Hichener Jamiüenbläller. Nr. 87. Belletristisches Beiblatt ;um Gießener Anzeiger. Donnerstag dm 26. Juli. 1888. Der Kröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) öffnete die Thüre und trat in ein großes, äußerst freundlicher und höchst elegant ausgestattetss Zimmer ein. Auf einer seidenen Ottomane, nahe dem Kamin, erwartete ihn Blanche in Halbliegeader Stillung. Bei dem Eintritte ihres Vormundes stand sie auf unb ging ihm mit zitternden Schritten ent. gegen. Sie sah blerch und angegriffen aus. Ihr goldblonder Haar fiel wirr und aufgelöst auf ihren Schlafrock hinab. Ihre grauen Augen waren weit geöffnet und hatten einen unsagbaren traurigen Ausdruck. Sir Arthur war über ihr Aussehen erschreckt — beunruhigt. „Um Gotteswillen, Blanche", rief er, ihre Hand ergreifend. „Du bist krank. Deine Hand brennt wie Feuerl Ich muß augenblicklich nach dem Doktor schicken." „Nein, Oakelchen, nein!" entgegnete Blanche in einem Tone, welcher zu ihrer sonstigen fröhlichen Stimme in scharfem Widerspruche stand. „Ich bin nicht körperlich krank, es ist mein Gemüth." „Dein Gemüth I" sagte Sir Arthur verwirrt. „Willst Du etwa sagen, daß Du Kummer hast?" Das junge Mädchen nickte ernst. „Welcher Kummer kann Dich so angreifen, meine kleine Blanche?" fragt- der Baronet, sie zu sich auf die Ottomane hinabziehend. „Dein Aussehen er. schreckt. Sage mir es, als ob ich Dein Vater wäre, au deffen Stelle ich heute vor Dir stehe." Blanche rang jammernd die Hände. „Ach, Onkelchen", sagte ste mit erstickter Stimme, wie kann ich Dir es sagen? Ich habe nicht geglaubt, daß es so schwer sein wird. Ich kann nicht — ich kann nicht!" Sir Arthur legte seinen Arm sanft um den schlanken Leib des Mädchens. Mit der anderen Hand unter ihrem zuckenden Kinn, zwang er ste sanft, ihr bleiches, kummervolles Gesicht zu erheben, aus dem alle Heiterkeit gänzlich verschwunden war und deffen seltene Schönheit wie aus weißem Marmor gemeißelt schien. „Jetzt sage ee mir, kleine Blanche", sagte er im Tone sanfter Festigkeit und zärtlichen Befehls. „Du zerreißt mir das Herz." „Ich werde Dir das Herz erst zerreißen müssen, ! wenn ich Dir Alles sage, schluchzte Blanche. „Ach Onkel! Es ist wegen — wegen Guy.ll „Nun, mein Kind, was ist so schrecklich wegen Guy?" Er wartete mit scheinbarer Ruhe, jedoch mit ängstlicher Hast auf ihre Antwort. Was für ein schreck- liches Ding hatte sie ihm mitzutheilen? Einige Augenblicke lang herrschte tödtlichks Still- schweigen zwischen ihnen — ein Stillschweigen, das nur durch Blanche's Schluchzen unterbrochen wurde- Es schien, als ob Blanche in dieser letzten Minute Alles, was sie gesagt hatte, zurücknehmen und ihrem Vormunde vorenthalten würde. Sie rang von Neuem bitterlich weinend die Hände. „O, ich kann nicht! Ich kann nicht!" ächzte sie. „Du wirst mich Haffen, weil ich Dir so Schreckliches Nitthelle. Ich kann es Dir nicht sagen." Eme plötzliche Röths flammte in Sir Arihur's Wangen auf. Seine Augen begannen zu leuchten. „Ist es — ist es, daß Du aufgehört hast, ihn zu lieben?" fragte er zitternd. Auch Blanche's Wangen röthetrn sich. Sie athmete kurz und schwer auf. Eine plötzliche Verwirrung d-mächtigtr sich ihrer. „O nein, nein!" flüsterte! sie leise und zögernd, als ob sie. e« nicht wagte, zu schweigen. „Du liebst ihn also? Du liebst ihn noch?" Das Mädchen antwortete nicht, senkte aber langsam den Kopf. Sir Arthur las in dieser Bewegung eine schüchterne Bejahung seiner Frage. Die Farbe wich aus seinem Gesichte. Einige Augenblicke war er ganz stille. Dann sagte er in ernstem, bekümmerten Tone: „Sprich, Blanche! Du liebst Gay noch! Was bekümmert Dich a!so derartig? Sage es mir." Blanche zwang sich, ruhig zu sein. „Ich will es Dir sagen, lieber Onkel, selbst wenn Du mich dafür Haffen solltest", murmelte sie gebrochen. „Ich war die vergangene Nacht schlaflos. Ich lag stundenlang wach, ruhelos und ängstlich, an das Geld denkend, das in der Kaffe lag! Und ich fürch- tete mich vor Einbrechern. Endlich — es muß kurz nach Mitternacht gewesen sein, — hörte ich Schritte in der Halle —" „Ah!" „Ich — ich glaubte, es könnte ein Einbrecher sein! Ich fürchtete, man würde Dich ermorden, um zu dem Kaffenschlüssel zu gelangen! Und ich sprang auf, warf meinen Schlafrock über und eilte in die Halle, in der Absicht, Dich zu wecken! Ich war kaum in der Halle angrlangt, als ich Jemanden au« 850 deinem Zimmer heraus kommen hörte! Ich hatte nur Zeit, mich in der Nische hinter dem bronzenen Kreuzritter zu verbergen, in der Nähe meiner Thürs, als ein Mann aus dem Zimmer heraurkam! Er hatte den Schlüssel zur Kasse in der Hand!" Sir Arthur betrachtete Blanche mit brennenden Augen. Das Mädchen fuhr mit gebrochener Stimme fort: „Der Mann setzte fich in der Halle auf einen Stuhl nieder! Ich kauerte in der dunklen Nische. Plötzlich ging er in Guy's Zimmer und kam mit einem Licht heraus. Er ging über die Treppe hinab in das Bibliothekzimmer! Und ich ging ihm nach, denn ich glaubte, daß er nachtwandle! Aber er war vollkommen wach! Er ging zur Kasse hin und öffnete fiel Er nahm den SaS mit dem Golds heraus, versperrte die Kasse und warf den Schlüssel auf die Erde. Dann öffnete er das Fenster und schlich mit seinem gestohlenen Gelds auf die Terrasse hinaus!" „Hast Du sein Gestcht gesehen?" fragte der Baronet mit einer sonderbaren Ruhe. „Ja, lieber Vormund!" „Und Du kanntest diesen Mann?" „Ja, Onkelchen I O, ich kannte ihn!" „Nun, wer war es? Wer war dieser mitternächtliche Räuber?" Es erfolgte ein kurzes, schreckliches Stillschweigen. Dann sagte das Mädchen in gebrochenem Tone: Es — es war Guy!" Siebenunddreißigstes Kapitel. Ein ungesehener Zeuge. Die Enthüllung Blanche's, daß Lowder der mit- ternächtliche Dieb fei, der Sir Arthur beraubt hatte, machte auf den Baronet, wie das junge Mädchen gssürchtet hatte, einen tief erschütternden Eindruck. Trotz Blanche's Weigerung zu sprechen, hatte Sir Arthur die volle Wahrheit nicht geahnt. Jetzt wendete er sein Gesicht von ihr ab und be- deckte es mit den Händen. Das Mädchen rückte näher zu ihm heran, umklammerte seins Hände in stummer Theilnahme, sagte aber kein Wort. Es herrschte ein kurzes Stillschweigen zwischen dem Paare, dann sagte Sir Arthur in gebrochenem Tone: „O, mein Sohn, mein Sohn! Mein einziger Sohn. Ich hielt ihn für die verkörperte Ehrenhaf- tigkeit. Wie ich ihn geliebt habe! Ich wäre für ihn gestorben! Und was ist er? Ein Lügner! Ein Dieb!" 0 „Ach, Onkel!" rief das junge Mädchen schaudernd. Sir Arthur schaute sein Mündel an. Sein schönes Gesicht war finster und bleich. Aus seinen großen, dunklen Augen schaute rin Ausdruck von Verzweiflung und Schmerz. „Meine arme, kleine Blanche", sagte Sir Arthur, seine Hand liebkosend auf ihre blonden Zöpfe legend, $ ,/Und Du liebst ihn noch immer? Es ist ein seltsam ' Ding um die Frauenliebe! Sie überdauert Ächtung» Verehrung, Alles." Blanche machte eine Geberde der Verneinung, aber ihr Vormund beachtete sie nicht. Hätte er richtig in ihrem Herzen gelesen, so hätte er erkannt, daß ihr ganzer Schmerz nur ihn und nicht ihre eigene Enttäuschung betraf. Hätte er sie besser gekannt, so würde er verstanden haben, daß Blanche nie einen Mann lieben konnte, den sie zu achten aufgehört hatte. „Diese Erfahrung ist ebenso traurig für Dich, als für mich, Blanche", fuhr ihr Vormund in trübem, schmerzlichem Tone fort, den Kummer des jungen Mädchens selbst in seinem eigenen Schmerze noch mitfühlend. „Guy ist nicht mehr, was er war. Er hatte einen großmüthigen und edlen Charakter, dessen Mittelpunkt die Wahrheitsliebe war. Er haßte jede Lüge. Bis zu seiner kürzlichen Rückkehr aus dem Auslands hätte ich mein Leben für seine Ehrenhaftigkeit und Aufrichtigkeit eingesetzt." Blanche antwortete nicht, sondern streichelte nur leise die Hand, welche sie umschlossen hielt. „Hätte ihn ein Anderer gesehen, Blanche, als er diesen Raub beging", sagte ihr Vormund langsam, „würde ich mich geweigert haben, es zu glauben. Und dennoch habe ich ihn unwahr, geheimnißvoll und verschlossen gefunden. Die Geschichte mit dem Fremden gestern war etwas sonderbar und auffallend. Mein Sohn ist mir ein verschlossenes Buch. Er war heute Morgen bei mir in der Bibliothek, al» ich meinen Verlust entdeckte; und er bemühte sich, meinen Argwohn auf Purmton und Paxter zu lenken, die treuesten Diener, die je ein Mann gehabt hat. Er hätte sich die Gemeinheit ersparen können, Schuldlose anzuklagen!" „Was! Er wollte sie seines eigenen Verbrechens anklagen!" rief Blanche aus, entsetzt über die bodenlose Schlechtigkeit ihres Verlobten, den sie noch vor Kurzem für so gut und edel gehalten hatte. „O, Sir Arthur!" ' „Ich hätte Dir da» nicht sagen sollen, Blanche. Du hattest ohne dies schon genug zu tragen", sagte der Baronet thetlnahmrvoll. „Das Geld war ihm in anderer Form bestimmt. Was konnte ihn veranlassen, den Raub zu vollziehen? Wieso konnte er zweitausend Pfund so dringend benöthigen? Und wenn er Geld brauchte, warum hat er sich nicht an mich darum gewendet? Offenbar hat er sich ge- fürchtet, daß ich ihn fragen werde, wozu er es brauche." „Habt Ihr gestern bemerkt, Sir Arthur, daß Guy erschrocken, ja entsetzt war, als er den Brief von dem Fremden erhielt, von welchem er behauptete, daß es ein Bettelbrief fei? Vielleicht hat er den Fremden früher gekannt und vielleicht war der Brief eine Mahnung?" „Blanche, ich glaube, Du hast Recht", rief Sir Arthur in raschem, erschrockenem Tone. , Aber wie konnte er dem Menschen eine so bedeutende Summe schuldig sein?" 851 „Er wird ihm vielleicht nicht Alles schuldig gewesen sein, lieber Onkel, aber er wird Alles genommen haben, um den Raub mehr als die That eines gemeinen Einbrechers erscheinen zu laffen. Denn ein gewöhnlicher Einbrecher hätte gewiß nicht nur eine bestimmte Summe herausgenommen und das andere Geld zurückgelaffen. Vielleicht hatte er cs nöthig zur Deckung einer Spielschuld." „Es bedarf nur der Bestätigung dieser 58er# muthung zur Gewißheit, um meinen Schmerz auf den höchsten Punkt zu bringen. Ein Spieler! Ein Lügner! Ein Dieb! Und er ist mein Sohn!" Sir Arthur schob die schlanken, ihn umklammernden Arme von sich und schritt mit raschen, ungedu'- bigen Schritten im Zimmer auf und ab. „Blanche", rief er aus, „ich muß die Wahrheit wissen — die ganze Wahrheit und sogleich! Ich werde nach Ardleigh hinüberschicken, um zu erfahren, ob der Fremde über Nacht dort war. Wenn das der Fall ist, dann bestätigen sich unsere schlimmsten Befürchtungen. Ich werde mich ganz ruhig der eingehendsten Untersuchung dieser Angelegenheit widmen. Ich wünsche nicht, daß Guy wisse, daß ich ihn des Diebstahls verdächtige. Komme daher zum Frühstück und zum Diner wie gewöhnlich hinunter, wenn Du kannst. Ich will Dich von meinen Entdeckungen verständigen, sobald ich diese mache." Er trat auf sie zu und küßte sie auf die Stirne. Dann ging er hastig hinaus und kehrte in die Bibliothek zurück. Nach einer kurzen Selbstberathung und nachdem er einigermaßen seine äußere Ruhe wiedererlangt hatte, zog Sir Arthur die Glocke. Ein Diener erschien und Sir Arthur beauftragte ihn, unverzüg- lich Purmton zu ihm zu schicken. Al« der Haushofmeister, der Aufforderung gehorchend, in's Zimmer trat, sagte dir Baronet ruhig: „Purmton, ich habe eine Vermuthung bezüglich des Diebstahls von vergangener Nacht und werde Eures Beistandes bedürfen. Habt Ihr gestern einen sonderbar aursehenden Ausländer in den Anlagen Herumschleichen sehen?" „Ein kleiner, schwarzbrauner Kerl, mit funkeln, den schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren?" fragte der Haushofmeister eifrig. „Ich habe einen solchen Menschen gestern mit dem alten Luke im Garten sprechen sehen. Ec brachte später einen Brief für Herrn Guy. Der Mensch hatte ein unheimlicher Gesicht, Sir Arthur, und als der alte Luke später in den Schlafsaal kam, sagte er, daß der Mann viele Fragen über die Familie gestellt habe und einen Platz suche. B:argwohnt Ihr den fremden Mann, Sir Arthur?" „Ich glaube, daß er etwas zu thun hat mit dem Diebstahl, Purmton", erwiderte der Baronet. „Ich möchte vor Allem wissen, ob er in Ardleigh geschlafen hat und wünsche, daß Ihr sogleich in's Dorf hinübergeht, vorsichtige Erkundigungen einzieht, aber über die ganze Sache verschwiegen seid und Niemand — nicht einmal Herrn Guy — erfahren laßt, welche Richtung mein Verdacht genommen hat." „Sehr gut, Sir Arthur", sagte der Haushofmeister, wohl etwas verwirrt, aber trotzdem überzeugt, daß fein Herr vollkommen Recht habe, so vorsichtig zu sein. „Ich will mich sogleich auf den Weg nach Ardleigh aufmachen." Nachdem er noch einige weitere Unterweisungen von dem Baronet erhalten hatte, entfernte sich der Heushofmeister. Wenige Minuten später sah ihn Sir Arthur bereits die Allee hinabreiten. Purmton ritt nach Ardleigh und stieg in dem kleinen Hose der Wtrthshauses zum „Tressilian# Wappen" ab. Ec ging in das Schankzimmer, fing an mit dem Wirthe zu plaudern und hatte bald heraus, daß der Fremde, den er suchte, nicht in diesem Gasthause übernachtet hatte. . Unter dem Vorwande, einige Einkäufe machen zu müssen, ging er nach einer Weile fort, sein Pferd vor der Hand noch in dem Wirths Hausstalle zurücklassend. Als er auf der Straße angelangt war, sagte er leise zu sich selbst: „Er wird im Sternwirthshaus übernachtet haben. Arme L ute und Landstreicher gehen meistens dorthin." Er ging langsam die schmale Straße hinab, bi« er in der Nähe des Sternwirthshauses angelangt war. Ec beabsichtigte in das Schankzimmer einzu- treten, ging aber von diesem Entschlüsse ab, als er, sorglos an die Hausthüre desselben gelehnt- mit einer kurzen Pfeife im Munde, eben den Mann stehen sah, den er suchte — Jacopo Palestro. . Ja, das ist der Kerl", dachte der Haushof. meister mit einem fcharfprüfenden, jedoch verstohlenen Blicke nach dem Exschreiber. „Ohne Zweifel ist er's. Er hat goldene Ohrringe, eine schwarzbraune Haut- färbe und kleine, schwarze Augen. Ich glaube, daß er schon seit gestern im Sternwirthshaus ist. Ohne Zweifel ist er der Dieb oder einer von den Dieben, welche Sir Arthur in vergangener Nacht bestohlen haben." Purmton ging langsam weiter, machte einige Einkäufe in einem Laden in der Nähe des Wirths- Hauses und ging dann mit einem Packele in der Hand mit höchst gleichgtltiger Miene wieder an dem Schreiber vorüber. Im „Tressilian-Wappen" holte er sein Pferd ab und ritt dann wieder nach dem Schlosse zurück. Sir Arthur war noch in der Bibliothek, als Purmton bei ihm eintrat. Der Haushofmeister stattete seinen Bericht ausführlich ab. Der Baronet schien nicht überrascht, zu erfahren, daß Palestro noch in Ardleigh sei. „Seine Anwesenheit im Dorfe bestätigt meine Vermuthung!" sagte Sir Arthur düster. „Haltet reinen Mund, Purmton, ich wünsche nicht, daß mein Verlust im Hause bekannt werde." Er entließ seinen Diener und die Maske der Ruhe fiel von seinem bekümmerten Gesicht, al» er sich wieder allein sah. — 852 „Manchs hat Recht", sagte er zu sich selbst. „Guy muß dem Fremden eine Spi-lschuld zu zahlen haben. Auf geradem Wege kann er ihm keine solche ungeheure Summe schuldig sein. Der Mann folgte ihm nach England und drang darauf, seine Forderungen bezahlt zu bekommen. Guy wagte es nicht, demselben Widerstand zu leisten, da cr meinen Abscheu vor dem Laster des Spieles kennt, und fürchtete, die Thatfachm könnten mir zu Ohren kommen; und um daher meinem gerechten Zorn auszuweichen, hat er sich in ein Verbrechen gestürzt. Was soll ich nun thun?" Die Frage war schwierig zu beantworten. „Ich könnte Guy, wenn er vom Advokaten zu, rüäkommt, hereinrufen und sagen, was Blanche mir erzählt hat", dachte er. „Aber wäre das auch weife gehandelt? Die Wahrheit ist, daß mir mein Sohn täglich mehr ein Geheimniß wird. Ich glaube, ich werde die Dinge ihren Lauf nehmen laffen und ihn ruhig beobachten. Es ist mir vollkommen klar, daß er den Raub allein vollbrachte. Blanche hörte ihn auf fein Zimmer gehen, wenige Minuten, nachdem er durch das Bibliothek-Fenster hinaurgestiegea war. Diese Thatsache, vereint mit der verlängerten An- Wesenheit des Italieners in Ardleigh, beweist deutlich, daß er dem Fremden das Geld noch nicht bezahlt hat. Er hat es wahrscheinlich im Parke verborgen und wird es ihm heute Nacht geben. Guy wird den verdächtig a» sehenden Italiener nicht im Stern- wirthshaus besuchen. Sie werden sich also heute Nacht im Parke treffen. Ihre Begegnung soll einen Zeugen haben. Meine Pflicht gegen Blanche und mich selbst erfordert es, daß ich den Charakter meines Sohnes genau erforsche." (Fortsetzung folgt") Die tieöe Eitelkeit. Von Robert von Hagen. (Nachdruck verboten.) Frau von X., eine Schönheit comme il faut, sitzt beim Klavier und arbeitet in C-moll. Es läutet. Das Kammerkätzchen erscheint. „Gnädige Frau, ein Herr — hier seine Karte." — „Er wird wohl meinen Gemahl sprechen wollen — sage, daß er erst um 4 Uhr Nachmittag nach Hause kommt." — „Nein, er wünscht Sie, gnädige Frau direet zu sprechen." — „Dr. Traube? Traube? ei doch, das wird wohl der Assistenzarzt vom Dr. L. sein — lasse den Herrn eintreten." — Gleich darauf tritt unstäten blinzelnden Blickes der Herr Doctor ein — eine äußerst unheimliche Persönlichkeit, wie nunmehr Frau von X. behauptet. — „Ach, Sie kommen wohl wegen des abscheuligen Zahns, der noch plombirt werden soll — nicht wahr? Nehmen Sie gefälligst Platz." — „Nein, meine Gnädige — in anderer Angelegenheit. Ich bin Mitarbeiter der Leipziger Jllustrirten, mein Name dürfte Ihnen bekannt sein." — „Oh, parfaitement—indeß, Sie wünschen, mein Herr?" — „Nun also, meine Gnädige, mein Name ist Ihnen bekannt, das erleichtert Vieles. Sie lesen doch unbedingt die Parlamentsbilder in unserer Zeitung? Ja? Nun, die verfasse ich!" „Das freut mich, Herr Doetor, indeß." — — „Ich will mich kurz fassen, meine Gnädige. Sie spielten vor einigen Tagen in der Wohlthätigkeits-Soiroe bei der Gräfin L. Ist dem so?" — „In der That, ich spielte damals zwei Wen." — „Und ernteten rauschenden Beifall, denn Sie spielten, um eine Clara Schumann, einen Rubinstein, einen Dreyschock in den Schatten zu stellen." — „Oh, das ist viel zu viel gesagt. Waren Sie bei der Soiroe anwesend?" — „Das nicht, meine Gnädige — aber es ist das Echo des Urtheils berühmter Capacitäten, welche anwesend waren; nun, auch diese sind es, welche mich veranlaßten, Ihnen mit der Bitte zu nahen, mit die Erlaubniß zu er- theilen, daß in einer der nächsten Nummern der „Leipziger Jllustrirten" Ihr Bild mit Text erscheine. Wenn die Bescheidenheit auch gern im Schatten weilt — sie muß, und fei’® mit Gewalt, dem Rayon des glänzenden Sonnenlichtes"---„Herr Doetor, Herr Doetor — Sie werden überschwänglich. Nein, nein, Herr Doetor, dazu kann ich meine Einwilligung nimmermehr geben — selbst wenn es mir gleichgil- tig wäre, — so ist doch mein Mann in dergleichen Dingen sehr penibel. Er meidet die Öffentlichkeit, soweit sich dies nur mit seiner Stellung im Staat vereinbaren läßt." — „Ueber diese Sorge, meine Gnädige, kann ich Sie schnell hinwegheben, wenn ich Ihnen, — und zwar im Vertrauen — mittheile, daß Ihr Herr Gemahl bereits längst in der Liste derjenigen verzeichnet steht, deren Bild nebst Text in der Jllustrirten noch im Laufe dieses Jahres erscheint." Wie elektrisirt sprang die hübsche Dame auf: „Herr Doetor — sind Sie dessen sicher? Das Bild meines Mannes, es erscheint thatsächlich in Ihrer Zeitung? Ja haben Sie denn schon eine Photographie, nach der es fertig gestellt wird?" — „Oh gewiß, die Bilder haben wir' uns gleich anfangs besorgt." — „Ach, Herr Doctor, da haben Sie ja noch eines von den alten Bildern; da ist mein Mann ganz entsetzlich dargestellt. Oh, wenn es noch Zeit wäre — — ich gebe Ihnen das letzte Bild von ihm — eine Cabinetphotographie, auf der er ganz reizend aussieht; auch trägt er auf derselben bereits den neuen Orden, der ihm vom Kaiser von Rußland verliehen wurde; können Sie es noch ermöglichen? Oh, thuen Sie mir diesen großen Gefallen. Hier, hier sehen Sie, hier ist das Bild; wie stattlich er da aussieht. Sagen Sie, bester Herr Doctor, geht es denn noch zu ändern?" „Oh, gewiß, meine Gnädige; — allerdings würden dadurch neuerdings Kosten er—er—wachsen — denn Sie begreifen — der alte Stock — — (Schluß folgt.) Redaction: A. Schcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.