Hlchener Jamilienblätter. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Nr. 23. 1888. Donnerstag dm 23. Februar Die verlor en e Wille t. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. --------------- s (Fortsetzung). Als Letzterer ins Zimmer trat, rief er ihm mit ■ triumphirender Stimme entgegen: - „Ich habe soeben einen Brief von Römer er« | halten, wir können uns das Geld holen." s „Ah, wirklich?" „Ich habe also doch Recht gehabt!" „Das überrascht mich!" j „Wir haben uns unnöthige Sorgen gemacht." ; „Ich will mich gern geirrt haben, es ist doch ' keine Bagatelle, um was es sich zunächst handelte, ; eine halbe Million ist wenigstens gerettet!" „Hoffentlich ist für das Uebrige gleichfalls keine | Gefahr." j „Möchten Sie abermals Recht haben, mit Freuden will ich den Tag begrüßen, wo ich mit voller Ueb erzeug» g sagen kann, daß ich mich zum zweiten Mal geirrt. Aber es ist mir, trotzdem ich diesmal im Jrrthum war, dennoch unmöglich, meine l immer noch sehr großen Bedenken aufzugeden. Wenn ein so bedeutendes Bankhaus wie dar Römer'fche; nicht einmal eine halbe Million in Cassa und zur - sofortigen Dir Position hat, so kann es nur schließen, ^enn von der Aufrechterhaltung eines Geldgeschäftes ■ könnte fernerhin nicht mehr die Rede sein. Daß f Römer Ihnen sogleich die geforderte Summe bereit- ■ willigst auszahlt, könnte immerhin nur als ein Akt ' der Klugheit gedeutet werden. Es wäre für ihn • höchst gefährlich, in diesem Moment auch nur den \ kürzesten Aufschub zu fordern. Er muß sich hüten, s das geringste Mißtrauen zu erwecken, denn Miß« s trauen gegen einen Geschäftsmann steckt an wie eine epidemische Krankheit. Wie es später wird, mögen die Götter wiffen, ich kann die Furcht nicht bannen, i daß Römer mit großen Verlusten aus der Wiener Affaire hervorgehen wird, denn die Thatsache ist feststehend, daß er bei Falkenstein stark engagirt war. Und mögen, wie man hört, noch so bedeutende Activa vorhanden sein, ein solch gewiegter Geschäftsmann erschießt sich nicht, wenn ihm nicht jeder Ausweg abgeschnitten ist, sich noch hindurchzuarbetten. Man be« hauptet auch, daß er sich nach dem Martin'schen Loncurs in die wahnsinnigsten Speculationen eingelassen, um durch ein va banque Spiel sich vielleicht noch zu retten. Aber wie Falkenstein durch Martin, so kann auch Römer durch Falkenstein mit herumgr- rllssen werden." „Es ist ja Alles möglich, lieber Bärmann, ob- gleich ich über Römers Verhältnisse etwas ander« denke wie Sie. Jedoch soll Ihr Caffandra-Ruf nicht ungehört an meinem Ohr vorübergegangen sein und Ihre Wartungen will ich beherzigen. Sie können, wenn Sie heute hingehen und dar Geld holen, zum ersten September noch eine halbe Million mehr kündigen. Römer wird kein Mißtrauen meinerseits darin erblicken, was ich gern vermeiden möchte; daß wir die Gelder flüssig haben, die wir zur wöchent- lichen Auszahlung des Lohnes für die vielen Arbeiter brauchen, ist nicht nöthig zu erwähnen. Für Oktober können wir dann noch eine größere Summe kündigen. „Wollen Sie mir nicht gchatten, Herr Geheimrath, den Termin für Auszahlung der zweiten halben Million auf den fünfzehnten August festzufrtzen?" „Nun, meinetwegen, wenn es Sie beruhigt." „Dann will lch sogleich gehen." „Noch Eins! In der nächsten Woche werde ich nach der Schlangenburg übersiedeln, um die Oberaufsicht des Baues selbst zu führen. Die Comptoiristen und Buchhalter bleiben hier, die Correspondenten nehme ich mit. Sie werden sich dann bequemen müssen, lieber Bärmann, jeden Morgen mit dem Zuge, der um acht Uhr abfährt, zu mir herauszukommen, um mir Bericht zu erstatten, damit ich über den Gang der Geschäfte auf dem Laufenden erhalten werde und mit Ihnen gemeinschaftlich die nöthigen Dispositionen treffen kann. Anderthalb Stunden werden hierfür genügen, Sie können dann mit dem Zehnuhrzuge hierher wieder zurückkehren. „Sehr wohl. Wird Fräulein Brandt auch mit dahingehend" „Vorläufig nicht, ich habe ihr einen unbestimmten Urlaub ertheilt, damit sie ihre kranke Schwester gründlich pflegen könne, bis dahin werde ich die auswärtige Correspondenz selbst besorgen. Sobald meine Anwesenheit hier erforderlich, telegraphiren Sie, ab und zu komme ich auch zur Stadt und gehe auf die Börse." Bärmann entfernte sich, um sich ungesäumt zu Römer zu begeben. Der Geheimrath Wolter, der sich durch die Hartnäckigkeit, mit der sein Proeurist immer wieder aus'« Neue die Prophezeihung ausgesprochen, Römer würde sich nicht halten können, in den letzten Tagen mehr Sorge gemacht, als er sich selber eingestehen mochte, war durch den Brief seines Bankiers und die wirklich eine Stunde später erfolgte Auszahlung W Seim Eintritt de? Besuches erhoben sich ber ' ?*‘m5*io'u ,vi*y*v»v er nicht den militärischen Ib mit seiner Rückfront hart an diesem See und die Me Halste des Pavillons ruhte auf Balken und gingen demselben einige Schritte entgegen. Herr von Weißenburg war ein hochgewachsener, 1 rT Alande sei. Wohl suhlte bitten, hier eintreten m mnß™ “ er sich sicher, dazu die ausreichende Gewandtheit zu r ' * e ‘ _ r. -(J______ as r ; . ”0K beträchtlicher Ausdehnung befand, t sieie Platz wurde durch die Frontseite des - Schlosses begrenzt. j ., Der Wagen fuhr auf dem breiten Kieswege um 1 £te eine «eite des Rasens herum und hielt vor .^ Portal. Der Diener sprang vom Bock und überreichte emem Diener des Generals, der sogleich auf der Freitreppe erschienen war und sich tief vrr- osugt hatte, eine Karte; nach wenigen Sekunden kam er mit der Meldung zurück, daß die H-rrschaften willkommen seien. 1 fio h?"ÄUten !-' entfuhr Alexandra, nachdem sie die schwelle überschritten hatte. . Sie traien nämlich nicht, wie sie erwartet hatte, m em Empfangszimmer, sondern in einen mit Ge- । schmack und Luxus ausgestatteten Pavillon, besten i gegenüberliegende Wand fehlte und so einen über. ; raschenden Blick auf einen ooal geformten See ge- i währte, welcher von hohen hundertjährigen Bäumen - dicht umstw-den war, deren herabhängende Zw iae die Oberfläche des tief dunklen, fast schwarz er- Ein tiefer Athemzug enlqwll Wolter's Brust und nachdem er mit Alexandra den Wagen verlassen ' betrat er festen Schrittes das Schloß. Der Diener des Generals öffnete am Ende eines j lang gestreckten Vestibüls eine Thür mit den Worten • „Seine Excellenz und die gnädige Frau lasten 1, hier eintreten ui mnli-tt <• einem Charakter, namentlich in . r - - -’S sich scheu verschloß und zu !!n.cm siechen nie Vertrauen fasten konnte. Ein , kleines Mißtrauen schien also vorhanden zu sein. -8&IÄH-LL«sra ?°» er noch bestärkt, als Bärmann die Nachricht s», Platanenallee, die auf einen rückbrachte, daß Wolter dis gekündigte^ zweite kalbe ouf dessen Mitte sich rin Million erhalten könne, fobaL er Z bmuch wenn Springbrunnen es auch noch vor dem fünfzehnten August wäre. ~ ' Ä ®le Ueöersiedelung der Familie nach der Schlangenburg war erfolgt, man hatte sich gleich auf einen längeren Aufenthalt eingerichtet und fast das ganze Hauspersonal der Villa mitgenommen. ! Son hier aus wollte man dem General von Weisien- burg eine officielle Gegenvisite machen und hatte die Lu getroffen, am nächsten Sonntag nach i Fichtenberg zu fahren, das nur eine halbe Stunde von der Gchlangenburg entfernt lag. ' i 3« näher der Zeitpunkt heranrückts, desto eigen« artiger wurde dem Geheimrath zu Muthe, desto mehr oeobachtete er sich, um die nöthige Unbefangen, hett zur Schau zu tragen. Jetz galt es, einePrwbe abzulegen, ov er die Rolle, die er seit seiner Rück« kehr von Afrika gespielt, bis in die feinsten Conse- quenzen durchzuführen im Stande sei. Wohl fühlte besitzen, aber es war ihm peinlich, eine solche Probe - Überhaupt ablegen zu müssen und immerhin war sie doch auch nicht ohne Gefahr. Der Sonntag war gekommen. Um die Mittags- stunde hielt ein offener, mit blauer Seide ausge- > schlagener, eleganter Landauer vor dem großen Hauptportale der Schlangenburg, Kutscher und ■ Diener waren in großer Lrvror, und vor dem Wagen i Spfle51>ü!,.8,bl“bl9 4“ei $t k-hn-r d°n I ... „„ Sie Ä ÄÄ“ "les™ f4ei»«ben -Baff « b rütete touette ein und die Pferde zogen an. Nur langsam r11 t ! - ™ ■ - ■ - v WWZ--SK s-E'-r-s«-..... öet Chaussee im scharfen Trab weiter. 1 f ,.„k c: •*»•"«• »u, v-r Obgleich dem Geheimrath innerlich vor hem « SiU< ? ^ren Sitzen und =rSeti SeaänHpH mir v & * gingen demselben einige Schritte entaeaen. sfi'. die ihn früher Herr von Weißenburg war ein hochgewachsener gciQttnt# roßt ct ÜUpCiHty unbcftuiQfjn, i ftäftiii Qcbdutßt cüä* ; ,-x, *- Hä?“' rta IS1™ «®.*j± för die nächste Zen geplant war und namentlich er- I Jnterimsrock getragen, auf den ersten Bl'ck den klärte er eingehend, wie der Bau, an dessen An- s Soldaten ankab „„Ä nx.. scharf und strenge hervor und der f auch über Herrn von Stolzenberg und sagte unter s Gesichte- Sebert W0^' ^ffen Sodeben I sein, starr und unerbitterlich, wenn nicht^ie^Unter- Werfen dürfen, em solcher Mann, der s tippe denselben bedeutend gemildert, ja bei gesenkte« jahrelang m Rußland und Paris gelebt hat, wird j Augen, sobald der scharfe Blick zurücktrat fast ciänr« Dinge erlebt habe , doch nein, nein — ich j lich aufgehoben hätte Der link<> „mn'itfirtn ar $ würde doch verzichten, sie kennen zu lernen I" z war durch einen künstlichen etiefe^ uSSp» Sj Wer wn^te> rote ^usch und rein das ganze er zwischen zwei Knöpfe seiner Waff'enrockes geschoben, ?”* "Äw aÄÄ1 ®‘Th1'" -*'■ -wle Be mr lebt" Met« Ihn d°S für ja woh! Htuirt, bas er »nnchm, er könne sie ertragen, ohne daß eine Geschäftsstockung 91 so daß Jeder denselbsn für einen natürlichen halten mußte. Frau von Barsen trug ein Kleid von hellgrauem, durchsichtigem Stoff und sollte diese Farbe die Halb- trauer bedeuten, dis sie auf Wunsch des Onkels um den verstorbenen Vetter für kurze Zeit angelegt Hatte. Nachdem die erste Begrüßung stattgefunden, Alexandra ihren Gemahl vorgestellt und man in einem Halbkreis mit der Aussicht auf den See Platz genommen, sagte der General: „Ich bitte um Entschuldigung, daß wir Sie nicht in einem der Staatszimmer, sondern hier in meinem kleinen Tusculum empfangen, und hoffe ich, daß Sie die Vernachlässigung einer strengen Etikette verzeihen werden und sich entschädigt fühlen mögen durch den Anblick auf diesen eigenartigen, malerischen See. Ist es nicht ein herrliches Bild, das sich Ihnen so plötzlich darbot?" „Ich kann Ihnen nur, Excellenz", erwiderte Alexandra, „für diese köstliche Ueberraschung meinen Dank sagen. Ich glaubte in einen Salon zu treten und statt dessen brütet sich vor mir ein entzückendes Panorama aus. Er ist eine wirkliche Ueber« raschungl" „Ich sah sie Ihnen an, gnädige Frau, und es ist mir immer eine Genugthuung, wenn ich sie gewahre; war ich doch selbst in hohem Maße überrascht, als ich zum ersten Male diesen Pavillon betrat. Und außerdem haben wir einem Fremden nichts Besonderes, nichts Interessanteres zu bieten, als eben nur dieses Bild." „Das aber zehn andere Bilder aufwiegt", bemerkte Wolter, „Ist dies vielleicht", fuhr er fort, „der sogenannte Schwarze See, von dem ich schon mehrfach gehört habe?" ..Er wird allgemein so genannt", antwortete der General. „Und sieht aus", sagte Franziska, „namentlich, wenn die Sonne Abends sich hinter die Bäume senkt, wie ein großer Behälter mit schwarzer Tinte." „Und zu einer anderen Zeit, bei einer gewissen Beleuchtung", setzte Herr von Weißenburg hinzu, „wo ein röthlicher Schimmer über die Oberfläche fährt, wie ein Riesenkeffel mit Blut." „Entsetzlicher Vergleich! ' rres Frau von Barsen aus. „Es ist hier — eine sagenreiche — Gegend", fuhr der General in seiner kurzen abgebrochenen Weise zu sprechen fort, wobei er hinter einzelne Worte, auch da, wo es gar nicht paßte, ein hörbares Komma setzte, „und bas abergläubische Volk hier glaubt daran, wie an das Evangelium. Sowie man sich von Ihrer Schlangenburg, Herr Geheimrath, allerlei Grausiges erzählt, so weiß man auch von dem SHwar en See eine Menge Schauermärchen." „Man sagt", bemerkte Walker, „daß er von unergründlicher Tiefe fei." „Na, wie unergründlich er ist, wollen wir nächstens . schon einmal durch ein Lothblei untersuchen lassen. { Sicher ist es, daß er sehr tief ist und daß eine ge- i wisse Tiefe schon gleich hier am Ufer beginnt, denn die dicken Balken, die man in den Grund getrieben, ; um darauf den Pavillon zu bauen, sollen so lang l fein, wie die höchsten Mastbäume." „Und was erzählt man sich sonst noch von dem s See? ' fragte Alexandra und fügte hinzu: „Es s inksressirt mich, zu hören, denn ich kann es sehr wohl ei klären, daß diese düstere Romantik Veran- \ lassung zu verschiedenen Sagen gegeben hat." „Das hat sie auch redlich gethan", versetzte der ? General. „Natürlich haben mich meine beiden alten I Militärburschen schon in den ersten Tagen mit den > Geschichten, die sie im Dorf gehört, regalirt." I „Auch mir hat meine Jungfer sie vorgetragen", s sagte Franziska, „und mag Felix mich noch sehr z verspotten, ich kann mir nicht helfen, — die meisten | Menschen sind etwas abergläubisch, ich bin es auch, l und Niemand würde mich dazu zwingen können, ■; Abends allein um den See herumzugrhen. „Thorheit!" rief der General. „Aber wo bleibt l denn Felix?" fuhr er fort. „Er ist schon um neun s Uhr fortgeritten." „Er wird wohl in Holzendorf die Kirchs be- l suchen", sagte Franziska mit etwas spöttisch aufge- I worfenen Lippen. „Kind", — erwiderte der Onkel, „daran glaubst i Du ja selbst nicht! Mein Neffe wollte in Holzendorf j verschiedene Handwerker bestellen. Felix befindet sich ? j'tzt in seinem Element, er mag gerne arrangiren i und glänzend arrangiren, er findet hier nichts elegant | genug, — das wirb noch eine Unruhe werden, aber [ ich lasse ihn gewähren und habe ihm plein pouvoir \ ertheilt. Hat er Dir etwas gesagt, Franziska, wann $ er urückkchren würde?" i .Za, er rief mir u. als er ortritt, wir so i ihn vor dem Diner nicht erwarten."" „Ec hat bereits mit Officieren der Garnison Bekanntschaft gemacht und wird wohl in deren Castno s das Frühstück einnehmen. Aber wie wird er es be. i dauern, nicht zur Stells gewesen zu fein, während wir einen so angenehmen Besuch erhalten." Wolter hatte auf den ersten Blick in dem General von Weißenburg den früheren Obristen Tramm erkannt. Ec hatte sich bis auf da» gebleichte Haar äußerlich nur wenig verändert und doch schien er ein Anderer geworden zu sein. Noch lag in seinem Gesicht das Strenge, .Gebietende, den unbedingten Gehorsam Verlangende und in einzelnen Momenten war es noch dasselbe Bild, was feinem l Gcdächtniß für alle Zeiten unvergeßlich eingegraben war. Daneben sah Wolter jetzt in des Generals Gesicht einen anderen Zug, einen milderen, menschlicheren, und dieser Zug hatte für ihn etwas etgenthümlich Anziehendes. Hatte er in früheren Jahren eine gewisse Scheu vor ihm gehabt, so war der frühere Obrist ihm jetzt sympathisch und der Wunsch, häufiger mit ihm zu verkehren, ward in ihm reger, voraus- gesetzt, daß die unvermeidliche Anwesenheit des Neffen ihm nicht drückend und besorgnißerregend werden würde. So gern er nun auch sein erstes Begegnen mit Letzterem hinter sich gehabt hätte, so sühlte er sich doch etwas erleichtert, als er hörte, daß Felix erst zum Diner zurückerwartet würde und er in diesem Augenblick vor dessen forschenden Augen gesichert war. Von Seiten des Generals schien er nichts zu befürchten zu haben, er hatte noch bis jetzt nicht bemerkt, daß er ihn besonder« angesehen habe. „Excellenz", nahm Alexandra das Wort, „ver- zeihen Sie, wenn ich Sie bitte, uns einige von den Fabeln zu erzählen, die sich um den Schwarzen See breiten." „Sehr gern. Zunächst sieht da« ungebildete Volk etwas Unnatürliches darin, daß kein Fisch in dem Wasier existirt, daß nie ein Waffervogel darauf ge. seh-n wird und daß der See, selbst im stärksten Wrntrr, sich nicht mit Eis bedeckt. Das Alles ist wahr, aber durchaus nichts Uebernatürliche«, sondern hat seinen Grund in der hohen Temperatur des Wassers, die selbstverständlich aus warmen Quellen in der Tiefe herrührt. Nun hat aber die Phantasie diesen Umstand in die Hand genommen und ein ganzes Märchen daraus geschaffen. Nach diesen Märchen haust in einer Höhle unter dem Boden des als bodenlos verschrieenen Sees ein Nix und unterhält in derselben, wahrscheinlich, weil er nichts Anderes zu thun hat und dies sein besonderes Privat, vergnügen ist, ein beständiges Feuer, wodurch er das Wasser des, Schwarzen Sees erwärmt. Und nun kommt das Tollste. Von diesem See soll ein unterirdischer Kanal nach dem Rhein führen und mit diesem in Verbindung strhev." „Wie, mit dem entfernte« Rhein?" rief Alexandra lachend aus. (Fortsetzung folgt.) Die vertauschten Schlittschuhe. Er war ihr höchst unsympathisch, der Herr R-ftrendar Albert M. Aber was sollte sie thun? Kaum, daß er sie aus der Eisbahn erblickte, nahm er auch direkt feinen Cours auf sie, sie, die von der gesammtm he'.rathssähigen und noch nicht ganz hei- rathrsähigen jungen Männerwelt unserer Stadt um- schwärmten schönen Klara. Doch sür alle diese war ja dann kein Raum mehr. „Ah! da läuft sie ja mit dem Herrn Referendar!" sagte ein jeder und hielt sich fern. Silben wurde ihr dadurch noch unsympaihischer. Sir behandelte ihn mit einer Kälte, welche eine ver- zweifelte Aehnlichkeit mit der Kälte de« von ihnen durchzogenen glatten Terrains hatte. Aber unser Held schien bei seiner eigenen Gluth nichts von jenem eisigen Hauch zu spüren. Er blieb an ihrer Seite, er erschöpfte sich tu allen erdenklichen Aufmerksamkeiten und war sogar so aufmerksam, ihr die Schlittschuhe nach Hause zu tragen. Aber trotzdem halte sie ihn noch niemals anfgefordert, ihren Eltern einen Besuch abzustatten. Wie seufzte er nach dieser Erlaubniß aus ihrem Munde. Doch dieser Mund sprach an des Hauses Schwelle nur ein kurzer: „Ich danke, Herr Referendar!" und so schien es bleiben zu sollen bis in alle Ewigkeit, bis der Schlittschuh eine Rtminircenz an schöne Wintertage bedeutet und nichts weiier. Aber das Schicksal ntemte es mit unserem angehenden Justizminister besser, als er selbst glaubte. Wieder war Klara aus dem Eise erschienen, Albert war auf sie zugeeilt und wieder ärgerte sie sich, wie immer, über den | „schrecklichen Menschen". Doch eine sichtbare 93er- | leg.nheit drückte sich schon in seinem Gruße aus. I' „Mein Fräulein", sagte er dann zagend und schüchtern und krampfhaft zu Boden blickend: „Mein Fräulein, als ich vorgestern das Glück hatte, Sie nach Haus zu begleiten und Ihre Schlittschuhe tragen zu dürfen, l muß eine kleine Verwechslung vorgegangen sein!" „Eine Verwechslung!" fragte Klara erstaunt. „Ja"^ X entgegnete Albert und das zarte Roth f iner Wangen I nahm eine dunkle Färbung an, „denn wie ich im Bc- \ ginn des Laufens sogleich bemerkte, habe ich fremde l unv höchst wahrscheinlich Ihre Schlittschuhe, mein I Fräulein, an, während Sie —" Er vollendete nicht, | denn ein Blick a f Klara sagte ihm zur Genüge, s in welcher Verwirrung das schöne Mädchen sich be- | fand. Sie hatte seine Schlittschuhe an den Füßen, - und diese waren ihr nicht zu groß gewesen? Ent- setzlich! Hätte da« Eis nur an einer Stelle sich ge- I öffnet unv sie in die kalten Fluthen hinabgezogen. ■ So dachte sie in dem ersten Moment ihrer verletzten i E tel kett. Aber bald bedeckte sie ein anderer Ge- I danke. „Welch einen kleinen, zierlichen Fuß muß - dieser Referendar haben", dachte sie, „wenn mein 1 Schlittschuh ihm gepaßt." Und als sie erst so auf ! einen körperlichen Vorzug Alberts aufmerksam ge> 1 worden war, da ward sie es auch auf feine ganze Persönlichkeit, der sie vorher nur eine höchst flüchtige i Beachtung geschenkt hatte. Und da fand sie denn, ä daß der Herr Referendar gar nicht so übel aus» I sähe, daß er sogar ein „recht hübscher Mensch" sei > und diesmal, als sie das entdeckte, und er sie wieder i nach Hau« geleitet, da sagte sie an der Schwelle ] nicht das kurze: „Ich danke, Herr Referendar", da sprach sie: „Vielleicht machen Sie uns einmal das Vergnügen. Meine Eltern würden sich aufrichtig freuen." Und Albert machte sich das Vergnügen und die Eltern freuten sich „aufrichtig". Wie er aber an diesem Sonntag wieder kam, da freute sich eine am aufrichtigsten und das war Klara, um deren • Hand am Tage zuvor Albert in aller Form bei den Eltern angehalten hatte. Im Herbst dieses Jahres macht Albert den Assessor und wenn im nächsten Jahre des Eises Rinde geschmolzen ist, dann soll die Hochzeit jener Zwei stattfiaden, deren Liebes- und Leidensgeschichte sich betitelt: „Die vertauschten Schlittschuhe." Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.