Hichmer Jamilienblätler. Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger. M. 9. Samstkg dm 21. Januar. ............................................................n u> ■■laKacmggresaaawssaMHaatMyraMaeaiaamaaiMiMauaHMwMHMgMawre. Aie Verkorene Wiöek. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung). Frau Rohdenberg's Großvater, der Kaufmann Bardeleben, war früh gestorben. Er hatte schwere Verluste gehabt und konnte seiner Frau nur ein kleines Vermögen hinterlassen, von dem sie noth- dürftig zu, leben vermochte. Als ihre einzige Tochter herangewachsen war, verhsirathets diese sich mit dem Organisten an der Petrikirchs in Hamburg. Aber kaum hatte Frau Rohdeaberg das Licht der Welt erblickt, so raffte eint bösartige B atternepidemie beide Eltern in kurzer Zeit dahin, und die Witwe Bardeleben nahm nun die kleine Enkelin zu sich, um dieselbe zu erziehen. Das musikalische Talent b-6 Musikdirektors Grunert hatte sich auf seins Nachkommen vererbt. Tochter und Enkelin spielten aus- gezeichnet das Klavier, und Frau Nohdenberg war noch nicht sechszehn Jahre alt, als sie schon in einem öffentlichen Concert mitwirkte, wo sie als Klavierspielerin allgemeine Bewunderung erregte. In einem späteren Concert sah sie bei seiner zufälligen Anwesenheit in Hamburg ein junger Buchhändler aus dieser Stadt und verliebte sich in sie. Er suchte ihre nähere Bekanntschaft zu machen und verlobte sich mit ihr. Es war Heinrich Rohdenberg, ein junger und sehr hübscher Mann. Ein halbes Jahr später war die Hochzeit. Auf dringendes Bitten folgte Fran Bardel-ben dem jungen Ehepaar in Rohdenberg's Heimath. Letzterer hatte nur ein kleines Geschäft, aber es nahm einen so lebhaften Aufschwung, daß von der Zukunst Erfreuliches zu erwarten war. Aber der Tod hotte es auf diese Familie abgesehen. Der kleine Konrad war noch nicht fünf Jahre alt, da starb Rohdenberg. Vermögen hinterließ er nicht, und so waren Frau Rohdenderg und ihr Sohn wieder auf die'Revenüen angewiesen, die das kleine Kapital der Großmutter einbrachte. Letztere und ihrs Enkelin wären im Grunde gern nach Hamburg zurückgskchrt, aber mit Rücksicht darauf, daß der kleine Konrad schon jetzt ein so ausgesprochenes musikalisches Talent verrieth, beschlossen Mutter und Großmutter in dieser Stadt zu verbleiben, weil er nirgend anderswo eine solche Anregung finden würde und hier später das Confer- vatortum besuchen könne. Frau Bardeleben erreichte ein ungewöhnlich hohes Alter, sie starb erst, nachdem Konrad sich verheirsthst, und Siegfried fast zwei Jahrs alt geworden. Hätte sie geahnt, daß ihrs hinterlassenen Schriften ihrem Enkel Konrad und in welkerer Folge dessen Gattin das Lebsn kosten würden, sie wären von ihr vernichtet worden. Siegfried, der einen Freund besuchen wollte und diesen nicht zu Hause angetroffen, war in sein Zimmer zurückgekehrt, ohne daß es von Freu Rohden- berg und dem Professor im Eifer des Gesprächs gehört worden wäre. Er erkannte sofort an dem mächtigen Baßorgan, in welcher Gesellschaft seine Großmutter im Zimmer daneben sich befand und konnte auch, so wie er nur darauf achtete, fast jedes Wort, das gesprochen wurde, verstehen. In seinem Zimmer lag ein alter Teppich, der seine Schritte unhörbar machte, und während er auf demselben bin und hrrging, um seinen Stock in dir Ecke zu stellen, seinen Hut an einen Nagel zu hängen, gab er sich keine Mühe, etwas von dem nebenan geführten Gespräch zu erhorchen; als er sich aber der Thür näherte, um durch dieselbe hindurch zu treten und den Professor zu begrüßen, und nun die Worts vernahm: „Das Unglück,'sie Gehsimniß hat meinem Sohns den Verstand gekostet und seinem Lebsn im Jrrenhauss ein Ende gemacht", blieb er unwillkürlich stehen. Dis Großmutter hatte ihm nicht ver- schwi-gsn, daß sein Vater in einer Irrenanstalt gestorben, und zwar aus dsm Grunde, weil der Enkel eins solche Thatsachs leicht von anderer Seite hätte erfahren können, aber als Ursache hrtts st; eins Ueberanstrengung des Geistes angegeben. Jetzt hörte er plötzlich, daß irgend ein Gcheimniß die Krankheit hsrvorgerufen, und zwar sm Geheimniß, welcher auch ihm, nach Frau Rohdenberg's Meinung, gefährlich werden könne, fesselte ihn an dis Stelle. Und so ward er Zeuge des ganzen Gesprächs. Zwar erstaunte er nicht wenig, als er hörte, daß er ein Abkömmling der Gräfin Fichtenberg fei, und daß ein Swatz von dsm Werths einer Million im Park der Schlangenburg noch jetzt versteckt läge, aber unbegreiflich erschien es ihm, daß Jemand eine solche Thatsachs so u Herzen nehmen und darüber den Verstand verlieren konnte. Er hatte noch nie den l Wunsch gehabt, reich zu werden: wohl trug auch er I' in seinem Herzen ausgeprägte Wünsche, aber alle bezogen sich nur darauf, dereinst einmal ein anerkannter und berühmter Künstler zu werden. Daneben kam } ihm wohl einmal der Gedanke, daß ein wirklich br- | rühmter Künstler heut zu Tage auch in der Regel l Anmal ein reicher Mann wurde, aber zur Zeit hätte k er noch gar nicht gewußt, was es mit dem Reichthum 34 anfangen sollte, die Ansprüche, die er an das Leben machte, waren jetzt noch sehr bescheiden, und könnten durch die guten Einnahmen seiner Großmutter alle befriedigt werden. Nur noch kurze Zeit und Siegfried hatte das Conservatorium absolvirt, seine Ausbildung konnte als vollendet betrachtet werden, dann wollte er vorläufig ebenfalls unterrichten. Eine vermehrte Einnahme war dann zu erwarten, wodurch Beide befähigt wurden, sich das Leben etwas behaglicher einzurichten, mehr verlangte er vorläufig vom Schicksal nicht. Er fühlte, daß er ein Unrecht begangen, hier zu horchen und hoffte, es dadurch in etwas wieder gut zu machen, daß er frei bekannte, was er gethan. Frau Rohdenberg und den Professor durchfuhr ein Schrecken, als sich so plötzlich die Thür öffnete und Siegfried darin erschien. Unwillkürlich griff die Erstere nach dem Taschentuch, um es über die Popiere zu breiten, aber Entsetzcn erfaßte sie, als sie in der nächsten Secunde schon vernahm, daß ihr Enkel gehorcht und Alles gehört hatte. „Du brauchst nicht zu erschrecken, Großmutter", sagte Siegfried, jetzt die Schwelle überschreitend, „daß ich Dein Geheimniß erlauscht, und so sehr es mich auch betrübt hat, daß es einen solchen Einfluß auf meinen armen Vater ausüöen konnte, so kannst Du Dich vollständig beruhigen; der Wunsch, Reich- thümer zu besitzen, hat noch nie meine Seele bewegt und wird auch nicht geweckt werden durch das, was ich soeben erfahren habe. Ich wüßte wahrhaftig nicht, was ich damit beginnen sollte! Habe ich denn schon je etwas entbehrt? Meine Kunst durchdringt mich vollständig, geht mir so sehr über aller Andere, daß ich wirklich keine Lust habe, ihr meine Zeit und meine Gedanken zu entziehen, um einem Phantom nachzujagen, das vielleicht gar nicht mehr existirt, und wenn dennoch, wozu der Schlüffe! doch unauffindbar sein wird. Ja, wenn mein Talent mir vielleicht später mehr in den Schooß wirft, als ich gebrauche, so werde ich mich über den Erwerb eines selbstverdienten Vermögens gewiß herzlich freuen, aber den Schatz der Gräfin Fichtenberg — ich möchte ihn gar nicht haben, und ich weiß nicht, ob ich ihn aufßeben würde, wenn ich ihn fände, denn ich theile dis Ansicht Deines Urgroßvaters, des Musik- direktors Grunert, eine Million, an der die Thränrn eines ganzen Landes hängen, kann keinen Segen bringen." „Gott sei Dank!" kam es erleichtert über Frau Rohdenberg's Lippen. „Es freut mich Deiner Frau Großmutter wegen, lieber Siegfried", sagte der Professor, „daß durch Deine Worte alle Sorge hinweggenommen. Ich will hoffen, daß sich Deine Ansichten darüber nie ändern werden, und daß sich in Deinem Leben nie etwas ereignen möge, was später noch den Wunsch in Dir rege machen könnte, den Schatz aufzufinden." „Ich vermag mir gar keine Möglichkeit vorzu- ' stellen, wo das einkreien könnte." z Du denn unser ganzes Gespräch gehört, Siegfried?" fragte die Großmutter. „Wenigstens den Thetl, der fich auf Dein Ge- heimniß bezog." „Wie hast Du nur Dein Zimmer betreten können, ohne daß ich Deinen Schritt vernommen?" „Du hast natürlich mein Kommen im Eifer Eures lebhaften Gesprächs überhört, ich war nicht leiser wie sonst." „Du wolltest ja erst um sieben Uhr zurückkehren." „Ich traf Langenbach nicht zu Hause, er war kurz zuvor zu einer Kranken geholt." „Du bist wohl sehr befreundet mit dem jungen Mediciner?" bemerkte Marquardt. „Ja, sehr", erwiderte Siegkried, „ich verkehre gern mit ihm. Wir ergänzen uns gegenseitig. Seine medicinische Wissenschaft geht ihm natürlich über Alles, aber nächst dieser hat er für nichts so sehr Interesse, als für die Musik; und das ist umgekehrt bei mir der Fall. Ich liebe in erster Reihe seine Kunst, aber wäre ich nicht Musiker, möchte ich Mediciner sein. Der menschliche Kärper mit seinen so wunderbar functionirenden Organen war für mich bis dahin ein unerklärliches, räihselhaftes Ge- heimniß, ein Buch mit sieben Siegeln, jetzt, nachdem Langenbach mich ein wenig in der Anatomie und Physiologie unterrichtet hat, dämmert mir wenigstens eine Ahnung von dem auf, was man Stoffwechsel, was man Leben nennt. Ich dagegen bin sein Lehrer im Generalbaß. Langenbach ist eine durch und durch musikalisch angelegte Natur, er spielt leidlich Klavier, das Cello aber sehr gewandt und hat ein ausgesprochenes Komposttionstalent. Jedoch die theoretische Musik war ihm eine terra incognita. Rur unsere Geschmacksrichtung ist eins sehr verschiedene. Während ich mich nur an wirklich klassischer Musik begeistern kann, schwärmt er hauptsächlich für dir leichten, lustigen Melodien von Offenbach, Suppe, Millöcker u. f. w. Und ich weiß nicht, ob ich verraihen darf, was außer ihm, wie ich glaube, nur mir allein noch bekannt ist, — er ist nämlich augenblicklich damit beschäftigt, eine Operrette zu componiren, deren urkomisches Libretto er sich selbst gedichtet yat. Ich bin überzeugt, daß sie gefallen wird; sie ist beinahe vollendet. Ich helfe ihm dabei, die von ihm nur für Klavier gemachte Begleitung für Orchester zu setzen, und Sie glauben nicht, Herr Professor, welche Ideen er dabei hat und welche komischen Aufgaben er den einzelnen Instrumenten zumeist, wie es eben nur das wahre Talent erfinden kann." „Mir scheint", sagte der Profeffor, „daß dieser Sinn, dies Talent für das Komische in dem so hübschen wie humoristischen Gesicht des jungen Mannes ausgeprägt ist. Es liegt darauf wie fröhlicher Sonnenschein, und wenn er lacht, lacht nicht allein sttn Mund, sondern Alles an ihm, seine Augen, seine Stirn, jrde Muskel seines Antlitzes." (Fortsetzung folgt.) sä Me Hasse des Urinzregenten. Eine wahre, humoristische Episode, erzählt von Robert von Hagen. (Schluß.) Dank der Bereitwilligkeit mehrerer biederer Gleiwitzer Einwohner, sowie eines liebenswürdigen Porzellanwaarenhändlers, welch' letzterer speciell für die höheren Herrschaften bestimmte prachtvolle, schwer- vergoldete Tasten herlieh, wurde indeß bis zehn Uhr Abends so ziemlich alles Nöthige zusammengetrommelt. Die ganze Nacht über wurde nun rüstig in Küche und Keller hantirt, im Wartesaal erster, zweiter und auch dritter Klaffe die Tafeln geo.dnet und gedeckt, und gleich einem Feldherrn vor der Schlacht musterte, änderte und verbefferte dec Wirth dieser und jenes. So war es Morgen geworden und plötzlich kam die Meldung, daß der königliche Zug von der letzten Station abgegangen fei und in zehn Minuten in Gleiwitz einträfe. Schnell eilt der Wirth nach der Küche — besteht die großen Kaffeebretter mit den vergoldeten Taffen, prüfte den Kaffee und ermahnt feine Leute, alles fix und gut zu machen. „Kinder", ruft er, „die hohe Ehre, unfern allergnädigsten Herrscher bewirthen zu können, kommt uns im Leben wohl schwerlich ein zweites Mal vor, also, Jeder auf seinen Posten I" Endlich brauste der Zug heran, von ebenso brausenden Hochs empfangen. Der Prinz-Regent nach allen Seiten hin grüßend, verließ den Salon- wagen, und geleitet vom Commandrur Prinz Hohen- lohe, einem Adjutanten und dem in funkelnagelneuer Paradeuniform fungtrenden Bahnhofsinspektor, betrat er den Wartesaal erster Klaffe, woselbst er von unserm braven Herrn Korbjuhn in eines Taglioni würdigen Posttion empfangen wurde. Sodann erst entstiegen die anderen Herrschaften den Waggons, und nun gab's ein gar buntes Bild. Hier eilte der Kammerdiener des damaligen Prinz-Regenten — Engel — (auch heute noch der gute Engel unseres Kaiser«) seinem hohen Herrn warme« Wasser aus der Küche holend, da umdrängten eine Anzahl Leib- läger den in Schweiß gebadeten Wirth mit der Frage, wo die Waschgeräthschaftm für ihre Herr- schäften seien, und brummten etwas von Krähwinkel, als ihnen die Plätzchen, die irgend nur frei waren, auf dem Flur, den Treppen rc. angewiesen wurden. Die respectiven Toiletten waren höchst primitiver Natur; — irgend ein (manchmal auch defekter) Rohrstuhl, eine Waschschüffel daraus, ein Stückchen Seife, ein Handtuch dabei — das war Alles. Die Herren Prinzen und Würdenträger Preußens, sie mußten eben sehen, wie sie fertig wurden. Spiegel — das waren Luxusartikel — die gingen von Hand zu Hand. Ein älterer Herr des Gefolges, welcher wohl bemerken mochte, daß keine genügende Anzahl bedienender Geister vorhanden sei, commandirte sechs Leibjäger zur Auchülfe nach der Küche. Mittler- weile waren die Herrschaften mit ihrer Toilette fertig, und als auch der Prinz-Regent erschien, wurde das Zeichen zum Setzen an der Tafel gegeben. Der Wirth eilt zur Treppe, welche zur Kaffeeküche führt und kommandirt: „Kaffee anrichten zuerst — dann den Theel" Da schalt ihm von unten herauf etwas entgegen, was ihn fast umstnken macht: „Aber bitt' ich schön", so antwortete das polnische Dienstmädchen, „die Herren Prinzen trinken Kaffee ihrige« gleich hier in Küchel (Küche)." Flugs eilt der halb verzweifelte Korbjuhn hinab und — siehe da! — rechts und links, in allen Ecken und in den Nebenräumen der Küche — überall sieht er betreßte Leibjäger mit ihren Fsderhüten — dis trinken aus güldenen Taffen den duftenden, für die hohen Herrschaften bestimmten Mokka. Den armm Mann droht der Schlag zu treffen nm so mehr, als man oben bereits ungeduldig des Kaffee'« harrt. Der alte Herr von vorhin kommt persönlich nach der Küche geeilt, sich zu erkundigen — die Geschichte von den Prinzen, die in der Küche ihren Kaffee verzehren, geht von Mund zu Mund, ein Theil murrt, der größere lacht und viele von den hohen Herren, unter ihnen der hochfelige Prinz Carl, b « geben sich nach der Küche, um sich diese Kapitalköchin näher zu betrachten. „Na — ich kann wohl meinen Kaffee auch hier einnehmend" sagte Prinz Carl gutgelaunt zu der derben Polackm. „Nein", erwidert diese, vor Aerger über ihren Mißgriff und über die Schelte, welche sie seitens ihres Herrn bekommen hatte, weinend „nein, sb:$ hier kriegt Niemand mehr Kaffee — fall ich nicht mehr drauf rein — und wenn Sie haben noch einmal so viel goldene Bürte auf Rock, Leibjäger kriegte nix mehr!" Lachend gingen die hohen Herren wieder nach oben. Nun kam aber im höchsten Grade ärgerlich der Kammerdiener Sr. königlichen Hoheit — Engel — in die Küche herabgeetlt und mir den Worten: „So etwas kann aber auch nur in so einer — polnischen Gegend vorkommen", bemächtigte er sich der Kaffeemühle, mahlte eine entsprechende Portion, brühte den Kaffee, nahm eine schlichte, einfache, weiße Taffe, schüttete ste voll und avistrend: „Platz da, Kaffee für Seine Königliche Hoheit" brach er sich in dem Gewirre Bahn. Auch die Hrrren des Gefolges bekamen dann bald ihren Kaffer und dank der Tüchtigkeit der Köchin aus der „golsenen Gans", welche für pünktliche Fertigstellung der diversen Braten und Ausschnitte Sorge getragen hatte, und welcher die Herrn Leibjäger weniger imponirt hatten als ihrer polnischen Collegin, nahm das Dejeuner nunmehr seinen ungestörten Verlauf, und unser Freund Korbjuhn athmete endlich wieder erleichtert und frei auf. Ja, al« dann nach aufgehobenem Frühstück sich die hohen Herrschaften reisefertig machten, und Se. Excellenz der Herr Hrusminister sogar zu ihm herantrat und ihm bedeutete, daß Se. Königliche Hoheit mit dem Gebotenen und Genossenen 36 höchst zufrieden gewesen, da schien er in allen Himmeln zu schweben. Auch dem Herrn Inspektor mit der funkelnden Uniform wurden einige schmeichel- haste Wo te des Dankes ob der prächtigen Dekoration des Bahnhofes zu Thsil — „sie nahm sich ganz allerliebst aus" bemerkte Ss. Excellenz, überraschend schön." „O", dachte der Herr Inspektor für sich, „wie ganz allerliebst würdr sie sich auch bei mir aus- nehmen, überraschend schön", und dabei fuhr er auch diesmal auf die linke, ach, so glatte Brustseire. Der Prinz-Regent verabschiedete sich nun herzlichst vom Prinzen Hohenlohe und huldvollst vom Officiers- corps und dem anwesenden Bürgermeister, dankte mit dem Kopfe freundlich nickend dem Hurrah rufenden Publikum — und gleich darauf verließ der Zug nach etwa zweistündigem Aufenthalt den Bahnhof Gleiwitz. „Korbjuhn, MenscheMkind!" so stürzte der Bürger- meister in den Saal erster Klasse, „bester Korbjuhn, nicht wahr, Sie überlassen mir die Tasse hier, aus Welcher Se, Königliche Hoheit Kaffee getrunken ^hat?" „Diese Losse?" erwiderte Korbjuhn, „ich weiß, daß ich der hohen Obrigkeit Gehorsam schulde, aver 64 dieser Tasse hört er auf. Nein, Herr Bürger« meister, Liese Tasse bekommen Sie nicht — sie soll das werthvollste KabiMstück des Hauses Korbjuhn bilden." „Mitsammt dem vielen Satz, welcher sich noch in der Tasse blfindet?" fragte das Stsdtoberhaupt, etwas spöttisch in die Taffe hinemblickend. „König- ! He Hoheit müssen sich über diesen Kaffee sehr ge- freut haben." „Mein Gott", rief Korbjuhn, „in der That — es ist entsetzlich — diese Menge Kaffeesatz — Herr Engel vergaß zu trichtern I Doch geschehen ist ge- schchsn. Um eins aber bitte ich Sie, Herr Bürgermeister, und das ist, daß Sie mir amtlich bsstätigsn, daß dies die Tasse ist,- aus welcher Se. Königliche Hoheit, der Prinz-Reger i von Preußen am 28. Oktober 1860 Kaffee getrunken hat." „Das will ich gerne thun", sagte der Bürgermeister und erfüllte dm Wunsch Korbjuhn's. * Vorstehende kleine Geschichte erfuhr ich — der Erzähler derselben — gelegentlich einer kürzlichen Anwesenheit in C., woselbst der Held der Historie, Herr Ko.bjutzn, als wohlbestallter Rentier ansässig ist, aus dessen eigenem Munde und konnte mir's nicht versagen, die historische Tasse sammt dem 25 Jahre sich in derselben befindlichen, eingetrockruten Kaffeesatz einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Im Innern dieser unter Sturzglas ausbewahrten Tasse liest man in Goldbuchstabm: „Am 28. Oktober 1860 trank Se. Kgl. Hoheit der Prinz Regent bei einem seiner treuesten Unter» thanen aus dieser Taffe, auf dem Bahnhof zu Glei- witz bei F. W. Korbjuhn." „Ems große Hauptsache hast Du aber beim Erzählen der Geschichts doch vegkssen", so sagt? leiff, und fast verschämt Frau Korbjuhn zu ihrem Garten, als derselbe geendet hatte. „Eine Hauptsache vergessen?" „Run ja, wenigstens für mich eine Hauptsache. Du hast nämlich vergessen, zu erzählen, .daß, wenn diese Tasse nicht cxistirte, ich auch niemals Dein Frauchen geworden wäre." „Eh dann heraus damit, Herr Korbjuhn", rief ich — die Sache wird ja immer interessanter." Und so erzählte denn Herr Korbjuhn das Weitere: „Zwei Jahre nach dem königlichen Dejeuner mit Hindernissen starb mir meine F.au und 16 Monats später stand ich — ist einem Restaurateur doch eine Hausfrau unbedingt nöthig — wieder auf dem Punkte, mich zu verloben. Meins Zukünftige war ein hübsches, gebildetes und auch ziemlich vermögendes Mädchen aus guter Bürgersfamilie — aber — eigensinnig. — Alles sollte einzig nach ihrem Willen gehen. Sie setzte den Tag der Verlobung fest; ich hatte dagegen nichts einzuwenden, ich ließ ihr in allen Dingen freien Willen! Da überkam sie aber plötzlich ein Tag vor der Verlobung eine eigensinnige Caprice. „Hörst Du" sagte sie, — „morgen bei unserer Verlobung, da trirte ich zur Feier des Tages aus der Tasse, aus welcher der König seinerzeit als Prinz-Regent getrunken hat." „Mein Kind, was Du da verlangst", erwiderte ich, „ist ganz und gar unmöglich." — „Und warum dar? Etwa weil der Kaffeesatz noch drinnen ist? Pah — ich wasche die Taffe rein aus.' < „Was? Wie?" rief ich — „die Tasse darf Niemand amühren; mein König trank daraus, verzeihe, aber den Willen kann ich Dir nicht gewähren." „Dann liebst Du mich also nicht? — —" „War hat die Tasse mit unserer Liebe — sie hat höchstens etwas mit jener zu meinem König zu thun." „Alsa Du erlaubst mir nicht, aus der Taffe zu trinken?" „Nein, mein Kind, laß' doch diese kleine Caprice." Sie antwortete kein weiteres Wort und ging ab. Noch am selben Tage erhielt ich einen Brief, in welchem sie mir sagte, daß wir uns nimmer verstehen würden — sie stehe daher davon ab, sich mit mir am kommenden Tag und überhaupt zu verloben. Adieu! das war das Ganze. ■ Mein Gram um das kleine, eigensinnige Ding war bald verschwunden; — ich lernte schnell ein noch hübschere und weniger eigensinniges Mädchen kennen, lieben, und heirathete sie. Und weder ich — noch sie hat es je bereut, baß es so gekommen ist. Nicht wahr, mein Lieschen?" Sie reichte ihm stillschweigend die Hand als Bekräftigung des von ihm Ausgesprochenen. „Ja, ja, das hat alles die Taffe mit ihrem Kaffeesatz gerhan", so schloß Herr Korbjuhn und gab mir die Erlaubniß, die Geschichte so wahrheitsgetreu zu erzählen, wie ich sie zu erzählen mich befleißigt habe. Redaction: A. Sch e yda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.