Untephaltung-blatt jttm Gießen«»- Anzeige»- (Geneval Anzeige»-) Nr. 90 1893 - ; i'-wrM li-i'j'-q ngnrr^ Donnerstag, den 3. August. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Schluß.) Bernhard Rodewaldt neigte bejahend das Haupt. „Es ist keine Verletzung meiner Pflicht, wenn ich diesem Verlangen willfahre, und sollte man eine solche dennoch darin erblicken, so nehme ich die Verantwortung auf mich. Hast Du sonst noch einen Wunsch, durch besten Erfüllung ich Deine Lage zu erleichtern vermag?" „Nein — keinen Wunsch mehr; nur eine Frage. Ich gedenke noch an diesem Abend Abschied zu nehmen von meiner Schwester. Soll ich ihr irgend einen Auftrag von Dir über» bringen?" Der Staatsanwalt sah ihn verständnißlos an. „Einen Auftrag? - Was sollte ich ihr gerade durch Dich zu sagen haben?" „Das heißt: Du selber wünschest ihr mitzutheilen, was Du ihr nicht ersparen kannst? — nicht wahr?" „Ich verstehe Dich immer weniger. Willst Du Dich nicht etwa deutlicher erklären?" „Nun, ich meine, die Erklärung läge nahe genug. Die Verhältnisse sind nicht mehr dieselben wie an jenem Abend, da Du Dich um die Hand meiner Schwester beworben. Du wirst Dich ohne Zweifel erinnern, wie ungeschickt und tactlos ich mich damals mit der vorzeitigen Bekanntgabe Eures Verlöb» nisses und mit meinem Eifer, dasselbe überhaupt herbeizusühren, benahm. Ich las Dir's vom Gesicht ab, wie verstimmt Du darüber warst, und Du hattest ja auch ein gutes Recht dazu. Aber die Angst vor einer Entdeckung, die mich seit der Stunde peinigte, da ich den verhängnißvollen Federzug gethan, sie war es, welche auch an diesem meinem Beginnen ihren Antheil hatte- Ohne daß ich mir darüber klar gewesen wäre, welcher ? einer Katastrophe daraus erwachsen >Ee, hatte ich ern rnstinctives Verlangen, mich Deiner Freund« schäft zu versichern und es war etwas wunderbar Beruhigen« des für mich in dem Gedanken, daß die engsten Verwandtschaft« sichen Bande uns verknüpfen sollten. Ich armer Thor hatte x f Besinnung genug, um mir zu vergegen« wärtigen, daß Du in lebem Fall Deine Schuldigkeit thun mußtest und daß jene Bande überdies für zerrissen gelten konnten in dem nämlichen Augenblick, da die Voraussetzungen nicht mehr zutrafen, unter denen Du meiner Schwester Deine Hand angetragen. Um die Tochter eines ehrlichen, unbescholtenen Hauses hast Du gefreit, nicht um die nächste Verwandte eines Wechselfälschers und Betrügers. Alle Welt wird es nur selbstverständlich finden, wenn Du Dein Verlöbniß an dem näm- lichen Tage aufhebst, an welchem meine Schande vor der Oeffentlichkeit ruchbar wird." „Das also war es, worauf Deine räthselhaften Worte abzielten I — Nun, Du mußt es in der That sehr wenig aufrichtig gemeint haben mit Deiner Freundschaft für mich, wenn Du mich einer so jämmerlichen Characterlosigkeit, einer so feigen Verrätherei für fähig halten konntest. Welchen Antheil hat Elfriede an Deinem Vergehen? Und was kümmert mich die Meinung der thörichten Welt?" Auf dem verwüsteten Antlitz des jungen Arztes leuchtete es noch einmal auf wie ein Sonnenstrahl wirklicher Freude. „Bernhard, ist das Dein Ernst? Meine arme Schwester soll also nicht büßen für meine Schuld? — Du wirst Dein Wort einlösen trotz Allem, was geschehen ist und was etwa noch weiter geschehen könnte?" „Wie durftest Du daran zweifeln? Deine Handlungsweise konnte mich in einen Zwiespalt bringen mit meiner Pflicht, nimmermehr aber in einen Zwiespalt mit meiner Liebe für Elfriede. So lange sie selber das Versprechen nicht bereut, welches sie mir gegeben —" „Sie?" unterbrach ihn Ernst Hallenstein stürmisch. „O, Du weißt ja gar nicht, wie sehr sie Dich liebt — wie tapfer sie Alles zum Opfer bringen wollte um Deines Besitzes willen! - Noch hast Du ja nicht Alles gehört, was ich Dir zu be- richten habe. Ich zögerte, Dir auch dies Letzte zu erzählen, weil ich Deine Gesinnung nicht kannte und weil ich fürchtete, das Unglück zu beschleunigen, dar ich über Elfriedens geliebtem Haupte schweben sah. Nun aber darf ich ruhig sprechen; ja, ich habe die Pflicht dazu; denn ich weiß, daß Du ihrer Handlungsweise keine unwürdige Deutung geben und daß Du nicht zögern wirst, als ihr Verlobter zu rächen, was ihr Bruder leider nicht mehr zu rächen vermochte-" Und er erzählte erst jetzt von der Bedingung, die ihm Julius Stirner gestellt, von seiner Unterredung mit Elfriede und von ihrem Besuch in der Wohnung des ehemaligen Rechtsanwalts. Als er mit anschaulicher Lebhaftigkelt, die durch die Frische der Erinnerung bis zu heftigster Erregung gesteigert wurde, die schmachvolle Scene schilderte, die ohne seine Dazwischenkunft vielleicht ein ungleich schlimmeres Ende für Stirner genommen haben würde, da schien auch Bernhard Rodewaldt für eine kurze Zeit seine Fassung zu verlieren. Er stürmte mit langen Schritten im Zimmer auf und nieder; alle Muskeln seines Antlitzes waren in heftigster Bewegung und er stieß wilde, abgebrochene Verwünschungen gegen den Elenden aus, der es gewagt hatte, das geliebte Mädchen in so uner« 358 hörter Weise zu beschimpfen. Aber die hochgehenden Wogen des Zornes vermochten seine Selbstbeherrschung nicht lange zu erschüttern. Noch ehe Hallenstein geendet, war er äußerlich wieder gefaßt und ruhig; aber die eisigkalte Entschlossenheit, die sich jetzt in seinen Zügen ausprägte, würde dem ehemaligen Rechtsanwalt, wenn er hätte ein Zeuge dieser Unterredung sein können, vielleicht noch weniger behagt haben als die früheren Ausbrüche einer nur zu begreiflichen Wuth. „Du magst unbesorgt sein," sagte er. „Ich werde die beleidigte Ehre meiner Braut zu rächen wissen, wie es meine heilige Pflicht ist, und jener Nichtswürdige wird eine Strafe empfangen, die er bis an das Ende feines Lebens nicht mehr vergißt. — Ich selber bin an diesem Abend nicht fähig, Elfriede zu sprechen, und ich bin überzeugt, durch mein Fernbleiben nur ihren eigenen Wünschen zuvor zu kommen. Du aber sollst nicht länger zögern, zu ihr zu eilen und sie zu beruhigen, soweit unter diesen traurigen Verhältnissen von einer Beruhigung die Rede sein kann. Sage ihr, daß meine Liebe nicht minder stark sei, als die ihrige, und daß sie in jeder Probe bestehen werde. Sage ihr — doch nein, sage ihr nichts weiter, als daß ich sie liebe und sie wird daneben keiner überflüssigen Betheuerungen mehr bedürfen I — Du aber, mein armer Ernst —" Der junge Doctor machte eine abwehrende Handbewegung. „Fangen wir nicht erst noch einmal an, von mir zu reden, Bernhard! -«• Mein Schicksal ist ja besiegelt und abgethan- Ich danke Dir von Herzen für die Milde und Güte, welche Du in dieser schweren Stunde für mich gehabt hast und wenn Du dereinst an der Seite meiner Schwester so glücklich sein wirst, als Du es verdienst, magst Du zuweilen mit einer kleinen Regung des Mitleids zurückdenken an einen armen Verlorenen, der zwar schwer gefehlt, doch sicherlich auch schwer gebüßt hat- — Gute Nacht!" Er hatte es geflissentlich vermieden, dem andern seine Hand zum Abschied darzubieten; denn er mochte wohl fürchten, daß der Staatsanwalt die Hand des Fälschers zurückweisen würde; aber er war noch an der Thür, als Rodewaldt ihm nacheilte und ihn in seins Arme schloß. „Gute Nacht — mein armer, armer Freund!" Zwei schwere, brennend heiße Thränen rannen über Ernst Hallensteins Wangen; dann aber riß er sich fast gewaltsam los, winkte noch einmal mit der Hand und stürzte aus dem Zimmer. Erst als sein Schritt auf der Stiege bereits verhallt war, fiel dem Zurückgebliebenen die Bedeutsamkeit feiner letzten Worte schwer auf die Seele. Und mit einem Male durchzuckte i.n wie ein Blitzstrahl das rechte Verständniß derselben — die Erkenntniß, daß der Richter, dem Ernst Hallenstein sich seinem Versprechen gemäß nicht entziehen wollte, ein anderer sei als der, an welchen er selber dabei gedacht. Es war kein Zweifel, daß der Unglückliche sich mit dem Gedanken an einen Selbst» inord trug, und wenn der Staatsanwalt irgend etwas übernehmen wollte, ihn an der Ausführung zu hindern, so durfte er jedenfalls keine Minute ungenutzt verlieren. Ohne Besinnen griff er dann nach seinem Hute und eilte auf die Straße hinab, fest überzeugt, daß der Doctor noch keinen großen Vorsprung gewonnen haben könne. Die spärlich beleuchtete Straße war still und ganz von Menschen verlassen. Auch von dem Gesuchten sah Bernhard Rodewaldt in der abendlichen Dunkelheit nicht» mehr; aber er hatte in schnellster Gangart noch nicht fünfzig Schritte zurückgelegt, als er aus geringer Entfernung den scharfen Knall zweier rasch aufeinander folgender Schüsse und unmittelbar danach die wohlbekannte Stimme des jungen Arztes vernahm, der in schmerzlichen Lauten rief: „Ach — Mörder — Mörder Man hat mich erschossen!" Mit Daransetzung seiner ganzen Kraft eilte der Staatsanwalt auf die Stelle zu, wo das Entsetzliche sich zugetragen haben mußte. Die Finsterniß hinderte ihn noch daran, irgend etwas von dem Geschehenen zu erkennen, plötzlich aber gewahrte er eine lange, dunkle Gestalt, die geräuschlos wie ein Schatten, dicht an die Mauern der Häuser geduckt, dahinhuschle. „Wer da? — Halt!' schrie er sie an, und da dec Un« bekannte seinen fluchtartigen Lauf jetzt nur noch schneller fort- etzte, holte er ihn mit einigen Sätzen ein und packte ihn in eisernem Griff mit beiden Fäusten. „Hund — verdammter! Laß mich los — oder es kostet Dich Dein Leben!" zischte es ihm entgegen, und mit schier ibermenschlicher Anstrengung suchte der Ergriffene sich seinen Armen zu entwinden. Rodewaldt rief laut um Hilfe; denn er fühlte, daß trotz seiner überlegenen Kraft der Ausgang des Kampfes mit diesem Verzweifelten ein sehr ungewisser sei. Mit aller Anstrengung seines hageren, sehnigen Leibe» trachtete Jener danach, los zu kommen, während der Staatsanwalt versuchte,, seinen Gegner zu Boden zu reißen. Dabei taumelten sie in' ihrem wilden Ringen wohl um ein Dutzend Schritte weiter bis in den Lichtkreis einer düster brennenden Laterne, — und als der flackernde Schein auf das Antlitz des Staatsanwalts fiel, schrie plötzlich der Andere, während seine Arme wie vom Entsetzen gelähmt schlaff herabsanken, gellend auf: „Du — Du — I Tod und Teufel — ich habe einen Unrechten getroffen I" — Ein Faustschlag Bernhard Rodewaldt» hatte ihn niedergestreckt und er machte kaum noch einen weiteren Versuch, sich zur Wehre zu setzen. Wenige Minuten später hatten zwei - durch die Schüsse und das Geschrei herbeigerufene Schutzleute den ehemaligen Rechtsanwalt Julius Stirner mit auf den Rücken gebundenen Händen in ihre Mitte genommen. Bernhard Rodewaldt aber kniete neben dem regungslosen Körper eines Tobten, dessen junges und doch schon so verfallenes Antlitz im Augenblick des Sterbens einen wundersamen Ausdruck beinahe heiteren Friedens angenommen hatte. Einer von den Neugierigen, die sich rasch angesammelt hatten, hob das Mordwerkzeug auf, mit welchem das Verbrechen vollführt worden war, einen zierlichen, anscheinend sehr kostbaren Revolver mit stlbertauschirtem Lauf. Drei Monate später standen sich Doctor Julius Stirner und Bernhard Rodewaldt noch einmal in demselben Schwurgerichtssaale gegenüber, in welchem dereinst der Grund zu ihrer Feindschaft gelegt worden war. Aber die Rollen waren wesentlich anders vertheilt, als bei jener Verhandlung gegen den Mörder des geizigen Fräuleins. Der Staatsanwalt, der inzwischen in einen anderen Gerichtsbezirk versetzt worden war, trat heute nur als Belastungszeuge auf, — der ehemalige Ver- theidiger aber saß auf der Bank der Angeklagten, und sein Leben war es, um welches heute die ehernen Würfel geworfen wurden. Die Beschuldigung, welche gegen ihn erhoben war, lautete auf vorsätzliche Tödtung eines Menschen und fein Schicksal schien im Vorhinein besiegelt, denn er war ja unmittelbar nach Verübung der ruchlosen That auf dem Schauplätze derselben ergriffen worden, und die Fülle der Belastungsmomente, welche die Anklage während der Voruntersuchung gegen ihn zusammengetragen, war von geradezu erdrückender Wucht. Und der wegen seines Scharfsinns einst so hoch gerühmte Rechtsanwalt war denn auch viel zu klug, um seine Sache durch zweckloses Leugnen zu verschlimmern. Er hatte sich vielmehr für eine andere Tactik entschieden, von der er aus seiner Praxis wußte, daß sie sich schon mehr als einmal gut bewährt habe. Er verweigerte einfach jede Aussage, wie er es schon bei seiner ersten Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter gethan, und er überließ es dem Gerichtshöfe, den Beweis für feine Schuld zu erbringen. Wenn auch der Eindruck, den ein solches Verhalten auf die Geschworenen hervorbringen mußte, ohne Zweifel ein für den Angeklagten ungünstiger war, so wurde doch dadurch auch zugleich bei den ängstlicheren Naturen unter ihnen manche von jenen Zweifeln wachgehalten, mit denen zart besaitete Gemüther die verworfenen Handlungen ihrer Mitmenschen zur eigenen Beruhigung gern in ein milderes Licht zu rücken versuchen. Es wurde durch die Beweisaufnahme als unzweifAhast festgestellt, daß die beiden Kugeln, durch welche Doctor Ernst 359 Hallenstein meuchlerisch aus dem Hinterhalt getödtet worden war, nicht ihm, sondern dem Staatsanwalt Bernhard Rode- waldt gegolten hatten — durch die annähernd gleiche Figur der beiden Männer und durch den Umstand, daß der junge Arzt aus der Wohnung des Staatsanwalts gekommen war, mußte der Jrrthum des Verbrechers veranlaßt worden sein. Er war seinem Opfer allem Anschein nach eine kurze Strecke unbemerkt gefolgt und hatte dann aus nächster Nähe die beiden Schüsse, von denen jeder einzelne unbedingt tödtlich gewesen wäre, gegen seinen Kopf abgegeben. Auch über die Beweggründe seiner That verbreitete die Beweisaufnahme Licht genug, wenngleich die Verirrung des Tobten bei der Verhandlung nicht mit einem einzigen Wort zur Sprache kam und roetm auch der Name Elfriedens nur sehr selten genannt wurde. Trotzdem bewährte sich die con- sequent durchgeführte Tactik des Angeklagten wenigstens insofern, daß die Geschworenen mit einer Majorität von zwei Stimmen die Frage nach dem Vorliegen eines Mordes verneinten und Julius Stirner nur des Todtschlages schuldig sprachen. Der Gerichtshof erkannte auf eine Zuchthausstrafe von fünfzehn Jahren, und Stirner antwortete auf die Frage des Präsidenten, ob er sich bei dem Urtheil beruhigen wolle, mit einem spöttischen Lächeln: „Ich habe ja während der nächsten anderthalb Jahrzehnte Zeit genug, mir das zu überlegen." In der Kirche des stillen Landstädtchens, in welches sich der Gymnasialdirector Professor Hallenftein nach seiner Pen- sionirung zurückgezogen hatte, um hinfort nur noch seinen literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu leben, wurde weitere zehn Monate später die Vermählung Elfriedens und Rodewaldts vollzogen. Die Erinnerung an das Vergangene warf wohl noch einen tiefen Schatten auf ihr geräuschloses Hochzeitsfest; aber das hohe und heilige Glück, das ihre jungen Herzen erfüllte, konnte selbst durch den Gedanken an den theuren Preis, mit welchem sie es bezahlt hatten, nicht mehr beeinträchtigt werden. Gsineinnütziges. Gebrauch alten Zeitungspapieres. Altes Zeitungspapier hat bekanntlich den Geruch der Druckerschwärze an sich und macht dessen Anwendung daher nicht immer möglich. Der in New-Dork erscheinende „Fortschritt der Zeit" gibt die Thatsache als ganz sicher an, daß Zeitungspapier von Motten niemals angefressen wurde, denn die Druckerschwärze wirkt so gut wie Kampfer und es ist deshalb auch vortheil- haft, alte Journale unter die Stubenteppiche zu legen, um Mottenfraß zu verhindern; ebenso hat es sich bewährt, Pelzwerk, Tuch und dergleichen in Zeitungen elnzuschlagen, damit genannte Jnsecten sie nicht zerstören. Für die meisten unserer Leser dürste es neu sein, daß Zeitungspapier, indem es keine Luft durchläßt, erhaltend auf Artikel wirkt, die luftdicht verschlossen sein müssen. Ein Krug Wasser mit einem Stück Eis darin läßt dasselbe im heißesten Sommer über Nacht nicht schmelzen, wenn das Gefäß ganz in Zeitungspapier eingehüllt ist. • * ♦ Bierflecke kann man entfernen, wenn man den Stoff in reinem warmen Seifenwasser auswäscht. • * Brodsuppe mit Bier. Zu übrig gebliebenen Brod- stückchen, die man in wenig Wasser mehrere Stunden hindurch eingeweicht hat, gibt man so viel Bier dazu, als man Suppe braucht, und läßt es kochen- Dann streicht man die Suppe durch ein Sieb, gibt etwas Butter, etwas Zucker, einen halben Theelöffel gestoßenen Ingwer und das entsprechende Salz dazu; gut ist es, die Suppe noch mit einem zerquirlten Ei abzurühren. Vergoldete Gegenstände zu reinigen Dies gelingt, wenn man sie leicht mittelst eines Schwammes oder einer weichen Bürste mit einer Lösung von einer halben Unze Borax in ungefähr 4/7 Liter Wasser abwäscht, hierauf in reinem Wasser abspült und mit einem weichen Leinenläppchen trocknet. Den ursprünglichen Glanz gewisser Artikel kann man bisweilen verbessern, wenn man sie etwas erwärmt und dann mit einem weichen Lappen abreibt. — Vergoldete Bilder- und Spiegelrahmen sollten stets nur mittelst reinem Wasser und Schwamm oder einer weichen Bürste (bei Oelvergoldung) zu reinigen versucht werden. ♦ » ♦ Glasgeräthe zu feilen. Ein einfaches Mittel besteht darin, daß man eine Feile in starke Natronlauge und dann noch naß in groben Sand steckt. Mit dieser mit Sand und Natronlauge bedeckten Feile kann man Glasgeräthe in ganz rücksichtsloser Weise bearbeiten, ohne ein Springen der Glases befürchten zu müssen. Vermischtes. Der Chinese Hu-Chi-Bin, welcher seit vier Jahren in Berlin lebt, hielt in einer großen Versammlung, welche im Saale der „Königsbank" stattfand und von etwa 1500 bis 1800 Personen, zum größten Theil Frauen und Kindern, besucht war, einen recht interessanten und mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Die christliche Mission in China und über die heidnischen Religionen, Sitten und Gebräuche in China". — Hu-Chi-Bin ist ein kaum 20jähriger Jüngling, welcher in Deutschland als Missionar ausgebildet worden ist und sich bereits in den nächsten Tagen zurück nach China be- giebt, um dort das Christenthum zu verbreiten; derselbe spricht noch sehr mangelhaft deutsch, doch weiß er den Vortrag recht humoristisch zu. pointiren. Der Redner erläuterte in einer längeren Vorrede, wie weit bisher das Christenthum verbreitet ist. Zuerst seien es die Katholiken gewesen, welche gleich nach der Reformation dort festen Fuß gefaßt hätten. Den Missionaren begegnete man mit großem Mißtrauen, denn es werde ihnen nachgesagt, daß sie aus den Augen der Kinder Medici« bereiten. Augenblicklich seien wieder zwei katholische Missionare in China, Dr. Robert Mullisan und Dr. Gützlaff; als Mullifan nach Chartung gekommen sei, habe er auch chinesische Kleidung und einen Zopf tragen müssen; der Zopf habe nicht so schnell wachsen wollen und er habe sich nun einen Zopf gekauft (Gelächter) und in die Mütze geklebt, so daß, wenn er die Mütze abnahm, er auch zugleich den Zopf mit abnahm. (Großes Gelächter). Die Kinder habe Dr. Mullisan viel geschlagen, und er, Hu-Chi-Bin, habe auch Schläge bekommen. (Gelächter.) Die größte Mtssionsgesellschaft sei die „China-England-Mission", dieselbe habe über 600 Missionare in China. In einer chinesischen Schule seien höchstens dreißig Kinder, diese müßten alle recht laut schreien; er habe auch immer fehr laut geschrieen (Gelächter); das Schreiben sei sehr schwer, es gebe Missionare, die wohl sprechen und lesen, aber nicht schreiben könnten. China sei größer als ganz Europa, es regiert dort nur ein König, welcher jetzt 22 Jahre alt sei, aber trotzdem schon 18 Jahre regiert; dieser habe die Macht über Tod und Leben seiner Unterthanen. In Japan, China, Korea und Indien würden noch jetzt Götzendienste abgehalten; in einer Kirche gebe es etwa 600 verschiedene Götzen, in einem Hause jedoch nur einen. Zur weiteren Beobachtung zeigte er dneti echten chinesischen Götzen vor, welcher eine kleine, auf einem Sockel sitzende Figur darstellt. Diesen Götzen, so hob Redner hervor, hätten schon viele Leute angebetet; aber er thue das nicht. Der Götze habe hinten im Rücken ein Loch, wo ihm der Geist eingeblasen werde; derselbe bekomme auch zu essen, und deshalb werde ihm zu Mittag ein Teller Reis vorgesetzt und dann später, wenn er genug gegessen, wieder fortgenommen. Wer noch einen Götzen wünsche, dem werde er einen aus China fenden. (Gelächter. Rufe: Dankei) In Deutschland gebe es auch noch Heiden, trotzdem sie getauft seien. Er ließ jetzt eine Pause von 20 Minuten eintreten und während derselben sein wohlgetroffenes Portrait verkaufen, welches für fünfzig Pfennig reißenden Absatz fand, so daß bald der Vorrath ausverkauft war. Nach Verlauf der Pause betrat Hu« Chi-Bin wieder die Tribüne und erläuterte nun die Sitten und Gebräuche in China. Zum Zeichen der Trauer gehe man anstatt schwarz, schneeweiß. Die Leute gingen nicht nebeneinander, sondern hintereinander (Rufe: Gänsemarsch!) die Rufnamen werden nicht vor, sondern hinter den Familiennamen gesetzt, sein Rufname sei Chi-Bin. Die Europäer effen Kartoffeln und werden dick (Gelächter), die Chinesen effen Reis und «erden auch dick; Milch trinken ste nicht, auch effen sie kein „Kraut", keine Salate, sondern nur Reis, etwas Gemüse und Schweinefleisch. Die Chinesen begrüßen sich nicht mit Händedruck, auch sagen sie nicht „Mahlzeit", sondern nach Mittag: „Haben Sie viel Reis gegeffen?" (Allgemeine Heiterkeit.) Getrunken werde nur Thee, aber reiner, denn der hier getrunken werde, fei da schon oft getrunken und wieder getrocknet und nochmals verkauft worden; wenn man zur Gesellschaft gehe, trinke man 30 bis 40 Tassen Thee. „Ist das viel?" so fragte Hu die Versammlung. (Rufe: Ja!) „Rein, denn die Taffen sind ganz klein, so ungefähr wie Puppentaffen I" Es gebe doit keinen Sonntag, keinen Ruhetag, keinen Festtag, es werde immerfort gearbeitet. Nachdem Hu nun auch noch die Geschichte der kleinen Füße der Chinesinnen erläutert, sang er zum Schluß ein chinesisches Lied mit dem Text: „Ich bin ein Pilger auf dieser Welt." Die Versammelten sangen ihm zum Dank auch ein deutsches Lied vor und gingen dann auseinander. * « O Eheleuten und Arbeitgebern ertheilt Jemand folgende guten Rathschläge: Ein älterer Pfarrer pflegte jungen Ehepaaren als Hochzeitsangebinde folgenden Rath zu ertheilen: „Wenn Ihr einmal uneins seid — das kann ja in der besten Ehe vorkommen — dann sage nur Eins zum Anderen: „Lieber Mann (oder liebe Frau), eins von uns hat heute nicht seinen guten Tag, wir wollen den Streit vertagen bis übermorgen!" Die den Rath befolgt haben, werden inne geworden sein, daß „übermorgen" der Gegenstand des Streites, wenn er nicht gar schon vergeffen war, doch zunächst so kleinlich erschien, daß es nicht mehr lohnte, darum zu streiten. An den klugen, alten Pfarrer wurde ich erinnert, als mir dieser Tage ein Arbeitgeber Mittheilung über sein Verhalten gegen seine Arbeiter (meist verheirathete Leute) und Arbeiterinnen machte. Nach mehrjährigen Erfahrungen, sagte er, habe ich es mir zum Gesetz gemacht, nie einem Arbeiter in der Aufregung über ein von ihm begangenes Versehen oder eine Ungehörigkeit eine Strafpredigt zu halten oder gar zu kündigen, ebensowenig eine in der Aufregung ausgesprochene Kündigung, anzunehmen. Ich sage in solchen Fällen immer ganz einfach: Wir wollen morgen darüber sprechen- Ich habe dann fast immer die Genugthuung, daß am nächsten Tage der Arbeiter, wenn ich allein mit ihm spreche, sein Unrecht zugiebt. Sehr ost haben mit, die Leute gedankt, daß ich ihnen Zeit zur ruhigen Ueberlegung gelaffen hatte, das sind dann meine zuverlässigsten Arbeiter geworden. — Die Nutzanwendung mag sich Jeder selber machen. O • ♦ Sibirische Gräuel, lieber das Verbanntenwesen in Sibirien machen die „Times" neuerliche Mittheilungen aus den Schilderungen von Felix Wolkowsky, welchem es «ach elfjähriger Verbannung aus Sibirien zu entkommen gelang. Kennan, welcher ihn als Verbannten kennen lernte, hat in Ausdrücken hoher Achtung von ihm gesprochen, so daß seine Darstellung wohl Glauben verdient. Am bemerkenswerthesten sind seine Schilderungen des Gefängniffes zu Tomsk, welches als Depot für die nach Oststbirien Verbannten dient. Statt dieses Gefängniffes ist den Sibirien Bereisenden, auch wenn sie vom Ministerium die Erlaubniß zur Besichtigung erhalten, 360 - stets das am anderen Ende der Stadt gelegene Provinzial. Gefängniß für jugendliche Verbrecher und zu leichterer Haft Verurtheilte gezeigt worden, woraus sich die verhältnißmäßig günstigen Berichte erklären. Der Aufenthalt in dem kleinen, unbeschreiblich schmutzigen, kaum ventilirten Gefängniß zu Tomsk ist geradezu entsetzlich. Die Zellen sind stets überfüllt und es herrschen in ihnen genau die furchtbaren Zustände, welche Kennan geschildert hat. Der Typhus wüthet unausgesetzt. Da es kein Hospital dort giebt, so bleiben die Kranken beisammen, ja so und so oft kommt es vor, daß fogar die Tobten noch tagelang in den ohnehin schon verpesteten Zellen liegen bleiben und die Luft mit Leichengeruch erfüllen! Die Nahrung in dem Gefängnisse, aus grobem, schwarzem Brod und meist aus einer dünnen Kohlsuppe bestehend, ist viel zu schmal bemessen, das Brod wird den Gefangenen wie Hunden vorgeworfen, und um jeden Bissen wird zwischen den Hungrigen grimmig gekämpft. Den durch Krankheit Geschwächten bleibt nichts übrig, als in einer Ecke den Tod abzuwarten. Auch was Wolkowsky über die mehr als ungenügende Versorgung der Gefangenen mit Kleidern berichtet, bestätigt Alles, was Kennan an Haarsträubendem in dieser Richtung erzählt hat. Zu den abscheulichsten gehört, daß die weiblichen Gefangenen, wenn die für sie bestimmte Abtheilung überfüllt ist, einfach in die Männerabtheilung mit eingepfercht werden. Die Unsittlichkeit ist daher eine furchtbare und das Loos der eingesperrten weiblichen Gefangenen ein entsetzliches. Wärter und Kosaken betrachten sie als ihre Sklavinnen, jeder Widerspruch wird als Insubordination mit Knutenhieben auf den nackten Körper geahndet. Peitschenhiebe und Tortur wird in weitestem Umfange inl ganzen Gefängnisse angewandt und zwar oft ohne Befehl der höheren Beamten; Beschwerden gelten als Insubordination! Die in die Quecksilberminen Verschickten sehen meist das Tageslicht nie wieder; nur ihre Leiche gelangt wieder — nach etwa fünf Jahren durchschnittlich — an die Oberfläche. Während der Arbeit in den Minen geht ihnen in den giftigen Quecksilberdünsten das Haar aus, ste verlieren die Zähne und die Gelenke schwellen an. Ein großer Thril dieser Unglücklichen wird noch dazu ohne jedes richterliche Er- kenntniß, ja ohne daß überhaupt der gegen ste vorliegende Verdacht genannt wird, zu diesen Höllenqualen verdammt. Tausende sind schon auf diese gräßliche Art Opfer der rohesten Willkür geworden. Boshaft. „Anna, können Sie 'ne Gans tranchiren?" — „Jawohl, Herr Meyer! ' — „Dann gehen Ste 'mal 'rauf — Schwägerin kann sich wieder nicht allein ausziehen !" Berechtigte Frage. *Gast: „Herr Wirth, wie heißt dieser Wein?" — Wirth: „Warum denn?" — Gast: „Nun, wenn er getauft ist, muß er doch Zeinen Namen haben." Militärische Blumen*sprache. Feldwebel: „Bomben und Granaten! Huber, Sie treten ja gar mit zerrissener Hose an! Am Knie schaut Ihnen das bloße Pergament heraus!" Aus einer Vertheidi*gungsred e. „... Bedenken Sie nur, meine Herren, daß der Angeklagte den Einbruch in stockfinsterer Nacht vollbrachte, wo die Unterscheidung zwischen „Mein" und „Dein" eine sehr schwierige war." Deutschverderber. Gast (zum Kellner): „Bringen Sie mir also Dörrfleisch!" — Ungar: „Dummer Schwob! Kennt nit einmol seine aigenen Muttersprach. Haißt ja doch nit „der" Fleisch, sondern „dos" Fleisch!" Nicht verlegen. Gefängniß-Jnspector: „Es soll bei Ihrer Arbeit möglichst die frühere Beschäftigung berücksichtigt werden. War sind Sie gewesen?" — Sträfling: „Anarchist. — Jnspector: „Hm, hm, kann zum Straßensprengen verwendet werden." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.