Hießener Jamilienblätier. Belletristisches Beiblatt mm Gießener Anzeiger. »»„<««», ww—cg—Wb-hiii iibi«.»|u|iiii*n—aaSE^aaw—■nr»m~vin rn» —M—W—tiai—aM— Nr. 12. Samstag dm 28. Januar. 1888. ......HIWI —— i u !■ ■■■ihiiiii t Die verkorene Wißet. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung). „9?un, eine kleine Krankheit, an der man nicht stirbt, die vorübergehend ist, lehrt uns die Gesundheit erst schätzen; aber wie erträgt es eine Frau, Jahr ein, Jahr aus, seit länger als einem Decmntum, fast täglich sich krank und elend zu fühlen, ohne die Geduld, ohne die Hoffnung auf eine gänzliche Besserung zu verlieren? Und meine Kranke erträgt ihr Schicksal mit rührender Geduld und ist zufrieden, wenn sie nur ihren Arzt sehen und sprechen kann. Auch ihr ergeht er so, wie so vielen Anderen, auch sie hat die Neigung, mich zu ihrem Beichtvater zu machen und mir anzuvertrauen, was sie erlebt und erlitten. Manches habe ich schon von ihren früheren Verhältnissen erfahren, wenn auch nicht Alles. Namentlich dann, wenn ihre Schwester, die für i Beide den spärlichen Lebensunterhalt verdient, nicht zugegen ist, wird sie mittheilsam und erzählt mir i Einzelheiten, aber stets ohne einen Namen dabet zu | nennen, au» ihrer Vergangenheit. Heute jedoch hat x sie mir von dieser traurigen Vergangenheit mit Aus- i nähme einer einzigen Sache ein vollständiges Bild entrollt. Sie war von einem sehr hefttgm Brustkrampf befallen, weshalb sie mich eiligst hatte holen lassen. Zwar war der Anfall bereits vorüber, als ich kam, aber seine Intensität hatte die längst empfundenen Todesahnungen in hohem Maße vermehrt, und in dieser Stimmung erfuhr ich denn noch weit mehr als früher. Nur Eins müsse sie mir verschweigen, sagte sie mir, und dies Eine sei auch wohl die Hauptursache ihre» nervösen Leidens, es sei eine Schuld, eine schwere Schuld, eine Unterlassungssünde, die sie begangen, sie habe einen Schuldigen nicht verrathen wollen und dadurch sei ein Unschuldiger \ unglücklich geworden, sie habe jedoch den Muth nicht, i ein vollständiges Geständniß abzulegen. — Ich bin 5 aber überzeugt, daß sie es bet der nächsten Gelegen- i heit thun wird. Sie muß sehr hübsch gewesen sein, \ sie wäre es noch, wenn nicht in ihrem Gesicht ihr ? nervöses Leiden zu sehr ausgesprochen wäre. Sie \ stammt jedenfalls aus einer sehr gebildeten, vielleicht ’ vornehmen Familie. Von ihrem Gatten, der ein ' schlechter und leichtsinniger Mensch war, ist sie heim- i sich verlassen, nachdem er ihr Vermögen und das ihrer Schwester durchgebracht. Sie hat seit jener Zeit nie wieder etwas von ihm gehört. Indessen, ohne indiscret zu sein, darf ich Ihnen nicht mehr erzählen, aber aursprechen kann ich wohl noch die ; Vermuthung, daß meine Kranke höchstwahrscheinlich vor einer Reihe von Jahren ein hervorragender Stern am Himmel der Kunst war, und daß sie ihre Kttnstlerlaufbahn, auf der sie vermögend geworden war, des eingetretenen Leidens wegen aufgeben mufjte Ein wahres Prachtstück ist ihre Schwester, das heißt von Herzen, äußerlich ist sie von einer Häßlichkeit, die man fast grotesk nennen könnte. Aber aus ihren kleinen, grauen Augen leuchtet eine solche Fülle von Gutmüthigkeit und Wohlwollen hervor, daß man sich sofort zu ihr hingezogen fühlt. Sie ist die Stiefschwester der Kranken, ein Umstand, der es in etwas erklärlich erscheinen läßt, daß in s dem Aeußeren Beider ein so großer Unterschied sichtbar ist; sie nennt sich Auguste Brandt und ihre kranke Schwester führt den Namen Frau Schmidt. Aber ich glaube, daß weder die Eine Brandt, noch die Andere Schmidt heißt, sondern daß sie diese Namen aus Gründen, die mir noch nicht klar sind, nur angenommen haben, um sich vielleicht hinter l demselben vor irgend einem menschlichen Wesen zu | verbergen und es ihm schwer zu machen, sie zu ent« s decken und aufzufinden. Fräulein Brandt, die be« { deutend Aeltere, ist der Jüngeren gegenüber so sorg« l sam, so liebevoll wie eine Matter: so ist es gewesen seit vielen Jahren» damals schon, als fie noch in besseren Verhältnissen lebten. Jetzt ist ste Diejenige, die allein den Lebensunterhalt verdient, es geht aber aus Allem hervor, daß der Verdienst ein sehr be« scheidener ist, auch daraus, daß sie bei der Poliklinik ärztliche Hülfe gesucht. We!ch:r Art aber die Beschäftigung ist, weiß ich nicht, es kommt mir so vor, als wenn sie sich genirrn, es zu sagen, weshalb ich auch nicht direct darnach fragen mag. Sie wohnten früher vor dem Thore, nun hat sich aber plötzlich in unmittelbarer Nachbarschaft ein Schmied ctablirt, \ und da cs der Kranken unmöglich ist, da» ununter- ; brochene Gehämmer auf dem Ambos zu ertragen, l sind sie von dort fortgezogen »nd haben sich hier im | Magdalenenstift eine Hofwvhnung gemiethet. — z Doch, lieber Freund, bin ich nun in der That nicht - zu Ihnen gekommen, um Ihnen die Privatverhält« Nisse einer meiner Kranken zu erzählen, sondern ich ; habe Ihnen etwas Anderes mitzuthellen und hätte meinen Bericht eigentlich mit dem Wort Heureka! ; beginnen sollen." „Heureka? Was haben Sie berat dort gefunden?" ,@ie wissen doch, daß an keinem der hiesigen 46 Theater für die Rosamunds in meiner Operette eine paffende Vertretung ist." „Und da soll doch wohl nicht Ihre Patientin oder deren Schwester die Partie übernehmen?" „Gott bewahre! Aber sie haben eine Nichte, die Tochter des verstorbenen Bruders, ein Fräulein Helene Werner, die heute gekommen ist, um ihre Tanten zu besuchen. Ich war erstaunt, als die Tante Auguste vor einer Viertelstunde mit dem jungen Mädchen von dem Bahnhof kam und mir bei der Vorstellung ihr Name genannt wurde, in ihr eine Sängerin zu finden, über deren erstes und einziges Debüt in Hamburg die dortige Kritik in geradezu enthusiastischen Ausdrücken sich erging. Seitdem ich an meiner Operette arbrite, studire ich täglich fämmtliche Theaterkritiken durch, und ich weiß jetzt schon ganz genau, was jede Operettenbühne für erste und zweite Sterne besitzt. Auffällig war es mir, daß ich feit jener Zeit von dem Fräulein Helens Werner nirgends ein Sterbenswörtchen wieder gelesen. Doch vin ich heute darüber aufgeklärt. Der Vater der Sängerin, der plötzlich erkrankt war, bedurfte deren Pflege. Nach einiger Zeit war er gestorben und nachdem deffen Nachlaß regulirt und die Tochter in den Besitz eines wenn auch nur kleinen Vermögens gelangt war, hatte sie den Beschluß gefaßt, einen Theil desselben zu benutzen, um ihre Stimme auf dem hiesigen Konservatorium noch weiter auszubilden und zugleich ihre Tanten zu br- suchtn. Ich kann Ihnen nicht sagen, Rohdenberg, wie hübsch das Mädchen ist, und wie ihre schlanke Figur und ihr ausdrucksvolles Gesicht sich für die Rolle der Rosamunde eignen. Sie hat dunkelbraunes Haar, feurige Augen von derselben Farbe und dabei einen Mund, um den einen Zug lagert, der ein Gemisch von Treuherzigkeit und lieblicher Unschuld ist." „Wie heißt e$ doch noch", sagte Siegfried, „in der großen Arie des ersten Actes Ihrer Operette, ! — sie fehen und lieben war Ems! Nach Ihrem Mienenspiel zu urtheilen, Langenbach —" „Vielleicht haben Sie nicht Unrecht — mir regt sich hier etwas im Herzen, was mir selber höchst verdächtig vorkommt; doch das ist vorläufig Nebensache, die Hauptsache dagegen ist, daß es mir vielleicht gelingen wird, Fräulein Helene Werner zu veranlassen, in meiner Operette hier zu gastiren, und dann, bin ich überzeugt, ist der Erfolg gesichert. Gott, wenn ich mir vorstelle, daß das kleine, alte, dicke Fräulein Roller, welches das Publikum sich nur noch aus Pietät und Gewohnheit gefallen läßt, die Rosamunde abkrähen müßte, so würde ich dabei Seelenleibschmerzen bekommen und das ganze Stück könnte durch diesen weiblichen Globus zu Grunds gehen! Aber nun noch eine Frage — haben Sie heute Abend etwas vor?" »Nein, nichts Besonderes." „Wollm Sie mir dann nicht eine Stunde Ihre - Zeit widmen? Ich kann jetzt die Vollendung meines 8 Werkes nicht erwarten und möchte so rasch wie möglich fertig werden." „Sehr gerne." „Und nach gethaner Arbeit gehen wir, wenn er Ihnen Recht ist, in die Rüter'sche Restauration, um noch einen Schoppen Bier zu trinken. Der blonde Kellner sagte mir heute Morgen, daß sie eine Sendung Culmbacher Bier bekommen, welches ganz vorzüglich sei." „Concedo, mi amice! Dort stehen Cigarren, bedienen Sie sich, währenddeß ich mich von meiner Großmutter verabschiede." Siegfried entfernte sich, kam aber schon nach wenigen Minuten wieder zurück und die beiden Freunde verließen das Haus. Sechstes Kapitel. Der Geheime Commsrzienrath Wolter war ein grober, kräftig gebauter Mann von reichlich vierzig Jahren. Sein volles Haar von dunkelblonder Farbe zeigte noch kein graues Fädchen, ebensowenig der Vollbart; sein Gesicht mit der etwas gekrümmten Nase, den zusammengezogenen Brauen und den un. zähligen Blatternarben machte beim ersten Anblick einen finstern, fast abstoßenden Eindruck, der jedoch beim Sprechen namentlich aber durch den eigenthüm- lichen riefen Blick seiner blauen Augen sogleich wieder verschwand. Diese großen Augen, deren Blick aus tiefer Seele heraufzukommen schien und aus denen zu gleicher Zeit Schärfe des Verstandes her- vorleuchiete, ließen die durch dis Narben erzeugt» Häßlichkeit übersehen und das Antlitz, wenn auch nicht schön, so doch interessant und gewinnend erscheinen. Wolter war, wie man erfahren hatte, ein Hamburger von Geburt, war als junger Mensch zu einem Verwandten nach Südafrika gegangen, der ihn zu sich gerufen, um ihm später das sehr einträgliche Geschäft zu übergeben, das größtentheils in einem Tauschhandel mit den Hottentotten bestand. Er ward der Schwiegersohn dieses reichen Onkels und sehr bald deffen Erbe. Eine Reihe von Jahren, in denen sein Vermögen sich beträchtlich vermehrte, setzte er das Geschäft allein fort, da starb seine Frau, die ihm ein einziges Kind geschenkt, und nun, von Sehnsucht nach civilisirten Verhältniffen erfaßt, beschloß er, nach Europa zurückzukehren. Zunächst ging er nach Hamburg, aber ein Leben ohne Beschäftigung machte ihn krank und melancholisch, er würde, das fühlte er, nur geistig und körperlich gesunde«, wenn er thätig sein konnte, und zwar un-. unterbrochen von Morgens bis Abends. Nun ging er auf die Suche, um etwas zu finden, was feinen Ansprüchen genügen würde. In der Zeitung las er, daß hier in unmittelbare Nähe dieser Stadt eine zu einer Concursmafle gehörende, große chemische Fabrik verkauft werden solle. Dieselbe hatte früher einen europäischen Ruf gehabt, war aber durch die Unfähigkeit und Verschwendungssucht eines jugendlichen Erben in kurzer Z.it in gänzlichen Verfall ge- rkthsn. Ein solches Etablissement aus der Versunkenheit wieder empor zu arbeiten, das war eine Aufgabe nach seinem Geschmack, und dazu hatte er nicht allein die Mittel, sondern ungemein praktisches Talent, combinatorischen Verstand und weitsehenden Blick. (Fortsetzung folgt.) Die Were Mädchenschule und ihre Kestimmung. Alle Diejenigen, welche sich für Mädchenbildung und zweckmäßige weitere Ausgestaltung des höheren Mädchenfchulwesens interessiren, möchten wir auf die kleine Brochüre aufmerksam machen, welche obigen Titel führt. Sie diente als Begleitschrift zu der Petition, welche von einer Anzahl Berlins Frauen der höchsten Gesellschaft dem preußischen Unterrichtsministerium eingereicht wurde. Die Petition enthält folgende Anträge: „Daß dem weiblichen Element eine größere Betheiligung an dem wissenschaftlichen Unterricht auf Mittel« und Oberstufen der öffentlichen höheren Mädchenschulen gegeben und namentlich Religion und Deutsch in Frauenhand gelegt werde, und daß von Staatswegen Anstalten zur Ausbildung "wissenschaftlicher Lehrerinnen für die Oberklassen der höheren Mädchenschulen mögen errichtet werden." Die Begleitschrift weist in unwiderleglicher Weise die Berechtigung und Nothwendigkeit dieser Anträge nach. Sie hat deshalb auch allgemeine Beachtung und Zustimmung gefunden. Die meisten größeren politischen Zeitungen Berlins von Bedeutung haben Leitartikel darüber gebracht, und auch in den Provinzen, sowie in übrigen Theilen Deutschland'- ist die kleine Schrift mit lebhaftem Jntereffe ausgenommen worden. Um zu zeigen, wie sie deurtheilt wird, greifen wir den Artikel der National- Zeitung heraus. Das Blatt schreibt wie folgt: „Die Gleichberechtigung der Lehrerinnen. Sechs Berliner Frauen haben im Auftrag eines größeren Frauenkreises dem Kultusminister eins Petition überreicht, die später auch dem Abgeordnetenhaus« zugrhen soll, gestützt auf eine inzwischen veröffentlichte Denkschrift von vortrefflicher Abfaffung. Sie stellen darin zwei bescheiden aussehende und auch wirklich nicht unbescheidene Bitten, von deren Erfüllung aber fast so etwas wie eine Umwälzung in dem höheren Mädchenunterricht vorausgefagt wird. Lehrerinnen sollm mehr als bisher neben den Lehrern an dem wissenschaftlichen Unterricht auf der Mittel- und Oberstufe der öffentlichen höheren Mädchenschulen betheilrgt werden, und damit dies geschehen könne, soll der Staat Anstalten zur Ausbildung wissenschaftlicher Lehrerinnen für die oberen Klaffen errichten. Wenn das erste dieser beiden Gesuche triftig be- sunden und zugestanden wird, versteht sich das zweite von selbst. Alles kommt sogleich auf den Nachweis an, daß die höhere Mädchenschule beffcr fahren wird, wenn wesentlich mehr von derselben, als in Deutschland, zumal in Preußen bisher geschah, weiblichen Lehrerinnen und Leiterinnen anvertraut wird.' Den Bittstellerinnen ist es wesentlich hierum zu thun. Sie kämpfen nicht für das Erwerbs-Jntereffs des weiblichch Geschlechts, das sich ja auch für solche GleichberechiiMg geltend machen ließe, in einem der wenigen F/icher, welche ihm offen stehen, und welchem deßrckgen erdrückende Massen weiblicher Wesen zudrängen, die sich selbst zu erhalten genöthigt sind. Der fürsorgliche Gedanke vielmehr, welcher die Bitt- und Denkschrift durchdringt, ist der an die Ausbildung unserer Töchter. Durch den Anspruch der heutigen Mädchenlehrer auf fortdauernden Besitz der bevorrechteten Stellung, welche sie in den Staatsund Gemeideschulen einnehmen, wird sich hiernach Keiner bestimmen lassen, der eins so wichtige Frage nach den in ihr selbst liegenden Bedingungen und nicht nach äußeren Zufälligkeiten oder vagen Sympathien mit Standeskreisen zu entscheiden vermag. Ohnehin käme die Erwerbs-Abgrenzung der Ge- schlechter in Betracht, so würde doch wohl ebensogut die Gerechtigkeit gegen die Individuen, wie eine verständige socialpolitische Abwägung sich eher auf die Seite der Frauen neigen, welche in Deutschland mehr, als bei den meisten anderen gesitteten Völkern zurückgedrängt erscheinen von Erwerbszweigen, denen sie nicht wesentlicher schlechter als die Männer ge- wachsen sind. Aber wir haben es hier mit einer Anwaltsrede von Frauen für ihr Geschlecht zu thun, die diesen empfindlichen Punkt ganz außer Spiel läßt — mit einer Schutzrede nicht für einen Theil der Lehrerinnen, sondern für alle Schülerinnen der höheren öffentlichen Schulen. Schon Robert Mohl, sicher ein machtvoller und urtheilr fähiger Mann, hat in seinem Avfiatz über die Erziehung des weiblichen Geschlechts, der 1869 in seinen unter dem Titel „Politik" gesammelten kleineren Schriften wieder erschien, während er weiblichen Unterricht im ganzen (nach damaligem Stande begreiflich) nicht hoch schätzte und sich die Lehrerschaft überwiegend aus Männern zusammengesetzt dachte, dis. oberste Leitung und gesammts innere Führung von Mädchenschulen Vorsteherinnen zu übertragen empfohlen. „Die Erziehung im engeren Sinns des Wortes", sagte er, „der sittliche Einfluß auf Mädchen, die Bildung wünfchenswerther Anschauungen und Gewohnheiten bei ihnen ist ein« so wichtige Sache, daß sie wohl mit den Leistungen des Unterrichtes zum Mindesten auf die gleiche Linie gefetzt werden kann und muß. Nun aber kann es keinem Schatten von Zweifel unterliegen, daß diese Art von Einfluß durch Frauen weit besser und zum Theil eigentlich ganz allein ausgeübt werden kann. Manches Tadelnswerthe wird ein Mmn gar nicht bemerken; anderes kann nur eine Frau ohne Verletzung des Gefühls zur Sprache bringen, oder es wird nur ihr das nöthige Vertrauen geschenkt. Bei irgend herangewachsenen Mädchen und bei solchen, welche eine feinere Bildung 48 schon aus bes Familie mitbringen, versteht sich dieses ganz von selbst" u. s. w. Ma» wird bemerken, daß die Bitten der Petition i theils weiter, theils aber in dem wichtigsten, s brennendsten Punkte nicht so weit gehen wie Robert Mohls Darlegung. Die bittstellrnben Berliner \ Frauen dringen nicht auf Herausgabe der leitenden \ Stellen, obgleich sie auch darunter Mohl's Ansicht \ theilsn; aber sie fordern mehr Lehrerinnenstillen, j wozu sie sich seit der Zeit des v«rstobenen Gelehrten ; und Staatmanns durch dm Fortschritt in der Aus- | bildung von Lehrerinnen auch berechtigt erachten \ dürfen, und zwar besonders den Unterricht im \ Deutschen und in der Religion. Die Erziehung, i auf welche es ihnen wesentlich ankomwt, muß sich | in der Schule ja an den Unterricht knüpfen. Den l männlichm Lehrern mag bleiben, was vornehmlich | die Verstandesbildung betrifft; aber die Gemüths- | und Charaklerpflege falls der mehr mit den Mädchen " fühlenden Frau zu. Außer auf den ehemaligen Reichs-Justizminister ! und badischen Bundertagsgesandten kann die Frauen- ? Petition sich nicht allein auf Schriftstellerinnen be- i rufen, wie die würdige, alte Betty Gleim (ihr heute । noch lesenswertheS Buch über „Erziehung und Unter- i richt des weiblichen Geschlechts" ist schon von 1810), die Zeitgenossinnen Tinette Homberg und Rosette Niederer, sondern auch auf erfahrene Schulmänner. Sie stellen ke>nen geringeren als Pestalozzi obenan, dessen Verlangen nach „Kraft-Entwickelung" man dem lähmenden „Schematismus der Jung-Herbartianer" gegenüber vernachlässige, und der das Mädchen „zu innerer Ruhe gebildet" haben will, während unsere Schule nicht machtvolle Frauen von edler Sitte er- i ziehe, sondern eben nur lehre. Sie setzen Diester- \ w-gs Wort: „Wir Männer verlangen Frauen, welche ; usiere Zwecke nicht nur verstehen, sondern sich zu deren Erreichung mit uns verbinden" — gegen das unglückliche Wort der Denkschrift einer Weimarer MädchensHullchrer - Versammlung von 1872, der demsche Mann dürfe vor allem nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häuslichen Herde gelangweilt werden, — ein übrigens nicht so schlimm gemeintes und hier allzu stark ausgepreßtes Wort, das nur empfindlich wird durch die eigene Engherzigkeit der Ablehnung, welche jene Versammlung dem Rechte der Lehrerinnen erwies. Der Schulinspektor Dammann nennt „die weibliche Natur nicht einen sanften und blassen Abdruck der männlichen, sondern einen selbstständigen Gottesgedanken, eineruin sich vollendeten Organismus, in welchem das Wesen der Menschheit anders, lieblicher und milder ausstrahlen soll als beim Mann." Der Berliner Schulrath Cauer, dem Niemand eine reiche Erfahrung im Mädchenschulwesen absprechen wird, fand es „sicherlich nicht wohlg-than, die Ein. Wirkung des männlichen Geistes auf der höchsten Stufe des Schullebens in den am meisten entscheidenden Entwickelungsjahren zu der ausschließlich herrschenden zu machen." „Nicht nur für dir äußere Bildung, für die Gewöhnung zu feinerer Sitte können die Mädchen gerade in diesen Jahren, in denen die Schule mächtiger zu sein pflegt, als das Haus, auch jener weiblichen Führung und Vorbildung nicht entrathen — sondern mehr noch für ihr innerstes Gemüth«- und Geistesleben thut ihnen eine solche Anlehnung noth, eine Brratherin, der sie sich vertrauensvoll anschließen können, und dis auch am besten im Stande ist, die Kluft zu überbrücken, die zum größten Schaden Schule und Haus so häufig von einander trennt." Daß hierzu eine ansehnlichere Stellung in dem ganzen Schulwesen und ein Avtheil an dem höheren Unterricht gehört, nicht nur Turn, und Handarbeitstunden bedarf nach Cauer keines Beweises. Die Denkschrift der Bittstellerinnen kritifirt auch scharf den verfrühten Roman, welchen die älteren Schülerinnen so leicht mit ihrem Lehrer bei stch durchsptelen, wo n'cht gar ein Lehrer mit der einen cd«r anderen seiner Schülerinnen. Es begreift stch, wenn Männer als solche, zumal Lehrer, Mädchen-Schullehrer, hiervon beinahe nur bte gute, schöne, angenehme Seite auffassen. Väter indessen wrrden eher den Müttern glauben, denen dieses Interesse nicht schulgemäß und der inneren Entwickelung ihrer Töchter nicht wshlthätig erscheint. Wir verweisen wegen der näheren Ausführungen auf die Denkschrift. Für das verständige Maß ihrer Bitten an den Kultusminister und das Abgeordnetenhaus bringt sie Beweise in Fülle bei — auch Erklärungen genug für ihren eigenen gelegentlich herben Ton gegenüber Paul de Legarde's konservativem Programm und anderen ungezogenen Schneidigkeiten der Gegner, die den Mann, nicht den Menschen, als den Herrn dec Erde betrachten. Zu solcher Anschauung hört die innere Berechtigung mit jedem Tage mehr aus. Die Frauen verdienen sich zusehends selbst durch öffentliche, gemeinnützige Leistungen Vertrauen auf ihre bisher gering geachtete Kraft." So die National-Zeitung. Wer stch der großen Tragweite bewußt ist, welche die Froge der Mädcher- erziehung für die Wohlfahrt der ganzen Volkes besitzt — denn die Frau giebt der Familie ihr eigenartiges Gepräge, und auf der Familie ruht der Staat ", der wird er nicht unterlassen, sich näher mit derselben zu beschäftigen. Daß der drohenden Concarrenz »egen sich manche Lehrer der Anstellung gründlich ausgebildeter Lehrerinnen an Mädchenschulen widersetzen werden, ist leider zu erwarten und zu fürchten; jeder Unbefangene jedoch sollie anders und richtiger urtheilen, deshalb empfehlen wir die kleine Schrift) allen Lesern und Leserinnen auf's wärmste. *) „Die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung." Begleitschrift zu einer Petition an das preußische Unterrichtsministerium- Berlin 1888. L. Oehmigke's Verlag (R. Appelius.) Nchzctionr 8, Sch eh da, — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.