar war das Schloß eingedreht, aber in der Eile vorstehend gelassen, hat es nicht fassen können. Sollte sie den Fächer in den Schreibtisch hineingelegt haben? Lothar riß die Schublade auf; richtig, da blitzten die Diamanten, womit der Fächer besetzt war, und daneben lag ein Päckchen Briefe mit rothem Seidenbändchen umwickelt. Die Dienerin könnte so in- discret sein, die Briefe zu lesen, dachte Lothar. Er steckte sie daher ein, eilte die Treppe hinab, reichte Alexandrine den Fächer und stieg in den Wagen. Das Gespann flog davon und Lothar gab der jungen Gattin jetzt das Packet mit den Worten: „Du hattest Deinen Schreibtisch nicht verschlossen, Alexandrine, der Fächer lag darin und dies Packetchen Briese. Die Dienstleute sind so neugierig. Hier nimm!" Sie war flammend roth und brachte kaum die Worte: „Ich danke Dir, Lothar!" hervor. Sie barg dann die Briefe in der Tasche ihres Reisemantels. Sollte sie die Briefe aus dem Coupeefenster werfen? dachte dann Alexandrine. Man könnte sie finden, auch stand ja ihr Name darauf. Nein, aber auf der nächsten Station sollten sie vernichtet werden. Aber die Reise ging direct mit dem Schnellzuge bis Triest, die Coupees waren voll besetzt. Müde lehnte Alexandrine sich zurück, sie hatte die beiden letzten Nächte fast schlaflos verbracht, auch Lothar war zuletzt eingenickt. Erst mit dem Morgen traf das junge Paar in Triest ein und mußte sich beeilen, einen Platz auf dem Dampfschiffe nach Venedig zu erhalten. Eine zahlreiche Reisegesellschaft verhinderte auch hier eine intimere Annäherung zwischen den Neuvermählten, obwohl Lothar für seine Gattin in der Kajüte einen bequemen Platz suchte, da aus dem Verdeck eine heiße Luft wehte. Die Bewegung des Schiffes wiegte Alexandrine wieder schnell in Schlummer und Lothar nahm zu ihren Füßen auf einem Klappstuhl Platz. Der Reisemantel Alexandrinens war der Hitze wegen längst beiseite gelegt und jetzt von der Bewegung des Dampfers allmälig herabgeglitten. Wieder lag das Packetchen Briefe vor Lothar. Schleuderte es ihnc ein günstiges Schicksal zum zweiten Mal in den Weg oder war es eine Versuchung bei dem Beginne seines Eheglückes? Rasch wie der Gedanke hatte Lothar die Schnur gelöst, welche die Briefe verband und den ersten Brief aufgerissen. Worte der Liebe standen darin. Ha! Und die Unterschrift? Fast konnten die zitternden Hände Lothars das Blatt nicht halten. Da stand es: Guido von Gil« Singen. Lothar hatte ein Gefühl, als ob man ihm eine Degen« pitze in das Herz stoße. Scheu sah er Alexandrine an. Sie schlief fest. Es war ein entsetzlicher Zustand. Aber der willensstarke Mann hatte die Zügel der Herrschaft über sich selbst schon wiedergefunden. Laut aufschreien hätte er mögen, aber er biß ich die Lippen blutig. Leise erhob er sich und schwankte die Kajütentreppe hinauf, dann lehnte er sich auf die Brüstung des Schiffes und schon hatte das gefräßige Meer das Packetchen mit den Briefen verschlungen. „Fahre dahin, schöner Traum meiner Liebe!" murmelte Lothar dabei. „Sie hat mir nicht aus innerster Seele die Hand gereicht. — Aber habe ich's nicht selbst verschuldet? Ich tonnte die Zeit nicht erwarten und noch gehörte aus der Carnevalszeit der Thorheit ihr Herz ihm, meinem bösen Dämon. Zoll für Zoll muß ich mir erst dieses Herz erobern. Hoffent- ich kommt einst diese Zeit!" (Fortsetzung folgt.) es sos - Der gefährliche Kandwerksöursche. Humoreske von R. Zenner. In der geräumigen Wirthsstube des Gasthofes „Zum Grünen Baum" im Städtchen Krauthausen gings an einem heißen Julitage laut und lustig zu. Der reiche Bauer Schwuppke aus dem etwa vier Stunden von Krauthausen gelegenen statt« lichen Psarrdorfe Kipsheim traktirte die an der langen Tafel Sitzenden, wozu sich der trotz seines Reichthums ein bischen geizige Bauer wohl oder übel hatte verstehen müssen. Denn es war in Krauthausen Viehaurstellung für den Bezirk gewesen, welche Schwuppke mit einem Gespann Prachtochsen, sowie mit einigen ausgezeichneten fetten und dickwolligen Hammeln beschickt hatte und für beide Thierklaffen war unserem Bauer der erste Preis zugefallen; außerdem waren ihm die preisgekrönten Thiere von dritter Seitö sofort um eine hohe Summe abgekauft worden. Schwuppke hatte also in Krauthausen ehrende Auszeichnungen und ein tüchtiges Stück Geld eingeheimst, da mußte er schon im „Grünen Baume" einmal den Nobeln spielen, so schwer ihm dies auch ankam. Aber er durfte sich jetzt nicht lumpen lassen und so waren denn auf sein Geheiß ein paar Dutzend Flaschen von dem merkwürdig säuern Moselwein und dem nicht weniger säuern „Bordeaux" des Baumwirths auf der Tafel angefahren worden und der Grundsatz: „Sauer macht lustig!" kam auch hier zur Geltung, denn immer neues Gelächter erscholl in der Tafelrunde, welche sich an dem vom reichen Schwuppke so generös gespendeten „Brauneberger" und „St. Julien" des Baumwirths delektirte. Hart neben der aus dem Hausflur in die Wirthsstube führenden Thüre stand ein kleiner Tisch, an welchem ein Handwerksbursche mit seinem kleinen Bündel neben sich saß und wacker einem Stück Brod mit Käse zusprach, zu welchem äußerst frugalen Mahle der junge Mensch ein Glas Dünnbier trank. Von Zeit zu Zeit sandte der Bursche, der sich durch einen recht pfiffigen Gesichtsausdruck auszeichnete, einen verlangenden Blick nach der großen Tafel hinüber, wo inzwischen Schwuppke auch etwas kalte Küche hatte auftragen lasien. Schließlich brummte der Bruder von der Landstraße vor sich hin: „Na ja, da schlagen sich die da drüben ihren Bauch mit allerhand guten Sachen voll und Unsereins darf zugucken! Wenn es doch nur einem der Kerls einfiele, mir 'ne Schinkensemmel und einen Schluck Wein zu spendiren — aber Gott bewahre, an so einen armen Teufel, wie mich, denkt gar kein Mensch! Wenn ich wenigstens den Tisch abklopfen dürfte, ein paar Groschen kriegte ich wenigstens zusammen, aber hier stehts ja groß und breit angeschlagen, daß alles Betteln und Hausiren streng verboten ist, auch möchte ich mich nicht gern vom Büttel erwischen lasien. Na, denn nicht!" Der Handwerksbursche erhob sich, bezahlte mit lauter Pfennigen seine geringe Zeche, hob das Felleisen auf und verließ den Gasthof, um die Straße nach dem nächsten Städtchen, Namens Hollenberg, einzuschlagen, wo der Wanderer ein Unterkommen für die Nacht und vielleicht auch Arbeit zu finden hoffte. Glühend brannte die heiße Sonne des Julinachmittags von dem im reinsten Blau glänzenden Himmel herab und schien den dicken Staub förmlich zu erhitzen, welcher die breite, nach Hollenberg führende Chauffee bedeckte und bet jedem Tritte des Wanderburschen in Wolken ausflog. „Uff", murmelte derselbe jetzt, stehen bleibend und mit einem blau- und rothgeblümten Taschentuche sich den Schweiß von der Stirn trocknend, „das wird noch eine schöne Tour die drei oder vier Stunden bis Hollenberg werden, und natürlich läßt sich kein Wagen sehen, der mich vielleicht mitnehmen könnte." In diesem Augenblicke tauchten auf der Landstraße in der Richtung von Krauthausen her dichte Staubwolken auf, die einen von zwei stattlichen Braunen gezogenen offenen, sogenannten Preschwagen umgaben. In dem Wagen aber saß Herr Schwuppke, der sich auf der Heimfahrt befand und höchst eigenhändig kutschirte, da er seinen Knecht zur Besorgung verschiedener Angelegenheiten noch in KrauthMsen zurückgelaffest hatte. Der Felleisenritter schaute auf das näherkommende Geschirr und deffen Führer und rief plötzlich aus: „Donnerwetter, das ist ja der reiche Protz aus dem „Grünen Baum", der so viel zum Besten gab! Wenn ich den: Menschen nur in aller Geschwindigkeit irgendeinen Streich spielen könnte, der Kerl mit seinem dummen, rothen, dicken Gesichte hat mich gleich von Anfang an geärgert, na, vielleicht- findet sich was! Jedenfalls muß er mich aber mitnehmen, da laß' ich nicht locker!" Unterdesien war Schwuppke mit dem Geschirr in der Nähe des Handwerksburschen angelangt und mit flehender Stimme rief nun dieser: „Ach bitte, bitte, lieber Herr, nehmen Sie mich doch gefälligst mit, ich kann bei der Hitze kaum noch vorwärts, und Sie haben doch zwei Pferde vor dem Wagen!" „Hm", erwiderte Schwuppke, die Zügel anziehend und sah sich den Bittsteller mit einem musternden Blicke an, „wo wollt Ihr denn eigentlich hin?" „Nach Hollenberg, lieber Herr!" „Nach Hollenberg?" meinte der Bauer und strich sich mit der Rechten über das fette Kinn, „da könnt Ihr allerdings bis zur Schänke in Kümmelhain mitfahren, von dort biege ich nach Kipsheim ab, während ihr auf der Chaussee weitergeht, dann seid Ihr in einer halben Stunde bequem in Hollenberg. Das ist aber eine große Strecke bis Kümmelhain, ich kann Euch bis dahin nicht umsonst aussitzen lassen, ich will's jedoch billig machen und wenn Ihr eine Mark zahlt, so steigt herein in den Wagen." „ , „Topp", sagte der Handwerksbursche und warf ohne Weiteres sein Felleisen in den Wagen, um dann selber nach- zuklettern und an der Seite Schwuppke's Platz zu nehmen, „es gilt, Sie bekommen in der Kümmelhainer Schänke eine Mark von mir für das Mitnehmen, als Unterpfand haben Sie ja einstweilen mein Felleisen da, das ich nicht für dreißig Mark weggeben möchte." t , Der Bauer nickte, wippte mit der Peitsche und in etwas schwerfälligem Trab setzten sich die Pferde wieder in Bewegung. Der aufgestiegene Paffagier blickte eine Zeit lang wie nach- denklich in die vor Hitze ordentlich zitternde Ferne hinaus, dann legte sich ein schalkhafter Zug um die frischen Lippen des jungen Menschen und verstohlen blickte er seinen Nachbar von der Seite an. Schwuppke, der ein beleibter Mann war, schien offenbar unter den sengenden Sonnenstrahlen sehr zu leiden, denn während er mit der Linken Zügel und Peitsche festhielt, trocknete er sich mit der Rechten, welche ein mächtiges leinenes Taschentuch schwenkte, fortwährend das dicke schweißtriefende Gesicht, dabei immer pustend und stöhnend. „Seht Ihr", Hub er nach einer Weile an, ohne sich jedoch zu seinem Gefährten herumzudrehen, „wie's da drüben schwarz aufsteigt? Wir werden ein tüchtiges Gewitter bekommen, was nach dieser imfamen Schwüle auch wahrhaftig Roth thut, ich glaube, ich vergehe, wenn diese Gluth noch lange andauert." (Schluß solgt.) Vermischtes. Ein praktischer Mann. Wirth (zum Küchenchef): „Heute ist der Braten furchtbar zähe. Machen Sie deshalb die Portionen kleiner, damit es nicht so sehr auffällt." Boshaft. „Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?" — „Nein, ich danke; der Tabak macht mich dumm I" — „Was Sie sagen! Dann waren Sie wohl früher ein starker Raucher?' Ein neues Wort. Student A.: „Ich habe gestern mein Doctor-Examen glücklich bestanden." — Student B.: „Ach, also daher Deine rigorosige Laune!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.