Nnterchaltnngsblatt zunr Giehenev Anzeigev (Gsneval-Anzeigev) Nr. 64 1893. KSSLMW --/>;■ < Samstag, den 3. Juni. Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (Fortsetzung). War das ein Gedränge an der Kirchthür, als die Hochzeitsgäste anfuhren! Hauptsächlich armes Volk, Frauen und Kinder, standen dort, die nicht in die Kirche hineingehen mochten, weil sie dann die Zeit der Trauung hindurch hätten aushalten müssen und der Superintendent war wegen seiner langen Reden gefürchtet. Den Staat aber mußte man sehen, eine so vornehme Hochzeit gab es nicht alle Tage. Ein Laut der Bewunderung entschlüpfte den Lippen der Gaffenden; Leonore von Malten stieg aus. Meergrüne Seide umrauschte sie und floß in langer Schleppe nach. Ein Perlencollier umschloß den schön geformten Hals; im Haar trug sie Knospen der Wasserrose und Schilfgras. Sie sah undinen- haft aus. „Ganz die hochselige Gnädige," flüsterte die alte Zeitungsträgerin, die sich zunächst der Thür behauptet hatte. Sie war einst Küchenmädchen bei Leonorens Großmutter gewesen. „Ganz die Hochselige! Die Frau Fürstin verschwand neben ihr- Das ist die Schönste von der ganzen Hochzeit!" „Nein, die Braut ist allemal die Schönste! Das bringt schon der grüne Kranz mit sich!" ereiferte sich ihre Nachbarin. Der Wagen mit den Brautleuten hielt eben und Erna von Schönholz entstieg ihm. „Ja, ja, die Schönste, wenn nicht die schöne Malten dabei wäre I" rief eine dicke Obsterin mit schallendem Marktton. Sie durfte sich ein ausschlaggebendes Urtheil erlauben: hatte sie doch ihren Kram im Stich gelassen und der zweifelhaften Obhut ihres Jungen anvertraut, um eine eigene Meinung zu haben. Ihr dreister Blick glitt musternd an der Braut hernieder, von dem gebrannten aschblonden Stirnhaar bis zu dem myrthenbesetzten Atlasschuh. Erna hatte sich jäh nach Hans zurückgewandt, als erheische sie von ihm eine Rüge für die ihr in's Gesicht geschleuderte Unverschämtheit. Seine Lippen preßten sich aufeinander; sie verschwanden unter dem Bart. Er bot ihr wortlos den Arm und schritt rasch vorwärts. Der Küster schlug die Thüren zurück. „Sie hat sich umgesehen, das darf man nicht! Sie läßt ihr Glück hinter sich," schallte es dem Paare nach. Drinnen waren alle Plätze int Schiff und auf den Em» poren, soweit sie gute Aussicht nach dem Altar boten, feit Langem besetzt. „Puh, diese verdorbene Luft," ächzte der dicke Oberstlieutenant von Toffsky, „wer doch den Athem anhalten könnte. Man hätte sich die Heizung ersparen sollen bei dem Volkszulauf. Die Kirche ist ja gepfropft voll, beinahe wie im Militärgottesdienst oder in der Charfreitagsmusik bei freiem Eintritt. Nicht, scheußliche Luft, Herr Oberst?" Ein Zischeln ging durch den Raum. „Na, endlich," fuhr er fort, „Gott sei Dank, das Brautpaar! Jetzt kann der heilige Actus beginnen." „Ganz meine Meinung," erwiderte mit verbindlichem Neigen des Kopfes sein Nachbar, Oberst von Strehlen, ein Verwandter der Schönholz'schen Familie. Ein im Feldzug davon- getragener Schuß in das Knie hatte ihn dienstunfähig gemacht. Nach mehrjährigem Aufenthalt im Süden befand er sich seit kurzer Zeit wieder in der Residenz. Er hatte kein Wort von den Aeußerungen des Oberstlieutenants vernommen. Sein Auge hing an sLeonore von Malten, deren Lider tief gesenkt waren und es auch beim Kommen des Brautpaares blieben. Der Superintendent ging gravitätischen Schrittes zum Altar. Die Ceremonie begann. Nur einmal sah Leonore auf und ein scheuer Blick flog nach dem Brautpaare hinüber. Ihres Vetters klangvolle Stimme sprach das bindende „Ja". Es tönte so fest und freudig, als habe er im Leben nur das eine Glück ersehnt, die neben ihm stehende zierliche Gestalt mit dem blassen, schmalen Gesicht und dem leicht sich vertiefenden Zug um den kleinen Mund sein zu nennen. Der Platz an des Bräutigams Seite kam ihr von Rechtswegen zu; Leonore sagte es sich mit unsäglicher Bitterkeit; ihre Lippen zogen sich nach innen, die feinen Nasenflügel vibrir- ten, ihre Wimper zerdrückte die aufsteigende Thräne. Sie versuchte aufzusehen und ihr Blick traf dabei in den ihres Gegenübers. Jähes Roth überpurpurte ihre Wangen, Stirn und Hals. Der Oberst hatte ihr verhaltenes Weinen bemerkt, sein sprechendes Auge, das nicht von ihr abließ, verrieth seins Theilnahme. Sie schämte sich ihrer Schwäche und fühlte sich unangenehm berührt durch den Gedanken, der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit zu sein. Eine sonderbare Unruhe bemächtigte sich ihrer. Sie versuchte eine gleichgültige Miene zur Schau zu tragen; statt dessen legte sich ein Zug eisiger Unnahbarkeit in ihre Züge, der erst nach beendeter Ceremonie einem freundlicheren Ausdruck wich. Paul Werner war zu ihr getreten, um gleichzeitig mit ihr die von den älteren Anverwandten umringten Neuvermählten - 2Ö4 - seine Dame und das Tanzen .finden Sie nicht auch, Asta, zu tanzen und sollte es bleiben Gehen hinkt, braucht man nicht von Neuem mit ihr angetreten. Seitdem hatte der Maler zu beglückwünschen. Er erkundigte sich, wie ihr der vorgestrige I Polterabend bekommen. Warme Freundschaft wehte sie aus seinen Worten an. Es that ihr wohl, mit ihm plaudern zu können. Asta strahlte vor Glück, weil sie es durchgesochten hatte, Werner als Tischherrn zu erhalten, obwohl man einen Andern für sie in Aussicht genommen hatte. „Ich wollte, das langweilige Diner wäre schon vorüber," seufzte sie und legte vertraulich den Kopf an Werners Schulter. „Sie müssen mich streng überwachen, sonst hole ich mir heute einen kleinen Spitz. Champagner trink' ich für mein Leben gern! Du auch, Leonie? Ihr hört ja gar nicht auf mich!" Werner bekam einen heftigen Ruck. Die arme Asta! — Sie hatte sich unendlich darauf gefreut, recht viel mit ihrem Herrn und Meister, wie sie ihn titulirte, zu tanzen und nun legte sie schon zum dritten Mal ihren Arm in den des Herrn von Götz, des kleinen Lieutenants, welchen sie als Tischherrn verschmäht hatte. Sie redete, sich ei«, er wolle feurige Kohlen auf ihr Haupt sammeln, weil sie ihn letzthin auszelacht und — und das machte sie erst recht böse. Warum tanzte Werner nicht mit ihr? — Hatte sie ihn deshalb zu ihrem Herrn erbettelt, um so vernachlässigt zu werden? — Wie ein Träumer lehnte er an der Thür, die nach dem Nebensaale führte. Sie folgte der Richtung seines Blickes. Sern Auge hing an Leonorens schönen Zügen, die eben wieder mit Herrn von Strehlen zum Tanz antrat. Asta hatte sich vorhin zu Leonie und dem Maler über Onkel Strehlen lustig gemacht, als er blitzenden Auges, mit raschem, elastischem Gang, der den nachschleifenden Fuß Lügen strafte, durch den Saal auf sie losstelzte. „Ich glaube, Onkel hat zu viel getrunken?" kicherte sie und sah den Maler bedeutsam an, während Strehlen sich vor ihrer älteren Freundin verbeugte. „Mein gnädiges Fräulein," hatte der Oberst gesagt, „halten Sie es im Namen des Vaterlandes einem Krüppel zu gute, wenn er einen Tanz riskiren will und sich dazu die herrlichste der Blüthen aus dem Kranze wählt? Während der Pause war er seiner Tänzerin zur Seite geblieben und dann vergessen. „Herr von Götz," knurrte Asta, „finden Sie nicht auch, wenn man einen Schuß in das Knie bekommen hat und beim lassen?" „Kann leider Ihnen zu Gefallen nicht aus Erfahrung urtheilen," bedauerte er, „versichere Sie aber auf Ehre, würde das Tanzen ermöglichen, Sie auf zwei Minuten an mich zu fesseln, und hinkte ich auf beiden Beinen!" „Sie sind außerordentlich boshaft," schalt sie. „Nicht Redens werth," erwiderte er, „was so für den Hausbedarf von Nöthen ist!" „Na, ich möchte Ihre Schwester nicht fern!" rief sie mit geheucheltem Entsetzen. ,, „ „Das möchte ich auch um Alles nicht!" übertrumpfte er sie. Seine kleinen schwarzen Augen blitzten sie belustigt und überlegen an und sie weiß ihm nichts zu antworten und wird ganz verlegen. „Finden Sie Leonie auch so schön?" stottert sie, um von etwas Anderem anzufangen, und streift sehr eifrig die Armspange höher hinauf, damit sie ihn nicht anfehen muß. „Wie schön denn, gnädiges Fräulein?" fragt er ironisch. „Oder wollen Sie nur hören, wer für mich die Schönste ist? Ja, fall ich's Ihnen sagen?" Da schneidet sie ihm ein Gesicht, das allen guten Regeln des Anstandes zuwider ist, ihr aber köstlich steht und ihm ein leises Lachen abzwingt. Die Unterhaltung mit der boshaften Kleinen fängt an, ihn immer mehr zu amüsiren. „Elfa von Toffsky würde die Bemerkung machen: Er versucht Süßholz zu raspeln," spricht sie altklug. „Meinen Sie im Ernst, gnädiges Fräulein, Elsa hat zuweilen Gelegenheit, sich derartig zu äußern?" Jetzt lachen Beide. Er hat den Kopf dicht zu ihr gebogen und ihr großer Fächer thut seine Schuldigkeit und verdeckt den Uebermuth. „Schütze mich, schwertloser Kämpe," deelamirt sie mit theatralischem Pathos und fährt dann kläglich fort: „Die arme Elsa! Was kann sie dafür, daß von ihres Vaters leuchtendem Antlitz ein sanfter Abglanz auf sie gefallen?" „St, st I" warnt er- „Sie ist in unserer nächsten Nähe. Vorsicht!" „Man behauptet" flüstert er noch leiser, „auch sie spräche dem Burgunder zu. Die zarte Passion macht blaffer und das Näschen nicht weißer. Vielleicht auch Abglanz väterlicherseits." „Ach, Herr von Götz, wer weiß, wie Sie erst aussehen, sind Sie einmal Oberstlieutenant. So ein rosiger Anflug findet sich schnell!" „Unbesorgt!" lachte er. „Würde mir als Gegenmittel eine kleine, boshafte Frau nehmen, die mich grün und blaß ärgerte." „Grün und blaß, wie meinen Vampyr," warf sie vergnügt ein. ~ , „Gewiß, gnädiges Fräulein, wenn es Ihnen Freude bereitet, werde ich mich bemühen, Ihrem Freund und Lehrer ähnlich zu werden- Herr Werner scheint Ihnen sehr werth zu sein?" , . , „Natürlich, er ist ja der einzige Mensch, mit dem ich ein vernünftiges Wort reden kann." Der Lieutenant machte ihr eine tiefe Reverenz- „Höchst verbunden! Gnädiges Fräulein sind die incarnirte Liebenswürdigkeit !" „Wenn Sie mich doch aussprechen lasten wollten," erhitzte sie sich, „ich meine von Denen, die mir nahestehen. Papa und Mama rechnen nicht mit- Die sind viel zu alt, um mich zu verstehen; sie raisonniren über Alles und schließlich setze ich doch meinen Willen durch- Wenn ich erst so alt bin rote sie, denke ich vielleicht ganz ebenso, aber bis dahin hat es noch lange Wege! Erna will mich einfach unterdrücken. Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, daß sie nun bei mir zu Haufe nichts mehr zu sagen hat. Einen Bruderhabe ich nicht! Meine Freundinnen sind alle schrecklich oberflächlich und dumm. Herr Werner ist der Einzige, der mich versteht; der findet atich Alles begreiflich und hat allemal Recht, gibt er nur einen guten Rath!" ... „Fürchte, er weiß Andern gut zu rathen und sich selber nicht," spottete Götz. „Wie meinen Sie das?" fuhr sie gereizt auf Der kleine Lieutenant zog sie rasch entschlossen an sich und wirbelte aus der Reihenfolge heraus mit ihr durch den Saal, ihr die Erklärung schuldig bleibend. Eine Tanzpause war eingetreten. Alles schwirrte durcheinander. , , . Leonore hielt es nicht länger im Saale aus; es verlangte sie danach, ein paar Minuten allein zu sein. O der Qual, mit lächelnder Miene Phrasen zu tauschen, während das ge- marterte Herz vor unsagbarem Weh aufschreien möchte. Es gelang ihr mit Mühe, sich der Gesellschaft des Obersten und einiger Freundinnen, dis sie aufhielten, zu entziehen und nach der Gallerie hinaus zu flüchten. Da stand sie nun draußen in dunkler Nacht, allein und verlasten, wie sie es für s ganze Leben fein würde. Sie blickte zum Himmel auf, kein Stern war sichtbar. So, ohne einen Hoffnungsschimmer, finster unv trostlos gähnte ihr die Zukunft entgegen- Nein, nicht trostlos öde! — Hatte sie doch das süße Bewußtsein, den Geliebten gerettet zu haben, war gleich ihr Lebensglück der hohe Preis b^Ürg)a8 Oeffnen der Saalthür unterbrach ihren Gedankengang. Sie wich unwillkürlich ein Stück zurück. Zwei Herren betraten die Gallerie, vermuthlich um tut einen Augenblick Kühlung zu suchen. Leonore erkannte Herrn Toffsky am Organ. Der Oberstlieutenant mußte dem Wem schon stark zugesprochen haben, seine Zunge stieß beim Reden an- > „Verehrtester Herr Oberst," näselte er, „Comödie, können mir glauben, Alles Comödie! Der Schlaukopf, der Malten, hat seine Cousine jahrelang an der Nase herumgeführt I — Möchte nicht fragen, ob ihr väterliches Erbtheil beisammen. Hahaha, wovon hätte er denn verschiedentlich bei Wiesel Deckung gegeben? Lebt, als könnte er ein paar Rittergüter an den Mann bringen. Wessen Geld? — Sein Vater, kannte ihn wie mich selbst, heirathete in grünen Jahren, fing dann nach seiner Frau Tode zu leben an, war noch zeitig genug, lernte es aus dem ff, blieb nichts für den Jungen. Seine Tante, die alte Jungfer, ist imens reich, aber ein Geizdrache! Der windet nur der Tod den Schlüffe! zum Geldkasten aus der Hand. Frage nochmals: woher das Vermögen?" Vertraulich klopfte er bei den letzten Worten dem Obersten auf die Schulter. „Können sich d'rauf verlassen, die schöne Malten bringt ihrem Zukünftigen, haha, wenn noch Einer anbeißt, an Gold nichts zu, als was ihr über den Nacken rollt. Nun sie passee und nichts mehr da ist, ließ er sie sitzen, angelte die Schönholz; hat auch ihre Hunderttausend baare Mitgift, weiß das genau! Meine Elsa hätte er noch lieber genommen, machte ihr auf's Angestrengteste den Hof lange vor der Schönholz. Aber meine Elsa ist ein kluges Kind! Hat sich dafür bedankt, mit ihrem Geld das lecke Schiff flott zu machen! Meine Elsa ist nicht die Malten, sieht nicht auf hübsche Taille und glattes Gesicht. Meine Elsa schätzt am Mann nur die Männlichkeit! Das Alter eines Bewerbers wäre ihr gleichgiltig, auf Ehre, ganz gleichgiltig, Herr Oberst!" Leonore hatte sich bis zum Ende der Gallerte getastet. Dort mußte eine Thür nach dem kleineren Nebensaal und den Seitenräumen führen. Richtig, da war der Thürgriff. Mit fiebernder Hand drückte sie ihn nieder. Ein Zimmer öffnete sich vor ihr, nur durch einen schmalen Lichtstreifen erhellt, der aus dem Nebenzimmer, dessen Thür nicht fest eingedrückt war, hereinfiel. Leonore ließ sich auf den nächsten Stuhl nieder. Sie fühlte sich an Leib und Seele gebrochen, müde, lebensmüde. Lachen, Gläserklirren und abgerissene Worte klangen von drüben her an ihr Ohr. Jüngere Offiziere saßen dort.beim Champagner und ließen sich's wohl sein. „Ob's Kamerad Malten versteht?" hob jetzt eine unangenehm helle Stimme an. Leonore erhob sich. Sie wollte das Zimmer verlassen und blieb dennoch wie gebannt stehen. „Keiner hat's besser los," fuhr der Sprecher fort. — „Schade um ihn, daß er ein solider Ehemann werden will und unserer lieben Falle gestern sür immer Valet gesagt hat. Aber würdiger hat sich noch kein Junggeselle verabschiedet und wenn ich einmal heirathe, gibt's ebenso famose Abschiedsfeier. — Wetter, der Spaß, als mit dem Zwölfuhrschlag die Thür aufsprang und die Matrosen hereintanzten." „Donnerwetter ja, war brillante Ueberraschung," bestätigte ein Anderer, „so fidel wie gestern, wollte sagen heute vier Uhr, sind wir selten auseinandergegangen. Ballet erheitert immer! Machte mich sogar den eoloffalen Verlust vergessen! Sollte übrigens verboten sein, solch' rasendes Glück im Spiel, wenn man so brillante Partie macht." „Hast wohl Ursach', Klagelieder anzustimmen," fiel ihm ein Anderer in's Wort. „Wette, Hans gewann nicht zum zehnten Theil zurück, was Du ihm im letzten Monat abgenommen." „„ „Was willst Du, Ruler? - Höchste Uneigennützigkeit- fördert Maltens Glück bei den Frauen," schnarrte ein Anderer. Möge es ihm hold bleiben! Stoßen wir an! Kamerad Malten ein Hoch!" „Hoch das Spiel! Der Wein! Unsere liebe Falle!" tönte es im wirren Durcheinander. „Die Balletschule nicht zu ver- gessen! Last not least: unsere Balletschule soll leben, vivat crescat floreat!" Gläserklirren und übermüthiges Lachen folgte dem letzten Ausspruch. Leonore lachte mit, als habe die Ausgelassenheit der Offiziere sie angesteckt. . „Gnädiges Fräulein!" 255 = Sie schrak zusammen bei dieser unerwarteten Anrede aus nächster Nähe- Ihr Lachen brach jäh ab. „Mein gnädiges Fräulein," klang es nochmals leise von Werners Lippen, der dicht bei ihr stand. „Die gnädige Frau war um Sie besorgt und bat mich, Sie aufzusuchen," entschul« digte er die Störung. Sie hatte ihm den Kopf zugewendet und war dabei in den Bereich des Lichtscheins gekommen. Ihre schmalen Brauen waren noch im Ausdruck herbsten Schmerzes nach der Nasenwurzel zu hochgezogen. Sie sah den Maler erst ganz verstände nißlos an, dann blitzte ein Strahl des Erkennens in ihren Augen auf, zugleich blickten sie finster und mißtrauisch. War er eben jetzt erst zu ihr getreten ober hatte er schon vor ihr im Zimmer geweilt? — Sie wußte sich nicht Antwort darauf zu geben; denn ihre Sinne waren nur für das geschärft gewesen, was neben ihr vorging. „Lassen Sie uns über die Gallerie nach dem Saal gehen," bestimmte sie. Sie sprach heiser und abgebrochen; das allein verrieth den Aufruhr ihres Innern. Ihrem Aussehen war nichts mehr anzumerken, die vornehmen Züge trugen schon wieder den Stempel gleichgiltiger Gelassenheit- Dieser Ausdruck war ihr früher nicht eigen gewesen. Werner wußte nur zu gut, woher er stammte. Er hob den zu Boden gefallenen Spitzenshawl auf und wollte ihn um ihre Schultern legen. „Danke, ist nicht nöthig," wehrte sie eisig ab und schritt hastig voran. In die kalte Nachtluft hinaustretend, stockte ihr plötzlich der Athem; sie meinte, ersticken zu müssen- Ein Schwindel überfiel sie. Es war ihr, als stürze sie in eine unermeßliche Tiefe, ihre Hand griff nach einem Halt, ein un- artikulirter Laut entrang sich ihrer Brust. Paul war ihr rasch zu Hilfe gesprungen und hielt die Sinkende Das schöne, stolze Weib lag willenlos in seinem Arme. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, die seidenweichen Locken schmiegten sich an seinen Hals. Er beugte sich über sie. Sein Athem ging rascher, alles Blut stieg ihm zu Kopf. Der starke eigenartige Duft ihrer Haare strömte ihm sinnberauschend entgegen. Heiße Gluth und innigstes Mitleid wallten in ihm auf und raubten ihm die Ueberlegung. „Arme, arme Leonore," kam es leise wie ein Hauch über seine Lippen, denen das üppige Haar so verführerisch nahe war. Die Versuchung war zu groß. Wieder und wieder berührte sein Mund die weichen, duftigen Wellen- Seiner Erregung nicht mehr Herr, preßte er die Ohnmächtige in stürmischer Zärtlichkeit an sich. Da durchlief ein Beben ihre Glieder, sie kam zu sich. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihn zurückfloßen und sich aufrichten, sank aber hilflos an seine Brust zurück. Noch war sie unfähig, sich allein zu halten und mußte es dulden, daß er sie weiter stützte. „Beruhigen Sie sich," bat er flehend, „schonen Sie sich! Es ist zu viel auf Sie eingestürmt. Sie hätten die Einladung ablehnen und der Hochzeit fern bleiben sollen. Ich werde die gnädige Frau davon benachrichtigen, Sie möchten sich lieber zurückziehen. Darf ich den Wagen für Sie befehlen?' Seine feste männliche Stimme klang bestrickend weich, jeder Laut war eine Liebkosung. Sie aber hörte nur das Eine heraus, daß sie Mitleid erweckte, Mitleid! — Er durchschaute ihr Leid und wagte, ihr davon zu sprechen. Der Gedanke durchzuckte sie wie ein elec« irischer Schlag. Sie stieß den haltenden Arm von sich und stand hochaufgerichtet da- Ihre Schwäche war im Nu überwunden. „Ich verstehe Sie nicht, Herr Werner," sagte sie eigen» thümlich gedehnt und klanglos. Er erschrak im innersten Herzen. Er war zu weit gegangen; sein Mitgefühl hatte sie verletzt. „Ich hatte etwas schnell getanzt," fuhr sie immer noch gedämpft, aber mit nachdrücklicher Betonung fort, „ich wollte mich erfrischen und begab mich ganz unvermittelt aus dem heißen Saal in den kalten Nebenraum. Das rächte sich. — Sie werden bis zum Ende der Festlichkeit vollauf Gelegenheit haben, sich von meinem Wohlbefinden zu überzeugen." (Forts, f.) — 256 — GeinernnÄtziges. Gegen den Rosenwickler. Rollen sich die Blätter des Rosenstrauchs zusammen, so hat dies die Raupe des Rosenwicklers zur Ursache. Es bleibt nichts weiter übrig, als die zusammengerollten Blätter abzuschneiden; einfacher noch ist, wenn man sie mit den Fingern zusammendrückt. ♦ ♦ Bienenstich schmerzt nicht mehr, wenn man den Stachel sofort herauszieht und die Wunde mit einem thalergroßen Stück Collodium belegt. * * * Geld, viel Geld steckt in den leerstehenden Wandflächen an Gebäuden; jede nach Süden oder Osten gelegene Wandfläche sollte mit Spalierobst oder Reben bepflanzt sein, wie es in Belgien oder Südfrankreich der Fall ist; die Arbeit ist so gering, der Ertrag ein fast ünmer reicher. Gurken dürfen nur Morgens gepflückt werden, in der Sonnenhitze gepflückt, sind sie schädlich. Znm Treiben des Schnittlauchs verwende man nur starke Pflanzen, hebe dieselben im Herbst mit guten Wurzelballen aus und pflanze sie so in Töpfe- Die letzteren stelle man dann in das Fenster eines mäßig geheizten Zimmers. Der Kehricht aus Mühlen und Bäckereien ist vermöge seines großen Mehlgehaltes ein sehr guter Dünger, ebenso der Inhalt der sogen. Löschkübel, mit deren Wasier nach beendigter Feuerung der Backofen gereinigt wird. Gipsfiguren zu reinigen. Gipsfiguren reinigt man, indem man sie mit einer dicken Abkochung von Stärke anstreicht. Wenn der Anstrich trocken ist, so schält er sich ab und nimmt den Schmutz mit- * Zur Behandlung der Mhrthe. Die Myrthe ist eine ziemlich difizile Pflanze, so daß sie leicht eingeht, wenn sie nicht gehörig behandelt wird. Sie liebt fette, mit etwas Sand gemischte Erde, in derartigem Boden gedeiht die Myrthe daher auch am besten. Man überwintert sie an einem luftigen Standort, bei 1 bis 5° R. Wärme und bei mäßiger Feuchtigkeit. Im Mai bringt man die Pflanze ins Freie, doch darf man sie der Sonne nicht zu sehr aussetzen. Im Sommer ist reichliches Gießen geboten. Jedes Jahr im April muß die Mvrthe umgepflanzt werden, wobei zugleich Wurzelballen und Krone etwas zu beschneiden sind. Will man starke und buschige Myrthenbäumchen ziehen, so sind die Pflanzen im Sommer an eine warme Stelle ins freie Land zu setzen. Die Vermehrung geschieht sehr leicht im Juni durch Senker in einem abgetretenen Mistbeete. * • Ungeeigneter Anstrich für Vogelkäfige. In frisch mit Oelfarbe angestrichene Käfige darf man keine Vögel bringen, sie würden sonst bald sterben. Auch Käfige, welche mit einer giftigen Farbe angestrichen worden sind, wie Schweinfurter Grün, Grünspan, Bleiweiß rc., erweisen als sehr schädlich für die gefiederten Sänger. * Kartoffelsalat auf französische Art. Zwei hart- gekochte Eidotter werden mit einem gehäuften Theelöffel Senf, einen Theelöfel Salz, einer Mefferspietze gestoßenem Pfeffer, einem Theelöffel voll feingehackten Schalotten, vier Eßlöffel voll Olivenöl und drei Eßlöffel Estragon oder Weinessig zu einer glatten Sauce verrührt, zu welcher man 750 Gramm der eben abgekochten, geschälten und in Scheiben geschnittenen Kartoffeln mischt; man kann den Salat mit eingelegten Oliven belegen. Vermischtes. Das schlaue Dienstmädchen- Hausfrau: „Rosa, was war denn das gestern für ein Dragoner in der Küche?" — Dienstmädchen: „Ach, das war mein Schatz, aber —" — Hausfrau: „Run weiter!" — Dienstmädchen: „Run ja, ich werde ihn abschaffen." — Hausfrau: „Warum denn?" — Dienstmädchen: „Weil er sich über Alles aufhält." — Hausfrau: „Aufhält?" - Dienstmädchen: „Ja, gestern sagte er wieder: Deine Gnädige ist die schönste Dame, die ich jemals gesehen habe. Wie darf denn der über Sie sprechen?" - Hausfrau: „Das scheint doch aber ein sehr ordentlicher Mensch zu sein, den solltest Du doch behalten." Der Sonntagsjäger im Hause. Papa (zu Arthur, der eine kleine Unart begangen hat): „Komm' mal her, Du kleiner Strick!" — Athur: „Nein, Papa, Du schlägst mich. — Papa: „Bewahre! Komm' mal her, mein Häschen!" — Mama (einfallend): „Geh' nur hin zu Papa, Arthur, Papa hat einem Häschen noch niemals etwas gethan." Schlau. „Wie kam es denn eigentlich, liebe Marianne, daß Du gestern Abend in der Gesellschaft über Zahnschmerzen klagtest, Deine Zähne sind ja doch bereits - „Still, still, lieber Albert, ich that das nur, damit alle Welt glauben soll, ich habe keine falschen Zähne." * Ablehnung. Supplikant: „Gnädiger Herr, mir gehi's so elend und jammervoll, daß ich ganz verzweifelt bin. Meine arme Frau ist seit zwei Jahren krank, mein Sohn wurde von Wölfen zerrissen, meine unglückliche Tochter ist erblindet, meine ..." — Bankier: „Nu, was erzählen Sie mir all' das?! Bin ich etwa e' Dramatiker?" * Eine Kleinigkeit. Ein Herr will einen ihm befreundeten Schauspieler in's Restaurant abholen und trifft ihn hinter den Coulissen. „Einen Moment," ruft der Mime emg, „ich muß nur noch fchnell sterben —*dann komm' ich gleich! Falsche Vorspiegelung. Im Gasthaus sitzt ein Herr mit einer auffallend rothen Nase. Ein neu eingetretener Gast sieht diese und bestellt sofort von demselben Wem, welchen der Herr trinkt, denn — denkt er sich — der trinkt gewiß nichts Schlechtes. — Nachdem er den Wein gekostet, verzieht er zornig sein Gesicht und murmelt dann mit einem Seitenblick auf den Herrn mit der rothen Nase^ „Schwindler!" ArgeEnttäuschung. Cousine: „Dein College« grüßen uns Alle so höflich! Die denken wohl, ich sei Deine Braut?i — Student: „Oder Erb-Tante!", Vom Hörensagen. In einem pfälzischen Weinort ist eine Wasserleitung gelegt worden- Etwa ein halbes Jahr nach Vollendung derselben sragt ein Fremder einen Einheimischen nach der Beschaffenheit des Wassers- Es soll recht gut sem. antwortete der Biedere. , , Errathen. Spitzbub: * Gnaden, Herr Richter - ich bin unschuldig! Ich hab'das Gansel g'rad a' bifferl g'streichelt — und im Handumdrehen war's hin!" — Richter: „Das scheint mir schon eher im Halsumdrehen geschehen zu sein! Bittere Enttäuschung. Ein Rechtsanwalt hat seinen des Diebstahls bezichtigten Clienten so warm und eindringlich vertheidigt, daß das Auditorium ganz ergriffen ist und der Angeklagte selbst sich mit einem eleganten Foularv die Augen wischt. Da blickt der Anwalt zufällig in seiner Rede auf ihn und ruft verblüfft: „Wiel Der Kerl hatia mein Schnupftuch." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießm.