Nntevhaltrrngsblatt 311m GZetzenev Anzeigen (GeMsval-Anzeigev) 1893 Dienstag, den 1. August. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Fortsetzung.) Doctor Hallenstein aber eilte, sobald Elfriede sein Zimmer verlassen hatte, auf die Straße hinab, stellte sich, von der hereinbrechenden Dunkelheit begünstigt, im Schatten eines Thorwegs auf und folgte dann seiner Schwester, die wenige Minuten später ahnungslos an ihm vorüber ging, in geringer Entfernung nach, bis er sie in der Thür des von Julius Stirner bewohnten Hauses verschwinden sah. „Wenn sie ihn nicht zu Hause anträfe!" dachte er und er erzitterte bei diesem Gedanken. „Oder wenn sie ihm nach seinem ersten Worte entrüstet den Rücken kehrte, um dadurch meine Lage nur noch mehr zu verschlimmern? — Aber nein! — Wenn ihre schwesterliche Liebe stark genug war, ihr den Muth dieses Entschluffes und die Kraft zu seiner Ausführung zu geben, so wird sie auch im entscheidenden Augenblick nicht vergesien, daß es das Leben ihres Bruders ist, welches vielleicht an einer einzigen Bewegung ihrer Lippen hängt." Daran, daß dem hochherzigen Mädchen irgend welche Unbill widerfahren könnte, dachte er kaum noch. Auch er hatte eine flüchtige Befürchtung dieser Art, die sich vorhin in seinem Herzen geregt, mit der Zuversicht zum Schweigen gebracht, daß Stirner als gebildeter Mann die schuldige Rücksicht gegen eine Dame nicht außer Acht lasten werde, während er viele endlos lange, unsäglich peinvolle Minuten hindurch vor dem Hause auf- und niederging. Von Secunde zu Secunde wurde ihm die Ungewißheit dieses Wartens unerträglicher. Wenn er in dem einen Augenblick geneigt war, das lange Ausbleiben Elfriedens für ein günstiges Zeichen zu nehmen, quälten ihn int nächsten allerlei schreckliche Vorstellungen, die ihn vom Gegentheil überzeugen wollten. Während er sich anfänglich auf der anderen Seite der Straße gehalten hatte, überschritt er zuletzt, von wartender Ungeduld getrieben, den Fahrdamm und trat in den Thorweg des unverschlostenen Hauses ein. Und da auch jetzt der leichte Schritt Elfriedens noch immer nicht auf der Stiege vernehmlich werden wollte, begann er endlich, — unfähig, sein brennendes Verlangen nach Gewißheit noch länger zurückzudrängen — langsam Stufe um Stufe die Treppe hinauf zu steigen. Vor der Wohnungsthür des Doctors zauderte er ein paar Minuten lang; dann aber, in einer plötzlichen Anwandlung von Entschlossenheit, zog er die Glocke. Ein Diener öffnete ihm und fragte nach seinem Begehr. Der Arzt nannte seinen Namen; aber der junge Mensch schien im Zweifel über die Antwort, die er ihm ertheilen sollte. „Ich habe strengen Befehl, den Herrn Doctor nicht zu stören," meinte er verlegen. „Es ist Besuch drinnen und der Herr Doctor will darum Niemanden empfangen." „Der Besuch einer Dame — ich weiß es!" erklärte Hallenstein, der sich nun unter keinen Umständen mehr fortschicken lasten wollte. „Ich bin gekommen, um diese Dame abzuholen; denn es ist meine Schwester!" Der Diener zauderte nichtsdestoweniger noch immer, ihn eintreten zu lasten. „Der Herr Doctor pflegt sehr ungehalten zu sein, wenn seine Befehle nicht streng befolgt werden. Und gerade in diesem Fall schärfte er mir schon vor mehreren Stunden wiederholt ein, daß er mit der Dame, die im Laufe des Nachmittags oder des Abends wahrscheinlich kommen würde, allein zu bleiben wünsche und sich während ihres Hierseins jede Belästigung durch Meldungen oder dergleichen verbitte." „Vor mehreren Stunden schon?" fragte Hallenstein überrascht und in seinen Gedanken fügte er hinzu: „Er sah also voraus, daß sie kommen würde? — Er hielt sich fest überzeugt, daß ich erbärmlich genug sein würde, mich zum Dolmetscher seiner frevelhaften Wünsche zu machen? — Welchen Empfang mag unter diesen Umständen meine arme Schwester bei dem Elenden gefunden haben!" Er wäre jetzt ganz in der Stimmung gewesen, sich den Eintritt im Nothfall selbst mit Gewalt zu erzwingen; aber ehe er zu diesem Aeußersten griff, wollte er es doch noch einmal mit den Mitteln der Ueberredung versuchen. „Ich will Sie keineswegs veranlasten, gegen Ihre Pflicht zu handeln," sagte er, seine Erregung nach Kräften unterdrückend, „aber ich kann mich ebensowenig entschließen, unverrichteter Sache wieder umzukehren. Sie brauchen den Herrn Doctor nicht zu stören, indem Sie mich ihm anmelden. Ich werde ruhig im Vorzimmer warten, bis seine geschäftliche Con- ferenz mit meiner Schwester beendet ist, und ich verspreche Ihnen, daß ich alle Verantwortung auf meine Schultern nehmen werde." In der That ließ sich der Diener durch die Sicherheit seines Auftretens bestimmen, seinem Verlangen zu willfahren, und der junge Arzt trat in dasselbe Vorzimmer ein, in dem er vor einer Reihe von Stunden eine so qualvolle Zeit des Wartens zugebracht hatte. In scheinbarem Gleichmuth griff er nach einem auf dem Tische liegenden Buche; aber sobald der Diener sich zurückgezogen hatte, warf er es wieder bei Seite und eilte auf den Fußspitzen zu jener Thür, die in das Arbeitszimmer des Doctors führte. Mochte es immerhin 354 — schimpflich sein, den Lauscher zu spielen, in seiner gegenwärtigen Lage kam es auf einen so geringfügigen Verstoß gegen An« stand und gute Sitte wahrlich nicht mehr an- Er mußte sein Ohr fast an die TKrspalte legen, um die Worte Julius Stirners verstehen zu können; denn der ehemalige Rechtsanwalt sprach mit vorsichtig gedämpfter Stimme wie Jemand, der seine Steuerungen geflissentlich nicht über den Hörbereich Desjenigen hinausdringen lassen will, für den sie bestimmt sind. Es war, als ob er eben im Begriff sei, eine längere Anrede zu beenden, denn Ernst Hallenstein hörte ihn sagen: „Dies, mein Fräulein, wäre der natürliche Verlauf der Dinge, wie er sich unabänderlich gestalten müßte, wenn Sie auf Ihrer Weigerung beharren. Daran, daß Ihr Bruder der Schande, die ihn bedroht, durch einen freiwilligen Tod aus« weichen werde, glaube ich einfach nicht; denn er hat viel zu lange damit gezögert, als daß er jetzt noch den Muth dazu finden sollte. Einem Selbstmörder, der zu seiner Rettung mit so kluger Berechnung zu Werke geht, als er es Ihnen gegenüber gethan hat, ist es ganz gewiß nicht Ernst mit seinen Todesgedanken. — Und wenn ich mich darin auch täuschen sollte, wenn er wirklich zu diesem Auskunftsmittel griffe — was wäre damit für Sie und für Ihr Verhältniß zu Rode- waldt gewonnen? In weniger als einer Stunde, nachdem Sie mich verlassen haben werden, kann er von dem gemeinen Verbrechen, welches der Doctor Ernst Hallenstein begangen, amtlich unterrichtet fein, — und da er als Staatsanwalt unweigerlich zu sofortigem Einschreiten gezwungen ist, bliebe ihm, nachdem er die Verhaftung Ihres Bruders verfügt hat, nur die Wahl, entweder seine alsbaldige Entlassung aus dem Staatsdienste zu nehmen oder seine Beziehungen zu einer Familie zu lösen, mit welcher ein Wächter der öffentlichen Ordnung und ein Hüter der Gesetze ohne Schaden für das Anfehen seiner amtlichen Stellung nicht wohl weitere Verbindung unterhalten kann. — Soweit ich die etwas pedantischen Ehrbegriffe des Herrn Staatsanwalts kenne, erscheint mir die letztere Lösung bei Weitem als die wahrscheinlichere. Lebend oder tobt — in jedem Fall wird Ihr Bruder durch fein schweres Vergehen die Ursache zur Lösung Ihres Verlöbnisses geworden fein — und ich vermag in der That nicht recht zu begreifen, was Sie bei dieser Sachlage noch abhalten kann, freiwillig einen Schritt zu thun, der nicht nur Ihre nächsten Angehörigen vor unauslöschlicher Schande bewahren, sondern auch Ihrem weiblichen Stolz eine herbe Demüthigung ersparen würde. — Man stirbt am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr an gebrochenem Herzen, Fräulein Elfriede, und Ihre vermeintliche Liebe für diesen Rodewaldt, den Sie vielleicht kaum ein Dutzendmai gesehen haben, ist in Wahrheit gar nicht so groß, als Sie es sich selber jetzt einreden wollen. Seien Sie versichert, daß der Tausch nicht schlecht ist, welchen ich Ihnen vorgeschlagen habe! — Ich liebe Sie aufrichtig und ich werde rechtschaffen bemüht sein, Sie den kleinen Kummer vergessen zu lassen, den Ihnen der Verzicht auf einen Jugendtraum für den Augenblick vielleicht bereitet. Ich werde Ihnen der liebevollste und zärtlichste „Genug — genug!" fiel ihm Elfriede ins Wort, und wenn Ernst Hallenstein nicht die Gewißheit gehabt hätte, daß es feine Schwester fei, welche da drinnen weilte, so würde er sie an dem Klange ihrer völlig veränderten Stimme gewiß nicht erkannt haben. „Viel zu lange schon habe ich Sie an» gehört; denn jedes Ihrer Worte war eine Beschimpfung, wie ich sie nimmer hätte dulden sollen. Die Rücksicht auf meinen unglücklichen Bruder allein war es, die mich so lange hier festhielt; denn ich vermochte noch immer nicht zu glauben, daß diese Erbärmlichkeit Ihr wahres Gesicht fei. Ich hoffte endlich, auf eine menschlich klingende Saite in Ihrem Herzen zu treffen und durch meine Bitten Ihr Erbarmen wecken zu können. Ich fehe, daß ich mich getäuscht habe und daß wir nicht auf Mitleid rechnen dürfen bei einem Menschen, der tausendmal schlechter und verworfener ist als der, welcher hier für den Verbrecher gelten soll. Mag denn das Schicksal, das ich nicht mehr abzuwenden vermag, seinen Lauf nehmen! — Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen." „Nur noch einen Augenblick, Fräulein Elfriede! — Ich will von den Beleidigungen in Ihren Worten nichts gehört haben; denn ich begreife ja, daß Sie sich in einiger Erregung befinden und daß mein Vorschlag auf den ersten Blick etwas Befremdliches für Sie haben mußte. Aber bei ruhiger lieber* legung werden Sie anders darüber denken. Ich verlange ja auch gar nicht, Sie der Welt schon morgen als meine verlobte Braut präsentiren zu dürfen. Ich werde schon zufrieden sein, wenn Sie mir nach der Aufhebung Ihres Verlöbnisses mit Rodewaldt das Recht geben wollen, mich um Ihre Siebe zu bewerben; denn ich gebe mich der Hoffnung hin, daß es meinem eifrigen Bemühen gelingen wird, diese Liebe zu gewinnen und die Vorurtheile zu besiegen, in denen Sie jetzt noch in Bezug auf meine Person befangen sind. Ist diese Aussicht denn wirklich gar so entsetzlich, daß Sie es nur um ihretwillen nicht über sich gewinnen können, einen Menschen aufzugeben, der Ihnen ohnedies unter allen Umständen verloren ist?" Allem Anschein nach hatte Elfriede es verschmäht, ihm auf diese neue Beleidigung überhaupt eine Antwort zu geben; denn Ernst Hallenstein hörte nur, daß drinnen ein Stuhl gerückt wurde, und er trat um einige Schritte von der Thür zurück, damit er beim Oeffnen derselben nicht in seiner Lauscherstellung betroffen werde. Aber es hätte dieser Vorsicht noch nicht bedurft; denn die Thür blieb gefchlossen, und wieder ertönte die Stimme Juliu» Stirners — diesmal in raschen, hastigen, leidenschaftlich dringenden Worten, deren Inhalt der junge Arzt errieth, auch ohne sie zu verstehen. Und dann erfolgte ein angstvoller Aufschrei aus weiblichem Munde, ein Geräusch wie von dem Ringen zweier Menschen, ein Klirren und Klingen wie von dem Zerbrechen eines herabgestürzten Glasgegenstandes. Mit einem Sprunge war Ernst Hallenstein wieder an der Thür gewesen, um sie aufzustoßen und seiner Schwester zu Hülfe zu eilen. Aber die Klinke gab feinem Druck nicht nach; der Elende mußte, ohne daß Elfriede es wahrgenommen, den Schlüssel hinter der Eintretenden umgedreht haben, fo daß sie in der That während dieser ganzen Zeit seine Gefangene gewesen war. Wie ein Unsinniger rüttelte der Arzt an dem versperrten Schloß, und feiner durch die Verzweiflung verzehnfachten Jugendkraft vermochte es in der That nur für die Dauer von kaum zwei Minuten zu widerstehen. Krachend sprang die Thür unter seinem wuchtigen Stoß aus; aber wie festgebannt blieb Ernst Hallenstein auf der Schwelle stehen angesichts der überraschenden Situation, welche sich da seinen Blicken bot. Elfriede, die er noch im Kampfe mit ihrem schurkischen Bedränger geglaubt, stand hoch aufgerichtet im Zimmer, einen Revolver in der erhobenen Rechten, dessen Mündung auf den mit allen Anzeichen der Todesfurcht hinter feinen Schreibtisch geflüchteten Julius Stirner gerichtet war. Ernst hatte die Waffe, die er an ihrem mit Silber tauschirten Sauf erkannte, bei feinem ersten Besuch auf einem kleinen indischen Tabouret neben der Ottomane liegen sehen, und er zweifelte nicht, daß seine Schwester sie van dort aufgerafft habe, um sie mit dem Verzweiflungsmuthe der höchsten Angst gegen ihren Besitzer zu kehren. Als sie den Bruder erblickte, schleuderte sie den Revolver von sich und warf sich laut ausschluchzend an seine Brust. „Fort! Fort!" flehte sie mit erstickter Stimme. «Fuhre mich fort von hier! Bringe mich aus der Nähe dieses entsetzlichen Menschen!" , „Nicht eher, als bis ich ihn gezüchtigt habe, rote er s verdient! Die Thür ist offen, Elfriede, — geh'! — Mich aber laß noch für eine kurze Zeit mit diesem da allein; denn ich habe Abrechnung mit ihm zu halten — ich —" Sein Äthern ging rasch und fein Gesicht war bis über die Stirn hinauf geröthet; der lodernde Blick, mit welchem feine Augen aus der schlotternden Gestalt Julius Stirner — 355 -- ruhten und seine geballten Fäuste konnten dem jungen Mädchen keinen Zweifel darüber lassen, welcher Art die Abrechnung sein würde, die er mit dem ehemaligen Rechtsanwalt zu halten gedachte. Deshalb gab sie seine Arme nicht frei und umschlang seinen Nacken nur noch fester, als er sie sanft von sich hinweg zu drängen versuchte. „Nein! Nein! Nein!" rief sie. „Ich gehe nicht aus die, fern Zimmer, wenn nicht mit Dir! Hast Du nur ein klein wenig Liebe und Dankbarkeit für mich, so darfst Du Dich nicht weigern, mich auf der Stelle zu begleiten! Dieser Erbärmliche ist nicht werth, daß Du Deine Hand mit seinem Blute besudelst!" Doclor Julius Stirner, auf dessen Gesicht noch soeben der Angstschweiß in großen Tropfen gestanden und der mit dem Wuthblick einer gepeinigten Katze jeder Bewegung des ungerufenen Eindringlings gefolgt war, hatte Geistesgegenwart genug, den Vortheil zu nützen, der sich ihm durch das von Elfriede erzwungene Zögern Ernst Hallensteins bot. Mit einem einzigen Sprunge erreichte er von seinem Zufluchtswinkel aus die Stelle, an welcher sich der Knopf des electrischen Haustelegraphen befand, und das Mädchen hatte noch kaum das letzte Wort ausgesprochen, als das schrille Signal der Glocke durch die ganze Zimmerreihe tönte. Dann bückte sich Stirner nach dem Revolver, der nun ebenfalls im Bereich seiner Hand gewesen, und mit schneidendem Hohn rief er: «Ja, gehen Sie, mein Herr Doctor! Ich rathe Ihnen dringend, der zärtlich besorgten Mahnung Ihrer liebenswürdigen Schwester zu folgen, ehe ich mich veranlaßt sehe, Sie durch meinen Diener festnehmen zu lassen oder Ihnen eine von diesen blauen Bohnen zu kosten zu geben." Ernst Hallenstein warf einen vorwurfsvollen Blick auf seine Schwester, denn er sah, daß es in der That jetzt ein Wahnwitz gewesen wäre, einen Angriff auf den zweifach lieber- legenen zu versuchen. Verrieth doch bereits das Knarren einer Thür, daß der Diener in das Nebenzimmer eingetreten war, und ein Kampf, dessen Ausgang mit nur zu großer Bestimmtheit vorauszusehen gewesen wäre, hätte nur dazu beitragen können, die ohnedies so peinliche Lage Elfriedens noch unerträglicher zu machen. So zog er denn den Arm der zitternden jungen Dame unter den seinigen und sagte, gegen Stirner gewendet, in mannhaft festem Tone: „Der Weichherzigkeit meiner Schwester haben Sie zu danken, daß Sie für den Augenblick ohne die verdiente 'Strafe davongekommen sind. Aber Sie sollen wenig Anlaß haben, darüber zu frohlocken; dessen mögen Sie sich versichert halten! Mag es mir auch versagt bleiben, den Schurkenstreich zu rächen, welchen Sie gegen uns verübt; noch ist zum Glück ein Anderer da, der statt meiner Vergeltung üben und Ihnen nichts erlassen wird von der unbarmherzigen Züchtigung, die Ihnen gebührt. Der künftige Gatte meiner Schwester — und er wird ihr Gatte sein trotz all' Ihrer fein angezettelten Büberei — wird Ihnen als Staatsanwalt und als beleidigter Bräutigam Antwort geben auf das Ereigniß dieser Stunde. Sehen Sie wohl zu, Ihre irdischen Angelegenheiten zu bestellen, bovor Sie diese Antwort empfangen!" Er wandte sich zum Gehen, und weder Julius Stirner noch der völlig verblüfft dreinschauende Diener machte einen Versuch, die Beiden zurückzuhalten. Aber als sich die Thür hinter ihnen geschlossen hatte, schrie der Doctor den in seiner Ueberraschung ganz verstummten Burschen wüthend an: „Sie haben den Menschen trotz meines Verbotes eingelassen. Packen Sie Ihre Sachen, denn Sie sind auf der Stelle entlassen!" Dann, nachdem er einen Blick auf den Revolver, den er noch immer in der Hand hielt, geworfen, fügte er in etwas milderem Tone hinzu: „Zuvor aber legen Sie mir etwas Wäsche und Kleidung in Den kleinen ledernen Handkoffer! Ich muß noch heute Abend eine kurze Reise antreten und wenn ich von derselben zurückgekehrt sein werde, dann — nun, dann können wir meinetwegen noch einmal über Ihre Verabschiedung reden." Der Diener leistete zwar dem erhaltenen Befehle Folge; aber während er die Sachen seines Herrn der Weisung gemäß ! in den kleinen Koffer packte, sagte er vor sich hin: „Meinetwegen braucht er sich nicht zu bemühen, denn ich denke gar nicht mehr daran, bei ihm zu bleiben. In einem Hause, wo die weiblichen Besucherinnen um Hilfe schreien und die männ- lichen mit der Pistole hinauscomplimentirt werden, ist es mir denn doch zu wenig behaglich." VIII. Zum dritten Mal im Verlaufe dieses verhängnißvollen Tages hatte Ernst Hallenstein ein unumwundenes, rückhaltloses Bekenntniß seiner schweren Verirrung abgelegt, und Derjenige, welcher es diesmal empfangen, war nach dem natürlichen und gesetzmäßigen Lauf der Dinge berufen, ihn seinen irdischen Richtern zur Bestrafung seiner Schuld zu überliefern. Nachdem er seine weinende Schwester bis an die Thür des väterlichen Hauses geleitet, hatte der junge Arzt sich unverzüglich in die Privatwohnung Rodewaldts begeben; denn er wußte, daß die Bureaus der Staatsar.waltschast um diese Stunde bereits geschlossen waren und er wollte jetzt nicht mehr um eine einzige Minute hinausschieben, was durch die letzten Ereignisse doch völlig unabwendbar geworden war. Er hatte Bernhard Rodewaldt in heiterster Stimmung gefunden, denn der junge Staatsanwalt war eben im Begriff gewesen, sich zum Besuche seiner Braut zu rüsten. Mit einem jovialen Zuruf, wie es seinem ernsten Wesen sonst gar nicht entsprach, hatte er den künftigen Schwager begrüßt, und die niederschmetternde Ueberraschung, welche ihm schon durch die ersten einleitenden Worte Hallensteins bereitet wurde, hatte sich anfänglich deutlich genug in seinen Zügen ausgeprägt. Dann aber waren ihm Ruhe und mannhaft würdevolle Haltung bald zurückgekehrt. Er hatte den Doctor aufgefordert, ihm Alles zu bekennen, und er hatte fein Geständniß ohne Unterbrechung bis zu Ende angehört. Wohl war ein Ausdruck namenloser Traurigkeit auf seinem Gesicht; aber schon die erste seiner Aeußerungen verrieth, daß er über Das, was ihm selber zu thun blieb, nicht eine Minute lang im Zweisel gewesen sei. Auf des jungen Arztes dringendes Verlangen hatten sie erst vor zwei Tagen Brüderschaft mit einander gemacht, und das „Du," dessen sich der Staatsanwalt demgemäß bediente, gab der Situation, in welcher sie sich befanden, ein noch düstereres und schmerzlicheres Gepräge. „Es ist ein schweres Unglück, das Du da über uns Alle heraufbeschworen hast," sagte er mit gepreßter Stimme, „aber es kann nicht meine Aufgabe sein, Dir Vorwürfe darüber zu macheü; denn ehe Du zu mir kamst, warst Du Dir ohne Zweifel darüber klar, welche andere Aufgabe eine grausame Laune des Schicksals mir hier zugewiesen hat. Die beschworene Pflicht meines Amtes läßt mir keine Wchl — und wozu ich durch Dein eigenes Geständniß gezwungen sein werde — Du weißt es — nicht wahr?" „Ja, ich weiß es, Bernhard!" erwiderte Doctor Hallenstein scheinbar ruhig. „Und ich bitte Dich nicht, um meinet- willen den Eid zu verletzen, mit welchem Du gelobt hast, ohne Parteilichkeit und ohne Ansehen der Person Deines Amtes zu walten. Die einzige Rücksicht, deren Gewährung ich von Dir erhoffe, ist die, mir noch eine einzige kurze Nacht der Freiheit zu vergönnen. Ich verspreche Dir bei — nein, nicht bei meiner Ehre, denn ein solches Versprechen würde unter den obwaltenden Umständen wohl nur wenig Werth für Dich haben — aber bei dem Andenken meiner geliebten Mutter und bei dem grauen Haupte meines Vaters, daß ich mich meinem Richter nicht entziehen werde." (Schluß folgt.) Zehn beherzigenswerthe Gebote für Eltern und Erzieher. 1. Seid jederzeit eingedenk, daß das Kind ein Heiligthum und weder ein niedliches Spielzeug zum Verziehen, noch ein wehrlos in Eure Hände gegebenes Opfer ist, um alle Eure bösen Launen an ihm auszulaffen. 2. In der Pflege an Geist und Gemüth des Kindes stnd die fünf Hauptbedingungen, mit denen es zu behandeln ist: Liebe, Wahrhaftigkeit, Sittenreinheit, Schönheitssinn und möglichst viel Freiheit. Die beiden ersten sind das einzige Mittel, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, während die Sitten- reinheit des Erziehers des Kindes Achtung, der Schönheitssinn — außer vielen höheren Genüssen — Ordnung und Reinlichkeit, die Freiheit aber Selbständigkeit im Kinde erweckt. 3. Die Erziehung beansprucht zwar keineswegs die ganze Zeit des Erziehers, aber sie beansprucht einen ganzen Menschen. Wer keine Liebe zu Kindern hat, wer weder sittenrein noch wahrheitsliebend ist, wer keinen Schönheitssinn hat, und wer gern den Despoten spielt, welcher seine Uebermacht fühlen läßt; ein solcher Mensch taugt nicht zum Erzieher und lasse deshalb seine Hände davon, selbst wenn es seine eigenen Kinder betrifft. 4. Laßt es niemals ein Kind entgelten, wenn sein Wesen etwa Eurem Sinn und Wunsch nicht entspricht; denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen und so wie sie einmal sind, so muß man sie liebhaben. Straft auch niemals ein Kind im Zorn und hat es einen dummen Streich gemacht, so schaden ihm zwar etwas Schelte und selbst leichte Schläge dafür nichts, aber Ihr schadet Euch in Eurer Autorität, wenn Ihr Euch zur Heftigkeit hinreißen laßt, denn wo die Selbstbeherrschung fehlt, ist es auch mit dem richtigen Maßhalten bei der Bestrafung vorbei. 5. Bei dem Heranwachsenden Kinde habt immer seine zu gewinnende Freundschaft im Auge und stört niemals und in keiner Weise durch Rohheit oder Rauheit das innig zarte Ver« hältniß dieses keimenden Freundschaftsbundes. Seid auch bei gut vollbrachtem Werk nicht allzu karg mit Lob, denn jede gute Arbeit ist ihres Lohnes werth, und nichts in der Welt spornt mehr an, als hin und wieder ein anerkennendes Wort. Dagegen ist bei kleinen Leiden und Schmerzen des Kindes eher ein wenig Härte, als zu große Weichheit und Aengstlichkeit am Platze; denn das Kind soll frühzeitig dergleichen ertragen lernen. 6. In der Körperpflege sind die fünf Hauptbedingungen: kräftige Nahrung, viel frische Lust, Reinlichkeit, ausgiebige Bewegung, die durch keinen Zwang irgendwo behindert wird und viel Schlaf. 7. Die Nahrung — eine Mischung von Fleisch und Gemüse, — Milch, Cacao und Wasser, während die Genußmittel Kaffee, Thee, Bouillon, Bier und besonders Wein oder sogar Liqueure nur sehr ausnahmsweise zu gestatten sind; ost gereicht, schaden letztere unbedingt dem Organismus. 8. Die Kleidung ist immer der Witterung, anstatt der Mode oder dem Kalender angemessen. Man lasse daher das Kind weder wollene Sachen tragen, wenn es heiß, noch ausgeschnittene dünne Kleidchen, wenn es kalt ist; vor Allem aber werde jeder unnöthige Aufsatz vermieden, welcher nur das freie Herumspielen behindert. Auch darf kein Kleidungsstück eng anliegen, sowohl der stetigen Luftzufuhr als des Druckes wegen. Es gilt dies sowohl für die Fußbekleidung nebst Strumpfbändern, wie für Röcke und Halskragen. Vor Allem ist bei den Mädchen, in welchem Alter sie auch stehen mögen, entschieden das Schnürleibchen zu vermeiden; an seine Stelle ist am besten eine weite, bequeme Untertaille mit Knöpfen, auch über die Kinderjahre hinaus, zu setzen und an den Beinkleidern und Röcken zu befestigen, damit sie nicht etwa einschneidet. Fehlt die feste Unterlage des Corsetts, so fällt damit auch ganz von selber die feste, enganschließende Fischbeintaille mit Gnrtband und Abnähern hinweg, welche jede freie Bewegung hindert. Durch die hierdurch verbesserte Athmung, Hautausdünstung und Verdauung wird am besten das Entstehen von Bleichsucht, Nervosität, Migräne und anderen Krankheiten verhindert und es wird dann endlich einmal wieder Mütter geben, welche ihre Kinder selbst stillen können. 9. Täglich Abwaschen des ganzen Körpers mit kaltem Wasser und wenigstens ein Bad wöchentlich ist für ein Kind eine Nothwendigkeit, während die hohen und Hellen Wohn- und Schlafräume täglich hinreichend gelüftet werden müssen. 10. Tägliche ausgiebige Bewegung in freier Luft (Spiele, Freiübungen u. s. w.) muß ebenfalls feststehend in der Tages- ordnung sein wie die tägliche Anfertigung der Schulaufgaben, und zwar in gleichem Maßstabe für Knaben und Mädchen. Gemeinnütziges. Rother Apfelwein. Man fetzt, um rothen Apfelwein zu erhalten, dem Apfelmost von vornherein auf das Hectoliter 12 Liter frische, mit den Kernen zerquetschte reife Schlehen zu, welche noch keinen Reif bekommen, aber zwei Tage lang vor dem Quetschen gelegen haben, und läßt sie mit dem Apfelmost gähren. Die Beeren färben nicht allein den Wein hellleuchtend roth, sondern machen ihn auch feurig und aromatisch. Fehlt es an Schlehen, so kann man an deren Stelle auch ausgepreßten Brombeer- und Heidelbeersast dem Moste zusetzen. • • Zur Senfbereitung * 2 Liter Weinessig mit V2 Liter Honig werden bis zum Sieden aufgekocht, dazu gibt man V2 Liter weißes Senfmehl und kocht es weiter; dabei mischt man fortwährend, damit es nicht anbrenne. Nachher nimmt man es vom Feuer und stellt es bei Seite. Nach dem Erkalten gibt man y4 Liter Meerrettig auf ein Reibeisen und drückt den Saft aus, mischt es gut durcheinander und gießt in Flaschen. ♦ ♦ Vermehrung der Johannis- nnd Stachelbeeren. Man wählt von guten Pflanzen am Boden stehende Zweige aus, biegt sie in eine zur Hälfte mit Composterde gefüllte Grube, so daß die Spitze frei bleibt, befestigt sie mit kleinen hölzernen Haken und bedeckt sie dann mit Composterde. Diese Arbeit kann man sowohl im Herbste, wie im zeitigen Frühjahr ausführen, in beiden Fällen werden sich die Zweige bis zum folgenden Herbste derart bewurzeln, daß man sie abtrennen und verpflanzen kann. — Johannisbeerstecklinge schneidet man Anfangs September, steckt sie senkrecht in die Erde und versieht sie reichlich mit Wasser. In etwa 4 Wochen haben die Stecklinge sich bewurzelt. Vermischtes. Bei der Weinprobe. Wirth: „Donnerwetter, ist der Wein sauer! Da müssen wir schon ein recht freundliches Etiketterl d'raufkleben!" * ♦ Umsonst geträumt. Frau: „Weißt Du, Emil, was mir heute geträumt hat? Daß Du mir einen neuen schönen Hut gekauft hast!" — Mann: „Wirklich? Da laß Dir nur jetzt auch träumen, wo ich das Geld für den Hut hernehmen soll!" Ein Trost. „Es ist jammerschade, daß man meinen Mann nicht zum Stadtrath gewählt hat. Die halbe Stadt hätt' e' Freud' d'rüber g'habt." — „Na, trösten Sie sich, Frau Nachbarin — da freut sich halt jetzt die andere Hälfte." ♦ * ♦ Angenehme Perspective. „Können Sie aber auch meiner Tochter eine Existenz bieten?" — „O, für meine geliebte Laura werde ich, wenn es sein muß, mit Freuden betteln gehen!" » * Satyriker: „Was doch die Leute zusammenlügen! Da heißt es immer, daß sich nur die Reichen den Besuch der Oper erlauben können, und wie ich neulich dort war, hab' ich in den Logen lauter nackte Arme gesehen!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.