Samstag, den 1. Juli. Nr 1893. XL__ M ■feäfcs^- r ----u3—£--•+■---cx9—M-- ^ntevhaltnngsblatt znnr Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anzergev) PKGAMWS! OE? iteaHS» .-ÖKJL UMMWUM^D Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (Fortsetzung). „Ich bin ein Tyrann," schalt Strehlen sich, „Du bringst mir Opfer über Opfer I Die große Festlichkeit bei Hof schlugst Du meinetwegen aus, zum Kaffee bei der Fürstin ließest Du Dich entschuldigen, für den Wohlthätigkeitsbazar auf dem Schlosse konntest Du meiner Pflege halber nicht abkommen I Du bist so gut, Leonie, viel zu gut —" »Und Du wirst so gut sein, die Veilchen für dies kleine Glaskörbchen zurechtzulegen," commandirte sie scherzend. „Ganze Compagnie rührt Euch!" Damit ließ sie sich auf die Knies nieder, etliche zu Boden gefallene Blumen aufhebend und ihm auf die Decke legend. Leonore nahm es ernst mit dem Worthalten. Der nächste Morgen fand sie mit eingeflochtenem Haar. Sie schüttelte zuweilen, verdrossen ob der ungewohnten Last, den Kopf; der Druck, der Zöpfe und Nadeln war ihr zu fremd. Schwerer noch ließen sich die unangenehmen Fragen ertragen, warum sie sich freiwillig ihres schönsten Schmuckes entäußere. Auch Erna hatte eines Tages gestichelt, was denn die armen Locken verbrochen? — Sie war mit Hans hinübergekommen; Strehlen durfte zum ersten Mal den Kaffee auf der geschützten Veranda der Mittagsseite des Hauses trinken. Der Oberst hatte es ihr derb gegeben, ehe noch Leonore den Mund öffnen konnte. Erfreute sie sich solcher Haartracht, herrschte er sie an, würde sie schwerlich seiner Frau Entsagung besitzen und sie vor den Leuten verstecken. „Recht so," hatte Hans vergnügt beigepflichtet. „Ihre Hand, Onkel Strehlen! Bin Ihnen zum wärmsten Dank für Ihre Offenheit verpflichtet. Bin außerdem ganz derselben Meinung I" Erna machte gute Miene zum bösen Spiel, aber in ihrem Herzen schwur sie Rache. Onkel Strehlen wollte sie seine Grobheit gelegentlich eintränken und Hans und Leonore sollten erfahren, welchen Widersacher sie hatten. „Ich will ihnen den Fuß schon auf den Nacken setzen! Und die Locken mußte sie doch nach meinem Willen abschaffen I" triumphirte sie innerlich. Die Veilchen waren verblüht und die Rosen auf Strehlens Befltzthum hatten ihre Düste verschwenderisch ausgestreut, aber der Gärtner allein hatte sich darüber gefreut und ihr reiches Blühen bewundert. Nur ein paar tiefdunkle Rosen- stöcke und der Marschall Niel prangten noch mit Blüthen bei Strehlens Zurückkunst aus dem Bade. Seine Frau am Arm durchwanderte der Oberst Park und Garten. Er ging ein gutes Theil langsamer als früher. Dem kranken Fuß war eine merkliche Schwäche geblieben, die auch der Aufenthalt in Teplitz nicht verringert hatte. Gleichzeitig mit Strehlens war auch Erna zurückgekehrt. Der Arzt hatte ihr gerathen, nach Norderney zu gehen. „Der angegriffenen Nerven halber," fetzte die Zofe dem Tölpel von Burschen auseinander, als er mit unverschämtem Grinsen gefragt, ob die See wirklich für kranke Galle oder Gelbsucht gut sei. Meistentheils waren sie alle wieder zu Hause, die wirklich einer Erholung Bedürftigen, wie die Luftschnapper aus Mode. Auch Werner war von einer norwegischen Reise, die ihm reiche Anregung gegeben, zurück und weilte wieder in seiner Vaterstadt. Seit jenem Morgen am Gitter des Parkes hatte er Leonore nicht gesprochen. Andern Tags war unter Frau Huhns Adresse ein Brief von ihrer Hand für ihn eingelaufen, der die Bitte enthielt, sie nicht wieder aufzufuchen, ihr lieber aus deni Wege zu gehen, wo er könne, aus Gründen, die sie nicht gern näher erörtern möchte. Sie versicherte ihn in warmen Ausdrücken ihrer unwandelbaren Freundschaft und sagte ihm dabei ein Lebewohl für immer. Er hatte sich darein gefunden: war er doch das Entsagen von Jugend auf gewöhnt. Die Eltern waren ihm früh durch den Tod entrissen worden, Geschwister hatte er nicht besessen; Griffel und Pinsel waren seine Gefährten geworden, sein Zeitvertreib, sein Trost, seine besten Freunde. Er hatte nie zu hoffen gewagt, auch in seinen kühnsten Träumen nicht, daß das schönste und gefeiertste Mädchen der Stadt ihm je mehr als freundschaftlich näher stehen könnte. Gewissermaßen hatte sie ihn immer ausgezeichnet, indem sie für ihn allezeit ein herzliches Entgegenkommen, ein gleichmäßig liebenswürdiges Verhalten gehabt hatte, dessen sich kein anderer ihrer sonstigen Verehrer erfreute. Er hatte sich diese Bevorzugung dahin ausgelegt, der bürgerliche Maler, wenngleich bei Hof gut angeschrieben und überall hoch ausgenommen, rangire doch nicht unter die Bewerber der stolzen Malten. Dazu der sich immer wärmer gestaltende Verkehr mit ihrem schönen Vetter! Nun verriethen ihm die wenigen Zeilen, die so gezwungen förmlich abgefaßt waren und zwischen denen sich doch so viel lesen ließ, sie war ihm keine Fremde, hinfort stand sie ihm nah, mochten ihre Lebenswege auch auseinandergehen. — Ein bittersüßes Gefühl durchdrang ihn. Weshalb mußte er sie im Augenblick des Findens verlieren? — Aber trotz des Trennungswehes und des Nimmerwiedersehens, das sie von ihm forderte, jubelte es in seinem Herzen aus vor Seligkeit und dies Glückgesühl verlieb ibn auch nicht, als er sein Bündel schnürte, um in s Weite w gehem Er wollte es ihr und sich erleichtern und sür's Erste auch nicht zufällig ihren Weg kreuzen und ihren I Frieden stören. . I Nun war er wieder daheim und fühlte sich doch verbannl I und in der Fremde, heute mehr als je: es war Leonorens Geburtstag. Götz hatte ihm erzählt, er solle durch ein großartiges Gartenfest gefeiert werden. Der kleine Lieutenant war wieder lustig und guter Dinge- Er hatte mit Steffeck eine Aussprache gehabt und war über dessen Pläne im Reinen. Ruler hatte ihm mrtgetheilt, daß er demnächst um seinen Abschied einzukommen gedenke und sein einige Meilen von der Stadt gelegenes Rittergut bewrrthschaften wolle. Es sei höchste Zeit sür ihn, die Zügel dort selbst in die Hand zu nehmen. Führe er den bisherigen Schlendrian noch eine Weile so weiter, vermöge er aus dem pekuniären und sonstigen Schiffbruch nichts mehr ru retten. Felicitas scheine ihm nicht abhold zu sein, seitdem er ihr — dabei hatte Götz den üblichen Rippenstoß des Langen erhalten - von un- | qefähr beigebracht, das ihr beim ersten Austreten geworfene Bouquet sei von der Braut des Herrn von Gütz gewesen. Heinz hatte in verstelltem Erstaunen die Augen aufgerissen. „Keinen Humbug, Bruderherz," sagte R.uler,„schau Dirdurch die RippenI Knurrtest mich an wie em Bür, dem man die Beute vor dem Rachen wegreißen will, weil ich der Kleinen das Bouauet gestiftet. Und sie — na — ist bis über die Ohren in Dich verliebt, wär' auch sonst nicht so kühn gewesen, sich bloß zu stellen! War geradezu rührend, wie sie das Donnerwetter über mein unschuldiges Haupt ergehen lreß und »um Entsetzen der Frau Mama Deine Leib» und Magenrede herbetete von dem Nähen um Geld bei Tag und dem nächt- lichen Rollenausschreiben, von dem Kampf um s Dafein und bet ^Ruler^nichsi si"fftlieb, ist einzig?" unterbrach ihn Götz feUri®et Lange nickte beifällig. „Sagte ja schon: ist ein Engel! Werdet ein glückliches Paar werden, Ihr Zwei! Wir aber auch $u geonorens Geburtstag sollte zugleich I eine Art nachträglicher Einweihungsfeier für den neuen Wohnsitz bedeuten, welche seinerzeit durch Strehlens Krankheit und bie darauf folgende Badereise unmöglich gemacht worden war. Der Oberst war über die Maßen regsam, er bewegte sich mit I der Raschheit früherer Tage und die besorgte Leonore mußte ibn beständig mahnen, er solle des Guten nicht zu viel thun I und sich schonen. Es war ein wundervoller Septembertag, an dem die Sonne eine wahre Junihitze entwickelte, Muster und I Thüren des russischen Schlößchens umkränzten heute Guirlanden- Die Bäume um den langgezogenen, halbmondförmigen I Teich waren durch Bogen mit farbigen Lampions verbunden, die gleich dem Feuerwerk des Dunkelwerdens harrten. Sogar I der üerliche, grün und weiß gestrichene Nachen und das Ruder trugen ein Festgewand. Franz hatte auch sie mit Laubschmuck 6el>a<$)te Geladenen waren am frühen Nachmittag fast voll» »äblig erschienen. Frau von Malten, die sich schon am Morgen bei ihrer Tochter eingesunden, vermißte mit Befremden unter | d-n Gratulanten den Maler. „ L . Ich fürchte, wir haben Herrn Werner mit der Einladung vergessen," entschuldigte ihn Leonore. Wie fatal," klagte Frau von Malten, nur ihrer Tochter norMiA er bat erst ganz kürzlich Aufmerk amkeiten für Ä£FÄtaÄi «-'Md»'-»-- Schuld und umgehen ihn bei solcher Gelegenheit Laut sagte rte dann : , Das müssen wir sofort gut machen! Schicke Jemand von den Leuten in's Stift, dort hält er sich meistens auf. Drücke ihm unfern lebhaften Wunsch aus, ihn möglichst bald zu begrüßen, er sei auch im braunen Ateliersrock willkommen. Ich vertrete Dich unterdessen- Nein, laß, corrigirte sie sich, „ich will die Karte lieber selber schreiben- m .. . Der Oberst wagte keinen Einwand; er hatte keine Gründe, den Wunsch seiner Schwiegermutter abzulehnen, noch dazu vor Anderer Augen und Ohren- „Er kommt nicht!" flüsterte Leonore ihrem Mann zu, als sie das Billet ihrer Mama in Empfang nahm und zur Be- forde In g einer »Niederung des Parkes waren Teppiche und Decken ausgebreitet. Feldstühle standen in Menge umher. Dor lagerte und faß, größere und kleinere Cirkel bildend, dieheitere Gesellschaft. Unter einer mächtigen Elche war eine Art Mar- ketenderzelt aufgeschlagen, in besten durch e^nLozverchag verdeckten Hintergrund Feuer prasselte und Master kochte und dienende Geister hantirten. Elsa von Toffsky m weißer, durch dunkelrothen Sammet gehobener Toilette und noch eme andere der ewig jungen Damen hatten von der Hausfraui die unum- aänalich nöthige Schürze entliehen und warteten der auf sich genommenen Amtes. Sie verwalteten Wein und Champagner, füllten die Tasten und Gläser mit Mocca, Chocolade und Thee, und waren emsig bemüht, die Streifen der bereits zerlegten 1 Kuchen und Torten auf Crystalltellern unterzubringen. Für ihre Mühe hatten sie die Genugthuung, von den Herren um- lagert zu werden, welche ihre Damen versorgten. Es war eme unbezahlbare Gelegenheit, vor vielen Zuschauern ihre Anmuth und Gewandtheit in hausfraulichen Pflichten und Wmdenzu entfalten, unter freiem Himmel — wie poetisch — im Schat.en I der Eiche die Hebe zu spielen. Die Zeit bis mm Hereinbrechen der Dämmerung verging I den älteren Damen und Herren unter lebhaftem Geplauder I und Rückerinnerungen an vergangene Tage ihrer Glanzperiode, die jüngeren ergötzten sich mit Gesellschaftsfti^ durch sprudelnde Laune und unermüdliche Erfindungsgabe I vor Üebermuth Toffsky» Elsa die Cour geschnitten, speculirt «I nüch sür die Promenade. So ipielt man nun d-n Don I c>uan — die langen Gesichter, wenn — Aul 1 3 Man hatte beschlossen, sich nach einem halbstündlichen ge müthlichen Spaziergang durch den Park, bei dem Jeder seh sollte, wo er blieb und die sür sich angenehmste Geschäft fand in der Nähe des Teiches zu treffen, dann sollten die Lampions angezündet und das Feuerwerk abgebrannt werden. Darauf wollte man im Hause da» Abendbrod einnehmen, dem Ctn ^Die Gesellschaft schwirrte durcheinander und vertheilte^st-h in die Gänge. Scherzend und lachend stob die lustige Jugeu davon, bedächtig räumten die Aelteren das Feld, 4°«» war in dem Gewirr an Leonorens Seite gekommen. Er beschwor sie ihm fünf Minuten Gehör zu fchenken. Es ware feit der Brautzeit das erste Mal; er müsse sie unbedingt sprechen. Di Hand, welche so oft in der ihren geruht hatte und ^tzt m zitterndem Druck ihre Finger preßte, war kalt. Ihr Bl « irr übe'- ibn bin. Er hatte sehr verloren, fand sie. Wie Halle sich' das dichte Kraushaar gelichtet? Die Gesichtsmuskeln waren welk und schlaff, die Augen, dunkel umrändert, lagen «es in den Höhlen Sie sah da» Alles, ohne es zu wollen, und bejahte, von Mitleid ergriffen, seine Bitte. Ihre Augen I s»chten den schmalen, dunklen Laubengang, der zum Waste I bmführte ihm wortlos bezeichnend, wo er sie erwarten solle. Der Menschenknäuel entwirrte sich und der Platz wurde leer- Der Oberst, welcher pflichtschuldizstseine Schwiegermamaführte nahm noch im Vorwärtsgehen wahr, daß Herr von Götz semer I ^»Mocht?es nun»von der tagsüber gehabten Anstrengung herrühren oder war ihm durch das längere Sitzen letzt Bein stets geworden, genug, Strehlen fühlte sichsezwung, , nach einer kurzen Strecke Frau von Malten zu bitten, umkehren und ihr einen besseren Cavalier besorgen zu dürfen. Ms man sich umwandte, fiel ihm sofort ein Offizier iNsAuge.derem am, plan- und zwecklos über den vormaligen Lagerplatz schlenderte. Er erkannte sofort in ^en kleinen Llmtena . „Wo haben Sie denn meine Frau gelassen? rief er bettoff u „Die gnädige Frau hatte etwas anzuordnen vergessen, behauptete Götz mit edler Dreistigkeit und so überlaut, d ß - 303 - es fast den Eindruck machte, er spräche mit einem Halbtauben, oder wollte es weithin verkünden, „die Mamsell oder welchen Titel der weibliche Wirthschaftsintendant führt, bat sie um eine Unterredung. Ich benutzte die Gelegenheit, nach meinem Taschenbuch zu suchen, muß es hier verloren haben!" „Scheinen mir Ihre Taschenbücher mit Fleiß zu verlieren," brummte der Oberst, „nur um sie hinterdrein aus schönen Händen zurückzunehmen! Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben und mich vertreten? Mein Rheuma meldet sich eben zur ungelegenen Stunde." Götz war sofort an Frau von Maltens Seite. Mit einem unterdrückten „Kreuzhimmeldonnerwetter" ließ sich der Oberst auf den nächsten Stuhl nieder. Er streckte das kranke Bein und bearbeitete es tüchtig, mit beiden Händen daran herunterstreichend. Schwatzende Damen näherten sich- Elsa von Toffsky war es, die trotz der bewiesenen Hebe« Anmuth keinen Begleiter gefunden hatte, mit ihrer Freundin Erna. Sie hatte mit Hans seit mehr als vierundzwanzig Stunden kein Wort gewechselt. Zur festgesetzten Zeit war sie im Salon erschienen und Minna hatte ihm sagen müssen, die gnädige Frau sei für die Gesellschaft bereit. Beim Hinaustreten auf die Straße hatte er ihr stumm den Arm geboten. Man hatte sich das letzte Mal zu gründlich ausgesprochen, deshalb war das Schweigen am Platz. Im russischen Schlößchen hatten sie sich sofort von einander getrennt, da es in der Menge nicht auffiel, wenn sie sich mieden. Erna bemerkte den verlassen dasitzenden Strehlen zuerst. Sie zischelte Elsa in's Ohr: „Ein köstlicher Spaß, bist Du kein Spielverderber! Onkel Strehlen gott-und weltverlassen! Frägt er, ob wir seine Frau gesehen, antworte: Drüben am Teich! Erwähnt er sie nicht, bringe ich das Gespräch auf sie. Will er wissen, mit wem sie ging, sage Du: mit Herrn Werner. Er ist nämlich eifersüchtig wie ein Stint, bekanntlich das in diesem Punkt kitzlichste Geschöpf unter Gottes Sonne. Sahst Du ihn wohl im Salon, das habe ich beobachtet, er verzog das Gesicht, als fei ihm eine Spinne in's Essen gefallen, wie die Frau „Herzogin", feine erlauchte Schwiegermama, vor- schlug, dem Maler noch eiligst ein Billet zu senden-" Elsa von Toffrky war nicht schwer von Begriff und nie zur Ausführung einer kleinen Bosheit abgeneigt. Nach kurzer Unterhaltung mit Strehlen verließen ihn die beiden Freundinnen und bogen in die krummen Linien eines Schlangenweges ein. Bei der ersten Biegung machten sie Halt, um unter Lachen zu constatiren, der Oberst habe wahrhaftig auf den Köder angebissen. — Strehlens seelischer Aufruhr siegte über sein körperliches Leiden. Sobald die Damen aus seinem Gesichtskreis verschwunden, erhob er sich mit Hast. Der Maler war also doch eingetroffen! Welche Tactlosigkeit, sich heimlich unter die Gäste zu mischen, ohne sich dem Hausherrn vorzustellen! Vermuthlich weil ihm seine Frau einen diesbezüglichen Wink gegeben. Darum hatte sie auch das Billet selbst hinausgetragen! Sie war im Etnverständniß mit ihm! Hätte er sich nicht sonst längst wieder einmal bei ihnen blicken lassen? — Götz hatte ihr Weggehen mit ihm maskirt und sich zum Deckmantel dieser Zusammenkunft herabgewürdigt. O, er wußte vielleicht um mehr, als die heutige! — Sein gefoltertes Herz ersann sich Qual über Qual, während er, so schnell er konnte, zum Teich herunterschritt. Auf dem schmalen Pfad, der am Ufer entlang führte, befand sich nur ein Paar jenseits des Wassers, eine Dame im hellen Kleid, die an der Uferseite ging und dadurch ihren Begleiter dem Auge Strehlens entzog. Ob sie es waren? — „Trüge sie doch noch die Locken!" knirschte er im Zorn durch die Zähne. „Daran wäre sie trotz der Dunkelheit zu erkennen! ' Er überlegte, daß sie längst über alle Berge sein konnten, bevor er bei seiner Langsamkeit den Teich umwandert hätte. Da kam ihm ein rettender Gedanke. Mit einem leisen „Donnerwetter, das hätte mir gleich einfallen können!" trat er in den Kahn, löste ihn von der Kette und theilte mit raschen Ruderschlägen die Fluth. Jetzt konnten sie ihm nicht entgehen. Er wollte Gewißheit haben, ob sie ihn betrog, Gewißheit um jeden Preis! Wehe ihr und ihm, fand er sie schuldig. Das lustwandelnde Paar war durch das Aufschlagen der Ruder aufmerksam geworden und blieb stehen. Sie gingen nicht Arm in Arm und der Herr war nicht Werner; denn er trug Uniform, Strehlen sah es, lange ehe der Kahn anstieß. Er wollte bei den Wartenden an's Ufer steigen, obwohl es eine schlechte Landungsstelle war. Indem er es mit dem gesunden Fuß betrat, blieb er mit dem andern in der am Schnabel des Kahnes sich kreuzenden Guirlande hängen. Das leichte Fahrzeug glitt ab und Strehlen schlug rückwärts kopfüber in's Wasser. Mit ersticktem Aufschrei stürzte die Dame herzu. Es war Leonore. Der Offizier, Hans von Malten, folgte eilends. Strehlen war schon wieder an der Oberfläche aufgetaucht und kam mit ihrer Hilfe leicht an's Land. Er wollte von dem läppischen kleinen Unfall kein Aufsehens gemacht wissen. Dar Fest solle darum in keiner Weise unterbrochen und sein Verlauf nicht gestört werden. Leonore redete, bat und zürnte, er solle sich sofort zu Bett begeben, um einer etwaigen Erkältung vorzubeugen. Sie fprach in den Wind. Er habe sich nicht erkältet, polterte er, er wolle nur schnell in's Haus, den nassen Anzug los werden. Und ein Glas starken Grogs brauchte er, sonst nichts. Er ließ sich von Franz mit dem englischen Trockentuch warm reiben und legte anderes Zeug an; dann kehrte er mit seiner Frau zu seinen Gästen zurück, die sich schon ain verabredeten Punkt sammelten. Eine Frage hatte er an Leonore gestellt, ehe er in ihrer Gesellschaft das Haus verließ, die, ob der Dialer die Einladung ihrer Mama beantwortet habe. „Nein, Ludwig, aus dem einfachen Grund, weil sie nicht in seine Hände gelangte," erwiderte sie sanft- „Siehst Du, hier ist Mamas Billet! ' Sie zog es aus der Tasche hervor und reichte es ihm hin- „Ich hatte es nur zum Schein hinausgetragen." In seinen Augen blinkte es eigenthümlich. Man hätte glauben können, eine Thräne schimmerte darin. Wortlos zog er sein Weib an die Brust.,— Das Tanzen dauerte bis tief in die Nacht hinein. Der Oberst war der liebenswürdigste Wirth, den man sich denken konnte und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten für seine Gäste. Er entdeckte Erna an einem Tisch bet älteren Damen sitzend, als die Musik eben einen Walzer intonirte. Mit der verbindlichsten Miene von der Welt forderte er sie auf, um ihr nach dem Tanz zuzuraunen, sie würde gut thun, bei der Damenwahl nachher nicht auf Hans, sondern auf den Maler zu reflec- tiren; von der Seite würde sie sich wenigstens nicht der Gefahr aussetzen, sich einen Korb zu holen. Erna war vor Wuth über diese Grobheit wie auf den Mund geschlagen. Das hatte ihr gerade noch zu dem Aerger gefehlt, den ihr das frohe, glückliche Aussehen ihres Mannes verursachte. Er schien nicht blos vergnügt, er war es wirklich! Kein Zweifel darüber: ein Comödiant macht dem andern nicht so leicht ein X für ein U. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, um hinter das Räthsel zu kommen und spürte auch richtig heraus, daß die Veranlassung zu seiner veränderten Stimmung Leonore war. Er wechselte mit seiner Cousine gelegentlich Blicke und ihre sprechenden Augen blinkten ihm ver- ständnißvoll und zuversichtlich zu. Erna hatte nicht Unrecht: es war ein stummes, aber darum nicht minder beredtes Frage« und Antworten. Leonore hatte ihrem Vetter versprochen, am nächsten Vormittag Tante Anna aufzusuchen und sich zu seinen Gunsten bei ihr zu verwenden. Sie hoffte zuversichtlich, durch ihre Bitten und Vorstellungen das Herz des wunderlichen alten Fräuleins, welches sich allem Umgang ihrer Verwandten verschloß, zu rühren. Sie wollte ihr mit beweglichen Worten schildern, in welcher traurigen Lage sich der Neffe befände und wie er viel zu stolz sei, als daß er seine reiche, auf ihr Geld pochende Frau zur Tilgung einer, durch unerhörte Wucherzinsen ausgewachsenen Schuld aus seiner Junggesellenzeit veranlassen möchte. So hatte ihr Hans nämlich die Sache vorgestellt. (Fortsetzung folgt.) Bö4 Vevnrischtes Die z)veisevei. Wie macht man Tintenflecken weg ? , Kalkwasser mit ein wenig Essigsäure dient besser als das giftige Kleesalz zum Ausmachen von Tinte und Tintenflecken auf dem Papier. Da aber diese Mischung, selbst wenn ste gut m verkorkten Flaschen aufbewahrt wird, ihre Kraft verliert, muß man ste von Zeit zu Zeit nur in kleineren Mengen wieder Herstellen. Preisend mit viel schönen Reden Ihrer engeren Heiniath Reiz, Saßen mehrere biedere Deutsche Kürzlich — es war recht spät bereits. „Heern Se," sprach der Herr aus Sachsen, „'s herrscht, weeß Knebbchen, weit un breit, Nirgends, wie bei uns daheeme. So 'ne Urkemiethlichgeit!" „Woaht," erwidert ihm der Bayer Und er blickte brummig schier, „Dös kann halt nur wem nützen, Hat man net a guates Bier!" „Liebe Maidle, saub're Fraue," Drauf der Herr aus Schwabenlanv, „Hat's im Württemberger Ländle, Dees isch wegerle bekannt!" „?lch wat, Quatsch!" schloß nun der Preuße, „Allen's find't Ihr, kommt 'mal hin, Jutet Bier un scheene Mächens Jn't jemiethliche Berlin!" Und es riefen der von Sachsen, Schwab' und Bayer rings im Kms: „Jh, Kottstrambach! Kruzitürken! Ja, dem Preiß' gebührt der Preis. Lviard Jürgensen. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Bei Tisch. Hausherr: „Frauchen, weshalb seufzest Du?» Frau: „Sieh 'mal, wir sind dreizehn Personen!» Hausherr: „Aber meine kluge Frau wird doch nicht abergläubisch sein?» Frau: „Keine Spur, aber ich hab' nur für zehn kochen lasien!» * , ♦ Erkennungszeichen. Oberförster (zur Kellnerin): „Marie, noch a' Maß, aber denselben Krug wieder!» Kellnerin: „Gewiß, Herr Oberförster, Ihre Maß kennen wir ganz genau!" Oberförster: „So, an was denn?» Kellnerin: „Wiffen S', an Ihrem Krug ist der Henkel immer warm! Glaublich. Frau: „Aber, Mann, Du willst doch fttzt nicht auf die Jagd gehen, es ist ja Schonzeit!" Mann: „Be- ruhige Dich, liebes Weibchen, der Förster sagte mir, ich könnte das ganze Jahr auf die Jagd gehen!" Auch eine Erklärung. Meister: „Wat, Junge, bet soll 'n Pfund Schweizerkäse sind?" Da hast Du oder der Koofmann woll wieder gemogelt?" Junge: „Ja, Meester, da hat der verflixte Kerl woll die Löcher mitgewogen! Selbst titulirt. „Was, Lisi, bedienen Sie allein die Gäste? Sonst sind doch immer zwei Mädchen da. — «Ja, die andere dumme Gans ist heut' nicht ins Geschäft gekommen. Aus der Schule. Lehrer: „Kannst Du mir einen einfachen Relativsatz bilden, Hans?" Hans: „Meine Mama hatte heute einen Gast, der bei uns zu Mittag speiste. Lehrer: „Schön, wie läßt sich da« aber ohne Relativsatz kurzer ausdrücken?" Hans (nach einigem Besinnen): „Meine Mama hatte heute einen Mitessers * Ein Milderungsgrund. Richter: „Also Sie hüben dem Huberbauer ein Bierglas an den Kopf geworfen? Angeklagter: „Ja, aber es hat schon Zeinen Sprung gehabt! Einsame Stellung. Gastwirth (in einem Badeort): „Ich sage Ihnen, mit den Leuten hier ist nichts anzufangen! Schon seit einem Jahre suche ich eine Gesellschaft zusammen zu bringen, daß wir uns etwa 20 bis 30 Esel für die Kurgäste halten könnten, aber bis jetzt stehe ich noch immer allein da." * e Unüberlegter Ausspruch. Fräulein: „Besten Dank, Herr Schmidt, für das Ständchen, das Sie nebst Ihren Freunden mir brachten. Sonst, wenn mein Geburtstag war, krähte kein Hahn danach und diesmal so viele!" Oeineinnntziges. | Einige Worte über die Behandlung der Kranken. Man vermeide es, mit ihnen zu plaudern, denn ; jede Anstrengung des Geistes ist schädlich und verzögert die . Genesung; auch Lectüre gestatte man ihnen nur nach aus- , drücklicher Genehmigung des Arztes. Man findet so oft, daß ■ neben dem Lager des Patienten Bücher und Zeitungen aufgehäuft sind und hört dann auf Befragen, daß der Kranke sich gelangweilt und darum Bücher verlangt habe. Langeweile schadet durchaus nicht. Körper und Geist müssen ausruhen und das können sie nicht, wenn sie durch Lectüre angestrengt werden. Ebenso beobachte man strenge Diät. Es giebt Kranke, die hungern müssen und heimlich aufstehen, um ein Stück Brod zu stehlen. Hierzu ist die größte Aufmerksamkeit geboten. Eine Unachtsamkeit wirft alle Sorgfalt des Arztes über den Haufen. * ♦ Das Conserviren des Erdbeersaftes. Die ent- stielten Früchts werden mit etwas Puderzucker, bestreut und dann mit etwas Mosel- oder Rheinwein (auf ein Kilogramm Früchte ein Weinglas voll) angefeuchtet. Das Bestreuen mit Zucker kann noch einigemal wiederholt werden- Am nächsten Tag schwimmen die Früchte in einem syrupartigen Safte und sind zusammengeschrumpst und völlig werth- und geschmacklos. Man gießt den Saft ab, thut ihn in eine Flasche von weißem Glase und stellt ihn gut verkorkt an einen kühlen Ort. Rach einigen Monaten klärt er sich, von oben anfangend. Das Klare kann dann zur Liqueurbereitung, zu Limonaden, der Bodensatz in anderer Weise, benutzt werden. Möhreneompot. Man* schält die gereinigten Wurzeln mit einem feinen Messer, daß sie wie Locken sich kräuseln (der in der Mitte befindliche Theil wird entfernt), kocht solche mit Citronenschale und schütte sie auf ein Sieb. Dann kocht man zu 625 Gramm Wurzeln 250 Gramm Zucker, Citronensaft und etwas Essig, läßt die Wurzeln eine kleine Weile darin kochen und den Saft noch einkochen. Um Maden im Salzfleisch zu vertilgen, muß man, nachdem das Fleisch gehörig gereinigt ist, beim frischen Ein- salzen vorzüglich darauf Bedacht nehmen, daß das Salz, mit Pfeffer vermischt, nicht sparsam gebraucht und das Fleisch nicht so bald aus der Salzlake heraus genommen, sondern vier Wochen lang mit der abgelaufenen Brühe wieder übergossen werde. # , Falsche Choeoladensnppe. Man röstet unter fort- währendem Rühren vier Eßlöffel gutes Weizenmehl in einer Casserole über dem Feuer hellbraun, gießt zwm Liter Much hinzu, schmeckt ste mit Zucker, Zimmet und Gewürz ab, läßt sie V2 Stunde kochen, legirt sie mit zwei Eierdottern und giebt sie über Zwiebackwürfel oder, auch ohne diese. Karioffelfuppe auf Schweizer Art. Man dämpft feingeschnittene Zwiebeln, Sellerie und Lauch in Butter, fetzt derselben würfelig geschnittene Kartoffeln mit etwas Wasser zu, würzt das Ganze mit Salz, Pfeffer und Muscatnuß und deckt solches zu, bis die Kartoffeln weich sind; dann rührt m rn etwas Mehl mit Wasser an, gießt solches im Verhältniß des Bedarfs hinzu und läßt die Suppe auskochen. Statt der Zwiebel kann man auch eine Selleriewurzel beimengen.