Hießener Aamilienblätter. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. jntr-r rr r ,, iT r ■ im. mmi w—— r r.;~T_~niOT — I w.lll l«. . . j. Nr. 47. Samstag ben 21. April. 1888. Der Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Eine drohende Aussicht. An demselben November-Nachmittag, an welchem sich der von uns beschriebene Sturm und Schiffbruch ereignete, steuerte zwei Stunden vor Ausbruch des furchtbaren Unwetters ein von Neapel kommendes Schiff gleichfalls nach dem Hafen von Palermo. Der Himmel war schon trübe, grau und kalt als Vorzeichen des drohenden Siurmes, -und die Lust war auffallend kühl für diese Jahreszeit und für Sicilien. Es waren nur wenigs Passagiere an Bord und diese Wenigen waren aus dem Verdeck versammelt, um das Einlaufen in den Hafen zu beobachten oder einige Freunde am Strande zu entdecken. Einige Touristen, etliche Kranke, welche nach Si- cilien reisten, um den Winter daselbst zuzubringen und eine junge Dame mit ihrer Dienerschaft, welche aus einer alten Frau und deren Sohn bestand, dies waren sämmtliche Paffagiere des Schiffes. Die junge Dame, welche träumerisch die herrliche Lage der Stadt ü‘ erblickte, saß abseits, wie Jemand, der unter dem Drucke einer namenlosen Furcht leidet. Scheu und ängstlich blickten ihre Augen und tiefer Kummer und Betrübniß spiegelten stch in ihrem schönen Gesichte. Eine schlanke und anmuthige Gestalt, zeigte ihr Gesicht eine schöne regelmäßige Stirn und dunkle, strahlende Augen, in denen der Spiegel der Unschuld lag. Die ältere Begleiterin, welche offenbar eine Art Mutterrolle vertrat, stand neben ibr und betrachtete sie von Zeit zu Zeit mit ängstlichen Blicken. „Fast sind wir am Ziel, Fräulein Olla", sagte Ire. „Dort jenes schöne Haus ist sicher das Zollhaus und bald wer en wir am Lands sein." „Still, still, sprich keinen Namen aus", flüsterte das Mädchen. „Wenn ich meinen Namen höre, so glaube ich immer, er müßte vor mir erscheinen. Amme, glaubst Du, daß er uns verfolgt haben wird?" „Bah, die Verfolgung wäre eine nutzlose", entgegnete die alte Dienerin in ausweichendem Tone. „Wir sind an Oct und Stelle, Fräulein Olla, und hier kommt mein Sohn Popley." Der Sohn der Amme, ein stämmiger Engländer mit pfiffigem, jedoch ehrlichem Gesicht, näherte sich, den Hut in der Hand, seiner Herrin. „Wir sind zur Stelle, Fräulein Olla", sagte er. „Ich werde, nachdem ich Euch einen Wagen besorgt habe, nach dem Gepäck« schen. Ihr wollt doch sogleich in ein Hütel gehen, nicht wahr? Es ist möglich, daß Ihre Freunde Palermo bereits verlaffen haben." Diese Vermuthung schien das junge Mädchen mit Bestürzung zu erfüllen. Sie war sehr bleich und ihre Stimme zitterte, als sie antwortete: „Ganz gut, Popley — ich will in das Hütel Trinacria gehen." In diesem Augenblick stieß der Dampfer an das Land und es erfolgte der Tumult des Ausschiffens. Das junge Mädchen stand auf und folgte ihren Dienern an's Land. Wenigs Minuten später fuhr sie mit Frau Poplcy nach dem erwähnten Gasthofe. Und in einer halben Stunde waren die Beiden in dm schönsten Zimmern des Hü el» Trinacria mit der Aussicht auf die Marina, einen herrlichen Spaziergang, einquartiert. _ Das junge Mädchen sank, ermüdet von der Reiss, auf ein Sopha, während Frau Popley dem Aufwärter verschiedene Aufträge erihetlte. Ein in dem kleinen Ofen angemachtes Feuer verbreitete bald eine behagliche Wärme in dem Zimmer. Dar junge Mädchen saß mit dem Ausdrucke tiefster Niedergeschlagenheit und Verzweiflung vor demselben, als ein Gasthofsdiener, mit einem großen Buche unter dem Arm und Schreibrcqaistten in der Hand, eintrat. „Wird die junge Dame so gefällig sein, ihren Namen in das Fremdenbuch einzutragen?" fragte er sie höflich in englischer Sprache. Das junge Mädchen erschrak und schaute ihre altr Dienerin verwirrt an. Bald erhielt sie jedoch ihre Geistesgegenwart wieder und schrieb in das B rch Folgendes ein: „Fräulein Wyat und zwei Diener." Der Aufwärter schaute flüchtig nach dem Namen und dachte bei sich: „Das ist nicht ihr wirklicher Name. Ihr Zögern und die erkünstelte Schrift beweisen dies. Hier waltet ein Geheimniß ob." Er wandte sich zum Gehen, aber die junge Dame f rief ihn zurück. „Ich brauche sogleich einen Boten", sagte sie mit l wohlklngendcr Stimme. „Ist es möglich, daß Ihr ; mir vielleicht Auskunft geben könnt? Ich habe 190 Freunde, die zur Zeit in Palermo sind — eine englische Familie, Nomens Pugh, die ein Haus gemie- thet haben. Einige Mitglieder der Familie sind leidend; könnt' Ihr mir Ihre Adresse verschaffen?" „Pugh!" sagte der Aufwärter. „Es hat eine Familie Namens Pugh längere Zeit hier gewohnt, aber sie wurden vor einer Woche nach England zu» rückberufen. Der Herr ist ein englischer Marine- Osficier." „Um der göttlichen Barmherzigkeit willen", rief das junge Mädchen in verzweiflungsvollem Tone, indem sie in lautes Schluchzen auibrach. „Zu wem soll ich nun gehen? Wer soll mich schützen? Ich bin recht unglücklich." Der Aufwärter warf im Fortgehen einen forschenden Blick auf die junge Dame, denn es war ihm klar, daß ein Geheimniß dieselbe umgab, was er später vielleicht verwerthen könnte. „Weint nicht, mein Kind, das Herz möchte mir brechen, wenn ich Euch so traurig sehe", sagte Frau Popley, nachdem der Bufwärter sich entfernt hatte, indem sie mit mütterlicher Liebe die Arme um den Hüls des jungen Mädchens schlang. „Wir können ja morgen den Dampfer nach Marseille benützen und von da nach England gchen; dort findet Ihr meh. rere befreundete Familien, welche Euch gegen den entsetzlichen Menschen in Schutz nehmen können." „Aber wenn man uns verfolgt hat?" feufzts OLa schaudernd. „Wenn er uns hierher verfolgen sollte! Es ist nichts leichter möglich als das; wir haben Neapel gestern um 5 Uhr verlassen und eine Stunde später fuhr ein anderer Dampfer von Neapel nach Palermo ab. Er kann in demselben kommen! Er ist vielleicht in einer Stunde schon hier!" „Ich glaube nicht, Fräulein Olla, mein Liebling. Wir haben uns alle Mühe gegeben, ihn von der Spur abzubringen und ihn glauben zu machen, wir wären nach Genua entflohen. Warum sollte er argwöhnen, daß wir an diesen entlegene« Ort hierher entflohen sind? Er wird an Eure alten Freunde, wie Pugh's, gar nicht denken, noch wird es ihm einsallen, daß Ihr zu ihnen entflohen seid. Bis morgen Mittag sind wir jedenfalls hier in Sicherheit. Er mag hier eintreffen, nachdem wir einmal entflohen sind." „Ich fürchte, es giebt keine Sicherheit für mich, als im Grabe", entgegnete Olla in jammerndem Tons. Der Himmel war dunkel geworden von dem drohenden Sturme und die Promenade war fast gänzlich von Menschen verlassen. Der Wind erhob sich stoßweise und begann sein unheimlich heulendes Lied. „Wir werden einen schrecklichen Sturm haben", meinte Frau Popley. „Herr im Himmel, wie viel Schiffbrüche wird das geben und wie froh bin ich, daß wir glücklich vor dem Sturme gelandet sind." Ohne eine Antwort zu geben, lehnte sich da» ju- ge Mädchen aus dem Fenster und fchaute hinaus in dis Wogen der Bucht mit traurigem und verzweifeltem Ausdruck. Der Sturm begann seinen Höhepunkt zu erreichen, er knickte die ältesten Bäume wie Stäbchen und Olla schaute immerwährend hinaus auf die Verwüstungen, welche dis tosenden Elemente anrichteten, bis ihr plötzlich ein furchtbarer Schrecken, — unbewußt warum — das ganze Nervensystem erschütterte und sie schaudernd an allen Gliedern vom Fenster zurücktaumelte. Es war dies genau derselbe Augenblick, in welchem der sardinische Dampfer mit Lord Tresstlian an den Felsengestaden scheiterte. Mittlerweile verrann die Zeit. Mrs. Popley war zu bet Zeit, in welcher der zweite Dampfer ein- treffen mußte, an den Hafen gegangen. Das Schiff war glücklich eingstroffen, ehe das Unwetter losbrach und zu ihrer unaussprechlichen Freude bemerkten die forschenden Augen der alten Frau den so gefürchteten Verfolger nicht. Als Olla die Kunde vernahm, daß das Schiff ohne ihren Feind eingstroffen fei, da erhellte feit langer Zeit zum ersten Male ein Freudevstrahl ihre Züge, ihre zarte Gestalt schien förmlich zu wachsen, ihre Wangen rötheten sich und die Augen blitzten, als sie freudestrahlend und jubelnd ausrief: „Nachdem der entsetzliche Mensch heute nicht eingetroffen ist, bin ich in vollkommener Sicherheit. Vor zwei Tagen trifft ein weiteres Schiff nicht ein und bis dahin bin ich weit, weit von hier entfernt. Gott im Himmel, wie danke ich Dir für diese Gütr I Nun kann ich endlich wieder aufathmen und mich meines Lebens freuen." Das junge Mäbchm war sehr ermüdet, als die Nacht hereinbrach und sie schlief fast augenblicklich ein. Mrs. Popley legte sich in das zweite Bett, das in dem Zimmer stand, und war gleichfalls bald in tiefstem Schlaf versunken, Es war schon spät am Morgen, als die treue Dienerin erwachte. Sie sprang heftig auf. Olla schlief noch immr; ihr dunkles Köpfchen war tief in die Kissen vergraben und ein Lächeln lag auf ihrem holden unschuldsvollen Gesichte. Mrs. Popley ging in das kleine Nebenzimmer, nachdem sie sich rasch angekleidet hatte, zog daselbst die Vorhänge auf und läutete einem Aufwärter, dem sie zu Heizen befahl. Der kleine Salon war hell und warm, als Olla erwachte. Mrs. Popley half ihr beim Ankleiden, und dann kam das junge Mädchm in dem braunen Reiseanzug in den Salon. Der Tag versprach schön zu werden. Die Sonne schien hell vom Himmel herab und die Luft war frisch und angenehm. Olla's Seele war von namenloser Freude erfüllt. „Wie glücklich bin ich!" sagte sie leicht für sich. X „Ich fühle mich so sicher - so sicher!" Mrs. Popley läutete nach dem Frühstück und mußte dasselbe auf Olla's Wunsch mit ihrer jungen Herrin einnehmen. Jim Popley bediente dabei wie am vergangenen Abend. Oll zeit m Dieneri daß sie eines £ bitterste Oll, draußen „Jc wöhntll Schritte er uns jetzt faß Mr> Im kleinen gestoßen hinab e Oll< starrte Die Mann i und mil Die sprachlos „Jö melnd folgt! W Die essen un erscheine ganz ar dieselben noch mö den des Wann? hegt bod gen, bi nichts n zunächst und Tri daß dies des Hu welches digt lass mithin t trinken), bet, als (zu über den Max asstmilir 191 m und »er« nkt zu erreine Stäbchen auf die Ver- z anrichteten, in, — unbe« n erschütterte vom Fenster rselbe Augen, ser mit Lord cte. Mrs. Popley Dampfer ein« Das Schiff etter losbrach bemerkten die o gefürchteten ß das Schiff erhellte feit zevstrahl ihre h zu wachsen, lugen blitzten, »rief: „Nach- t eingetroffen t. Vor zwei ein und bis itfernt. Gott r Güte I Nun > mich meines üdet, als die augenblicklich > zweite Bett, leichfalls bald als die treue g auf. Olla chen war tief heln lag auf MrS. Popley chdem sie sich Vorhänge auf sie zu Heizen arm, als Olla im Ankleiden, dem braunen . Die Sonne die Luft war ar von namen- leicht für sich. I" Frühstück und t ihrer jungen mte dabei wie Olla war ungemein heiter während der Mahl« zeit und wer sie so vertraulich mit ihren treuen Dienern hätte plaudern gesehen, hätte nicht geahnt, daß sie ein Flüchtling sei und baß da» Herannahen eine« gefürchteten Feindes all' ihre Fröhlichkeit in bitterste Verzweiflung verwandle. Olla erbleichte plötzlich. Ihr feines Ohr hatte draußen im Corridor Schritte vernommen. „Ich bin an meine neue Freiheit noch nicht gewöhnt I" sagte sie. „Ich bildete mir ein, seine Schritte zu hören. O, Mutter Popley, wie, wenn er uns doch finden sollte I Sein Anblick würde mich jetzt fast tödten!" Mrs. Popley lächelte beruhigend. Im selben Augenblicks wurde die Thüre des kleinen Salons von einem der Gasthofsdiener auf- gestoßen, welcher jedoch sofort wieder die Treppe hinab eilte. Olla sprang zitternd und erschrocken auf und starrte furchtsam nach der geöffneten Thüre. Diese wurde noch weiter aufgestoßen und ein Mann erschien auf der Schwelle, finster, unheimlich und mit wildem Triumphe in dem bösen Gesichte. Die Augen des Mädchens öffneten sich weit in sprachlosem Entsetzen. „Ich bin verloren!" flüsterte sie und sank tau- melnd in ihren Stuhl zurück. „Er hat uns ver- folgt! Er ist hier!" (Fortsetzung folgt.) Wann und wie sollen wir essen und trinken? Diätetische Plaudereien. (Nachdruck verboten.) Die Doppelfrage, wann und wie der Mensch essen und trinken soll, dürfte Vielen al« überflüssig erscheinen, da sie vielleicht meinen, daß e« hierbei ganz auf die jeweiligen Verhältnisse ankomme und dieselben ja sehr verschieben seien. Zugegeben, dennoch möchte es gestattet sein, diese Frage im Folgenden des Näheren zu beantworten, denn über das Wann? und Wir? für dir Befriedigung des Durstes hegt doch so Mancher gar eigenthümlichr Anschauungen, die mit einer zweckentsprechenden Körperpflege nicht« weniger als im Einklang stehen. Was nun zunächst die Frage nach der rechten Zeit zum Essen und Trinken anbelangt, so ist ja selbstverständlich, daß diese Zeit am bestimmtesten durch das Gefühl des Hungers und des Durstes angegeben wird, welches man, wenn es sich ankündigt nicht unbefrie- "'9/ /affen darf. Es ist eben so naturwidrig und mithin nachtheilig, zu einer Zeit zu offen (und zu trinken), wo der Körper kein Bedürfniß dazu empstn- det, als den Hunger und Du st unbeachtet zu lassen (zu übergehen.) Im ersteren Falls nöthigst man den Magen, neue Stoffe in sich aufzunehmen und zu asstmiliren, während er sich gar nicht in dem, zum Verdauen erforderlichen, Zustande befindet, kann also keine gesunde Verdauung, vielmehr nur Störung der Harmonie der organischen Thätigkeiten erwarten; im letzteren Falle läßt man den paffenden Augenblick vorübergehen, in welchem die Verdauungsorgane zur Aufnahme neuer Nahrungsmittel geneigt und bereit sind, stört mithin ebenfalls das natürliche Gleichgewicht der Lebenskräfte und betrügt noch überdies den Organismus um den Erfolg de» Consumirten. Hunger und Appetit verschwinden für längere Zeit, wiewohl da» Bedürfniß der Nahrung jetzt gerade größer, als sonst ist. Bei dem gesunden Menschen erfolgen die natürlichen Verrichtungen stet» nach einer bestimmten Ord- nung und Z-itfolge. Hunger und Durst, wie da» Bedürfniß der Stuhl- und Urinausleerung stellen sich täglich fast um dieselbe Stunde ein; ja, die Neigung des Organismus, einer bestimmten Ordnung zu folgen, ist so fest in ihm begründet, daß er sich auch an da» Naturwidrige ohne Schwierigkeit gewöhnt, sobald e« nach einer Art von Regel erfolgt. So finden wir z. B. Individuen, die täglich nur ein Mal und obenein zu einer unpassenden Zeit zu effon pflegen, und diese empfinden nur zu der festgesetzten Stunde, wo sie gewöhnlich ihre Mahlzeit einnehmen, den ganzen übrigen Tag hindurch aber keinen Hunger. Da es aber nun von selbst einleuchtet, daß eine naturwidrige Lebensordnung der Gesundheit nicht zuträglich sein könne, so gebietet die rationelle Diätetik, mit einer strengen Regelmäßigkeit im Effon und Trinken auch eine kluge Berücksichtigung der wahren Bedürfniffe des Lebens zu verbinden. Der erwachsene Mensch nehme zum Ersätze des Consumirten täglich wenigstens zwei Mal, am besten drei Mal Nahrung zu sich; Kinder hingegen, bei welchen der Wechsel der Materie ungleich schneller von Statten geht, bedürfen noch häufigere Mahlzeiten. Der erste Akt der Verdauung im Magen und Darmkauale (die gröbere Assimilation der Nahrungsstoffe), steht ver Thätigkeit des Seelenorganes und selbst des Murkelsystemes als strenger Gegensatz gegenüber, wenn jener vor sich geht, muß diese ruhen, und umgekehrt. Beide zugleich können weder vollkommen, noch ohne bedeutenden Nachth-il für das organische Leben stattfinden. Daher auch die Trägheit und Neigung zur Ruhe gleich nach dem Essen, daher besonders die Unaufgelegtheit zu geisti- gen Beschäftigungen und ihr Mißlingen, wenn man sie erzwingen will. Da nun in den Morgenstunden des Tages, wo der Mensch gestärkt und erquickt vom Schlafe erwacht ist, der eigentliche Zeitpunkt für körperliche und vornehmlich geistige Anstrengungen fällt, so kann diese Periode keineswegs zum Einnehmen einer reichlichen Mahlzeit geeignet fein, indem dadurch jede Thätigkeit des Seelenorganes und Murkelsystemes gestört ober ganz aufgehoben werden würde. Wenn sich aber der erste Akt der Verdauung auf der einen Seite nicht mit körperlichen und geistigen Anstrengungen vereinen läßt, fo verträgt er sich 192 auf der anderen Seite eben so wenig mit dem stillen Geschäfte der feineren Reproductionsorgane, wodurch im naturgemäßen Schlafe der Verlust an feinerer Lebenskraft ersetzt wird. Menn die tägliche Erfahrung lehrt es, daß auf eine starke oder zu spät ein- genommene Abendmahlzeit unfehlbar eine unruhige Nacht — ein nicht erquickender, von beängstigenden Träumen unterbrochener, Schlaf folgt, aus welchem man nur halbfähig zu den Geschäften des Tages erwacht. Demnach stnd auch die Abendstunden für den Genuß einer reichlichen Mahlzeit ungeeignet. Aus Allem geht unwiderfprechlich soviel hervor, daß man, um naturgemäß zu verfahren, als den passendsten Moment zur vollständigen Befriedigung oes Hungers denjenigen Zeitpunkt wählen müsse, wo zwischen Anstrengung der physischen und psychischen Kräfte und eigentlichem Schlummer ihrer Thätigkeit ein Mittelverhältniß eintritt — nämlich die Mittagszeit. Wie diese die Höhe de- Tages bezeichnet, den Moment, wo die Sonne in ihrer scheinbaren Fortbewegung am Horizonte den höchsten Standpunkt erreicht hat, so sehen wir auch in der lebendigen Thätigkeit der organischen Welt eine, diesem Zeitabschnitte entsprechende Periode eintreten. Denn der Einfluß des Tagesgestirnes, welcher die Thier- und Pflanzenwelt zu regen Lebensäußerungen anreizt, wirkt um die Mittagszeit, wo er seins höchste Kraft entwickelt, wie jeder zu starke Netz, erschlaffend auf die organischen Gebilde ein, uno so sehen wir gleich- sam einen Ruhepunkt in der allgemeinen LebenSthäiig- kett entstehen, der sich in der Pflanzenwelt durch Welken der Blätter, in der Thierwelt durch körperliche und geistige Trägheit und Bewegungsscheu am- spricht. Darum ist es gerade der Mittag — bhfcr Moment allgemeiner Abspannung, wo auch der Mensch in seiner Geschäftigkeit gern eine Pause macht — welcher sich für das Einnehmm einer Mahlzeit bi» zur vollen Sättigung vorzüglich eignet. (Fortschung folgt) Wermischtes. gerichtet werden sollte, fertig zu sein, beschloß er, Abends zu arbeiten. Er zündete sich daher seine Laterne an und gmg nach der Vorhalle der Kirche, wo sein Atelier war, nahm sein Licht heraus und arbeitete fleißig; als er ziemlich fertig war, schlug es elf vom Thurme, kaum war der letzte Schlag verklungen, so hörte er dicht an seinem Ohr das Wort „bis“, er fuhr zusammen, schaute sich um, sah aber nichts, ruhig arbeitete er weiter, jedoch bald hörte er denselben Ton noch einmal, er schrack wieder zusammen, Furcht und Schrecken ergriff ihn, aber er mußte fertig werden und es schlug halb zwölf. Er ergriff noch einmal den Meißel, denn er hatte nur noch die Buchstaben zu verbessern und bog deshalb den Kopf dicht auf den Stein, aber lauter und unherm- licher ließ sich das ominöse Zischen vernehmen. Er warf daher den Meißel hin, ergriff feine Laterne, steckte das Licht hinein und eilte unter dem Glockenschlage zwölf seiner Wohnung zu. Er ging zu Bett, konnte aber nicht emschlafen und unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, daß dieser Ruf an heiliger Stätte, und zwar drei- | mal, eine Aufforderung sei, sich zu dem letzten I Gange zu bereiten. Er war bereit, vor den höheren I Richter zu treten, denn sein Wandel war -ein reiner, aber gleichwohl war die Erde doch zu schön, um sie l schon zu verlassen, und die Aufforderung war von s keiner Engelsstimme gekommen, es klang eher wie - das Zischen einer Schlange. Von solchen Gedanken \ bewegt, verging ihm die Nacht schlaflos und je mehr sich der Morgen näherte, desto ängstlicher ward er. Seine Frau, die noch keine Nacht gesehen hatte, t welche ihrem Mann schlaflos vergangen war, ward i sehr ängstlich und bereitete ganz betrübt ihr Frühstück, als sie auf einmal ausrief: „Du lieber Gott!" Auf's neue erschreckt sprang der Todtengräber aus dem Bette und beide betrachteten die Perücke desselben, von welcher alle Haare abgesengt waren. Jetzt war unser Held wieder ein fröhlicher und glücklicher Mann, denn das Zischen war erklärt. Er war in feinem Arbeitseifer dem Lichte zu nahe gekommen und hatte seine Perücke verbrannt. Eine Gespenstergeschichte. Zu Wakefield in Yorkshire lebte ein alter Mann, der einen munteren Geist, ein gutes Herz und eine dauerhafte Gesundheit hatte. Er war Sacristan und der würdige Pfarrer sein Vorbild, zugleich war er aber auch Bildhauer und Todtengräber, d. h. er begrub seine Tobten, schmückte deren Gräber und schneb die Grabschriften auf Platten und Kreuze. Aus oben angegebenen Gründen war er weder furchtsam noch abergläubisch und auf dem Kirchhofe zu jeder Stunde M Hause. . Spät im Herbst hatte er auch eine Grabplatte zu fertigen, war aber oft von seiner Arbeit abge- rufen worden; um nun zu dem Tage, wo sie auf- Als scharfsinnige Beobachter der Natur haben die Chinesen die Entdeckung gemacht, daß man sich des Katzenauges sehr wohl zur Be- stimmung der Zeit bedienen könne. Der Augapfel der Katze zieht sich nämlich gegen Mittag mehr und mehr zusammen und verengt sich, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, so sehr, daß es nur noch wie ein dünner Strich aussieht, der senkrecht über das Auge läuft; nach Mittag erweitert es sich allmählich wieder. In chinesischen Dörfern kann man oft die Wahrnehmung machen, daß die Bauern die Augen der Katzen betrachten und danach die Zeit bestimmen. — Sollte das wirklich wahr sein? _____ Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.