Ilnterlialtun^Watt ZUNi Grefzenev AnzergeV sGEeverl-Anzerg-p) 1893. IUL'-' Donnerstag, den 2. März. Dänion Gold. Original - Roman von W. Höffer. (Fortsetzung). Erich richtete sich fester auf; sein Blick wurde so be- fehlend, so siegesgewiß, daß Adele ein heimliches Herzklopfen verspürte. „Fräulein Aßmann läßt Sie fragen," sagte er, „ob es Ihnen räthlicher scheint, den Brief der verstorbenen Baronin Moldt in dieser Stunde freiwillig herauszugeben — und zwar mir I oder ob sie diese Angelegenheit den Behörden zu wei« lerer Verfolgung überlasten wollen?" ^schrak so heftig, daß sie zusammenzuckte. „Den Brief?' wiederholte sie. „Ich verstehe nicht." „Dann muß ich mich deutlicher erklären. Die verstorbene Baromn hat ihre letzten Lebensstunden dazu benutzt, um Ihnen einen Abschredsbrief zu schreiben —" „Wer behauptet Das?" „Ich, wie Sie sehen. Wollen Sie gutwillig diesen Brief herausgeben?" „Lächerlich! Ich besitze keinen solchen." „Dann haben Sie denselben vernichtet und werden eidlich erhärten müssen, was die nicht mehr vorhandenen Zeilen enthielten." Die Gesellschafterin hatte bisher mitten im Zimmer auf- recht gestanden, jetzt zog sie einen Sessel herbei und ließ sich nieder. _ "3ch höre Ihre Worte, ohne deren Sinn zu begreifen, Herr Wolfram- Was ist das mit einem Bries, den ich erhalten haben soll? Woher kommt Fräulein Aßmann auf diese seltsame Idee?" Durch Erichs Seele ging ein Strom von Freude. Adele hatte den Brief wirklich empfangen. „Genug, daß Fräulein Aßmann Alles weiß," betonte er. , „Durchaus nicht genug, mein Herr, durchaus nicht. Ich bm beleidigt und fordere Rechenschaft - zunächst von Ihnen." Ern spöttisches Lächeln kräuselte Erichs Lippen. „Sie verwechseln die Situationen, mein Fräulein. Ich bin es, der als Richter vor Ihnen steht. Wollen Sie Alles hören, auch das Letzte? Fräulein Aßmann hat im Papierkorb einen an Sre gerichteten angefangenen, aber unvollendet gebliebenen Brief gefunden — was sagen Sie dazu?" „Daß die Geschichte eine Fabel ist." Erich «ahm seinen Hut. „Ich sehe, wir werden uns schwerlich verständigen, Fräulein Malten. So muß denn die Polizer einschreiten." Adele sprang heftig auf. „Was? Sie wollten es wagen, mir die Gerichte auf den Hals zu hetzen?" „In einer halben Stunde bin ich bei dem Staatsanwalt, ja." „Lächerlich!" Das klang, als wolle ein ersticktes Schluchzen gewaltsam hervorbrechen. „Was Sie da verlangen, ist ohne Sinn, ohne Recht!" rief Adele. „In einem Athem behaupten Sie, der Brief sei mein Eigenthum und daß Sie mich zwingen könnten, denselben herauszugeben." „Gewiß. Rur das Blatt Papier ist Ihr Eigenthum und Riemanv wird Ihnen Ihr Recht darauf streitig machen, — den Inhalt dagegen hätten Sie schon im ersten Verhör sogleich zu Protocoll geben müssen." „Müssen?" wiederholte Adele. „Müssen? Sind Briefe, die man mir schreibt, ohne Weiteres Gemeingut?" „Ist der Zeugeneid, den Sie geleistet haben, eine inhaltleere Spielerei, Fräulein Malten?" Sie zuckte zusammen. „Jener Eid? — Ich habe aus alle mir vorgelegten Fragen der Wahrheit gemäß geantwortet." „Das ist möglich, aber dennoch war der Eid ein falscher." „Herr Wolfram!" „Dennoch war der Eid ein falscher. Sie haben beschworen, nichts hinzuzusetzen und nichts zu verheimlichen! Es paßte Ihnen indessen, um die Angeklagte zu verdächtigen, besser, den Empfang jenes Briefes vollständig für sich zu behalten. Ist es nicht so?" „Sie wenigstens haben zu keiner Frage ein Recht, Herr Wolfram!" „Daher werde ich den Staatsanwalt sprechen lassen. Möge dieser die Angelegenheit des umgangenen Eides näher untersuchen. Ich empfehle mich Ihnen, Fräulein Malten, Sie selbst bereiten sich Ihr Schickjal." Er wollte gehen, aber Adele streckte die Hand aus; ihr Gesicht war fahl, ihre Blicke erloschen, sie zitterte vor Auf- regung. „Ich mag mit den Gerichten nichts zu schaffen haben, Herr Wolfram. Vielleicht können wir unterhandeln." „Sie wünschen eine Abfindungssumme? Mit Vergnügen." Jetzt glühte das eben noch so bleiche Gesicht des jungen Mädchens im tiefsten Purpur. „War auch das noch keine Beleidigung, Herr Wolfram?" „Ich glaube nicht, mein Fräulein. Das Wort „unterhandeln" -" „Run, so wählen wir nach Belieben einen anderen Ausdruck. Ich verlange von Ihnen nichts, als ein Versprechen." „Gegen Auslieferung des Briefes, meinen Sie?" „Nehmen wir an, es sei so. Wenn ich Ihnen das Schriftstück übergeben hätte, so müßten Sie den Behörden gegenüber eine Ausflucht ersinnen, zum Beispiel daß der Brief unerbrochen in dem Zimmer der Baronin gefunden worden sei oder Aehn- liches. Ich will aus dem Spiele bleiben." „Das sollen Sie!" rief Erich. „Ich verspreche es Ihnen-" „Auf Ihr Ehrenwort?" „Ja. — Und nun geben Sie mir den Brief." Sie schloß die Handtasche auf und reichte ihm das Blatt. „Ich glaube, jetzt kann unsere Unterredung als beendet gelten, Herr Wolfram." „Das ist auch meine Anstcht. Versöhnen Sie sich mit dem Himmel in Bezug auf den geleisteten Meineid und seien Sie versichert, daß Ihnen Fräulein Aßmann vollständig ver- zeiht." Während er das Zimmer verließ, hörte er, daß Adele laut auflachte, aber der Ton klang nicht spöttisch, wie sie beabsichtigt haben mochte, sondern schauerlich. Die Gesellschaf- lerm stand am Fenster, dessen Vorhänge sie zurückgeschlagen hatte, und sah in die Winternacht hinaus. Ein Meineid war es also, was sie geschworen hatte? Aechzend schlug Adele ihre beiden Hände vor das eiskalte Gesicht. Sie mußte nun hinaus in die unbekannte Ferne und unter fremden Menschen eine neue Stellung suchen wie bisher. In der Umgebung von Moldt war nichts zu finden gewesen, obgleich ste den letzten Tag dazu verwendet hatte, sich persönlich überall zu erkundigen. Und so hieß es denn unerbittlich: „Weiter! Weiter!" Irgendwo würde ja für eine kranke Dame oder eine lärmende Kinderschaar jene ftiHe Gestalt gesucht werden, die immer zu lächeln versteht, die von keiner Ungeduld weiß und keinem Zuviel der aufgebürdeten Pflichten. Dahin begab sie sich, des Joches gewohnt, ohne Hoffnung oder Freude. Aber hinter ihr standen jetzt Gespenster. Die Erinnerung an alle Gedankenfäden, mit denen sie Jahre lang Cäciliens Krankenbett umsponnen, die Sturmnacht an der See — die trostlosen Worte, welche Wolfram hier vor einigen Minuten gesprochen. Und das Alles würde nie, nie bis an's Ende wieder vergessen werden können. O, über das verlorene, verfehlte Leben! Mit Sturmesfchritlen eilte Wolfram durch das dämmernde Grau des Wintermorgens zum Telegraphenamt und gab an den Untersuchungsrichter in der Heimath zur Weiterbeförderung an Ruth eine Depesche folgenden Inhalts auf: „Habe den Brief, Alles gut." Dann erst nahm er sich im Bahnhofshotel ein Zimmer, schloß die Thüren und las den Inhalt des bedeutungsschweren Schreibens. „Meine liebe Adele! Es sind Abschiedsworte, die ich mit schwindenden Kräften in der letzten Stunde meines Lebens an Sie richte, gerade an Sie, weil Ihnen Aller bekannt ist, was in meiner Seele vorgeht, weil Sie auf das Genaueste wissen, wie ich denke und fühle, welche Absichten es sind, die mich erfüllen. In einer Stunde habe ich aufgehört, zu athmen, Adele! Ein schauriger Gedanke, der sich wie eine kalte Hand an das Herz legt, ein schwerer, beklemmender Entschluß, aber das darf mich nicht beirren, nicht zurückschrecken. Mein armes, leidenvolles Leben ist ja ohnehin verfallen; die Tage desselben sind gezählt, was verschlägt es da, wenn ich anstatt des einen, mir verordneten Pulvers deren sechs zugleich nehme? — Alle, die ich liebe, werden durch meinen Tod befreit aus schweren Banden; Hans Adam, der lebenslustige, nach Freude und Genuß dürstende Hans Adam soll meine liebe Ruth heirathen und bekommt dadurch zugleich eine schöne junge Frau und außerdem das Vermögen, dessen er so sehr bedarf. Die Sonne von Moldt wird erst über meinem Grabe in voller Herrlichkeit aufgehen. Ueber das Alles haben wir hundertmal niiteinander gesprochen, Adele, nicht deutlich zwar und ganz unverhüllt, aber uns Beiden verständlich. Sie sahen, wie sich meine Seele zum Entschluß durchrang, und ich därf wohl sagen, Sie waren es, die mich die Rothwendigkeit desselben erkennen ließ. Wir verstanden uns im Größten und Kleinsten, daher sind Sie es, der meine letzten Worte gelten. Ich müßte viele, viele Seiten schreiben, wollte ich den Meinigen auseinandersetzen, was mich in den Tod treibt, Ste dagegen können mündlich Alles erklären, können auf Grund unseres Einverständnisses bezeugen, daß ich ein Opfer bringe Denen, die mir lieber sind als selbst das Leben. Und nun noch ein Wort von mir. Gott ist die Liebe. Gott ist allwissend — sein Auge wird in meinem Herzen die Schatten der Sünde entdecken, wo ich selbst nur einen Altar der innigsten, reinsten Liebe errichtet habe. Wo ich geben, aber nicht gewinnen will? — Ich kann es nimmer glauben. „Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig." — Das gilt auch für mich. Adieu, Adele, sagen Sie Allen meine letzten Grüße und nehmen Sie die Versicherung freundschaftlicher Zuneigung von Ihrer Cäcilie v. Moldt." Wolframs Herz war auf das Tiefste erschüttert. Er sah im Geiste das schöne, lebensfrische Mädchen von kaum achtzehn Jahren, wie es seine eigene Hand zum Traualtar geleitet an Hans Adams Seite — und dann die stille Leidensgestalt auf dem Ruhebett, die unnatürlich großen, sorgenden Augen. Immer neue Bedrängnisse, neue quälende Fragen erwuchsen aus dem grenzenlosen Leichtsinn des Barons, aus seiner Verschwendung, seinem gänzlichen Mangel an Besonnenheit; das Alles hatte Cäciliens Leben aufgezehrt und ihren klaren Verstand um* nachtet, bis sie zuletzt jener ränkevollen Adele in die Hände fiel und nun allen Halt, allen sicheren Boden verlor. Arme Cilli! Wie wohlberechnet, mit welcher grausamen Consequenz mochte die Gesellschafterin ihre Seele umgarnt haben. Und Alles auch ihrerseits eines Jrrthums wegen. Der Brief der Tobten wurde sorgfältig verwahrt, Wolfram trank eine Taffe heißen Kaffee und nahm dann nach einigen Stunden, als der Zug abfuhr, ein Coupee für sich allein. Sobald die Räder rollten, streckte er sich aus und schloß behaglich die Augen. Jene gliederlösende Ruhe nach erstritte- nem Siege, die köstliche Ermüdung dessen, der einen Kampf glücklich zu Ende geführt, bemächtigten sich seiner und ließen ihn schlafen, bis am Abend der Zug in der Heimath anlangte. Wolfram begab sich in die Wohnung des Richters, überlieferte ihm Cäciliens Brief und bat um nichts Geringeres, als feine Mündel sehen zu dürfen, nur im Gefängniß und auf wenige Minuten. Es kostete einige Ueberredung, bis der Mann des Gesetzes einwilligte, dann aber gab er den Erlaubnißschein für den Gefängniß-Jnspector und Wolfram durfte das Sprechzimmer der Anstalt betreten, um mit klopfendem Herzen zur Thür zu blicken, bis Ruth eintrat. Dann streckte er ihr beide Hände entgegen, stumm im Anfang, keines Wortes mächtig. Wie blaß sie war, wie groß die Augen. Selbst der grauhaarige Wächter in der Ecke empfand Mitleid. „Gott wird Alles herrlich hinausführen," murmelte er. „Es ist ja kein Mensch, der die unsinnige Geschichte glaubt." Weder Wolfram noch Ruth hörten ihn. Hand in Hand standen ste sich gegenüber und nur einzeln fielen die Worte von ihren Lippen. „Steht in dem Brief Genaueres?" flüsterte mit purpurnem Erglühen das junge Mädchen. „Alles, Alles — Sie dürfen sich ganz beruhigen, Fräulein Aßmann." „Ach! — Und das thaten Sie für mich, mein einziger, wahrer Freund. Ich werde Ihnen nie vergelten können." „Das wissen Sie nicht," kam es aus der Tiefe feines redlichen Herzens hervor. „Soll ich Sie bitten dürfen um ein 103 kostbares Geschenk, wenn die Stunde dafür gekommen scheint, Ruth?" Ein Schatten aufrichtigster Trauer senkte sich über die junge Stirn; Ruth sah seufzend zu Boden. „Hätte ich Kostbares zu verschenken, Herr Wolfram?" „Darf ich später meine Bitte aussprechen?" wieder« holte er. Und da sah sie ihn an- „Jal — Ja!" Er küßte zärtlich ihre kleinen, immer noch in den {einigen ruhenden Hände Auf das Wort von ihren Lippen durste er bauen in allem Wechsel, das wußte er. Dann war die bewilligte Frist verstrichen, und als er die Stätte des tiefsten menschlichen Elendes verließ, da schlug sein Herz voll jubelnder Freude. Kein Maientag war ihm jemals so schön, so herrlich erschienen, wie dieser eisige Novemberabend. Er ließ das Pferd ausgreifen so schnell es nur mochte, er ließ den kalten Nordorst sich um die Stirn wehen. In seinem Inneren blühte mit tausend hellleuchtenden Sonnen das Paradies des Glückes. Hans Adam war bei allen Amtspersonen der Stadt gewesen, er hatte den Gefängniß-Jnspector besucht und wunderte sich nun höchlichst, daß trotzdem gar nichts ausgerichtet worden war. Auch den Commerzienrath wollte er, als dieser nicht auf Moldt erschien, persönlich nochmals bestürmen; aber er mußte vor der Thür wieder umkehren. Der Herr Commerzienrath ist für den Herrn Baron nicht zu Hause, hieß es, und als Hans Adam zum zweiten Male Nachfragen ließ, da wurde ihm durch den Lakaien der unverhüllte Bescheid, man wünsche keinen weiteren Verkehr. Der Baron wandte sich ab, wie von einem Messerstich getroffen. Dieser elende Wucherer I Es war, um am Aerger zu ersticken. Und so kam Hans Adam gegen Abend dieses schreckensvollen Tages nach Moldt zurück, ohne auch nur einen Schimmer von Hoffnung mit sich zu bringen- Tante Anna saß weinend am Ofen, die Dienerschaft schlich auf leisen Sohlen durch das Haus, überall waren die Fenstervorhänge herabgelassen — ein Zustand, den Hans Adam zu den schrecklichsten des Lebens zählte. Er ertrug es nicht, ohne Anregung von außen zu bleiben; er haßte die Stille und das Alleinsein. In dieser Nacht quälten ihn schwere Träume; im Halbwachen hörte er Stimmen, die ihn anklagten, ihm mahnend zuriefen. Er fuhr plötzlich auf und horchte. „Willibald, bist Du hier?" Dann ließ er die Taschenuhr repetiren- Erst drei — unmöglich konnte der Bankdirector um diese Stunde nach Moldt gekommen fein. Er wollte ihn ja auch nicht empfangen. Auf keinen Fall. Was konnte es nützen, eine qualvolle Stunde umsonst zu durchleiden ? In dieser dunklen, endlos langen Winternacht sagte sich Hans Adam zum ersten Male, daß es doch wohl besser gewesen wäre, damals die Katastrophe über sich hereinbrechen zu lassen, als so entsetzlichen Gewissensbissen Thür und Thor zu öffnen. Er hätte wenigstens das kaum erblühte Glück seines Jugendfreundes nicht mit sich in den Abgrund gerissen. Nun mußte das Schlimmste geschehen — und ganz umsonst. Das gab der Wunde erst ein ätzendes Gift — ganz umsonst. Ob die Vernichtung einige Monate früher oder später hereinbrach, was war dadurch gewonnen? Dann dachte der Baron an Ruth. Es mußte ihm ja gelingen, ihren Widerstand zu überwinden, aber doch nicht mehr rechtzeitig- Bis sich das Alles vollzog, kam Moldt unter den Hammer. Und schaudernd schloß der einsame Mann die Augen. Gespenster, wohin er blickte, schlimme Erinnerungen und noch schlimmere Erwartungen ohne Zahl. Ebenso trostlos wie die Nacht verging auch der Morgen des darauffolgenden Tages. Es kam Niemand, Alles lag todesstill im weißen Schneegewande; selbst der Brief von Willibalds Hand, den Hans Aham erwartet hatte, blieb aus. Weshalb doch der Bankdirector nicht antwortete? Er war erzürnt, beleidigt auf das Aeußerste und erfüllt von Verzweiflung; das Alles ließ sich begreifen. Aber er hätte doch auch anerkennen können, daß ihm fein Freund eine mehr als glänzende Entschädigung in Aussicht stellte — er hätte nicht so hartnäckig schweigen dürfen. Hans Adam fragte zweimal nacheinander, ob wirklich kein Brief aus der Stadt angekommen fei. Zwecklos, von innerer Unruhe gefoltert, ging der Baron aus einem Zimmer in das andere. Er dachte nicht mehr an Ruths Schicksal — diese lächerlichen Beschuldigungen mußten ja in sich zusammenfallen, — er dachte nur an das, was sich in den Räumen der Bank an diesem Morgen vollzog. Armer Willibald! — Was sollte er den Revisoren antworten ? Es lief heiß und kalt durch die Adern des Barons; er bemerkte nicht, daß eine Droschke den Kiesweg herauf kam und erst, als das Gefährt ganz in der Nähe war, schrak er plötzlich aus. Ob Ruth zurückkehrte? Er öffnete ein Fenster und beugte sich hinaus, um dann erschreckend zurückzufahren. Die da kam, war Willibalds Fran. Sie hatte ihn schon gesehen, ihm einen eiligen Gruß zugewinkt; er konnte sich nicht mehr verleugnen lassen- Auch das noch I Er empfand etwas wie den Gedanken an Flucht; er wußte, fühlte, daß die Dinge nicht mehr lange so fortgehen konnten. Dann meldete der Diener den Besuch, und Hans Adam mußte als höflicher Mann sprechen, obwohl ihm die Kehle wie zusammengeschnürt war. Er ging der Dame mit erkünsteltem Lächeln entgegen. „Frau Director! — Sie kommen, um uns Ihre Theil« nähme auszusprechen — wie gütig von Ihnen." Frau Willibald wurde roth; in ihre Augen traten große Thränen. „Die arme Ruth," sagte sie mit unsicherer Stimme. „Ich weiß." „Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Director. Tante Anna wird sogleich erscheinen." Aber die junge Frau schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht lange bleiben, Herr Baron — e« ist nur eine Frage, die ich Ihnen stellen möchte." Der Baron verbeugte sich. „Ich bitte, Frau Director." Sie sah ihn ängstlich an- „War Willibald heute Morgen hier, Herr Baron? Oder haben Sie von ihm irgend eine Nachricht erhalten?" Er zuckte die Achseln. „Durchaus nicht!" brachte er mit Mühe hervor. „Weshalb die Frage, gnädige Frau?" Sie sank wie gebrochen in sich zusammen. „Willibald ist heute Morgen zur gewohnten Stunde aus dem Hause gegangen, aber in der Bank nicht angekommen, Herr Baron. Was kann das bedeuten?" Hans Adam erschrak so heftig, daß es ihm Mühe kostete, sich aufrecht zu halten. „Nicht angekommen?" wiederholte er. „Unmöglich." „Es ist so. Der Buchhalter hat mir zweimal nacheinander einen Boten in’s Haus geschickt und ehe ich bann hierher kam, überzeugte ich mich persönlich. In der Bank ist Willi« bvld nicht gewesen." Hans Adam trocknete die Stirn mit dem Taschentuch, obwohl das Zimmer ungeheizt und infolge dessen die Luft bitterkalt war. „Unbegreiflich!" sagte er beinahe stammelnd. (Schluß folgt.) Setöstverstümmeümg 6ei Mieren. Von Dr. Ludwig Staby. —---- (Nachdruck verboten.) Wenn wir in Folgendem über eines der interessantesten und merkwürdigsten Kapitel aus dem Thierleben sprechen wollen, so ist es zuvörderst nöthig, den Begriff Selbstverstümmelung etwas näher zu charakterisiren und abzugrenzen. Unter Selbst- — 104 — Das Nämliche. Freier: „Mein Herr, ich komme mit Im Gegentheil? Das ist doch das Nämliche! II Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gieße». Schwanz wird dadurch an der Stelle des geringsten Widerstandes zerrissen. Die Zerreißung geht nicht immer zwischen zwei Wirbeln vor sich, es wird häufig ein Wirbel mitten durch- geriffelt, wenn dort die geringste Festigkeit war. Nach einiger Zeit wächst bei diesen Thieren das fehlende Glied wieder nach, es bleibt aber gewöhnlich etwas kürzer und ist immer etwas schwächer als das ursprüngliche, so daß man Eidechsen sowohl wie Schleichen mit reparirten Schwänzen schon bei oberflächlicher Untersuchung als solche erkennt. Ja ganz ähnlicher Weise wie dre Eidechsen retten sich mehrere in den Tropen lebende Landschnecken vor dem Unter- gange in den Magen eines Verfolgers, bei ihnen ist aber nicht der Schwanz der zum Angriff reizende Theil, sondern der un- gewöhnlich große schmale Fuß, den die kriechende Schnecke hinter sich herzieht. Selbstverständlich wird die Schnecke von jedem Vorfolger, sei es ein Vogel, eine Eidechse, ein Frosch oder ein anderes Thier, gerade an diesem hervorragenden bequem zu fassenden Fußtheile gepackt, die erschreckte Schnecke bewegt sich heftig hin und her, das Fußtheil löst sich ab und die Schnecke selbst läßt sich von den Zweigen und Blättern der Bäume und Sträucher, auf denen sie lebt, herunterfallen, um dem Auge des Feindes auf diese Weise zu entschwinden. Nach kurzer Zeit ist an Stelle des amputirten Fußes ein neuer angewachsen. Viele Krebsarten, besonders Hummer, Languste und Einsiedler. Krebse werfen ebenfalls sehr häufig, wenn fie' angegriffen wer- den und zu erliegen drohen, in der höchsten Noth ihre Scheeren ab und versuchen waffenlos zu entkommen, gelingt ihnen dies, so sind sie gerettet, denn die Scheeren sind nach nicht gar langer Zeit wieder nachgewachsen. (Schluß folgt.) Verstümmelung eines Thieres versteht man im Allgemeinen bte, sei es mit, sei es ohne Absicht erfolgende Ablösung oder Abtrennung eines oder mehrerer Glieder oder Theile des Körpers, Kindermund. Die neunjährige Else (mit Schularbeiten beschäftigt): „Mamachen, wird Fackelzug mit F oder W 9e' schrieben?" - Die Mama: „Liebes Kind, das hängt davon ab, wer ihn aufführt!" Vsrinischtes. Vorschlag zur Güte. „Sie sind wegen Landstreicherei zu sieben Tagen Haft verurtheilt!" — Vagabund: „Gnad'o, Herr Richter," geben S' mir lieber a’ bessere Kost und sperren S' mi' dafür a' paar Tag' länger ein!" Vom Kasernenhofe. Unteroffizier: „Richt' Euch! Der dritte Mann etwas zurück . . . Mudicke noch etwas z»' rück. Steckt der infame Kerl den Bauch heraus und hat gar teerten I" * ♦ . । Die meisten Feinde werden die dahinkriechende Blindschleiche am Schwanz ergreifen, durch Preisgebung desselben wird sehr ne« »der mevrerer oueoer ooer jtoene »cs »tuipete, > häufig das Thier gerettet, da der Angreifer in der ege ganz den Eidechsen ist es ebenso, der lange bewegliche Schwanz bietet sich dem Angreifer am leichtesten und er bleibt, sobald er gefaßt, in dem Besitz des Verfolgers zurück, während die behende Eidechse sich schleunigst in Sicherheit bringt. Der Bruch des Schwanzes geschieht nun keinesfalls auf rein mechanischem Wege, sondern er wird verursacht durch eine Nerven- thätigkeit der Thiere; das angegriffene Thier erschrickt plötzlich, die Nerven werden intensiv gereizt und an der Stelle des späteren Bruches werden die Muskeln krampfhaft verzerrt und zwar ziehen sich die Hinteren Muskellagen nach der Schwanz- und zwar eine---------- — . Weise erfolgt, sondern durch das Thier selbst bewirkt wird, wenn auch äußerliche Ursachen dasselbe dazu veranlassen mögen. Nun könnte man in gewiffem Sinne die Fortpflanzung mancher niederen Thiere durch einfache Theilung ebenfalls als Selbstverstümmelung ansehen, da der ursprüngliche Gesammtkörper Theile von sich abtrennt, ebenso wäre man berechtigt, das sich alljährlich wiederholende Abwerfen des Gehörnes und Geweihes des Rehbocks und des Hirschs als Selbstverstümmelung anzusehen, aber das wäre doch für derartige Vorgänge unzutreffend, denn bei der Theilung wird das Individuum zwar «einer, aber ÄS««« । Käss« ää er hat sogar einen Vortheu, da ihm in kurzer Zerr ein nocy kräftigeres und stärkeres Geweih, als das abgeworfene, wieder ersteht, von einer Selbstverstümmelung kann also nicht gut die Rede sein, denn bei dieser wird der Körper immer, oft allerdings nur unbedeutend, geschädigt, er ist minderwerthiger und unvollkommener, als er vor der Verstümmelung war. Dies zur Klarstellung vorausgeschickt, wollen wir jetzt diesen eigen» thümlichen Vorgang im Thierreich näher betrachten. Die Selbstverstümmelung hat in fast allen Fällm, wo sie ausgeübt wird, den Zweck, das Thier thatsächlichen ober vermeintlichen feindlichen Angriffen zu entziehen, und zwar unter Verlust eine», meistens des angegriffenen Gliedes, ne ist also eine Schutzmaßregel, die ihrer Eigenthümlichkeit wegen int Thier- reich nicht sehr verbreitet ist. Wir finden sie besonders bei den niederen Thieren ausgebildet, welche die Eigenschaft besitzen, die Verstümmelung nach einiger Zeit dadurch unschädlich zu machen, daß das verstümmelte Glied wieder zu entern vollkommenen auswächst Wo dies nicht der Fall sein kann, wie z. B. bei den warmblütigen Thieren, den Säugethieren und Vögeln, kommt Selbstverstümmelung nur selten vor, und zwar niemals als natürliches Schutzmittel, sondern immer als letzte That der Verzweiflung, wenn da» betreffende angegriffene Thier zu der Erkenntniß kommt, daß nichts Anders mehr es vor dem vollständigen Untergang retten kann. So beißt sich der nut einem Fuß im Eisen gefangene Fuchs, nachdem er alle anderen Rettungsversuche umsonst probirt hat, schließlich entschlossen das gefangene Bein ab und entschlüpft auf drei Läufen, noch froh darüber, daß er diesmal noch so dem Verderben entrann. Ebenso kommt es vor, daß Marder, Iltisse, Katzen und Ratten sich des gefangenen Beines durch einen kräftigen Biß oder durch Abdrehen entledigen, um wenigstens ihr Leben zu retten. Diese Fälle von Selbstverstümmelung setzen bei den betreffenden Thieren einen ziemlich bedeutenden Grad von Intelligenz voraus, das Thier erkennt die große Gefahr, in welcher es sich befindet, Md opfert mit Absicht ein Glied des Körpers, um nicht das liebe Ich vollständig zu Grunde gehen zu lassen. Keineswegs besitzen aber alle mit einem Bein ins Fangeisen gerathenen Thiere diesen hohen Grad der Erkenntniß, ein dummer Hase wird niemals daran denken, das Bein zu seiner Rettung abzubeißen, er ist verloren, wenn einer seiner Läufe gefaßt ist und es ihm nicht zufällig gelingt, durch sein sinnloses Hin- und Herspringen das Bein abzudrehen; aber auch Thiere derselben Art sind nicht alle zu dem gleichen Heroismus veranlagt, oft genug werden Füchse oder Marder gefangen, die sich ebenfalls durch einen kräftigen Biß hätten retten können, die aber , ------*-w- u• „—- ■«—- boiu entweder m dumm oder zu feige waren. I einer Bitte, von deren Erfüllung .... Rentier. >, | 3 Bei warmblütigen Thieren ist also Selbstverstümmelung wollen mich anpumpen?" - Freier: „NeinIJmGegentheil immer ein großer Ausnahmefall im Gegensatz zu vielen niederen | Ich bitte um die Hand Jhrer Tochter!" — Bankier: „W» Thieren, bei denen dieser eigenthümliche Schutz eine ganz normale Erscheinung ist. Allbekannt ist es, daß unsere Blind- schleiche, sobald man sie am Schwanz ergreift, plötzlich das ergriffene Stück fahren läßt und schleunigst das Weite sucht, während das abgerissene Stück noch lange Zeit heftig zuckende Bewegungen ausführt. Der Zweck liegt offenbar zu Tage.