Hießener JamilienbMler. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. Är. 10. Dienstag bett 24. Januar. 1888. i Aie verkorene Wiöek. Original-Roman in 8 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-PlSn. (Fortsetzung). „So sonnenscheinmäßig und lustig sieht es auch gewöhnlich in seinem Innern au», und doch kann er sehr ernst sein, zumal wenn er in seinem Beruf ist und einem Patienten gegenüberfleht. Auch er hat seinen Keinen Kummer, wie ihn ein jeder Mensch hat." „Auch Du, Siegfried?" fragte Frau Rohden» berg. „Nein, Großmutter, ich nicht, bis jetzt wenigstens nicht, einige Ausnahmen hat ja jede Regel, und mit einem Dankgefühl gegen da« Schicksal kann ich sagen, ich gehöre dazu." Er schwieg einen Augenblick und fügte darauf, wie von einer plötzlichen Ahnung berührt, hinzu: „Aber auch für mich kann die Stunde kommen, wo ich nicht mehr zu den Ausnahmrn zähle." „Sie wird kommen, mein Sohn", sagte Frau Rohdenberg in einem entschiedenen Tone, „wem bliebe sie wohl erspart I Aber einen Rath gebe ich Dir im Vorau«, laß Dich von keinem Kummer, von keinen Wid.rwärtigkeiten de» Leben» gänzlich niederbeugen. Wenn Dich ein Unglück trifft, so ertrage e« mit Standhaftigkeit und suche da Trost, wo er am ersten zu finden ist, nämlich in der ununterbrochenen Arbeit. Rur nicht verstnken in Nichtsrhun und Grübeln; so lange man sich dem ausschließlich hingiebt, kann man auf keine Milderung hoffen. Wenn aber die quälenden Gedanken mit anderen abwechseln, mit denen, die durch die Arbeit hervorgerufen werden, sobald der Schmerz also nur erst einmal eine Unterbrechung erlitten, so wird das Lrid in den Hintergrund gedrängt, aus dem e« dann immer seltener wieder hervortritt, bis es sich zu einer, wenn auch schmerzlichen Erinnerung verliert, die aber der Seele keinen Schaden mehr verursachen kann. Ich habe da» Alles ja selbst erlebt und durchgemacht." Es trat eine kleine Pause ein. „Dein Freund Langenbach", unterbrach Frau Rohdenberg das Schweigen, „wird wohl nächstens fein Staatsexamen machen?" „Vor Ablauf eines Jahres nicht, er hat erst > reichlich sechs Sem-ster studirt." „Du sagtest aber vorhin» er sei zu einer Kranken gerufen — ist er denn jetzt schon dazu im Sranbe, dieselbe ärztlich zu behandeln?" „Er geschieht unter der Oberaufsicht eines der Assistenten der Poliklinik. Langenbach betreibt sein Studium mit großem Eifer und daneben hat er doch noch Zeit, eine Operette zu compoairen. Und ist es nicht rührend und zeugt es nicht von einem guten Herzen, daß er nur deshalb so eifrig an einem Werke arbeitet, um mit dem Honorar, welches er dadurch zu erzielen hofft, feinem Bruder zu einem selbstständigen Geschäft zu verhelfen? Dieser Bruder ist zweiter Buchhalter bei dem Bankier Römer und heimlich verlobt mit der Tochter eines Rentiers. Letzterer will von der Verlobung nichts wissen, würde aber vielleicht feine Einwilligung geben, wenn Langenbach's Bruder als Inhaber irgend eines Geschäftes feine Werbung wiederholen könnte." „Das ist von Deinem Freunde sehr brüderlich gedacht", sagte Marquardt. „Und daß die Operette nicht gefallen sollte", fuhr Siegfried fort, „ist nicht zu befürchten, denn was ihr nach meiner Meinung den Erfolg sichern muß, ist außer den schon aurg.führten Eigenschaften der Umstand, daß darin die Wagner'schen Leitmotive in einer höchst komischen Weise persiflirt sind." „Die Idee ist nicht übel", meinte der Professor, „und wenn sie maßvoll aurg-führt ist, kann sie Effect machen. Ein Zwefel könnte aber bse Wirkung leicht beeinträchtigen. Denn man muß bedenken, daß der größte Theil d-s Publikums, das zu einer Operettenvorstellung geht, gor nicht zu der Erkennt- niß gelangt, daß es eine Persiflage sein soll, es dürfte daher nothwendig nicht allem dar Komische in dieser Persiflage an sich liegen, sondern die Leitmotive müßten außerdem ihre selbstständige Komik besitzen." „Das haben sie auch, und deshalb werden sie eine doppelte Wirkung erzielen. Und was nun, ma chdre grande maman", wandte Siegfried sich lachend an Frau Rohdenberg, „Deine Furcht betrifft, ich unerfahrener Jüngling könnte in die Netze einer Koketten fallen, woraus ich mich, ohnmächtig mit den Beinen strampelnd, nicht wieder befreien vermöchte und von hoffnungsloser Leidenschaft gänzlich aufgezehrt würde, so nimmst Du es mir wohl nicht übel, daß ich diesen Gedanken glorios finde!" ,Der Schlingel hat Alles gehört, auch dies!" rief Frau Rohdenberg ebenfalls lachend ans. „Es wird damit wohl keine Noch habtn, Großmütterchen! Ich bin erst zweiundzwanzig Jahre alt, und in diesem Alter verliebt man sich nicht in eine 38 Frau von dreißig Jahren, bis zürn UeverfluZ auch noch einen Gemahl hat. Und in dieser Liebe würde ich sogar, wie Du befürchtest, das Grab meines Ruhme» finden können! Du bist köstlich, Großmutter!" „9Hmm nur die Sache nicht allzu sehr auf die leichte Schulter! Bi« jetzt ist ja noch keine Gefahr vorhanden, und es ist immerhin noch sehr fraglich, ob dir Frau Geheimräthin Dich jemals so weit be- rückstchtigen wird, daß sie Dich mit einer Einladung beehrt I Dein Ruhm ist noch zu jung; was sagt denn dieser eine Erfolg, den Du gehabt? Ja, wärst Du berühmter, so läge die Möglichkeit näher, da sie nun einmal Alles um sich zu versammeln liebt, was einen Namen hat. Ich habe ja auch nur den Fall gesetzt, habe hinzugefügt, daß, wenn der Ruf ihrer Koketterie begründet sei und wenn sie e» darauf anlegen sollte, Dein Herz zu entflammen, dies ihr vielleicht gelingen könnte!" „Sicher nicht, Großmutter." „Du sagst selbst, daß Du ein unerfahrener Jüngling seiest — nun wohl, so weißt Du auch noch nicht, was die Liebe vermag! Ich meine in diesem Augenblick auch nicht die gewöhnliche Liebe, und wenn sie noch so intensiv wäre, sondern diejenige, die zur Leidenschaft ausartet, und nur eine solche, so waren meine Gedanken, wenn eine Frau, wie die Geheimräthin, sie in Deinem Herzen zu erwecken vermöchte, könnte die vorhin erwähnten Gefahren Hervorrufen. Ich will ja gerne eingestehen, daß die allgemeine Besorgniß für Dein Wohl mich an Eventualitäten denken ließ, die gar nicht eintreten werden und können, so hoffe ich bestimmt, und deshalb will ich mich auch beruhigen und mich mit solchen Hirngespinnsten, wie der Herr Professor es nennt, nicht weiter befassen, es ist dazu immer noch Zeit, wenn, was ja noch sehr unwahrscheinlich ist, sich Dir das Hans des Gsheimrath Wolter öffnen sollte." Einen ganz eigenthümlichm Eindruck machte es auf die drei im Zimmer Anwesenden, als in demselben Augenblick die alte Magd hereintrat und die Meldung machte, daß zwei vornehme Damen Frau Rohdenberg zu sprechen wünschten und auf die Frage, wer diese Damen seien, erwiderte: „Eine Frau Geheimräthin ist es, das ist sicher, und eine Tochter hat sie auch bei sich, aber den Namen habe ich nicht deutlich gehört, er klang wie Walter oder Wolter." Viertes Kapitel. Frau Rohdenberg war einen Moment sprachlos. In demselben Augenblick, wo die Frau Geheimräthin der Gegenstand eines ernsten Gesprächs war, wurde ihr Besuch angekündigt. Erst nach einigen Seeanden war Stegfried's Großmutter im Stande, der Magd zu sagen, daß die Damen willkommen seien. Nachdem die alte Doris sich entfernt, sagte Frau Pohdenberg: „Ist es nicht fonderkzr, daß gerade jetzt —" „Soll ich Dir einmal ganz genau sagen, Großmutter", unterbrach sie drr Enkel, „was eine innere Stimme in dieser Minute in Dir spricht?" „Nun?" „Sie ruft ganz laut: das Schicksal naht!" „Spotte nur, Du böser Junge, man kann noch gar nicht wissen, was dieser Besuch für Folgen haben wird!" „Hoffentlich nur gute!" erwiderte Siegfried, mit Spannung auf die Thür blickend, durch welche sogleich ein junges Mädchen eintreten sollte, dessen blaue Augen feine Phantasie in der letzten Zeit mehr beschäftigt hatten, als er wohl selbst wußte. „Ich bin begierig " sagte'Frau Rohdenberg. „Was dis Frau Geßeirmäthin hier will?" fiel ihr der Professor ins Wort. „Was sollte sie anders wollen, als den Friedel auffordern, in einer musikalischen Soiräe oder dergleichen mitzuwirkrn, und ich möchte, daß meins Verrnuthung zutreffend wäre, es würde Ihrem Enkel ein gewisses Relief geben, denn da es allgemein bekannt ist, daß Frau Wolter nur wirklich Künstler in ihr Haus ruft, so kann eine Einladung von ihr einer kunstgerichtlichen öffentlichen Kritik gleichgeachtet werden." Die Thür öffnete sich und eine fürstliche, junonische Gestalt schritt über die Schwelle. Es war die Frau Gehsimiäthin Alexandra Wolter. Ihr folgte deren Stieftochter Frieda; Beide waren zwar einfach aber doch modern und mit vornehmer Eleganz gekleidet. Frau Rohdenberg und der Professor hatten sich erhoben und Erstere ging den Ankommenden einige Schritte entgegen. „Verzeihen Sie, Frau Rohdenberg", sagte die Geheimräkhin, sobald sie das Zimmer betreten, „wenn ich mir erlaube, in so später Stunde Ihren häuslichen Frieden zu stören, ich weiß, wie beschäftigt Sie am Tage find, und hoffte, um diese Zeit Sie am sichersten zu Hause anzutreffen." „Seien Sie mir willkommen", erwiderte Frau Rohdenberg mit der sicheren Haltung einer gebildeten Frau. „Guten Abend, Herr Prokessor I" rief Alexandra, eilte zu Marquardt und reichte ihm die Hand. „Ich hörte schon auf dem Flur", fuhr sie fort, „ein starkes Organ hier im Zimmer ertönen und war natürlich freudig überrascht, nachdem ich die Magd aurgeforscht und erfahren, wer der Besitzer desselben sei." „Mein Organ verräth mich überall, habe deshalb auch niemals auf Schleichwegen mich behaupten, habe nie in einem Chor mitsingen können, weil ich wie der selige Stentor von Troja fünfzig Andere ■ überschrie, und habe in meiner Wohnung alle ge« $ wöhnltchen Fensterscheiben durch solche von starkem \ Spiegelglas ersetzen lassen, weil die Ersteren bei er- i regten Monologen vor Entsetzen sprangen." „So schlimm bade ich es mir doch nicht vorge- . stellt", tiff die Geheimräthin lachend aus, „da ist ■ es gar auch wohl noch für andere Gegenstände 39 gefährlich, in Ihrs Nähe zu gerathen, wenn Sie so erschütternde Monologe halten!" „Sehr gefährlich, gnädige Frau." „Es kommt aber doch gewiß nicht oft vor?" „Nur dann, wenn ich mich über der Menschen Unverstand gründlich geärgert habe, oder über etwas arg enttäuscht worden bin." „Das pajsirt im Leben allerdings nicht so selten." Die Geheimräthin hatte Siegfried bis j'tzt mit den Blicken nur flüchtig gestreift, nach den letzten Worten sah sie ihn mit ihren großen, schwarzen Augen plötzlich voll an und sagte: „Und da ist ja auch unser junger Künstler! Mein Besuch, Herr Rohdenberg, gilt zunächst Ihnen, und hat den Zweck, Ihnen eine Frage vorzulegen, die ich Sie bitte, mir zu beantworten, wie es Ihrs Neigung Ihnen diciirt." Siegfried hatte bis dahin kaum seine Augen von Frieda gewandt, die gerade so wie das erste Mal, als er fie gesehen, hinter der Geheimräthin stand, aber heute in schüchterner Verlegenheit die Blicke ge« senkt batte. Er wurde, als er die schöne Frau, die fast so groß war, wie er selbst, ihn anredete und anschaute, wobei die Blicke ihrer Augen die seinen in gerader Linie trafen, etwas verwirrt, er erröthete leicht und erwiderte etwas stotternd: „Die gnädige Frau befehlen?" „O nein, zu befehlen habe ich nichts, nicht ein« mal eine Bitte wage ich auszusprechen, sondern nur eine Frage an Sie zu richten." „Darf ich die Damen ersuchen, gefälligst Platz zu nehmen?" sagte Frau Rothenberg. „Sie sind sehr gütig", versetzte Alexandra und ließ sich auf den ihr zunächst stehenden Lehnsessel nieder. Frieda that dergleichen, auch Frau Rohden- berg und der Professor suchten ihre früheren Plätze wieder auf, nur Siegfried blieb stehen. „Wir haben nämlich die Absicht", begann die Geheimräthin die angekündtgte Frage einzuleiten, „in unserm Hause einen kleinen Musik« und Gesangsverein zu gründen. Gemischter Chor natürlich, nur Dilettanten, aber auserlesene, möglichst geschalte Stimmen, jedenfalls nur solche, und wenn wir nicht mehr als sechszehn Personen zusammen bringen, die vom Blatt singen können, damit der Dirigent mit keinen anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, als dem Vortrage Seele einzuhauchen, wodurch wir vielleicht erzielen, eine Mustcrleistung im Kleinen her« zustellen. Nun werden aber solche Proben nie besser besucht, als wenn man zu einem bestimmten Zweck singt, und der beste Zweck ist, wenn man das auf den Proben Eingeweihte in Wohlthätigkeitsconcerten verwerihen will. Ich gestehe offen, daß mich hierbei Humanitätsrücksichten durchaus nicht leiten, ich könnte die gleiche Summe, die solche Concerte abwerfen, wie ich es schon gethan, durch Sammlungen, durch einen Bazar oder dem Aehnlicher zusammenbringen. Mir ist aber darum zu thun, daß wir etwas musikalisch Gutes zu Stande bringen, woran sich Jever erfreut und was mir zumal ein besonderes Vergnügen bereiten würde, und das ist nicht anders zu erreichen, al« wenn die Mitglieder regelmäßig zu den Proben kommen, und sie kommen nur dann regelmäßig, wenn sie sich genirrn, fortzubleiben, und wenn sie fürchten, man könnte ihnen einen Mangel an Wohlthätigkeitssinn vorwerfen; und durch nichts erzeugen wir den nöthigen Eifer nachhaltiger, als wenn es heißt, es geschieht zum Besten der leidenden Menschheit. Die Proben würden wöchentlich e nmal statrfinden, entweder in unserer V-lla hier am Ort oder zur Abwechselung auch einmal aus der Schlangmburg." Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Ich bitte Sie, Herr Rohdenberg, es nicht als eine bloße Schmeichelei anzusehen und ebenso wenig als die überschwenglichen Ausbrüche einer Musik- enthustastin, wenn ich Ihnen sage, mir ist nie deutlicher zum Bewußtsein gekommen, daß die Musik eine Sprache ist, welche dis Empfindungen der Seele in Tönen verräth, als bei Ihrem neulichen Violin- concert. Ich habe beide Nummern, die Sie spielten, bereits früher von unseren ersten Heroen gehört, ich brauche nur den Namen Joachim zu nennen, ich war daher mißmuthig, dasselbe mir von einem Debütanten gefallen lassen zu sollen, aber ich kann Sie versichern, daß meine Erwartungen nicht nur in hohem Maße übertroffen wurden, sondern daß Ihr Vortrag an Tiefe und subjektiver Eigenart jene Meister noch übertraf." (Fortsetzung folgt.) Ire Ueöerschwermimngen des Heköerr Ikusses in Wna. Der verrätherischr Hoanz-Ho oder „Gelbe Fluß", der schon seit dem grauen Alterthum soviel Unheil in dem chinesischen Staate angerichtet hat uad durch die großartigen Verheerungen, die er von Zeit zu Zeit anrichtete, in den Annalen des Landes berüchtigt ist, ist, wie schon mehrfach kurz erwähnt wurde, wieder einmal aus seinen Ufern getreten und die Wasser haben diesmal mit solcher verheerenden Kraft gewüthet, daß mehrere Millionen Menschen obdachlos geworden sind, Hunderttausende ihr Leben eingrbüßt haben und viele blühende und schöne Städte vom Erdboden verschwunden sind. Obgleich dar Unheil bereits am 28. September begann, treffen erst jetzt eingehende Nachrichten aus Shanghai ein. 1852 vergingen noch 5 Jahre, ehe die Kunde von einer Ueberschwemmung nach Shanghai drang und noch 2 Jahre später grübelte man in europäischen Kreisen über den Fundort des aus s.inem alten Betts vollständig verschwundenen Flusse». 40 Ein hoher, ch msücher Beamter, welcher leaus- tragt war, die Verheerungen an Ort und Stelle za untersuchen und seiner Regierung Bericht darüber zu erstatten, meldet, daß nahezu ein Sechstel der Provinz Honan, die der ,.Garten China'«" genannt wird, in einen großen See umgewandelt ist, au» dem nur hier und dort da» Dach einer Pagode oder hohe Thürme und Mauerzinnen hervorragen und den Ort er,beuten, wo sich vor Kurzem noch menschenreiche Städte befanden. Tausende von Einwohnern, die von dem Waffertode gerettet wurden und einst reich und wohlhabend waren, weilen gegenwärtig heimath. los an l en Ufrrn de» neuen Sees und lasten ihre Augen verzweifelnd über dis Fluthen hinschweifen, in denen ihr Besitzthum untergegangen ist und ihre Angehörigen ein trauriges Ende gefunden haben, während ihnen selbst nichts geblieben ist, als das nackte Leben und die Aussicht auf Hungertod. Die Uebrrschwemmungen begannen ganz in der Nähe von Kabfung-fu, einer der größten Städte der Provinz. Dort wurde eine meilenlange Strecke de» großen Dammes, welcher zum Schutze der Gegend errichtet war, vollständig durch die oustretenden Master des Flusses niedergeriffen und Alle», was über dem Erdboden hervorragte, von den ein» brechenden Fluthen gradezu wegrastrt. In den Distrikten von Tsching-tschau und Tschen- tlchau wurden, wie gemeldet wird, nicht weniger al» 3000 große Dörfer binnen wenigen Minuten vollständig ein Raub der Master und fast kein einziger der Einwohner war im Stande, sich zu retten. Die Ausdehnung de» Unheil» wird am klarsten, wenn man bedenkt, daß eine Gegend, die beinahe so groß und weit dichter bevölkert ist als Holland, jetzt einen einzigen Sce bildet und daß deren Einwohner fast alle ertrunken oder obdachlos sind. Der Flächeninhalt des neuen Sees wird auf 8—10 000 englische Q-radratmeilen geschätzt und die Anzahl derer, die dort lebten, auf über 5 Millionen. Die „Pekinger Zeitung" meldet von dem ungeheuren Elende, dem die Ueberlebenden ausgesetzt sind, und nach zuverlässigen Nachrichten zählen dieselben mehrere Millionen. Unter den untergegangenen Städten sind die hauptsächlichsten Tschingttschau, Wei-Si, Tschung.mu, N-u liu, Fu-Kao, Si-hai, Tsin-tschau, Tschotschia- Kow, Taikang, Tai-ping und Mng-tschau. Die letziere Stadt gehörte zu der Provinz Ngan-Hwuy. Die Gegend, in welcher' jene Städte lagen, ist eine große Ebene und befand sich, kurz ehe die Ueberschwemmung eintrat, im blühendsten Zustande, strotzend von Reisfeldern, Maulberrbaumpflanzungen und landwrrthschaftlichen Produkten aller Art. Die gegenwärtige Ueberschwemmung ist die größte, welche sich ereignet hat, seit der sagenhafte und unter die Götter versetzte Kaiser M die Wasser ter Nebenflüsse de» gefährlichen Hoang-Ho au» ihren allen Betten abgelenkt haben soll, lange ehe Europa in die geschichtliche Zett eintrat. Der gegenwärtige Lauf des Flusses ist vollständig verändert. KaiFung.fu (»»weilen auf der Landkarte al» Kaisong angegeben) liegt jetzt nördlich von dem KoangHo. Bei Kai-fung.fu wandte sich früher der Fluß nach Nordosten, während er jetzt stch nach Südosten wendet und den Kwei oder kleinen gelben Fluß sozusagen verschlungen hat, durch deffen Bett ein Tbeil der Waffer des Haupr fluffe» jetzt sich durch die Provinz Kiangsu in» Meer ergießt und nicht länger Schaugtung bewässert. Trotzdem zur Zeit des Abgangs dieser Nachrichten (am 12. November) von Shanghai nahezu 2 Mo wie seit dem Beginne der Ueberschwemmung verflossen waren, hatte der Hauptfluß damals noch nicht da» Meer erreicht. Anfangs hieß es, daß die Waffer eine Verbindung mit dem Jangtse-Kiang anstredten. Diese» jedoch erwies stch als unrichtig, und e« stellte sich schließlich heraus, daß der See sich von Tag zu Tag erweitert und stch wieder in jene» koloffale Binnenmeer zu verwandeln droht, welches, wie die chinesischen Ge- schichtsschrerber angeben, zur Zeit des obenerwähnten mythischen Kms r» 2)j) in jener Gegend existirte, und welches derselbe trocken gelegt haben soll, indem er ein neues Flußbett für den Hoang.Ho schuf und denselben so in Dämme einschloß, daß er den Lauf verfolgen mußte, den er noch vor Kurzem hatte. Der Zahn der Zeit hatte an diesen Dämmen genagt, und wahrscheinlich rin Unglück, wie^das jetzt hereingkbrochene vorhersehend, trugen stch die chinesischen Behörden in jener Gegend vor einigen Monaten mit dem Plane, den Fluß wieder in sein altes Bett durch Oeffnung der Dämme bet Kai.fung.su zurückzulenken. Das furchtbare Unheil hat einen tiesschmerzlichen Eindruck auf die kaiserliche Familie in Peking gemacht. Nach den geringsten Schätzungen wird die Regierung einer Summe von 10 Millionen Tael und der Hilfe europäischer Ingenieure bedürfen, soll der angerichtete Schaden auch nur einigermaßen wieder güt gemacht werden. Um da» nöthige Geld aufzubringen, haben die Rathgeber de» Kaiser» vor- geschlagen, sofort den Anschaffungen von Waffen und Munition im ganzen Kaiserreiche Einhalt zu gebieten, die Mantschutruppen und die sogenannten Truppen de» chinessischen Banner» mit Rei» anstatt mit baarem Gelds zu besolden — was möglicherweise zu einem Aufruhr unter denselben führen dürste —, die Kulibezahlung, welche für alle chinesischen Provinzialarmeen üblich ist, aufzuheben und verschiedene wichtige Gegenstände de» täglichen Gebrauch» zu besteuern. Da» ganze in der Nähe der betroffenen Gegend liegende Militär hat Befehl erhalten, sich den Beamten für die vorzunchmendm Arbeiten zur Verfügung zu stellen, aber die Sch-vierigkeitkn find ungeheuer und werden noch dadurch vermehrt, daß da» zu den Bauten nöchige Material nicht an Ort und Stelle vorhanden ist, sondern au» großer Ferne wird herbeigeschafft werden müffen. (Schluß folgt.) Redaktion: A, Sch?yda, — Druck und Verkaz der Brsthl'scheu Druckerei (Fr. §hr. Pietsch) in GHcfirtt.