(Gießener IsamilienbMer. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. »«, i. '■>■»■■1 11 "■■■»■'i ■' iii irrna i«■ ■ namu*»MaBMim'nwrwinowwm«»wa. 5ir> HZ Samstag dm 29. September. 1888» Im Kaufe Jmmendorf. Original-Roman von Emilio Heinrichs. (Fortsetzung.) Dergleichen lieh sich vorsussehen, der Bursche soll seinen Rüffel haben, so wahr ich — na, was will denn der junge Mann von mir? unterbrach er sich, befremdet an seine Unisormmütze greifend, um den tiefen Gruß eines sich ihm nähernden gutgrfleibeten jungen Mannes Zu erwieder». Er blieb stehen, während Ulrich langsam wsiterschlenderte. „Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit, Herr Majori" begann der Fremde in unterwürfigem Tone, während seine Augen verstohlen dem jungen Freiherrn folgten; „Sie erkennen mich sicherlich nicht wieder." „Doch, doch", nickte der Major, ihn scharf anblickend, „habe, glaub' ich, gestern Abend Ihre mir ziemlich unliebsame Bekanntschaft gemacht, wie?" , LrUrer ja, Herr Major I — ich bin in der That jener Drtectiv, dessen Eifer über's Ziel hinaurge- schossen und der soeben sich zu Ihnen begeben wollte, um Ihrs, wie Ihre» Herrn Neffen V-rgebung |u erbitten." „Ah so, wie steht's dann mit dem gegebenen Ehseawort?" versetzte Tellkamp scharf, „man verschwendet solche Schätze nicht gern, und muß ich schon deshalb Ihrem obersten Vorgesetzten Anzeige davon erstatten." „Ich bitte, das Ehrenwort als nicht gegeben zu betrachten, Herr Major!" sprach der Detectio in bittendem Tone, „nehmen Sie gütigst Rücksicht auf meinen ebenso gefährlichen als verantwortlichen Posten und auf dis Thatsach« des begangenen Verbrechens Als Militär, als Officier —" „Schon gut", unterbrach ihn der Major ziemlich barsch, „ich weiß Pflichteifer zu schätzen, erinnere Sie aber, daß blinder Eifer allemal zu schaden pflegt. Für diesmal sei es Ihnen vergeben, seien Sie in Zukunft vorsichtiger. — Apropos", wandt« er sich wieder, als der Detectivs sich dankend entfernen wollte, „ist das Opfer tobt oder nur verwundet worden?" „Der arme Kerl lebt noch, wird aber wohl schwerlich zu retten sein." „Hat er selber denn keine Ahnung von der Identität de» Mörders?" „Er ist leid«, wie ich vernommen, noch nicht zum Bewußtsein gelangt." „Kennt man ihn?" „Nein, er scheint ein Fremder, doch von guter Herkunft zu sein." „Mysteriöse Geschichte!" rief der Major kopfschüttelnd, griff an seine Mütze und folgte eiligst seinem Begleiter. Thorsen wandte sich ebenfalls, um denselben Weg etwas langsamer zu verfolgen. Finster, mit zusam- mengepreßten Lippen, blickte er dem Major nach und murmelte eine Verwünschung in den Bart. Er war in seinem Innern fest überzeugt, daß derselbe mehr von dem Verbrecher wisse und ein Complott denselben gerettet habe. „Es ist noch nicht aller Tags Abend", dachte er ingrimmig, „wer es auch immer sei —" Er unterbrach seinen Gedankrngang und nahm sich einen Mann auf'» Korn, der salutirend an dem Major vorübrreilte. Der hastige Gang, sowie der Sammibeutel unter dem rechten Arm kennzeichneten ihn als Barbier. „Guten Morgen, Herr Semmel!" rief Thorsen ihm cordtal entgegen. „Morgen, morgen!" versetzt« der Barbier, ein langer, hagerer Mann, der fortwährend mit sich selber sprach, „keine Minute Aufenthalt, mein Bester I — kommen morgen erst an die Reihe." „Ach was, eine kleine Neuigkeit werden Sie wohl für mich übrig haben, besonders wo, wie bei uns beiden, eins Hand die andere wäscht. Nein? — Nichts von Belang?" „Nicht so hitzig, nicht so hitzig", rief Semmel mit seiner gewohnten Redensart, kraft welcher er eine stereotype Stadtfigur geworden, „ich hab' wahrhaftig nichts Besonderes für Sie, Herr Thorsen! — Aber halt, o, o, nicht so hitzig, — schauen Sie gefälligst zur Linken, nun gerade au», sehen Sie dort den bärtigen Herrn, der vom Major Tellkamp jetzt begrüßt wird? — Ein Aristokrat vom reinsten Wasser, wie, mein Bester?" „Meinetwegen, was geht mich das an?", rief Thorsen mit scheinbarer Ungeduld. „Nicht so hitzig, nicht so hitzig, lieber Herr! — Das betrifft etwas Nagelneues, die Heimkehr des verlorenen Sohne». He, he, hs, man wird im Hause Jmmendorf ihm zu Ehren sicherlich eia Kalb schlachten, i weil er als vornehmer Herr und nicht wie der ver- f lorene Sohn im Evangelium heimkehrt." „Was, der Herr dort an der Seite des Major» ; wäre der verschollene Jmmendorf?" fragte der De« teetiv überrascht. Der Barbier nickte lebhaft. „Er ist er, so wahr ich Semmel h aße, ein echtetz 462 I verg des für fpro Ma ihm der mir offe bau und Ja, ich unt stal „bo der Go der bei thr los ne: r»i Jmmenborf, ganz wie der Großvater, den ich gekannt , war freilich noch recht klein, aber sehe ihn noch vor mir, den alten Herrn, — fo vornehm und hochmüthig auf Alle» herabblickend, - während der Vater aus der Art fchlug, eine Bürgerliche heirathete, weil er Geld brauchte, na, wissen wohl, nicht fo hitzig, nicht fo hitzig. Guten Morgen!" 5 Herr Semmel schoß wie ein Pfeil davon , wäh. rend Thorsen nun ebenfalls seine Schrrtte beschleunigte, um die beiden Herren zu Überholen, welche langsam dahinschlenderten. Es gelang ihm noch insofern, als er beide in das Jmmendorf'sche Haus treten und damit des Barbiers Behauptung bewahrheitet sah. Wie gebannt blieb der Deteetiv stehen, unverwandt nach dem srriherrlichen Hause schauend. Dann schritt er eilig nach feiner Wohnung, um unbeobachtet und ungestört sich feinen Gedanken hinzugeben. „Da hätten wir also die Bescheerung", murmelte er, unruhig in feiner Stube auf- und abschreitend, „ganz, w'e ich'« mir gedacht. Der Vogel hat sich in'» Vaterhaus geflüchtet und hier die nöthige Unter- stützung gefunden. Natürlich, sie werden doch das eigene Blut nicht hinaurtreiben oder dem Gesetze überliefern. Es reiht sich Glied an Glied zur genauen Kette und doch bin ich ohnmächtig, weil der Beweis mir fehlt, der Vogel meiner Hand entschlüpft ist. Eine unerhörte Mystification, wozu dieser ehrenhafte Major Tellkamp und sogar sein berühmter Neffe ihnen Beistand geliehen. Die Geschichte ist unglaublich, und darin ruht meine Ohnmacht. Man würde mich verspotten, aurlachen und schließlich für selben Augenblick das Stubenmädchen Life, welches in Folge der gestrigen Garten-Scene auf Johann» Rapport von ihrer Gebieterin entlasten worden, mit Sack und Pack das Haus verließ. Johann begriff sehr genau die Bedeutung dieser Zusammentreffens und was für feinen jungen Herrn dabei auf dem Spiele stand, obwohl er vor Ingrimm dis Ver- rätherin hätte ohrfeigen und wie ein räudiges Thier hinausstoßen mögen. Gefahr für einen Jmmendorf von einer solchen Kreatur! — Es gab dem alten Diener, besten Dasein mit de» Hause» Ehre eng verwachsen war, einen Stich in'r Herz. Lise stand bei der Hauethür, um ihren Koffer von einem Arbeitsmann fortbringen zu lasten und demselben jetzt mit einer großen gefüllten Tasche belastet zu folgen. Neugierig und erstaunt blickte sie den beiden Herren nach, die von Johann angemeldet wurden und sprach halblaut für sich: „Dar also ist der junge Herr, von dem niemals geredet werden durfte, steht aber nicht aus wie ein verlorener Sohn, — hübsch, wunderhübsch, — jammerschade, daß er nun gerade fort muß." । „Na, was hat Sie hier noch herumzukuken, l Spionin!" rief der in diesem Augenblick zurückkeh- j rende Johann ihr zornig zu, „es hat sich ausspio- । nirt, verstanden? Marsch» hinaus!" I „Alter Windhund! Lahme Kreuzspinne!" hühnt- I Lise, „nur sachte, man braucht mich nicht hinaurzu- werfen, wa» ich weiß, das weiß ich und sollen Aw dere erfahren, die man nicht vor die Thür setzen kann. Schöne Wirthschaft, wo Alles polizeilich über- verrückt erklären." Er warf sich in die Ecke seines harten Kanapees und stützte finster den Kopf. „Und doch werde ich meine Ueberzeugung nicht «uthlos preisgeben", murmelte er nach einer Weile, sich energisch aufrichtrnd, „sondern mein Ziel unver- rückt im Auge behalten, vor allen Dingen aber mir Eintritt bei dem Verwundeten verschaffen." Er sann einige Minuten nach und nickte dann triumphirend. „So wird'» gehen, hüte Dich, mein seiner Freiherr, ich weiß, wer Du bist und erkenne Dich trotz der vortheilhaften Umwandlung, welche man Dir gegeben hat." auf mk der Bc mich, 1 „3 ständig Stimn meiner halb ' welche voll n f(C ängB „r Ulrike auf n nicht hinsü gäbe, Stan ii fprad auch II Nun ist h' S die f vrrm für ernt wacht wird —" Johann verlor seine Selbstbeherrschung, mit einem Ruck befand sich Lise mit ihrer Tasche aus der Straße, die geballte Faust drohend gegen die verschloffene Thür hebend. Grollend und auf Rache sinnend eilte sie dann fort. Johann hatte vorhin seiner Instruction gemäß die beiden Herren in das Conserenz-Zimmer gefühlt, wo Ulrike dieselben empfangen. Sie ohne Weitere» bei Irmgard anzumelden, war nicht für rathsam gehalten worden, sondern eine andere Taktil von Ulm vorgeschlagen, wonach diese an den guten Baron von Lerchenheim einige Zeilen mit der Bitte gerichtet, fie um diese Stunde zu besuchen, da sie etwa» Wichtiges mit ihm zu bereden habe. Er hatte zuge- sagt und mußte, da er äußerst pünktlich war, in wenigen Minuten eintreffen. „Richtig, da ist er schon", sagte Ulrike, als d - Hausklingel erscholl, „treten sie beide dort in s Cam- net, ich möchte erst mit ihm allein reden." i „Guten Morgen, gnädiges Fräulein!" räurperte ; sich der Baron, in'« Conferenz-Zimmer tretend, uns i die ihm dargebotene Hand ehrerbietig an die Lippe« i ziehend. „ , . ' \ „Guten Morgen, lieber Baron! Ich danke ! Ihnen für Ihr pünktliches Erscheinen. Setzen Sie i sich. Ich habe etwa» auf dem Herzen, eine Sorge, ! welche nur Sie mir erleichtern können." „Sie machen mich durch ein solches Vertraue« 13. Mittlerweile hatte sich eine andere Scene Im Freiherrlich Jmmendorf'schen Hause entwickelt. Als der Major die Klingel gezogen, der alte Johann die schwere Hausthür geöffnet hatte, da war e» in der That erstaunlich anzusehen, wie der treue Diener seine schwere Rolle dem heimkehrenden Sohn und jetzigen Oberhaupt der Familie gegenüber durchzuführen verstand. Allerdings war die überströmende Freude, mit welcher er seinen jungen Herrn begrüßte, ganz natürlich auf Rechnung seiner gelungenen Rettung zu setzen und deshalb von Herzen kommend, wa» auch um so bester war, al» in diesem 463 ist heimgekehrt." , I Der alte Herr starrte fie erschreckt an, er kannte I die Familiengeschichte dieses Hauses ganz genau und vermochte die Tragweite dieser kurzen Mittheilung I für die kranke Irmgard deshalb sehr wohl zu | ermrffen. , , , . I „Herr Ulrich", stotterte er verwirrt, „ja so, ich 1 vergaß, er ist jetzt der einzige männliche Vertreler de» glorreichen Namens, das Familien-Oberhaupt, — hm, hm, gewiß ein sehr erfreuliches Ereigniß | für Sie, meine Gnädige!" _ H I „Und hoffentlich auch für meine Schwester", ! sprach Ulrike ruhig, „mein Neffe ist als gereifter I Mann heimgekehrt, würdig seines Namens und des I ihm zustehenden Ranger." I „Gewiß, gewiß, wer möchte daran zweifeln", rief der Baron, sie herzlich anblickend, „Herr Ulrich war j mir stet« sympathisch, weil er mir immer wahr und offen erschien. Ich habe ihn oft im Stillen be, dauert, wenn er die Bücher am liebsten fortgeworfen und sich auf das wildeste Roß geschwungen hätte. Ja, ja, ee ist schwer an ihm gesündigt worden, — l ich freue mich wirklich auf seinen Anblick — ach", unterbrach er sich überrascht, als Ulrich'» hohe Gestalt auf der Schwelle de» Cabinet« sichtbar wurde, „das ist er, der echte Jmmendorf, als ob er aus dem Rahmen eine» seiner gemalten Vorfahren träte. Gott zum Gruß, Freiherr Ulrich!" Dieser streckte ihm beide Hände entgegen, welche der Baron gerührt ergriff. „Alter, ehrlicher Lerchenheim!" sprach Ulrich, ihn bewegt anblickend, „treuer Toggenburg, wie wohl thut'r dem Herzen, da« draußen in der erbarmungslosen Fremde jeglichen Glauben an Menschenwerth verloren, drheim die alte Liebe und Treue wieder- zufiaden." $ Wie vernichtet sank Ulrike in einen Sessel nieder und bedeckte da« todtenbleiche Gesicht mit beiden Händen, während der Major jetzt schweigend auf sie hinblickte, ohne eine Spur von Reue zu zeigen. 9 Der Baron sah hülf-suchend auf Ulrich, der sich achselzuckend den Bart strich und dann dem Maior Me „Brav^das heiß' ich wie ein Mann gesprochen", sprach er laut und ernst, „wenn ich die Treue de» guten Barons vorhin anerkannte, so durften Sie diekes Leb nicht auf sich beziehen, Herr Maior, da ich eine solche Ausdauer, welche zwei Menschen um das schönste Glück der Jugend betrügt. als uuwür, dige Schwäche verdamme, aber nicht mit dem hertt- gen Wort .Treue" maskire. Gott sei Dank, Tante Ulrike, daß auch dir Sonne ihre Fleckm, die erhabenste Tugend ihre Fehler besitzt, wie vermögen wir sündige Menschenkinder denn sonst vor der Welt und dereinst vor Gott zu bestehen." „Spotte nicht mit heiligen Dingen, Ulrichs, sprach Ulrike, die ihre Selbstbeherrschung wkder erlangt, | sich jetzt rasch erhebend, „und merke Dir , daß ich niemals mit Tugenden mich gebrüstet habe, welche I ich nicht besitze, — daß es aber eine sittliche Schranke giebt, welche ich Pflichtgefühl nenne, eine Schranke, I welche Du nie sonderlich respectirt hast. 34 b-daure, daß unsere Unterredung auf ein derartiges Feld sich i verirrt, auf eine terra incognita, die Sie, «err | Major, vor Allen hätten meiden sollen." I „O, zürnen Sie ihm nicht, Fräulein Uaike! | bat der Baron, auf den diese kleine Scene einen peinlichen Eindruck gemacht zu hoben schien. „Der I Major hätte seine heiligsten Empfindungen sicherlich | niemals vor fremden Ohrenprofanirt 'hierabsr wähnte er sich gleichsam im Schooß der Familie, da | ich in der Thal die Kühnheit habe, mich al» Mit- [ giied derselben zu betrachten." (Forts, solgt.) Ei«- schwachen Kräfte sehr glücklich", versetzte i Ä Baron, sichtlich erfreut, „verfügen Sie über | E'M Mi^,"ttrber yarcn, daß ich Ihnen voll- | ftänblfl vertrauen kann", begann Ulrike mit gedämpfter I Stimme „da Sie der einzige Freund sind, welcher m ne? armen Schwester treu geblieben. Eben des- Lb darf ich in Ihre Hand eine Mission legen, welche für Irmgard'« zarte Constitution verhängniß- I erschrecken mich", stotterte der Baron, sie ängstüch ^blickend^^ ^^^ckliches", beruhigte ihn Ulrike, „vielmehr ein freudige« Ereigniß, das aber auf meine Schwester zu aufregend werken kann, wenn nicht eine sanfte Stimme sie nach und nach darauf binsührt. Ich fühle mich ohnmächtig zu dieser Aufgabe, welche nur Sie, lieber Baron, zu lösen im ^^Sagen Sie mir Alles, Freisräulein Ulrike!" sprach der Baron mit feierlichem Emste, „was es auch sei, ich werde mich der Aufgabe unterziehen." „Ich wußte es, Sie sind ein edler Mensch. Mn denn, so hören Sie, Baron, unser Nche Ulrich ,.O, reden Sie nicht so, mein lieber, jmger Freund", versetzte der Baron verlegen, „wie könnte die Menschheit wohl ohne Liebe und Treue bestehen ? Ich bin ein Dutzendmensch, der wenig Verdienste hat und nur ein ganz passives Dasein vegetrrt. Da» Freifräulein Ulrike macht eine Ausnahme in der Menschheit. ja, ja, dem stimme ich von ganzem Herzen bei." v „Ich ebenfalls", rief Major Tsllk rmp, in s Zim- mer tretend, „guten Morgen, Herr Baron!" „Guten Morgen, Herr Major!" Mette der gute Lsrchenheim, welcher durch fernen plötznchen Anbuck auf'» Neue aus der Fassung gerathen, verwirrt, „Sre kommen ja gerade wie auf ein Stichwort." I , Nun freilich, das war's ja auch für mich , lächelte Tellkamp, auf Ulrike blickend, die jetzt eben- falls eia wenig aus der Fassung gerieth, ,4ah, lieber | Baron, Sie und ich sind beide zur Rolls des Toggenburg verurtheilt, — schauen Sie nicht so streng darein, Ulrike! - ich schäme mich der Komödie unter Freunden. Der Baron darf seine Treue ohne Maste zeigen, während ich den Altar meines Herzens wie | xiven Schimpf mit dem Etz der Gleichgültigkeit um- Mütterliche Sünden.*) Von Dr. John Sehlke. (Schluß.) Leider giebt es eine ziemlich große Anzahl von Fällen, in denen die Mutter ihr Kind nicht ernähren kann, nicht nähren darf. Für die Entscheidung hierüber ist allein das Urtheil eines tüchtigen, gewissenhaften Arztes maßgebend: und doch giebt es Mütter, welche sich dieser selbstverständlichsten und höchsten Pflicht unter nichtigen Vorwänden zu entziehen suchen. Damit stellen sie sich freiwillig noch unter das Thier, geben nicht nur ihre Mutterwürde, sondern auch ihr besseres Menschenthum auf. Ist die Mutter aber wirklich außer Stande, das Kind zu nähren, und ist der nächstliegende Ersatz durch eine Amme aus irgend welchen Gründen nicht zu beschaffen, dann bleibt nur noch die thierische Milch übrig, besonders die der Muttermilch ziemlich nahestehende Kuhmilch. — Die noch unter den klugen, alten Frauen — wir meinen damit natürlich immer nur jene prosessionsmäßigen Verbreiterinnen von Hausmittelchen, Sym- pathiemitteln und ähnlichen gleichwerthigen Sachen; wir haben Achtung vor Frauen, Hochachtung vor erfahrenen alten Damen, und höchste Achtung vor gescheidten Greisinnen — also, die früher so beliebten Beruhigungsmittel der kleinen Schreihälse, Zumpel oder Lutschbeutel genannt, sind ja wohl jetzt endlich auf den Aussterbeetat gesetzt. Abgesehen von der großen Unsauberkeit waren ja diese Lappen ein wahres Brutnest für alle möglichen, schädlichen Pilze; fast immer brachten sie den Kindern die sogenannten „Schwämmchen" im Munde, den Soor. Wo bei „Flaschenkindern" der Soor auftritt, ist er immer eine Quittung über Unsauberkeit der Pflegerinnen. Denn die Milchflasche wie der Gummipfropfen rc. müssen nach jedesmaligem Gebrauche nicht nur ausgespühlt sondern ausgebrüht werden, und müssen stets im Wasser, besser unter Wasser, liegend aufbewahrt werden. Brod, auch Zwieback und Kartoffeln sind im ersten Lebensjahre Gift, sie bringen den Kindern die „Englische Krankheit"; Zuckerwasser, Salep und ähnliches Zeug sind schädlich, Wein, Ger, Bouillon mindestens überflüssig, wenigstens für jedes gesunde Kind, für kranke bestimmt der Arzt die Diät. Für jedes Kind bis zu einem Jahre genügt einzig und allein die Milch völlig zum Auf- und Ausbau des Organismus. — Noch einen alten, in Poesie und Prosa tausendmal verherrlichten Bestandtheil, das Hauptmöbel der Kinderstube, müssen wir jetzt in Acht und Bann thun, wir meinen die Wiege. Wenn man einem vernünftigen Menschen, welcher nicht einschlasen kann, rathen wollte, er soll sich solange hin- und herschaukeln lassen, bis ihm gründlich der Kopf dreht, bis er ganz betäubt ist, dann würde *) In voriger Nr. des Familienblattes ist auf der ersten Spalte der letzten Seite, 11. Zeile von unten, ein Fehler unterlaufen, es muß dort heißen vierzig Grad (Rsaumur) anstatt vierzehn Grad. 464 er wohl mit vielem Recht den Rathspender für unzurechnungsfähig erklären. Wenn Jemand behauptet, daß das Schaukeln in der Wiege auf die Dauer das kindliche Gehirn schädlich beeinflussen müsse, daß die Verdauungsstörungen bei „Wiegen-Kindern" eben von dem Wiegen herrühren, dann bestreiten das sämmtliche Wickelfrauen, pensionirte Hebammen und sonstige competente Persönlichkeiten. Damit beweisen sie nur das Eine, daß das Wiegen dumm macht; die Leute sind gewiß bis zu ihrem dritten Jahre gewiegt worden. Da ist denn doch jene unlängst gerichtlich bestrafte Kindsmagd noch praktischer gewesen; zu faul, um das Kind „einzuwiegen", hat sie ihrem Pflegebefohlenen einfach Opium in die Milch gegossen. Das hilft noch viel sicherer und schadet auf die Dauer auch nicht viel mehr. Was die Kleidung der Säuglinge betrifft, so sind sich viele, sehr viele junge Mütter darüber vollständig einig, daß so ein Kind ein Spielzeug ist, eine Puppe, leider oft eine Schreipuppe, die man möglichst hübsch anputzen muß, um auf der Straße damit Staat zu machen. Daß die Kleidung vor allen Dingen zweckentsprechend, das heißt, unter Berücksichtigung der Jahreszeit, immer möglichst luftig sein muß, das kommt wenig in Betracht. Dicke, womöglich ringsherum anliegende Mützchen stören das Wachsthum der Schädelknochen und somit des Gehirns, bewirken Dummheit, Idiotismus, Cretinis- mus. Weiße Schleier sehen sehr schön aus, blenden aber und quälen das Kind; sie bewirken stets und ständig Augenentzündungen, Augenschmerzen; Ausnahmen von dieser Regel giebt es nicht. Die allein zweckmäßigen Schleier sind die grünen; rothe sind nur für erwachsene junge Damen, welche durchaus gern entzündete Augenlider haben möchten. — Kleinen Kindern feste Schuhe anzuziehen, mag für chinesische Sitten und Gebräuche passen. Zahnhalzbänder, welche das Zahnen erleichtern sollen, sind ebenso nützlich als praktisch — — — für den Erfinder und Verkäufer ; den Kindern nützen sie absolut nichts. Dagegen sind die rothen Bändchen, welche von klugen Müttern den Kleinen um den Arm gebunden werden, um den „bösen Blick" unschädlich zu machen, durchaus zweckentsprechend. Denn jeder Begegnende wird sofort denken: „Ach, das arme Kind ist doch recht zu bedauern, weil es eine so thörichte und abergläubische Mutter hat". — Ohrlöcher müssen möglich frühzeitig gestochen werden, möglichst auch gleichzeitig eist Loch durch die Nasenscheidewand, denn man kann ja nicht wissen, ob es nicht nächstens Mode werden wird, Nasenringe zu tragen, wie die Neger und andere Wilde. Ganz gewöhnlich sieht man, daß ganz kleine Kinder dauernd auf einem Arme getragen werden. Das ist für die noch schwache Wirbelsäule außerordentlich schädlich, die Kinder werden schief, ja oft buckelig. Stets müssen die Kleinen mit beiden Armen, also liegend, gehalten werden, bis sie sich ganz selbstständig aufrichten können und zu laufen versuchen. Aber, § 11! Es wird fortgesündigt! Redaktion r A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen.