Nr. 116. 1893 Untevhaltrmgsblatt zriin Gietzenev Anzeigev (Geneval-Anzeigev) Dienstag, den 3. Oktober. Dunkle Mächte. Novelle von B. Corony. (Fortsetzung.) Frank fühlte sich wie vom Schwindel erfaßt. Als habe er feuerigen Wein getrunken, so glühte seine Stirn. Nun galt es, des Lebens höchstes Glück von dieser Frau mit dem freundlichen, milden Lächeln, mit den klugen, guten Augen zu fordern, die ihn so mütterlich herzlich bat, zu sprechen. Wie die Leidenschaft ihn durchbrauste I Welch' glänzende, hinreißende Beredsamkeit sie ihm lieh! Ganz blaß wurde die alte Dame. Thränen perlten langsam über ihre Wangen und fielen auf die ineinander verschlungenen Hände. „Mein lieber, lieber Freund," erwiderte sie, als er endlich schwieg, „wohl nie war ich so überrascht und bewegt, als in dieser Stunde. Daß die Liebe in Ihre Brust eingezogen ist, ahnte ich längst, meinte aber immer, Sie hätten unsere kleine Magda erkoren." Er schüttelte den Kopf. „Ein seltsamer Jrrthum! Fräulein von Bodenstein ist mir werth und theuer. Ich rettete sie von schwerer Krankheit und erfreue mich ihres unbegrenzten Vertrauens. Schon deshalb werde ich ihr immer warmes Interesse bewahren. — Rafaels aber gehört meine ganze Seele, und ich halte es für unmöglich, jemals an der Seite eines anderen Weibes das Glück zu finden. Noch liebt sie mich nicht, das weiß ich, aber einem so allmächtigen Gefühle, wie ich es ihr darbringe, wohnt auch allmächtige Gewalt inne. Mit ruhelosem Eifer will ich den Gipfel des Ruhmes zu erreichen suchen, um ihr ein schönes, sonniges, beneidenswerthes Dasein zu bereiten, jeden Stein will ich ihr aus dem Wege räumen und sie empor heben über das Kleinliche, Ernüchternde, was ihren Sinn verletzen könnte. Der Gedanke: „Alles geschieht für siel" wird zum kräftigsten Hebel meiner Bestrebungen werden. Geben Sie mir das Recht, um Rafaele zu werben, und es wird, — es muß mir, wenn auch erst in ferner Zeit, gelingen, ihr keusches, stolzes Herz zu gewinnen." „Ganz gewiß würde es so kommen, wäre dieses Herz noch frei," erwiderte Frau v. Waldau mit tiefem Bedauern. „Und das ist nicht der Fall?" rief Frank. Wie eine Gewitterwolke oft jäh den Horizont verdüstert, so wurde der Ausdruck seines Gesichts finster und beinahe unheilkündend. Die alte Dame, welche mit betrübter Miene vor sich hin blickte, bemerkte es nicht. „Nein —" sagte sie. „Sie haben offen und ehrlich gesprochen, und ich bin Ihnen ebenfalls vollste Aufrichtigkeit schuldig. Keinem Anderen würde ich so gern wie Ihnen die Zukunft meiner Tochter anvertrauen — aber Rafaele hat bereits gewählt. Ich wollte, es wäre nicht geschehen, denn mich so recht einverstanden zu erklären, bin ich außer Stande." „Und dennoch machten Sie Ihre mütterliche Autorität nicht geltend?" Es klang so scharf und tadelnd, daß Frau v. Waldau beinahe erstaunt empor fah. Frank mochte fühlen, er habe sich von seiner Erregung zu weit sortreißen lassen. „Verzeihen Sie meine Heftigkeit — aber das Glück eines so theuren Wesens darf doch nicht gefährdet werden, und wenn Sie kein Vertrauen zu dem Manne faffen können, dem es vielleicht gelungen ist, durch einige glänzende Eigenschaften das unerfahrene Mädchen zu blenden, so wäre es beffer, noch jetzt eine andere Entscheidung zu treffen. In dem alten Sprüch- wort: „Bester kurzer Schmerz, als lange Reue!" scheint mir tiefe Lebensweisheit zu liegen." „Da gebe ich Ihnen ganz recht, lieber -Doctor, man muß indeß auch die Verschiedenartigkeit der Charaktere in Betracht ziehen. Rafaele zeigt in allen Dingen eine Entschlossenheit und Ausdauer, die eigentlich mit ihrem jugendlichen Alter in Widerspruch steht und ist in mancher Hinsicht stärker als ich. Zwar hängt sie mit innigster Zärtlichkeit an mir und würde wohl kaum meinen angstvollen Bitten ein hartes „Nein" entgegensetzen, aber vermag denn ein menschliches Auge überhaupt zu ergründen, was die Zukunft unter ihrem Schleier birgt? — Weiß ich, was meinem Kinde zum Heil oder zum Unheil gereicht? — Sie liebt den jungen Mann und geht vielleicht vereinsamt und verdüstert durch das Leben, wenn ich sie von ihm trenne. Rafaele gehört, glaube ich, zu den Frauen, die ihr Herz nur einmal verschenken, aber dann für immer. Ueberdies habe ich ja bis jetzt gar keinen Grund, die Wahl als eine unwürdige zu erklären. Möglicherweise macht mich ein Vorurtheil ungerecht." „Es ist wohl Ihr Wunsch, diese Verlobung bis auf Weiteres geheim zu halten?" „Allerdings. Ich möchte Zeit gewinnen, zu prüfen - zu beobachten — —" „Dann darf ich natürlich weder hoffen, noch bitten, daß Sie mir nähere Mitthellungen machen?" Frank erhob sich, aber die alte Dame empfand sein Scheiden wie einen Schmerz - ja, mehr noch, es kam ihr vor, als verliere sie eine Stütze und stehe plötzlich allein auf sturmumbrauster Haide. Seit Jahren war sie gewöhnt, bei jeder Gelegenheit zu sagen: „Was meinen Sie, lieber Doctor? - 462 = Sind Sie der Ansicht, daß ich recht thue? Würden Sie mir zu« oder abrathen?" Ein Gefühl der Hülflosigkeit zwang sie, seine Hand zu ergreifen und mit von verhaltenem Weinen zuckenden Lippen zu stammeln: „Nein, nein, so gehen wir nicht auseinander. Begrabe ich doch auch in dieser Stunde meinen liebsten Wunsch. Was ich Änderen gegenüber als Geheimniß betrachte, braucht Ihnen keines zu bleiben. Ich denke viel zu hoch von meinem werthen Freund, als daß ich ihn nicht gern in Alles einweihen sollte. Sie kennen Denjenigen, welchem meine Tochter die ersten köst- lichen Blüthen eines unentweihten Empfindens darbietet. Es ist Erich von Degenfeld." „Er?" rief Georg, und wieder flammte es wie fahles Blitzesleuchten in seinen stahlgrauen Augen auf. „Gnädige Frau — ich fürchte, Sie übereilten sich, indem Sie zu diesem Bunde Ihre Zustimmung gaben. Die Familie Degenfeld steht nicht im besten Rufe." „Ich weiß, worauf Sie anspielen. Erichs Bruder galt für sehr leichtsinnig —" „Er mußte sogar die militärische Laufbahn aufgeben und sich im Ausland einen neuen Erwerbszweig suchen. Bisher wurde uns jedoch noch nicht verkündet, daß er über dem Ocean ein Anderer geworden sei." „Leider nein — doch kann Erich trotzdem nicht ein höchst achtungswerther Charakter fein?" „Ich bestreite diese Möglichkeit nicht, meine aber, Sie hätten sich davon überzeugen müssen, ehe Sie ihm gestatteten, um Rafaele zu werben." „Die Beiden lernten sich auf dem benachbarten Gut Altdorf kennen, wo der jüngere Degenfeld Verwalter ist. Lange, lange sträubte ich mich, nachzugeben. Der junge Mann hat ja eigentlich gar keine Aussichten, indeß wurde er mir als ein sehr tüchtiger, fleißiger und solider Mensch geschildert. Seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Oekonomie verbürgen wenigstens, daß er Clauswitz dereinst vorzüglich bewirthfchaften wird; und so ließ ich mir denn meine Einwilligung abschmeicheln unter der Bedingung, daß die Verlobung erst in einem Jahr veröffentlicht wird, wenn ich mir ein sicheres Urtheil über den künftigen Schwiegersohn gebildet habe." Während Frau v. Waldau sprach, vermochte sie den Blick nicht von den grauen, unschönen und doch so feffelnden Augen abzuwenden. Es war, als sauge sie Muth au» ihnen. „Sie dürfen nicht im Zorn von mir scheiden, lieber Frank, Sie dürfen mich nicht verlassen in dieser schweren Zeit," seufzte sie, sich zurücklehnend. „Zu zürnen habe ich keinen Grund, denn mir wurde kein Versprechen gebrochen," erwiderte er, „aber ob ich jemals wiederkomme — das ist eine andere Sache. Der Selbsterhaltungstrieb wird mich wohl zwingen, Clauswitz künftig zu meiden." „O nein, aus diesen Worten weht mir etwas Fremdes, Unverständliches entgegen. Es liegt zu viel Kraft und Energie in Ihnen, als daß Sie scheuen sollten, den Kampf mit sich selbst aufzunehmen. Ich bin eine alleinstehende Frau und wenn ich Sie bitte, sich meiner anzunehmen, mir zu helfen, wo ich zweifelnd nicht den rechten Weg zu finden weiß — werden Sie es mir dann verweigern?" „Gnädige Frau — Ihnen und Rafaele vermag ich jedes Opfer zu bringen," erwiderte Frank, mit nervöser Hast über seine feuchte Stirne wischend, „aber ich bin ja auch nur ein Jrrthümern unterworfener Mensch — vielleicht ist die Meinung, welche Sie von mir hegen, zu hoch, vielleicht verdiene ich Ihr unbegrenztes Vertrauen nicht. Meine Ehrlichkeit zwingt mich, Sie zu warnen. Sagen wir uns heute lieber auf immer Lebewohl I" „Rein, Georgi Gestatten Sie mir, Sie bei Ihrem Vornamen zu nennen. Es mag süß sein, wenn eine Mutter sich, um Rath und Hülfe flehend, an ihren Sohn wenden darf. — Mir wurde dieses Glück nicht zu Theil — mein kleiner Walter schläft längst unter dem Hügel, den ich Jahr für Jahr mit frischen Blumen schmücke — allein bin ich, allein mit meinem oft so furchtbar belasteten Herzen, und Keinen weiß ich, der mir sagen kann und will: „So mußt Du handeln — jenen Weg mußt Du gehen I" — Wollen denn auch Sie mit kaltem Egoismus von mir scheiden, weil ich möglicherweise voreilig handelte? Mein Gott, ein Mann ist doch stärker, als ein armes, hülfloses Weib, das immer nur der augenblicklichen Eingebung folgt, well es von dem Herzen und nicht von dem Verstände beherrscht wird. — Geben Sie mir Ihr Wort, daß an unseren Beziehungen nichts geändert wird." .„Soll ich das, so muß ich erst ein heiliges Versprechen von Ihnen fordern." „Was verlangen Sie?" „Tiefstes Schweigen über unsere Unterredung. Was ich Ihnen vertraute, muß wie in Grabesnacht geborgen bleiben." „Es war nichts, dessen Sie sich zu schämen brauchen." „Rein, aber eine schmerzende Wunde verträgt keine Berührung. Soll ich ferner Clauswitz besuchen, so darf Rafaele keine Ahnung von meinem Geständniß haben. Ich will nicht, daß sie ihre Unbefangenheit mir gegenüber verliert. Den Schmerz der getäuschten Hoffnung zu überwinden, wird mir ja wohl, wenn auch nicht leicht, gelingen, denn ich verfolge höhere Ziele, bei denen das „Ich" in den Hintergrund tritt - aber wünschen Sie, daß die mir theuer gewordene Gewohnheit, als Arzt und Freund in diesem Hause zu verkehren, auch ferner fortbesteht, so muß ich auf Ihr unbedingte» Schweigen rechnen dürfen." »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß keine Silbe von Dem, was ich hörte, je den Weg über meine Lippen findet." „Und ich baue auf dieses Versprechen! Die Freundschaft und Achtung, welche ich stets für Sie empfand, ist nur noch inniger geworden." „Diese Versicherung macht mich stolz und gewährt mir süßen Trost." Frank zog die Hand seiner alten Freundin an die Lippen. „In vierzehn Tagen feiern wir den Geburtstag meiner Tochter. Richt wahr, Sie werden bei dem kleinen Feste nicht fehlen?" „Es müßten denn unbezwingliche Hindernisse mich abhalten —" »Ich hoffe bestimmt, daß Sie einige Stunden für un» erübrigen." „Wenn ich bis dahin die nöthige Ruhe gefunden habe, sollen Sie mich in dem Kreise Ihrer Gäste nicht vermissen. Jetzt bitte ich um Erlaubniß, Abschied nehmen zu dürfen- Ich muß allein sein." „Auf Wiedersehen, mein theurer, verehrter Freund! Möchte es mir doch vergönnt werden, mich einst an dem Glücke aller Derer, die meinem Herzen nahe stehen, zu erfreuen." „Auf Wiedersehen!" Festen Schrittes ging Frank in den Garten hinab. Er mußte doch eine bewunderungswürdige Herrschaft über sich selbst besitzen. Stolz ausgerichtet war seine kraftvolle Gestalt, wie aus Erz gegossen schienen die unregelmäßigen Züge seiner interessanten Gesichts, nur aus den tiefliegenden Augen schoß es wie eine Flammengarbe, als ihr Blick Erich v. Degen- selb streifte. Magda flog über die smaragdene Wiefenfläche dahin, ihm entgegen. „Schnell, schnell, Herr Doctor! Sie sollen mein Partner sein- Ich bin fortwährend im Verlust. Mit wahrer Sehnsucht wartete ich schon auf Sie." m Alles zitterte und zuckte vor Lebhaftigkeit an dem queck- silbernen Geschöpfchen. „Leider muß ich darauf verzichten, Ihnen in diesem kleinen Kriege helfend zur Seite zu stehen, Fräulein v. Bodenstein," erwiderte Frank. „Ich komme nur, um Abschied zu nehmen. Wichtige Angelegenheiten, deren Erledigung keinen Aufschub duldet, zwingen mich, nach P. zurückzukehren." „O, und ich hoffte, Sie würden uns diesen Abend schenken. Wie schnell der frohe Ausdruck in dem zarten Gesichtchen erlosch! Wie sich die mächtigen Brauen fast zürnend zusammenzogen! Der rothe Mund bebte, wie der eines verzogenen Kinde», - 463 B welche» plötzlich auf das versprochene Vergnügen verzichten muß, und die Füßchen trippelten nervös und ungeduldig hin und her. Magdas ganzes Wesen war, wenn man so sagen darf, transparent, aus jeder Mene, aus jeder Bewegung sprach die heiße, ruhelose Seele. Er hielt die feine Hand, die sich ihm entgegengestreckt hatte, heute länger fest als sonst und sah forschend in das Antlitz des Mädchens, doch dieser Blick war ein kühl und nachdenklich prüfender. Auch der schärfste Beobachter hätte kein flüchtiges Aufglühen in demselben wahrnehmen können. „Bei einer späteren Gelegenheit will ich Ihnen helfen, sich an Ihren Gegnern zu rächen, Fräulein v. Bodenstein," scherzte der Arzt, aber das Lächeln, mit dem er sich vor den übrigen Anwesenden verneigte, hatte etwas Eisiges. Eilig und eine gewisse Zerstreutheit beweisend, nahm er Abschied. „Wie seltsam Frank doch zuwellen sein kann," zürnte Magda. „Vermuthlich beschäftigt ihn gerade die Lösung eines wissenschaftlichen Räthsels," entschuldigte ihn Fritz Werner. „Nun, dann lassen wir ihn seine hohen Ziele verfolgen und nehmen unsererseits das Spiel wieder auf," sagte Rafaels ungeduldig. Das goldrothe Haar zurückschüttelnd, die Nixenaugen strahlend vor Vergnügen, griff sie nach dem zierlichen, bunt bemalten Hammer und setzte den schmalen Fuß auf den vor ihr liegenden Ball. III. In den äußeren Beziehungen zwischen dem Arzte und den drei Damen änderte sich nichts, und es würde ihm wohl kaum Jemand angesehen haben, daß seine theuersten Hoffnungen gescheitert waren. Man konnte höchstens noch tiefere Schatten auf seiner Stirn und einen noch herberen Zug um seinen Mund bemerken. Aber dieser Ernst und diese Strenge, die mit dem Hervorbrechen blendender Geistesfunken abwechselten, machten den Mann der Wissenschaft, den Denker, nur um so interessanter. Wenn Frank auch keineswegs schön und ebensowenig in gewöhnlichem Sinne des Wortes liebenswürdig war, so gab es doch genug unter seinen Patientinnen, die für ihn schwärmten und ihn viel glänzenderen Gesellschaftern vorzogen. E« umgab ihn eben ein gewisser Nimbus- „Vielleicht wird er einst zu jenen Größen gehören, die der Stolz ihres Vaterlandes sind und sogar den ihnen Nahestehenden eine Art von Berühmtheit verleihen," hieß es. Es handelte sich da freilich nur um ein Vielleicht — aber was ist denn überhaupt sicher und verbürgt auf dieser Welt? Frank bewohnte in P. mit seiner Mutter ein kleines Haus, welches ihr gehörte. Das einstöckige Gebäude umschloß nur wenig Räume. Man kam zuerst in ein ziemlich • bescheiden möblirtes Wartezimmer und dann in ein schmales, einfensteriges Gemach. Hier befanden sich mehrere Bücherschränke und der Schreibtisch, von welchem ein Todtenkopf herunter grinste. „Ich mag das unheimliche Ding nicht sehen. Schließe es doch in den Schrank," sagte die alte Frau oft. „Wenn ich den Staub wische, ist es mir immer, als verhöhne mich das fleischlose Gesicht." „Er bleibt auf dem Platz, den ich ihm eingeräumt habe," pflegte der Arzt mit eigensinniger Bestimmtheit zu erwidern. „Ich weiß nicht, auf wessen Schultern er einst saß und was für Gedanken und Pläne ihn durchkreuzt haben mögen, aber er kommt mir vor wie ein Philosoph, der über alle irdischen Thorheiten und über die Vergänglichkeit selbst lacht. Deshalb soll mein guter Kamerad, dessen Anblick mir so viel zu denken giebt, nicht verdrängt werden." Von der rechten Seitenwand des Arbeitszimmers aus führte eine Thür in den Salon. Dieser war bis zum Dämmerlicht verdunkelt, von allen Fenstern wallten Vorhänge herab. Hier konnte man auch eine Art Luxus bemerken. Ein dicker Teppich mit sehr sanft abgetönten Farben bedeckte den Boden. Die Tapeten zeigten ein mattes Sllbergrau. Portieren, deren Farben mit denen de» Teppichs harmonirten, verhüllten die Thüren. Bilder, Spiegel, Statuetten und Vasen fehlten. Gepolsterte Bänke zogen sich längs den Wänden hin, Armstühle standen in den Ecken, und von dem Plafond hing eine große chinesische Ampel herab. Die vorhandenen Möbel schienest alle weich und schwellend, nirgends gewahrte man eine Holz, lehne. So still wie in einem verzauberten Schloß war es hier, nicht einmal das Ticken der Uhr wurde gehört. In diesem Salon nahm Frank seine hypnotischen Experimente vor. Einige nach dem Hof liegende Zimmer benützten er und seine Mutter als Wohnräume und ein Kämmerchen neben der Küche diente der Magd zum Aufenthalt. In dem kleinstädtischen P. war es dem Arzt bisher noch nicht gelungen, rechtes Interesse für die überraschenden Wir» kungen des Hypnotismus wach zu rufen, den er hauptsächlich im Dienste der Heilkunde verwenden wollte, mithin hatte er auch noch keine nennenswerthen therapeutischen Erfolge, wie sie sein Ehrgeiz ersehnte, erzielt. Viele fanden sich wohl, von Neugierde getrieben, ein, aber der größte Theil faßte die Sache als Scherz oder pikanten Zeitvertreib auf, concentrirte die Aufmerksamkeit nicht genügend, ließ die wichtigsten Bedingungen unerfüllt, oder gehörte überhaupt nicht zu den hypno- tisirbaren Personen. „Ein Charlatan, der durch äußeres Blendwerk den Leuten Sand in die Augen zu streuen vermag, kommt jedenfalls schneller vorwärts, mein lieber Georg," sagte Frau Frank oft. „Ich will natürlich, daß Du auf dem reellen Boden bleibst, aber die Möglichkeit, anders aufzutreten, möchte ich Dir wohl gönnen. Das in allzu einfachem Gewand umhergehende Verdienst wird nun einmal von der blinden und genußsüchtigen Menge nicht genug gewürdigt." Auf derartige Bemerkungen antwortete er ebenso kurz und ablehnend, als auf alle Fragen in Betreff Rafaelens. Seine Unterredung mit Frau v. Waldau war auch der Mutter bisher ein Geheimniß geblieben. Sie ahnte nicht, daß die Hoffnungen des Sohnes bereits den Todesstoß empfangen hatten. Zwei Wochen zogen vorüber, und als der schönen Blondine Geburtstag gefeiert wurde, sandte Frank einen reizend arrangirten Blumenkorb nach Clauswitz und erschien im Laufe des Nachmittags, um dem ländlichen Feste beizuwohnen, welches übrigens einen doppelten Zweck hatte, denn Fritz Werner sollte sich verabschieden, um eine größere Universität zu besuchen und unter der Leitung des berühmten und viel genannten Professors Br. seine Studien zu vollenden. Einerseits dachte der junge angehende Arzt freilich mit Bedauern an die Abreise, denn Magdas schwarze Augen, aus denen bald Melancholie, bald schwärmerische Gluth und sinnberückende Leidenschaft, bald allerliebste Schelmerei sprachen, übten magnetische Anziehungskraft auf ihn aus. Das Mädchen ahnte wohl kaum etwas davon. Ihre Koketterie war eine vollkommen unbewußte; wie der Kolibri fein glänzendes Gefieder im Sonnenstrahle schillern läßt, so entfaltete sie ihre körperlichen und geistigen Vorzüge, absichtslos und ohne Berechnung. Die jungen Landschönen, welche Rafaels um sich zu versammeln liebte, brachten Frank eine besondere Ovation dar. Sie hatten gehört, daß es demselben geglückt war, zwei Ner» venleidende durch die geheimnißvolle Macht der Suggestion zu heilen, und überreichten deshalb einen Kranz, zu welchem jede eine Blume gespendet. Die herrliche, purpurrothe, in der Mitte prangende Rose war von Fräulein v- Bodensteins kleiner Hand gebrochen, während Rafaele, wohl nur der Form wegen und um dem Wunsche der Mutter zu willfahren, eine weiße Aster den bunten Blüthen hinzufügte. Schwere blaue Atlasschleifen zeigten in kunstvoll ausgeführter Arbeit die Namen der jugendlichen Geberinnen. „Zu viel, meine Damen I Sie beschämen mich," sagte der Doctor, die Gabe in Empfang nehmend. „Zu wenig I" rief Magda. „Sollte Ihr Verdienst nut annähernd gewürdigt werden, so müßten wir Ihnen Blumen, aus Edelsteinen geformt, darreichen, anstatt dieser armen, schnell verwelkenden Kinder des Sommers." Er sagte ihr warme Worte des Dankes, doch sein Blick suchte dabei die wunderbaren, wie ein grüner See strahlenden Augen Rafaelens, und diese zeigten einen kühlen, stolzen Ausdruck, in dem man nichts von begeisterter Bewunderung wahrnehmen konnte. (Fortsetzung folgt.) S 464 -- Geineinnütziges. Holländischer Lampenschleier. Eine lohnende und zugleich amüsante Arbeit bietet die Anfertigung des nachstehend beschriebenen, sehr hübschen, duftigen Lampenschleiers, der aus Seidenpapier hergestellt wird. Man wähle zwei gut zu einander stimmende Farben oder auch zweierlei Schattirung der gleiche« Farbe. Besonders geschmackvoll z. B. macht sich die Zusammenstellung von hellrosa und mattem Grün. Vier Bogen Seidenpapier sind zu einem Lampenschleier erforderlich, Diese breitet man ganz auseinander, legt sie darauf der langen Seite nach zusammen, und schlägt sie dann nochmals, jetzt jedoch in der entgegengesetzten Richtung, über einander. Dann legt man die vier in derselben Weise gefallenen Bogen feto accurat aufeinander und heftet sie dann an der langen, offenen Seite zusammen, fünf Centimeter vom Rande entfernt. Hierauf schneidet man mit sehr scharfer Scheere vom geschloffenen unteren Ende bis zum Reihfaden hinauf lauter schnnle, etwa */i Centimeter breite Streifen; sodann löst man den Faden und nimmt die einzelnen Bogen auseinander, um sie dann zwar in derselben Weise zu falten, nur daß jetzt die Bogen gekehrt werden, also die Innenseiten nach äußen kommen und umgekehrt. Dann heftet man die Bogen nochmals, indem man gleichzeitig ein schmales, 1 Centimeter breites Bändchen in entsprechender Farbe direct oberhalb der Streifen aufnäht. Den letzten Rand von 4 Centimeter« schneidet man in federarttg feine Streifchen, die über ein Messer gekräuselt werden. An dem aufzunähenden Bändchen müssen so lange Enden bleiben, daß man beim Umlegen des Schleiers um die Lampenkugel denselben durch ein Schleifchen zusammenbinden kann. e Beseitigen von Blutflecken aus Fußböden. Das beste Mittel hierzu ist Abreiben oder Scheuern der Fußböden mit einem Gemisch von 24 Theilen Waffer und einem Theile Schwefelsäure. Ist der Flecken zerstört, so scheuert man mit reinem Waffer, auf keinen Fall aber mit Seife, da sonst ein Fettfleck entstünde. Sollte noch Säure im Holze sein, so kann diese durch etwas Lauge oder Asche unschädlich gemacht werden. ♦ • ♦ Das Schwärzen der Eisenblechtafeln geschieht auf folgende Weise: Die Tafeln werden zuerst mit Leinöl gestrichen und hierauf soweit erhitzt, daß das Oel herunterbrennt, wodurch die Oberfläche kohlschwarz wird; die Schwärze widersteht der höchsten Temperatur. Die Tafeln werden getrocknet und mit Benzin oder einer Sodalüsung abgerieben. L. T. Vermischtes. Ein höflicher Stallknecht. „Nun, wie geht es den Pferden, Johann?" — „Danke, gut — und Ihnen, Herr Baron?" ♦ ♦ • Unliebsame Veränderung. A.: „Nun, wie geht's denn Ihrem Sohn, dem Studenten?" — B.: „Hm, seit der studirt, hat er sich sehr zu meinem Nachtheil verändert." ' Ungleiches Verhältnis A.: „Wie kann man so faul sein? Warum wollen Sie die Bergpartie nicht mitmachen?" — B.: „Gott, wie heißt „faul"? Der Berg hat 4000 Fuß und ich nur zwei. Das Verhältniß ist mir zu ungleich!" * Entschuldigungs-Schreiben. Meine Tochter konnte gestern die Schule nicht besuchen, da sie stark hustete und schnupfte. Pemsel, Maurermeister. Falsch verstanden. Johann (zum Stubenmädchen): „Sie haben aber emal hübsche Hände, Kathie!" — Kathie: „Das findet die Gnädige auch." — Johann: „Die Gnädige, wie so?" — Kathie: „Sie sagte neulich: Der Kathie muß man den ganzen Tag — auf die Finger sehen!" Muscha Muhe in Hießen. Am 30. Juni dieses Jahres gab es in dem unter Ludwig Barnays Leitung stehenden Berliner Theater einen Abschied mit so viel Thränen, Blumen, Lorbeerkränzen und sonstigen Ovationen, wie unser modernes Theaterpublikum, speciell die verwöhnten Berliner, es nicht mehr für möglich gehalten hätten. Nuscha Butze trat zum letzten Male auf, um fortan ohne festes Engagement eine Gastspiel-Tournee durch Deutschland zu veranstalten. Die gefeierte Künstlerin wird bei dieser Gelegenheit auch Gießen berühren und, soviel wir erfahren, in drei hervorragenden Rollen im Neuen Theater auftreten. Mit seltener Einmüthigkeit wurde sie während der ganzen Dauer ihrer Berliner Wirksamkeit nicht nur.vom Publikum, sondern auch von den Spitzen der Kritik — voran die Herren Dr. Paul Schlenther, Eugen Zabel, Julius Keller, R. Elcho rc. — als Menschendarstellerin von hinreißender Leidenschaft und unvergleichlicher Naturwahrheit gepriesen und gefeiert. Der ihr im Rang ebenbürtige Wiener College, Adolf von Sonnenthal, gilt als ein Meister der Reflexion; Nuscha Butze ist eine Meisterin der — Natur. Sie kennt kein „Ueber der Situation stehen", sie kennt nur eine grenzenlose Hingebung an den zu schaffenden Character und ein unbewußtes, schrankenloses Aufgehen in des Dichters Phantasiegeschöpsen. Die zarten Formen ihrer jugendlichen Gestalt, das sprechend-schöne Augenpaar, ihr fein nuancwtes Geberdespiel — ein Cabinettsstück körperlicher Beredsamkeit —, ihr weiches, biegsames Organ stehen, beinahe ihr selbst unbewußt, im Dienste eines gewissen Etwas, das auf keiner Theaterakademie angelernt werden kann, das auch dem strebsamsten und feinfühligsten Künstler unerreichbar bleibt. Shakespeare nennt es „die Bescheidenheit der Natur". Der Theaterdirector nennt es Talent. Der unbesangene Zuschauer nennt es Himmelsgabe. — Ludwig Barnay wird den mächtigsten Pfeiler seines Repertoires in der Künstlerin schmerzlich zu vermissen haben. Hatte er sie doch selbst erst gelegentlich eines Gastspieles m Wiesbaden tm Jahre 1888 kennen und schätzen gelernt, um sie dann mit schweren Opfern für Berlin zu gewinnen. Der großen Bäderstadt verdankt Fräulein Butze Viel — vielleicht Alles. Hier wurden im trauten und innigen Verkehr mit der kunstsinnigen Geigerfamilie Wilhelms manche zarten und versteckten Knospen ihrer schlummernden Künstlerseele ans Licht gezogen und zur herrlichsten Blüthe entfaltet. Das Haus Wilhelm; ward eine fürsorgliche Pflegestätte ihrer im Werden begriffenen Gestaltungskraft. Selbst der weißhaarige Dichter der Lieder des Mirza- Schasfy, dem sonst jeder persönliche Verkehr mit der Oeffentlichkeit zuwider war, rüstete sich zu ihrem Abschied von Wiesbaden mit folgenden Jamben: „Chorführer soll ich sein der langen Reihe Verehrer, die ein freundliches Vermächtniß — Das ihren Wünschen sichtbar Ausdruck leiht — Dir widmen möchten: sie Dir in's Gedächtnis; Zurückzurufen, wenn in müßigen Stunden Du an die Jahre denkst, die hier entschwunden, — Bald wirst Du in der Hauptstadt Glanz Dich sonnen, Was hier verloren geht, wird dort gewonnen; Und wer wie Du weiß, spielend zu erheitern, Kann der Verehrer Kreise schnell erweitern. Natur und Kunst kommt Dir dabei zu Nutze, D'rum wird das Glück Dir treu sein, Nuscha Butze." Eine ganze Galerie intereflanter Frauengestalten ist im Geleite der uns von Herrn Reiners angekündigten Gästin. Welch' eine unendliche Fülle von Tönen schlummert in dieser zarten Frauenbrusti Für jedes Gefühl, für jede Regung, für die wuchtigsten Accente, für den leisesten Hauch weiß sie in ihrem Seelenregister die richtige Taste anzuschlagen. Der Hörer wird mitgerissen, muß Mitempfinden, mag ihr Mund verkünden — das gemüthvolle Geplauder von Minna (Mmna von Barnhelm), die geistvolle Schärfe von Porzia (Kaufmann von Venedig), die leidenschaftliche Gluth von Claire (Hüttenbesitzer), den herrschsüchtigen Trotz von Thekla (Wallenstein), den neckischen Ueber- muth von Cyprienne (Cyprienne), die treuherzige Derbheit von Emilia (Othello) rc. — Gar manchem unserer allerjüngsten, Dem Boden der sogenannten Moderne entsprossenen Bühnenstück wurde durch ihre hinreißende Gestaltungskraft und ihr zielbewußtes Selbstschaffen wenigstens für die kurze Spanne eines Abends blutwarmes Leben eingehaucht. Man sprach oft von einem Butze-Abend und so nebenbei auch von dem neuen Autor des neuen Stückes. . . Wir wissen schließlich nicht, in welchen Rollen Fräulein Butzedie Bühne des Neuen Theaters betritt. Jedenfalls wird es, den Verhatt- nissen unseres Instituts angemessen, im bürgerlichen Schauspiele geschehen müssen. B—r- Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.