Hießener Isamittenblätter. Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger. Nr. 125 Dienstag, bett 23. October. 1888. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emili, Heinrichs. (Fortsetzung.) „Das thut mir leib. Der schnelle Ausbruch ber Expedition wird gewissen schönen Augen viele Thrä- «en kosten. Nun, bis bahin wollen wir bie Zeit fleißig ausnützen, mein lieber Freiherr! — Apropos!" setzte er Hinzu, als Ulrich sich zurückziehen wollte, „sagen Sie Ihrem Freunbe Dörner, er möge seinen Onkel, ben wackeren Major Tellkamp unb die reizende Rosenknospe, wie nennt sie sich doch? — Magda glaub' ich, einladcn, hterherzukommen, Ihr« Schwester Hedwiga sehnt sich die Wangen ganz bleich nach der Herzensfreundin. Vergessen Sie es ja nicht, lieber Jmmendorf; — sind er Ihrer Schwester schuldig." Er lächelte bei diesen Worten so eigenthümltch, daß Ulrich erröthete, ein verlegenes Lächeln, aber keine Antwort fand und sich eiligst mit einer tiefen Verbeugung zurückzog. „Den Henker auch", murmelte er draußen im Coriidor, „liegt mein Inneres so offenkundig zu Jedermanns Ansicht dar, daß der Fürst diese Liebe, welche mir fast noch selber ein Räthsel ist, sofort erkannt hat? Oder — sollte Egon — oder Hedwiga? —" Er zog die Brauen zusammen und zuckte die Achseln, worauf er sich nach dem Zimmer der Schwester begab, wo er sofort dieser Thema zur Sprache brachte. Hedwiga hörte ihm schalkhaft lächelnd zu, bis sie laut auflachte. „Ist dieser Mann so alt schon geworden", Hub sie endlich, seine beiden Hände ergreifend, an, „will so überaus weltklug sein, und weiß noch nicht einmal, daß es auf Erden kein interessanteres Thema für Arm und Reich, für Hoch und Niedrig giebt, als die Liebe, und daß der Verliebte fein Herz in den Augen trägt? Saß nicht Magda an der fürstlichen Tafel zu X. an Deiner Seite?" „Hast Du für andere Sterbliche solche Blicks gehabt wie für sie? — Und erfreuten wir uns nicht der besonderen fürstlichen Huld und Aufmerksamkeit? Nun also, kurzsichtiger Herr Ulrich! wirst Du hin- « reichend davon überzeugt sein, daß weder H:rr Ezon Dörner noch Dein armes Schwesterchen Vsrcath geübt haben, sondern daß der Verräther Dein eigener unvorsichtiges Herz gewesen." „Ja, ja, hast es mir hinreichend mit schlagender - Logik bewiesen, Schwesterchen!" lachte Ulrich, halb I ärgerlich, „obwohl es mich nicht angenehm berührt. Auch wird man in diesem Falle gewisse andere Herzens-Geheimnisse ohne Zweifel genau erforscht haben, wie, Hedwiga?" „Sehr wahrscheinlich, wenn solche vorhanden und auf der Oberfläche sich zu deutlich gespiegelt haben", lächelte die junge Dame tief erröthend, „meinst Du, daß wirklich dergleichen geschehen ist?" „Wirklich und wahrhaftig, Hedwiga!" versicherte Ulrich ernsthaft, „aber weshalb erröthest Du, Kind? — Ich denke, daß Du Dir solche Blutwallungen hier in Deiner Stellung abgewöhnen mußt. Hat Tante Irmgard Dich so schlecht geschult?" „O, Du abscheulicher Spötter!" lachte Hedwiga fröhlich auf, „aber sage mir, Ulrich", setzte sie sogleich nachdenklich hinzu, „wird da« Gerücht von dem Oberstallmeister-Posten sich verwirklichen?" „Wünschest Du es?" „Von Herzen, um Dich in meiner Nähe zu behalten", erwiderte, Hedwiga hierauf etwas zögernd, „obwohl —" „Nun, obwohl? Halte mit Deiner Meinung nicht zurück, mein Schwesterchen!" „Ach, ich meinte nur", fuhr sie verwirrt und stockend fort, „daß, aber ist sicherlich eine Dummheit, Du wirst mich ausspdtien, Ulrich!" „Ich werde es nicht.thun", versicherte dieser feierlich. „Nun, ich meinte, daß Doktor Dörner sich zu sehr auf Deine Begleitung frtut und es für ihn sicherlich eine große Enttäuschung sei, wenn Du in des Fürsten Dienste treten 'würdest. Auch glaube ich, daß er Wh für das Hieben nicht recht geeignet hält, weil Du zu lange an ein freie« Leben gewöhnt gewesen. ' „Egon hat-recht", nickte^Ulrich lebhaft erregt, „es freut mich deshalb doppelt, daß ich des Fürsten ehrenvollen Antrag wenigstens vorerst abgelehnt, — so lange meine Freiheit mir bswuhrt habe, bis ich gesund mit der Expedition heimgekehrt fein werde. Bist Du zufrieden mit mir, HedÄiga?" „Ja, lheurer Bruder", rief sie, ihn stürmisch umarmend, „Ihr werdet zusammenhalten, in der Gefahr für einander einstehen —" „Wie Brüder!" siel Ulrich, sie zärtlich küssend, ein „Und Du mein Schwesterchen, wirst Deins Freundin trösten, ihr sagen —" „Daß Du sie liebst und ihr getreu bleibst bis in den Tod!" „Bis in den Tod!" wiederholte Ulrich, sie tief 502 bewegt anschsuend, als wolle er in ihrem Antlitz einen Zug der einst von ihm geliebten Mutter entdecken. Sie trug die Züge seines Geschlechts, eine echte Jmmendorf! — Aber ihr Herz war lauter, rein, ein H^rz voll Menschenliebe, das ihn vor Schmach und Schande bewahrt hatte, ohne ihn zu kennen. „Du sollst glücklicher werden als Deine arme Mutter, das gelobe ich mit meinem Manneswort, wenn Gott uns gesund heimkehren läßt. So flüsterte er m-t feuchtem Blick, küßte Hedwigs und ließ das junge Mädchen in seltsamer Bewegung und ahnenden Gedanken zurück. 21. Der Detcctiv Thorsen saß 14 Tage später in seiner einsamen Wohnung beim Morgen-Kaffee und überflog gedankenvoll das soeben erschienene Tage- l blatt. Plötzlich blieb sein Blick starr auf einer l Stelle hasten und ein Fluch entfuhr seinen Lippen, | Diese Stelle aber enthielt folgende Anzeige: „Wie uns aus der Residenz mitgetheilt wird, ; haben gestern zwei Söhne unserer Stadt, der be< i rühmte Reisende Doktor Egon Dörner und der nach > jahrelanger Abwesenheit vor einiger Zeit zurückge- i kehrte junge Freiherr Ulrich von Jmmendorf eine l lange Abschieds-Audienz bei Sr. Durchlaucht dem l Fürsten gehabt, worauf die beiden Herren gestern | Abend nach Berlin abgereist sind, um alsdann vor l Eintritt des Winters eine neue wissenschaftliche Expe- s dition nach den südlichen Polar-Gegenden anzutreten, s Se. Durchlaucht haben Veranlassung genommen, l Herrn Doktor Dörner bei dieser Gelegenheit zum s Professor zu ernennen, während Herr von Immen- s dorf, wie man sagt, nach seiner Rückkehr für einen z Hof-Posten ausersehen sein soll." Thorsen warf das Blatt auf den Tisch und | erhob sich, um aufgeregt das Stübchen zu durchmessen. I „Jetzt steh' ich ganz allein mit meiner Anklage", I grollte er zähneknirschend, „hatte den Commiffar schon halb überzeugt, da er zugeben mußte, daß der alte | Diener durch sein Betragen ihm große Ursache zum E Verdacht gegeben und die Aussagen der so Knall f und Fall entlassenen Life jenen Verdacht wesentlich 8 verstärken mußten." Er nahm aus's Reue das Blatt und überlas l noch einmal den Arttkel. „Keine Silbe davon, wohin sie gereist sind", setzte er seinen Monolog finster fort, „nach den südlichen Polar-Gegenden! — o, mein schlauer Freiherr, Dein Verbrechen verjährt nicht, endlich wirst Du doch zurückkehren und Deinem Schicksal verfallen, trotz mächtigen Schutzes. — Fürstengunst! — Thor, man wird Dich dort rasch genug sinken lassen, wie man Dich emporgehoben." Dieser t östliche Gedanke schien ihn etwas zu beruhigen, da er die Parthis für's Erste verloren hatte, und sich außerdem nicht verhehlen konnte, daß der junge Freiherr augenblicklich doch eine unver- ; letzliche Persönlichkeit für ihn gewesen wäre. Run, ein Glück mar dabei für den ehrgeizigen Detecliv, daß der Verwundete seiner völligen Genesung mit Riesenschritten entgegenging und schon in der nächsten Zeit aus dem Krankenhause entlassen werden konnte. Er freute sich mit einer Art Ingrimm darauf, diesen gehetmnißvollen Burschen, der sicherlich ein geriebener Kunde war, für seinen Zweck in Beschlag zu nehmen und ihn zur geeigneten Stunde seinem Feinde gegenüber zu stellen. Der schlaue Thorsen hatte hinreichende Erfahrung, um auch in diesem Falle mit verschiedenen Factoren zu rechnen. Er sagte sich, daß der Verwundete verschiedene triftige Gründe haben müsse, seinem Gegner trotz der Mordanfalls zu entfliehen und einem derartigen Plane deshalb niemals zustimmen werde. „Ich muß den Burschen sondiren", murmelte er, „und ihn in solchem Falle bis zur Rückkehr des Freiherrn dingfest machen lassen." Aber auch der klügste Sterbliche kann irren und seine feinsten Pläne an irgend einer unerwarteten Klippe zerschellen sehen. Die Zeit eilte rasch dahin, und eines Tags wurde der jetzt ganz genesene Fremde aus dem Krankenhause entlassen. Man ließ ihn zu seinem unruhigen Erstaunen in eine Droschke steigen, und, von zwei Schutzleuten bewacht, zum Polizei-Gebäude fahren, wo ihn der Director und ein Gerichts-Assessor in's Verhör nahmen. , Der Fremde nannte sich John Walter, wollte seine Papiere verloren haben, in Australien lange gewesen und überhaupt ein ehrlicher Mann sein. Er besaß gebildete Manieren, doch ein ziemlich freches Wesen und behauptete, seinen Angreifer niemals gesehen zu haben. Man ließ den Detcctiv Thorsen, welcher den Vorgang mit angesehen und den Mörder überrumpelt hatte, sofort rufen. Thorsen erzählte, wie er den letzteren verdächtig gehalten und scharf beobachtet, wie derselbe von der Straße aus durch das Fenster der Wirthschaft geblickt, dann spornstreichs hineingestürzt und nach einer kurzen Weile der hier Anwesende an ihm vorbeigerannt sei, gefolgt von dem andern Menschen. „Es war eine wahre Hetzjagd auf Leben und Tod", fuhr er dann fort, „welche ich, auf die Gefahr hin, vom Schlage gerührt zu werden, unverdrossen mitmachte. Ich kam just in dem Augenblick an, als ein Schuß fiel und die beiden Männer miteinander rangen, worauf dieser hier getroffen niederstürzte und ich den andern sofort packte." „Ihn aber auch sofort wieder entwischen ließen", tadelte der Polizei-Director mit scharfer Stimme. „Herr Director wollen seine Flucht mit der Situation entschuldigen", vertheidigte sich Thorsen sehr ruhig, „ich war allein mit dem Verbrecher, dieser von der Kraft der Verzweiflung erfüllt, während die fürchterliche Hetzjagd meine Kräfte augenblicklich gänzlich erschöpft hatte. Trotz alledem verfolgte ich ihn bis zum Jmmendors'schen Garten, dessen Rückseite 503 bekanntlich an der Hohen-Tbor-Promenade liegt. Hier : verschwand er, wie vom Erdboden verschlungen, was i mich schließen ließ, daß er mit diesem Terrain bc- kamt sein müsse." „Seltsam", sprach der Assessor, „aus welchem Grunde flohen Sie vor jenem Menschen?" wandte er sich jetzt an Walter. „Weil er mich mit einem Revolver bedrohte", versetzte jener achselzuckend, „ich saß ganz mutterseelenallein in der Gaststube bei einem Glase Bier, als der Fremde wie ein Wahnsinniger, für den ich ihn auch bis zur Stunde halte, hereinstürzte, mich mit dem Namen Adam Sturm anredete und Geld von mir verlangte. Er ließ mir keine Zeit zu der Erklärung, daß er sich in meiner Person irre, sondern setzte mir die Waffe aus die Stirn und drohte, bei dem geringsten Laut mich zu erschießen. Nun, meine Herren, man läßt sich nicht ruhig umbringen, zumal von einem Verrückten, der durchaus keine Vernunft respecttrt, ich benutzte den Augenblick, al» er sich nach einem Geräusch umwandte, um zu entfliehen, lief blindlings jenem G-hölze zu, wo er mich packte und niederstteß, nachdem er vorher einen Schuß abgefeuert. Das ist der ganze Vorgang." „Und Sie haben wirklich Ihren Angreifer niemals vorher gesehen?" fragte der Polizei. Direktor, ihn scharf anblickend. „Nemals, er war mir gänzlich fremd." Man lieb den Mann durch Thorsen hinausführen und bewachen. „Halten Sie seine Aussagen für wahr?" fragte der Direktor den Assessor. „Hm, sie haben immerhin die Wahrscheinlichkeit für sich", versetzte dieser, „Thorsen hat die Geschichte aufgebauscht, wir werden es jedenfalls mit einem Verrückten zu thun haben." „Möglich, — ich wundere mich in diesem Falle nur über das Interesse, welches der Fürst, wie ich Ihnen unter Dtscretion mitgetheilt, an der Geschichte nimmt." „Ein Geheimniß, das mit dem wahnsinnigen Angreifer zusammenhängen wird", nickte der Assessor nachdenklich, „schicken Sie diesen Menschen noch heute nach der Residenz, wie der allerhöchste Befehl gelautet, Herr Dircctor, wir waschen unsere Hände in Unschuld." „Und hüllen uns in Schweigen", stiwmke der Polizecherr eifrig bei. „Ich glaube, Thorsen wäre der rechte Mann, ihn an den Ort seiner Bestimmung zu bringen", setzte er rasch hinzu. „Geben Sie ihm lieber noch einen Schutzmann mit", rieth der Assessor, „der Bursche sieht mir ganz darnach aus, daß er sich am liebsten unsichtbar machte. Wenn er aber dem Thorsen unterwegs entwischte —" „Das könnte eine heiße Brühe werden, — Sie haben recht, Herr Assessor!" Er klingelte und befahl, Thorsen zu rufen, den Gefangenen aber streng zu bewachen. „Sie können den Mann mit dem nächsten Zuge, der in einer Stunde abgeht, nach der Residenz brin gen und in's dortige Eesängniß abltefsrn. Ich gebe Ihnen einen Schutzmann zur Bedeckung mit; Sie hasten mir aber für die sichere Ablieferung des Gefangenen." Thorsen verbeugte sich. „Ich kann auch ohne den Schutzmann dafür hasten, Herr Dircctor!" versetzte er ruhig. „Nein, nein, besser ist besser, mein Lieber, der Bursche scheint ein schlauer Vogel zu sein, er darf um keinen Preis entwischen. Kommen Sie in einer halben Stunde wieder, um den Gefangenen, welchen ich hier behalte, und Ihre nöthigen Instructionen abzuholen." „Sehr wohl, Herr Director!" sprach Thorsen, sich mit einer tiefen Verbeugung entfernend. Er eilte rasch nach seiner in der Nähe befindlichen Wohnung, um etwa» Wäsche einzupacken und fich für die Reise zu restauriren. Eine gewaltige Aufregung hatte sich seiner bemächtigt. Was sollte dieser Mensch, der sich John Walter nannte, in der Residenz? Weshalb behandelte man ihn wie einen Verbrecher, ließ ihn als einen solchen transportiren und dort in'» Gefängniß bringen? — Handelt es sich um ein wichtiges Geheimniß? — Der Deteetiv lächelte spöttisch bei diesem Gedanken. — Natürlich handelte e» sich darum, den neuen Günstling des Fürsten vor jeder Gefahr zu sichern, folglich mußten Se. Durchlaucht von der Geschichte Kenntniß erhalten und den merkwürdigen Befehl er- theilt haben. Während Thorsen rasch ein frugales Frühstück zu sich nahm, verarbeitete sein Gehirn diese Gedanken, wobei die Aussagen des Gefangenen, daß sein Angreifer ihn Adam Sturm genannt habe, seine schöne logische Bewrirkelte bedenklich zu zerreißen drohte. „Gleichvül", murmelte er, aufstehend und seinen Hut ergreifend, „der Name Adam Sturm hat fich bereit» bewährt, ich werde meinen Mann schon gesprächig machen." Er eilte nach dem Polizei-Bureau zurück, wo er von dem Director ein Schreiben für den Gefängniß- Jnspector der Residenz erhielt und fuhr mit dem Gefangenen und einem Schutzmann in einer Droschke nach dem Bahnhof, wo sie sogleich in dritter Clafle abdampften. Während der Fahrt wurde mit dem finster vor sich htnbrütenden Gefangenen kein Wort gewechselt; als auf der zweiten Station 20 Minuten Aufenthalt verkündigt wurde, schickte Thorsen den Schutzmann zu einem guten Trunk hinaus. Er hatte das vollständig abgeschlossene Coupä jetzt allein inne und faßte den Entschluß, die Gelegenheit rasch zu benutzen. Als er dem Manne die Hand auf die Schulter legte, fuhr dieser erschreckt empor. (Fortsetzung folgt.) 504 Zur Heschichte der „schwarzen" Großmacht. (Fortsetzung.) Die Entdeckung der neuen Welt machte sich auch in den ersten Jahrzehnten des sechszehnten Jahrhunderts durch mannichfache „Zeyttungen", „Rewe Zeyt- tungen", „Copepen" von Briefen u. s. w. geltend, welche jenes einen ganz neuen und großen Zeitabschnitt nach sich ziehende epochemachende Ereigniß und Alles, was mit ihm zusammenhing, behandelten. Indessen trug der Inhalt dieser ältesten Preßerzeugnisse der gegenwärtigen Zeitepoche noch lange nicht den Charakter einer periodischen Sammlung von Nachrichten, sondern es handelte sich immer nur um ein einzelnes Ereigniß, wobei Unglücksfälle und Verbrechen die Hauptrolle spielten, während bei einer Nachricht politischen Charakters, wenn ja einmal eine „Zeyddung" eine solche brachte, jede politische Reflexion fehlte. Selbst als zur Reformationszeit der Einfluß der öffentlichen Meinung sich allmälich geltend machte und der reformatorische Gedanke wie die zäh am Alten hängende Richtung tausende von Flugblättern und Brochüren entstehen ließen, fehlte doch noch immer die Regelmäßigkeit, um diese Preßerzeugnisse zu Zeitungen im heutigen Sinne des Wortes zu machen. Ebenso wenig können als solche die „Notizie scritte“, die „geschriebenen Nachrichten" betrachtet werden, welche im sechszehnten Jahrhundert an verschiedenen Orten der Republik Venedig aufgelegt wurden und deren Einsichtnahme,mit Geld (gazeta) ausgewogen werden mußte. Die Entstehung einer regulären Presse datirt vielmehr erst aus dem siebzehnten Jahrhundert und zwar trug hierzu sehr wesentlich die Ausbildung des Postwesens bei. Die speciell in Deutschland im ersten Viertel des sechszehnten Jahrhunderts erfolgte Einrichtung staatlicher Posten — durch die Einführung der Thurn und Taxis'schen Posten — steigerte in Verbindung mit den in jener Zeitepoche erfolgenden weitreichenden staatlichen und religiösen Bewegungen und Umwälzungen, sowie im Zusammenhänge mit den deutlicher hervortretenden Wechselbeziehungen der großen Masse zu dem Gange der politischen Ereignisse den Nachrichtenverkehr ganz bedeutend. Die erste regelmäßige, von Franz von Taxis auf Anregung des Kaisers Maximilian eingerichtete Postverbindung, die zwischen Wien und Brüssel, und dann die schon bedeutendere Postverbindung zwischen Brüssel und Italien über Speyer und Tprol, wurde alsbald nach ihrem Entstehen von Fürsten und reichen Handelsherren dazu benutzt, um sich Nachrichten wirthschaftlichen wie politischen Inhalts aus der Ferne zu verschaffen und somit erhielt auch das Zeitungswesen eine gewisse Regelmäßigkeit und letztere bildete sich immer mehr aus, je größer die Verbesserungen waren, die im Postwesen eingeführt wurden. Man kann demnach das regelmäßige Erscheinen der Tagespresse in Deutschland, Frankreich, England, Italien und einigen anderen Ländern wohl bis in die zweite Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts zu- rückdatiren; ja, verschiedene größere Städte besaßen noch früher bereits regelmäßig erscheinende Tagesblätter, oder richtiger gesagt Wochenzeitungen und soll z. B. das „Frankfurter Journal" 1615 entstanden sein. Natürlich waren die Zeitungen jener Epoche noch von sehr dürftigem Aeußereu und entsprechendem Inhalte und wirkte in letzterer Beziehung besonders die eifersüchtige Ueberwachung und die scharfe Censur ein, welcher die „Gazetten" der damaligen Zeit seitens der Regierungen unterworfen waren und noch weit bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein waltete dieses Verhältniß vor, welches selbstverständlich der gesunden und gedeihlichen Fortentwickelung der Presse nichts weniger als förderlich war. Selbst im Staate des großen Preußenkönigs, in dem doch sonst jeder nach seiner „Fapon selig werden" konnte, repräsen- tirten die Zeitungen nichts weniger als die unverfälschte öffentliche Meinung, ja, gerade Friedrich der Große handhabte die Censur mit größter Strenge und zwang er die Zeitungen oft, den Lesern handgreifliche Lügen aufzutischen und duldete er auch keinerlei politische „Raisonnements" der Presse. Nur in den Reichsstädten, wo ja überhaupt ein etwas freierer Luftzug wehte, erfreuten sich auch die Zeitungen einigermaßen einer größeren Freiheit und Bewegung, so daß die in denselben erscheinenden Blätter in der Regel auch reichhaltiger an Inhalt und wenigstens etwas interessanter in der Form waren, als die an anderen Orten Deutschlands erscheinenden Preßorgane. Neben denjenigen Zeitungen, welche mehr Nachrichten politischen oder „vermischten" Charakters brachten, tauchten in Deutschland verhältnißmäßig früh auch Zeitungen der rein gelehrten Richtung auf, welche Gattung auf das Pariser „Journal des Savants“ als Urbild zurückzuführen ist. Denn nach dem Muster der französischen gelehrten Zeitschrift wurde auch die erste gelehrte Zeitschrift in deutscher Sprache eingerichtet, nämlich die „Acta Eruditorum“, welche vom Professor Otto Mencke in Leipzig 1682 herausgegeben und von ihm bis zu seinem 1707 erfolgten Tode redigirt wurde. Das Unternehmen, zu dem sich die ersten Gelehrten Deutschlands zu jener Zeit vereinigt hatten, wie Leibniz, Seckendorf, Cellarius, Thomasius, Wagenseil u. a. bezweckte namentlich die Mittheilung von gedrängten Jnhalts- anzeigen und Auszügen aus neuen wichtigen Schriften, außerdem sollten die „Acta Eruditorum“ auch Kritiken und kleinere, selbstständige Aufsätze enthalten. Die Zeitschrift fand sehr rasch Verbreitung und eine i von Jahr zu Jahr steigende Anerkennung, so daß die 1 „Acta Eruditorum“ bald als oberster Richter über Z sämmtliche Leistungen der deutschen Literatur galten. I Nach dem Ableben des Professors O. Mencke wurde die Zeitschrift von seinen Söhnen herausgegeben, von welchen Friedrich Otto Mencke eine neue Folge des Journals unter dem Titel: „Nova Acta Eruditorum“ erscheinen ließ. (Schluß folgt.) SReiiacnon: A. Sche» da. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.