1893 Nr. 39 *•-------H’ Nntevhaltungsblatt znin Gietzenev Anzeigev (Geneval-Anzeigev) Sonntag, den 2. April. Irühkingsgruß. Erwachet! Der liebliche Frühling ist da Mit seinen hellstrahlenden Sonnen! Die Kinder frohlocken und rufen Hurrah, Die herrliche Zeit hat begonnen! Allüberall pochet so freundlich er an Mit blühenden, duftigen Zweigen, Streut Blüthen und Blumen auf unsere Bahn, Die düsteren Schatten entweichen. — Zu Ostern, da knospet und blüht die Natur, Hoch schlagen die Herzen in Freude; Da lächelt so lieblich die grünende Flur, Erfreut uns das Ostsrgeläute! Die Bögelein stngen's in bläulichen Höh'n Und jubeln es laut in die Ferne: Der Frühling ist da und die Welt ist so schön, Wir lauschen dem Sange so gerne. Die Blümchen, sie nicken und lispeln uns zu: Gelobet sei Gott in der Höhe, — Im blühenden Thals wohnt Frieden und Ruh', Da wohnet kein Schmerz und kein Wehe! Die Winde, sie rauschen durch Bäume dahin, Verkünden ein göttliches Walten, Begrüßen das duftige, schwellende Grün, Das herrliche Blühn und Entfalten! Sie rütteln die Knospen nach eisiger Nacht Früh Morgens im sonnigen Strahle, Zu Ostern doch Alles zum Leben erwacht, Die Veilchen süß duften im Thale! Vom Tode erwacht war der göttliche Geist, Der Herrscher des Grabes bezwungen, — Der ewig die Bahnen dec Welten umkreist, Der göttliche Geist fei besungen! — Die ewige Liebe, die nie und nie ruht, Die Berge und Thäler zu schmücken, Sie sendet den Frühling, — ein himmlisches Gut, — Und füllt uns das Herz mit Entzücken. D'rum grüßen wir dich, o du herrliche Zeit, Mit allen den Freuden und Scherzen; Wir grüßen dich froh in dem blühenden Kleid, Hauchst Hoffnung in leidende Herzen! Th. Loos. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden- (Fortsetzung). Marbach hatte bei der naiven Erzählung des Poliers den Maler mit einem gewissen Triumph angesehen und dieser war tief erblaßt. „Es ist jedenfalls nur ein kleiner Rastrfchnitt gewesen,"' bemerkte Marbach gleichgültig. „Na, aber ein ganz gehöriger," behauptete Schulze, „eine lange rothe Narbe quer zwischen Mund und Kinn, — gewiß soll es Fräulein Holten nicht wissen, meint wohl, es schadet seiner Schönheit, ja, ja, die liebe Eitelkeit!" „Dann sagen Sie auch nur nichts mehr davon an Andere," rieth ihm Marbach lächelnd, jetzt eiligst, als brenne ihm der Boden unter den Füßen, weiterschreitend. Plötzlich blieb ct fielen. „Was riecht denn hier so brenzlich? Sie haben doch keine brennende Cigarre sortgeworfen?" wandte er sich an Schulze, der umherschnuppernd die Nase hochhob. „I, wie sollt' ich denn, Herr Marbach! Werde mich doch hüten, die ausgedorrten Tannen in Brand zu setzen. Aber wahr ist es, es riecht hier ordentlich schweflig, nicht wahr, Herr Reinhardt?" „Kann auch vom Thal heraufsteigen und so in der Luft haften," meinte dieser naserümpfend- Er war bei diesen Worten dicht hinter Marbach getreten, um denselben zum Weitergehen anzutreiben, als plötzlich eine kurze, aber heftige Detonation die Luft erschütterte und die beiden Freunde mit einem lauten Aufschrei niederstürzten. Der Polier, dem ein starker Baumast das Gesicht verwundet hatte, stand aufrecht, vor Schmerz, Schreck und Ent- setzen ganz betäubt. Endlich aber erholte er sich, wischte sich 154 „Das wird der Mann mit dem blutigen Gesicht am besten berichten können, Herr Doctor!" erwiderte der Förster. „Es lst eine räthselhafte Geschichte, diese Gegend wird ja unheimlich verrufen." Sie traten vor die Thür, wo Schulze auf der Bank mit einer Waschschüsiel saß und sich das Gesicht kühlte. „Na, Freund Schulze, lasten Sie den Riß erst mal be- schauen und dann erzählen Sie mir die Geschichte," sprach der Doctor, zu ihm tretend. „Sieh', das ist gottlob nicht gesähr- lich, ein Stückchen Fleisch ist d'rauf gegangen und dann der kleine Adlerlaß. Hier hängt der ganze Fetzen noch, nun passen Sie auf." Er zog Heftpflaster aus seiner Verbandtasche und klebte den abgerissenen Fetzen Fleisch damit fest. „So, Mann, nun wird's schon anheilen. Erzählen Sie mir recht von Anfang an, wie das Schreckliche denn eigentlich passiren konnte." t Schulze erzählte so ausführlich als möglich und der Doctor hörte aufmerksam zu. _ r „Da wird so ein. Teufelsbraten von Junge zum Spaß irgend ein Geschoß mit einer Zündschnur gelegt und diese aus Spielerei angesteckt haben," rief er in hellem Zorn, „könnte man dem Racker doch auf die Spur kommen. Sie können mit mir nach Hause fahren, Schulzei - Werde sofort bei der Polizei die Anzeige machen, Sie müssen natürlich als Hauptzeuge dabei sein. Man wird nachgerade ängstlich dabei, sich irgendwo noch hinauszuwagen, wenn man am hellen Tage nicht mehr sicher ist, todtgeschossen oder von einem sonstigen Spreng- geschoß getroffen zu werden. Adieu, Herr Försteri" fetzte der Doctor hinzu. „Es bleibt dabei, ich komme heute, mit dem nöthigen Rüstzeug versehen, noch einmal wieder." den war. „Das sind ja wahrhaft mörderische Wunden," begann der Doctor endlich, nachdem er mit dem Verbinden fertig war, „Reinhardt wird wohl nach Rotenhof transportirt werden können, mit Marbach wäre das aber ein Risiko —" „Dann bleibt er natürlich hier, Herr Doctor I" unterbrach ihn der Förster. „Wäre mir lieb, werde für bte Krankenpflege sorgen und einen tüchtigen Heilgehilfen mitbringen. Muß heute noch einmal herauskommen, weil der Arm mir schwere Sorge macht." „Wird er durchkommen, Herr Doctor?" Dieser zuckte die Achseln. , „Er lebt ja noch und so lange dürfen wir auch hoffen. Habe meine Vorschriften auf diesem Zettel notirt, werden sich genau darnach richten müssen. Mein armer alter Reinhardt wird auch tüchtig leiden, verdammte Geschichte, wenn wir ihm das Auge nur retten. Erzählen Sie mir doch jetzt, wie es eigentlich zugegangen ist, Herr Förster!" Wochen waren seit diesem zweiten Ereigniß, das nicht allein die Stadt und Umgegend, sondern durch die Presse alle Welt in Aufregung und Verwunderung versetzt hatte, vergangen und noch immer war es niclt gelungen, dieses sowohl als die Mordschüsse im Hohlwege aufzuklären oder irgend eine Spur der Thäter zu entdecken. Wenigstens verlautete nicht das Geringste darüber in der Oeffcntlichkeit. Während Warneck und die kleine Lotta längst im Schooß der Erde ruhten, ersterer nach Marbachs Willen im Park von Rotenhof, letztere auf dem Friedhof der Stadt, lagen die beiden im Gebirge Verwundeten noch immer zwischen Tod und Leben, da auch Reinhardts Zustand sich wider Erwarten sehr ernst und bedenklich gestaltet hatte. Marbachs linker Arm war ab- genommen worden, während die Wunde am Hinterkopfe einen noch gefährlicheren Character angenommen hatte und seine Wiederherstellung geradezu in Frage stellte. Er lag noch immer in Fieberphantasien und erging sich in wilden Drohungen und Anklagen gegen einen Feind, dessen Namen er niemals aussprach. „Ganz natürlich," sagte der Doctor, „die unheimlichen Ereignisse, welche sich ja förmlich aufeinander gehäuft haben, mischen sich doch in seine Fieberträume und wälzen sich wirr und toll in seinem Gehirn umher. Wenn wir das Fieber nur erst gebannt hätten." „Ja, das bringt ihn ganz herab," erwiderte der Heilgehilfe. „Es ist merkwürdig, daß er fortwährend von einem blutigen Jndianerschnitt phantasirt, darum dreht sich alles Andere wie um ein Centrum." „Lieber Gott, das ist ja ganz erklärlich, wenn nur die vertrackte Wunde im Gesicht säße, so aber wälzt er den Kopf umher und vereitelt jede Heilung. Es wird doch nöthig sein, ihn auf irgend eine Art festzuschnallen." „Habe auch darüber nachgedacht, Herr Doctor! — ^te wär's zum Exempel mit einem Verbandschutz?" „Sie meinen eine Vorrichtung, welche das Verschieben desselben verhindert?" „Ganz recht —" e . . „Ich will mit einem Bandagisten darüber reden, sagte der Doctor zustimmend. ,, „Mit dem armen Herrn Reinhardt in Rotenhof habe tcy das Blut aus dem Gesicht, ohne bett Vorgang begreifen zu können uttb bückte sich zu ben wie leblos beiliegenden Herren nieder. Waren sie todt? . „Mein himmlischer Vater, das ist zu schrecklich," jammerte er außer sich, als er sah, daß sie vorn Blut überströmt waren und fürchterlich zugerichtet sein mußten. Was sollte der arme Schulze hier oben doch nur beginnen? Woher schnelle Hilfe holen, wenn sie am Ende noch lebten? Da hörte er eilige Schritte sich nähern und athmete erleichtert auf, wobei er seine eigene Blessur ganz vergaß und sich mit dem bunten Taschentuch mechanisch das Blut abwlschte. Jetzt wurden zwei Jäger sichtbar, der Förster und sein Jagdgehilfe, welche im Laufschritt daherkamen. „Was ist hier geschehen?" fragte der Förster athemlos. „Woher kam der Knall, den wir vorhin gehört haben? „Weiß ich's denn? — Bin ja selbst verwundet worden, die ganze Gegend hier ist verhext." „Alle Wetter, wie sind Sie zugerichtet!" rief der Gehilfe erschrocken. „Das kann nur von einer Explosion herrühren. Am Ende haben sie Dynamit bei sich gehabt —" „Dummes Zeug," unterbrach ihn der Förster, „dies ist ja Herr Marbach auf Rotenhof. Schnell Taschentücher her, sie verbluten sich sonst." ,, . _ r_ Er nahm den Verwundeten die Tücher aus den Taschen, und brachte mit zur Hülfenahme des {einigen wie das des Jägers einen dürftigen Nothverband zu Stande. „So," fuhr er, sich aufrichtend fort, „Ihr Riß im Ge- sicht, mein Lieber, wird wohl nicht gefährlich sein. Begleiten Sie meinen Gehilfen nach dem Forsthause, um Hilfe zu holen, vor allen Dingen eine Bahre, Wenzel!" wandte er sich an ben Jäger. „Der Knecht kann mittommen. Die Minna könnte nur sogleich nach Rotenhof sich ausmachen, damit sie von dort einen Arzt aus ber Stadt holen, der alsdann birect nach dem Forsthause fahren muß. Haben Sie Alles capirt, Wenzel? „Ja, Herr Förster, weiß Befcheib, kommen Sre, Mann! Er winkte Schulze, bei willig folgte, obgleich er empfind- liche Schmerzen an feinen Gesichtswunben zu haben schien. Der Forstgehilfe schritt kräftig aus unb so erreichten sie balb ihr Ziel unb kehrten ebenso rasch mit bem Knechte unb zwei Bahren an ben Unglücksort zurück. Als bie Verwundeten aufgehoben wurden, stöhnten sie plötzlich laut auf, was den Förster mit stiller Befriedigung erfüllte, und Schulze seine Schmerzen vergessen ließ. Da der brave Förster selber Hand mit anlegte, so ging der schwierige Transport rascher unb glücklicher von statten, als man's gefürchtet, unb bie Verwundeten lagen so gut als möglich gebettet, als Doctor Peters erschien. Der Wagen, welcher von Rotenhof abgeschickt worden, war ihm zum Glück unterwegs begegnet, da er nach Ebenheim fuhr. Er sagte kein Wort zu ber grausamen Bescheerung, konnte aber ein Erschrecken nicht unterdrücken unb schien bas Resultat ber Untersuchung sehr bedenklich zu finden- Marbach hatte eine schwere Wunde am Hinterkopf und eine Zerschmetterung des linken Arms davongetragen, während dem alten Reinhardt die rechte Gesichtshälfte verbrannt und bie Schulter zerrissen wor- — 155 immerhin leichtere Arbeit, da er fieberfrei ist, aber seltsam genug auch von einem blutigen Schnitt faselt. Reden kann er Gott sei Dank noch nicht, weil er den Mund nicht regen kann, das eine Auge geht auch wohl zum Teufel, aber Papier und Bleistift mußte ich ihm in die Hand geben und da kritzelte er richtig tolles Zeug hin von einem blutigen Schnitt, woran man den Mörder erkennen könne und dabei einen Namen — Gott steh' mir bei — ich sollte diesen Zettel dem Criminal-Commissar Frenzel geben." ..Wollen Sie denn das nicht, Herr Doctor?" fragte der Heilgehilfe. „Ich thät's doch, da es nicht schaden kann." Dem alten Arzt schien die ein wenig zudringliche Klugheit dieses Handlangers der Medicin nicht angenehm zu sein. Er zuckte spöttisch die Achseln und ging, um nach Rotenhof zu fahren, wo Reinhardt auf dem Schmerzenslager sich befand und sich ohnmächtig gegen sein schreckliches Geschick, das eine bübische Hand ihm bereitete, aufzulehnen suchte. Doctor Peters fand ihn in heftiger Ungeduld seiner harrend. Die Schulterwunde verheilte gut, aber die Brandwunden schie- nen von einer giftigen Substanz herzucühren und deshalb der ärztlichen Kunst noch immer zu spotten. Der Kranke reichte dem Arzt sogleich einen Zettel entgegen, den dieser annahm und überflog. „Haben Sie's dem Commiffar gegeben, Doctor?" las er. „Ja, er wollte sich's überlegen," beantwortete dieser die Frage. Das rechte Auge des Malers, welches unter dem Verbände, der beinahe das ganze Gesicht bedeckte, unheimlich hervorlugte, starrte den Doctor an. Dann schrieb er wieder. „Ist Marbach tobt?" „Nein, aber schwer verwundet," antwortete der Arzt. „Er fiebert noch immer und phantasirt stark." Reinhardt seufzte tief. Er ließ sich ruhig verbinden und stöhnte nicht einmal dabei. Auch hier war ein Heilgehilfe an- wesend, welcher die Pflege ganz allein leitete und besorgte. Der Maler schrieb alsdann einen Zettel mit der Frage, ob Fräulein Holten noch krank und Steindorf dort anwesend wäre? „Sie ist wieder besser und ergeht sich bereits in freier Lust. Steindorf war während ihrer Krankheit dort anwesend, jetzt aber nicht mehr, ich und Mamsell Evers hielten ihn vom Krankenzimmer fern. Fräulein Armgard weiß von dem neuen Attentat noch nichts, doch kann ich grüßen." Der Maler nickte mühsam und schrieb aufs Papier: „Obwohl sie mich nicht recht leiden konnte, so möchte ich doch um ihren Besuch bitten." „Dazu ist sie noch nicht kräftig genug, mein alter Freund, will's aber bestellen. Halten Sie sich ganz ruhig, davon hängt einzig Ihre Genesung ab. Ich fahre noch in Edenheim vor. Ueber Steindorf beunruhigen Sie sich nicht, der geht wahrscheinlich bald nach Amerika zurück." Dieser Trost schien indeß bei dem Kranken die beabsichtigte Wirkung nicht zu haben. Er rollte das eine Auge in wahrhaft erschreckender Weise und schrieb mit erregt zitternder Hand: „Schicken Sie mir um Gotteswillen den Commissar Frenzel her. Ich muß eine Aussage machen. War er denn überhaupt noch nicht hier?" ..... »Freilich, alter Freund, aber Sie waren doch ganz unfähig zu einer Aussage, was der Polier Schulze auch hinreichend schon besorgt hat." Reinhardt ballte vor Ungeduld die Hand und schrieb dann mrt großen Buchstaben: ..Schulze soll dem Commissar von der rothen Schnittnarbe erzählen." „Gut, gut, ich will Alles ausrichten," beruhigte ihn der Doctor, den diese fixe Idee des Kranken sehr bedenklich stimmte. Er ging hinaus, dem Gehilfen einen Wink gebend, chm zu folgen. »Die fixe Idee des alten Herrn wurzelt in einer Narbe," flüsterte er ihm draußen zu, „das Gehirn muß also doch ge- utten haben." „Ja, der Sprengstoff muß unbedingt eine giftige Bei- mschung gehabt haben — die Hülse ist ja gefunden worden." „Ich weiß, meine Herren Collegen bezweifeln das Gift, und sie mögen recht haben, weil wir sonst sofort eine Blutvergiftung gehabt hätten. Mag aber sonst etwas dazwischen gewesen sein, was auf das Gehirn eingewirkt hat Na, suchen Sie ihn nur zu beruhigen, das ist vorerst die Hauptsache." Auf dem Wege nach Edenheim wollte ihm die seltsame Uebereinstimmung der beiden Verwundeten in Betreff der rothen Schnittnarbe gar nicht aus dem Sinne. Sollte diese Idee wirklich einen ernsten Hintergrund haben und er verpflichtet sein, dem Criminal-Commissar darüber zu berichten? Ja, wenn der Name Steindorf nicht so widersinnig hineingeflochten wäre, — hiermit würde er sich ja unsterblich lächerlich machen. Was gingen dem Commissar die verrückten Phantasten seiner Kranken an? Er könnte es ihm ja immerhin als Curiosum mittheilen. Mit diesem Entschlüsse fuhr er vor die Freitreppe des Herrenhauses von Edenheim, wo ihm Mamsell Evers mit einem umwölkten Gesicht entgegentrat. „Nun, was gibt's?" fragte er, sie forschend anblickend. Die alte Wirthschafterin schluckte erst einige Male, als ob ihr etwas Ungehöriges im Halse stecke und erwiderte dann leise: „Was soll's geben, Herr Doctor — jedenfalls eine Hochzeit." Er sah sie erschreckt an. „Ist er wieder hier?" „Mit ihr im Garten, ich hab' von meinem Fenster aus genug gesehen. O, daß er wieder heimkehren mußte —" „Ja, und daß die Kleine unter ihrem Schutze todtgeschossen wurde," brummte der Arzt, „dergleichen gibt bei Gefühlsmenschen in der Regel den Ausschlag. Ihm konnte, so hart es klingen mag, nichts Besseres passiren, um Edenheim zu bekommen, da die Frau ihm jedenfalls Nebensache ist. Wollen Sie mich auch einmal mit eigenen Augen aus Ihrem Fenster observiren lassen, Mamsell Evers?" „Gern, Herr Doctor, aber nehmen Sie sich in Acht, daß man Sie nicht bemerkt, er würde es mir bös ankreiden. Wenn er erst die Macht hat, wird auch meine Zeit hier um sein." Sie wischte sich mit der schneeweißen Küchenschürze die Augen und stieg eiligst vor ihm die Treppe hinauf. Doctor Peters folgte ebenso rasch, da ihn jene Nachricht merkwürdig erregt hatte. Ohne Aufsehen erreichten sie die Stube der Mamsell, die im Seitengiebel des Herrenhauses lag und eine unbeschränkte Aussicht auf diese Seite des Gartens und auf. den Park besaß. (Fortsetzung folgt.) Werei und Werhase. Eine culturgcschichtliche Scizzc. Bon E. Sabel, Oberstücutcnant a. D. (Nachdruck verboten.) Nach langem, kalten Winter wärmende Sonnenstrahlen: Ueberall in der Natur beginnt es sich zu regen: Bäume und Sträucher knospen, und muntere Vogelmännchen, zum großen Theil in prachtvollen Hochzeitskleidern, schmettern werbende Liebeslieder in die klare, blaue Luft hinein. Grüner Schimmer hat den Winterwiesenteppich überhaucht, blaue Blüthen des süß düftenden Veilchens sind darüber ausgestreut; malerisch hebt sich von ihm ein Beet zierlicher, goldiger und weißer, aus hellgrünen Blättchen hervorlugender Crocusglöckchen ab. Dort haben Glockenblumen ihr bläulich angehauchtes Laub, Päonienbüsche ihr erstes zartes Grün entfaltet; hier treibt Iris ihre schwertförmigen Blätter empor, und Lilie und Kaiserkrone schicken sich an, ihre Blüthenstengel zu entwickeln. Eine Schaar munterer Kinder umschwärmt diese ersten Frühlingsherrlichkeiten und sucht erregt jedes grüne Büschchen ab. Es ist Oster- morgen, und der Osterhase war im Garten gesehen worden. Jubelnd finden die Kleinen bald hier bald dort versteckte, schön gefärbte Eier, meistens rothe und gelbe, aber auch andersfarbige, Ostereier, die der freigiebige Osterhase gelegt hat, Eier von Form und Größe der Hühnereier mit festem Eiweiß und Dotter. Wenn aber das Osterfest so früh fällt, daß die Pflanzen noch im Winterschlafe liegen oder gar Schnee die Erde - 156 — überdeckt, ist der Osterhase so gütig, seine Eier in für ihn besonders bereitete Moosnester abzulegen oder mit ferner Spende : selbst bis in unsere Wohnungen vorzudringen. Und tn den nächsten Tagen haben die Kinder und selbst Erwachsene ihre Helle Freude an den Ostereiern, deren Festigkeit durch Auskippen der Spitze des einen auf die des anderen zu prüfen, das minderfeste Ei zu gewinnen und noch andere Gebräuche zu üben, deren Aufzählung zu weit führen würde. So war und ist es Brauch. in fast ganz Deutschland. Aber auch in den meisten anderen christlichen Ländern Europas war das Osterei seit Langem bekannt. Und in den dem unsrigen kurz vorhergegangenen Jahrhunderten hatte sich die schöne Sme des Eierschenkens zu Ostern dahin ausgebildet, daß hochgesteme oder reiche Personen ihren Freunden, Freundinnen und Günstlingen kostbar vergoldete oder von Malern mit hübschen Bildern gezierte Eier eigenhändig überreichten. Man zeigte früher im Schlosse zu Versailles Ostereier, welche König Ludwig XV. seiner Tochter Victoire geschenkt hatte, auf denen stch Bildchen befanden, welche von den bekannten Genremalern Laueret und Wateau gemalt waren. Später ist das eigentliche Osterei zum Geschenke für Kinder herabgesunken, heute aber in seinen künstlichen Nachahmungen zu glänzender Höhe emporgestiegen, seien der Inhalt der reich verzierten, eiförmigen Schalen ver- schiedensterGrößewerthvolleGeschenkeoderreizendeBlumenspenden. Daß das Ostereierschenken nur von Völkern christlichen Bekenntnisses ausgeübt wird, hat bei Erforschung besten, woher die Ostereiersttte stammen möge, zunächst zu einer auf rein christlicher Einrichtung fußenden Annahme geführt: Das El, im Besonderen das Hühnerei, hat von jeher eine nicht unbedeutende Rolle im Haushalte der Völker gespielt; man denke sich nur unsere Lage, wenn urplötzlich dieses hochgeschätzte, kräftige, vielseitig benutzbare und vielfach verwendete Nahrungs. mittel auf unseren Märkten nicht mehr erschiene. Nun war in der Zeit, in welcher die christliche Kirche noch nicht geschieden war in die römische und die von dieser unabhängige griechische. Enthaltsamkeit vom Genuste der Eier und Eierspeisen während der dem Osterseste vorangehenden sechswöchigen Fastenzeit geboten. Nach der langen Entbehrung wieder Eier essen zu dürfen, war gewiß eine Freude. Und so soll es gekommen sein, daß Freunde und Bekannte sich zu Ostern mit frischen Eiern beschenkten. Dieselben pflegten gefärbt und am Samstage vor Ostern in der Kirche gesegnet zu werden. Jenes Gebot der Enthaltsamkeit von Eierspeisen während der Fasten- zeit besteht heute nur noch in der griechischen Kirche. Trotzdem hat sich das Eierschenken am Osterfeste auch bei den römisch-katholischen Christen erhalten. Thatsächlich wird es auch von Bekennern anderer christlicher Confessionen ausgeübt. ' Aber das Ei hat noch eine Eigenschaft, welche das Interesse an ihm und das Nachdenken in hohem Grade herausfordert, die, daß aus ihm, dem anfcheinend tobten Gebilde, ein lebendes Wesen stch entwickeln kann. Dieselbe hat schon in den ältesten Zeiten dazu gesührt, diesen Umstand nicht nur practisch zu ver- werthen, sondern auch das Ei als Sinnbild des Werdens und der Fruchtbarkeit zu betrachten. Die alten Indier hatten sich daraus die Vorstellung gebildet, daß aller Dinge Anfang ein Urei gewesen sei. In den altegyptischen Inschriften ist das Ei nicht unbekannt. In der griechischen Mythologie spielt es eine Rolle. Aus der Römerzeit herrührende Basreliefs stellen dar, daß mit Eiern gefüllte Körbe bei religiösen Ceremonien getragen wurden. Und auch im Göttercultus der alten Deutschen finden wir das Ei wieder als Sinnbild des im Frühlinge wieder erstehenden Naturlebens bei der Verehrung der Frühlingsgöttin Ostara Und so konnte es nicht ausbleiben, daß mit der Zeit das Ei als Osterei auch zum Sinnbilde der Auferstehung Christi wurde. , Die angeführte Erklärung der Entstehung des Ostereige- brauchs leidet an dem Mangel, daß aus ihr sich nicht erkennen läßt, weßhalb die Ostereier ursprünglich ausschließlich roth und gelb gefärbt wurden. Man suchte und fand eine andere, wenn auch nur die rothe Färbung erklärende Lösung: Die geheim- freude bereiten! — Vermischtes. Kindliche Logik. Gouvernante: ,.Sieh, Kind, die Antipoden sind unsere Gegensüßler, denn die gehen jedesmal i schlafen, wenn wir schon ausstehen!" — Die kleine Emi • „Nicht wahr, Fräulein, da ist mein Bruder Fritz, der Studem, auch ein Gegenfüßler?!" nißvolle Verwandlung des Ei-Jnhalts in ein lebendes Wesen und die Benutzung der Eier bei religösen Festen mußte bei der Empfänglichkeit des menschlichen Geistes für alles Wunderbare auch zu manchem Aberglauben, die Eier betreffend, fuhren. Und einem solchem Aberglauben verdanken wir dre folgende merkwürdige Erklärung der Entstehung des Ostereigebrauchs als eines christlichen: Unter den römischen Kaisern der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt ragt Alexander Severus durch Milde und Sittlichkeit des Charakters hervor. Am Tage seiner Geburt erzählt man, habe eine seinen Eltern gehörige Lenne ein rothes Ei gelegt. Dieses Ereigniß sei als em günstiges Zeichen der hohen Bestimmung des Kindes angesehen worden, und habe thatsächlich sich als solches bewahrt, da Alerander noch sehr jung zum Kaiser gewählt worden ist. Das habe später zum Andenken an diesen den Christen gewogenen Herrscher bei letzteren zur Sitte des Ostereigebrauchs geführt. Nach den gegebenen beiden Annahmen über Entstehung des Ostereigebrauchs wäre letzterer ein rein christlicher, wahr- scheinlich in den am Mittelmeere gelegenen Lanseni Europas entstandener und von dort aus nach Frankreich, Deutschland, Rußland und weiterhin verbreitet worden. Dem widerspricht, daß die Ostereier ursprünglich nur roth und gelb gefärbt wurden Denn Roth und Gelb sind die Farben der Sonne und des Feuers, das Roth- und Gelbsärben der Eier ist alfo ent schieden heidnischen Ursprungs. Und in der Thai kennen wir, wie bereits ausgeführt, den Gebrauch des Els bet religiösen Festen der Heiden als Symbol des Werdens und der Fruchtbarkeit. Beim Feste der Frühjahrs-Tag- und Nachtgleiche versinnbildlichte das Ei das Wiedererwachen der Naturkrafte. Unser Osterfest, das Fest der Wiederauferstehung Christi, fallt aber in dieselbe Zeit, in welcher unsere Altvordern das Früh- lingssest, das Fest der Frühlingsgöitm Ostara feierten. Nun haben es unsere altchristlichen Missionäre vortrefflich verstanden, überall da, wo sie heidnischen Völkern das Chrlstenthum predigten, alte, dem Volke heilige Gebräuche mit weiser Vorsicht zu schonen, neben den neuen christlichen bestehen zu lassen und Steren anzupassen. Das christliche Auferstehungsfest entlehnt? den Namen Ostern von der heidnischen Fruhllngsgöttm Ostara, die letzterer heiligen Eier, welche die Wiedergeburt des m beginnenden Naturlebens versinnbildlichten, wurden zu Symbolm der Auferstehung des Heilandes und des reinen ®ot‘e^laubetl . Die Ostereier sind entschieden altgermanischen Ursprungs, w« auch die Osterfeuer, welche in einigen Gegenden heute noch das Osterfest verherrlichen und das Osterwasser. Auch die Fabel vom Osterhasen ist wahrscheinlich alt deutschen Herkommens. Der Hase war wohl Symbol der Fruchtbarkeit und der Ostara angehörend; er so? den alle Deutschen heilig gewesen fein, so daß sie ihn nicht gegessi hättem Nach Grimm (Wörterbuch) ist der Osterhase dagegen nur der Hase, welcher „nach dem Kinderglauben d e OsifM legt", und es muß zugegeben werden, daß die Zugehonsi , des Hasen zur Göttin Ostara nicht unbestreitbar nachgewnsen , ist. Der Osterhase ist sogar nicht überall in Deutschland be , kannt (außerhalb Deutschlands weiß man Nichts vonmW In manchen Gegenden ist es ein Hahn, der die Ostereier ugt, in anderen eine besonders geartete Henne Aber der ue legende Osterhase ist entschieden eine die Phantasie und das Gemüth mehr und poetischer anregende Erscheinung, ais S-mi- unb fe* ein S-h». bec Siet legt W“* Glaube an ihn nicht untergehen, sondern noch vielen Generationen lieber munterer Kinder und Erwachsener recht große UW Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Sieben. Die nächste Nr. der „Familienblätter" wird Mittwoch dem Anzeiger betgelegt.