Hießener Jamilienbläiter. Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger. 1888. Samstag dm 21. Juli, Nr. 85. taSEEMEflMeSÄ Der Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) , Ich werde muthig und ruhig sterben", fuhr Mutter Popley fort, „wenn Ihr mir gelobt, nicht die Gattin dieses Elenden zu werden — ich werde in dem Glauben und der Zuversicht sterben, daß Euch der Himmel beschützen werbe und solches Unrecht nie geschehen laffe." „Die Worte meiner Mutter sind auch die meinigen", unterbrach Jim die Sprechende. „Der Preis, unser Leben zu erkaufen, ist ein zu hoher und eh« ich zugebe, daß Ihr, Fräulein Olla, das erlösende Wort sprecht, will ich mich selbst lödten — ich will nicht leben, um Zeuge dieses Unglücke» zu sein." Die treue Hingebung dieser Unglücklichen erhöhte Olla's verzweiflungsvollen Schmerz, der sich in einem herzzerreißenden Schrei Luft machte. Guy Tresstlian, der arme Unglückliche, hatte dem ganzen Vorgänge anscheinend stumm und starr zugesehen, doch einem aufmerksamen Beobachter wäre die an dem jungen Manne vorgehende Veränderung nicht entgangen. Die kranke Gestalt desielbrn hatte sich zu stolzer Höhe emporgerichtet, die anfänglich scheu und ängstlich umherirrenden Augen hatten den Ausdruck der Entschloffenheit und Kühnheit angenommen — das Antlitz dieses Mannes trug das Gepräge unerschrockenen Mathes, unerbittlicher Strenge. Die aufregenden Scenrn dieser Stunden, das Erschütternde dieses Momentes hatten allmälig die Guy Tressilian's Geist trübenden Wolken zerstreut — der herzzerreiß nde, verzweifelnde Schrei der jungen Mädchen« völliges Licht in die Finsterniß de» umnach- teten Geistes gebracht. Guy Tresstlian — der durch des Arztes Ausspruch Zeit seines Lebens von der Nacht des Wahnsinns Umfangene — war wieder von dem göttlichen Strahl der Vernunft erleuchtet, wieder — der muthige, selbstbewußte Mann, der er vor dem Schiffbruch gewesen. Mit einem kräftigen Ruck befreite er sich au» den ihn umklammernden Armen einer Banditen, riß dem Nichtsahnenden das P.stol aus dem Gürtel und stellte sich schützend und vertheidigend an Olla's Seite. Ueberrascht und halb betäubt starrten die Banditen auf den jungen Mann. „Hört meine Antwort", wandt« sich Olla, der«« Muth durch Guy's Schutz neu entfacht wurde, an den Räuberhauptmann. „Nie und nimmermehr willige ich ein, Eure Gattin zu werden, lieber will ich mich und meine Freunde mit eigener Hand töbten, als daß ich die Genossin eines Verbrechers — eines Mörders werde. Gott im Himmel wird mir verzeihen, wenn ich mich in dieser schrecklichen Prüfung unaufgefordert vor seinen Richterstuhl begebe." „Wage es Keiner» sich dieser Dame zu nähern", erscholl plötzlich die klare Stimme Guy Tressilian's. „Dem Ersten, der meinem Befehle zuwider handelt, jage ich eine Kugel durch den Kopf. Ich laffe Euch nur zwei Auswege — entweder gebt Ihr diese Dame und ihre Begleiter frei, oder Euer Leben ist verwirkt, Herr Hauptmann." Guy Tresstlian stand hoch aufgerichtet vor den Banditen, aus seinen Augen leuchtete unheimliches Feuer, das Gesicht bedeckte die Röthe der Erregung, feine Hand hielt die Pistole fest umschloffen, der Lauf derselben war direet auf Carv-llt gerichtet. Guy Tresstlian stand vor den Banditen als die Verkörperung des rächenden Geschickes. Einige Sekunden herrschte tödtliches Schweigen — dann ertönte ein heiseres Gelächter. „Es ist schon weit gekommen, wenn man es wagt, mir auf meinem eigenen Gebiete zu trotzen", rief Carvelli. „Wir wollen sehen, ob die Gefangenen ihren Kerkermeistern befehlen können! Hierher Burschen! Auf meinen Befehl werdet Ihr diesen Engländer in strenge Haft nehmen!" Mit einer Handbewegung winkte er die Männer an sich heran. „Laßt Eure Männer nur herankommen", sagte Tresstlian kalt. „Sie haben es mit einem Manne zu thun, der sich bis zum letzten Blutstropfen »er* theidigen wird!" Niemand von den Räubern wagte Hand an ihn zu legen. „Feiglinge!" schrie Carvelli, „Ihr sollt sehen, wie ich diesen hochmütigen Prahler bewältige." Er zog seinen Dolch und stürzte auf Guy Tresstlian los. Der junge Engländer sprang, dem Angriffe ausweichend, zur Seite und feuerte seine Pistole ab. Der Schuß drang in Carvelli'» Brust. Mit einem furchtbaren, gellenden Aufschrei taumelte der Räuber- Hauptmann zu Boden. In der nächsten Sekunde, al« sich der Rauch von der Pistole veezog, herrschte großer Tumult und wilde Verwirrung in der Höhle. Jim Popley, der stch in der allgemeinen Aufregung frei sah, flog an die Seite seiner jungen Herrin. Er packte eine von dem Räuberhauptrnann 342 Der all- der Fünfunddreißigstes Kapitel. Die Reise nach der Heimath. Preises die Ma-nschast nach dem Versteck Carvellt's zu führen. Die Vorgänge im Innern der Höhle hatten die Aufmerksamkeit der Banditen, sowie der ausgestellten Wache auf sich gezogen, und begünstigt durch die einbrech nde Nacht, gedeckt durch die Büschs und Bäume, erreichten die Truppen ungesehen und ungehindert die Höhle und folgten dem Allarm schla« genden Vorposten direct auf der Ferse. „Ergebt Euch", lief der Anführer der Truppen dem Räuberhauptmann zu. „Ergeben!" fchlie der Räuberhauptmann mit blitzenden Augen. „Nimmermehr! Wenn Ihr uns haben wollt, so nehmt uns; aber ich sage Euch, wir wollen uns verzweifelt wehren!" t Er erhob seinen Carabiner und schaute die Ein. dringlinge mit wilden Blicken an. „Jeder Widerstand ist vergeblich", entgegnete der Ansührer der Truppen; „Ihr seid eingeschloffen — die Flucht ist unmöglich. Ich befehle Euch noch, mals, ergebt Euch!" * In diesem Augenblicke tauchte das bleiche, angst, volle Gesicht des Verräther« zwischen den Soldaten auf und er betrachtete seinen früheren Herrn mit listigem Ausdrucke. Blitzschnell feuerte Carvelli einen Schuß nach ihm ab. Mit einem gellenden Schrei fprang der Ver. räther in die Luft und stürzte dann tobt zu Boden. „Dar für den Verrath!" schrie Carvelli. „Diese Schuld wäre ausgeglichen. Nun kommt heran, Signore Capitano! Kommt nut!" Dis grauenhaften, entsetzlichen Unthaten des gemein gefürchteten Räubrrhauptmanns Carvelli, bisher unangreifbar in feinem Schlupfwinkel in den Bergen gehaust, hatten sich von Tag zu Tag gemehrt. Schilderungen schrecklichster Art waren unter dar Volk gelangt — Niemand getraute sich mehr die Berge zu passiren — ein panischer Schrecken vor Carvelli erfüllte alle Gemüther. Die italienische Regierung sah sich endlich genöthigt, nach verschiede, nen Richtungen Truppen auszusenden, um den Gefürchteten zu suchen und setzte einen hohen Prei^ aus den Kopf Carvellt's. Tage hindurch war das Militär schon in den Bergen umhergeirrt, ohne nur die geringste Spur von dem Gesuchten zu entdecken und verdrossen und mißmuthig beschloß der Befehlshaber, mit seinen Truppen wieder unverrichteter Sache abzuziehen, t- Da endlich half Verrath und Habsucht. Spät Abends, als die Truppen ermüdet ihr Nachtlager aufschlugen, gesellte sich ihnen ein anscheinend einfacher Weinbauer zu, der sich bereit erklärte, gegen Gewinnung des Es war klar, daß die Räuber Widerstand zu leisten entschloffen waren bis zum letzten Athemzuge. Der Truppenhauptmann gab seinen Leuten einen kurzen Befehl und den Läufen ihrer Gewehre folgte ein tödtlicher Kugelregen. Die Räuber beantworteten den Gruß der Trup. pen mit einem unregelmäßigen Feuer. Carvelli feuerte seine L?ute an und schrie ihnen zu wie ein Rasender. Ein wüthender Kampf, dem ein blutiges Handgemenge folgte, entspann sich, und Schüsse, Flüche, Seufzer und Gebete klangen wirr durch dar Zimmer. Der Kampf war kurz, aber furchtbar. So lange Carvellt's gewaltige Stimme gehört wurde, der seine Leute wie ein Rasender anspornte, fochten die Rän» ber wie die Löwen. Aber endlich vereinigten sich die Rufe zu einem einzigen langen Sterbeseufzer und der rothe Carvelli stürzte unter dem Dolche des Armeehauptmanns tobt nieder. Eine Minute später wurde auch sein Lieutenant getödtet und die ihrer Anführer beraubten Ueberrests der Bande erklärten, sich ergeben zu wollen. „Legt Eure Waffen nieder!" schrie bet Truppen. Hauptmann. „Zurück bort an bis Wanb I" Der Rauch verzog sich balb und nun sah man den felsigen Boden bedeckt mit Leichen und Ver. wundeten. Die wenigen am Leben gebliebenen Räuber wur- den gefesselt und dann wandte der Truppenführer zu Boden gefallene Pistole und die vier übrigen Räuber flohen in eine Ecke. Carvelli richtete sich mühsam auf und schaute Tressilian mit einem Blicks wilden Haffes an. „Ich wollte diesen Burschen ja leben laffeN", schrie er, „aber kein Mensch kann mich verwunden und weiter leben, um sich seines Sieges zu freuen. Tödtet den Engländer auf der Stell'. Schießt Alle nieder und laßt nur das Mädchen leben I Kein Hast von ihrem Kopfe darf gekrümmt werden. Ich will mich an ihr anders rächen für ihren Trotz und Wi- ; dersinn. Vorwärts, Kameraden! Schlagt sie nieder!" - Jetzt hatte die Gefahr für Olla und Tressilian ! den Höhepunkt erreicht. Sie stellten sich in verthei- digsnder Stellung nebeneinander und auf jedem der i heldeumüthigen Gesichter stand der Entschluß geschrir. ! ben, daß sie muthig miteinander sterben wollten. Die Stimme des rothen Carvelli feuerte seine । Männer unausgesetzt zum Angriffe an. Carabiner und Pistolen wurden angelegt. Die Räuber war. teten finster und grimmig nur darauf, daß einer, der kühner wäre, als die Uebrigen, das furchtbare Mord» werk beginnen solle. Aber es begann nicht. Die beiden Parteien maßen einander noch immer mit finsteren, brennenden Blicken, als eine Schtldwachr keuchend und athem- los vor Schreck in die Höhle stürzte. „Dis Truppen! Dis Truppen!" schrie er verzweifelt. „Canoro hat uns verrathen! Heilige Mutter Gottes. Hier kommen sie!" Und eben, als er noch sprach, stürmte eine Ab- theilung Militär in die Höhle, welche der Schildwache auf den Fersen gefolgt war. Die zahlreichen Lampen beleuchteten ihre schimmernden Uniformen. Stahl ihrer Waffen funkelte und glitzerte. seine 8 deren 5 warum „M Trefstli kauft d Nu und O! „D gefange deutend sich ver eben zw welche Der „II sehr hö nung u nenden das Ge zurückke „Je sagte £ Die zwischen den Gei Naö die Höh! als Ber nacht öi den Bai mit der Es milde N teten, bi Häuser, waren i famer § Der unb sie ihres U lachtm streng b Popley's Herrin i von ben Guy bie ergreifen Die gewaltig same St Als Olla bie Schütz«» dis Sor nommen. er führt« Stelle kc lockte ih 343 seine Ausmeiksamkeit den englischen Gefangenen zu, deren Anwesenheit er bemerkt hatte. „Wer seid Ihr?" fragte er Tresstlian. „Und warum seid Ihr hier?" „Wir waren Gefangene, Signore", entgegnete Tresstlian höflich, „und wären ohne Eure Dazwischenkunft dem sicheren Tode verfallen." Nun kamen auch Olla und Frau Popley herbei, und Olla erfaßte Tresstlian's Hand. „Der Räubsrhaupimsnn hat jenen Priester dort gefangen", fuhr Tresstlian fort, auf den Geistlichen deutend, der jetzt von dem Felsen, hinter welchem er sich verborgen hatte, heroorkam, „und wollte ihn eben zwingen, ihn mit dieser jungen englischen Dame, welche er gestern hierher geschleppt, zu trauen." Der Priester bestätigte Tresstlian's Aussage. „Ihr seid jetzt frei, Mylord", sagte der Kapitän sehr höflich, auf den Tresstlian's edle, stolze Erscheinung und Olla's Schönheit einen ungemein gewinnenden Eindruck gemacht hatten. „Wir wollen Euch das Geleits bis nach Neapel geben, wenn Ihr dahin zurückkehren wollt, und schlage vor, bald aufzubrechen." „Ja, wir wollen nach Neapel zurückkehren", sagte Olla. „Es wird wohl das Beste sein." Die Tobten wurden bei düsterem Fackelscheine zwischen den Felsen beerdigt und von den anwesenden Geistlichen eingesegnet. Nachdem diese traurige Pflicht erfüllt war, wurde die Höhle untersucht, ihre Vorräthr von den Siegern als Beute in Beschlag genommen und um Mitternacht verlieb die Gesellschaft die Höhle, bestieg die den Banditen gehörigen Pferde, beluden die übrigen mit der Beute und schlugen den Weg nach Neapel ein. Es war dies ein seltsamer Ritt durch die schöne, milde Nacht. Der Mond ging auf, die Sterne leuch, teten, die Weingärten, die schönen, malerischen Landhäuser, die Orangen- und Cypressenhaine, sie alle waren in dem zauberischen Mondscheine von wunder, samer Schönheit. Der Hauptmann plauderte mit seinen Osficieren und sie wünschten sich gegenseitig zu dem Erfolg ihres Unternehmens Glück. Die anderen Soldaten lachtm und scherzten und die Gefangenen ritten, streng bewacht, in finsterem Schweigen weiter. Die Popley's hielten sich in der Nähe ihrer jungen Herrin und Olla und Tresstlian ritten etwas abseits von den Anderen, aber so nahe nebeneinander, daß Guy die Zügel von dem Pferde des jungen Mädchens ergreifen konnte. Die Beziehungen zwischen den Beiden hatten sich gewaltig verändert, seit sie das erste Mal die einsame Straße gezogen waren. Aks sie von Neapel hersusgereist waren, war Olla die Beschützerin, Guy der sanfte, nachgiebige Schützling gewesen. Aber jetzt hatte sich Tresstlian die Sorgfalt für Olla wie sein Recht herausgenommen. Er ritt langsamer, wenn sie ermüdet war, er führte ihr Pferd, wenn sie an eine gefährliche Stelle kamen, er plauderte fröhlich mit ihr und entlockte ihr ihre ganze Lebensgeschichte und erfuhr ausführlich Alles, was sie von ihm wußte — oder zu wissen glaubte — und zeigte sich so angenehm, so bescheiden höflich, so aufmerksam und zärtlich, daß Olla's Achtung für ihn mit jedem Augenblicke zunahm. „Seine schlafende Seele ist endlich erwacht", dachte ste halbseufzend, als sie in da« ernste, schöne, von blonden Locken umrahmte Gesicht schaute. „Ich wünschte seine Schwester, seine Freundin zu sein, aber fitzt —" Sie seufzte abermals. Aber nicht sie allein, sondern auch Guy Tresst- lian war unruhig im Herzen. Seine feurige Natur sprengte die Bande, welche sie so lange getragen hatte, und wandte fich begeistert zu bi fein herrlichen Mädchen. Ihre dunklen, süßen, leuchtenden Augen erschienen ihm schöner, als die goldenen Sterne. Er fühlte, wie ihre bezaubernde Schönheit sein ganzes Herz gefangen nahm und dieses sich ihr in anbeten- dsr Zärtlichkeit weihte. Dennoch wagte er es nicht, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Meile um Meile wurde im Mondschein zurückgelegt. Die Nacht verging und die graue Dämmerung des schönen italienischen Morgens brach endlich an. Gegen 6 Uhr, ehe in Neapel noch das gewöhnliche Leden und Treiben herrschte, ritt die Gesellschaft langsam an dem Gasthofe „zum Vesuv" vorüber. Das Wirthrhaus war schon offen und Giuditta in lieblicher Bauerntracht stand auf der offenen Stelle. Sie schaute flüchtig und sorglos auf die Reitenden, erschrak aber plötzlich, als sie die schwer gefesselten Gefangenen betrachtete. Einer von ihnen gab ihr einen Wink, welcher ihr deutlich die Wahrheit verrieth, daß die Bande vernichtet und ihr Bruder tobt sei. Sie taumelte und lehnte sich schwerfällig an den Thürpfosten, als ste im selben Augenblicke Olla und Tresstlian neben einander reitend und von den Popley's gefolgt, erblickte. Der Anblick des freien Tresstlian erschütterte ste mehr, als alles Uebrige. Der bedrohte Verlust ihrer Brüte, aus der sie und Palestro ein Vermögen zu gewinnen hofften, beraubte ste fast der Sinne. Endlich erholte ste sich hinlänglich, um den verschwindenden Reitern nachschauen zu können. „Giuseppe war nicht unter den Gefangenen", sagte sie zu sich selbst. „Er hat geschworen, sich nie lebendig fangen zu lassen. Er ist getödtet l Und Sir Trrssilan ist frei. Er wird nach England gehen! Ich muß Jacopo augenblicklich schreiben. Ich kann »ticht telegraphtren, denn es könnte Jemand die Depesche sehen. Ich bete zu allen Heiligen, daß Jacopo schon sein Vermögen in Sicherheit gebracht haben möge." Sie eilte in den Gasthof, um den Brief zu schreiben. (Fortsetzung folgt.) Innz Keinrich und der russische . Deserteur. Von Robert von Hagen. (Nachdruck verboten.) Vom künftigen Admiral der deutschen Flotte, vom Prinzen Heinrich, dessen Lebensschiff im Hafen der Ehe Station gemacht, um dann mit goldner Ladung wieder weiter hinauszusteuern in's brausende Meer des Lebens, — von ihm soll diese kleine Erzählung handeln, deren Inhalt authentisch verbürgt ist. * * * Es war im Jahre 18 . . — Das russische Husarenregiment „Jsum", No. 11, stand damals in Jvanovka, Gouvernement Tambow. Der Oberst dieses anerkannt schneidigsten Cavallerie- Regiments der russischen Armee, Graf Jourkiewitsch, war soeben mit demselben nach stattgehabter Revue vor dem Großfürsten Sergius Alexandrowitsch in's Quartier eingerückt, und zwar wie es schien, in höchst ungnädiger Laune. „Die Herren Offiziere!--- „Das Regiment hat ver — teufelt schlecht exerzirt" — so begann er zu wettern, „und insbesondere hat sich diesbezüglich die vierte Escadron, —, ja, ja, Ihre Escadron meine ich, Zerr Baron Suroff, — also die vierte Escadron — hervorgethan. Keine Richtung — kein Alignement! Gleich Buschmännern, gleich Hottentotten defilierten Ihre Leute an Seiner kaiserlichen Hoheit vorbei, sein allerhöchstes Mißfallen erregend. A propos, wie heißt doch gleich der rechte Flügelmann des ersten Zuges Ihrer Escadron?" „Es ist der Unteroffizier P . . . g!" „Ah , — also wie sein Name beiläufig schon besagt. — So ein — halber Deutscher — ein Kurländer — wie?" „Ja, Herr Obrist, — gebürtig aus Mitau, Seiner Majestät getreuem Gouvernement Kurland. Ein tüchtiger Unteroffizier und prächtiger Rekrutenabrichter." „Ich habe Sie nicht um einen Auszug seiner Conduitliste ersucht, Herr^Escadronchef; — darum bitte, lassen Sie den Mann hierher citiren!" Der „halbe Deutsche", der „Kurländer" kam aus der Front hervorgeritten. Er war so postirt gewesen, daß er jedes der mehr als laut gesprochenen Worte des Obristen hatte vornehmen müssen. In der That, er war ein halber Deutscher; nicht ob des Namen einzig, der heutzutage bei Nationalitätsunterschieden gar wenig mehr in's Gewicht fällt, sondern des Blutes halber, das mehr in deutscher, als in slavisch-sklavischer Weise in seinen Adern rollte, und deshalb senkte er keineswegs den Blick vor seinem gestrengen Commandeur, sondern sah ihm mit militärisch gradem, freiem Blick in's Angesicht, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Das schien den Grafen Jourkiewitsch zu alteriren. „Hund, Du hast die ganze Parade verdorben! — Beim Defiliren die Richtung verloren! ^icht Acht gegeben und befolgt, als ich Dir das Zeichen gab, mehr zurückzubleiben, das Alignement einzuhalten." „Herr Obrist, — der Herr Rittmeister Fürst G....., hatte mir direkt anbefohlen, in rascherem Tempo auszuschreiten, um die Linie einzuhalten!" „Du lügst, Hundsfott!" Kreidebleich werdend, erwiderte Peter P......g' dem Braunen unter sich krampfhaft die Schenkel gebend, daß dieser hoch sich aufbäumte: „Das bin ich nicht, Herr Obrist, — bin kein Hundsfott! — bin eines ehrlichen deutschen Vaters ehrlich Kind! — des Kaisers aller Reußen treuer eidverpflichteter Kriegsmann und dessen Unterthan, weil ich in seinen Landen von einer Russin geboren ward!" Des Grafen Jourkiewitsch Zorn schäumte über: „Major von Suroff!" — rief er — „Sie haben recht artig wohldisciplinirte Leute erzogen. Das lob' ich mir! Ihr Protektionskind soll sofort zum „Vater Antal"*) geführt werden — — über die Anzahl der Knutenhiebe werde ich nach stattgehabter Degradation bestimmen. Guten Morgen, die Herren Offiziere!" „Und Sie sollen keine Knutenhiebe erhalten, Peter........" sagte der Major, als er an dem unglücklichen Opfer böser Laune vorbeiritt — „Sie sollen keine Knutenhiebe erhalten, — so wahr ich bisher Major war und ferner „von Suroff" genannt werden dürfte." Kleine Ursachen, — große Wirkungen. Zwischen dem Major und deffen übermäßig „schneidigen" Regiments-Commandeur kam es naturgemäß zum Duell, denn jener peinlichen Scene im Kasernenhof folgte noch eine etwas heftigere Auseinandersetzung im Casino; — der Major — als Beleidigter — (wie dies drolliger Weise zumeist der Fall ist) bekam obendrein noch einen wenn auch ungefährlichen Schuß ab, — wurde krankheitshalber auf unbestimmte Zeit zur Disposition gestellt, der Herr Obrist zu einem andern Regiment versetzt. Und so wäre denn alles hübsch glatt erledigt gewesen, bis auf die dem zum Gemeinen degradirten Kurländer zugedachten und diktirten 50 Pleti-**) respective Knutenhiebe; sie demselben aber alsolviren zu lassen, bot sich keine Gelegenheit, denn „zwar sah man das Roß, doch nicht den Reiter wieder." Er hatte sich der entehrenden körperlichen Züchtigung durch Desertion entzogen. *) Profoß der Unteroffiziere. **) Die Knute ist offiziell unter Nikolaus I. abgeschafft und durch die Pleti, eine Art Strippe, ersetzt. (Schluß folgt.) Redgctiyn: B. Scheydg, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Meßen.