1888. Nr. 114. „da die derartig-« Glück mir zu Theil, die Einzige, welche mir dasselbe hätte verwirklichen können, meinte Tante Ulrike, mußte meinem Vater gegenüber sich ohn- i mächtig bekennen — " ; „Oder vielmehr Ihrer Tante Irmgard, sollt' ich \ denken", schaltete Egon achselzuckend ein. „Hinsichtlich meine« Beruf« wohl weniger", fuhr $ Ulrich bitter lächelnd fort, „obgleich diese gute Tante ■ recht viel auf dem Kerbholz hat. Nein, sie war durch« ! au« nicht abgeneigt, mich in der Uniform zu erblicken, ! im Gegentheil! — Der Osficierstand erschien ihr l stet« al« die eigentliche Domaine de« Adels. E« mag meinem Vater, ter natürlich die materielle Seite » in Betracht zog, viele Ueberredung gekostet haben, . sie für seine Idee zu gewinnen, genug, ich hielt mich ! von jener Zeit an für einen verlorenen Menschen, da mein ganze« Sehnen und Denken soldatisch war." \ „Weshalb versuchten Sie nicht anderswo Dienste ; zu nehmen?" fragte Egon theilnehmend. „Ja, lieber Doktor, das ist ein eigenes Kapitel", ! versetzte Ulrich seufzend, „Ihr braver Onkel rieth i wir nach der verlotterten Studienzeit selber dazu und trieb eine zeitlang militärische Studien mit mir. - Dann kam eine Katastrophe mit dem Vater, welche I mich in die Welt hinausschleuderte; erlaflen Sie mir j da« Weitere, ich habe viel erduldet» doch niemals einen Defect meiner Ehre zu beklagen gehabt, war sogar eine zeitlang brasilianischer Soldat, auch Hin« f terwälder, Ackerkrecht, gemeiner Matrose, Alle«, nur j kein ehrloser Verbrecher, zu welchem die eigene Hei- , i matb mich erst stempeln will." 1 l Ulrich« Stimme brach btt den letzten Worten, ' und ausstöhnend schlug er die Hände vor'« Gesicht. । - Eine Weile blieb er still wie im Grabe, worauf sten Monaten mein Reisebegleiter auf einer neuen Expedition sein wollen, soll e« mir angenehm sein." „O, von Heizen £.ern, mein theurer FreundI" rief Ulrich gerührt und erfreut. „Wie soll ich Ihnen, der mir bislang ganz fremd gewesen, es jemals vergelten, was Sie an mir thun. Ich bin i älter und müßte mich schämen, —" „Unsinn, Ulrich! — Des Menschen Schicksal gestaltet sich rur zu häufig nach seinen natürlichen Anlagen und den äußeren Verhältnisien, in welchen er ausgewachsen ist. Mir wurde da« Glück zu Theil, eine harmonische Umgebung und einen sehr ruhigen, der Beständig! it zugeneigten Charakter zu besitzen, der mich da« eine begehrenswrrthe Lebensziel bestimmt in'« Auge fasten und unbeirrt verfolgen ließ. Wohlverstanden unter drr sorgsamsten Pflege, den günstigsten Verhältnissen, die am Ende auch die un« scheinbarste Blüthe zur lieblichen Entfaltung zu Donnerstag dm 27. September. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emilie Heinrichs. (Fortsetzung.) „Nun haben wir noch den fürwitzigen Dctectiv in Betracht zu ziehen. Dieser schlaue Patron nahm mein Ehrenwort in Empfang, mich morgen früh dem Staatsanwalt vorzustellen, was Onkel Tellkamp natürlich auslösen muß. Er wird ohne Zweifel, sobald er von meiner schnellen Abreise hört, Lunte riechen und sich genau nach der Stunde derselben erkundigen. — Es wäre natürlich wünschenswerth, wenn jener Referendar sich nicht genau darauf besinnen könnte. Doch gleichviel, man wird diese Dinge hoffentlich nicht als Ehrenpunkt auffaffen, sondern dem übereifrigen Beamten, dem schlauen Detectiv einen Rüffel geben, was ihn in Zukunft vorsichtiger und höflicher machen kann. Und nun hören Sie unfern Plan, den Sie selbstverständlich corrigtrrn, annehmen oder verwerfen können. Während ich noch einige Tage entweder hier oder anderswo incognito mich aufhalten werde, kehren Sie morgen früh direct nach der Heimath zurück und fahren vom Bahnhof unter Ihrem Rarg und Namen zuerst zu meinem Onkel, um von diesem alsdann in Ihr Vaterhaus geleitet zu werden. Unser gestriger Besuch dafilbst galt, merken Sie wohl, Ihrer Heimkehr, auf welche ich, der Sie draußen in der Welt getroffen, die Familie vorbereitrn wollte. Wenn Sie alsdann in den näch« bringen vermögen." s , - - - „Sie mögen darin recht haben", nickte Ulrich, i möchte wissen, ob der Bursche noch lebt? düster vor sich hinblickend, „denn niemals wurde ein : „Es ist anzunehmm", versetzte Egon, Egon ihm die Hand auf die Schulter legte und mit > festen männlichen Worten ihm Trost und Zuversicht, i Muth und Selbstvertrauen einzuflößen suchte. „Wie die Sache augenblicklich liegt", fuhr Egon fort, „so kommt es im Grunde hauptsächlich darauf an, ob selbst jener Mensch, um dessentwillen Sie in diese Patsche gerathen sind, keine Ahnung Ihres wirklichen Namens und Ihrer Abstammung Hal?" „Er kannte mich nur unter dem Namen Adam ; Sturm, weil ein unbestimmtes Gefühl, nennen Sie ! es meinetwegen Hochmuth, mir verbot, den alten, "i ruhmreichen Namen meiner Vorväter zu verun- , glimpfen. Er nannte sich John Walter, doch hatte ? ich Ursache, ihn ebenfalls für einen mißrathenen i Sprößling einer vornehmen Familie zu halten. Ich Hießener Iamilienblätter Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. 458 heutige Zeitung über ihn berichtete. Auch ich wurde einst das Opfer eines schurkischen Landsmannes, der mich um werthvolle Manuscripte und Sammlungen brachte, — einen Gelddiebstahl hätte ich ihm eher vergeben." „D, sicherlich", rief Ulrich theilnehmend, „was bedeutet dagegen John Walters Raub? Wie traurig, daß die Früchts mühsamer und gefahrvoller Forschungen der Welt so gänzlich verloren gegangen sind." „Das ist nicht gesagt", lächelte Egon melancholisch, „vielleicht kommen dieselben über kurz oder lang mir wieder zu Gesicht al« fremder Federschmuck eines Strauchdiebs. Doch lasten wir dar, mein bester Jmmendorf, bleiben wir bei Ihnen und der erfreulichen Thatsachs, daß Ihre Gegner, ich meine die Polizei und jenen John Walter, keine Ahnung von Ihrer Identität haben." „Wenigstens bis jetzt noch nicht", seufzte Ulrich, „aber, mein lieber Drkcor, haben Sie nicht die Möglichkeit erwogen, daß John Walter am Leben bleiben, wieder genesen, mich einer Tags erkennen und als Ulrich Jmmendorf vor Gericht schleppen kann?" „O, darauf wollen wir'« ankommen lasten", meinte Egon, „denn bis dahin würden Sie längst mit mir auf dem Weltmeer schwimmen. Ich werde noch heute Abend einen Instruction«drief an Onkel Tellkamp schreiben, den Sie ihm übergeben und dann Glückauf zur Rückkehr in die Gesellschaft, um al« nunmehriges Familien Oberhaupt die Ihnen zu- kommende Stellung zu behaupten. Haben Sie dazu festen Muth und Willen?" „Ja, beim Himmel, das habe ich", versetzte Ulrich ohne Zögern, „hier meine Hand darauf, Freund I — Wenn jener Schurk- am Leben bleibt, was ich trotz alledem um meiner Ehrs willen hoffen und wünschen muß, so schwöre ich', nicht eher zu ruhen noch zu rasten, bis Adam Sturms Name von jedem blutigen Makel gereinigt, bis der räuberische Bube völlig entlarvt ist, da er allein außer mir die genaue Thatsachs kennt." „So sei es", stimmte Egon, sein Gla« erhebend, bei, „trinken wir auf die Genesung de» Schurken John Walter I" Sie stieben an und leerten ihre Gläser, um dann mit festem Händedruck ihre Freundschaft zu besiegeln. „Apropos", sprach Egon, nachdem er dem Kellner geklingelt und noch einige Flaschen Wein hatte bringen lassen, „Ihre schöne Stiefschwester ist eine Herzensfreundin unserer kleinen Magdalene, haben sich, glaub' ich, in der Pension kennen und lieben gelernt." „Backfisch-Freundschaften!" warf Ulrich etwas spöttisch hin. „Nun ja, mein Liebster, wir waren auch einmal in jenem Alter, das man beim Masculinum recht bezeichnend die Flegeljahre nennt, cm Fehler, der sich mit jedem Jahre zu verbessern pflegt. Ihrs Schwester darf immerhin auf Hochachtung Anspruch machen, Ulrich I" „Gewiß darf sie das", versetzte jener sehr ernst, „Hedwiga besttzt meine volle brüderliche Verehrung und Liebe, rodl sie in m!r nicht den Bruder, den sie Anfangs nicht erkannte, sondern nur den Unglücklichen, Hülfesuchenden sah und demgemäß ihrem edlen Herzen folgte, sie gleicht darin der vortrefflichen Tante Ulrike." „Ja, sie ist wunderbar", sprach Egon, träumend vor sich hinblickend, „glückselig der Mann, der diese schöne Menschenblume sein eigen nennen darf." Ulrich blickte ihn von der Seite an, stieb eine Dampfwolke und damit einen lnsen pfiffigen Ton aus. „Hm", meinte er dann, „an Bewerbern wird'» der schönen Hedwiga nicht fehlen, denn abgesehen von ihrer Persönlichkeit, besitzt sie auch, wie Tante Ulrike mir mittheilte, ein recht ansehnliche; Vermögen, da» ihr vom Großvater mütterlicherseits sicher gestellt worden. Selbst das Imme dorf'sche Haus gehört der schönen Erbin.' Egon schaute verwundert auf. , Unmöglich!" rief er kopfschüttelnd, „wie konnte Ihr Vater eine solche Ungerechtigkeit begehen?" „O, ganz einfach", lächelte Ulrich, „mein Vater mußte ernten, was er gefäet, zulasten, was er nicht zu hindern vermochte. Hedwiga'» Vermögen stützte das Hau» Jmmendorf, bewahrte es vor einem schmäh- lichm Fall. Sie sehen, lieber Dörner, daß meine schöne Stiefschwester da» eigentliche Haupt unserer Familie ist, nicht ich, der heimathlose Bettler." „Das Unglück macht Sie ungerecht und bitter, lieber Ulrichversetzte Dörner, „was würde Hedwiga zu Ihren Worten sagen? Was Tante Ulrike? — Ich denke mir, daß diese beiden vortrefflichen Wesen stch glücklich schätzen werden, einen wirklichen Beschützer zu erhalten." „Hoffen wir es", seufzte Ulrich, „wenn nur die Vorstellung bei Tante Irmgard erst standesgemäß vollzogen wäre. Ich wette darauf, daß sie von ihren Ansichten und verknöcherten Vorurtheilen noch kein Jota aufgegeben hat und mich mit ihrem peinlichen Stander-Verhör zur Verzweiflung bringen wird, ja bin fest davon überzeugt, daß ste, vom finanziellen Stand der Dinge unberührt, erbarmungslos Hedwiga'» Leben« glück vernichten würde, wie sie es bei Tante Ulrike gethan, fall» dasselbe mit ihren Ansichten nicht vollständig übereinsttmmte." „Hoffentlich wird Fräulein Hedwiga die für den Menschen nothwendige Dosis Selbstliebe besitzen, und nicht den vrrknöchertsten Vorurtheilen, dem herzlosesten Egoismus ihr und Anderer Lebensglück zum Opfer darbringen", bemerk e Egon erregt. „Ach, Sie kennen die Tante Irmgard nicht", lachte Ulrich bitter ouf, „die Gute führte stet« ein ganzes Arsenal wirksamer Geschosse auf, die jeden Widerstand niederschmetterten. Ihr trauriges Schicksal, die zarte Constitution, welche keine Opposition vertrug, da» Alle» machte sie zur unverletzlichen 459 Persönlichkeit, zur unumschränkten Gebieterin, ja zum eigentlichen Familienhaupte." „Und doch schloß Ihr Vater die bürgerliche Verbindung?" Ulrich blickte dükler vor sich hin. „Kennen Sie die näheren Umstände dieser Hei- rath"?" fragte er plötzlich. Mein Onkel erzählte mir erst heute davon, al» er mich zur Theilnahme bei Ihrer Rettung aufforderte. Er meinte, daß solche» zum besseren Ver- ständniß der Situation nothwendig sei." „Um mich milder zu beurteilen und ein wenig Sympathie für mich zu erwecken", lächelte Ulrich melancholisch. „Daran erkenne ich da» goldene Herz meine» alten Freunde». Nun sehen Sie, Doktor!" fuhr er ruhiger fort, „mein Vater trat mit der vollendeten Thatsache vor Tante Irmgard hin, mit der leisen Andeutung seiner finanziellen Lage und der glorreichen Wiederbelebung de» alten Glanze», — welche Argumente natürlich durchschlugen. Ec war eben selbstsüchtiger al» Tante Ulrike, welche daraus die heilsame Lehre hätte ziehen sollen, daß auch Tante Irmgard'» Despotismus zu besiegen gewesen wäre." Egon nickte lebh ft und lenkte dann die Unterhaltung in andere Bahnen, indem er von feinen Reisen erzählte und auch Ulrich dazu veranlaßte, von der eigenen Vergangenheit ein lebendige» Bild zu entwerfen, da» allerdings recht viele trübe Schattenseiten menschlichen Eiend» aufwie». 12. Am nächsten Morgen hielt eine Droschke vor dem Hause des Tellkamp, aus welcher ein eleganter Herr im Reisemantel sprang» und sofort die Klingel zog. Während er wartete, musterte er die Häuserreihe und die Vorübergehenden, die ihn neugierig anstarrten. Ja diesem Augenblick schritt auch der Deiectiv Thorsen vorüber. Er warf einen scharfen Blick auf den vor der Thür herrenden Herrn, der ihn gleichgültig mit den dunklen, hochmüthig blickenden Augen streifte und ging dann langsam weiter, dem Gedanken nachgrübelnd, wo er dieses Gesicht schon gesehen. Als er sich wieder umwandte, um den Herrn noch einmal in Augenschein zu nehmen, war derselbe bereits im Hause verschwunden. Thorsen ging, seinen Schritt beschleunigend, kopfschüttelnd weiter, Hätte er gewußt, wer der Mann war, welcher jetzt im Salon der Regierungsrälhin Dörner stand rrnd vom Major herzlich begrüßt, den Damen al« Freiherr Ulrich von Jmmendorf vorgestellt wurde! Die Regierungsrälhin war von der eleganten Erscheinung de» jungen Manne», den sie verächtlich ein mauvais sujet genannt, ganz frappirt und verwirrt, sie begrüßte ihn mit der ausgezeichnetsten Artigkeit und ersuchte ihn, als er den Major um feine Vermittlung mit dem ihm in Folge früherer Zerwürfnisse entfremdeten Vaterhause bat, — ihr« i Gastfreundschaft nach Belieben zu benutzen, war dem | innerlich trtumphirenden Tellkamp ein Lächeln entlockte. „Ich danke Ihnen von Herzen, gnädige Frau!" | versetzte Ulrich, ihre Hand an seine Lippen ziehend, i „Ich werde diesen ersten Freundes-Gruß in der Hei- f math niemals vergeffen. Doch möchte ich den Herrn 1 Major bitten, mich sofort unter diesem erhebenden s Eindruck Ihres Empfang« zu meiner Familie zu be» । gleiten. Es drängt mich, das Haus meiner Väter \ zu betreten, wie Odysseus nach langer Irrfahrt den Liebergruß einer verwandten Seele zu empfangen." Sein Blick schweifte bei diesen Worten zu Mazda i hinüber, die etwa» abseits im Hintergründe stand 1 und ihn forschend betrachtete. | „Ah", fuhr er, sich vor dem jungen Mädchen ! tief verbmgend, lebhafter fort, „ich sagte Ihnen be- ' reit« von meiner Bekanntschaft mit Herrn Doktor - Dörner, — er erzählte mir gestern» als ich ihn in t der Residenz traf, daß meine Schwester Hedwiga ; mit Fräulein Magdalena Rosen innige Freundschaft i geschloffen, — gewiß darf ich Sie al« diese Freundin f begrüßen, mein Fräulein?" Tief erglühend verneigte sich Magda, ohne ein * Wort der Erwiderung zu finden, werbalb die Regie« ! rungsräthin sich bewogen fand, für sie die Antwort i zu übernehmen und dem Hrrn Baron die Verstche- ; rung zu geben, daß sie da« gnädige Fräulein wie \ ihre eigene Tochter liebe und daß die beiden jungen ! Damen ein Herz und eine Seele wärm, was Ulrich mit großer Genugthuung zu erfüllen schien. Nachdem er versprochen, den Abendthee bei der : Frau Regierungsrälhin einzuriehmrn, empfahl sich ■ Ulrich und verließ mit dem Major das Haus. L-tz- i lerer Halle den Brief feines Reffen bereits von jenem ! empfangen und gelesen und war somit hinreichend instruirt, um dem Plane gemäß zu reden und zu ! handeln. Mit inniger Freude und Genugthuung be« i trachtete er den jungen Freiherrn, der jetzt im Gefühl \ feinet wiedergewonnenen Stellung so stolz und sicher ■ an seiner Seit- schritt, al» habe er nie die düstere ! Kehrseite de» Leben« kennen gelernt, niemals mit der i Hefe der Menschheit verkehren müssen. Tellkamp gewann die beruhigende Ueberzeugung, ! daß wirkliche Bildung und angeborener Seelenadel ! durch keine schmutzige Berührung, keine erniedrigende 1 Stellung jemals zur Gemeinheit und Entäußerung ! der sittlichen Würde herabsinken könne. Ulrich, welcher sich auf Egons Rath in der Refl- I denz mit einem eleganten Lorgnon versehen hatte, ° trug dasselbe jetzt mit der nachlässigen Grazie de« Vollblut - Aristokraten und plauderte so leicht und sicher mit dem Major, daß da» schärfste Auge nicht den gestrigen Menschen in ihm erkannt oder e« nur gewagt haben würde, ihn mit einem solchen Verdacht zu beleidigen. Plötzlich blieb der Major stehen und blickte auf seine Uhr. „Hm, da» ist fatal", brummte er, „Egon erinnert mich in seinem Schreiben an den Staatanwalt, um sein gegebene» Ehrenwort einzulösen. Richtig, richtig, das kann ja im Laufe des Tages noch immer geschehen, da der übereifrige Detectiv noch nicht bei mir gewesen ist. Vielleicht hat Ihnen mein Neffe von unferm Recontre an der Gartenpforte erzählt?" „Ja, ich bedaure es tief, die Ursache einer solchen Beschimpfung gewesen zu sein", erwiderte Ulrich niedergeschlagen. (Fortsetzung folgt.) Mütterliche Sünden. Von Dr. John Sehlke. Ein vielbesungenes Lied beginnt: „Kaum daß der i Mensch das Licht der Welt erblickt" —, so will auch | ich meine Betrachtungen anfangen, muß aber folgen- dermaßen leider fortfahren: — so beginnt auch schon s eine große Neihe fortgesetzter Attentate auf sein Leben 5 und seine Gesundheit, Attentate, welche von den allernächsten Angehörigen des Neugeborenen mit einer . so entsetzlichen Consequenz fortgesetzt werden, bis das : schließliche, gewiß unerwünschte Resultat erschreckend < häufig der Tod oder dauerndes Siechthum des Kindes j ist. Daß es krasses Unwissen gemischt mit kindischem ; Aberglauben ist, welche dies Ergebniß zeitigen, so ist : es immer wieder unsere Pfiicht, belehrend und warnend einzuschreiten. Schlimmer als die Unkenntniß junger Mütter, \ unendlich schädlicher als diese, sind die Kenntnisse (?!) und Erfahrungen der berüchtigten klugen alten Frauen ! „Getretener Quarg wird breit, nicht stark!" sagt Goethe; und sein Freund Schiller sagt auch: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens"!! — Die belehrungsdürftigen, unerfahrenen jungen Mütter sind ein dankbares Object für vernünftige Unterweisungen; die blödsinnigen Anschauungen und Fabeln, die in den alten Köpfen festsitzen, sind leider Gottes unausrettbar. Mit dem ersten Bade wird oft schon das Kind zwar nicht ausgeschüttet, aber doch dauernd beschädigt. Wie oft haben nicht die größten Frauen- und Kinder- Aerzte darauf hingewiesen, daß die Wärme des Bades genau nach dem Thermometer abgemessen werden muß; umsonst! nach wie vor wird die Wärme „nach dem Gefühle" bestimmt! Aber welch entwickeltes „Gefühl" haben nicht diese Veteranen vom Kochtopf und Kochherd, von Waschfaß und Plätteisen, die mit bloßen Händen die heißen Töpfe, die fast glühenden eisernen Ringe ungestraft anfassen dürfen! Ihre Haut, und oft manches mehr, ist vollständig „abgebrüht", ihnen erscheinen vierzehn Grad (Reaumur) recht angenehm, während für das Bad dreißig Grad selten ohne schwere Schädigung überschritten werden dürfen. Für wenige Silbergroschen, für 30 — 50 Pfennige, ist ein für diese Zwecke vollkommen genügendes Thermometer überall käuflich; aber Faulheit und Indolenz rathen hier zu übelangebrachter Sparsamkeit. Sie sparen das Geld! aber nur für den Arzt, den Apotheker oder für den Gärtner — — für Todtenkränze. Ist das Bad glücklich überstanden, dann muß das Kind unfehlbar, „gewickelt" werden! Diese Manipulation ist eine liebenswürdige Spielart des späteren festen Schnürens durch das Corset: nur wird hier der noch gänzlich widerstandsunfähige kindliche Körper mit feinen weichen Knorpeln und Knochen, seinen empfindlichen Weichtheilen und Organen, nach Art der sonst recht wohlschmeckenden Preßwürste zusammengeschnürt, damit auch ja die wichtigsten Lebensfunctionen, Athmung, Blutumlauf, Verdauung und Ausscheidung unter den denkbar schwersten Umständen vor sich gehen müssen. Es giebt ja eine große Menge harmlosen Aberglaubens. Wenn Wöchnerinnen niemals dazu zu bringen sind, an einem Freitage, dem bekannten Unglückstage, zum ersten Male das Bett zu verlassen, so mögen sie in Gottes Namen am Sonnabendaufstehen; wenn die Verwaltung derMartinffchen Frauenklinik in Berlin gezwungen ist, die Zimmer- Nummer „13" ausfallen zu lassen, weil keine Frau in „Nr. 13" liegen will, so kann man auch auf Nr. 12 und Nr. 14 ganz gut behandelt und geheilt werden. Das „Wickeln" aber ist kein harmloser Aberglaube, ist nicht eine gewöhnliche Dummheit, es ist ein Verbrechen an dem wehrlosen Kinde! Unsere Gesetzgebung hat die Impfung zwangsweise eingeführt, obwohl hervorragende Aerzte, große Hygieiniker, behauptet und nach ihrer Meinung, ziffernmäßig bewiesen haben, daß sie nichts nützt, ja daß sie eine furchtbare Schädigung fei. Warum follte da der Staat nicht das Recht haben, seine künftigen Bürger vor einem Mißbrauch zu schützen, dessen Schädlichkeit, dessen Widersinnigkeit kein vernünftiger Mensch auf der ganzen weiten Gotteswelt bestreitet? Aber da kommt die Großmutter der jungen Frau und meinte: „Ich bin gewickelt worden, Deine Mutter ist gewickelt worden, Du bist gewickelt worden; warum soll denn da Dein Kind nicht gewickelt werden?" Ja drartige Beweise können doch wohl nur aus einem Kopfe kommen, in welchem sicherlich auch nicht das kleinste Körnchen Logik jemals gelegen hat! Die Frau Urgroßmutter war höchstwahrscheinlich ein braves Dorsi Eint); sie ist gewickelt worden, aber das spätere kräftigende Landleben, die Abwesenheit aller Schädlichkeiten der Großstadt haben bewirkt, daß sie keinen großen Schaden an ihrer Gesundheit zurückbehalten hat. Die jetzige Großmutter ist schon weniger glimpflich davongekommen, und die junge Mutter, das Stadtkind, war als Mädchen bleichsüchtig, leidet an Verdauungsschwäche, hatte eine schwere Geburt; und da soll sie ihr Kind wieder schnüren lassen, um es ja und ja für alle Gesundheits-Schäden, welche die weiterschreitende Cultur nun einmal unbestreitbar mit sich bringt, recht empfänglich zu machen?! Wir werden jetzt von Bekleidung und Haltung des Säuglings zu reden haben, wollen aber vorher mit wenigen Worten die Ernährung betrachten. Mit wenigen Worten! — Denn daß der Säugling nur die Mutterbrust bekommen darf, bedarf doch keiner weiteren Auseinandersetzung. (Schluß folgt.) Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.