ßnchener Familienblatter. Belletristisches Beiblatt mm Gießener Anzeiger. Dienstag dm 28° Februar. 1888. Nr. 25. Die verlorene Mißet. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung). Frau Behrens hatte ein hübsches Gesicht mit einem anziehend wohlwollenden Ausdruck, mit lustigen, vergnügten Augen und einem humorvollen Zug um den Mund. Ihre Korpulenz, ihre Bewegungen, ihre Sprache hatten etwas Gemüthliches, trotzdem machte sie in ihrem schwarzseidenen Kleide, ’ das sie beständig trug, und in ihrer weißen Spitzen- Haube einen beinahe vornehmen Eindruck. Sie war eine sehr kluge Frau, hakte ein gutes Gedächtniß, Sinn für Bildung, stets die Augen und Ohren offen für Alles, was sie sah und hörte, und hatte sich im Lauf der Zeit manche Kenntnisse angeeignet. Sie war beständig in d?r Familie, aß und trank mit ihr gemeinschaftlich, so wie keine fremde Person zugegen, und wußte sich, was die äußere Form betraf, sehr geschickt zu benehmen; sobald aber Besuch kam, stand sie sofort auf und entfernte sich. So innig und herzlich das Verhältniß zwischen Alexandra und ihrer Tochter auch war, in einzelnen Dingen hatte Frieda doch noch ein größeres Vertrauen zu ihrer -Mutter Behrens", wie sie sie nannte, als zu ihrer Mama. Frau Behrens erhob sich auch jetzt sogleich, als der Diener die Karte gebracht hatte und entfernte sich. Wenige Sekunden später sah man Letzteren sich nahen mit einem Herrn in einem kurzen, eleganten Jagdrock, auf dem Haupte einen kleinen Hut mit kurzer Feder, und hörte man ihn die Worte sagen: „Die gnädigen Herrschaften sind dort in jener Laube", worauf Johann wieder ins Schloß zurückschritt. Herr von Stolzenberg lüftete den Hut und mit den Worten: „Meine DamenI" verbeugte er sich tief vor Alexandra und Frieda» und nun sich ebenfalls vor Wolter verbeugend, sagte er: /.Ich habe sicher das Vergnügen, Herrn Gsheim- heimrath —" „Der Angeredete erwiderte, gleichfalls sich verbeugend: „Mein Name ist Wolter." „So habe ich doch endlich einmal das Glück, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen!" fuhr Felix fort. „Sie glauben nicht, wie schmerzlich ich es bedauert habe, Sie abermals verfehlt zu haben. Daß ich auch gerade heute Mittag, als Sie uns die Ehre schenkten, von Fichtenberg abwesend sein mußte! Ich konnte indeffen dem Drange nicht widerstehen, Sie, Herr Geheimrath, kennen zu lernen, und theils aus diesem Grunde erlaube ich mir, Ihnen gleich heute aans gene einen nachbarlichen Besuch zu machen, theils aber auch wollte ich Ihnen, gnädige Frau, meinen Dank dafür aussprechen, daß Sie die Güte gehabt, meine Cousins und mich aufzufordern, Ihrem Gesangverein beizutreten, wodurch Sie uns Beiden eine große Freude bereitet haben." Wolter wies auf dis Bank und sagte in einem Tone, in welchem man gewöhnlich Citate anwendet: „Auf diese Bank von Stein bitte ich, Herr von Stolzenberg, sich zu setzen — leider kann ich Ihnen hier keinen Lehnsessel anbieten." „Sobald Sie mir nur nicht damit haben andeuten wollen, daß sie dem Wanderer zur kurzen Ruh bc- reitet sei, ziehe ich einen solchen archäologischen Sitz, auf dem nicht allein Gott weiß, welche historische Fürsten und Perrücken, sondern auch mein Urahne gesessen haben mög-n, allem Anderen vor." „Ihr Urahne?" fragte Alexandra. „Ja, Frau Gehrimrath", erwiderte Felix, sich auf dem äußersten Ende der halbmondförmigen Bank niederlassend, „es ist leider kein Geheimniß, sonst würde meine Eitelkeit es gewiß gern verschweigen, mein Adel stammt erst aus dem vorigen Jahrhundert, ich bin der fünfte derer von Stolzen, berg. Dieser Urahne, von dem ich, zu meiner Schande sei es gestanden, nicht einmal weiß, wegen welcher Verdienste er geadelt ist, war dereinst Besitzer dieser Schlangenburg." „So ist es auch das Bild dieses Ihres Urahnen, da» im Rittersaal hängt", sagte Alexandra. „Wie?" rief Felix erstaunt aus, „ein Bild von ihm existirt hier? Ah, da bitte ich um die Erlaub- niß, mir dasselbe einmal ansehen zu dürfen, das interessirt mich doch zu sehr." „Ich werde mir gestatten", sagte Wolter, „Sie nachher in den Rittersaal zu führen." „Sie sind sehr gütig, Herr Geheimrath." „Waren Sie früher noch nie aus dem ehemaligen Besitz Ihrer Vorfahren?" frug Alexandra. „Ich war überhaupt noch nie in dieser Gegend. - Wohl hörte ich von meinem Onkel» einem Bruder l meine» früh verstorbenen Vaters» bei dem ich erzogen» daß sein Urgroßvater, der Begründer unseres Namens, ein sehr reicher Mann gewesen, daß ihm unter anderen Gütern auch das Gut Holzendorf und die Schlangenburg gehörten, aber wo Beides gelegen, habe ich nie genau erfahren. Sie können 98 stch meins Ueberraschung denken, als ich, kaum auf Fichtenberg angklangt, sogleich diese Namen hörte und von meinem Fenster aus die Thürme der stolzen Schlangenburg erblickte- Wohin stch der Reichthum des ersten Stolzenberg verflüchtet, warum der Grundbesitz nicht seinen Nachkommen verblieben, das habe ich nicht erfahren und wußte auch mein Onkel nicht, auf den, gleichwie auf meinen Vater von dem ursprünglichen Vermögen nichts mehr gekommen ist, denn mein Papa war nichts weniger als reich, und was der Onkel mir, seinem Erben, hinterließ, war nur geringfügig und nicht der Rede wsrth. So wandern alle irdischen Güter von einer Hand in die andere, kein scheinbar noch so fest begründeter Familienbesitz ist von dieser gezwungenen Wanderung ausgeschlossen und nur selten kehrt er auf den zu- rück, der ihn ehemals besessen, oder auf dessen Ur« enkel gleichen Namens." Herr von Stolzenberg, der den letzten Theil seiner Rede mit seinem so tiefen und wohltönenden Organ in einem elegischen Tone gesprochen hatte, warf am Schluß einen kurzen, raschen Blick auf Frieda, die kaum noch die Augen erhoben hatte und beständig auf eine feine Stickerei niedersah, an der sie unausgesetzt arbeitete. „Und nun", fuhr Felix mit erhöhter Stimme fort, „höre ich plötzlich, daß hier auf der Schlangenburg das Portrait meines seligen Ahnherrn existirt, von dem ich selbst weder ein Bild noch irgend etwas Anderes besitze, keine Handschrift, keinen Brief — wir missen so gut wie nichts von ihm, denn eine Familienchronik war nicht vorhanden und von all der Herrlichkeit kam auf seine Enkel nichts Weiteres, als ein paar magere, kümmerliche, unbewiesene Traditionen und ein altes, nutzloses Buch, das auch dem letzten Besitzer längst wieder verloren gegangen ist. Sic transit gloria mundi! Sie werden meine Neugierde und den Wunsch begreifen, dieses Bild, das das Original jedenfalls selbst hat anfertigen lassen und das ganz gewiß auch Achnlichkeit besitzt, mir einmal betrachten zu dürfen, um mich, den letzten Sproß, in seinen Zügen vielleicht wiederzufinden. Gottlob kann ich vor dasselbe hintreten nicht mehr als ein armseliger Paria unter den Eupatriden des Landes, sondern als der nächstber chtigte Erbe eines Millionärs, dem es hoffentlich gelingen wird, den von dem Rost der Ungunst und der Zeiten Mißgeschick angelaufenen Namen hellglänzend miede herzustellen I" Al> xandra und Frieda saßen dicht nebeneinander in der Mitte der halbmondförmigen Bank, Wolter hatte sich auf das anders Ende derselben niedergelassen, so daß er stch Herrn von Stolzenberg dircct vis-a-vis befand. Wohl wandte Letzterer, während er sprach, sich meistens an die Damen, aber bisweilen sah er auch dabei den Geheimrath an und dann schien es d'.esem jedesmal, als wmn in dem Bl'ck etwas Forschendes, Suchendes läge. Für Wolter galt es jetzt, die erste Probe gut zu besithm; war er auch nicht frei von innerer Unruhe, so wurde es ihm doch nicht schwer, äußerlich ruhig zu erscheinen und Felix'- Blicke zu ertragen, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. Er erhob sich jetzt und sagte: „Ich kann Ihre Neugierde vollkommen begreifen, Herr von Stolzenberg, und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, baß Sie den Wunsch, Ihren Ahnherrn kennen zu lernen, so bald wie mög. lich erfüllt sehen möchten. Sehen Sie dort jene kirchenartigen Fenster, sie gehören zum Rittersaal. Derselbe beschließt eine lange Reihe großer Gesell« schaftsräume, die nur bei außergewöhnlichen Festlich, leiten benutzt werden. Unsere Wohnzimmer und die Räume für kleine Gesellschaften liegen dort im ersten Stock jenes villenartigen Anbaues, von dessen Balkon wir das ganze Schlangenthal übersehen können. Wenn es Ihnen also gefällig ist, bitte ich mir zu folgen." „Ich bin sogleich bereit", erwiderte Felix, sich erhebend. „Ich denke mir", sagte Al> xandra, „es wird Sie interessiren, noch ein wenig mehr von der Schlangenburg zu sehen, hierzu bedarf es aber eines Führers, der auch zugleich die nöthigen Erklärungen abgiebt. Der alte Gedelmann, feit Generationen der Kastellan des Schlosses und mit diesem gleichsam verwachsen, betrachtet es als fein absolutes Vorrecht, jedem Fremden die Burg zu zeigen, was ihm auch nicht bestritten wird; es kommen im Sommer sehr Viels hierher, Leute aus der Stadt, Touristen und so weiter, aber er verlangt es auch unseren Gästen gegenüber und ist jedes Mal empört, wenn wir bei denen die Führerschaft selbst übernehmen, weil wir die seine ihnen nicht zumuthen mögen. Nicht allein, daß er uns unsere Gäste stundenlang entzieht, sondern es ist auch nicht Jeder aufgelegt, feine unsinnigen Geschichten so lange mit anzuhören. Der alte Mann hat noch seine Eitelkeit und mag mit seinen Erzählungen gern Verwunderung erregen. Ich bin so frei, Sie auf Ihrer Wanderung durch das Schloß u begleiten." „Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar fein, Frau Geheimrach", sagte Felix, und nun sich an Frieda wendend, fuhr er fort: „Werden auch Sie sich uns anfchließen, gnädiges Fräulein?" Das junge Mädchen hob für einen Moment die Augen und sagte in ungezwungenem Tone: „Ich bedauere sehr, aber die Eltern werden es nicht gestatten. Ich hatte heute Morgen das kleine Malheur, mir den Fuß zu verstauchen, und da ich hinterher einen geringen Schmerz verspürte, bin ich für den ganzen Tag zu absoluter Ruhe verurthetlt. Nur mit Mühe erlangte ich die Erlaubniß, in den Garten zu gehen." „Man muß eine Verrenkung vorsichtig behandeln", versetzte Al xandra. „Ich spreche Ihnen mein herzliches Mitgefühl aus", sagte Fellr, „zumal wegen der aufgedrungenen Ruhe." Ex hatte seine Augen unverwandt auf Frieda gehest Worte war, schlag rasche beugu räthin Anlax Schic 2 „ erwid Prob Sänx Ande gehör sechs vistrt Lieds und Sieg lichen eine geben einzu Gesa I und ist. nicht Herr singe singe von von i Onk! hat Sehl und Gehe die! gnät dem Sie sehr' Zeit; I druc lorei ihm 99 aebestet, von der er zum ersten Male mehr als zwei Worts hörte, wobei ihm nur der Umstand peinlich war. daß sie so unausgesetzt die Augen niedergs- schlagen hielt. Mit einem: „Ich wünsche recht rasche Befferung!" und nach einer leichten Verbeugung wandte er sich zum Gehen. „Wir kehren bald zurück!" rief die Geheim- räthin der Tochter zu, worauf die Drei durch die Anlagen langsam dem großen Hauptportals des Schloffes zuschritten. Während des Gehens sagte Felix „Also am Mittwoch ist die nächste Probe?" „Eine eigentliche Probe ist es diesmal nicht"» erwiderte Alexandra, „sondern vielmehr ein erster Probe-Vortrag. Es hebt den Eifer, wenn die Sänger sich dann und wann schon einmal vor Anderen hören lassen können. Wir haben nur An- gehörige der Mitglieder dazu geladen, nehmen um sechs Uhr ein kleines Diner ein, wonach das twpro. vistrte Concert beginnt. Die von uns eingeüdtm Lieder alterniren mit einem vierhändigen Musikstück und einem Vtoltn- Lolo von unserm Direk or. Herrn Siegfried Rhodenberg. Sie werden einen jugendlichen Künstler hören, Herr von Stolzenberg, der eine grobe Zukunft hat. Wir werden uns die Ehre geben, auch Ihren H-rrn Onkel, Seine Excellenz, einzuiaden, vorausgesetzt, daß er sich für Musik und Gesang interessirt." „Mein Onkel hört leidenschaftlich gern Musik und Gesang, obgleich er selbst gar nicht musikalisch ist. Aber, da meine Cousine und ich bi« j-tzt noch nicht an den Proben Thetl genommen, wird der Herr Direktor es auch gestatten, daß wir schon mitsingen?" „Warum sollte er nicht, da Sie Beide vom Blatt singen? Es sind nur einfache Sachen, zwei L-.eder von Mendelssohn, eins von Beethoven und ein Chor von Schumann." Nach einer kurzen Pause sagte Felix: „Ich darf Ihnen wohl verrathen, daß mein Onkel von der Familie Wolter ganz entzückt ist. Er hat Ihr Fräulein Tochter nach nur einmaligem Sehen bereits förmlich in sein Herz eingeschloffen und er ist sehr erfreut über Ihren Entschluß, Frau Geheimrath, den schwarzen See zu malen und über die Aussicht, bei der Gelegenheit ab und zu das gnädige Fräulein sehen zu können. Sie würden dem alten Manne eine große Freude bereiten, wenn Sie bald beginnen möchten." „Das ist auch meine Absicht, ist bin selbst so sehr für das Sujet begeistert, daß ich kaum den Zeitpunkt erwarten kann, wo ich die Farben mische.1 „Der See macht einen eigentümlichen Eindruck", bemerkte der Geheimrath. „Ein Unglücklicher, dem alle Hoffnungen verloren sind, namentlich ein unglücklich Liebender darf ihm nicht zu nahe kommen, er könnte eine zu große Anziehungskraft ausübrn. Ich denke mir aber doch, für einen solchen muß es eine Beruhigung sein, daß der See nie wieder herausgiebt, war sich iü seine Arme wirft." „Sie scheinen, Herr von Stolzenberg," rief Alexandra lachend aus, „sich mit solchen Gedanken schon getragen zu haben!" „Wer hätte es wshl nicht, wenn auch nicht ernstlich, so doch in der Phantasie? Gestehen Sie, gnädige Frau, haben Sie sich nicht selbst schon einmal in solche Lage hineingedacht, wo Ihnen al« ultimum refugrium nichts Anderes übrig bliebe, als —" „Der Selbstmord? Nein, wahrhaftig nicht'. Auf solche grauenhafte Gebiete verirrt sich meine Phantasie I nicht!" (Fortsetzung folgt ) Das verlorene Testament. Von Leo Sonntag. (Schluß.) „Das glaube ich nicht", entgegnete Robert, „Alle : Frauen hängen am Geld, mehr als wir Männer. Den neuesten Beweis davon hat mir Flora gegeben. ? Wie schnell hat sie sich von mir abgewandt, al» es j sich zeigte, daß ich nicht der Erbe meines Onkels sei. Und doch ist diese Erfahrung fast den Verlust eines Vermögens werth. Denken Sie sich, ein Mädchen zu . heirathen, von der man sich gesiebt glaubt, um nachher zu entdecken, daß sie nur unsern Geldbeutel liebte! Das wäre mein Schicksal gewesen! Und deshalb schmerzt mich Flora'» Verlust nicht. Selbst wenn Fräulein Reger in edler Selbstverleugnung daran ; dächte, mir das Vermögen abzutreten, ich würde mich jetzt unter keiner Bedingung mehr entschließen, Flora Lucius meine Braut zu nennen. Unsere Wege sind geschieden! Doch, ich bin fest überzeugt, Sie irren sich. Wie ich Ihnen schon sagte, alle Frauen sind ! geldgierig, und Fräulein Reger wird wohl keine Ausnahme machen!" _ , Dr. Wilde mußte wohl seinem Clienten Recht ' geben, als Woche auf Woche, Monat auf Monat ver- i ging, ohne daß Martha auch nur den geringsten . Schritt that, um den jungen Mann, der so schwer ; enttäuscht worden, auch nur in etwa» zu ent- ’ schädigen . . Robert litt unterdeffen keine Roth. Schon frühe ' hatte er das Talent verrathen, leichte, fesselnde feuille- : tonistischs Artikel zu schreiben, und diese«, sonst aus - Liebhaberei cultivtrt, verhalf ihm jetzt zu einer An- i stellung bei der Presse. Freilich gestattete ihm sein ; Verdienst nicht, so glänzend zu leben, wie er die» zu ■ Lebzeiten seine» Onkel», von dessen reichen Mitteln i unterstützt, gekonnt; doch er hatte ein sicheres behag- 5 lichs« Einkommen, und ohne Neid sah er die Erbin : seines Onkels in der eleganten Equipage an sich i vorüberrollsn. „Sie ist eben egoistisch wie alle Frauen", dachte er, wenn er den Hut vor ihr zog und unwillkürlich das zarte blasse Gesichtchen bewunderte. „Man sollte eigentlich denken, daß die Etgenthümerin dieser Augen 100 auch ein Herz besäße, sie steht aus, wie ein Weib, das lieben kann, und das man lieben möchte; aber sie ist wie alle — geldgierig, selbstsüchtig." Er konnte nicht umhin, eine Art Enttäuschung zu fühlen. „Sie sollte ein edleres, befferes Weib sein, als Flora", dachte er weiter, „sie hätte bereit sein müffen, mir das Vermögen abzutreten. Ich hätte ja das Opfer nicht angenommen; aber ich hätte ste dafür bewundern und verehren können, daß sie es bringen wollte Doch sie find alle gleich." So verging ein halbes Jahr, ohne daß etwas Besonderes sich zugstragen hätte, als Robert eines Tages von einem Ausgang zurückkehrend, seine Wohnung betrat und dort Dr. Wilde vorfand, der in großer Aufregung seiner harrte. Er hielt einen offenen Brief in der Hand und rief dem jungen Mann entgegen: „Hören Sie nur, diesen Brief habe ich^ soeben erhalten: „Geehrter Herr Dr.! Bitte mich heute Abend um 6 Uhr mit Ihrem Besuche zu beehren, und Herrn Rußmann mitzubringen. Das Testament hat sich gefunden, und es wird mir großes Vergnügen gewähren, den rechten Erben in seine Rechte einsetzen zu helfen. Mit größter Hochachtung Martha Reger." Natürlich leisteten die Beiden der Einladung Folge, und des Doctors erste Frage beim Betreten des Salons war: „Wo hat es sich gesunden, liebe» Fräulein Martha?" „Es war überhaupt nicht verloren, Herr Doctor , war Marthas ruhige Entgegnung. Und auf das grenzenlose Erstaunen der beiden Herren erzählte sie ihnen Folgendes: „Der alte Herr Rußmann wußte von der Liebe seines Neffen zu Fräulein Lucius und war davon nicht erbaut- Doch fürchtete er, daß Widerspruch Herrn Robert in seiner Neigung nur bestärken werde und verfiel daher auf einen Plan, den er mir anvertraute. Während seiner letzten Krankheit bat er mich,' das Testament zu meinen Gunsten, das noch nicht ver nichtet worden, an den Platz des richtigen zu legen, das letztere aber anMich zu nehmen und es bis zu einem halben Jahre nach seinem Tode zu verbergen." „Man wird dann", sagte er, „meinen Neffen für einen armen Mann halten, und das Mädchen wird sich im wahren Lichte zeigen. Liebt sie ihn wirklich, so wird sie treu zu ihm halten, und dann habe ich nichts gegen die Verbindung." — Hier, Herr Rußmann, ist auch ein Brief an Sie, der alles bestätigen wird. „Und", fügte er zögernd hinzu, „wenn ich Unrecht gethan, indem ich Sie von Ihrer Braut getrennt, vergeben Sie mir I Vielleicht können Sie Fräulein Lucius jetzt noch gewinnen, da Sie reich sind. Ich konnte nicht anders, ich mußte den Willen des Tobten erfüllen." „Und ich bin Ihnen herzlich dankbar dafür", entgegnete Robert warm. „Flora ist einer treuen Liebe nicht werth, und ich wäre als ihr Gatte unsäglich elend geworden. Aber es ist mir mehr werth als alles Vermögen, daß ich in Ihnen nun ein edles Weib finde, deren Herz ebenso lieblich ist wie ihr Angesicht." Er brach hier ab, denn Dr. Wilde hatte die Hand auf seinen Arm gelegt. „Lesen Sie Ihren Brief erst", sprach er in kühlem Geschäftston, „und dann wollen wir das Testament eröffnen." Robert gehorchte ihm. „Der Brief bestätigt genau Fräulein Marthas Angaben", er sprach dann, „nur drückt er noch eine Bitte aus. Kennen Sie dieselbe, Martha?" „Nein", war ihre erstaunte Antwort, „ich habe keine Ahnung davon." „Aber Sie, die die Wünsche de» Tobten so ge« treulich erfüllt haben, rathen mir doch wohl, seiner Bitte nachzukommen, besonders da sie mit meinen Wünschen übereinstimmt?" „Nun, dann ist sie ja leicht zu erfüllen", meinte sie lächelnd. „Gewiß, aber die Ersüllung hängt nicht nur von mir ab, sondern auch von Ihnen, Martha." „Von mir?" „Ja, von Ihnen. Der Herr Doctor wird mir jetzt mittheilen, daß kraft dieses zweiten Testaments das ganze Vermögen mir zufällt; aber ich kann es nur unter einer Bedingung annehmen." „Und die wäre?" Robert gab dem Doctor einen leisen Wink, sich zurückzuziehen, der sogleich befolgt wurde- Dann trat er auf Martha zu. „Können Sie nicht rathen?" Eine tiefe verrätherische Röthe überzog ihr Gesicht. „Ich möchte nicht rathen", entgegnete sie leise, „sagen Sie es mir lieber." Er ergriff ihre kleine zitternde Hand und preßte sie an die Lippen. „Wenn ich das Vermögen aus Ihrer Hand annehme, geben Sie mir die Hand dazu, Martha I Liebste Martha, ich habe Dich lange geliebt, ohne es zu wissen; jetzt weiß ich es, und ich bitte Dich, willst Du auch diesen Wunsch meines Onkels erfüllen und mein theures Weib werden?" Bebend entzog sie ihm ihre Hand. „Ich bin zu arm, zu unbedeutend —" „Arm? Du bist reich, Martha, reich an Herzens» güte, an Anmuth, Schönheit. Ich liebe Dich und mein Onkel wünscht unsere Verbindung, Du mußt seinem Wunsche nachkommen 1" „Zuerk will ich dem Wunsche meines eigenen Herzens willfahren, Geliebter", sprach sie leise. „Liebst Du mich wirklich?" „Kannst Du noch fragen? Aber Du?" „Ich liebe Dich schon, solange ich Dich kenne", flüsterte sie an seinem Herzen. Es dauerte nicht lange, da waren die Beiden ein glückliches Paar, und das verlorene Testament, das so viel Aufsehen verursacht, war nun ganz werthlos geworden; denn der höchste Wunsch des Tobten war ja erfüllt; die Beiden, die er am meisten geliebt, waren seine Erben, ohne daß eines das Recht de» andern beeinträchtigte. Siebaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brlihl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.