Hichener Mmilienblätier. Belletristisches Beiblattsum Gießener Anzeiger. 75 Donnerstag bett 28. Juni.1888. Der Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. I (Fortsetzung.) Vierundzwanzigstes Kapitel. Eine glaubwürdige Geschichte. In einem Hdtien, hübsch ausgestatteten Raume j des Gasthofes, in dem Hefter ab gestiegen war, fand - Lowder am flackernden Feuer ein Bild von wunder- i barer Lieblichkeit. Eine junge Mutter mit von Liebs \ und Seligkeit verklärtem Gesicht hielt auf ihrem; Schooße einen fröhlich lächelnden Knaben. Das Oeffnen der Thür schreckte die junge Mut- s ter auf, fie stieb einen leichten Freudenschrei aus \ und eilte, das Kind in ihre Arme nehmend, mit ? glückselig strahlender Miene auf Lowber zu. Sie s legte ihren Kopf an seine Brust. Lowder schlang ; seinen Arm um ihren Leib und berührte ihre Stirn - kalt mit seinen Lippen. Es fehlte sowohl dieser Liebkosung als seinem ? ganzen Benehmen so sehr jede liebevolle Zärtlichkeit, | daß das Herz der jungen Frau eisig davon berührt i wurde. ,,Freust Du Dich nicht, mich zu sehen, Jasper?" « fragte sie mit einem traurig bittenden Blick. „Sei nicht thöricht, Hefter", entgegnete Lowder [ kalt. „Liebkosungen eignen sich sehr gut für Flitter- i wochen, aber das Leben ist zu ernsthaft, um nach - dieser Zeit sich noch solchen Thorheiten zu überlassen." ! Die Lippen der armen Frau zuckten. Die Röthe s wich aus ihrem Gesichte, und sie zitterte, als ob | man ihr einen Schlag versetzt hätte. „Aber ich — ich habe Dich so lange nicht ge- s sehen, mein Liebling", sagte sie bittend. „Ich hielt | Dich für tobt, Jaiper, und habe so sehr um Dich : getrauert. Das ganze Licht war aus meinem Leben l gewichen. Und jetzt bin ich so froh und glücklich, 1 daß meine Seele schier vor Freude überströmt." „Das ist natürlich", sagte Lowder. „Aber Du \ mußt jetzt vernünftig sein." Die Lippen der jungen Frau zuckten schmerzlich, t „Ich habe Dich so lieb wie immer", erklärte ; Lowder; „aber man kann nicht immer von Liebe; sprechen. Es gtebt Dinge im Leben, die noch wich- ; tiger sind als die Liebe." Sein kalter Ton berührte die empfindsame Seele * der jungen Frau schmerzlich. Sie erzwang indeß ein ! Lächeln und sagte: „Jasper, Du hast das Kind noch gar nicht angesehen. Ist es nicht wunderschön?" i Lowder wandte seine Blicke seinem Söhnchen zu. Der muntere, kugelrunde, kleine Knabe mit seinem blühendfrischen Gesichtchen, den Grübchen in Kinn und Wangen, einem schelmischen Lächeln und großen, blauen Augen jauchzte ihm laut zu und streckte seinem Vater die weißen, runden Händchen entgegen. Lowder nahm das Kind aus Hefter's Armen und trug cs zum Fenster. Vielleicht war es dar vertrauensvolle, kindliche Lächeln, vielleicht der heitere Blick der blauen, unschuldsvollen Augen, etwas rührte Lowder's Herz und erweckte den Jnstinct der Vaterliebe in ihm. Er preßte den Knaben an feine Brust und küßte die unfchuldsvolls, weiße Stirne und den mit blonden Locken bedeckten Kopf. „Mein Knabe!" sagte er leise, al« das kindliche Gesicht an seiner Brust lag, „mein armer Knabe!" Hefter sah Thränen in den Augen ihres Gatten. Die junge Frau trat näher auf ihn zu, umschlang ihn mit beiden Händen und schaute mit liebevoller Zärtlichkeit zu ihm auf. „Wie das Kind zu Dir verlangt", sagte sie in glücklichem Tone. „Sich' nur, wie lieb er Dich hat, Ja per I" Jasper Lowder schaute abwechselnd auf Weib und Kind; das eine mild und ruhig, mit einem sanften, aber festen Ausdruck in den Augen und der Gluth einer tiefen Liebe in allen Zügen, das andere blühend in holder, kindlicher Anmuth und Frische. Ein banges Wehegefühl durchzuckte fein Herz und eine seltene Aufregung bemächtigte sich seiner. Er gab den Knaben seiner Mutter zurück und ging mit aufgeregten Schritten im Zimmer auf und ab. Die Sehnsucht überkam ihn, seine falsche Stellung auszugeben und mit diesen Beiden in irgend ein fernes Land fortzugehen, wo er für sie arbeiten und sich einen ehrenhaften Namm erwerben könnte.!UWW^ Dieser Augenblick war der Wendepunkt in Lowder's Leben. Verstehend, daß ein Kampf in seiner Seele vorgehe, beobachtete ihn die Frau in schweigendem Gebete. Man hörte nicht» in dem Zimmer, als die raschen Tritte ins auf- und abgehenden jungen Mannes und die jauchzende Stimme des Kindes. „Hefter", sagte der Gatte endlich heiser. Es lag eine Zärtlichkeit in seinem Tone, welche die junge Frau freudig durchzuckte. „Ja, mein Theurer", antwortete sie liebevoll. „Was giebt es?" Lowder ging wieder einige Male durch's Zimmer, ohne zu antworten. , Ich kann es nicht thun", rief e» in ihm. „Ich 302 kann nicht Reichthum, einen großen Namen und Alle» aufgeben. Er ist unmöglich I Ich hasse dir Arm rth — die Ertbehrungen und die Arbeit. Ich würde Hefter und den Knaben in einer Woche verabscheuen, wenn ich für sie arbeiten müßte. Jh wurde zu einem Leben in Ueberflaß und Reichthum bestimmt. Jetzt, wo ich es erreicht Habs, kann ich cs nicht für ein thörichtes Gefühl aufgsben." Seine Züge begannen sich zu verhärten, ebenso auch sein Herz. „Wenn es ein Unrecht ist, daß ich Hefter und den Knaben verlasse", dachte er weiter, „so fällt es mir nicht zur Last, sondern meinem Vater. Er verließ mich in meiner Kindheit und gab mir nicht einmal seinen Namen. Ec lebt heute noch, ohne Zweifel reich und geehrt. Wenn wir einander je treffen, Herr Devereux — wird es keine angenehme Begeg- mung sein. Ich werde Euer verhaßtes Gesicht erkennen. In dem Elende, das ich über Hefter verhänge, habe ich eine weitere Anklage gegen Euch. W:nn mein Vater für mich gesorgt hätte, wäre Hefter eine glückliche Gattin geworden. Aber es ist zu spät — zu spät. Ich habe mich an die reizende, holoselige Blanche schon verschworen. Was liegt daran, ob ich noch etwas tiefer in den Pfuhl des Verbrechens versinke? Ich liebe Blanche Jrby, wie ich Hester Blees nie geliebt habe. Ich liebe Blanche und werde sie auch heirathen." Er preßte feine Lippen aufeinander. Sein Entschluß war gefaßt; die Würfel waren gefallen. Ec wollte Hester verlassen und die arme Blanche ver- rathen und so in seinem Ehrgeize und seinen Leidenschaften zwei unschuldige, weibliche Wesen opfern. Er wandte sich zu Hrster mit einrm Gesicht, vor dem sie zurückbebte, als ob sie unter seinen Zügen seine schuldbrladene, verlorene Seele sehen könnte. Sie faß auf einem Sopha und der Knabe jauchzte noch immer auf ihren Knieen. Lowder kam auf sie zu und kniete vor ihr auf dem Teppich nieder. „Jasper, bist Du krank?" fragte die junge Frau. „Du bist bleich wie der Tod —" „Ich bin nicht krank ', antwortete Lowder, „nur in tiefster Seele unglücklich! Hester, liebst Da mich?" „Ob ich Dich liebe, Jasper? Der Himmel weiß, daß ich mein Leben hingeben würde, um Dich glücklich zu machen, so sehr liebe ich Dich", sagte die arme Frau in leidenschaftlichem Tone. „Du wirft doch nicht an meiner Liebe zweifeln, mein Theurer?" „Nein, nein! Deine Liebe ist Alles, was mir geblieben ist, um mich darauf zu stützen, Hefter! Verzeih, was ich gesagt habe, als ich eintrat. Jh bin kummervoll und das macht mich mürrisch und unwirsch. Hester, ich habe Dir ein Geständniß zu machen." „Ein Geständniß?" wiederholte H'fter erschrocken. „Ja. Wenn Du es hörst, fürchte ich, daß Du aushören wirst, mich zu lieben —" „Nein, Theurer, ich werde Dich immer lieben", sagte die junge Frau. „Meine Liebe kann jeden Jcrthum, den Du begangen hast, entschuldigen. Sage mir nicht, Jrspsr, daß Du glaubst, irgend etwas könnte meine Liebe zu Dir erschüttern. Mein Ver- trauen in Dich ist vollkommen." „Aber ich maß es Dir doch sagen!" e k arte der Heuchler. „Meins Krankheit und meine Irrsinns- ansälle sind nuc Verstellung. Jh bin so gesund wie Du!" „O, Jasper, dem Himmel sei Drnk!" flüsterte die vertrauensselige Gattin. „Wie konnten die Tresst- lian's mich so täuschen? Der Sohn schrieb mir, daß Du todt wärst, der Vater sagte mir, Du lebest noch in Sicilien als Blödsinniger! Ich kann ihnen nicht verzeihen —" „Höre mich an, Hefter, ich habe noch mehr zu sagen; ich muß Dir eine sonderbare Geschichte erzählen! Ich litt Sch ffbruch an der sicilianischen Küste, wie Gay Tcessiltan Dir schrieb. Mein Kop? wurde an einen Felsen geschleudert und eine Woche war eg zweifelhaft, ob ich daoonkommen könnte! Am Tage nach dem Unfälle reifte Guy Tressilian nach England. „Und ließ Dich unter fremden Menschen krank und allein zrrück? Wie grausam! Du wärest nicht so herzlos gewesen, wenn da» Unglück ihn betroffen hätte, Jasper!" Lowder zuckte zusammen. „Sobald ich zur Besinnung gekommen und im Stande war, zu reisen — und das war erst vor wenigen Tagen, denn meine Kräfte kehrten sehr langsam zurück — ging ich nach England. Heute Morgen bin ich erst in der Nachbarschaft von Tressi- lian-Hof eingetroffrn. Weder Sir Arthur, noch sein Sohn wußten, daß ich in England sei! Ich ver- suchte, Guy Tressilian sprechen zu können, nachdem Du auf dem Hofe gewesen warst und ich Dich gesehen hatte, aber er war von seinem Spazierritte noch nicht zurück gekommen und meine Ungeduld, Dich und das Kmd zu sehen, verhinderten mich, ihn zu erwarten." „Aber ich sehe nicht ein, warum Du nicht gleich zu mir gekommen bist, anstatt zu dem Sohne diese» Baronets, der Dich in Deiner Krankheit dec Obhut Fremder überlassen hat, zu gehen, Jasper. Hier scheint irgend ein Gehnmniß zu Grunde zu liegen." „Du hast Recht. Ei liegt ein Gehelmniß zu Grunde und ich muß es Dir erklären. Wie soll ich es Dir nur sagen, Hefter? In dem Sturm in jener Schreckensnacht des Schiffdruches glaubte ich, daß Guy zu Grunds gehen werde — seltsamer Welse sürchtete ich für mich gar nichts. E; schien, als ob ich wüßte, daß ich lebend an's Land geworfen würde. Und al» der Sturm am heftigsten tobte, und Guy, von einem stürzenden Maste getroffen, besinnungslos am Boden lag, beraubte ich ihn." Hester unterbrach den Heuchler mit einem Schrei der B-stiirzung. „Es ist wahr! Es war eine feige, schändliche | Thal, abrr ich vollbrachte sie um Deines und des ? Kindes willen. Ich stahl fast fein ganzes Geld, \ nur einiges in einer Seltentasche entging meiner 303 Ausmerk amkeit — ich glaube, er hatte daselbst Wechsel, welche ich nicht zu berühren wagte. Kaum hatte ich mein Verbrechen vollbracht, al« ein Matrose feine Blicke auf mich heftete — er hatte den Raub mit' angeseyen. Im nächsten Augenblicke ging das Schiff unter. Wir wurden an'« Land geschleudert und von stcllianischen Bauern gerettet. Guy blieb bir am nächsten Morgen bei mir. Da er seine Wechsel in Sicherheit fand, glaubte er, daß er fein anderes Geld im Waffer verloren hatte. Er ließ mich in guten Händen zurück und eilte heimwärts, ohne >u ahnen, daß ich ihn beraubt hatte." „D, Jasper!" ächzte die unglückliche Frau, jedes Wort dieser Geschichte glaubend. „Es gelang dem Doktor, meine Wunden zu heilen und ich begann mich zu erholen. Niemand hatte meine gestohlenen Güter angetastet, aber der Matrose, welcher Zeuge gewesen war, als ich Guy beraubte, war gleichfalls an'« Land geworfen worden und schrieb die ganze Geschichte von dem Raube an Guy Tresstlian. Guy ist ein sehr guter Mensch, aber ge« recht wir die Nemesis. Ich eilte nach England, um ihm sein Geld zurückzugeben, ihn anzuflehen, Gnade mit mir zu hoben und mich nicht der Strafe zu überantworten, der ich mich ausgesetzt habe." „O, mein armer Gatte!" schluchzte Hefter, ihre Arme um seinen Nacken schlingend; mein armer, schuldbewußter, reuiger Gatte! Laß wich zu Herrn Tresstlian gehen I Laß mich bei ihm für Dich bitten I" „Nein, ich muß meine Schuld allein tragen. Deine Einmischung würde die Dinge nur verschlim- mein. Ich muß ihn in der Nähe von Tresstlian« Hof allein zu sprechen suchen." „Warum schreibst Du ihm nicht?" „Ich kann nicht so schreiben, wie ich mündlich bitten würde. Er ist möglich, daß er mir verzeiht, ja, giebt mir vielleicht eine andere Stellung. Aber wenn er mich so feige findet, daß ich ein Weib als Bittende für mich schicke, dann wird er mich nach ■bet vollen Härte des Gesetzes bestrafen!" Diese Geschichte war, wie der Leser, welcher den Verlauf unserer Erzählung verfolgt hat, wohl weiß, durchweg erfunden. Der arme Guy Tresstlian be« fand stch ja in Italien, in dem Schutze der edlen Olla Rymple, wo er der Gegenstand der habgierigen Pläne Jacopo Palestro's und seiner Frau war. Aber für Jemanden, der nicht wußte, daß Lowder selbst in Tresfiliar-Hof den jungen Erben vorstellte, war die Geschichte ganz glaubwürdig, und die arme Hefter ließ sich vollkommen von derselben täusch m. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich III. (Schluß.) Gern folgte er dabei im Jahre 1869 der an ihn ergangenen Einladung zur Eröffnung des Suezkanals. Gr war der erste Einblick in die Welt des Morgen« lande» mit dem geheimnißvollrn Zauber der Sagen und Poesie, Natur und Kunst, Romantik und Geschichte, wie ein duftiger Schleier über die Stätten ausgebreitet, an denen einst die Wieg; menschlicher Kultur und Gesittung gestanden. Nächst Aegypten wurde auch Griechenland, die Türkei, Syrien, Palästina auf der Reise berührt und von Jaffra aus der Stadt Jerusalem ein Besuch abgeftattet, den ein hervorragender Künstler der Zeit, Wilhelm Gentz, mit seinem Pinsel verewigt hat. So nahte da« Jahr 1870 mit seinen welterschütternden Ereignissen, welche den erlauchten Fürsten von Neuem auf den Schauplatz großer, epochemachender Ereignisse riefen und ihm in dem beginnenden blutigen Drama eine der einflußreichsten Rollen zuertheilte. Genau vier Jahre nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt Preußen« au« dem österreichischen Kriege, am 4. August 1870, wurde von der seiner Führung onvertrauten 3. Armee der erste schwere Schlag gegen Frankreich geführt, Weißenburg und der hinter diesem gelegene Gaisberg wurden erstürmt. Z oei Tage darauf erfolgte die Schlacht von Wörth. Des Kronprinzen eigenster Entscheidung war es zu danken, daß der Sieg bei Sedan im vollsten Sinne des Wortes ein deutscher, von allen in der Armee vertretenen Stämmen erfochtener geworden ist. Ihm war es überlassen, ob die 3. Armee die Schwenkung nach Norden mitmachen sollte. Ec entschied sich für ! ihr Zusammenwirken mit der Maar-Armee. Und wie er so die ihm anvertrautrn und mit Begeisterung an ihm hängenden süddeutschen Truppen zum Siege an der Seite dec norddeutschen führte, so hat feine ihn zur populären Gestalt nicht blos bei den süddeutschen Soldaten, sondern bei dem ganzen Volke Süddeutschlands machende ungezwungene, gewinnende Art, sich zu geben, nicht wenig dazu beigetragen, die alte trennende Kluft zwischen Süd und Nord endlich auch in den Herzen zu überbrücken. Als „unser Fritz" war er den Bayern und Schwaben gerade so lieb, wie den Märkern, Schlesiern und Pommern. Al« deutscher Kronprinz, als Feldmarschall kehrte Kcon« prinz Friedrich Wilhelm nach dem zur deutschen Reichr- haupistadt gewordenen Berlin zurück. Und nun folgte der Friede mit seinen Ecrungerr- schaften und die glückbestrahlte Rückkehr in'« Vaterland unter dem millionenstimmigen Jubel de« Volkes, der sich namentlich in Süddeutschlond auf die Person de« Kronprinzen des Deutschen Reichs, des Feldmarschalls Friedrich Wilhelm von Preußen concentrirte. Aber nach den Tagen des blutigen Ringens wandte sich der edle Erbe des Thrones mit verdoppelten Eifer den Künsten des Friedens, der Pflege der Wissenschaften, dem gesegneten Leben der Familie zu. Seiner Mitwirkung war namentl'ch die Inangriffnahme der Ausgrabungen zu O'ympra zu danken. Bei verschiedenen osficiellen G->legenhei!eu sungirte er theils als Begleiter des Küfers Wilhelm, theils als dessen Vertreter; in letzterer Beziehung 1873 bei Eröffnung der Wiener Weltausstellung und bei 304 seiner auf Einladung des Königs Oskar II. erfolgten Reife nach Schweden und Norwegen, wobei er die dänische Königrfamilie in Fredensborg besuchte, 1875 bei dem König Victor Emanuel in Neapel, 1878 bei dem Leichenbegängniß Victor Emanuel» in Rom, vom Juni bi» December als Leiter der Regierung;» geschäfte (nach dem Nobiling'schen Attentat), als welcher er am 10. Juni mit dem Papste Leo XIII. correspondirte, 1881 in Petersburg bei dem Leichen» begängniß des Kaisers Alexander II. von Rußland. Das Ende der Jahres 1883 brachte dem dama» ligen Kronprinzen die Mission, in Stellvertretung des Kaisers dem König Alfons von Spanien, der in f jenen Jahren an den Manövern in Homburg theil» i genommen, einen Gegebefuch zu machen. An den \ Besuch in Spanien knüpfte sich noch ein kurzer Besuch - bei König Humbert von Italien, dem der Kronprinz s persönlich seinen Dank für die gastfreie Aufnahme in Genua aussprechen wollte, und gelegentlich dieses Aufenthaltes in Rom ward auch Papst Leo XIII. von dem hohen Herrn aufgesucht. Dar Jahr 1884 brachte die Erneuerung des preußischen Staatrrathes. Durch königlichen Erlaß vom 11. Juni 1884 ward der Kronprinz zum Vorsitzenden deflelben ernannt und hielt am 25. October bei Eröffnung der Sitzungen eine dir allgemeinen und nächsten Zwecke der Be» rufung der Körperschaft hervorhebende Rede. Ja den letzten Leben; jähren Kaiser Wilhelms vermehrte sich die Zahl der Vertretungen der deut» l schen Kaisers. So vertrat er Nllerhöchstdenselben \ bet dem Leichenbegängniß des Königs Ludwig II. von I Baycrn, 19. Juni 1886, bei der Feier des Heidel, berger Universitäts-Jubiläums, 3. August desselben Jahres, bet mehreren Empfängen und Festlichkeiten, welche sich an die Straßburger Manöver anschlossen, ! und bei dem Besuch in Metz, 20. September. Von i Metz reiste er nach Ober-Italien, wo ein Theil seiner Familie stch aushielt, und machte dem italienischen König; paar in Monza einen Besuch. Als er bei dem Jubiläums. Festzugs der Königin Victoria im vorigen Jahre durch die Spaliere der zu dem Fest herbeigeströmten Zuschauer in seiner Kürassier-Uniform mit dem blitzenden Brufipanzer, den Marschallstab in der Rechten, schon ein Leidender, aber noch strahlend in männlicher Schönheit, dahin- ritt, da beugte sich huldigend ein ganzes Volk vor der ritterlichen Erscheinung und ein Jutelruf ohne Gleichen gab ihm auf dem ganzen Wege das Geleit. Eine Zeit banger Sorge ist seitdem vergangen in der Hoffnnng, es werde gelingen, mit der tückischen Gewalt der Krankheit Herr zu werden. Nun ist die stolze Eiche gefallen, nun ruht er, dem bi» zu dem letzten Jahre das Leben schön und sonnig verlaufen, in der stillen Gruft aus von Siegen und Ehren, von Glanz und Ruhm, von Hoffnungen und Entwürfen; — aber das Andenken an ihn strahlt in der Geschichte seine» Hauses und des preußischen und deutschen Volke», deffen Liebe und Verehrung ihm folgen über das Grab hinaus.' Vermischtes. Zu den hervorragenden Eigenschaften des verstorbenen Kaisers Friedrich, die ihm früh besondere Beliebtheit beim Volke und besonders auch beim gemeinen Manne in der Armee erwarben, ■ gehörte seine Leutseligkeit, die gern in glücklichster Weise jovial humoristischen Ausdruck suchte und fand. Viele Anekdoten, die dies erweisen, leben im Munde des Volkes und wir werden noch Gelegenheit haben, ' die eine und die andere dem Leser jetzt in's Gedächtniß zu rufen. In besonders liebenswürdiger Weise spiegelt diesen menschlich-schönen Zug seines Wesens die folgende kleine Geschichte, die wir gerade heute in der „Tgl. R." erzählt finden. In jüngeren Mannesjahren liebte es der damalige Kronprinz ganz plötzlich in der Schule seines Gutes Bornstedt zu erscheinen, in welcher die Kinder des Dorfes ohne Unterschied des Geschlechtes in die Kunst des Lesens und Schreibens eingeführt wurden. Eines Tages nun kam er wiederum ganz unerwartet und traf den Lehrer in großer Bestürzung und Verlegenheit, die derselbe vergebens vor dem Kronprinzen zu verbergen suchte. Der Aermste hatte wenige Minuten vorher die Nachricht erhalten, seine alte Mutter, eine Predigerwittwe in Schlesien, liege am Sterben, er möge eilends nach Hause kommen, doch konnte er die Schulstunden ohne Erlaubniß seiner Vorgesetzten natürlich nicht aussetzen. Als aber der Kronprinz darauf bestand, zu erfahren, welcher Kummer den Lehrer drückte und dieser tief? bewegt den voraussichtlichen großen Schmerz mittheilte, sagte der Fürst in freundlichem, theilnahmvollem Tone: „Fahren Sie sofort nach Hause, ich übernehme die Verantwortung und — die Schulstunden, eilen Sie und gebe Gott, daß Sie Ihre Mutter uoch lebend antreffen, ich weiß, was einem Sohne die Mutter ist." Und kaum hatte der Lehrer das Schulzimmer verlassen, als Kronprinz Friedrich den Säbel ab- schnallte und an Stelle des Lehrers den begonnenen Leseunterricht fortsetzte. Nach der Lesestuude hieß es: „Jetzt wollen wir Geographie treiben, holt mal den Globus her!" Die Kinder, an das leutselige Wesen ihrer Gutsherrschaft gewöhnt, waren keineswegs verschüchtert durch den neuen Lehrer und im Chor erhielt derselbe die Antwort: „Einen Globus haben wir nicht, der Lehrer nimmt immer den großen Gummiball da. Und richtig der „neue Herr Lehrer" nahm denn auch den großen Ball und führte so die kleine Schar in die schwierigen Geheimnisse der Erdkunde ein. Als aber der beurlaubte Lehrer nach wenigen Tagen zurückkehrte, strahlte ihm beim Eintritt in die Klasse ein — funkelnagelneuer Globus entgegen , ein Geschenk dessen, der ihn ersetzt hatte, während er zum Sterbebette seiner Mutter eilte. — Seitdem brauchen die Bornstedter nicht mehr an einem Gummiball Geographie zu lernen. Siebaction: A. Schcyda. — Druck und Vertag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Sirßcn.