Hichener JamilimbNler. Belletristisches Beiblatt rum Gießener Anzeiger. Nr. 128. Dienstag, dm 30. Octobsr. 1888. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von «milie Heinrich». (Fortfe-ung.) E» war ein seltsamer Mensch, dieser Deteetiv, nicht der Gedanke an eigenen Gewinn leitete ihn in seinem Beruf, sondern eine leidenschaftliche Neigung, da» Licht seine» criminaltsttschen Scharfsinn» leuchten zu lassen, und irgend eine seiner Ueberzeugung nach sichere Fährte allen Hindernissen zum Trotz beharrlich zu verfolgen, selbst auf die Gefahr hin, mit seinen Vorgesetzten in Confliet zu gerathen und seine Existenz aus'« Spiel zu setzen. Thorsen überzählte seine Kasse und begab sich dann so rasch al» möglich nach dem Anhalter Bahnhof zurück, wo man ihn in dem Wartezimmer drttter Klaffe wie einen alten Bekannten empfing. „Wieder ganz auf dem Damme, junger Herr?" fragte der Wirth mtt einem humoristischen Augenblinzeln. — „Ja, haben Sie ein gute» Frühstück für mich?" versetzte Thorsen kalt. „Gewiß, sollen gut bedient werden." „Wann geht der nächste Zug nach Dresden?" „Um 12 Uhr Mittags." Thorsen hatte bereit« den Eisenbahn-Plan studirt und gefunden, daß ein Zug dorthin gestern Abend bei seiner Ankunft abgegangen war. „Könnte ich den Casstrer sprechen?" fragte er, nachdem er fich einen kleinen Eognae hatte geben laffen. „Dort geht er hin, um den Schalter für den Zug nach Halle zu öffnen." Thorsen eilte auf den Perron hinaus und befand sich bald im Gespräch mit dem Casstrer, einem sehr freundlichen Herrn. „Ein schäbig aussehender Mensch im alten Kaisermantel und schlechter Pelzmütze, da» stimmt", nickte er, fich erinnernd, „ich wollre gerade schließen und gab nur seiner flehentlichen Bitte nach, glaube, er sprach von einer sterbenden Frau, ob er mttge- kommen, weiß ich nicht, da der Zug fich schon in Bewegung gesetzt hatte." „Sie sahen ihn aber später nicht mehr." „Nein, er wird fich seinen Platz wohl erobert haben." „Ich danke Ihnen, Herr Casstrer", sprach Thorsen artig, „der Bursche ist ein geriebener Gauner, den ich um jeden Pret» einfangen muß." I „Ahl" machte der Beamte, „das hätt' ich wissen r sollen I" | „Ja, wenn man allwissend wärel" brummte der ä Deteetiv, in'« Wartezimmer zurückkehrend, „aber ich | fasse ihn doch, den Hallunken I" Er seufzte bet dem Gedanken an den großen , Vorsprung, den Walter gewonnen, und fiel mit einer wahren Wuth über sein Frühstück her. Dann telegraphirtr er an den Polizri-Commiffar Hellmann und fuhr mit dem Zwölf-Uhrzuge nach Dresden ab. 23. Im Hause Jmmendorf herrschte klösterliche Stille. | Tante Irmgard war seit einigen Tagen bedenklich schwächer geworden, ihr schmales Gesichtchen sah genau wie eine Wachs-Marke au», und der Arzt zuckte auf Ulrike's ängstliche Frage mit einem beredten Blick schweigend dis Achseln. Tante Ulrike hatte es deshalb für nothwendig befunden, an Ulrich und Hedwiga zu telegraphiren, um beide schleunigst nach Hause zu rufen. Hedwiga hatte der Fürstin dar Telegramm gezeigt und von dieser die sofortige Erlaubniß zur Heimkehr erhalten, während Ulrich selber nicht unbedenklich erkrankt, die Abreise der Freunde dadurch verzögert worden war und Egon e» deshalb vorzog, ihm die Nachricht zu verheimlichen. „Ich kann e» für kein Unglück halten", bemerkte er, al» Hedwiga diese Verheimlichung nicht zu billigen schien, „da Ihre gnädige Tante Irmgard ihm stets die Abneigung bewiesen, ja, einen großen Schuld- Antheil seiner verlorenen Jugendjahre auf sich zu nehmen hat. Vielleicht entgeht er durch diese Krankheit noch irgend einer letzten despotischen Marotte." „Ich hätte Sie nicht für so grausam gehalten, Herr Doktor I" versetzte Hedwiga, sich etwa» verletzt abwendend. „Verzeihung!" bat er leise, „wenden Sie fich nicht von mir ab in dieser Stunde, theuerste Hedwiga! Ihre Abreise erfüllt mich mit größerer Unruhe, al» Sie e» ahnen." „Und we»halb?" fragte ste, sich ganz überrascht zu ihm wendend. „Weil Sie zu einer Sterbenden gehen, deren Launen unberechenbar find. Mein Onkel Tellkamp hat mir genug davon mitgetheilt, um Aller von ihr befürchten zu müssen, so lange ste noch athmrn und zu gebieten vermag. O, Sterbenden soll man nicht« abschlagen dürfen, und Ihre Tante Irmgard wird diese« schrecklich- Vorrecht benutzen, um noch über'» Grab hinaus ihre verderbliche Macht zu bethätigen.". 514 Hedwiga sah ihn fest an. „Sie befürchten, daß Tante Irmgard ihre arme Schwester noch im Grabe an sich fesseln wird?" „Das weniger, obwohl ich ein solches Resultat ausharrender Treue beklagen würde. Nein, Hed. wiga!" setzte Egon mit ousbreche«dkr Leidenschaft hinzu, „ich fürchte um mein eigen Glück. — Sie wissen, daß ich Sie liebe, Sie anbete, daß ich die vermessene Hoffnung auf Ihre Gegenliebe hege und die Welt aus ihren Angeln heben möchte, Sir mein zu nennen." „Und fürchten doch dis Macht einer Sterbenden?" sprach Hedwiga mit sanftem Vorwurf, „kann die furchtsame Schwäche mit dem weltstürmenden Math so eng gepaart sein? — Wer giebt Ihnen das Recht, so klein von mir zu denken, Egon?' „O, Verzeihung, Geliebte! ' rief der junge Mann, die nur schwach Widerstrebende an sein Herz ziehend Md ihr erglühendes Antlitz mit Küssen bedeckend. Sage mir das eine süße Wort, daß Du mich liebst, und ich fürchte weder Lebende noch Tobte." „Hast Du das Wort nicht längst in meinen Augen gelesen, Du schlimmer Mann?^ lächelte Hedwiga, ihn zärtlich anblickend, „wozu das demüthi- gende G-ständniß, daß mein Herz mir nicht mehr gehört, daß ich einen Wilden liebe —" „Dessen Herz und Seele Dir beim ersten Anblick zugeflogen, Du süße Zauberin!" jubelte Egon, „o, wiederhole mir das Wort hundertmal — tausendmal — ich möchte es immer, — immer wieder hören —" „B s es zur alltäglichen Phrase geworden", fiel Hedwiga, sich rasch seinen Armen entwindend, mit feierlichem Ernste ein, „nein, mein Herr Doktor, Süßigkeiten verderben den Magen, — werden wir deshalb jetzt ein wenig vernünftig. Auch könnte man uns überraschen und die unnahbare Hofdame von ihrem Piedestal herabzerren. Ich werde in einer Stunde abreisen und doch selbstverständlich von Ulrich Abschied nehmen müssen. Meine Zofe wird mich begleiten und nun, a revoir, Herr Doktor I" Sie reichte ihm die Hand, welche Egon zugleich mit der zarten Gestalt an sich zog. „Fort, fort", flüsterte sie, „selbst meine Zofe darf dergleichen nicht ahnen." „Du wirst doch der Sterbenden unser Glück nicht opfern, Hedwiga?" „Rein, Ungläubiger, ich sehe eine solche Roth- Wendigkeit durchaus nicht ein." „Und wirst mich rufen, Geliebte, wenn Gefahr Dir droht?" bat Egon innig. „Gewiß, Theuerster 1" lächelte sie mit einem sinn- berückenden Blick, „wenn aber Dich die Pflicht urplötzlich in die Ferne rufen sollte?" setzte sie erschreckt hinzu. „Ulrichs Krankheit kann Dich nicht länger zurückhalten." „Der Schwerpunkt meiner Pflicht ruht jetzt hier", erwiderte er ernst, „ich habe bereits cn meinen Stellvertreter geschrieben und den Vorstand der Expe- diüon in vorläufige Kenntniß davon gesetzt, da ich ohne Ulrich sowieso nicht absegeln würde. Nach dieser Seite hin darfst Du vollständig beruhigt sein, geliebtes Herz!" Hedwiga blickte ihn dankbar an, ein feuchter Glanz schimmerte in ihren dunklen Augen. „Wie gut Du bist", flüsterte sie, beide Arme um seinen Hals schlingend, „jetzt gehe ich beruhig! mit dem Versprechen, daß keine Macht der Erde uns trennen soll. Grüße Ulrich von mir." Noch ein Kuß, ein inniges Liebes wort, und Egon ging nach feinem Hotel, wo er Ulrich in fiebernder Ungeduld seiner harrend fand. Er lag im Bett mit einer Zeitung vor sich. „Lesen Sie, Freund! lesen Sie diese Notiz", ries er ihm fast athemlos zu. Egon nahm ruhig das Blatt und sah nach dem Datum desselben. „Schon über 14 Tage alt", versetzte er kopfschüttelnd, „was in aller Welt kann Sie so auf. regen, lieber Ulrich? —" „Ach so, es betrifft Ihren unheimlichen Feind?" setzte er überrascht hinzu, „man hatte den Schuft also hierher gebracht? —" „Ja, ja, und zwar als Verbrecher in's Gefängniß geworfen, verstehen Sie das, Egon?" „Und der Bursche ist entflohen, wie's hier steht", nickte Egon nachdenklich, „daraus werde der Henker klag." „Es weckt die alte Unruhs wieder in mit", rief Ulrich, sich fieberhaft erregt aufrichtend, „Egon, treuer Freund, wann können wir abreisen? Ich bin nicht mehr krank, will's nicht mehr sein. Der Fürst kann mich nicht schützen, da ich meine Unschuld nicht zu beweisen vermag, lieber die Kugel als vor die Schranken des Gerichts." Egon drückte ihn sanft auf sein Kiffen zurück. „Sie tödten sich mit dieser ganz unnöthigen Unruhr, Freund Ulrich!" sagte er liebevoll. „Faffen Sie doch die eigentliche Sachlage kaltblütig in's Auge. Der Elende ist vielleicht gar auf des Fürsten Befehl hierher gebracht worden, um ihn auf irgend eine Weife unschädlich zu machen. Er sah sich in der eigenen Schlinge gefangen und entfloh." „Wie konnte er das allein bewerkstelligen?" fragte Ulrich. „Ja, das kann ich nicht wissen, ein Spitzbube wie der wird dergleichen besser kennen als wir, mein Lieber I — Genug für uns, daß er sich unter Schloß und Riegel unbehaglich gefühlt und das böse ®e< wissen ihn zur Flucht getrieben hat. Ich bin heute zum Fürsten befohlen und werde nicht verfehlen, in dieser Sache ein wenig auf den Busch zu klopfen, fordere aber auch von dem Manne, der sich so Hel- denhaft durch die Welt hat schlagen müssen, ein wenig mehr kaltblütigen Muth gegen ein Phantom." „Heldenhaft durchgeschlagen", wiederholte Ulrich, bitter lachend, „welche Satyrs auf mein Jammerleben , auf meine vagabondenartige Heimkehr I — Sie wollen mich dernüthigen, Egon!" „Das glauben Sie selber nicht, mein armer 515 Freund I — Reden wir nicht weiter davon, denn was n^ch anbetrifft, so darf ich, das Schvoßk-.nd des Glücks, mit Ihnen mich nicht messen. Ich habe Ihnen einen Gruß von Ihrer Schwester Hsd- wiga zu überbringen." „ "Danke!" nickte Ulrich zerstreut, „weshalb kommt ste mcht selber zu mir?" „Weil sie in diesem Augenblick sich von der Fürstln verabschiedet, um eiligst in's Vaterhaus zurückzukehren." 8 „Unb weshalb? Ist Tante Irmgard kränker geworden?" „Ja, Tante Ulrike telegraphirte um schnellste Heimkehr." Ulrich sah den Freund nachdenklich an. „Es wäre gut, wenn auch ich dort wäre", sprach 5 "Sie glauben nicht, welche furchtbare Macht diese Mumie noch im letzten Augenblick ihres unheilvollen Lebens auszuüben im Stande ist. Es würde chr das Sterben sicherlich erleichtern, wenn sie vorher noch das Lebensgiück einiger Menschen zertrümmern könnte. - Und Tante Ulrike war ihr gegenüber stets ein schwaches nachgiebiges Kind." '-Sagen Sie lieber, sie war eine Heldin der Selbstaufopferung", bemerkte Egon. „Nein, sie war eine Verbrecherin gegen sich selber", beharrte Ulrich düster. „Tante Irmgard wird sicherlich Hedwigas Anwesenheit verlangt haben", fuhr er nach einer Pause fort, „natürlich, um ihr e>n Versprechen abzupieffen, das erregte Gefühl, dem Tode gegenüber, auszunutzm und mit dem triumphi. renden Bewußtsein zu sterben, noch im Grabe als eigentliche Gebieterin des Hause, Jmmendorf zu herrschen. Bah, mein lieber Doktor I sie kennt ganz genau di; Natur ihrer Pappenheimer und weiß, daß ein Eid gehalten wird, und daß sie schwören läßt, ist so sicher, wie meine Ohnmacht, dieses Bett jetzt gesund zu verlassen. ■ „Hedwiga schwört nicht", versetzte Egon mit einem tiefen Athemzuge. „Sind Sie dessen so sicher?" „So sicher, wie ich ihrer Liebe bin", rief der junge Gelehrte, ihm mit einem strahlenden Lächeln berde Hände entgegenstreckend, welche Ulrich mit festem Druck ergriff. „Ich wußte es", nickte der Kranke bewegt, „mein Freund, mein Bruder, ich segne Euren Herzensbund, als Haupi der Familie. — Und nun höre meinen Nath, folge Deiner Braut mit dem nächsten Zuge, und wache über Dein Glück. Du wirst meine Vollwacht mitnehmen, um als mein Siellvertrrtsr der Tante Ulrike zur Seite zu stehen. Verliere keine Zeit, mein Bruder, diese sterbende Mumie ist jetzt am gefährlichsten für die treuen Seelen, welche ihr so viel geopfert. Sie ist die verkörperte Selbstsucht, unfähig, die reine selbstlose Liebe der Schwester zu begreifen und in Vorurtheilen gänzlich verknöchert. Gch', schütze Dein Glück, daß sie es nicht mit dem letzten Athemzuge noch vergifte." Der so lange zurückgedämmte Haß des junge» Freiherr» gegen die grausame Schwester seine« Vaters brach sich jetzt gewaltsam Bahn. — Der Arme hatte zu viel unter ihrem verhängnißoollen Eiofluß gelitten, um noch einen Funken Theilnahme für sie empfinden zu können, Alles, was er bei ihrem An. denken empfand, war mit Haß durchtränkt. Egon bot seine ganze Beredtsamkeit auf, um shtl zu beruhigen und seine Schreckbilder zu dannen. „Hedwiga ruft mich, sobald ste meiner Hülfe bedarf", sagte er, „meine Gegenwart würde viel- leicht irgend eine Katastrophe beschleunigen, und neues Unheil heremfbeschwören. Vielleicht darfst Du den Allgütigen für diese Krankheit preisen, da Dir jedenfalls schwere Stunden erspart bleiben." „Aber Tante Ulrike würde an mir eine feste Stütze gesunden haben", wandte der Kranke unae- duldig ein. „Wer weiß, mein khemer Bruder! Dein ungestümer und unruhiger Sinn wären jedenfalls ebenso verhängnißvoll geworden, wie meine aufdringliche Gegenwart. Wir können nichts thun, als aurharren und der Liebe vertrauen." „Wen das Unheil niemals g-psckt, ahnt feine Nähe nicht", murmelte Ulrich, den Freund mitleidsvoll anblickend, „armer, vertrauender Bruder!" 24. Während Hedwiga von Jmmendorf mit dem Abendzuge heimwärts fuhr, war mit dem Morgenzuge ein junger, vornehmer Cavalier in X. eingetroffen und, von seinem Kammerdiener und einem Groom begleitet, nach dem ersten Hotel der Stadt gefahren. Hier hatte er sich als Graf von Rüdershausen aus Wien in's Fremdenbuch eingeschrieben, gut gefrühstückt, Toilette gemacht und auf 12 Uhr einen Wagen bestellen lassen. Der Graf machte den Eindruck eines blasirten Hofmannes. Das blaffe Gesicht mit dem rörhlichen Schnurr- und Backenbart war nicht häßlich, das Haar jedoch ein wenig dünn schon, und der unan- genehm stechende Blick durch ein Augenglas gemildert. Die Figur war schlank und elegant, die Haltung ziemlich nachlässig, besonders, wenn er sich unbeobachtet wähnte, es schien, als ob seine Stellung ihm einen unangenehmen Zwang auferlege. Er hatte dem Wein ziemlich stark zugesprochen und überließ es seinem gewandten Kammerdiener, ihn salonfähig zu machen. Dann stellte er sich vor den Spiegel, um eine letzte Musterung vorzunehmen, nickte sich selber wohlgefällig zu und erklärte, mit seinem äußern Menschen zufrieden zu sein. Der Groom meldete die Ankunft des Wagens, und sein Gebieter begab sich hinunter, um sich nach dem Freiherrlich Jmmendorfschen Hause fahren zu laffen. Graf Rüdershausen ließ den Groom klingeln und die gräfliche Karte abgeben. Der alte Johann warf einen Blick auf dieselbe 516 und fuhr entsetzt zurück, worauf er die verhängniß- volle Karte elligst zu Fräulein Ulrike brachte. Sie la» und erblaßte, — sollte sie den Grafen abweis en? — Oder — sandte Gott denselben, um den letzten Sonnenstrahl in die Nacht der Sterbenden zu senken? Ihr liebevolles Herz siegte, wie immer, über die mahnende Stimme der Vernunft. (Fortsetzung, folgt.) Graf Mikosz und Wszta, der Zigeuner. Humoreske von Trebor. (Fortsetzung.) , Der Lord und seine Tochter fanden beim Grasen Mikosz die glänzendste Aufnahme, und auch die Gräfin überbot sich, den Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. „Lieben Sie Zigainer-Musik?" fragte der Graf, „werd' ich lasien kommen aus Dorf, damit sie unten spielt im Pork." „Nein, nein, danke, Herr Graf," rief Lady Evelme hastig — „ich kann die Zigeuner nicht leiden, nicht sehen. Es ist ein schmutziges, diebisches Gesindel, welches auch England unsicher macht. Wir drüben zählen sie nicht zu den Menschen!" Diese letzten Worte machten auf Mikosz einen unangenehmen Eindruck; denn er hielt große Stücke auf Zigeunermusik. „Werd' ich mir merken I" sagte sich Mikosz im Stillen. Einige Tage später — die Damen waren nach einem benachbarten Gute abgeholt worden, da schlenderte Graf Mikosz, seine kurze Pfeife im Munde, längs der Parkumzäunung. Plötzlich hörte er den Klang einer Fiedel und schwermüthigen Gesang dazu. Er blieb stehen und horchte: unten im Graben auf der Außenseite des Parks, saß Piszta, der Zigeuner und spielte Geige und sang dazu: „Jaj, jaj, jaj, de fay.*) Szivem, szivem fay! Ich, ich bin Zigeuner, und sie, sie ist eine große gnädige Kissaszony und wohnt im schönen Schloß vom gnädigen Herrn Graf Mikosz. Isst sie olle Toge Guillasz mit Paprika! Jaj, jaj, jaj! Szivem fay! Thut orme Zigainer Herz so weh!_ Jaj, jaj, jaj! Ich bin Zigainer und heiß ich Piszta; und ess' ich alle Tage Speck mit Paprika! Jaj, jaj, jaj! Speck schmeckt gut, ober Kuss von ollergnädigste Fräulein im Schloß muß schmecken noch viel besser. Jaj, jaj, jaj! „Betyar elendiger", platzte jetzt hervortretend der Graf heraus, „wie konnst Du Dich unterstehn so hoch hinauf zu sehn, so hoch wie Stefansthurm in Wien! Ja, noch höher. Weißt Du nicht, wer Du bist?" „Ja, gnädigster Herr," erwiderte Piszta demüthig seinen Rücken krümmend, „bin ich Zigainer, ganz elendiger!" *) Der Zigeuner machte sich seinen Text aus dem Stegreif. Guillas mit Paprika bedeutet bei ihm den höchsten Ausdruck der Begeisterung. „Bist Du ein Mensch oder ein Thier?" „Ich — glaub ich, — bin ich Mensch" — aber ängstlich, schon zu viel riskirt zu haben, setzte er hinzu: „wenn aber gnädigster Herr befehlen, so bin ich Viech!" „Hm, hm! Gesollt Dir wohl die junge Dame, wos ist bei Graf Mikosz auf Besuch? He?" „Wenn gnädigster Herr erlauben — no ja!" „Wo hast Du sie denn so genau gesehn?" „Hob' ich gesehn, wie Mutter Andulesa hot ihr wohrgesogt auf Landstraße." „So? Na möchtst Du sehen noch einmal, Piszta? Gonz in Nähe? Möchtst Du sitzen neben ihr? Möchtst Du ihr küssen ihre Hand?" „Gnädiger Herr machen Spaß? Schmutziger elendiger Zigainer soll sitzen neben eine Dame, Dame so hoch wie Stefansthurm?" „Wirst Du sitzen neben ihr — wenn Graf Mikosz sagt, wirst Du — so wirst Du! Ich befehle Dir, Dich heute Nochmittag beim Schloßverwalter zu melden. Ober wirst Du zu niemand etwas sprechen — sonst giebt es onständige Fünfundzwanzig!" Ü- „Maine Domen, es frait mich, Ihnen angenehme Mittheilung mochen zu können, doss auf Schloss ein hochachtborer Besuch gekommen ist: der Herr Baron Szent Fehervar aus dem Csongrader Comitat. Ein Cavalier vom Scheitel zu Stiefelobsotz. Spricht ollerdings nicht daitsch, auch nicht englisch und französisch, ober werde ich dolmetscher und die Conversation schon in Flüssigkeit erholten." „Du hast mir nie etwas erzählt, lieber Mikosz, von einem Baron Szent Fehervar. Ich bin begierig, seine Bekanntschaft zu machen", sagte die Gräfin Mikosz. „Auch ich sterbe vor Ungeduld", sagte die junge Lady scherzend, „einmal einen Stock-Magyaren von Angesicht zu Angesicht zu sehen und werde alle mimischen Künste in Anwendung bringen, mich ihm verständlich zu machen." Die sechste Stunde, Dinerzeit, rückte heran, die Flügelthüren des eleganten Speisesaals öffneten sich und der Kammerdiener anoncirte feierlichst: „Szent Fehervar Baro Nagyszagos ur!" Herein trat in etwas gezwungener steifer Haltung eine auffallend schöne, tiefbrünette Männergestalt im prächtigsten ungarischen, so außerordentlich kleidsamen Magnatencostüme. Beim Kammerdiener vorüberschreitend, machte er diesem eine tiefe Verbeugung. Der Graf ging ihm lebhaft entgegen und führte ihn feiner Frau, der Lady und dem Lord, die Herrschaften vorstellend, zu. Der Baron erfaßte fodann die beiden Hände der jungen Lady und drückte dieselben mit solcher Kraft und Inbrunst an seine Lippen, daß sich ihr ein leiser Schmerzenslaut entrang. „Sonderbare Manieren I" sagten sich die Damen — aber Graf Mikosz, welcher in ihren Mienen zu lesen schien, sagte leise: „Macht man so in Csongrader Comitat, is dort so Mode!" (Schluß folgt.) Redaktion: A. Schcqda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.