1888. Donnerstag dm 31. Mai. Nr. 63. Dreizehntes Kapitel. Wie Lowder's Pläne gedeihen. Wir müffm jetzt zu Jatper Lowder zurückkehren, den wir in der großen Vorhalle von Tressilian-Hof verlaffen haben, unsrer, wie er in das Zimmer der Haushälterin gelangen könnte. „Das ist eins unvorhergesehene Schwierigkeit", murmelte er, mit finster zusammengezogensn Brauen durch die Halle schreitend. „In welchem Theile des Hauses soll ich diese Frau Goß suchen?" Lowder war sehr scharfsinnig und sah plötzlich einen Aurw:g aus dieser fatalen Schwierigkeit. Das Zimmer der Haushälterin muß irgendwo rückwärts im Hause sein", dachte er. „Wahrscheinlich nicht allzusehr vom Speisezimmer entfernt." Und keck schritt er in das Speisezimmer hinein. Purmton, der Haushofmeister, war allein in dem Gemache; bei Lowder'« Eintritt wandie er sich und ging ihm mit strahlendem Gesicht entgegen. „Es ist, wie wenn die alten Zeiten wieder kommen sollten, Euch hier in dem alten Speisesaal zu sehen, Master Guy — bitte um Entschuldigung, Herr — ich hätte Herr Tressilian sagen sollen, aber wie verändert Ihr auch seid, Herr, kommt mir doch immer der alte Name auf die Zunge." „Ihr müßt mich auch künftig bei demselben nennen", sagte Lowder freundlich. , Jch ziehe ihn der förmlicheren Ansprache vor. Ich habe bemerkt, daß Frau Goß sich gar nicht verändert hat, während ich fort war. Wo ist sie?" „In ihrem Zimmer, Master Guy", erwiderte der Haushofmeister, dessen joviales, rundes Gesicht sich rötbets. „E ist wahr, sie ist während der 5 Jahre gar nicht gealtert und noch so rüstig, daß sie alle jungen Mägde übertrifft. Zwischen uns stehen dis Dinge immer noch im Alten, Master Guy. Sie will nicht „Ja" sagen, weil sie damit das Andenken an ihren ersten Mann zu beleidigen glaubt; aber ich hoffe, ich werde sie noch überreden können. Sie hat Euch immer gewaltig lieb gehabt, Herr, und wenn Ihr ein gutes Wort für mich einlegen wolltet, so würde das mehr nützen, :als wenn selbst Sir Arthur sie überreden möchte." „Ich werde mit ihr sprechen, Purmton", sagte Lowder lächelnd. „Aber die gute Seele muß sich schon wundern, daß ich nicht zu ihr komme. Kommt mit mir auf ihr Zimmer oder halt — Ihr geht voraus und ich werde Euch ganz leise folgen und sie überraschen." Dies war so den alten kindlichen Einfällen Guy's Hichemr Iamilienblätter Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Der Kröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) „Zurück dort, Krigger", schrie Gower. „Wenn 't Ihr den Hund auf diesen armen Blödsinnigen h tzt, werdet Ihr es mit Eurem Leben bezahlen! Zurück!" Krigger zog sich mürrisch mit seinem Hunde zurück. Mit einem Winke befahl Gower dem Koche und der Haushälterin, sich zu entfernen, und ringeschüch-. tert gehorchten sie auch. Gower wandte seine Blicke dann Tressilian zu, der ihn mit seinen melancholischen Augen anschaute. „Ihr müßt gehen I" sagte Olla's Vormund, aschbleich und in großer Erregung zu Guy. „Versteht Ihr? Geht! Und kommt nie wieder hierher!" Aber Guy blieb unbeweglich stehen. „Ich will Olla!" sagte er nur. „Ihr könnt nicht zu ihr", erwiderte Gower heiser. „Ich sage Euch, geht! Ich kann Euren Blick nicht ertragen! Weich' ein Verhängniß hat Euch mir in den Weg geführt? Ich werde Euch ein Leid anthun, wenn Ihr nicht geht!" Aber Tressilian, der diese heftigen Worte und Gower's Aufregung nicht verstand, weigerte sich noch immer, zu gehen. Er rief Olla abermals "zu, zu ihm zu kommen. Gower befahl nun Krigger und dem sicilianischen Kutscher, sich des unglücklichen jungen Mannes zu bemächtigen und ihn unverweilt zu Fraus Vicmi zurückzubringen. Die beiden Diener schleppten Tressilian fort und verschwanden bald im Schatten des Orangenhains. Olla kehrte mit brennenden Wangen und blitzenden Augen in ihr Zimmcr zurück. „Wenn ich je unentschloffen war", rief sie leiden» schriftlich aus, „jetzt ist's mit aller Unentschiedenheit vorbei I Mein Entschluß ist gefaßt, Mutttr Popley! Ich will mich nicht ergeben — ich will nicht geduldig sein! Ich will nach England fliehen und der arme Jasper Lowder soll mit uns gehen! Schließe die Fenster; das Geschrei des armen Jasper klingt mir noch immer in den Ohren! Jetzt laßt uns von der Flucht sprechen I Wie soll ich mich aus der Gewalt dieses Tigers befreien? Und wie soll ich mit dem armen Jasper England erreichen?" 254 UMch, daß Purmion's Hcrz sich auf's Neue er- | Haushälterin zurückgelassm baite, kehrte er in den wärmte. Er schritt einen Gang entlang, klopfte am Salon zu Sir Arthur und Blanche zurück. Ende desselben an eine Thür und trat bet der Haus' „Die gute Frau Goß", bemerkte, er, wieder seinen Sitz neben dem jungen Mädchen einnehmend, „hat noch immer so manchs ihrer Eigenthümlichkeiten. Ich werde ihr zureden, Purmton doch endlich zu erhören. Er wirbt nun lange genug um sie. Die Beharrlichkeit des guten Menschen verdient belohnt zu werden." „Ich glaube es auch", sagte Blanche lächelnd. „Purmton ist ein treuer Bewerber. Und ich glaube, Frau Goß hat ihn heimlich lieb. — Hat sie Euch erkannt?" , ,, „Augenblicklich I Ich glaube, ich habe mich nicht gar so verändert, wie Ihr sagt. Vielleicht nicht mehr als Ihr, Blanche. Sie sagte mir wenigsten«, daß ich noch etwas von meinem knabenhasten Ausdrucke habe." „Ich glaube, daß sie sich damit irrt", sagte Sir Arthur gedankenvoll. Lowder wendete sein Gesicht so, daß der Baronet weniger Gelegenheit hatte, seine Züge zu studiren. „Ich wollte, der Tag wäre schöner", bemerkte er« „Ich möchte so gerne über das Gut und durch die Stallungen gehen. Aber das werden Unterhaltungen für morgen sein. Heute will ich Euch von meinen Reisen und Abenteuern erzählen. Ich bin egoistisch genug, zu glauben, daß Euch die Erzählungen in- teresstren werden." _ , Da Lowder ein hübsches B-schreibungs-T-Mnt besaß und seine Geschichten sehr lebhaft vortrug, wußte er seine Zuhörer damit ungemein zu fesseln. Er gab einen genauen Bericht von Guy's Reisen, den Zwischenfällen während derselben und von seinen Abenteuern, stellte sich immer an Guy's Stelle, und spielte bei verschiedenen Stellen auf sich an, als auf den „armen Lowder", der jetzt in Sicilten ist. „Dieser arme Lowder", sagte dir goldhaarige Blanche während einer Pause. „Habt Ihr nicht in einem Eurer Briefe geschrieben, Guy, daß er Euch ähnlich sieht?" Lowder's Züge verfärbten sich. „Ich glaube", erwiderte er. „Er hat mir etvas ähnlich gesehen, aber nicht mehr, als viele andere junge Leute, dir ich kennen gelernt habe. Er hatte blaue Augen und blonde Haare. Ich hielt ihn für einen wahlverwandten Geist. Er mar ein guter Junge, der arme Lowder, nur um einige Jahre älter als ich, und war mein bester Freund." „Armer Mensch I" sagte Sir Arthur. „Bist Tu überzeugt, daß er in guten Händen ist? Möchtest Du ihn nicht nach England bringen lassen und ihn in tüchtige ärztliche Hände geben, wo seine Krankheit geheilt werden könnte?" „Er liebt seine Freiheit", sagte Lowder. „Ich konnte ihn nicht bewegen, mit mir zu kommen. Seit seinem Unglück hat er einen Abscheu vor dem Reisen. Er ist gut geborgen in seiner Zufluchtsstätte. Ich habe den Leuten versprochen, sie reichlich für ihre Mühe zu bezahlen, und ich habe seine Behandlung hälterin ein. , Lowder guckte hinter ihm in das Zimmer hinein. In einem Armstuhl saß Frau Goß in Nachdenken versunken. Die rothen Bänder ihrer Haube hoben und senkten sich auf ihrer Brust und ihre Finger waren eifrig mit einer Stickerei beschäftigt. Frau Goß hatte Purmton's Klopfen nicht ge- hört, noch seinen Eintritt beachtet. Sie schaute erst auf, als er vor ihr stand, dann rief sie erschrocken aus: „Seid Ihr es, Purmton? Wie Ihr mich erschreckt, ich dachte eben daran, ob ich nicht durch das Mustkzimmer ein wenig in den Salon hinein- ichauen könnte. Ich möchte Master Guy sehen. Mir schien es heute Morgen, als ob er sich sehr verän- de'rt hätte. Es schien fast gar nicht, als ob cs unser Master Guy sein könnte. Und er muß sich auch sehr verändert haben, sonst wäre er jetzt schon bei i mir gewesen. Ich habe ihm gar oftmals, als er i noch ein Kind war, ous dem Schranke dort Konfekt, j Kuchen und Früchte gegeben. Aber er hat mich ? vergessen." . i „Nicht so sehr, als Ihr glaubt, Frau Goß", , sagte Purmton, dessen Gesicht sich vor Entzücken । noch mehr röthete. „Es st'ht Jemand vor Eurer - Thüre, der Euch sehen will." | „Doch nicht Master Guy I" und die Haushälterin ) sprang von ihrem Stuhle auf. i ,Ja, er ist's", sagte Lowder, die Thüre auf- stoßend, mit einem Lächeln auf sie zutretend. ,Jch wollte fchon früher kommen, aber ich konnte meinen Vater nicht verlassen." t _ Er faßte Frau Goß bei der Hand und druckte einen Kuß aui das entzückte Gesicht der Haushälterin. „Und er bat sich gar nicht so verändert, als ich glaubte", rief sie aus. „Er ist derselbe warmherzige Junge, trotz all' seiner Reisen und Gelehrsamkeit. Setzt Euch in diesen weichen Stuhl, Master Guy." Lowder nahm die Einladung an. Innerlich waren ihm zwar der Haushofmeister sammt der Haushälterin zuwider, aber da er den Namen und den Charakter Guy Tressilian's angenommen hatte, war er auch verpflichtet, Gey's Eigenthümlichkeiten nachzuahmen. Er war entschlossen, seine Rolle gut zu spielen, und nichts von seiner Ungeduld zu vcr- rathen, noch irgend einen Punkt zu vernachlässigen, der seine Lage befestigen oder ihn bei dem Baronet und im Hause populär machen könnte. Diesem Entschlüsse getreu handelnd, blieb er, freundlich plaudernd, eine Wüle bei den beiden alten Dienern, die ihre ganze Lebenszeit im Dienste der Familie zugebracht hatten und von Sir Arthur und Blanche mit einer gewissen familiären Herzlichkeit behandelt wurden; 'als er sich nach etwa 10 Minuten von dem Paare verabschiedete, waren Beide des Lobes übtr ihn voll. Nachdem er Purmton in dem Zimmer cer 288 dem geschicktesten Arzt von ganz Gellt« - Doktor Svezzo von Palermo — anvertraut. ? Arthur war van Lowder's großmüthiger Versorgung seines verwundeten Begleiters sehr be» friCbi$eln Geld muß ziemlich erschöpft sein, lieber Kun" ^rch begreife gar nicht, daß Du nicht um Geld nach Sause schreiben mußtest, nachdem Du den Schmuck und die Bücher kauftest und den armen Lowder versorgtest. Ich will heute, am ersten Tage Deiner Heimkehr und vor Blanche, die so begierig ist Deine Geschichten weiter zu hören, nicht von @e- schäften mit Dir sprechen, aber morgen werden wir den Betrag Deines künftigen Einkommens bestimmen. Das Privatvermögen Deiner Mutter, deffm ausschließlicher Erbe Du bist, soll von nun an in Deine Verwaltung übergehen." „Lowder's Augen funkel en, er stand im Begriff, eine greifbare Belohnung für seinen Betrug zu erfassen. Er konnte es kaum verhindern, daß seine Freude sich nicht in seinem Benehmen zeigte. Nur mit großer Anstrengung beherrschte er sich und setzte seine Erzählung fort. , , r Blanche's Augen öffneten sich wert, als sie seinen Abenteuern mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte, von denen er viele übertrieb. So verging der Tag. Nach dem Diner musicir- ten die jungen Leute und den übrigen Theil des Abends verbrachte die kleine Gesellschaft unter ge. müthlichem Geplauder, während desien Lowder sich als den liebenswürdigsten Menschen zeigte. (Fortsetzung folgt.) Wom Aberglauben im täglichen Leben. Plauderei von-Hermine v. Korsakoff. (Nachdruck verboten.) „Wenn man es weiß, thut man beffer, es zu vermeiden" — diese und ähnliche Antworten find wohl auch Dir, mein freundlicher Leser, geworden, wenn Du in Deiner Vermessenheit gewagt hast, gegen den Aberglauben in Deiner nächsten Nähe zu Felde zu ziehen; überall begegnet er Dir, Du vermagst keinen Fuß aus dem Hause zu setzen, auch in Deinen vier Pfählen macht er sich breit; der Gebildete lacht darüber, und der Ungebildete? Nun, er öffnet dem alten Freunde seiner Urgroßmutter willig Herz und Ohr, ängstlich wird vermieden, was irgendwie Gefahr bringen könnte, und es ist wahrhaft erstaunlich, wie üppige B üthen gerade der Aberglaube des täglichen Lebens, wenn ich so sagen darf, treibt. Schon der Tag, an welch m ein Kitt '- geboren wird ist von Bedeutung: ist es ein Sonntag, fo ist dem betreffenden kleinen Weltbürger damit die Gabe der Hellsehens verliehen, und so geht es fort. Sicht ein neugeborenes Kind b sonders alt aus, so kann man auf seinen baldigen Tod rechnen; wird cs, ehe es ein Jahr alt, photographirt oder gemalt, steht daffelbe traurige Eads bevor; ebenso bei Kindern, die in dem nämlichen frühen Lebensalter mit Blumen spielen oder mit denen man einen Friedhof besucht. Ferner darf ein Kind unter einem Jahr nicht in einen Spiegel sehen, sonst wird es eitel; steht man ihm über den Kopf, wächst es nicht mehr; küffen sich kleine Kinder, die noch nicht sprechen, so lernen sie letzteres nie; sieht das Töchterchen der Matter ähnlich, so hat das Kind in seinem Leben weder Glück noch Stern; erhält es der Mutter Namen, so ist keine Aussicht vorhanden, es groß zu bekommen, dasselbe gilt vom Sohn zum Vater. Ist das Kind trotz aller es bedrohenden Fähr- lichkeiten nun wirklich herangereist, so erschließt sich ihm eine ganze Welt: es muß siel lernen, soll es seines Glückes nicht verlustig gehen. Da ist zunächst der Montag, an welchem man kein Geschäft beginnen soll; der Freitag, der überhaupt Unglück bringt und Arbeiten, die man am Samstag ansängt, können lange auf ihre Vollendung warten. Bei Krankheiten darf man sich um keinen Preis am Sonntag in's Bett legen, man würde daffelbe nicht mehr verlassen; ebensowenig darf man am Freitag zum ersten Male wieder aufstehen; eine alte Sache ist, daß Sonntagsbefferung nie taugt und zu tödtlichem Ausgange führt. Unsere Mahlzeiten werden mit denselben Thor- heiten gewürzt: verschüttet man Salz, so wird man viele Thränen vergießen, schneidet man die Butter an, so muß man noch sieben Jahre warten, ehe man sich verheirathet; sitzt man an der scharfen Kante des Tisches, so bekommt man je nachdem eine bucklige Frau oder ebensolchen Mann. Beim Jahreswechsel werden körnige Gerichte bevorzugt — es bringt Geld; ebenso soll die erste Speise in einer neuen Ehe eine körnige sein; ferner begeht man schweres Unrecht, einen Brotkanten aus dem Hause zu geben, es hat dieselbe Wirkung, wie wenn man das angeschnittene Brot vom Tisch heruntersehen läßt — man verliert es; legt man es aus's Bett, so ruht es, d. h. der Erwerb, daffelbe gilt aber auch vom Handwerkszeug. r L Will man gut und ruhig schlafen, so muß das Kopfende des Bettes gegen Osten stehen, nun und nimmer darf aber das Fußende desselben der Thür gegenüber sein — man würde sonst aus der Wohnung als Leiche hinausgetragen. Wünscht man traumlos zu schlafen, so muß man einen Schuh oder Stiefel unter das Bett, den anderen in der Stube stehen lassen, auch soll ein gutes Mittel sein, will man zu einer bestimmten Zeit aufstehen, mit der großen Zehr fünf- oder sechsmal, je nach der gewünschten Stunde, gegen die Bettwand zu schlagen, und der Erfolg ist verbürgt, man erwacht auf die Minute. Für Faullenzer ist es gerathsn, das Buch mit der zu lernenben Lection unter das Kop kffsen zu legen, und ste dürfen ihrer Sache sicher sein. Zieht man beim Ankleiden irgend einen Gegen« stand verkehrt an, so amüstrt man sich an dem Tage 256 Nicht, näht man sich etwas am Körper, so näht man sein Glück fest, angeknotete Bänder sind auch böse i Vorbedeutungen und sorgfältig zu vermeiden. \ Ist man zum Amgchen gerüstet, so darf man, l trenn man etwas vergessen hat. nicht umkehren, thut > man es dennoch, so so!! man sich noch einen Augen« ■ blick niedersetzen. Trefft man zuerst auf der Straße f eine alte Frau, so bedeutet das Mißerfolgs, ein Let- chenzug dagegen Glück, Schweine zur Lücken desgleichen, zur Rechten das Gegentheil, jedoch ist in letzterem Falle gerathen, Stahl anzufasien, und der böse Zauber ist gebrochen. Juckt einem die linke Hand, so nimmt man Geld ein — die rechte, so giebt man es aus; klingt das rechte Ohr, wird gut — das linke, böse von einem gesprochen; juckt das links Auge, bekommt man etwas Liebes zu sehen, das rechte, brkommt man etwas zu weinen; juckt einem die Nase, erfährt man etwas Neues oder — fällt in den Schmutz. Sehen sich Menschen ähnlich, so kann man Tausend gegen Eins wetten, daß sie sich heirathen, vorausgesetzt, daß jedkS „Wenn" und „Aber" sorgfältig vermieden, resp. befolgt wird; da ist in erster Linie streng zu unterlassen, sich irgend welche Fußbekleidung zu schenken, der Beschenkte läuft sonst fort; ebenso zerschneiden Meffer und Scheere Liebe und Freundschaft. Eine Braut darf nicht bei der Bcautwäsche helfen, will sie noch länger unter den Lebenden bleiben, auch ist es ihr streng verboten, bei dem Brautklride thätig zu sein, sie würde sonst Unglück mit ihren Kindern haben; außerdem kann niemals die eine Braut werden, dir je einen Myrthenkcanz zum Scherz aufgesetzt; passtri dies mit einem Silberkranz, so wird die Frau nie ihre 25jährige Hochzeit feiern. Ferner muß man zur Trauung Hand in Hand die Wohnung verlüffen, ist die Treppe noch so eng, sie muß doch gemeinschaf lich hinabgestiegen werden, das Loslasien des E.nen oder Anderen bedeutet Trennung, sei es im Leben oder im Tode. Wer sich aus dem Wege zur Trauung umsiehr, sicht sich nach einem Aninren um; geht ein Trauring verloren, steht wieder das böse Omen vom baldigen Scheiden im Hintergründe. Knarrende Thürm zeigen den Tod an, das Picken der Todtenuhr nicht zu vergessen; der Ruf des Käuzchens, das Heulen der Hunde gleichfalls, jedoch mit Vorbehalt; senkt der Vierfüßler den Kopf, so heult er Einen auf den Kirchhof; hebt er das zottige Haupt in die Höhe, so signaUstrt er Feuer. Zerbricht ein Glas, woraus ein Kranker besonders viel getrunken, so kann man sich mit Gewißheit auf seinen Tod vorbereiten, und tritt ein solcher wirklich rin, so kann selbst die Majestät des Todes den Aberglauben nicht von hinnen bannen. Der Spiegel wird verhängt, damit der Tobte nicht hinernsiehr, es würde sonst eine zweite Leiche geben; schließen die Augenlider nicht fest, so sieht er sich gleichst llr nach einer zweiten um. Aus jedem Stück Wäsche, welches man einer Leiche anzieht, muß der Name sorgfältig heraurgeschnitten werden, der Tobte würde sonst nicht Ruhe im Grabe finden; der Kamm, womit man den Verstorbenen gekämmt, wird diesem in den Sarg mitgegeben; gebrauchte ihn ein Anderer, würde dieser die heftigsten Kopfschmerzen nicht mehr los. Und so geht es fort und fort — man thut, man beginnt nichts, ohne daß es etwas zu bedenken gäbe. Ja, ja, Thorheiten über Thorheiten, und doch begleiten fle uns durch's ganze Leden! Wermischtes. Ehrt die Vogelnester! — Wenn's Mailüf- ter'l weht, dann erscheinen außer den froh begrüßten Blüthen, die durch das frischgrüne Laub schimmern, leider noch andere Gäste, minder gerne gesehen und bewillkommnet, auf dem Schauplatze der Natur: Die Maikäfer und Raupen! — Verordnungen und Warnungen werden erlassen gegen diese gefährlichen, gefürchteten Schmarotzer, zum Schutz der Bäume und der Pflanzen, eines der besten und wirksamsten Gebote — besonders contra Raupen — aber wird stets sein und bleiben: „ehrt die Vogelnester!" — Denn diese besitzen einen praktischen, reellen Werth und Nutzen, von dessen Höhe sich unsere Schulweisheit Nichts träumen läßt. Bilden doch die kleinen gefiederten, geflügelten Insassen dieser Nester das beste ausgiebigste Vertilgungsmittel namentlich der Raupen, deren kolossale Gefräßigkeit so großartig ist, daß sie es fertig bringen, tagtäglich ihr eigenes Gewicht an Blättern und Blüthen zu verspeisen. Angenommen also eine Raupe verzehrt z. B.' pro Tag auch nur eine einzige Blüthe, die zur Frucht geworden wäre und sie gebrauchte 30 Tage, bis sie ausgefressen hätte, so würde diese einzige Raupe allein 30 Obstfrüchte auf ihrem Gewissen haben! Befinden nun im Neste sich 5 Junge, so verconsumirt jeder dieser jugendlichen Erden- beziehungsweise Luft-Bürger täglich circa 50 Räuplein, macht für die Dauer der runden Summe von 30 Tagen berechnet — in Summa Summarum: 7500 Raupenleben. (5 mal 50 mal 30.) Folglich werden durch jedes Vogelnest soviel Blüthen gerettet, als besagte 7500 Raupen — wären sie am Leben geblieben ungefähr an Blüthen- kost zu sich genommen haben könnten, nämlich 30 mal 7500 — 225 000 Blüthen, welche einst zu Birnen, Aepfel oder Pflaumen geworden sein würden. Und die Moral von der Geschichte? — Blühende Obstbäume sind gewiß eine schöne Zier, eine nicht minder herrliche Augenweide, als ihre Früchte später ein hoher Genuß für den Gaumen, also: ehrt die Vogelnester, und lehrt die Jugend desgleichen, auf daß nicht diese Nester den Attentaten muthwilliger Kinderhände ausgesetzt sind. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Berlag der Brühl'jchen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen,