Hießener Jamiüenbläüer. Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger. >»>»»»»»» >li»—i—•———~' "" ——— 1 rn r-rri-inuu ri——.n ■. —rl rr .... ——■, ■l-~——„ ■— Nr. HZ. Dienstag den 25. September. 1888° .............Mi Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emilis Heinrichs. (Fortsetzung.) Thorsen hatte ebenfalls seine Untergebenen, welche er selber für gewiffs Fälle engagirte und besoldete, arme Teufel, die für einige Groschen und einen guten Trunk ihm blindlings gehorchten und sich dadurch der Polizei gegenüber eine Art Unverletzlichkeit erwarben. Hinter einem dichten Gebüsch stand ein solcher Trabant unbeweglich an der Planke, als ob er mit derselben verwachsen sei. „Gut Freund, mein wackerer Timm!" flüsterte Thorsen, seinen Arm berührend. „Aha, Sie sind'r", knurrte Timm, „nicht» passirt, Herri — ein verdammt langweiliger Poften." „Habt die Augen immer offen gehabt? — Keinen Tropfen zuviel genommen?" „Alles in gehöriger Confusion, Herr! — das heißt in meinem innerlichen Revier, wo es rebellisch genug aussehen mag." „Sollt bald abgelöst werden, Timm, — noch eine halbe Stunde die Augen und Ohren offen halten, es soll Euch nicht gereuen." Er schritt langsam weiter und duckte sich, als er Stimmen und Schritte hinter sich vernahm, vorsichtig hinter ein Gebüsch. E» waren drei Herren, die im lauten Geplauder näher kamen. „Haben ja einen berühmten Mann in der Stadt, wißt Ihrs schon?" rief einer der Herren, einen Augenblick inne haltend, um seine Cigarre in Brand zu setzen. „Jawohl, den Neffen des Major Tellkamp", versetzte rin Zweiter, „sah beide heute Mittag nach dem kleinen Gehölz htnautpromeniren. Ein stattlicher Kerl, braungebrannt wie ein Kamerun-Neger, dieser Dokor, wie nennt er sich doch gleich?" „Egon Dörner", rief der dritte Herr in ungeduldigem Tone, „Ihr bekommt im Leben kein Feuer, mein bester von Horst!" „Verleumdung", lachte der Zweite, „da brennt» schon lichterloh, kann uns davon abgeben. Aber sagt mir doch, Selchov, — ist'» wahr, daß bei Jmmendors's polizeiliche Haussuchung stattgefunden?" „Ganz wahr, ich erfuhr es soeben auf meine Anfrage rom Major Tellkamp, der seinen berühmten Neffen wieder nach der Bahn brachte." „Ach, er ist schon wieder davongeflozen, dieser emporstrebmde junge Adler?" r'ef ron Horst, mächtige Rauchwolken von sich blasend und mit den Freunden langsam weiter schreitend, „man sprach doch davon, daß seinetwegen ein Festbankett stattfinden und er außerdem unfern durchlauchtigsten Herrschaften Vorgestellt werden solle." „Wenn selbige auf der Einzugsreise unsere Stadt berührt —" „Das stcht bereits bombenfest", versicherte Selchow, „Putzmacherinnen, Schneiderinnen, Wäscherinnen rc° rc. haben alle Hände voll zu thun, um die Weißgekleideten zweifelsohne herzustellen. Die feierliche Boxstellung des berühmten Afrika-Reisenden wird ebenfalls» stattfinden können, sintemalen derselbe, wie der Major mir sagte, schon übermorgen wieder zurückkehrt." „Wie sieht er denn eigentlich aus?" fragte von Horst nachdenklich, „ja so, wie ein Kamerun-Neger, — eigene Passion, sich bei den Menschenfressern herumzutreiben. Spracht Ihr mit ihm, von Selchow?" „Mit dem Neffen? Nein, der saß schon int Coupee, sah gerade den Msjor, als der Zug sich in Bewegung setzte. Netter alter Herr, famose Nichts oder ähnliche Verwandte." „Und famoses Vermögen", nickte von Horst, „keine üble Parthie, was?" „Könnte Manchem aus der Tinte helfen, klopft dort mal an, von Horst, Euer Nam: wiegt ebenso schwer, — famose Idee, war?" Lachend und durcheinander schwatzend entfernten sich di« Herren immer weiter von dem hinter dem Gebüsch lauschenden Detcciiv, der jetzt aus seinem Versteck trat und in hoher Aufregung zu dem noch auf seinem Posten stehenden Timm zutückälte. „Geht nur nach Haus", befahl er kurz, „die Sache ist bereits erledigt." Timm ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern schob auf der Stelle wie ein Pfeil davon, während Thorsen sich langsam, als ob er Bleigewichte an den Füßen habe, der Stadt zuwandte. „Es ist kein Zweifel, der Major hat ihm fortgeholfen", dachte der Detectrv mit wildem Ingrimm, „o, hätte ich diese Gans von Dienstmogd bei Seite gelassen und selber die Wache vor dem Hause übernommen! — Und dafür ihn noch um Verzeihung bitten, es ist zum Todtschießen! — Also der berühmte Herr Doktor ist auch im Complott? — Und der Onkel declariri ihn als verreist? Halt, da bietet sich mir eine Gelegenheit, mich zu rächen, benutzen wir sie auf der Stelle." Eiliger ausschreieed, wurde sein eben noch so aulgeregte» Gesicht unbeweglich, j der Zug desselben 454 undurchdringlich wie aus Stein gehauen. Er wandte sich der Straße zu, wo Major Tellkamp wohnte und zog nach wenigen Minuten mit fester Hand die Klingel. Ein Diener öffnete die Hausthür. „Der Hers Major zu sprechen?" fragte Thor» fcn kurz. „Bedaurs, nicht zu Haufe." „Dann melden Sie mich dem Herrn Doktor Dörner oder den Damen des Hauses." „Niemand daheim", erwiderte ebenso prompt der ehemalige Soldat, welcher seinem Herrn schon über 10 Jahrs diente. „Nicht vor morgen früh zu sprechen die Herrschaft, nicht vor übermorgen der Herr Doktor!" Bums, schlug die Thür zu. Thorsen ballte die Faust und stieß, was bei ihm als höchster Grad der Erregung galt, einen Fluch aus. Dann machte er kehrt und ging nach dem Jm- mendorf'schen Hause, um auch hier die Wächter mit seiner höchsten Ungnade heimzuschicken. „Das wird der Hallnnkr, der Lorenz gewesen sein", vertheidigte sich Kühne, „der hat den dichten Nebel wahrgenommen und sich davon gemacht. Was mich anbelangt —" „Maul halten!" schrie Thorsen ihn an, „habt Euren Posten verlaffrn, nicht gesehen, daß zwei Herren aus dem Hause gekommen find." „O nein, nur der Alte —" „Still', kann Euch nicht mehr gebrauchen, muß mir zuverlässigere Leute suchen." Der Gescholtene schlich sich erschreckt beiseit», da er ein böses Gewiffen hatte und die Rache des De- tsctivs fürchtete. Letzterer aber ging nach Hause, um das Erlebte scharf zu überdenken und einen neuen Opsrationsplan zu entwerfen. 11. Mit dem letzten Abendzuge dieses verhängniß- vollen Tages war Doktor Egon Dörner in der Thal nach der nicht sehr entfernten Residenz abgereist. Er hatte sich zu dieser Reise bequemt, weil er die Noih- wmdigkeit derselben sofort begriffen, als der Major ihm die Begegnung mit dem Referendar von Selchow auf dem Bahnhöfe mitgetheilt, da sich beide nicht verhehlen konnten, daß der in seiner Hoffnung getäuschte Detectiv ihrs Schritte überwachen und jede nicht genau mit der Wahrheit übereinstimmende Thai« fache sofort als Waffe gegen sie benutzen werde. Kurz entschloffen reiste er deshalb, eine Depesche vorfchützend, um den Argwohn der Frau Mama zu zerstreuen, noch am selben Abend ab, nachdem er mit dem Onkel eine kurze Berathung gehalten, der- zufolge e« letzterer sür gerathen hielt, den Neffen vorsichtig vermummt, allein eine Droschke besteigen und nach dem Bghnhofe fahren zu lassen, sich selber aber, wie gewöhnlich in seinen Club zu begeben. Es war ein glücklicher Zufall, daß dis Regierungrräthin mit Magda an diesem Abend ausgebrten war; die Herren hatten somit freies Spiel und instruirten den treuen Anton, jeden fremden Besuch abzuweifen. Alsdann entfernte der Doktor sich gartenwärts au« dem Hause, während der Major die Damen durch eine Depesche, welche Egon'« sofortige Abreise nach der Residenz rechtfertigte, beruhigen sollte. Mrs ging nach Wunsch, der Doktor erreichte eine Nebenstraße, warf sich in eine vorübergehende Droschke und erreichte gerade früh genug den Bahnhof, um sich ein Billet lösen und in ein Coupä springen zu können. Jetzt, erst, als der Zug mit ihm davonbrauste, fand Egon Dorncr Muße, die seltsame Lage, in welche er so unerwartet gerathen war, einer genaueren Prüfung zu unterwerfen. Er hatte das Coups ganz allein inne und war recht froh darüber, weil er jetzt unbeeinflußt von der Außenwelt seine Gedanken zu ordnen vermochte. Sich eine Cigarre amündenb, lehnte er sich bequem in eine Ecke, und starrte den blauen duftigen Ringeln nach. Doch wie er stch auch geistig anstrengen mochte, dir heikle Sache seiner Verbindung mit einem verfolgten Verbrecher in's rechte Licht zu rücken und über sich wie den Onkel unparteiisches Gericht zu halten, er vermochte es nicht , da sich immer und immer wieder ein bestrickend schönes Bild dazwischen drängte, eins Zauberin, deren braune Augen ihn überall verlockend anschauten und seine Sinne verwirrten, bis er dem Zauber erlag, und, jeden anderen Gedanken aufgebend, sich in süßen Träumen denselben ganz hingab. Als er die Residenz erreicht, fuhr er jäh empor und schalt sich selber einen Thoren, der nur deshalb heimgekommen, um sich Knall und Fall in das erste beste Gesicht zu verlieben. Ec lächelte über diesen banalen Gedanken jenem holden Wesen gegenüber und seufzte tief auf bei der unumstößlichen Thatsache, daß Hedwiga von altem Adel und Erbin des noch vorhandenen Vermögens, also für jeden Ebenbürtigen eine begehrenswerthe Partie fei. „Sei kein Narr, alter Jungel" brummte er halblaut in den Bart, als er stch nach einem in der Nähe des Bahnhofs gelegenen Hotel, das fein Onkel ihm bezeichnet, begab. Unwillkürlich stieg der Gedanke an das kranke Freifräulein von Jmmendorf, die despotische Irmgard, in ihm auf, welche die Scheidewand zwischen dem guten Onkel Tellkamp und der selbstlosen Ulrike noch jetzt.in ihrer vollständigen Hülflosigkett so energisch aufrecht zu halten vermochte, und ein bitteres Lächeln stahl sich über sein stolzes, tiefgebräuntes Antlitz. Er spann diesen Gedanken noch eifrig weiter, al« er bereits im Hotel bei einem Abendessen saß, dem er nur ganz mechanisch zusprach. Ob Hedwiga, fall« ihr Herz dabei in's Spiel kam, stch auch so blindlings jener selbstsüchtigen Despotin fügen würde? — Diese Frage beschäftigte ihn lebhaft, und er grollte fast der armen Ulvke, die ihr Lebenrglück so leicht hatte aufgeben können. Er sprang auf und maß das Zimmer mit hastigen Schritten. „Sie wird das Schicksal ihrer unglücklichen 455 Dienst 7MM-E.°d dm Finger °»s die «ipM MMf Mjj *> **_- L"LL zögernd an. „Sie besitzen das goldene Herz Ihre» Onkels", versetzte er leise, „ein Herz, das nicht lange erwägt und berechnet, wenn es gilt, dem Versinkenden die rettende Hand zu reichen. Aber, — o, verzeihen Sie den armseligen Srolz des Hcimathlosen, des • • polizeilich verfolgten Flüchtlings, wenn er eine schreibung der Wahrheit ist. Diese HimmMochter ist nicht einmal mehr unverfälscht bei den wilden Naturvölkern zu finden, wie ich aus Erfahrung ver- Freundschaft zurückweist, welche ihm nicht gebührt und den gütigen Spender in einen Confl ct mit dem eigenen Ehrgefühl bringen muß." — Egon setzte das erhobene Glas ruh-g nieder und blickte den neben ihm Sitzenden forschend am „Sie halten meinen Onkel Tellkamp fü<, e.nen Mann von Ehre und streigen Grundjätzen, Herr von .Jmmendorfln Ueber^UQUng durchdrungen, Herr Doktor I" , Wohlan, würde er einem Ehrlosen, einem Verbrecher, selbst, wenn dieser der Neffe seiner angebc- teten Ulrike wäre, die Hand zur Rettung geboten haben? Halten Sie solches für denkbar, Herr von Jmmendorf, oder die Grundsätze und Ansichten eines bürgerlichen OfsicierS im Punkts der Ehre ür dehnbarer als diejenigen der Herren vom Adel? ' „Ich danke Ihnen für diese Lection, Dörner!" sprach Ulrich, ihm bewegt die Hand drückend, und dann sein Glas erhebend, um mit dem neuen Freunde anzustoßen. Es gab einen hsllm «lang, und schweigend leerten dann beide ihre Gläser bi» auf den letzten Tropfen. „Hören Sie, weshalb ich hier bin, Ulrich", sprach ieüt Eaon mit leiser Stimme. 6 verzählte nun die Geschichte mit dem Detectiv und des Majors Begegnung mit Herrn von Selchow am Bahnhof. „Daß der Referendar über meine Abreise spre- | eßen wird, ist doch natürlich", svhr er fort, „da mein Onkel Ihre Flucht in dieser Weise bemänteln mußte. Man darf ihn nun doch nicht der Luge zeihen." „Da haben wir'»", unterbrach ihn Ulrich mit einem tiefen Seufzer, „kommt der beste wahrheitsliebendste Mensch wie der Mojor sozleich in ein Lügengewebe hinein; ich bin ein Pechvogel, lieber Doktv''! — wer mich berührt, geräth ins Unglück, oder muß sich mit der Lüge besudeln." „Lieber Himmel, malen Sie nur nicht allzusehr in's Graue hinein, mein bester Jmmendorf!" lächelte ,Wer sein Lebens-Panier mit dem Wappen Der -rvayryen jumuut, — wird früh genug als Toller unschädlich gemacht, da unser ganzes gesell- und der Flüchtling verstummte. „Lassen Sie uns eine Flasche Wein auf unsere glückliche Heimkehr trinken, mein lieber Ulrich!" sprach der Doktor, ihn zum Sopha führend und neben sich niedrrziehend. „Auf unsere Freundschaft I" Er hatte bei diesen Worten die Gläser gefüllt und das seinige erhoben. Ulrich blickte ihn etwas ^Werfen wir also den Ballast der Sentimentalität über Bord, um mit kühlem B ute einen neuen Kurs zu steuern. Sie haben begriffen, daß ich abreisen mußte —" „Nur zu sehr." (Fortsetzung folgt.) Mutter sicherlich kennen und sich von ihr nicht msjo- Sübjäw ^E^Äummte Md blieb erschreckt stehen, wobei alles Blut aus seinem Antlitz wich. Dann schlug dl- eite«, ««*«•” “» Svieael seine Toilette ein wenig und klingelte. ^st ein Herr von Jmmendorf bereits angckom- men?" fragte er den eintretenden Kellner. „Zu Befehl, mein Herr! — Er bewohnt das ^"^Lringen Sie dem Herrn diese Karte, mit der Ansraae. ob ich ihn sprechen könne." Der Kellner verschwand, nach wenigen Minuten trat Ulrich Jmmendorf ein. Wer den jungen Mann « N-4»ü"b-l her «°4,d--> MU gtitien, 6M111 IN sichnUch mte dim Willen nicht wieder erkannt. Abgesehen von der eleganten Kleidung und der goldenen Kette, welche er aus der Erbschaft des Vaters übernommen, hatte d-, "ü, Z°e°«° I-l« MdMft-r ,-ih-», dl- Spu- ren der Verkommenheit zu tilgen und den intireffan- len Kopf des letzten Jmmendorf so arifiokeattjch als möglich wieder herzustellen. Die Metamorphose war ihm in der That so wunderbar gelungen, daß der erstaunte Ulrich sem eigener Spiegelbild selber kaum wieder erkannte, und sich's heimlich gestehen durfte, es jetzt mit jeder Männer-Schönheit wieder aufnehmen zu können. Ec sah seinem Vater frappant ähnlich, ein echter Im- mendorf mit dm dunklen Augen und der stolzgedo- genen Nase, wie auch der Tante Ulrike, während Hedwiga nur die braunen Augen und den ovalen Schnitt des Gesichts mit ihnen thetlte, während sie ihre feingeformte Nass von der Mutter geerbt hatte. „Sie hier, Herr Doktor?" rief Ulrich beim Ein- treten, jenem die Hand entgegenstrrckend. „Wie Sie sehen, Herr von Jmmendorf —" „Ach, lassen wir alle Titulatur bet Seite", fiel Ulrich lebhaft ein, „Sie und Ihr Onkel, mein alter | Egon. „Wer sein Lei treuer Tellkamp, haben mir einen so ungeheuren | der Wahrheit schmückt 456 Jur 5 Minuten. Von Jenny Hirsch. -.Schluß.) „Ein anderes Bild. Der Diener bringt mir eine Karte, auf welcher ein mir gänzlich fremder Namen steht." „Ich habe doch ausdrücklich befohlen, mich nicht zu stören!" herrschte ich ihn an. „Das habe ich auch gesagt, aber der Herr meinte, mit ihm würden Sie wohl eine Ausnahme machen." — „Bedaure, bin nicht zu sprechen," erwiderte uh und wende mich wieder meiner Arbeit zu. Im nächsten Augenblicke erscheint der Diener abermals. „Der Herr bittet nur um füns Minuten, die Angelegenheit ist so dringend und der Weg so weit." , . „Ich lasse mich erweichen. Der Fremde tritt em, verbraucht schon mit der Entschuldigung, daß er es gewagt habe und der Versicherung, daß er nicht lange stören -wolle,. mehr als fünf Minuten, erzählt mir dann, von den Großeltern anhebend, seine Lebensgeschichte und als er zum eigentlichen Zwecke seines Besuches gelangt, ist beinahe eine Stunde verflossen und es ergiebt sich, daß er sie mir völlig unfruchtbar für sich selbst geraubt halber ist mit seiner Sache völlig vor die falsche Schmiede gegangen." „Auf einen solchen Fall kommen aber doch viele andere, in denen man bei Dir vor die rechte Schmiede kommt, Onkel," begütigte ich ihn, „und Du bist \a; stelle Dich, wie Du willst, immer hilfsbereit." „Das ist Menschenpflicht", brummte der gute Mann, „aber man soll sich nichts erschleichen und erzwingen, und das thun die, welche sagen, sie wollen meme Zeit nur für fünf Minuten in Anspruch nehmen.' „Auch wenn sie diese Frist ehrlich inne halten?" „Selbst dann wären sie im besten Falle Egoisten. „Nur fünf Minuten" für mich, sagt derjenige, den ich dringender Geschäfte halber abweise.. Wenn „fünf Minuten" für ihn, warum dann nicht auch für einen Zweiten und Dritten? Was dem einen recht ist, das ist dem Andern billig. — Doch das find Hypothesen. „Nur fünf Minuten" ist ein Betrug.' „Immer?" . „Immer, oder sagen wir Unwahrheit und zwar eine von der allergefährlichst-en Sorte, mit der man nicht nur Andere, sondern sich selbst täuscht. Ich bin so mißtrauisch dagegen geworden, daß ich kaum an die „fünf Minuten Aufenthalt" glaube, mit denen der Schaffner die Thür des Eisenbahnkoupees aufreißt. Heißt man mich auf Jemand eine Stunde warten, so verstehe ich mich unter Umständen dazu, sagt man mir, er könne „nur noch fünf Almuten' ausbleiben, so gehe ich ebenso schleunig von dannen, wie ich ein Restaurant verlaffe, wo der Kellner mit der Vertröstung „nur fünf Minuten" an mir vorübereilt, und auf Reisen benutze ich nie und nimmer ein Lohnfuhrwerk, deffen Lenker mir betheuert, es dauere „nur fünf Minuten," dann gehe es fort. Mit einem Worte. —" „Wer Dir von „fünf Minuten" spricht, wird abgewiesen, wären es selbst Deine nächsten Verwand, ten," unterbrach ich ihn neckend. „Nichtig, Du wolltest mich sprechen," sagte er sich mit der Hand vor die Stirn schlagend, „bas hatte ich in meinem Eifer ganz vergessen, und Du hattest nur fünf Minuten." „Nicht doch, Onkel, das galt nur für Dich? „Verstehtsich. Weißschon. Nun, wasgiebtes?" Ich brachte mein Anliegen vor. Er ließ sich die Angelegenheit gründlich auseinandersetzen, stellt! Fragen, die ich zu beantworten, machte Einwände, die ich zu berichtigen hatte, wir überlegten und be- riethen und kamen endlich mit der Sache ins Reine. Als ich mich erhob, um Abschied zu nehmen, fragte er: „Was meinst Du wohl, wie lange unsere Verhandlung gewährt hat?" „Ich weiß nicht genau," entgegnete ich verlegen. „Aber ich weiß es, denn ich habe nach der Uhr gesehen, als Du Deine Auseinandersetzung begännest. Wir haben eine Stunde und zehn Minuten berath- schlagt." „Verzeih, Onkel —" , „Hat nichts zu sagen, ich hätte Dir mit Vergnügen noch viel längere Zeit gewidmet. Wie langt glaubtest Du aber, dafür beanspruchen zu dürfen?" „Nur fünf Minuten," antwortete ich kleinlaut. „Du erfährst also an Dir selbst das Trügerisch der Redensart," sagte er mich zur Thür begleitend, dort drückte er mir freundlich die Hand und fügt! lächelnd hinzu: „Komm bald wieder, aber nicht nut auf fünf Minuten." Vermischtes. „Aber, Kutscher, fahren Sie doch zu: Ich komm ja zu spät zum Zuge!" Der Kutscher zuckt mit ben Achseln. „Aber, Kutscher, hauen Sie doch mal au| Ihre Mähre, ich komme ja im Leben nicht auf ben Stettiner Bahnhof." — „Ich kann nicht, Herr, wem ich schnell fahre, bekomme ich Herzklopfen." Im Schwurgerichtssaal. Präsident: Als« erzählen Sie einmal den Hergang. — Zeuge : Also ick sitze janz jemüthlich bei Hoppolden und drinke » Droppen. Mit eenmal kommt eener, ohne bet M merke, hinterrücks uf mir zu, und haut mir mit'n Seidel 'n Loch in'n Kopp, so jroß wie'n Dhaler - un bet fiel mir uf! Höflich. „Bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ich Ihnen keinen Stuhl angeboten habe, ich konnte ja nicht wissen — daß Sie mir mehr als fünf Viertelstunden die Ehre Ihres Besuches schenken würden. W e n i g Z u t r a u e n. Chef (zu seinem Commis): Mensch, mit Ihnen ist auch nichts, rein gar nichts los; ich glaube, Sie können nicht einmal die Cholera kriegen. ____________ Siebaction; A. Scheyda. — Druck unb Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Thc. Pietsch) in Gutzm,