Hichener Isamilienblätter. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. Rrl" >1. Donnerstag dm 26. Januar.___________________________1888. Ate verkorene Wiöek. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartmann-PlSn. (Fortsetzung). „Um Gotteswillen, Frau Geheimräthin", rief Frau Rohdenberg au», „Sie machen meinen Enkel ja eitel!" „Etwas Eitelkeit ist für einen Künstler noth- wendig uno kann zu einem fruchtbringenden Sporn werden." „Aber ein solches Lob und noch da u au» J^rem Munde, könnte einen Anfänger zu dem Glauben verleiten, daß er schon vollendet sei und nicht» mehr zu lernen brauche. Ich hatte an dem Spiele Manches auszusetzen." „Das hatte auch ich, gnädige Frau", sagte der Professor. „Ah, da höre ich den strengen, unerbittlichen Lehrer seine« Schüler»", wandte sich Alexandra an Marquardt. „Sie denken an dir eine Cadence, die Herrn Rohdenberg etwa» mißglückte? Ja, was sagt denn da»? Da» passirt den anerkanntesten Künstlern und habe ich e» selbst erlebt, daß Joachim ein solche» Malheur widerfuhr! Doch zur Hauptsache! Wer selbst solchen Vortrag besitzt, kann rhn auch Anderen beibringen, und in diesem Glauben, Herr Rohden» berg, bin ich hierhergrkommen, um mir die Frage zu erlauben, ob Sie wohl Lust hätten, unfern Gesangverein zu leiten und unser Direktor zu werden I" Frau Rohdenberg hatte schon seit einiger Zeit die Ahnung gehabt, daß dir» der Zweck sei, um desientwtllen die Gcheimräthin hier erschienen. E» wurde ihr, ol» die» nun von Letzterer ausgesprochen worden war, etwa» beklommen zu Sinn, sie dachte daran, in welchem Ruf der Koketterie diese unge» wöhnlich schöne Frau stand, e» wollte ihr scheinen, al» wenn schon in diesem Augenblick rin berechnetes Feuer au» deren Augen auf den unschuldigen jungen Mann entsendet würde; sie hatte nun einmal da» Mißtrauen, und e» regte sich in ihr der Verdacht, so haltlo« und durch nicht» gerechtfertigt er im Grunde war, daß der Gesangverein nur deshalb von der Frau Wolter in» Leben gerufen würde, um ihren Siegfried dadurch, daß sie ihn zum Direktor wählte, häufiger sehen zu können. „Sie erweisen meinem Enkel zu viel Ehre, Frau Gcheimräthin", sagte sie, ohne ihre Erregung zu ver» rathen, „diese Auszeichnung ist ja für ihn sehr schmeichelhaft, seine Ausbildung ist aber noch keineswegs perfect, und ich glaube daher auch nicht, daß er schon im Stands sein wird, einen Chor zu dirigiren." „Was sollte er wohl nicht!" rief der Professor mit fast dröhnender Stimme. Er ärgerte sich darüber, daß Frau Rohdenberg offenbar von ihrem schon geäußerten Bedenken gegen diese herrliche Frau sich leiten ließ, den Versuch zu machen, eine Sache zu vereiteln, die für Siegfried'» künstlerischen Ruf, für seine ganze Zukunft von unberechenbaren Folgen werden konnte. „Was sollte er nicht!" wiederholte er. „Wenn er noch nicht fähig wäre, einen Gesangverein zu dtri- giren, so lernt er e« in seinem Leben nicht, und ich müßte mich geniren als sein Lehrer bezeichnet zu werden. Es ist auch nur Bescheidenheit, die unsere verehrte Frau Rohdrnberg im Namen ihre» Enkels zeigen zu müffen glaubt, sie weiß recht gut, was der Junge leisten kann. Nun will ich einmal in seinem Namen sprechen und sagen, der Siegfried dankt Ihnen, gnädige Frau, für eine Auszeichnung, die er zu schätzen weiß, und nimmt den Posten an!" „Was sagt aber die Hauptperson selber dazu?" fragte Alexandra, ihr Gesicht dem jungen Manne mit einer gewissen Spannung zuwendend. „Ich kann nur dasselbe sagen, was der Herr Professor schon di- Güte hatte auszusprechen: Ich danke Ihnen für das Vertrauen, welches Sie mir schenken und nehme das Amt an, das ich Ihnen verspreche, mit Esser und Treue zu verwalten.- „Gut, abgemacht!" sagte die Geheimräthin sich erhebend. „Und nun danke ich Ihnen, daß Sie so freundlich auf meine Wünsche eingegangen find; hoffentlich werden wir recht gemiUhliche Abende zusammen verleben. Die gesellschaftliche Etikette, deren Nothwendigkeit ich vollkommen anerkenne und deren Herrschaft ich mich auch sonst gerne unterordne, will ich versuchen, etwas zwangloser zu gestalten, und um gleich ein Beispiel anzuführen, will ich Ihnen heute schon verrathen, daß ich nach Bismarck'schem Vorgänge ein Fäßchen Bier auflegen werde. Unsere Sänger trinken ja sonst gern Bier, so wird e» auch wohl an den Uebungsabenden ihren Stimmen nicht schaden! Um eine Gefälligkeit möchte ich Sie noch bitten, nämlich, wenn es Ihre Zeit erlaubt, in den nächsten Tagen einen Augenblick bei uns vorzu- . sprechen, damit wir uns über die Gesangsnummern ■ berathen können, welche zunächst einstudirt werden , sollen. Kann ich Sie erwarten?" „Ich werde mir die Ehre geben." „Merci! Und nicht wahr? Zu den Proben bringen Sie auch dann und wann Ihre Geige mit 42 und erfreu en uns in den Pausen durch e-ven kleinen Vortrag, ich erbiete Mich, Sie auf dem Flügel zu begleiten. Auch zürnen wir Ihnen nicht, wenn Sie Klaviernoten mitbringen, denn der Herr Profeflor hat mir gesagt, daß er sich nicht entscheiden könne, welches Instrument Sie am sichersten beherrschten, die Geige oder das Klavier! «Frieda 1* rief sie ihrer Stieftochter zu, „wir müssen uns beeilen! Ich habe eine Anzahl Damen und Herren zu einer vorläufigen Besprechung ge- laden, sie könnten eintreffen, bevor wir zurück find; diejenigen Sänger und Sängerinnen nämlich, deren Stimme ich würdig halte, Theil zu nehmen! Ach", fügte sie lachend hinzu, „das wird noch bei Vielen böses Blut setzen, bei solchen, die sich für eine Patti oder Lucca halten und nun keine Aufforderung erhalten haben!" „So empfehle ich mich denn", fuhr sie fort, reichte Marquardt die Hand, verbeugte sich vor Siegfried, ebenso vor Frau Rohdenberg, ergriff Frieda's Hand, die für Alle eine kurze Verbeugung hatte, und verließ, von der Besitzerin der Wohnung bis auf dm Flur begleitet, das Zimmer. Der Profeffor ging sogleich auf Siegfried zu, topfte ihm auf dis Schulter und sagte: „Du kannst Dir gratuliren, mein Junge, nicht allein bei der Frau Wolter überhaupt eingrführt zu sein, sondern dort einen so ehrenvollen Posten bekleiden zu sollen. E- ist ein Glück, wie es nur wenigen so jungen I und unbekannten Künstlern zu Theil wird. Ich sage, es ist ein Glück, denn Glück gehört nun ein» ms! dazu, bei allem Können rasch in Ruf zu kommen. Und diese Bekanntschaft wird Dir vielleicht die Wege bahnen!" Frau Rohdenberg trat in diesem Augenblick ins Zimmer und machte ein niedergeschlagener Gesicht. „Sie sehen aber wirtlich aus, meine wsrthe Frau Rohdenberg", rief Marquardt mit etwas verstärktem Baßorgan zu, „als wenn Ihnen die Petersilie verhagelt sei! Ich finde, daß Sie dazu nicht den mindesten Grund haben, sondern, daß Sie sich freuen müßten über das, was dem Friedel pafsirt ist. Ich sage noch einmal, es ist em Glück, daß er in diesem Hause Zutritt gewonnen und unter so günstigen Auspicien. Was hilft alle Meisterschaft, wenn sich zu wenig Gelegenheit bietet, sie zu zeigen, und wenn der Ruf einer jungen Künstlers nicht über dar Weichbild unserer Stadt hinaus dringt. Sie legen dem Umstande, bei der Frau Wolter zu verkehren, viel zu wenig Bedeutung bei. Ohne etwas Protection und ohne Bekanntschaften zu machen ist es schwer, vorwärts zu kommen. Was erscheint nicht Alles im Salon der Frau Geheimräthin? Richt allein die einheimischen Celebritäten der Kunst und was noch wichtiger ist, der Kritik, sondern auch fremde werden stets dort eingeführt. Im vorigen Winter traf ich zwei maßgebende Berliner Kritiker. Und Siegfrieds Streben für die nächste Zukunft muß sein, sich in Berlin die Sporen zu verdienen. Aber wie schwer ist in dieser Stadt anzukommen I und in einem Concert sich produc^ren zu können! Das macht sich leichter, wenn er hier schon maß- gebende Persönlichkeiten Lmtien lernt. Beachtung wird er schon finden, wenn die Frau Geheimrath ihn als den Director ihres Gesangvereins vorstellt, und Gelegenheit, vor diesen Leuten zu spielen, wird sich dann auch schon bieten! Ich versichere Sie, es geht mancher hochbegabte Künstler, der daffelbe leistet, wie Siegfried, daran zu Grunde, daß er nie Gelegenheit gefunden, vor einflußreichen Personen seine Kunst zu zeigen! Und was nun Ihre Phantasien betrifft, liebe Freundin, so bitte ich Sie, dieselben zu verscheuchen und sich keine unnöthigen Sorgen zu machen; und selbst wenn Sie Recht hätten, was ich durchaus bestreite, so ist Ihr Enkel Mann genug, um sich zu schützen." „Ich habe mich schon ergeben, Herr Proffeffor", erwiderte Frau Rohdenberg, „nachdem ich gesehen, mit welcher Begeisterung Siegfried die Offerte annahm." „Das habe ich auch gethan, Großmutter", erwiderte Siegfried, „und ich bekenne offen, daß ich mich sehr freue, von nun an häufiger da» Haus des Geheimen Kommerzienraths Wolter betreten zu dürfen." Gleich darauf sagte er: „Sie kommen ja häufiger dorthin, Herr Professor, — ist das Fräulein immer so stumm wie heute? Sie hat keine Silbe gesprochen." „War sollte sie wohl! Ich habe sie allerdings nicht oft gesehen, aber mich sehr lebhaft mit ihr unterhalten; sie ist durchaus nicht stumm, und wenn sie auch nicht eine so strahlende Schönheit, wie ihre Frau Mama, ist, so ist sie doch ein liebreizende» Geschöpf, da» mit ihrem aschblonden Haar und ihrer gracilen Figur einem Maler oder Bildhauer zum Prototyp einer Hebe dienen könnte." „Ich habe nie Augen gesehen, aus denen so deutlich eine herrliche, reine Seele hervorschaut." Siegfried mußte diese Worte wohl in einem eigenartigen Tour gesprochen haben. Frau Rohden- berg warf einen raschen Blick auf ihn und al» sie in seinem Gesicht einen Ausdruck gewahrte, der diesem Tone entsprach, da sagte sie zu sich selber: „Wie? Sollte das junge, hübsche Mädchen einen plötzlichen Eindruck auf ihn gemacht haben? Da» wäre allerdings die beste Schutzwehr gegen eine andere Eventualität, aber auch hier sehe ich kein Heil, der reiche Geheimrath wird niemals fein einziges Kind an einen armen Künstler geben." Dori» trat ins Zimmer und sagte: „Der Herr Langenbach ist da und wünscht den jungen Herrn zu sprechen." „Hast Du ihn in mein Zimmer geführt, Dortchen?" „Ja, Herr Siegfrird." „Herr Professor", fuhr Siegfried fort, „Sie entschuldigen mich wohl, wenn ich fortgehe, mein Freund hat mir sicher etwa« mitzutheilen, sonst hätte er mich heute nicht mehr ausgesucht!" 43 „Was ist da zu entschuldigen, Siegfried, wenn Du Besuch hast! Meine Zeit ist außerdem abgelaufen, und ich will mich ebenfalls empfehlen! Adieu, Frau Rohdenberg", sagte er, der Letzteren die Hand reichend, und nun keine Grillen mehr gefangen, ich stehe für Alles ein und will schon aufpaffen, daß nichts geschieht, was Ihren Beifall nicht hat!" Er nahm seinen Hut und Regenschirm und mit den Worten: „Leb wohl, Siegfried", verließ er, nachdem Großmutter und Enkel den Abschiedsgruß erwidert, das Zimmer. Siegfried entfernte sich durch die andere Thür. Frau Rohdenberg blickte mehrere Minuten stumm vor sich hin, dann flüsterten ihre Lippen: „Ich kann mich von der Ahnung nicht lormachen, daß ihm in dem reichen Patricierhause irgend etwas passirt! Schütze Du, mein Herr und Gott, ihn, dessen Herz so rein und gut und ohne Falsch ist, daß er dort seinen inneren Frieden bewahrt, ohne den er die Babu nicht wandeln kann, die er eilige« schlagen hat und die er mit so guten Aussichten betreten!" Fünftes Kapitel. „Ich muß um Entschuldigung bitten", sagte Langenbach, nachdem die Freunde sich begrübt hatten, daß Sie heute den Weg nach meiner Wohnung vergeben« gemacht haben, abrr Herrendienst geht vor, in diesem Falle Frauendienst. Ich wurde zu einer Frau geholt, die ich schon längere Zeit in Behandlung gehabt. Sie glauben nicht, Rohdenberg — und diese Erfahrung macht jeder Arzt, auch ich habe sie in meiner kurzen Praxis schon gemacht — wie sehr namentlich die weiblichen Kranken dazu geneigt find, ihren Arzt, sobald sie Vertrauen zu ihm haben, zu ihrem Beichtvater zu machen. Da hö t er denn bisweilen einen ganzen Roman und bekommt Einblick in die wunderbarsten Verhältnisse. Ich sprach vor einiger Zeit mit einem älteren Arzte über diesen Gegenstand, derselbe sagte mir, es sei gerade so, als wenn gewisse Kranke von der Manie besessen wären, demjenigen, dem sie ihren Körper anvertrauten, auch jede Regung ihrer Seele und hiermit zugleich jedes auf deren Grunde liegende Gehciumiß anzuvertrauen. Und wenn man auch gar nichts wissen wolle und mit allen Kräften abwehre, es hülfe nichts, man erhalte nicht eher Ruhr, als bis man Alles erfahren. Er schloß mit den Worten: „Kein Mensch, mein junger Herr College, hat eine Ahnung davon, wie unendlich viele ergreifende Familienromane sich täglich in unserer nächsten Nähe abspielen, es sieht sie nur Niemand, und nur dem Arzte wird häufiger Gelegenheit geboten, einige Kapitel davon zu hören. Die Kranke, die ich augenblicklich in Behandlung Md soeben besucht habe, hat ein Nervenleiden, da« fich sogar dann und wann i bis zu hysterischen Krämpfen" steigert, liefert ein l Beispiel. Keine Kranke schickt so oft zu mir als ' sie, und ich komme jedesmal gern, nicht allein, weil ich angefangen habe, mich persönlich für sie zu in- teressiren, sondern weil ich gerade sehr eifrig Pathologie und Therapie studire, und mit doppeltem Eifer ditjsnigen Krankheiten, welche mir zur Zeit von Süten der Poliklinik übertragen find. In diesem Falle, wo außer den gewöhnlichen auch noch ein« Reihe psychologischer Symptome in die Erscheinung treten, achte ich ganz besonders auf die Letzteren und gebe mit Mühe, diese auch psychologisch zu bekämpfen, eine Methode, von der ich glaube, daß sie häufig besser zum Ziele führt, als durch Darreichung Gott weiß welcher Medicamente, und ich bin überzeugt, daß man in vielen Fällen mit Zuspruch, Trost und derartigen Mittiln weiter reicht, als mit Pillen, Pulvern und bitteren Mixturen!" „Wenn ich nicht schon müßte", sagte Siegfried, „daß sich Ihr lustiges Gesicht auch unter Umständen in ernste Falten ziehen kann, so vermöchte ich nicht, Sie mir als Spender von Trost und Zuspruch vorzustellen." , „Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, Rohdenberg, einmal sterbenskrank zu werden." „Sind Sie des Teufels? ^ch werde mich hüten!" „Ich würde Ihnen dann den Beweis liefern, falls Sie mich zu Ihrem Medicus erwählten, über welch' ein Lager von solchen Mitteln ich verfügen kann." „Ich glaube Ihnen das auf's Wort und sehe davon ab, als Material für Ihre Beweisführung zu dienen." (Fortsetzung folgt.) Die Iteöerschrvemmungen des Heköen Ikusses in Mna. (Schluß.) Die kaiserliche Familie hat mit Bezug auf das entsetzliche Unglück am 15, Oktober in der „Pekinger Zeitung" folgendes Edikt erlassen: „Der Kaiser giebt hiermit dem tiefen Schmerze Ausdruck, der ihm durch dir Ueberschwemmungen in Honan, wo der „Gelbe Fluß" in den Distrikten von Tscheng-Tschu etwas oberhalb von K'ai'feng Fu ausgetreten ist, über die Bevölkerung hereingebrochenen Leiden verucsachen. Die Schwere des Unheils hat der Kaiserin Mutter Schlaf und Appetit geraubt. Sie ersucht den Kaiser, dem Gouverneur von Honan 100 000 Tael aus den Ersparnissen der Privatkasse zur Verfügung zu stellen, damit er dieselben unter die Noihleidenden in seiner Provinz und der benachbarten Provinz von Anchui vertheilen lasse. Der Gouverneur wird aufgefordert, tüchtige Beamten zu wählen, welche die ernstlichen Anstrengungen machen sollen, diese Aufgabe durchzusühren und darauf zu sehen haben, daß kein Mißbrauch getrieben wird. J;der Tag, der dadurch gewonnen wird, den Un- 44 glücklichen Erleichterung zu gewähren, wirb Seiner Majestät einen Tag des Schmerzes ersparen." Doch nicht nur Hilfe, sondern auch Strafe wird von dem Kaiser verordnet. Denn am 8. Oktober hieß es in der „Pekinger Zeitung": „Wir haben aus Tsten.Fu eine Denkschrift er« halten, in welcher berichtet wird, daß der „Gelbe Fluß" innerhalb Tscheng-tschen aus seinen Ufern ausgetreten ist und zehn Gemeinden überschwemmt hat, und in welchem darum nachgesucht wird, daß die für die Aufsicht über den Fluß verantwortlichen Beamten bestraft werden. Im September waren an den dortigen Flußbauten Anzeichen wahrnehmbar, die auf große Gefahr schließen ließen ... Die mit der Aussicht über die Flußbauken betrauten Beamten haben sich einer unverzeihlichen Nachlässigkeit schuldig gemacht, indem sie nicht rechtzeitige Vorsichtsmaßregeln trafen und der Generaldirektor, welcher die Absetzung derselben vyrschlug, hat eine weit zu geringe Form der Strafe beantragt. Wir befehlen, daß die folgenden Beamten abgesrtzt und in den cangue dem Flußufer entlang an den Pranger ge- stellt werden sollen: der Unterpräfekt und Bürgermeister von Schang-an, der asststirende Departementsbeamte von Tscheng'tschu und der Statthalter und zweite Sergeant der Station unterhalb Tscheng'tschu. Dem Intendant des Kai.Knei.tschen.Hü Gerichts, bezirkes soll sein Knopf genommen werden, und er ist dieser Beamte den Behörden zur Feststellung einer weiteren Strafe zu überliefern." Die in dem obigen Dekret erwähnten „cangue“ finb schwere hölzerne Kragen, welche den Unglück- lichen Beamten um Hals und Schultern gelegt werden, und die dieselben tragen müssen, bis ihre Strafzeit, 14 Tage bis 3 Monate, beendet ist. Während der Sträfling mit diesem Halsschmucks versehen ist, kann er weder ohne Schmerzen liegen noch sich be- wegen. Zur Tageszeit wird der Gefangene an emem öffentlichen Orte an den Pranger gestellt und verkündet eine Inschrift an dem Kragen sein Ver- gehen in großen Buchstaben. Der Kragen ist von solchen Dimensionen, daß der Sträfling mit seinen Han. en nicht seinen Kops erreichen kann und der Pövel vermehrt gewöhnlich noch durch allerlei Schabernack die Qualen der ohnehin schon durch diese Einrichtung bitter leidenden Schuldigen. Die Strafe scheint grausam; wenn man jedoch das ungeheure Elend bedenkt, dem Hundsrltausende durch die Fahrlässigkeit des bestraften Beamten ausgesetzt worden sind, so ist der Richtrrspruch des Kaisers sicherlich kein zu strenger, und dürfte es Niemand wundern, wenn über die Hauptschuldigen schließlich dar Todesurtheil ausgesprochen werden sollte; haben doch so viele unglückliche Familien in den Fluthen des Flusses ihren Tod gefunden, dessen Austreten durch die nöthigen Vorsichtsmaßregeln wahrscheinlich weit weniger verhängnißvoll hätte gemacht werder können. Zur Ergänzung der bevorstehenden Mittheilungen, welche aus einer Londoner Korrespondenz der „National-Ztg." herrühren, fügen wir noch einen Auszug aus einem Londoner Bericht dir „Köln. Zig.' hinzu: Danach gingen eine Million Menschenleben nach der niedrigsten, sieben Millionen nach der höchsten Schätzung bei der jüngsten Ueberschwemmung des Hoang-Ho zu Grunde. Auf einer einzigen Strecke von 50 Quadratkilometer Ausdehnung verschwanden 1200 Dörfer. Die Ursachen des Unglücks sind die alten, welche schon sechs Mal in den letzten 2000 Jahren den Lauf des „Gelben Flusses" geradezu verändert haben. Das alte Bett, welches heute noch auf jeder Karts vermerkt ist, befand sich südlich von der Provinz Schangtung und das neue Bett entwickelte sich 400 Kilometer von der Mündung nordostwärts in den Busen von Petschili. Das jetzige neue Bett beginnt viel weiter stromaufwärts, wenigstens 500 Kilometer von der Mündung entfernt. Der Strom ist dort ungefähr 0 8 Kilometer breit und beschreibt einen Winkel, wobei die Strömung gegen das Südufer anprallt. Schwere zehntägige Regengüsse und stark« Windstöße verstärkten diesen Anprall, rissen die das Ufer schützenden Faschinen weg und brachen schließlich durch den Damm selbst. In wahnsinniger Hast suchten die Anwohner und Aufseher den Bruch zu stauen, so lange die Haupt- waflermasse im alten Bette verblieb. Al« aber letztere sich vollständig südwärts wandte und dem Bette des kleinen benachbarten Flusses Lu-tschtn folgte, war der Kampf vergebens. Dre Fluthen umgaben bald die ummauerte Stadt Tfchung-Mu, 30 Kilometer entfernt; sie ging unter; und nachdem beide, Hoang-Ho und Lu-tschina, sich noch einem dritten südlicheren Strom einverleibt, gewann die Ueberschwemmung eine Ausdehnung, welche ganze Provinzen umfaßte und sich in einer Wassermasse von 50 Kilometer Wette vorwärts ergoß. — Ob sich diese Urberschwemmungen ganz verhindern lassen, ist noch ein Räthsel. Europäer haben Massenbaum. Pflanzungen zur Festigung des Erdreichs ang-rathen; aber die Gefahr liegt anderswo. Der Hoang-Ho stürzt sich bekanntlich mit großer Schnelligkeit von der mongolischen Hochebene hinunter in die chinesische Ebene und schwemmt aus dem Nordwesten China's eine erstaunliche Schichte der gelben Erde mit sich, welche dort bis zu einer Tiefe von mehreren Hunderten von Fuß zu finden ist. Es ist diese gelbe Erde, welche dem Flusse seinen Beinamen gegeben. In Folge dessen steigen allmählich die Fluß- ufer Über die benachbarten Gefilde empor; zugleich aber hebt sich auch das Flußbett selbst, so daß schließlich nicht allein die Wasseroberfläche, sondern eben jenes Flußbett selbst durch die Anhäufung gelber Erde höher liegt, als das angrenzende Land. Wenn dann schließlich ein Bruch des Dammes erfolgt, stürzt das Wasser von der Höhe hinab in eine Ebene; daher die Möglichkeit der völligen Bettveränderung. Redaktion: A. Tcheyda, ■* Druck und Verlag der Brühl'schm DruScrsi (Fr. tzhr. Pietsch) in Gieße».