Donnerstag, den 1. Juni. Nnterchaltrrirgsblatt zuin Gießen sv Anzeigev (GenevaL-Anzeigev) ««M Nr. 63. ®«^i® «>r ^2^21. 1893. MM NNWWMy ßZMM «WEKiB«!» WEU^W «M^WWWW^^W^^M «^Ws^ÄLocffNMMsUMM ^MMSVM-WLAMt J SäSte^WSSä^ KL EX', - . X. * >' Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. :—M (Nachdruck verboten.) In der kleinen, mitteldeutschen Residenz war Gemälde- Ausstellung. Die Räumlichkeiten der Orangeriehauses wurden allsommerlich zu dem Zwecke vom Fürsten bewilligt. Die mäch- tigen grünen Kübel mit den Kindern des Südens, unter denen sich für ein nordisches Klima seltene, schöne Exemplare befan- den, standen im Freigarten vor dem Schlosse. Angenehme Kühle herrschte in dem großen Gebäude. Man empfand sie um so wohlthuender, als es draußen glühend heiß war. Das Publikum, welches die verschiedenen Abtheilungen der Aus- stellung durchstuthete, war buntgemischt, denn der einmalige Eintrittspreis, wie der einer Abonnementskarte war nur gering. Ein älterer Herr mit freundlichen Zügen betrachtete sich Werner Schuchs „Ueberführung der Leiche Gustav Adolfs nach Stockholm". „Wenn ich musikalisch veranlagt wäre," wandte er sich zu seiner Begleiterin, „würde ich vor dem Bilde einen Trauermarsch componiren." Die Blondine an seiner Seite hörte nicht auf ihn. Ihre Augen spähten den Gang hinunter. „Drüben sind Waltens," rief sie erregt, „komm' nach links, Papa!" „Nein, Erna!" Herr von Schönholz schüttelte kurz und energisch den Kopf. Gleich darauf grüßten er und seine Tochter nach der angegebenen Richtung. Die Blondine schnalzte ärgerlich mit der Zunge. „Wie herablassend die Majorin zu grüßen geruht! — Freilich, sie kann's," spottete sie, „soll doch ein Tropfen verirrten Fürstenblutes in ihren Adern rollen. Ist es nicht wahr, gibt'« wenig- stens einen romantischen Nimbus. Darauf kann man sich schon etwas einbilden. Sie haben uns vorhin absichtlich nicht ge- sehen, nun glaubst Du es doch? Hans war nicht damit ein- verstanden, daß sie uns auswichen. Er grüßte halb von der Seite und ganz verlegen. Sie wollten nicht angeredet werden." „Dann drängt man sich eben nicht auf," entgegnete Herr von Schönholz. „Es ist ja ein öffentliches Geheimniß, Hans und Leonore von Malten sind so gut wie verlobt. Ich kann's shm nicht verdenken; seine Cousine ist das schönste Mädchen rn der ganzen Stadt." „Aber sie ist es noch immer," fiel ihm Erna höhnisch in's Wort. „Man kann s nachrechnen, wie viele Jahre sie schon auf dem Hofballe florirt- Trüge sie nicht diese herausfordern- den ewigen Locken den halben Rücken hinunter, würde sie nicht aufsallen!" „Doch, doch," widersprach Herr von Schönholz. Ein feines Lächeln huschte über sein Gesicht, während er mit den Augen zwinkerte. „Man merkt's Dir an, Erna, Du bist gegen sie eingenommen. Du legst Dir die in letzter Zeit häufigeren Besuche des schönen Hans bei uns zu Deinen Gunsten aus. Mache Dir keine Illusionen, Kind, ich warne Dich! Mit Leonie nimmst Du es nicht auf, kein Mädchen in der Stadt, auch ohne diese üppigen, goldblonden Wellen. Ihre edlen Züge, das liebliche Lächeln, ihr prachtvoller Teint reichen hin, sie schön zu machen. Und was hat sie für Augen! Sie strahlen einen Himmel von Liebe und Güte aus. Wenn sie wollte, würde sie jeden Mann damit toll machen können; aber sie blickt sanft und mild wie eine gemalte Heilige." Ein häßliches Lachen kam über Ernas Lippen. „Wenn ich das Mama erzähle! Was würde sie zu dieser schwärmerischen Verehrung sagen?" Die kleine Gesellschaft tauchte eben wieder aus einer Seitenabtheilung auf. Frau von Malten schritt mit ihrer Tochter voran, dem hufeisenförmig auslausenden Endraum der Ausstellung zu. Ein Herr in Civil hatte sich zu ihnen gesellt und ging neben dem Offizier. Es war Paul Werner, der Sohn des früh verstorbenen Hauptmanns Werner, welcher der beste Freund des Majors von Malten gewesen. Nach dem Fähnrichsexamen war er seiner Herzensneigung gefolgt und hatte den Degen mit Pinsel und Palette vertauscht. Der Hof begünstigte ihn auf's Wärmste, deshalb war er auch in den höchsten Kreisen willkommener Gast; man hatte nur eines an ihm auszusetzen: er ließ sich zu selten blicken. Werner bildete den schärfsten Gegensatz zu Leonorenr schönem Vetter. Er sah bedeutend kleiner aus als der Offizier, obwohl er es in Wahrheit nicht war. Die stramme Haltung Hans von Mattens, dem die Uniform wie angegoffen faß, ließ ihn höher und statt- licher erscheinen. Das volle Bewußtsein seiner Unwiderstehlichkeit — er war der hübscheste Offizier der Garnison — prägte sich in jeder Bewegung aus. Er wollte glänze», Eindruck machen, überall der Erste sein. Der Maler trug sich lässig. Die Cadettenjahre hatten seinem äußeren Menschen keine Errungenschaften gebracht. Sein Anzug war vom feinsten Stoff und nach dem modernsten Schnitt, aber die Kunst des Schneiders kam bei ihm nicht zur Geltung. Sein prachtvolles schwarzes Haar war das Schönste an ihm, nur rief es jederzeit den Eindruck hervor, daß eine aufgeregte Hand es eben durchwühlt habe. Es paßte zu dem Ausdruck seiner Augen, die entweder unstät flackerten oder melancholisch dreinschauten. Diese Augen und seine eigenthümliche gelbliche Blässe hatten ihm einen Spitznamen eingetragen. „Vampyr" taufte ihn ein Freund in lustiger Gesellschaft. Man fand da» Prädicat bezeichnend, lachte darüber und sprach eS weiter. Bald war es in der kleinen Stadt für ihn gang und gäbe. Er zuckte die Achseln dazu. Seinetwegen hätte man ihn den „schönen" oder den „häßlichen Werner" heißen können; es wäre ihm dasselbe gewesen. Er machte eben auf einen „Lankow" aufmerksam. Die Winterlandschaft wies einen bleiernen Himmel, der voll unendlichen Schnees hing, und eine schmutzige Fahrstraße, an deren Seite ein Paar vom Winde gepeitschte kahle Bäume standen. In den kleinen gesrorenen Lachen spiegelte sich eine Kalb unter* gegangene düsterrothe Sonne- Die blutigen Reflexe ihres Niederganges leuchteten sörmlich. Des Offiziers Blick irrte darüber hin, als wäre es leere Leinwand. „Ich begreife nicht, warum ein Mensch so etwas malt," rief er. „Ohacun a son gout,“ erwiderte der Maler mit leisem Spott. „Gott sei Dank!" setzte er wie für sich hinzu, nur Leonore, die sich ihm zunächst befand, vernehmbar. Welchen Zornblitz die sanften blauen Augen versenden konnten! Hätte Herr von Schönholz sie in diesem Augenblick gesehen, er hätte die „gemalte Heilige" zurückgenommen. Fräulein von Malten wandle sich sehr ostentativ von dem Bllde ab. „Du urtheilst aus meinem Herzen, Hans, ich liebe solch' unfreundliches Sujet auch nicht," sagte sie mit Nachdruck. „Ich möchte es nicht um die Welt im Zimmer haben," fuhr ihr Vetter fort. „Wie kann man so etwas täglich sehen! Es fröstelt Einen ja, wenn man es länger anschaut. Es stimmt unsäglich trostlos!" Die fein behandschuhte Hand zwirbelte am Bärtchen. Um den linken Mundwinkel zuckte es nervös und die Zähne blitzten ab und zu unter der Oberlippe hervor. Sein Ton klang ge* reizt und ungeduldig. Seine Cousine sah ihn besorgt an. Sie äußerte den Wunsch, die Ausstellung zu verlaflen. Frau von Malten neigte zustimmend den Kopf. Leonore war zurückgetreten und hatte sich ihrem Vetter angeschlossen. Der Maler wurde dadurch gezwungen, mit ihrer Mama voran zu gehen. Man pilgerte dem Ausgange zu und stieß dabei auf Herrn und Fräulein von Schönholz. Der Gruß der Damen war in dem Maße kühl, wie der ihrer Begleiter verbindlich. Sobald man das Gebäude verlassen hatte, nahm der Offizier einen langsameren Schritt an. Die Entfernung zwischen den beiden Paaren vergrößerte sich und man war bald außer Hörweite von einander. „Hans, was hast Du? Warum bist Du so lange nicht zu uns gekommen?" fragte das schöne Mädchen. Die liebevolle Sorge im Ton verdeckte den leisen Vorwurf. „Ein Glück, daß wir Werner hier trafen. Sonst wären wir nicht dazu gelangt, ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen- Was fehlt Dir? Hast Du wieder Sorgen?" Er nagte an der Unterlippe, unschlüssig wie Jemand, der eine unangenehme Nachricht hat und zögernd überlegt, auf welche Weise er sich ihrer entledigen solle. „Du weißt ja," begann er und seufzte. „Es wird mir eben nichts Anderes übrig bleiben, — Du kannst mir nicht mehr helfen — und Tante Anna, der es eine Kleinigkeit wäre, thut es nicht. Sie könnte mich für immer aus dieser drückenden Lage erlösen und würde darum nichts entbehren- Bei ihrem Reichthum! Ich habe sie himmelhoch gebeten, mir nur dies eine Mal noch bei« zustehen I Weißt Du, welche Antwort mir wurde? Sie werde ihr ganzes Vermögen an die Kinder ihrer Stiefschwester fallen lassen, machte ich nochmals den Versuch, sie bei Lebzeiten zu beerben. Ich weiß mir keinen Ausweg mehr! Ich habe keine Wahl! Ich muß mir eine Kugel durch den Kopf jagen und sterbe mit dem furchtbaren Bewußtsein, Dich um Dein Vermögen gebracht und für's Leben unglücklich gemacht zu haben!" „Hans, sprich nicht so, Du thust mir weh! Was ich für Dich that, gab ich mit tausend Freuden hin. Was ist mir das armselige Geld? Ein Dankesblick, ein Lächeln von Dir wog Alles auf! — Laß uns nachsinnen, wir müssen Rath schaffen! Deine Gläubiger werden mit sich reden lassen und warten. Du mußt sie noch. sÜr eine kurze Zeit hinzuhalten suchen- Ich selber will zu Tante Anna gehen, mich ihr zu Füßen werfen und nicht nachlassen mit Bitten- Für Dich kann ich Alles, auch mich demüthigen. Fasse Muth, Liebster 1 Glaube mir, ich weiß ihr Herz zu rühren." „Es ist umsonst, ich weiß es voraus! Du könntest eher einen Felsen erweichen, als die verknöcherte alte Jungfer." „Dennoch, Hans, laß mich'» versuchen! Auch ein Felsen- Herz hat seine weiche Stelle. Er wäre ja entsetzlich, sollte es keine Rettung für Dich geben!" „Doch — eine — gibt's noch!" Er hält inne- Ein furchtbare, angstvolle Frage steht sekundenlang in ihrem Gesicht. Thränen verschleiern plötzlich ihren Blick, sie hat ihn verstanden- „Ich bin Dir's schuldig, zu sterben," braust er leidenschaftlich auf bei dem stummen Vorwurf. „Du hast mir Alles, Alles geopfert. Dein väterliches Erbe, Deine schönsten Jahre, die glänzendsten Aussichten! — Nein, Leonore, sei ruhig, das thue ich Dir nicht an! Du sollst es nicht mit ansehen, wie ich eine Andere heirnsühre! Du sollst mich lieber tobt und kalt unter der Erde wissen. Du wirst mich dann wenigstens betrauern ? Du wirst den armen Hans nicht ganz vergessen? Nicht, Du wirst zuweilen an mich denken, Dir sagen —* „Nein, Hans, nein! Nur das nicht, um Alles nicht!" fleht sie in Todesangst. „Wenn Du mich liebst und je geliebt hast, bleib' am Leben; nur das nicht!" Sie ist kreideweiß geworden bis in die Lippen hinein. Ein Frostschauer nach dem andern macht ihren Körper erbeben trotz der Junihitze. Sie bleibt stehen, unfähig, den Fuß zum Vorwärtsschreiten zu heben. Hilflos lehnt sie an ihm. In ihrer überreizten Einbildung steht sie den Geliebten schon am Boden liegen, bleich, kalt, eine Schußwunde an der Schläfe. Das krause, bräunliche Haar, durch das ihre Hand so gern liebkosend geirrt, starrt von geronnenem Blut. Entsetzlicher Gedanke! Und sie ist seine Mörderin! Ihretwegen verschmähte er die Rettung! — Sie denkt nicht daran, daß er nur aus maßloser Eitelkeit, aus Sucht, zu glänzen, sich tiefer in Schulden gestürzt hat und schließlich darüber zum herzlosen Egoisten geworden ist; sie hat keinen Vorwurf für den unverantwortlichen Leichtsinn, mit dem er Glied für Glied die Kette, die ihn jetzt erdrückt, geschmiedet, sich immer aus den Tod der Erbtante vertröstend. Sie liebt ihn, darum weiß sie nichts von seinen Fehlern, nur von dem ihm drohenden Unheil. „Leoni," mahnt er, „Vorsicht!" Das vordere Paar war stehen geblieben, an der Kreuzung des Weges die Zurückgebliebenen erwartend. Leonore zwang sich zum Wettergehen. Ihr Wille besiegte die körperliche Schwäche, sie brachte sogar ein Lächeln zu Wege; sie wollte tapfer sein aus Liebe für ihn. Ihretwegen sollte er nicht aus Verzweiflung in den Tod gehen; lieber wollte sie das Schwerste ertragen, ihn einer Anderen abtreten. Sie mußte Ruhe und Fassung heucheln. „Du darfst nicht sterben, Hans," entringt es sich ihrem gemarterten Herzen, „sonst ende auch ich mein Leben! Du weißt — ich halte Wort 1 — Heirathe sie — Erna —," der Name erstickte im Aufschluchzen. „Du siehst — ich weiß Alles I — Sie interessirt sich lebhaft für Dich — liebt Dich vielleicht auch — doch mehr nicht als ich. Du — Du hast im letzten Vierteljahr dort viel verkehrt Man sprach darüber und gab mir schon vor Wochen zu verstehen — ich wußte mich Deiner Liebe so sicher, ich lächelte dazu. In meinem Herzen fand kein Argwohn Raum." Er schien mit sich zu kämpfen. „Leonie," stieß er dann hart und rauh hervor, „nein, ich bringe es nicht fertig, Dich zu opfern! Jetzt ist's beschlossen: ich werfe dies elende Dasein von mir. Ohne Deinen Besitz hat es doch keinen Werth!" Sie stößt einen unterdrückten Schrei aus und sieht ihn tödtlich erschrocken an. Er hält ihren Blick nicht aus, ihm ist's, als läge seine Seele entschleiert vor diesem großen, in qualvoller Liebe zu ihm erhobenen Auge. Um so leidenschaftlicher wiederholt er: „Ich ende mein Leben!" „Nein, Du wirst es tragen," beschwört sie ihn- „Du - 251 - darfst nicht sterben, meinetwegen nicht! Wir leiden gemeinsam, das sei unser Trost. Ich werde es überwinden, Dich an Ernas Seite zu sehen- Ich werde es tragen, wie ein Mann; verlaß Dich darauf, Haus! Und Du darfst mir, dem schwachen Weibe, nicht nachstehen!" Seine Linke greift nach der zitternden Hand, welche auf seinem Arm ruht und faßt sie secundenlang mit festem Druck. Ihr ist die kurze Berührung gleichsam ein heiliges Versprechen, das ihre schlimmsten Befürchtungen beschwichtigt. Ihre Wim» pern sind tief gesenkt. Sie kämpft die aufsteigenden Thränen nieder, so entgeht ihr sein Aufathmen und der Ausdruck der Erleichterung in seinem Gesicht. Aber der scharfe Blick des Malers hat Alles wahrgenommen, auch die veränderte Farbe Leonorens und den Zug herben Wehs, der die Mundwinkel herabzieht, dem erzwungenen Lächeln zum Trotz Die wenigen Schritte bi« zu den Harrenden wurden wortlos zurückgelegt. Frau von Malten hatte bei ihrem Neffen verschiedene Erkundigungen einzuziehen, und der Offizier blieb an ihrer Seite; es ergab sich ganz von selbst und ihm war sehr damit gedient- Er bemühte sich nach besten Kräften, das Gespräch nicht in’r Stocken kommen zu laffen und seine Tante gut zu unterhalten. Das andere Paar war minder lebhaft. Die zerstreuten, theil- nahmlosen Antworten, die Werner auf seine Fragen erhielt, belehrten ihn bald über die Unzweckmäßigkeit seiner Bemühungen, seine Gefährtin für irgend ein Thema zu interesstren. Er gab es auf, richtete anscheinend sein Augenmerk auf Alles, was ihm in den Weg kam und that eine und die andere Aeußerung, die keine Erwiderung erheischte. Die spielenden Kinder auf der Straße und die Spatzen auf dem Dach schienen ihm Spaß zu machen, während er unausgesetzt das schöne Mädchen zu seiner Rechten beobachtete und sich den Kopf zerbrach, was wohl zwischen ihr und dem Vetter vorgefallen sein möchte. Daß Hans und Leonore sich nicht nur als Verwandte nahe standen, wußte er mit unumstößlicher Gewißheit; tausend kleine Anzeichen, die jedem Anderen entgangen wären, hatten es ihm seit Jahr und Tag verrathen. — Sie mußten sich erzürnt haben, ernstlich erzürnt; denn eines nichtigen Streites halber hätte die stolze Leonore schwerlich ihre Fassung soweit verloren, einem Bekannten Fragen schuldig zu bleiben. Ging sie nicht wie eine wandelnde Statue neben ihm her, mit leerem Blick geradeaus starrend, als sei die Welt sür sie tobt? Es that ihm in tiefster Seele weh, nichts für sie thun, nicht einmal eine theilnahmvolle Frage wagen zu dürfen. — Frau von Malten hielt vor einem großen, säulengeschmückten Hause an. „Leonie," wandte sie sich zu ihrer Tochter, „was mir einfällt, wir könnten der Frau Oberstlieutenant gleich unsere Visite abstatten." Die Damen verabschiedeten sich und an der nächsten Straßenecke trennten sich die Wege der Herren. Werner versank in Nachdenken darüber, wie es zugehen mochte, daß der Lieutenant so heiter und übermüthig aufgelegt gewesen, während seine Cousine es nicht vermocht hatte, sich zu beherrschen. — Leonore litt auf's Tiefste, das hatte er gesehen. Die Santoro* sche Winterlandschaft trat vor sein geistiges Auge- So ungefähr malte er sich ihre seelische Stimmung. Wie hatte ihr schöner Vetter das Bild genannt ? Unsäglich trostlos, aber weshalb? Schon die nächste Woche sollte dem Maler Ausklärung bringen. „Erna von Schönholz und Hans von Malten" besagten die großen Lettern der Verlobungsanzeige. Sie erregte hochgradiges Aufsehen in der Residenz und wurde in allen Kreisen ein Langes und Breites besprochen. Die Leute schüttelten den Kopf darüber. Jedermann hätte darauf geschworen, Hans und seine Cousine müßten ein Paar werden und nun sollte man sich getäuscht haben. Sämmtliche Freundinnen Leonorens — sie nannten sich wenigstens so — strengten ihr Combinationsvermögen an, um auszuklügeln, an welcher Klippe Äeser Lebensbund Schiffbruch gelitten. Jeder Anhalt fehlte. Nach der Verlobung des Lieutenants blieb fein reger Verkehr mit den Verwandten derselbe. Die stolze Leonore begegnete der Braut ihres Vetters überaus freundschaftlich, was sie sicher nicht gethan haben würde, wäre sie mit Hans in Wahrheit so eng verbunden gewesen, wie man gewähnt. „Dazu wäre Leonie viel zu stolz!" vertheidigten sie die Jüngeren. „Ober klug genug, bett Schein zu wahren!" urtheilten'die durch Er- fahrung Gewitzten. — Das junge Paar hatte es eilig mit der Hochzeit. Der Trousseau der Braut wurde in kürzester Zeit in ersten Geschäften fertig gestellt. Herr von Schönholz hatte seiner Nettesten zum Hochzeits- geschenk eine reizende kleine Villa im maurischen Stil gekauft, im neuen, seit zwei Jahren im Westen erstandenen Stabttheil gelegen- Der Frontseite gegenüber befattb sich ein prachtvoller Park mit uralten Bäumen, einem Teich unb einem auf einer künstlich hergestellter Anhöhe erbauün Schlößchen. Ein reicher Russe, der in der kleinen Stadt die Geliebte seiner Herzens gefunbeu, hatte bie Anlagen geschaffen. Gegenwärtig wohnte dort ein steinalter, kinberloser Präsident. Erna fand, Papa habe mit bet Erwerbung der Villa wirklich eine glückliche Wahl getroffen. Leonore beschenkte bie Braut mit einigen unter Werners Leitung von ihr gemalten Aquarellen und der Maler verehrte ihr eine liebliche Frühlingslandschaft, hell, heiter und sonnig, damit sie auch des Bräutigams Beifall habe. Der Maler sollte bei der Hochzeit die Schwester der Braut führen. Sie war seit einem Jahre der Schule glücklich entronnen und hatte es zum Neid ihrer Freundinnen durchgesetzt — Erna und Asta waren bie beiden Einzigen und durften eben Alles —, die langweiligen Musikstunden mit den ewigen Etüden gegen den Unterricht im Malen zu vertauschen Es hatte einen harten Kampf gekostet, aus dem der kleine Trotzkopf, dank der Gutmüthigküt ihres Papas, siegreich hervorging. Den zweiten Kampf verursachte bie Wahl des Lehrers. Erna hatte den alten Hofmaler vorgeschlagen, von dem Asta nichts wissen wollte. Alle im Institut hatten für den Vampyr geschwärmt. In den Handarbeitsstunden bei dem altersschwachen Fräulein, das seine Autorität nicht zu wahren wußte, pflegte eine von ihnen am Saalfenster Posten zu stehen- Kehrte der Maler vorn Essen im „Hirsch" nach seiner Wohnung zurück, etectrifirte ein „Der Vampyr kommt" die ganze Schaar. Mit stürmischem Jubel waren dann Alle an’« Fenster gestürzt und bas arme Fräulein stanb unterdessen Todesangst aus; sie hätte ihre Stelle verloren, wäre der Herr Director inspiciren gekommen. Zwei von Astas Freunbinnen hatte der Maler zurück« gewiesen. Das reizte sie erst recht unb sie bat unb quälte so lange, bis sich Frau von Schönholz dazu verstand, mit ihr zum Atelier zu gehen. Astas unbefangenes Urtheil über einen Entwurf gefiel ihm. Die Ungenirtheit, mit der sie im Zimmer umherging und habet den Hals reckte wie ein neugieriger Spatz, daß ihr der kurze, aschblonde Zopf bald rechts, bald links über die Schulter schlug, machte ihm Spaß.. Sie unterbrach bie Mama im besten Redefluß, faßte mit beiden Händen seine Rechte und sagte mit großer Bestimmtheit: „Sie dürfen es mir nicht abschlagen!" Da hatte er lachend erwidert: „Ja, wenn ich muß, wird mir schon nichts Anderes übrig bleiben!" — Das Weitere hatte Frau von Schönholz mit ihm abgerebet unb der Unterricht hatte gleich am folgenden Tag begonnen. In Kurzem ging Werner gern nach der Behausung feiner kleinen Schülerin und die ihr gewidmeten Stunden wurden ihm eine liebe Gewohnheit. Asta war talentirt und legte einen Feuereifer an den Tag. Ihre grünlich-braunen Augen strahlten bei seinem Lob. Der berüchtigte Schönholz’sche Starrkopf und Hang zur Malice wurde ihm nicht fühlbar- Sie fügte sich seinen Anordnungen mit rührender Unterwürfigkeit- Die schwärmerische Verehrung, welche sie für ihn empfand, nöthigte ihm zuweilen ein Lächeln unb Ko-sichlitteln ab, zuweilen war sie auch Ursache, baß er das junge Mädchen sehr formell und kühl behandelte. Aber er hätte kein Mann fein müssen, wenn er sich nicht hätte geschmeichelt fühlen sollen. Sein Benehmen wurde ihr gegenüber vertraulicher, sein Ton wärmer und er schüttelte ihr beim Gehen und Kommen so herzlich die Hand, wie einem lieben Kameraden- (Forts f ) - 252 - Kharacterschikderungen von Krauen. Gemeinnütziges der es auch noch gute noch das mit Gewißheit sehen, an dem aber, was in der Jugend gelernt wird, trägt man doch später nicht schwer, und braucht man es wirklich später nicht selbst zu verwerten, dann findet man jedenfalls immer Gelegenheit dazu, Anderen damit nutzen zu „Sie haben „Jewiß, einen bei den hohen einem Füsilier können. , „ ,, Von den deutschen Frauen lasten sich recht viele Dinge sagen, von unserer ganzen Mädchenerziehung leider nicht, daß sie auch das Practische für den Kampf um Dasein genügend berücksichtigt. Hausfrau zum neuen Dienstmädchens auch wohl einen Schatz?" — Dienstmädchen: Kürassier." — Hausfrau (erschreckt): „Gott, Fleischpreisen sollten Sie sich doch schon mit begnügen." Gemüsedüngung. Für die gute Ausbildung Gemüfe ist eine im Sommer vorzunehmende Jauchedungung von großem Nutzen,' da durch diese nicht allein das Gemüse größer und schöner wird, sondern sich auch bedeutend schneller entwickelt. Die Düngung selbst wird in der Weise vorgenom- men, daß man einen Spaten zwischen je zwei Pflanzen ganz in die Erde steckt, die Erde handbreit auseinanderbiegt und verdünnte, abgegohrene Jauche hineingießt. Die Oeffnung wird nicht geschlossen, sondern bleibt offen, so daß die Dungung einige Male wiederholt werden kann. Bei frühen Kohlarten, frühem Wirsing, Blumenkohl, Kohlrabi ist die Nachdüngung selbstverständlich entsprechend früher, aber vor oder während der Kopfbildung, möglichst bei nassem Wetter vorzunehmen, da sie dann von bestem Erfolge begleitet ist- Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Unter geänderten Umständen. Junge Frau (amf dem Ball): „Du tanzest ja jetzt viel besser, lieber MannI Erinnerst Du Dich noch, wie Du mir früher immer das Kleid 'runtertratst?" - Er: „Ja, damals hab' ich f A"* nicht bezahlen müssen." Gewisfensbiffe. Ein Junge ist über den Zaun des Nachbars gestiegen, auf einen Pflaumenbaum geklettert und thut sich an den süßen Früchten gütlich. Nachbar (plötzlich hervortretend): „Junge, schämst Du Dich denn nicht, zu fWen Fühlst Du denn gar keine Gewissensbisse?" — „Ja, suhlen thu' ich se, aber ich eß se mir weg." Ein spanisches Blatt hat sich bemüht, das Wesen des Cbaracters der Frauen in verschiedenen Ländern zu zeichnen; das geschah, wie folgt: „Die Französin heirathet aus Bersch» nunq, die Engländerin weil es üblich ist, die Deutsche aus Liebe. Die Französin liebt bis zum Ende der Flitterwochen, die Engländerin das ganze Leben, die Deutsche ewig. Die Französin führt ihre Tochter auf den Ball, die Engländerin fuhrt sie m die Kirche, die Deutsche beschäftigt sie in der Küche. Die Französin hat Geist und Phantasie, die Engländer hat Intelligenz, die Deutsche Gefühl. Die Französin kle det sich mit Geschmack, die Engländerin geschmacklos, die Deutsche bescheiden Die Französin plaudert, die Engländerm spricht, die Deutsche urtheilt. Die Französin bietet eine Rose an, eine Dahlia die Engländerin, die Deutsche em Vergißmeinnicht. Die Ueberlegenheit der Französin liegt in der Zunge,„ die der Engländerin im Kopfe, die der Deutschen im Herzen. 9 Sehr schiefe Urtheile über die Amerikanerinnen fällte Adele Crepaz in „Die Gefahren der, Frauen-Emanz,pat on — Leipzig, bei K. Reißner. Selbstsüchtig, herzlos, unbedeutend, schlecht als Hausfrauen, mannhaft emanzipirt, kalt re., wird von ihnen gesagt, verrathen aber wird im ganzen Buche, daß die Verfasserin nie eine Hausfrau in Amerika in ihrem Wirken beobachtet hat. Nach einer Anzahl überspannter Töchter reich« gewordener Yankees von ursprünglich vielleicht dunklen Existenzen darf man doch eine ganze Nation nicht beurtheilen. Auch in Amerika giebt es recht viele Ehefrauen in echt ameri- konischen Familien, welche unseren besten Hausfrauen an Werth nicht nachstehen; das darf die Dame glauben und würde sie sofort gewahr werden, wenn sie die Reise nach Chicago machen wollte. Wunderbar ist es gar nicht, daß die Amerikanerinnen, welche in guten Verhältnissen, aber doch nicht mit zahlreicher Lung leben, sehr viel Zeit übrig haben für Dinge woran die deutsche bürgerliche Hausfrau nicht denken darf; das ganze Geheimniß liegt einfach darin, daß die echten AmerikaneriMen unendlich viel praetischer als unsere meisten Frauen find. Wir kennen aber bei uns auf dem Lande auch viele Hausfrauen, welche „unendlich viel Zeit" übrig zu haben scheinen und deren umfassender Haushalt doch wie am Schnürchen geht (auf Großgütern mit zahlreichen Kostgängern), weil diese Damen halt auch etwas praetischer sind wie viele andere und besonders die Direction des großen Personals m der Küche, im Hause, im Stall rc. vortrefflich verstehen, Damen welchen nichts entgeht, welche den Haushalt im großen Style mit wunderbar wenig Geld führen, und bei welchen nichts verschwendet wird aber alles richtig verwendet wird und besonders die Arbeitskraft des dienenden weiblichen Personals, ohne diesem zu viel ruzumuthen. Das will freilich gelernt fein und sehr oft findet man auch das Gegentheil davon. Wir kennen auch deutsche Hausfrauen in Stadt und Land, welche bei kleinem Haushalt mit wenig Kindern trotz zwei bis drei dienenden Geistern „nie fertig" werden, weil sie es nicht verstehen, was emtheilen, an- ordnen und überwachen heißt. Sie müssen sich „entsetzlich plagen" und kommen „kaum einmal zum Sitzen , weil sie zu viel anordnen und täglich zu viel sich vornehmen Wer nach solchen Frauen die deutschen Familienverhältmfle fchlldern wollte, käme zu dem Urtheil, daß unsere Frauen stets mißmuthlg und übellaunig sind, wer jene zuerst geschilderten allein kennen lernte, zu dem, daß sie ewig heiter und lebensfroh find. Daß die Schriftstellerin keine Freundin von der^Eman« zipation der Frauen ist und alle Bestrebungen, für sich selbst orgen zu können, verwirft, steht in dem Buche zu lesen. Sie wird es aber doch nicht verhindern können, daß die Bestrebungen immer weiter befördert werden und das ist gut, denn es gibt leider gar zu viele Mädchen, welche diese Kunst erlernen müssen. Wer es mit seinen Kindern gut meint, lehrt seinen Mädchen auch etwas von der Kunst, selbst wenn er glaubt, daß sie es später „nicht nöthig" haben. Niemand kann in die Zukunft Wenn die Petersilie auch keine anspruchsvolle Pflanze ist so wächst sie viel schöner und kräftiger, wenn man ganz alten, verrotteten Dünger in die Rinnen bringt. Durch öfteres Schneiden ihrer Blätter werden die Pflanzen frischer und schmucker, weshalb das Schneiden nicht vernachlässigt werden ollte, selbst auch, wenn kein Bedarf an Petersilie vorhanden sein sollte. * , Ueber das Begietzeii der Blumen im Sommer. Die Frage: Wann sollen Blumen und Gemüse ,m Sommer begossen werden, wird folgendermaßen beantwortet: Ein alter Gärtnerspruch lautet: „Eine Kanne Wasser Abends ist so gut wie zwei früh." Obwohl diese Regel hauptsächlich dem Ge- müsebau gilt, so hat man doch die Erfahrung gemacht, daß sie ebenso richtig in der Blumenzucht und in der Topspflanzcultur sei. Wir können die Befolgung dieses Spruches nur allgemein anempfehlen. Vermischtes.