Hichemr Jamiüenblätter. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Zß Samstag dm 24. März. 1888. Aie verkorene Miöek. j Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung). SiebenzehüteZ Kapitel. • Felix hatte von oben herab das Gespräch im l Saal mit Inte esse verfolgt und wunderte sich darüber, daß der Geheimrath sich so bitten ließ, ein Lied zu singen. Aber kaum hatte Wolter die beid n ersten Verszeilen gesungen, al« es ihm wie ein Blitz durch den Kaps fuhr. Mit einem Schlage wußte er die Ähnlichkeit zu deuten, die er in des Geheimrath's Gesicht gefunden zu haben glaubte und für die er in feinem Gedächtniß vergebens nach einem Vergleich gesucht hatte. Das Lied, welches er früher so oft und in dersilben Weise gehört hatte, klärte ihn darüber auf, was die Blatternarben so erfolgreich verhüllt hatten, und in der so plötzlichen lieber« raschung vollständig vergessend, daß er in einem Versteck sich befand, stieß er die Worte au«: „Ha, das ist —I" Und er hätte einen Namen genannt, wenn der Kastellan nicht seinen Arm ergriffen und ihm zugeflüstert hätte: „Um Gotteswillen, Sie verrathen sich!" Aber Gedelmann wußte sogleich, wie der Fehler wieder gut zu machen war. Er steckte den Kopf durch die mir wenig geöffnete Thür und rief in den Saal hinab: „Herr des Himmels und der Erde, Sie sind es, Herr Geheimrath! Noch zittern alle meine Glieder von der ausgestandenen Angst! Ich dachte in meinem Schrecken nichts Anderes, als daß der wilde Herzog das Schloß in Brand gesteckt habe. Gottlob, daß ich mich getäuscht habe!" Nach diesen Worten zog er den Kopf wieder zurück und schloß die Thür. Wolter hatte, nachdem er den Kastellan erblickt, von dem ja auch nur der vorhin gehörte Ruf aus« gegangen fern konnte, sich wieder beruhigt und verließ bald darauf mit Frieda und Alexandra den Saal. Felix konnte sich im ersten Augenblick gar nicht von seiner Überraschung erholen, aber schon bald i jubelte und frohlockte es in seinem Innern, und leise ; kam es über seine Lippen: „Das ist eine ungeheure Entdeckung! — Thal« \ heim — daß ich ihn nicht sogleich erkannt habe! ' Von Afrika als Millionär zurückgekehrt, so kann er ja dem Schicksal noch dankbar sein für die Ursache, die ihn dorthin verschlagen! Triumph! Jetzt ist Frieda mein, mein für immer I Wenn nun aber", fuhr er in Gedanken fort, „auch her Onkel entdecken sollte, wer hinter den Blatternarben verborgen ist? Wird er ihm die damalige Abweichung vom Wege drr Ehrs noch nachtragen? Ich glaube nicht, er wird alt und das Alter macht nachsichtig;, auch schon um Frieda's willen, die er so aufrichtig in sein Herz geschloffen hat, wird er die Sache ver« gissen sein lassen." Der Kastellan blie^, nachdem er die Thür zur Gallerie wieder geschloffen, so lange horchend stehen, bis er vernommen, daß der Gebeimrath und die beiden Damen sich aus dem Saal entfernt. Felix sah jetzt erst, wie fieberhast das Gesicht des Alten geröihet war, wie seine Brust aus- und niederwogte und seine Lippen nervös bebten. So gebrechlich und hinfällig auch die ganze Gestalt des Greises erschien, seine Augen leuchteten noch von Willenskraft. Er schob Felix einen hohen, mit verblichenem, rothem Sammet überzogenen Lehnstuhl hin und begann dann, ausführlich feine Lebensgeschichte und die Er« eignisse an dem herzoglichen Hofe zu berichten. Schon sein Vater sei der ergebene Diener des Geheim« sekretärs der Gräfin Fichtenberg gewesen und er war es auch, der derselben den Brief der Gräfin an ihre Tochter mittheilte. Durch diesen erfuhr Herr von Stolzenberg das Geheimniß von dem verborgenen Schatze, an deffen Hebung ihn jedoch seine Verhaftung hinderte. Sein Geheimniß legte er für seine Nachkommen in einem Schreiben nieder, das er seinem Kastellan zustellen ließ. In diesem er- theilte er ihm den Auftrag, die in dem Mutter« gottesbild versteckte Kaflette hrrauszunehmen, an einer Stelle im Park zu vergraben und sie später in der Kapelle, in welcher der Sarg der Gräfin Fichtenberg sich befand, zu verbergen. Der Inhalt des Kastens sollte aus wichtigen Documenten bestehen, die unter keinen Umständen in die Hände des Herzogs oder des Erbprinzen kommen durften. Felix hatte mit der größten Aufmerksamkeit schweigend zugehört. Nur selten war ein Ausruf über seine Lippen gekommen, als aber der Alte den Inhalt der Kastens nannte, sagte er leise: „Documer.t? Was könnten das für Documente fein? Wenn hier nur nicht der sagenhafte Schatz sich verbirgt? Die Familientradition lautet ja, daß in einer Bibel, in derselben Bibel, die ich von meinem Onkel geerbt, der Nachweis eines verborgenen Schatze» fei. Es ist mehr al» Wahrscheinlich, daß 142 der Schatz von der Gräfin stammte und für einen Anderen bestimmt war. Meinem Ahnherrn war es nicht vergönnt, die Früchte seiner Machinationen, dis vollständig geglückt find, zu genießen, und nun werden sie nach hundert Jahren dem Urenkel vielleicht noch in den Schooß geworfen? Das wären wunderbare Fügungen des blinden Malls!" Gedelmann erhob sich und sagte mit lebhafter Stimme: „Aber, gnädiger Herr, es wird Zeit, wir müssen uns beeilen, wenn uns der Morgen nicht bei unserer Arbeit überraschen soll." Er entfernte sich in sein Schlafzimmer und kam nach wenigen Minuten zurück, um den Hals trug er eine Kette mit einem Kruzifix; in der einen Hand trug er eine brennende Laterne, in der anderen hirlt er mehrere Geräthschaften- „Jch bin bereit, kommen Sir!" sagte er und schritt voran auf die Gallerte, die Laterne gegen die Brust haltend, sodaß sie nur einen sehr geringen Schein vor sich her warf, kaum genügend, um den Weg zu beleuchten. Plötzlich stand der Kastellan still und sagte in einem ängstlichen Flüsterton: „Horch I Was ist dar! Haben Sie nichts gehört ?" „Unsinn, Alter! Nur vorwärts, vorwärts!" rief Felix, ohne feine Stimme zu mäßigen. „Um Gotteswillen! Sprechen Sie nicht so laut!" Sie waren bis an die Thür gekommen, die Gedelmann jetzt öffnete. Zuerst gelangte man in eine kleine Vorhalle, von der drei marmorne Stufen in dar eigentlich- Grabgewölbe führten. Die Wände und die gewölbte Decke, ebenso der in der Mitte stehende mächtige Sarg warm von weißem Marmor, desgleichen der Boden. Zu beiden Seiten des Sarges standen je drei Kandelaber von Bronze, ein ebensolcher am Kopfende desselben. Ruf dem Deckel der Sarges befand sich eine große silberne Platte, auf der cingravirt stand: Gräfin von Fichtenberg, Gemahlin d-s Herzogs Ernst Ludwig. Gedelmann ging um den Sarg herum, bis in dis linke Ecke des Gewölbes, hob mit einem eisernen Instrument die Marmorfliese heraus, grub mit einem kleinen Handspaten die lockere Erde auf und-- da war der Kasten. Felix kniete auf der Marmorfliess nieder und hob ihn mit leichter Hand empor. Die Marmorfliese war bald wieder eingefügt, die Spuren der Arbeit htnweggeräumt und die eiserne Thür verschlossen. Nach wenigen Minuten befanden sich die Schatzgräber wieder auf Gedelmann« Zimmer. Felix hatte den Kasten auf den Tisch gestellt und sagte: „Wo befindet sich denn nur das Schloß? Man sieht ja nicht einmal die Scheids zwischen Behälter und Deckel!" „Ich erinnere mich, daß es mir schon damals ein Räthfel war. Wahrscheinlich bleibt Ihnen nichts Andere« übrig, als den Kasten zu zerschlagen." „Es eilt damit nicht, ich kann sehr wohl meins t Neugierde beherrschen. Ueberdies möchte ich Sie ; bitten, dem Kasten hier bei Ihnen noch ein kurzes Unterkommen zu gönncn, bis ich Gelegenheit finden werde, ihn ungesehen mit nach Fichtenberg nehmen zu können. Dort steht ja ein Schrank, können Sie ihn darin nicht so lange verbergen?" „W!e Sie wollen, gnädiger Herr!" Auf demselben Wege, über Treppe : und Corridore, auf dem Gedelmann Herrn von Stolzenberg in sein Zimmer geführt, leitete er ihn dann wieder bis vor die Thür des großen Thurmes. Felix sagte „Gute Nacht!" und schritt den Berg hinunter. Der Mond schien hell, ruhig lag bi- Schlangenburg da, kein Laut regte sich in der schönen Nacht. Achtzehntes Kapitel. Mit welchen Gefühlen Siegfried Rohdenberg am anderen Tage in Begleitung Langenbach's und der übrigen Gefangvereinsmitglieder den Salonwagen des Geheimraths Wolter bestieg, um nach der Schlangenburg hinauszufahren, läßt sich nicht beschreiben. Es waren Furcht und Hoffnung zugleich, die sein Inneres bewegten. Auf dem Holzendorfer Bahnhofe standen mehrere Equipagen, um die Damen auf die Burg hinaufzufahren, aber letztere erklärten einstimmig, bei diesem wundervollen Wetter lieber den Weg durch den schattigen Park zu Fuß zurückiegen zu wollen. Sie wurden von dem Geßeimrath und dessen Gemahlin an derselben Stelle im Garten empfangen, wo vor acht Tagen die Gesellschaft nach dem Diner sich placirt hatte. Hier war ein Theetisch arrangirt und auch den Flügel hatte man hierher geschafft. Vergebens spähte Siegfried umher, nirgend« konnte er Frieda entdecken. Nach ihr zu fragen wagte er nicht. Plötzlich sah er, wie in einiger Entfe.nung Frieda um eine Toxuswand bog. Neben ihr ging Felix. Beide schienen, während sie sich näherten, in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, wobei Frieda Herrn von Stolzenberg lächelnd anblickte. Es gab Sieg- fried einen Stich ins Herz, als er das sah. Woher diese plötzliche Vertraulichkeit, als wenn sie schon lange mit einander bekannt gewesen wären? Ale sie nur noch einige Schritte von ihm ent- fernt waren, leuchteten Frieda'- Augen ihm wie sonst entgegen, er aber dachre wiederum, dir» Leuchten gelte nicht ihm, und al» er sich verbeugte und seinen Freund vorstellte, machte er ein so betroffene» Gesicht, dem ein wenig Unmuth beigesügt war, daß Frieda ihn verwundert ansah. Was war mit ihm geschehen? O, wie anders hatte sie sich das Wiedersehen gedacht! Wie hatte sie sich auf diesen Augenblick gefreut, und nun war er so förmlich! Das junge Mädchen zog die Augenbrauen zusammen, drehte sich rasch herum und ging zu den Damen, um sie zu begrüßen. Nachdem der Thee getrunken, begannen die Uebungen. Felix und Franziska nahmen diesmal 143 daran Theil. Frsida dagegen lehnte es heute ab, mitzustngen, weil sie Kopfschmerzen habe und setzte sich zurück. Nachdem eine Stunde lang geprobt worden, trat eine etwas längere Pause ein. Alerandra trat während derselben zu Siegfried und sagte: „Sie haben schon gehört, Herr Rohdenberg, daß ich die Mitglieder des Gesangvereins gebeten habe, mir übermorgen, an meinem Geburtstage, die Ehre ihres Besuches zu schenken. Da ich den Wunsch hege, daß an dem Abend einige Lieder gesungen werden, so muß ich mich vor allen Dingen unseres Direktors versichern. Dürfen wir auf Ihre gütige Mitwirkung rechnen." ~ „Ich stehe jederzeit zu Ihren Diensten, gnädige Frau." „Und darf ich die Bitte hinzufügen, uns durch einen Soloosrtrag auf der Violine u erfreuen? „Mit Freuden I" „So danke ich Ihnen im Voraus I" Alexandra plauderte noch ein Weilchen in liebenswürdigster Weife mit Siegfried und verabschiedete sich dann. In diesem Augenblick ging Felix an Franziska vorüber und flüsterte ihr einige Worte zu, worauf er sich neben Frieda stellte, die noch immer auf demselben Platz saß und deren Unmuth mit jeder Mnute wuchs, weil Siegfried noch immer keine Miene machte, sich ihr zu nähern. Frau von Barsen erhob sich mit den leisen Worten: „So muß ich denn das ruchlose Werk vollführen und in zwei junge Herzen, die sich lieben, dar tödt- Uche Gift träufeln, aber hüte Dich, Barbar, daß ich Dir später nicht doch noch einen Strich durch die Rechnung mache!" Sie war über den freien Platz geschritten und sagte zu Siegfried, der gedankenvoll vor sich nieder- blickte: „Verzeihen Sie, Herr Rohdenberg, daß ich Sie in Ihren stillen Betrachtungen störe. Ich möchte eme sehr große Bitte an Sie richten." „Befehlen Sie über mich, gnädige Frau." „Mein Onkel beabsichtigt, bevor wir Fichtenberg verlassen, eine große Soiree zu geben, und da mochten wir gern die Gesellschaft durch kleine Auf- .uhrungen, Charaden, lebende Bilder und so weiter überraschen. Es sollte, wenn möglich, vorher ein absolutes Geheimniß bleiben. Doch", fuhr sie fort, ""gestört, lassen Sie uns einen Augenblick die breite Allee hinabwandrln, da hört Niemand. Es ist Ihnen doch Recht, Herr „Gewiß, gnädige Frau." Re We “M Nie gr«u Vvll » „Wir haben in Rußland oftmals lebende Bilder gestellt." 3d) brauche j tzt zum Beispiel Hectors Abschied von Andromache, und Don Carlos Kniefall vor der Königin Elisabeih. Da möchte ich Sie nun freundlich bitten, mir bei diefem Unternehmen Ihrs hülf- reiche Hand zu leihen!" „Ich wäre gewiß bereit Ihnen zu dienen, gnädige Frau, aber ich fürchte, daß ich zu wenig gewandt dazu bin!" „Sie wären zu wenig gewandt, Herr Direktor? Ja, wer wäre denn dazu paffend? Nein, mein Herr, das heißt dir Bescheidenheit zu weit treiben? Die Aufgabe ist kinderleicht — hier ist eine geschloffene Laube, machen wir aus Scherz einmal eine kleine Probe, dort steht uns Niemand; Sie werden darnach sogleich ein sehen, daß e» Ihnen nicht die geringsten Schwierigkeiten machen wird. Aber lassen Sie uns leise sprechen, wir können drinnen nicht bem rken, wenn Jemand naht, und ich möchte so gerne das Geheimniß bewahrt erhalten." Sie betraten die Laube. Nun wandte sich Felix von Stolzenberg an Frieda und sagte: „Sie gaben mir vorhin das freundliche Ver- sprechen, mich auf den Felsblock zu führen, von wo man den ganzen Garten überschauen könne — ist es Ihnen Recht, gnädiges Fräulein, wenn wir jetzt die Wallfahrt antreten?" „Ja", versetzte Frieda. „Gehen wir!" (Fortsetzung folgt.) Gin Irauenopfer. Erzählung von Karl Schmeling. (Nachdruck verboten.) Die sogenannten hundert Tage waren zu Ende: bei Waterloo waren die stolzen Adler der Korsen für immer in den Staub gesunken. Der Bourbon war wieder in Paris und mit ihm die Aoelssippe der sog. Emigranten, welche nach Rache verlangten — nach Rache für die Schmach, daß sie abermals feige davongelaufen waren. Sie hatte jetzt dis Macht und sie wollte, daß die Gegner die« empfanden. Die streng- sten Strafen für den von jenen verübten Verra! h waren ihr noch nicht streng genug Eine Anzahl Generale und Stabs'Officiere wurden zur Untersuchung gezogen und zu Pulver und Blei verurthrilt. Doch zögerte man noch damit, andere Würdenträger des Reicher vom Ctvilstande, mit demselben Maaße zu meffen. Jndeffen war die Neigung dazu vorhanden, und so zog man vorläufig einen Mann aus der Zahl jener Beamten hervor, vielleicht um an oder mit ihm die Probe zu machen, ob die Sache ebenfalls glatt verlaufen werde. Es war dies der Oberpostdirector des früheren Kaiserreiches, welcher auch während der hundert Tags seine frühere Stellung wieder übernommen, eigentlich usurpirt hatte, der Graf Marie Chamans von Lsvalette. Dieser Mann gehörte ebenfalls zu den Glückskindern der bewegten Zeit zu Ende des vorigen Jahr- 144 Hunderts, welche aus der Menge zu bedeutenden Würden emporstiegen. Seine Mutter hatte stch zeitweise dadurch ernährt, daß sie gelegentlich Ammendienste sür Kinder reicher Leute verrichtete. Hierdurch war sie dem Dr. Baudelique bekannt geworden, der ein besonderes Gefallen an ihrem aufgeweckten Sohne fand. Der Arzt ließ dem Knaben Unterricht ertheilen und da sich derfelbe lernbegierig zeigte, auch gute Anlagen verrieth, so ermöglichte er ihm, die akademische Lauf- bahn zu betreten. Der junge Lavalette war zuerst entschloßen, Priester zu werden; doch bald ging er zum Studium der Rechte über. Während der Revolution ward der junge Student zum Osficier der Nationalgarde gewählt und nachdem er im August des Jahres 1792 die Tuillerien mit Erfolg vertheidigt hatte, beschloß er die Mtlitär-Carriöre zu seinem Lebensberufe zu machen. In Italien gelang es ihm, die Aufmerksamkeit Napoleons auf sich zu ziehen und nunmehr ward sein Glück vollkommen. Napoleon ernannte ihn zu I seinem Adjutanten und vertraute ihm seine geheime । Correspondenz an. Um den brauchbaren Mann völlig an sich zu fesieln, vermählte er ihn später mit einer Richie seiner Gemahlin, der späteren Kaisers Jose- phine. Lavalette begleitete Napoleon auch nach Egypten. Nach Erhebung seines Gönners auf den Kaiserthron, erhielt Lavalette die schwierige Verwaltung des Reichspostwesens, welchem Amte er mit Auszeichnung bis zum Jahre 1814 verstand. Nach der Abdankung des Kaiser» in Fontaineblau, trat Lavalette in das Privatleben. Sein Nachfolger im Amte ward ein gewißer Ferrand, der ihn jedoch sehr häufig in wichtigen Angelegenheiten um Rath fragte, so daß Lavalette stet» über die geheimen Vor- gänge im Cabinete des Königs unterrichtet war. Lavalette's sog. Verrath oder sein Verbrechen be- stand nun darin, daß er am 20. März 1815, wenige Stunden nach der Flucht des Königs Ludwig XVIII. aus Paris, mit dem General Sebastiani im Gebäude de« Postamts erschien und Ferrand zwang, ihm se ns Stellung zu überlaßen, in der er natürlich kräftig für das Gelingen de» kühnen Unternehmens seines früheren Kaisers mitzuwirken im Stande war. Lavalette hätte sich ebenfalls durch die Flucht retten können; doch er that es nicht und ward verhaftet. Man eröffnete die Untersuchung gegen ihn und stellte ihn vor ein Geschworenengericht, welche« ihn im November 1815 schuldig fand, wonach dar Todesurtheil über ihn ausgesprochen ward; ein Akt, welcher allgemeine Sensation erregte und den bösesten Deutungen unterlag, als die Vorbereitung zu seiner Hinrichtung mit unverständlicher Eile betrieben wurde. Da faßten, gewiffermaßen noch in der letzten Stunde, drei Engländer, Wilson, Hutchinson und Beura, den Entschluß, den Unglücklichen zu retten; - doch wie - ? das war jetzt dis Frage. Die Herren kamen vorläufig dahin überein, sich mit der Gemahlin des Grafen in Verbindung zu setzen, um in Erfahrung zu bringen, ob bereits von anderer Seite eine Rettung de» Grafen geplant worden und ob sie vielleicht mit dem Gemahl RchMWN! A. Gch-Yda. - Mus und Mrlaz d«r Brühl'schm Druck«« (Kr. «hr. Pietsch) in in Correspondenz stehe. Kapitän Hutchinson begab sich also zu der Gräfin. Die hartgeprüfte Frau zeigte stch sehr erfreut über die Theilnahme, welche die Herren ihrem Ge- mahl schenkten, doch im Uebrigen hatte sie nur verneinende Antworten. Alles, was sie bisher gethan, das Geschick der Grafen zu ändern, bestand in Gnadengesuchen, die jedoch keinen Erfolg gehabt. Mit dem Ge- mahl in Verbindung zu treten, war ihr ebenfalls nicht gelungen. Nur das Versprechen hatte man ihr gegeben, daß sie den Grafen heute noch auf einen Moment sehen dürfe; die Zeit dazu solle ihr noch näher bezeichnet werden. Das war sreilich wenig genug; es schien sich nicht recht etwas daraus machen zu laßen. Hutchinson bat die Dame, ihr auch noch seine Freunde zufuhren zu dürfen, damit man in gemeinsame Berathung treten könne. Die Gräfin gab die Erlaubniß dazu und kurz vor Abend erschienen die drei Britten bei ihr. Inzwischen war die Gräfin Lavalette benachrichtigt worden, daß die Gefängniß-Jnspection angewiesen sei, ihr nach Eintritt der Dunkelheit den Besuch de» Gemahl», dessen Hinrichtung auf den nächsten Morgen festgesetzt war, zu gestatten. Ihre Tochter, ein Kind von zwölf Jahren, und dessen Gouvernante dursten sie dabei begleiten. Man begann die beabsichtigte Berathung, und fast schien es, als solle die Zusammenkunft der vier um den Grafen Lavalette besorgten Personen resultatlo» bleiben Da kam der Gräfin plötzlich ein kühner Gedanke. Mit lebhaften Worten theilte sie den Herren einen Man mit, der dieselben aus einen Moment verstummen ließ, um sodann ihre lebhasteste Bewunderung, freilich auch Zweifel am Gelingen desselben, hervorzurufen. Ich will Ehre und Leben meines Gemahls retten!" erwiderte jedoch die heroische Dame auf alle Einwendungen, „da kann es auf einige Widerwärtigkeit für mich nicht ankommen." Die Herren mußten der Dame Recht geben und schnell ward jetzt das Weitere besprochen, um ein gemeinsames Handeln in der gewagten Affaire zu vermitteln. Hiernach empfah- len sich die Engländer. Kaum hatten die Fremden da» Hau» verlassen, so beschied die Gräfin ihre Tocyter und deren Gouvernante zu sich, um beiden eine eingehende und eindringliche Unterweisung zu ertheilen. Dann ging man sofort daran, die weiteren Vorbereitungen zu treffen. Mit Eintritt der Dunkelheit waren die Gräfin und ihre beiden Begleiterinnen gerüstet, i Ez war, wie schon bemerkt worden, November und s bereits kalt. Die Gräfin hatte daher einen langen Pelzmantel umgenommen und eine Pelzkappe aus den St'pi gezogen. Da» Pelzwerk der beiden Bekleidungr- Geg nstände verdeckte da» Gesicht der Dame bis auf die Augen. Beide Kleidungsstücke waren bestimmt, eine besondere Rolle bei dem gewagten Unternehmen der Gräfin zu spielen. (Schluß folgt.)