Hießmer AmikienbMter. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. M. 24. Samstag dm 25. Februar. 1888. Die verkorene Wiöek. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung). ^Was sind dem Märchen Entfernungen? Durch diesen Kanal kommen nun, sobald der Rhein zufriert, die Nixen desielben geschwommen, tummeln sich in dem lauen Wasser so lange, bis der Rhein von Eis wieder frei ist und kehren dann wieder zurück. Die ganze Oberfläche des Sees will man bisweilen von diesen auf- und abtauchenden Rixen bedeckt gesehen haben. Der Pastor Brink in unfern Dorf übersetzt nun diese Nixen in wilde Gänse, die sich oft in Schaaren auf dar bisweilen in weiter Runde einzige eisfreie Waffer stürzen, ohne eins Ahnung zu haben von deffrn Nahmngslosigkeit. Thatsache soll nun sein, und das hat Pastor Brink bestätigt", fuhr der General fort, „doß Leute aus der Umgegend, die ihres Lebens überdrüssig sind, sich mit Vorliebe in den Schwarzen See stürzen, und ebenfalls soll es Thatsache sein, was ich noch bezweifle, daß die Leichen von denen, die hier einen freiwilligen Tod gesucht oder durch Unglück einen unfreiwilligen gefunden, niemals je wieder zum Vorschein gekommen sind. Und welche Erklärung giebt nun die Fabel für diesen Umstand? Der Rix dort unten hat eine Aversion gegen Leichen und sowie er in dem See eine bemerkt, schickt er dieselbe in den unterirdischen Kanal und spült sie hindurch bis in den Rhein hinein. Und steif und fest behaupten die Leute, daß Jeder, der hier seinen Tod fände, als Leiche an die Ufer des Rheins getrieben würde." „Eine wilde Phantasie!" bemerkte Franziska. „Es spricht immer für den Gegenstand", sagte Alexandra, „der es versteht, derartige Sagen hervor- zurufen, mag auch noch soviel Nonsens darin enthalten sein. Und ich muß gestehen, ich habe nie etwas Schöneres, etwas Romantischeres gesehen, als diesen See. Ich kann auch begreifen, daß man sich, wenn man überhaupt gesonnen ist, das Leben sich zu nehmen, gerade in dieses Wasier stürzen möchte, wo man sogleich in die Tiefe sinkt. Ist denn dieser poetische See noch nie gemalt, noch nie photographirt worden?" „So viel ich weiß, bis jetzt nicht", antwortete der General. „Das ist ja geradezu eine Unterlassungssünde", fuhr Alexandra fort, „und ich selbst hätte die größte Lust, was bisher versäumt ist, nachzuholen. Das Sujet reizt mich, Pinsel und Palette haben bei mir lange gs.uht, aber dieser pittoreske Anblick erzeugt in mir das Verlangens sie wieder hsrvorzuhilcn." „Sollten Sie, gnädige Frau", sagte der General, „dies Verlangen befriedigen wollen, so steht Ihnen : dieser Pavillon zu jeder Zeit zur Disposition." „Ich danke Ihnen, Erccllenz, für dies Anerbieten und werde mir erlauben, davon Gebrauch zu machen. Vielleicht schon allernächstens werde ich beginnen und dann wohl kurze Zeit eins Stunde Ihnen täglich lästig fallen müssen." „Lästig?" rief der General aus. „O, Sie können mir nichts Angenehmeres erweisen! Und wenn Sie mir gestatten möchten, gnädige Frau, vorausgesetzt, daß es Sie nicht stört, Ihrer Arbeit ein wenig zuzuschauen, so würden Sie mich sehr verbinden. Ich habe noch nie gesehen, wie ein Bckd entsteht, es würde für mich sehr intereffant sein, von den ersten Anfängen an sein Werden beobachten zu können." „Es stört mich durchaus nicht, wenn mir Jemand zusteht." „Aber Eins müssen Sie mir versprechen, Frau Geheimrath, dann und wann Ihr liebliches Töchterchen mitzubringen, in bas ich alter Knabe mich förmlich verliebt habe. Natürlich väterlich!" fügte er lächelnd hinzu. „Ich bringe sie gerne mit, verlasse ich doch kaum je ohne Frieda dar Haus. Sie hätte uns auch heute begleitet, wenn sie sich nicht ein wenig den Fuß verstaucht hätte, es ist jedoch gar nicht ge- jährlich." Nach einer kleinen Pause sagte der General: „Wie ich von Ihrer Frau Gemahlin bei unserem Besuch in der Stadt vernommen, so waren Sie, Herr i eheimrath, längere Zett in Afrika. Wo waren Sie dort?" „In der Kapkolonie." - „Sie waren wohl noch sehr jung, als Sie Deutschland verließen?" „Ich war erst siebzehn Jahre alt." „So, so! — Sie sind — wo nur noch geboren?" „In Hamburg." „Wie kamen Sie denn nach Afrika?" „Ein Onkel, der sich nach Hilfe sehnte, rief mich m sich-" „Ach so. — Ich iuteressire mich sthr für das Ausland; Sie, Herr Geheimrath, waren dort, Sie sind außerdem Hamburger von Geburt, in Hamburg ist man mit überseeischen Verhältnissen weit ver- trauter, als in Berlin, wo ich Vieles, was ich gerne wissen möchte, nicht erfahren konnte, — dürfte ich nun bei Gelegenheit Sie in dieser Richtung mit einigen Fragen belästigen?" „Ich stehe mit Allem, was ich an Kenntnissen und Erfahrungen gesammelt, jederzeit zu Ihren Diensten bereit." „So danke ich Ihnen schon im Voraus." Alexandra erhob sich. Für einen ersten formellen Gegenbesuch waren sie jetzt lange genug geblieben. „Sie wohnen ja jetzt auf der Schlangenburg, Frau Geheimrath", sagte Franziska, da hat "wohl Ihr kaum ins Leben getretener Gesangverein sogleich eine Unterbrechung erleiden müssen, oder wird derselbe in Ihrer Stadt fortgesetzt?" „Fortgesetzt wird er, aber nicht in der Stadt, sondern bei uns auf der Schlangenburg. An jedem Mittwoch werden die Mitglieder zu uns hsraus- fahren und mit dem Zwölf-Uhrzug wieder zurückkehren." „Wie amüsant das sein muß! Neben Sie an einem größeren Werk?" „Noch nicht. Wir haben mit kleineren Sachen begonnen, damit die Stimmen sich erst aneinander gewöhnen und der Direktor sieht, was er für Kräfte hat. Aber ich kann Sie versichern, gnädige Frau, daß schon prächtig gesungen wird. Wir haben für die Leitung in der Person des Herrn Direktor Rohdenberg, eines ganz jungen Mannes von zwei- undzwanzig Jahren, eine Acquifitisn gemacht, worauf ich nicht wenig stolz bin, da ichss ihn entdeckt habe. Er dirigirt ausgezeichnet und weiß es spielend zu erreichen, daß mit Vortrag gesungen wird." „Wir beneide ich die Mitglieder, einem solchen Verein anzugehören." „Wenn Sie Lust hätten, gnädige Frau, einzutreten, so wird uns das eine Ehre sein. Sie und Herr von Stolzenberg ließe« Beide neulich durch- blicken, daß Sie geschulte Stimmen besäßen und prima vista zu singen im Stande wären. Auf diese Fähigkeiten legen wir einiges Gewicht und sollte es mich sehr freuen, für den Verein zwei Mitglieder gewonnen zu haben, die ihm noch gerade fehlten, wir hatten bis dahin eine Alt- und eine Baßstimme zu wenig." „Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen." „Durchaus nicht I Es fragt sich aber noch, ob Ihr Herr Vetter ebenfalls geneigt wäre." „Felix hat mir selbst gesagt, wie gern er dem Gesangverein angehören möchte." „O, dann ist ja Alles in Ordnung! Ja, denken Sie sich, Frau von Barsen, wir habm die kühne Absicht, uns am nächsten Mittwoch schon vor einem kleinen Publikum, das wir eigens dazu einladen werden, hören zu lassen. Doch darüber erlaube ich mir, Ihnen noch Näheres zu berichten." Noch einige kurze Worte wurden über den Bau der Fabriken gesprochen, worauf der Geheimrath und Alexandra, von dem Genera! und Franziska bis an den Wagen geleitet, Fichtenberg verließen. Unterwegs fragte Wolter: „Bist Du in Deinen psychologischen Studien in Bezug auf Frau von Barsen etwas weiter gerückt?" „Nur wenig", antwortete Alexandra. „Sie betheiligte sich an dem allgemeinen Gespräch nur gering. Hältst Du sie für bedeutend?" „Sie ist sicher nicht ohne Geist, aber ich glaube, auf einem anderen Felde der Unterhaltung würde sie lebhafter gewesen sein." „Du meinst —" „Sie machte heute den Eindruck, als wenn sie mit ihrer Jugendlichkeit ein wenig kokettirte, vielleicht ist sie überhaupt kokett. Zu einer vollendet feinen Dame fehlt ihr — ich finde dafür keine Bezeichnung, es liegt mehr in meinem Gefühl — fie hat ein wenig von einer Schauspielerin; wenn man nicht wüßte, daß sie die Nichte des Generals wäre, könnte man annehmen, daß fie schon einmal der Bühne angehört." „Ich habe mich darüber gewundert, daß Du, die Du so manche Dame, so manchen Herrn für Deinen Verein refüsirtest, Frau von Barsen und deren Cousin sogleich zum Beitritt auffordertest." „Konnte ich in diesem Fall denn anders, lieber Mann? Der Wink war deutlich genug, ja nach meinem Geschmack zu deutlich. Ich hätte mich sonst auch bedacht, aber es find ganz neue Bekannte, dazu unsere nächsten Gutsnachbarn, mit denen wir häufiger verkehren werden, ich mochte nicht gleich die Unhöflichkeit begehen, diesen Wink zu ignoriren. Die musikalischen Qualitäten werden Beide wohl haben. Wäre Frau von Barsen von Frieda's Alter, würde ich vielleicht Bedenken getragen haben; es ist ja auch möglich, daß das eigenartige Mißtrauen gegen diese Frau, von dem ich mich nicht ganz frei zu machen weiß, gänzlich unberechtigt ist." War der Geheimrath am Mittage einem ersten Begegnen mit Herrn von Stolzenberg entgangen, so sollte dasselbe doch noch im Laufe des Tages statifinden. Die Familie Wolter nahm" nach dem Diner den Kaffee im Garten ein. Es war etwa sechs Uhr» als der Diener in die Lauve trat und auf einem silbernen Teller eine Karte präfentirte, auf welcher der Name: Felix von Stolzenberg stand. Zehntes Kapitel. Alexandra hatte dem Diener die Karte abgenommen und las laut den Namen, der in feinen Buchstaben darauf gedruckt war. Wolter hatte für ! heute ,ein solches Zusammentreffen nicht mehr erwartet, daher war die Ueberraschung eine um so . größere und für einen Moment fühlte er, wie sein Ler» stille stand, um gleich darauf durch stürmische Klopfen sich um so bemerkbarer S» machen. , Was meinst Du", fragte dis Geheimräthin ihren Gatten, „soll Johann Herrn von Stolzenberg in das gelbe Zimmer führen oder sollen wir ihn bitten, hierher zu kommen?" „Ich denke, wir empfangen ihn hier", erwiderte der Gefragte. „So ersuchen Sie den gnädigen Herrn, Ihnen hierher zu folgen." Zohann verbeugte sich und kehrte ins Schloß zurück. Frieda erhob sich und es hatte den Anschein, als ob sie sich entfernen wollte. „Wohin, ma obere ?" fragte die Mutter. „Muß ich dabei sein, Mama?" „Warum wolltest Du es nicht, mein Kind?" Das junge Mädchen setzte sich ohne weitere Bemerkung wieder nieder. Der Schlangeuberg, auf dem dis Schlangenburg lag, war von einer waldbewachfenen, mit Felsen durchsetzten Hügelkette, die sich längs dem nicht schr breiten, aber vkrhättnißmäßig t efen Fluffe, der Singe, hinzog, der Höchsts Hügel, dessen baumfreir Spitze meilenweit sichtbar war. Die Burg mit ihrem hohen Thurms und ihren vielen kleinen Thürmchen lag in der Mitte eines breiten Plateaus, hart an den aus letzterem aufsteigenden nackten Felfe-'.kegel hinan, ja thsilweise in ihn hineingebaut. Die Schlangenburg, deren Wirthschaftrräume alle auf dem inneren Hofraum mündeten, war ringsherum von einem im Rococostyl erhaltenen großen Garten umgeben, der in einen prächtigen, bis an den Fuß des Berges hinsbsteigenden Park überging. Der beschnittene Taxus spielte hier selbstverständlich die größte Rolle, außerdem waren Park und Garten parnaßartig von einer Menge steinerner Figuren belebt und alle Götter und Halbgötter des Olymps waren hier, einzelne stehend oder in Gruppen vereinigt, vertreten. Mochten nun auch diese Anlagen durch die Menge all der Grotten, Lauben, Bassins, Pavillons, der dunklen, heimlichen Laubgänge rc. überladen erscheinen, das Ganze machte dennoch einen höchst romantischen Eindruck und unwillkürlich fühlte man sich in das Mittelalter versetzt. In einer Toxuslaube, welche die Form einer Muschel hatte, von der man durch einen künstlich hergestellten Ausschnitt im Walde eine hübsche Aussicht auf die Stadt Holzendorf und einen Theil des Schlangenthals mit dem Flufle hatte, saßen auf mit PlüschdcÄen von rothem Sammet belegten Sandsteinbänken um einen steinernen Tisch herum Wolter, besten Gemahlin und Tochter, sowie eine ältere Frau, Frau Bkhrens, Frieda's Pflegemutter. Sie war in Afrika schon deren Wärterin gewesen, sowie sie auch die Wärterin von Frieda's Mutter gewesen war. Bor mehr als vierzig Jahren war Frieda's Großvater von Afrika nach Hamburg herübergekommrn, um sich eine Frau zu suchen. Er hatte bald ein junges Mädchen gefunden, mit der er sich verlobte und die junge Braut überredete die jetzige Frau Behrens, die damals als einfache Magd bei ihr diente, mit ihr in den fremden Welttheil zu ziehen, wozu diese sich, die Luft und Muth dazu hatte, auch entschloß. Einige Jahre später verheirathete sie sich mit einem im Geschäft angesiellten Deutschen, Namens Behrens, den sie bald wieder durch den Tod verlor, worauf sie wieder zu ihrer Herrschaft zurückkehrte (Fortsetzung folgt.) Das verlorene Testament. Von Leo Sonntag. Der alte Gerhard Rußmann war gestorben und begraben. Unter all den thsuren Freunden aber, die den Verstorbenen zur letzten Ruhestätte begleitet hatten, herrschte dir größte Aufregung; denn in srinem Testamente war Martha Reger, seine junge Gesellschafterin, als Alleinerbin eingesetzt, während von seinem Neffen Robert mit keiner Silbe die Rede war. „Es muß hier irgend ein Jrrthnm vorliegen", meinte Dr. Wilde, der Anwalt des alten Herrn. „Ich weiß bestimmt, daß nach der Rückkehr Herrn Robert's ein neues Testament gemacht worden, das diesen zum Haupterben eins-tzts. Fräulein R?gsr war darin auch in sehr generöser Weise bedacht; aber dieses, bas ihr alles zuschreibt, war abgefaßt worden, ehe Herr Rußmann von der Rettung seines Neffen Ksnntniß hatte. Ich vermuthete, es sei längst vernichtet worden." „Warum vermutheten Sie das?" war Robert Rußmann's sehr natürliche Frage. „Mein Client sagte mir, er wolle er in's Feuer werfen, als wir das zweite aufsetzten, Md ich glaubte natürlich, er habe es gethan. Doch er scheint es aus irgend einem Grunde Unterlasten zu haben, und nun befindet sich das unrichtige Papier in unfern Händen. Wir müssen nach dem andern suchen —" „Und bis Sie es finden, oder, wenn Sie es überhaupt nicht finden, besteht dieses zu recht, nicht wahr?" unterbrach ihn Robert ruhig, und der Anwalt mußte dies zugestehen. Fräulein Reger hatte dieser ganzen Unterredung mit niedergeschlagenen Augen zugehört, ohne sich mit einem Worte an derselben zu betheiligen. Desto eifriger aber redeten alle die lieben Freunde, und : manches Wort traf das Ohr de» jungen Mädchens, das wohl nicht ganz für dasselbe berechnet war. „Eine sehr unrkwürdige Lage für Fräulein ' Reger", hieb es da. „Sollte sich das echte Tssta- ' ment nicht finden, so wäre es doch eigentlich ihrs Pflicht, die Erbschaft an Robert abzutreten. Das wenigsts, was sie thun könnte, wäre mit ihm Heilen. Und die Hälfte des großen Vermögens wäre immer noch sehr viel für ein junges Mädchen von der Herkunft Fräulein Regers. Was war sie denn eigentlich? Die Tochter von der Haushälterin des alten Rußmann, nicht mehr und nicht weniger. Sie kam zum Besuch zu ihrer Mutter, während der alte Mann krank war, und pflegte ihn so aufopfernd, daß er sie nicht mehr von sich lassen wollte. Sie mußte ihre Stellung als Erzieherin aufgeben und bei ihm bleiben. Seitdem ist sie wie die Tochter des Hauses gehalten worden. Hätte sich nun das Gerücht bestätigt, daß Robert zur See umgekomms», so wäre es ja gar nicht merkwürdig gewesen, wenn der excentrische alte Mann sie zu seiner Erbin gemacht. Aber so ist es schrecklich! Das ganze Lebensglück des jungen Mannes ist untergraben; denn feine Verlobung mit Flora Lucius wird natürlich rückgängig werden. Flora ist nicht dazu geschaffen, eines armen Mannes Frau zu sein, sie ist zu schön, zu elegant! Und der Aermste ist so verliebt in sie, es ist ein furchtbarer Schlag!" In dieser und ähnlicher Weise wurde geredet, bis Robert mit dem Anwalt zurückkam und beide erklärten, daß sie das zweite Testament nicht gefunden hätten. Mit dieser Erklärung steigerte stch die Ehrerbietung vor der jungen Erbin; man umdrängte sie, um ihr zu gratulirsn; doch fis wehrte alles ab. „Es ist noch zu früh", war die Antwort. Aber man hielt ihre Chane n für günstig. „Wenn sie wirklich die Erbin ist", sagte man sich, „es ist ja schrecklich für den jungen Mann, sehr schrecklich —, aber —" Und das Resultat der Betrachtungen war, daß man der vermuthlichen Erbin die schuldige Ehrfu cht erwies. „Sie nimmt die Sache sehr ruhig", sagten Viele ,ß«f dem Heimwege, „es scheint fast, als wolle sie das thun, was man von ihr erwartet, nämlich das Geld den rechtmäßigen Erben zuweisen." Man hätte wohl anders geurtheilt, hätte man Martha am Abend in ihrem eigenen Zimmer beobachten können. Sie hatte die Läden fest geschloffen, die Vorhänge zugezogen und die Thüren verriegelt. Kein menschliche» Auge konnte sehen, wie sie jetzt ihr Kleid aufknöpfie und ein versiegeltes Dokument hervorzog, das auf ihrer Brust verborgen gewesen. — Es war das vermißte Testament! Lange und ernst ruhte ihr Blick darauf. „Elendes Papier", sprach sie. „Du kannst das Glück manches Menschenlebens begründen oder vernichten! Gäbe ich Dich ihm, den Du glücklich machen würdest, welches Leid erwüchse für mich daraus, ich würde alles dessen beraubt, das ich Hochschätze. Aber er wird unglücklich sein, wenn ich Dich behalte! Doch wird es ihm seine Braut kosten? Wird sie ihm untreu werden, weil er arm ist? O, was ist dann ihre Liebe werth? — Und ist sie Mm so thmer, daß sein Herz brechen muß, wenn er sie verliert, wie das meine brechen würde, wenn ich ihn verlöre, den ich liebe? Den ich liebe, ja den ich liebe!" fuhr sie leise flüsternd fort und faltete ihre Hände wie in tödtlicher Angst. „Den ich lirbe, und der nicht an mich denkt! Rur an sie! Ist es eine Sünde, die beiden zu trennen? Und wird er mir jemals vergeben? Ja, er muß mir vergeben, denn wenn sie ihn verläßt, weil er enterbt worden, so hat sie ihn nie wahr geliebt." Als sie sich zu Bette legte, fand das Testament seinen Platz unter ihrem Kiffen und dabei ein Brief, ebenfalls wohl versiegelt und an Robert Rußmann adrefsirt. Martha küßte den Namen, ehe sie ein- fchlief. „Er wird mir mein Unrecht vergeben, wenn er diesen Brief liest, ich gehorche ja nur dem Tobten." Den ganzen folgenden Tag trug sie das Testament unter ihrem Kleide verborgen, während Dr. Wilde und Robert das ganze Haus danach absuchten. Es war hart für das junge Mädchen, das enttäuschte Gesicht des Geliebten anzusehen, wo es ihr doch so leicht gewesen wäre, ihn zufrieden zu stellen. Doch, es durfte nicht sein, sie mußte den Willen de» Tobten erfüllen. Rach einigen Tagen vergeblichen Suchens gab man d e Hoffnung auf, daß das vermißte Dokument überhaupt noch existire. Robert fügte sich in sein hartes Schicksal und Fräulein Reger ward als rechtmäßige Erbin anerkannt. Dr. Wilde gab stch gar keine Mühe, seinen Aerger zu verbergen. „Es ließen sich doch gewiß Mittel und Wege finden, Fräulein", sagte er zu dem jungen Mädchen, „um dem letzten Willen des Tobten nachzukommen. Das Testament, das Sie zur Erbin macht, war nicht sein letzter Wille, dessen bin ich sicher. Und Sie wollen gewiß nicht etwas besitzen, was nur durch Jrrthum Ihnen gehört. Lassen Sie uns ein Arrangement treffen; ich erinnere mich genau der Bestimmung des zweiten Testamente ." Auf diesen sehr deutlichen Wink entgegnete Martha mit voller Ruhe: „Das Testament konn stch finden, Herr Doctor. So lange ich diese Hoffnung hege, möchte ich Ihrem Gedächtniß die vielleicht unnöthige Anstrengung nicht zumuthen. Doch seien Sie versichert, daß mir nichts mehr am Herzen liegt, als den Willen des Tobten zu erfüllen." „Ich verstehe das Mädchen nicht", sagte Dr. Wilds zu Robert, „aber ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, als ob Sie doch noch in den Besitz Ihres Vermögens gelangen sollten, und zwar durch freiwilliges Zurücktreten von Fräulein Reger." (Schluß folgt.) Nedaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schsn Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.