Hießener Jamilienblätter. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. j jj UM■ IHM ■ ■>n — imnrrrinrmmn-—— uullmumj-i— m ,, :n ti_ i unurr—TTr-mr™— Nr. 126. Donnerstag, bett 25. October. 1888. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emilie Heinrich-. (Fortsetzung.) „Sind wir an Ort und Stelle? Wohin bringt man mich? Was hab' ich verbrochen?" stieß er kurz und heftig hervor. „Ruhig Blut, Mann! erwiderte Thorsen kalt, überlaßt das Fragen mir. — Ihr habt vorhin ge- hört, daß ich derjenige war, welcher Euren Angreifer zuerst dingfest machte, und daß ich e» nicht verwin. den kann, den Burschen nicht sicherer gepackt zu haben." „Und jetzt bin ich der Gefangene, da die Gerechtigkeit durchaus einen Schuloigen verlangt", höhnte Walter. „Ja, das ist mir freilich selber ein Räthsel", meinte Thorsen verdrießlich, „man soll Euch in hohen Regionen für eine wichtige Persönlichkeit halten." Der Gefangene brach in ein lautes Gelächter au«. „Hört, ich bin Detectiv und Euer Freund, da mir nur daran liegt, die Scharte auszuwetzen und den Mordgefellen, den Ihr sehr gut kennt, wieder einzusangen", flüsterte Thorsen. Walter biß sich auf die Lippen und schwieg. „Habt Ihr Muth, ihm gegenüber zu treten und ihm den Mörder in'S Angesicht zu schleudern?" fragte Thorsen weiter. „Zum Henker noch einmal", fuhr der Gefangene unruhig empor, „was reden Sie da für tolles Zeug? Wollen ihn einfangen und thun jetzt, al» befände er sich bereits in Ihren Händen? — Schenken Sie mir reinen Wein ein, Herri" „Ich habe ihn noch nicht, kenne ihn aber genau, da er unter fürstlichem Schutz steht. Merkt Ihr nicht», Mann? — Man wird Euch opfern, um den jetzigen Freiherrn und Günstling des Fürsten zu retten." Walter wurde leichenblaß, er ballte die Hände und stieß einen Fluch au». „Ich Haffe ihn", knirschte er dumpf. „Und das mit Recht", nickte der Detectiv zufrieden, „auch mir ist der feine Mörder Revanche schuldig und ich will sie nehmen, sollte ich auch jahrelang darauf warten müssen. Hört meinen Plan, ich habe Ordre, Euch nach der Residenz zu bringen und dort geradewegs in's Gefängniß abzuliefern. Das wird und muß natürlich geschehen. Was man dort weiter mit Euch vor hat, weiß ich nicht, Gutes schwerlich, da Ihr wie ein schwerer Verbrecher strenge bewacht werdet." „So laffen Sie mich unterwegs entspringen", bat Walter schwerathmeud. „Geht nicht, hafte für prompte Ablieferung, doch werde ich in Eurer Nähe bleiben und Euch die Mittel und Wege zur Flucht verschaffen, um dann das Weitere mit Euch zu überlegen." „Wo aber könnte ich Sie dann auffinden?" fragte Walter kopfschüttelnd, weiß nicht einmal Ihren Namen —" „Thut auch nichts zur Sache, Mann! — will Euch schon ausfinden, müßt nicht vergeffen, daß ich Interesse daran habe, Euch nicht aus den Augen zu lassen. Aha, da kehrt unser Schutzgeist zurück, jetzt die alte Marke wieder vor." Der Schutzmann brachte zwei Schoppen Bier, wovon der eine dem Gefangenen gespendet wurde. Nach wenigen Augenblicken brauste der Zug wieder davon. So erreichten sie die Residenz, wo eine Droschke sie nach dem Gesängniß brachte, Thorsen seinen Brief abgab und Walter sofort in eine Zelle gesperrt wurde. Während der Schutzmann fortging, um einigen Verwandten und Bekannten einen Besuch abzustatten, unterhielt sich Thorsen mit dem Ober-Aufseher de» Gefangenen-Hsuse» und ließ sich von diesem mit sichtlichem Interesse da« Innere der großen Gebäudes zeigen, ging auch, als jener abgerufen wurde, allein umher, wo er in einer Fenster-Nische rasch mit Bleistift einige Zeilen auf ein Stück Papier warf, etwas darin einwickelte und in die Tasche steckte. So trat er weiterschlendernd in den viereckigen Hof, der von allen Seiten von den Zellen der Gefangenen eingeschloffen wurde. Gleichgültig schweifte sein Blick über die vergitterten F-nster, als der Ober- Aufseher wieder zu ihm trat. „Sie suchen sich wohl Ihren Mann heraus", scherzte derselbe, „finden ihn hier aber nicht. Ist Alles bes-tzt, haben augenblicklich viele Gäste, wird immer lebhaftere Nachfrage, sobald der Winter heranrückt." „Kann ich mir denken", lachte Thorsen, „wo haben Sie meinen Gefangenen denn untergebracht?" „Zelle Nr. 32 mit der Aursicht auf den Stadtgraben; eigentlich die Armesünder-Zelle, dem wir : einen Blick zum blauen Himmel noch gönnen." Er lag eine Grausamkeit in diesen Worten, welche ; die beiden Männer der ausübenden Justiz sicherlich 1 nicht empfanden, da sie sonst schwerlich darüber gelacht hätten. — Thorsen zog seine Uhr. „Noch eine Stunde bis zur Rückfahrt", sagte er, ? wollen Sie die Güte haben, meinen Begleiter nach dem Gasthof zum weißen Roß, wohin ich mich jetzt begebe, zu schicken?" \ „Recht gern", nickte der Ober-Aufseher, mit dem ; Detectiv in's Gebäude zurückkehrend. „Hier logirt Ihr Schutzbefohlener", fuhr er leise j fort, als Re jetzt durch einen andern Gang schritten. „Wollen Sie Abschied von ihm nehmen?" „Warum nicht? — Möchte mich überzeugen, daß er sicher untergrbracht ist, da ich für den Burschen hafte." „Ist er so schlimm?" „Das nicht, weiß nicht, was man von dem Jammermann zu fürchten hat. Der arme Teufel wird sich freuen, ein bekanntes Gesicht zu sehen, obwohl ich just nicht sanft mit ihm umgesprungen bin." Der Ober-Aufseher öffnete die Zelle und ließ den Detectiv eintreten. „Ra, Walter, wie geht's?" rief jener dem Gefangenen zu, „habt ja ein recht gemüthliches Logis, j Wollte Abschied von Euch nehmen." „Dank', Herr!" brummte Walter, sich von der s Pritsche erhebend, „wünsche Euch und Euresgleichen । nicht wiederzusehen." „Seid ein netter, dankbarer Junge", lachte I Thorsen, seine Rechte aussireckend. „Ra, wollt mir l nicht einmal die Hand zum Abschied geben?" Walter gab ihm mürrisch die Hand, welche der I Detectiv kräftig schüttelte und dann die Zelle verließ. Draußen stand der Ober-Aufseher, lachte spöttisch und verschloß die Zelle. „Der sitzt sicher genug", meinte Thorsen, sich dem Ausgange des Gefängnisses zuwendsnd. „Gewiß, der Stadtgraben stößt an die Mauer und ist dort unergründlich. Ist ja auch kein Mörder, da wir sonst dort Wachen postiren." Das war's, was der Detectiv wissen wollte. Er drückte dem Ober-Aufseher zum Abschied die Hand und eilte nach dem weißen Roß, um hier zu speisen, den Schutzmann zu erwarten und mit dem nächsten Zuge wieder heimzufahren. Zur rechten Zeit stellte sein Begleiter sich ein, und bald befanden sie sich auf dem Heimwege. Nach der Ankunft in X. begab sich Thorsen sofort zu dem Polizei>Director, um diesem Bericht zu erstatten und die richtige Ablieferung des Gefangenen zu melden. „Habe bereits telegraphische Mittheilnng darüber erhalten", lächelte der Polizeiherr zufrieden. Se. Durchlaucht waren in der Residenz nicht anwesend?" setzte er mit einem fragenden Blick hinzu. „So viel ich hörte, waren Durchlaucht auf die Jagd gefahren." „Na, der Bursche wird doch sicher genug untergebracht sein, wie?" 22. Es war am Spätabend desselben Tages, gegen 11 Uhr, als ein eleganter Herr, dis Reisemütze tief in die Stirn gedrückt, den Kragen seines Hebet# ziehers hoch emporaszogen, in gebückter Haltung sich ein B llet zweiter Classs bis zur Residenz nahm und hüstelnd in ein Coupü stieg, das er bis an sein Reiseziel ganz ollein brhielt. Die Nacht war sehr dunkel und stürmisch, es regnete und hagelte durcheinander, ein Wetter, das sich am behaglichsten im traulichen Zimmer oder im warmen Bett ertragen läßt. Der elegante, hüstelnde Herr hatte sein Coups verlassen und war unbeachtet in der Dunkelheit verschwunden. Jetzt schritt er eiligst dem Thore der Residenz zu, wo er, anstatt dasselbe zu durchschreiten, recht« abbog und dem Stadtgraben entlang sich hielt. Er schien sichere OrtSkenntniß zu besitzen und mit seinen Augen dir Dunkelheit durchdringen zu können, denn plötzlich bog er sich über dm Stadtgraben, wo ein Gegenstand hin- und herschaukelte. Er war ein Boot, ein altes, morsches Gerümpel, das hier seit mehreren Wochen lag, um gelben Sand zum Mörtel für einen Neubau hinüber zu schaffen. Das Boot war nur lose gekettet und sehr leicht frei zu machen. Der elegante Herr löste das Boot mit großer Geschicklichkeit, schwang sich dann vorsichtig hinein, ergriff das darin liegende Ruder und ließ das Fahrzeug geräuschlos mir dem Stroms abwärts gleiten, wobei sein scharf beobachtender Blick, der sich jetzt völlig an die Dunkelheit gewöhnt hatte und j-drn Gegenstand zu erkennen vermochte, das^dem Stadtgraben zugekehrte Terrain musterte, während seine kräftige Hand das Ruder leise handhabte, um einen Anprall zu vermeiden. Jetzt traten nach der Stadtseike zu die brnten Umrisse eines großen Gebäudes in der Dunkelheit hervor. Es war das Gefangenenhau». Das Boot glitt geräuschlos gegen dis Mauer desselben, der Führer stemmte das Ruder zwischen zwei hervorragende Steine und hielt das Fahrzeug mit einem Ruck fest. Dann ließ er ein täuschend ähnliches Raben-Gekrächz ertönen und horchte angestrengt. Von oben herab antwortete ein kurzer Eulen- schrei, worauf im nächsten Augenblick etwas heravstel. Der Herr im Boot griff hastig darnach, — es war das Ende einer Strickleiter, welch« er jetzt, während feine Brust fich gegen das Ruder stemmte, mit beiden Händen straff angezogen, festhielt. Eine geschmeidige Gestalt stieg nun leicht und sicher auf der gefährlichen Leiter herab und sprang in's Boot, das von dem plötzlichen Ruck ein Stück fortgeschnellt wurde und dann, von dem Rader diri- „Er sitzt, zu großer Heberfüllung halber, in der Armensünder-Zelle", lachte Thorsen, „meiner Ansicht nach ganz behaglich und sicher." Der Polizei-Director entließ ihn mit zufriedenem Lächeln, und leise pfeifend schritt der Detectiv nach ’ seiner Wohnung. z girt, an's jenseitige Hfer anprallte. Die beiden Insassen sprangen und kletterten die Böschung hinauf und verschwanden in der Dunkelheit. Das Ganze hatte sich wie ein nächtliches Spukbild in wenigen Minuten abgespielt. Es war 6 Hhr Morgens, als zwei Herren den 507 soeben eingetroffenen Nachtzug verließen und sich zu Fuß nach der Stadt L. hineinbegaben, wo sie nach einer Viertelstunde unbemerkt die Wohnung des Detectivs Thorsen erreichten. Dieselbe war so vor» theilhaft eingerichtet, daß der Bewohner zu jeder Stunde aus» und eingehen konnte, ohne von einer Menschenseele gesehen oder beobachtet zu werden. „So", sagte Thorsen, denn er selber war der nächtliche Bootsmann und sein Begleiter der Gefan» gene John Walter, „nun wollen wir uns erst brr nassen Kleider entledigen und gegen trockene ver« tauschen und dann ein warmes Frühstück nehmen, bevor wir das Weitere besprechen." Nachdem dies Alles stillschweigend geschehen, Thorsen den Ofen in Hitze gebracht, Kaffee znbe- reitet, und beide sich nach der kalten Nacht hinreichend restaurirt hatten, blickte Walter, der ein ziemlich verwildertes Aeußere befaß, den Detectiv mit einem Gemisch von Neugierde und Verwunderung an, was dieser lächelnd bemerkte. „Da, Mann, zündet Euch eine Cigarre an, habt sie wohl lange entbehren müffen." „Freilich, man hielt mich wohl für zu schwach dazu", lachte Walter, sich die dargebotene Cigarre anzündend. „Dank für den langentbchrten Genuß." Er streckte dir Füße, welche sich trotz der etwas plumpen Stiefel durch eins zierliche Form auszrich» neten, aus und blies den Dampf mit großer Behag« lichkeit zur Decke empor. Thorsen beobachtete ihn aufmerksam. „Sagen Sie mal", begann er plötzlich, seine An» rede ändernd, „Sie nennen sich Walter —" „EM hübscher Name, denke ich." „Allerdings, steht Ihnen aber doch nicht zu Gesicht." Walter zuckte die Achseln und hüllte sich in Schwei» gen und Dampf. „Ich muß bemerken", fuhr Thorsen mit scharfer Stimme fort, „daß ich für Sie meine ganze Existenz, ja, meine Ehre und Freiheit aus's Spiel gesetzt habe." „Ich bin darüber ganz verwundert, lieber Herr!" versetzte Walter mit einer Art Impertinenz, welche den Detectiv unruhig machte. „Bitte, erklären Sir mir den Grund dieser seltsamen Aufopferung, — es muß doch ein solcher vorhanden sein." „Allerdings habe ich einen gewichtigen Grund für mein Thun", sprach Thorsen gereizt, „ich kenne den Mann, der Sie niedergestochen hat und habe meinen ganzen Ehrgeiz darauf gesetzt, ihn zu packen, obwohl er sich unter hohem Schutz befindet." „Das haben Sie mir schon einmal gesagt, wer ist es denn eigentlich?" Walter sah ihn bei diesen Worten so'arglos an, bas Thorsens Unruhe stieg. „Der Kerl ist ein geriebener Fuchs, ich muß andere Saiten aufziehen", dachte er. „Nun, erwiderte er laut und ruhig, „der Bursche hat sich doch drüben Adam Sturm genannt." Trotz der gewaltigen Dampfwolke, in welche John E Walter sich hüllte, sah er doch die jähe Heber» raschunq, welche sich in seinen Augen spielte. „Richtig", nickte John, „doch wollte der Toll- Häusler mir diesen Namen aufhalsen, lieber Herr!" „Thorheit", lachte der Detectiv verächtlich, „ich weiß doch etwas mehr von Ihrer Vergangenheit, als Sie wähnen. Adam Sturm hat Sie des Diebstahls angeklagt und während er als vornehmer Freiherr und fürstlicher Hofbeamter straflos umherzolzirt, sollten Sie in irgend ein Zuchthaus untergebracht werden." „Verdammt", knirschte Walter und feine Augen nahmen einen tigerartigen Ausdruck an, „so also war's gemeint?" — Nennen Sie mir seinen jetzigen Namen, seinen Aufenthaltsort, der meuchelmörderischs Hund, der mich überfiel, mich niederstieb —" Er verstummte plötzlich. Sein wild umherirrender Blick war auf eine vor ihm auf dem Tisch liegende Zeitung gefallen und heftete sich jetzt mit starrem Ausdruck auf ein Inserat, aus dem mit gesperrter Schrist der Name .Rüdershausen" hervorstach. „Sie räumen also ein, daß Ihr Verfolger ehe» dem sich dm Namen Adam Sturm beigelezt?" fragte Thorsen etwas ungeduldig. Walter blickte zerstreut auf und nickte mechanisch. „Ja, er nannte sich wirklich so", sagte er, sich plötzlich besinnend, „wie heißt er jetzt?" „Das sollen Sie seiner Zeit schon erfahren", lächelte der Detectiv triumphirend, „wir werden über ihn kommen, wie Simson über die Philister. Jetzt, mein Lieber, gehen Sie dort in mein Schlafzimmer und legen sich auf mein Bett, die Rahe wird Ihnen gut thun. Ich werde mittlerweile alles Nöthige vor» bereiten und mir einen Urlaub zu Ihrer Verfolgung und Dmgftstmachung erwirken." Er lachte über Walters erstauntes Gesicht hell auß nahm feinen Hut und verließ die Wohnung, welche er vorsichtig hinter sich verschloß. Walter, der jetzt ganz allein war, nahm dis Zeitung, um das Inserat mit Muße zu studiren. Dasselbe lautete: Wenn Graf Walter von Rüdershausen, welcher im Jahrs 18— Oesterreich und wahrscheinlich Europa verloffen hat, sich noch am Leben befindet ober irgend Jemand über seinen jetzigen Aufenthaltsort sichere Nachricht zu grben weiß, so wird derselbe gebeten, eine solche baldmöglichst an den Königl. Kaiferl. Notar Dr. Weißlinger, Singerstraße 24, in Wien zu senden. John Walter starrte unverwandt auf diese Zeilen und seine Brust hob sich krampfhaft. Dann trat er an den geheizten Ofen, wo fein Rock zmn Trocknen aufgehängt war, nahm ein Tischmeffer und trennte das Futter an der rechten Brustseite los. Mit einem häßlichen Lächeln des Spottes zog er jetzt zwischen Futter und Rock mehrere Bankscheine von bedeutendem Werthe hervor, verbarg dieselben unter der Weste, suchte nach einigen Noten geringeren Werther, welche sich ebenfalls wohlbehalten vorfanden, und steckte dann noch ein in Pulverform gefaltetes Papier zu sich. „So", murmelte er, den Rock wieder sn den Ofen hängend, „nun will ich schlafen, mein vorsichtiger und ehrgeiziger Detectiv!" ■, . Er ging in die Kammer, warf sich auf Thorsen« Bett und schlief wirklich bald fest und ruhig. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der „schwarzen" Großmacht. (Schluß.) Friedrich Otto Mencke begründete sodann auch 1715 die „Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen". Die Mencke'sche Zeitschrift ging nach fast 100 jährigem Erscheinen wieder ein, aber es bleibt ihr der Ruhm, allen wissenschaftlichen Zeitschriften und, Tagesrevuen der nachfolgenden Zeit zum Vorbild gedient zu haben. Der Absatz der Zeitungen blieb lange Zeit ein sehr geringer, ihr Preis ein hoher und dabei konnte derselbe auch durch Anzeigen und Ankündigungen nicht billiger gestellt werden, einfach deßhalb nicht, weil eine derartige öffentliche Bekanntgabe noch bis weit in das vorige Jahrhundert hinein fast ausschließlich durch Ausrufen vollzogen wurde. Erst seit dem Ausbruche der großen französischen Revolution nahm auch das Zeitungswesen einen kräftigeren Aufschwung, die an der Seine geborenen revolutionären Ideen wurden durch die Zeitungen durch ganz Europa ge- tragen und Jeder, der nur einigermaßen sich für den Gang der großen weltumstürzenden Ereignisse, die ihren Ausgang von Frankreich nahmen, interessirte, beeilte sich, nach denselben in der Tagespresse zu forschen. Hierdurch gewannen die einzelnen Blätter demgemäß an Leser und Abonnentenzahl, während sie zugleich genöthigt wurden, sich in jeder Beziehung zu erweitern und zu verbessern, um den wachsenden Ansprüchen des Publikums zu genügen. Die der Revolutionsepoche so unmittelbar folgenden napoleonischen Feldzüge konnten nur dazu beitragen, das Bedürfniß des Publikums nach fortlaufenden regelmäßigen Mittheilungen über die Schlachten und sonstigen kriegerischen Ereignisse wie über den Gang der politischen Dinge zu steigern und so trug gerade die so stürmische Zeitepoche von der französischen Revolution bis zur Beendigung der napoleonischen Kriege wesentlich mit zum Aufschwung der Presse bei. Damals kam — ebenfalls von Frankreich her — auch das Reclamewesen auf, welches erst eigentlich den Jnseratentheil der Zeitungen begründete, allerdings bewegte es sich lange nur in sehr bescheidenem Rahmen und von der Raffinirtheit, mit der heute in den Tageszeitungen durch die wunderbarsten Mittelchen und Finessen für alle möglichen Dinge, von den unvermeidlichen Brandt'schen Schweizerpillen an bis zu dem Knöfel'schen Lederfett, Reclame gemacht wird, hatten die damaligen Bläser der Reclameposaune jedenfalls noch keine Ahnung. Einen neuen Abschnitt in der Entwickelung der Presse brachte das Revolutionsjahr 1848, welches in fast allen europäischen Ländern eine Unzahl neuer Zeitungen politischer Richtung entstehen ließ und von denen die allermeisten im Dienste der modernen Ideen standen, welche die Pariser Februar-Revolution gebar. Viele dieser Zeitungen aus dem Sturm- und Drangjahre unseres Jahrhunderts gingen in der Folge wieder ein, die Jahre der Reaction mit ihrem erstickenden Hauche waren eben dem freiheitlichen Worte, auch wenn es sich nur „schwarz auf weiß" zeigte, nicht günstig, aber den kräftigen Entwickelungsgang der Presse bis zu ihrer heutigen würdigen Höhe konnte auch der Rothstift selbst des eifrigsten Censors nicht mehr aufhalten und die Ersindung der Dampf- schneklpresse, der Eisenbahnen und des electrischen Telegraphen, diese großen Errungenschaften des neunzehnten Jahrhunderts, haben wacker mit das ihre zur Hebung und Verbreitung der Zeitungen gethan. Um schließlich noch einen Begriff von der heutigen Verbreitung des Zeitungswesens zu geben, so erhellt dieselbe zur Genüge schon aus der Thatsache, daß die Zeitungspreisliste der deutschen Reichspost für 1888 allein 6661 in deutscher Sprache erscheinende Zeitungen und Zeitschriften aufzählt, während die Zahl der in allen fünf Welttheilen erscheinenden periodischen Druckschriften sich auf 41000 beläuft — 41000 Armeecorps der Weltmacht „Presse"! Und diesen gewaltigen Aufschwung hat das Zeitungswesen erst in den letzten Jahrzehnten genommen; denn noch im Jahre 1848 zählte man, z. B. in Oesterreich-Ungarn nur wenig über 800 in deutscher Sprache erscheinende periodische Blätter, während es deren heutzutage im Donaureiche ca. 3500 giebt und in ähnlichem Verhältniß hat die Zahl der Zeitungen in allen andern civilisirten Ländern zugenommen. Am großartigsten in jeder Beziehung hat sich das Zeitungswesen wohl in den Vereinigten Staaten von Rord-Amerika entwickelt, wo ja überhaupt Alles in's Große, ja Riesenhafte geht. Im Laufe eines Jahrhunderts ist in Nordamerika die Zahl der periodischen Druckschriften von 87 auf ca. 9000 gestiegen, wobei allerdings berücksichtigt werden muß, daß die Menge der Zeitungen durchaus noch keinen Schluß auf die Zahl ihrer Leser gestattet, denn die meisten nordamerikanischen Preßerzeugnisse haben nur locale Bedeutung und oft kaum eine Auflage von 300 Abzügen. Dafür besitzen freilich eine Anzahl der amerikanischen Zeitungen eine um so großartigere Auflage, von denen z. B. der New Yorker „Sun“ in einer Auflage von 180000 Exemplaren erscheint; die „New York Tribüne“ und der „New York Herald“ setzen 90 000 bis 100000 Exemplare ab, „New York Weekly“ und „New York Ledger“ drucken jedes Blatt etwa 120000 Exemplare und eine in Boston erscheinende Kinderzeitung erreicht eine Höhe von etwa 150 000 Exemplaren. gtoaction: 91. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'sch-n Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.