Meßmer Jamilienblatter. Belletristisches Beiblatt Mm Gießener Anzeiger. । ui „i an- -r - irr,,n- Nr. 127. Samstsg, dm 27. October. "””"1888. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emili, Heinrichs. (Fortsetzung.) Mehrere Stunden waren verflossen, es mochte schon gegen Mittag fein, als der Detectio in seine Wohnung zurückkehrte, leise in die Kammer trat und den schlafenden Walter aufmerksam betrachtete. Letzterer sah, soviel der üppige Bartwuchs solches zuließ, im Schlafe recht bösartig aus, obwohl dis feinen Züge, die ganze Erscheinung des Mannes einen unverkennbar aristokratischen Anstrich besaßen. Thorsen dachte, daß schon mancher geriebene Schuft sich einen derartigen Anstrich gegeben und zuckte verächtlich die Schultern, da er über den Charakter dieses Menschen längst mit sich im Klaren war. Er wollte nur feinem sceptischen Vorgesetzten beweisen, wie richtig er gefolgert, auf welcher sicheren Fährte er sich befunden, alles Utbrige kümmerte ihn nicht. Als er die Hand auf den Arm des Schlafenden legte, fuhr dieser erschreckt empor. „Ach, Sie sind es", sagte er aufathmend, „es ist ein niederträchtiges Gefühl, in jedem menschlichen Gesicht einen Verfolger wittern zu müssen." „Freilich, keine angenehme Empfindung", gab Thorsen zu. „Zumal, wenn man sich schuldlos fühlt und der eigentliche Schuldige frei umherstolziren darf." „Nicht wahr?" rief der Detectio, „aber wir wollen dem Gesetze zum Rechte verhelfen und den Spieß umdrehen. Das soll für uns beide ein wahres Labsal werden, mein lieber Walter I Nun stehen Sie auf, und machen Toilette, mittlerweile wird unser Tisch gedeckt sein." Thorsen war sehr aufgeräumt, reichte ihm seinen Rock und plauderte unaufhörlich, wobei er den Tesch mit dem soeben gebrachten Mittagessen sehr zierlich herrichtete, es jedoch nicht unterlassen hatte, die Thür des kleinen Vorraumes, der eine Art Flur bildete, abzuschließen, um nicht überrumpelt oder behorcht zu werden. Bald saßen beide einander gegenüber, eifrigst dem guten Essen zusprechend. Thorsen, der sogar eine Flasche Wein geopfert hatte, schenkte seinem seltsamen Gaste fleißig ein, und Walter ließ sich Nicht nöthigen. „Ich habe auf unbestimmte Zeit Urlaub erhalten, um Sie wieder einzufangen, ha, ha, Hal" lachte der gut gelaunte Detectio, mit Walter anstoßend, |„das nenne ich eine listige und lustige Komödie, wie? Auf ein glückliches Gelingen!" Walter stimmte in das Lachen mit ein und leerte fein Glas auf einen Zug. Hätte der kluge Thorsen nur das spöttische Lächeln sehen und deuten können, das hinter dem fröhlichen Lachen lauerte, er wäre sicherlich stutzig geworden. „Nun nennen Sie mir endlich den wahren Namen des Halunken Adam Sturm", begann Walter, sich auf seinem Stuhl zurücklehnend und nachlässig in den wohlgepflegten Zähnen stochernd, „ich bin sehr begierig darauf." „Kann ich mir denken", lächelte Thorsen, ihn ruhig anblickend, „doch muß ich vorerst darauf bestehen, den Ihrigen zu erfahren." „Meinen Namen? Lieber Himmel, den habe ich Ihnen doch nicht verheimlicht." „Bah, machen Sie mir keine Wippchen vor", rief Thorsen ungeduldig, „Sie heißen nicht Walter —" „Wenn Sie es besser wissen, kann ich nichts dagegen haben. Soll ich bei meiner Ehre schwören, daß ich Johann Walter heiße?" Der Detectio zuckte verächtlich die Schultern. „Nun also", lachte der Anders höhnisch auf, „Sie scheinen kein Gewicht aus meine Ehre zu legen, wodurch soll ich's Ihnen denn beweisen? — Ist Ihnen der Name nicht recht, ich kann's nicht ändern, heiße nun einmal so." „Gut, sprechen wir nicht weiter davon", rief Thorsen, „werde aber nun einstweilen auch meinen wirklichen Adam Sturm für mich behalten. — Will noch einige nothwendige Gänge machen und bei Anbruch der Dunkelheit zurückkehren. Halten Sie sich bis dahin reisefertig. Hätte gern gesehen, daß Sie sich des wilden Urwalds im Gesicht entledigt hätten, da es hier in der Stadt kein zweites derartiges Exemplar giebt, aber es kommt darauf an, ob Adam Sturm Sie jemals glattrastrt gesehen hat?" „Niemals", versicherte Walter, „er würde mich ohne diesen Urwald, wie Sie meinen prächtigen Bart zu nennen belieben, gar nicht wiedererkennen. „Da« fürchte ich eben", nickte der Detectio, ihn gedankenvoll anblickend, „obwohl ich Sie für mein Leben gern mal rastrt sehen möchte" „Das meinte der alte Doktor im Hospital auch", lachte Walter, sich eine neue Cigarre anzündend, „ich aber sagte, nicht anrühren, und hätte auf Leben und Tod um meinen höchsten Maunesfchmuck gekämpft." Thorsen erhob sich jetzt, um wieder fortzugehen, nahm aber erst einen alten, groben Kaisermante! 510 KUS seinem Kleiderschrank, sowie eire schäbige Pelzmütze, durch welche Prachtstücke sich Walter unkennt- , ltch machen sollte. Er lehrte ihn, wie er die Mütze ü über die Augen ziehen und mit dem Mantelkragen das übrige Gesicht mit dem auffälligen Bart verdecken müsse, zeigte ihm, wie er sich auf einen Krück- stock zu stützen und einen gebrechlichen Greis zu spielen habe und befahl ihm, sich in diesen Künsten recht fleißig bis zu seiner Rückkehr zu üben. Dann ging Thoisen fort und ließ seinen geheim, nißvollen Schützling allein, der ihm mit spöttischem Lächeln eine Rauchwolke nachwirbelte und nach dem Zeitungsblatt griff. Wieder und wieder las er die ihn sö hoch interesflrende Aufforderung durch, bi« er vollständig darüber im Klaren und mit sich selber über irgend einen Entschluß einig zu sein schien. Mit sichtlichem Vergnügen zog er jetzt die Kleidungsstücke an, nahm den Krückstock in die Hand und übte vor dem Spiegel die Komödie ein. „Wird seine Freude an mir haben, der Herr Detectiv", lachte er laut auf, „wie der Fuchs mich zu überlisten gedachte, — ja, ja, er soll mich noch bewundern." So trieb John Walter er stundenlang, bis es dunkelte und Thorsen zurückkehrte. Als dieser Licht anzündete, um sich seinen Mann zu betrachten, prallte er überrascht zurück und rieb sich dann zufrieden die Hände. „Gut, sehr gut", sagte er schmunzelnd, „Sie sind ja ein ganz vortrefflicher Komödiant. Nun hören Sie genau Ihre Instruction. Wir verlaffen zusammen das Haus, nehmen aber keine Notiz von einander und gehen nach verschiedenen Seiten, Sie links direct nach dem Bahnhofe, ich rechts, um auf einem kleinen Umwege dort mit Ihnen zusammen- zutrrffen. Ich nehme zwei Billets dritter Klaffe für uns nach Berlin, wo unser Adam Sturm augenblicklich noch weilt, um mit den übrigen hervorragen, den Häuptern der Expedition, unter Anderm auch einem gewissen Doktor Dörner, mit welchem Musje Adam eng befreundet ist, dem Kaiser vorgestellt zu werden." John Walter, der mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, zuckte bei dem Namen Dörner jäh zusammen, faßte sich aber sogleich und meinte spöttisch, daß sie in diesem Falle keine Zeit zu verlieren hätten, um wie eine Bombe zwischen die berühmte Gesellschaft hineinzuplatzen. „Nein, wir haben keine Minute zu verlieren", rief Thorsen, „Sie find reisefertig und gerüstet, vorwärts denn, da Sie es nicht vergessen dürfen, daß ich Sie jedenfalls bis Berlin etngefangen haben muß." — Beide lachten über den famosen Witz und verließen die Wohnung, welche der Detectiv vorfichtig verschloß. Draußen war e» düster und grau, der Regen rieselte eintönig herab, was Thorsen für das herrlichste Wetter von der Welt erklärte. Vor der Hausthür trennten ste sich, Walter eilte links, der Detectiv rechts weiter, und obwohl der letztere einen Umweg machte, so erwartete er doch seinen Begleiter schon am Bahnhof. „Sir schienen auf Mephistos Mantel zu reiten", meinte Walter, einen Fluch unterdrückend. „Möglich", lachte Thorsen wohlgefällig, „doch jetzt die alte Marke vor und keinen Augenblick Ihre Rolle vergessen. Ich weiß, daß man hier den ganzen Tag auf Ste vigilirt hat." Erschreckt schrumpfte Walters kräftige Gestalt blitzschnell zusammen und keuchend wankte er an seinem Stock dem Wartezimmer dritter Klaffe zu. Niemand beachtete den alten, schäbigen Mann, von dessen Gestcht fast nichts zu sehen war, und der nach wenigen Minuten mühsam in ein Coups dritter Klasse stteg, während Thorsen, der sich leise mit einem College» unterhielt, nicht die geringste Notiz von ihm nahm. Da brauste der Zug davon, und beide rieben sich vergnügt die Hände, da außer ihnen nur ein altes, bäuerliches Paar noch im Coups faß. Sie konnten sich also ganz ungenirt unterhalten. Walter ging anscheinend begierig auf seines Gönners Pläne ein und freute sich auf das Gelingen derselben, so daß der Detectiv in eine sehr rosige Laune gerieth und auf einer Hauptstation, wo ein längerer Aufenthalt geboten war, sogar die Einladung Walters, mit ihm ein Abendessen zu theilen, gnädig annahm. Sie soupirten in einem kleinen Separat-Zimmer und wurden sehr aufgeräumt. Als Thorsen, durch einen Lärm in der Halle aufgeschreckt, hinausging, um die Ursache desselben zu erforschen, zog Walter blitzschnell aus seiner Westentasche jenes Pulverpapier und schüttete den Inhalt desselben in den Wein des Delectivr, worauf er das Papier wieder verbarg und eifrig mit Essen und Trinken beschäftigt schien, als jener zurückkehrte. „Dürfen der Flasche nicht zu sehr zusprechen", bemerkt Thorsen, einen besorgten Blick auf das Gesicht seines Begleiters werfend. „Noch ein Glas", sagte dieser, „auf unsere Freundschaft, Herr Thorsen! Verdammt will ich sein, wenn ich Ihnen das vergesse, was Sie für mich gewagt und gethan." Der Detectiv drehte spöttisch lächelnd seinen hübschen Schnurbart und meinte dann, sein Glas ergreifend und mit ihm anstoßend, daß er sich keine Schwachheiten einbilden solle, da er, Thorsen, bei Allem, war er wage und thue, nur da« eigene Interesse im Auge habe. Er trank das Glas bis auf den letzten Tropfen aus und winkte dann gebieterisch, ihm zu folgen. „In der alten Marke, verstanden?" setzte er kurz hinzu, worauf er hinausschrttt, von Walter, der kläglich hinterdrein humpelte, gefolgt. Nach wenigen Minuten brauste der Zug wieder mit ihnen durch die Nacht dahin. Sie hatten ein Coups ganz allein inne und wollten die Zeit 511 verschlafen, wie Thorsen, der plötzlich sehr schläfrig। zu werden schien, gähnend sagte. So drückten sie sich in die entgegengesetzten Ecken und schloffen die Augen. Schon nach kaum 10 Minuten schnarchte Thorsen wie eine Säge, während Walter, der mit allen Sinnen horchte, sich geräuschlos zu ihm hinschob, und sich über ihn beugte. Er strich ein Zündhölzchen an und leuchtete ihm in's Gesicht. „Der wird so leicht nicht zu erwecken sein", dachte er triumphirend, setzte sich wieder in seine Ecke und starrte in die Nacht hinaus. Die Zeit verging, nur bei einzelnen Stationen wenige Minuten anhaltend, brauste der Zug vor- wärts bis Berlin. Einen raschen Blick auf Thorsen werfend, der noch immer in seiner Ecke schnarchte, verließ Walter rasch das Coups, welches sie ganz allein behalten und drängte sich durch die Menge. In der Halle stand ein Zug zur Abfahrt fertig, er fragte einen Beamten, wohin derselbe ginge? „Nach Dresden I" Walter war mit einem Satz am Billet-Schalter, wo er mit knapper Mühe noch das Gewünschte erhielt und seine alte Rolle vergeffend, sich mit jugendlichem Ungestüm einen Weg durch die Menge bahnte, um einen Coupsplatz dritter Klasse sich zu erobern. Den Schaffner, der ihn zurückwies, da der Zug sich schon in Bewegung setzte, besiegte er durch einen in die Hand gedrückten Thaler, und so diriglrte dieser ihn in ein wenig besetztes Coups, wo er sich zu seiner Genugthuung noch in eine dunkle Ecke drücken, die Pelzmütze über die Augen ziehen und sich feinem Nachdenken überlassen konnte. Mittlerweile schlief unser Detectiv noch immer in seiner Coups Ecke den Schlaf des Gerechten, da ihn kein Thürenschlag, kein Pfeifen und Brausen, kem Lärm zu wecken vermochte. Er schlief fest wie ein Todter, während fein Freund John Walter, für den er so viel gewagt, auf den Flügeln des Dampfes sich Meile auf Meile von ihm entfernte. „Heda, Männl — kommt heraus", schrie ihn ein Schaffner, welcher die Wagen revidirte, barsch an, wobei er ihn ziemlich unsanft emporzuziehen suchte. „Daß Dich die Katze beißt, Kerl!" schalt der Schaffner, „bist Du tobt? — Nein, er schnarcht wie eine Dampfsäge, — also betrunken? Wach' auf, Du Schwerenöther!" Thorsen brummte etwas Unverständliches im Schlafe und schnarchte weiter. Es half nichts, der Mann war nicht zu erwecken, es mußten ihn einige Arbeiter aus dem Coups schaffen ’unb in's Wartezimmer dritter Klaffe tragen, wo sie ihn, da er ein anständiges Aeußere besaß, auf eine Bank legten und fortschlafen ließen. Thorsen schlief die ganze Nacht hindurch und erst am Morgen, als man seinen Kopf mit kaltem Waffer begoß, öffnete er schlaftrunken die Augen. „Laßt die Dummheiten, Walter!" brummte er mürrisch, sprang aber plötzlich, als man die Waffer- kur so beharrlich fortsetzte, mit einer energischen Anstrengung und einem kräftigen Fluche auf die Füße und starrte die Umstehenden finster-drohend an. „Was soll das bedeuten?" knirschte er zornig. „Na, Männeken, trinken Sie nur erst mal die Taffe schwarzen Kaffee", beruhigte ihn der Wirth grmüthlich lächelnd, „haben gestern wohl zu gut zur Nacht gespeist, schwere Weine getrunken rc., dann kommt der Todtenschlaf, der Alp hintendrein." Thorsen schüttelte verständnißlos den Kopf, der ihm wirklich wie eins schwere Kugel erschien. Er trank den Kaffee und versuchte es, nachzudenken. „Ah", machte er erschreckt, wobei sein Blick in dem Wartezimmer umherirrte, „wo ist mein Begleiter? — Was ist denn eigentlich mit mir vorgegangen? Und — und — bin ich denn in Berlin?" ,Ja freilich, Anhalter Bahnhof, Berlin, junger Mann! — Was mit Ihnen vorgegangen ist, wollen Sie wiffen? — Na, geschlafen haben Sie wie eins Ratte, daß der Schaffner Sie nicht hat aufwecken können, sondern Sie durch Arbeiter hierher hat schaffen laffen müssen, wo Sie die ganze Nacht polizeiwidrig geschnarcht haben; und hätten wir Sie jetzt nicht in dis kalte Wasserkur genommen, dann wären Sie bis Abend nicht aufgewacht rc., junger Mann!" „Und keenen Begleiter haben Sie gehabt", erklärte der Kellner zum Schluß, „nur die Arbeiter, die von Ihrer Freundschaft ein janz Heenes Drinkgeld erwarten." Thorsen sank wieder mechanisch auf die Bank zurück und legte die Hand über die Augen. Dann forderte er plötzlich mit fester Stimme noch eine Tasse schwarzen Kaffee, zog einen Thaler hervor und ersuchte den Wirth, sich davon bezahlt zu machen. Als er Miene machte, noch einige Münzen für die Arbeiter auf den Tisch zu legen, wehrte der Wirth ab und meinte, das sei von dem Thaler übrig, worauf Tho-sen seine Toilette in Ordnung brachte und sich rasch entfernte. Er mußte um jeden Preis allein sein, da seine Gedanken sich noch wie in einem Wirbelwind befanden, und dem festen Willen nicht pariren wollten. Er beflieg einen Pferdebahn-Wagen und gelangte endlich noch dem Thiergarten, wo er allein war, fast ganz allein und unbeachtet, da das unfreundliche Wetter nur wenige abgehärtete Spaziergänger herausgelockt hatte. Den Kopf gesenkt, die Hände auf den Rücken gelegt, schritt Thorsen durch die nassen Waldwege. Sein Kopf wurde nach und nach klar, die dumpfe Schwere, welche wie Blei ihm im Gehirn lag, wich durch die Einwirkung der kalten, feuchten Luft und seine Gedanken ordneten sich mit gewohnter logischer Schärfe. Plötzlich blieb er stehen und schlug sich ingrimmig vor die Stirn. „Narr, der ich war!" zischte er halblaut zwischen den Zähnen, „diesem Hallunken zu vertrauen und meine offenen Karten zu zeigen, ihn nur einen Augenblick allein zu laffen. Es ist klar, daß er mir einen Schlaftrunk in den Wein gemischt, um der Begegnung 512 * * der stolzesten Lady's mochte im stillen bedauern, daß Herrschaften aus meinem Stommgut im Heveser Comitat begrüßen zu können. Olso habe ich jetzt die Ehre, mich zu empfehlen und bitte ich Sie, mich vorher zu benachrichtigen, wonn Sie bei mir onzu- langen gedenken!" „All right" sagte der Lord, dem Grafen herzlich die Hände schüttelnd, „üch werde nicht ermangeln, vorher zu schreiben eune telegraphische Depesche!" „Gonz recht, ganz recht", erwiderte Graf Mikosz, sich vom Lord und dessen Tochter verabschiedend — „telegraphiren Sie nur, Ihre Handschrift werde ich sofort erkennen!" dafür, daß ohne großen Pausen die weitesten Strecken zurückgelegt werden konnten. Und so kam denn der Lord in Begleitung seiner Tochter, einer Zofe und zweier Diener, wie verabredet im wunderschönen Mai auf dem, dem Grafen Mikosz gehörigen Stammgute Uj Galantha im Heveser Comitat, an. Eine Stunde Wegs etwa vor Uj Galantha hatten die Reisenden indeß noch ein kleines Abenteuer zu bestehen. Auf der Landstraße trafen sie einen Trupp Zigeuner, die bettelnd den Wagen umringten und sich schließlich zum Wahrsagen erboten. Zu Extravaganzen stets geneigt, hielt Lady Eveline ihre schöne schmale Hand einer alten Zigeunerin hin, und mit wichtiger Miene las diese aus den Linien der inneren Handfläche: ,,Du kommst weit, weit her aus fremdem Lande. Du kehrst wieder zurück, aber Dein Herz wird hier bleiben. Derjenige, der es Dir stehlen wird, ist ein auf der Landstraße im Staub Geborener. Aber seine Augen blitzen wie Edelsteine und sein Mund weiß gar schöne Lieder zu singen, von der schönen Königstochter mit dem goldenen Haar und den Korallenlippen." Hraf Mikosz und Mszta, der Zigeuner. Humoreske von Trebor. (Nachdruck verboten.) Graf Mikosz, Sportsman par excellence, bril- Lord Fitzgerald, einer der reichsten Edelleute der nordöstlichen Provinzen Norfolk und Lincoln, verbrachte, feit er in den wohlverdienten Wittwerstand getreten, den größten Theil des Jahres auf Reisen. Aber er reiste nicht wie die meisten der übrigen Erdensöhne per Bahn, sondern en grad train in „Und ist er reich, von dem Ihr mir da erzählt?" „Nein, er ist so arm, daß des gnädigsten Herr Graf Mikosz sein allerletzter Csikos reich gegen ihn ist." Hnstig zog die schöne Lady ihre Hand zurück und lachte laut auf. „Alte Hexe!" rief sie gleich daranf unwillig und beleidigt in englischer Sprache; — „aber es geschieht mir ganz recht, man soll mit dieser Gattung auch nicht in den geringsten Connex treten. Zigeuner sind keine Menschen. Charli, gebt der Hexe ein Geldstück, obgleich sie's nicht verdient. Sie hat, angeblich wahrsagend, impertinent gelogen." (Fortsetzung folgt.) der hübsche, steinreiche ungarische Magnat bereits — um mit ihm zu sprechen — „bereits Hand an sich gelegt hatte, in dem er sich vor 2 Jahren am waibliches Wäsen ols Lebbensgefährtinn zugelegt hotte!" Unter andern machte der Graf auch die Bekanntschaft des ebenfalls durch seine Absonderlichkeiten und Excentricitäten gewissermaßen berühmt gewordenen Lords James Fitzgeralt, einer Art Graf Mikosz in's Englische übersetzt. Die Tochter des Lord, the most honorable Lady Eveline, stand in dieser Beziehung ihrem eher papa nicht viel nach. Nun, die junge Dame konnte sich's ja schließlich erlauben. Schönheit und Reichthum und Rang räumen gar manche Rechte ein. „Graf Mikosz," so wandte sie sich kurz vor dessen Abreise an diesen, „Graf Mikosz, Sie sind der un- galanteste Cavalier des Kontinents. Sie verlassen morgen England, ohne uns auch nur einer Einladung nach Ihrem herrlichen Ungarn gewürdigt zu haben. Ich trinke gern Tokayer, möchte ihn aber gern an der Quelle trinken. Nächsten 2. Mai wollen Sie uns auf Ihrer Stamm-Besitzung als Ihre Gäste betrachten, Herr Graf?" „Oh, werd' ich betrochten, mit größtem Vergnügen betrochten, kyrem allaszan," erwiederte Graf Mikosz, „wird mir sein eine ganz unbändige Fraide. Ober, wos Quelle onbelongt, verehrte Miss--" „Lady — Herr Graf, Lady!" „Nein laider nicht mehr ledig. Olfo wos Quelle onbelongt, verehrte Miss, so ist dos ein Missverständnis, Tokayer kommt nicht aus Quelle, sondern wird, I mit Nespect zu sogen, ganz so gepresst wie andere | Wein! Olso, wie schon gesagt wird mir aine kam- j balische Ehre fein, im nächsten Johr die hochgeehrten ’ Nedaction: A. Sch-yda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. mit seinem Feinde, den er zu fürchten hat, zu entgehen. Nun bin ich der Geprellte, ich!" Er stampfte wie ein Wahnsinniger mit beiden Füßen und schwor die schrecklichsten Eide, den Schuft einzusangen und hinter Schloß und Riegel zu bringen, bis endlich der alte Verstand die Oberherrschaft gewann und neue Pläne, neue Berechnungen ihm die gewohnte angenehme Ruhe und Ueberlegung zurückgabm. (Fortsetzung folgt.) lirte mit feinen Pferden insbesondere beim großen I einem nach seinen Angaben gebauten, höchst luxuriös Derby-Rennen 187* in England. Trotz seiner oder | ausgestatteten Neiseomnibus, der nach Art unserer vielleicht gerade wegen seiner ihm angeborenen Ur- | heutigen Schlafwaggons eingerichtet war !)wölf wüchstgkeit in allem feinem Thun und Lassen lenkte i prächtige Rappen, welche dem Marstall eines Poten- er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, und manche taten alle Ehre gemacht hätten, sorgten abwechselnd