Hichener JamilienbMter. Belletristisches Beiblatt?um Gießener Anzeiger. — — - ' Uli iMraiMign'i x^ir-rH»MHH»uitaumii«iniraMmMll>ir - - «■■«»—, mnMan mnMiB'ia!iiiUtM. Nr. 150. Donnerstag, dm 20. Dezember. 1888. Aunket! { Erzählung von Friedrich Friedrich. ------------- j (Fortsetzung.) -Noch eire Frage", fuhr der Commissär fort, i „Ich glaube, Prell ist Ihnen nicht wohlgesinnt - J vermögen Sie sich zu erklären, weshalb nicht?" Der Gefangene sann nach. „Nein", erwiderte er. „Er kann nichts gegen l mich haken, deshalb glaube ich auch, daß Sie irren." I Körber schwieg. Er sann nach. Er war mit i der Erwartung hierher gekommen, mehr von dem Förster zu erfahren; ßtzt entzog ihm derselbe sogar die schwache Spur, welche er gefunden zu haken glaubte. Sollte er sich doch noch in dem Doktor l irren? Aber weshalb wich das ahnende Gefühl, daß § Prell um das Verbrechen wisse, nicht von ihm? । Wie war er dazu gekommen, den Richter sogleich bei der Untersuchung de« Tobten auf das Gewicht ’ der Kugel aufmerksam zu machen? Weshalb hatte | er zuerst Pintus' Verdacht auf den Förster gelenkt, | denn daß er es gsthan hatte, daran zweifelte er | nicht mehr. „Wenn er mit Ihnen zur Jagd ging', fuhr | Körber fort, „brachte er sich fein Gewehr selbst mit?" I „Hat er nie eine von den Jhrigm genommen?" | „Doch — zwei, oder dreimal, als er zufällig | kam, und ich ihn bot, mit mir auf den Anstand zu s gehen." ,,Mit welchem Gewehr hat er denn geschossen?" | „Ich gab ihm meine kleine Spitzkugelbüchse, sie war leicht und schoß gut." „Dieselbe, wrlche der Criminalrichter mit sich ge> 8 nommcn hat?" — „Dieselbe. Doch weshalb fragen Sie darnach. Was haben Sie vor?" „Nchts — nichts", erwiderte Körber. „Sie find also gefällig gegen ihn gewesen, haben ihm Ihre liebste Büchse gegeben — Haden ihn nie betätigt?" „Nie", versicherte der Förster. „Versprechen Sie mir, daß Sie gegen Niemand über das, wonach ich Sie gefragt habe, sprechen wer. den — Hellmann, er hängt für Sie viel davon ab, vielleicht Alles." „Ich werde schweigen", versprach Hellmann. Er blickte den Commissär fragend an. Er be« griff ja das ganze Verhör nicht. „Ich denke, Sie haben nun Zutrauen zu mir gefaßt", fuhr Körber fort. „Ich kenne Ihre Aussagen, die Sie dem Untersuchungsrichter gemacht haben — haben Sie noch etwas hinzuzufügen?" Hellmann sann nach. „Haben Sie den Doktor an dem Tage, an welchem Berger erschossen ist, gesehen?" „Nein." „Ist er nach jenem Tage zu Ihren gekommen, in Ihr Haus?" Hellmann besann sich. „O — ich bin in dieser Zeit nach so Vielem gefragt", erwiderte er, „daß mein Kopf oft ganz verwirrt ist." „Besinnen Sie sich nur", warf Körber beruhigend ein. — „Nein, er ist nicht bei mir gewesen", sprach der Förster, „jetzt weiß ich es genau. Ich war ja unwohl — ich mochte nicht zu ihm schicken, und doch wäre es mir recht gewesen, wenn er gekommen wäre, allein er kam nicht." Körber stand auf, — er hatte nichts mehr zu fragen. Der Förster hielt ihn zurück. „Körber", sprach er und seine Stimme zitterte, „was macht meine Muiter und Anna?" „Ich kann Sie nicht täuschen", erwiderte der Commissär. „Ihr Geschick ist ihnen tief — tief zu Herzen gegangen. Sie werden diese kummervollen Tage so leicht nicht überwinden." Gebeugt saß der Förster da, die Augen vor sich hin starr auf den Boden gerichtet. „Ich habe es mir gedacht", sprach er mit tonloser Stimme. „Ich habe mir oft ausgemalt, wie sie meinetwegen leiden und doch — doch kann ich mir keine Schuld beimeffen. Glaubt denn auch mein? Mutier — gloubt denn auch Anna, daß ich schuldig bin?" „Nein!" versicherte Körber, „sie wissen, daß Sie unschuldig sind." „Und doch ist keiner von ihnen zu mir gekom- nun", fuhr Hellmann fort. „Ich habe mich hier in dieser entsetzlichen Einsamkeit so oft nach ihnen gesehnt. Nur einmal wünschte ich mich aursprechen zu können, nur ein Herz hier zu haben, das mir glaubte, wenn ich ihm sagte, ich habe mit Bergers Tod nichts zu fchaff-n gehabt! Es ist keimr gekommen — feit Monaten sitze ich hier allein!" Er bedeckte die Augen mit der Hand. „Der Criminalrichter wollte sie nicht zu Ihnen lassen", sprach Körber. „Jeden Tag würden sie ja gekommen sein, wenn es Ihnen gestattet wäre, denn Sie sind es, der stets ihre Gedanken beschäftigt." 602 Mit Mitleid blickte Körber auf den einst so lebenslustigen Mann herab. "Ja, Körber", fuhr der Förster fort. „Diese Zeit hier hat gewaltig an meinem Leben gerüttelt. Ich begriff früher nicht, wie man de« Lebens über« drüsstg werden und den Tod herbeisehnen könne — jetzt begreife ich es! Wie oft bin ich Nachts in wilder Verzweiflung aufgesprungen, habe an den Eisenstäben des Fensters gerüttelt und bin mit dem Kopf gegen die Wand gerannt, um al' den Q aalen mit einem Male ein Ende zu machen! Körber, Sir haben keine Ahnung von den Qualen, zu wissen, daß man unschuldig ist und hier zu sitzen wie ein Verbrecher — des Mordes angeklaget l" Kraftlos sank der Förster zusammen. Körber ’ legte die Hand auf seine Schulter. „Hellmann, halten Sie aus — nur noch kurze l Zeit — ich habe Ihrer Schwester geschworen, Ihnen \ die Freiheit zu erringen und ich werde Wort halten. ; Schon habe ich die erste Spur de» Mörders I entdeckt....!' "Wer ist es?" rief Hellmann aufspringend. - „Durch wessen Schuld sitze ich seit Monaten hier?" „Ich weiß es noch nicht — aber ich befreie f Sie. Nicht auf den Criminalrichter werfen Sie Ihren I Haß — er ist im Jrrthum, allein er kann kaum - anders — er ist nie feindlich gegen Sie gesinnt ! gewesen!" Der Förster schwieg. In Gedanken versunken \ stand er da. — ? „Körber", sprach er endlich. „Sind Sie seit ! jenem Tage mit Paula zusammengekommen?" „Nein." „Glaubt auch sie, daß ich Bergers Mörder bin?" Z „Ich weiß es nicht." „O — gewiß wird sie es glauben! Sie wird j mich hassen, als den Mörder Ihres Geliebten! Auch ‘ das — auch das noch!" f „Hellmann — Sie lieben Paula noch!" fragte ! der Commissär. „3a, ich liebe sie noch!" rief der Förster, sich i emporrichtend. Dies eine Wort schien ihm seine volle Kraft zurückzugeben. „Ich liebe sie noch 'm - werde sie immer lieben, auch wenn sie mich haßt. I Oft wenn ich hier in dumpfer, brütender Verzweiflung ! sitze, wenn ich dir Hände ringe vor Schmerz, dann \ ist es mir, als ob ich ihr 58.1b dort an der Mauer - langsam emporsteigea sehe — sie steht dort — ich ; sehe ihre dunkeln Augen, ihr Lächeln, es ist, als ob sie mir die Hand entgegen fictden wollte, und wenn ! ich dann, Alles vergessend, aufspringe und zu ihr | eile, dann ist nur die kalte graue Wand vor mir \ und starrt mir höhnend entgegen! — Körber — - Sie sind mein Freund gewesen — o — ich glaube, \ daß Sie es noch sind — sind der Verlobte meiner 1 Schwester — dm einen Wunsch erfüllen Sie mir, l die eine Bitte, wenn Sie Paula treffen — nein, gehen Sie zu ihr und sagen Sie ihr, daß Sie hier - gewesen seien, daß ich unschuldig fei und Berger j nicht erschossen habe. Sie solle mich nicht hassen — ? denn nicht ich — nicht ich hatte ihrem Herzen dm Schmerz zugsfügt; — Körber — wollen Sie ihr das sagen? Versprechen Sie es mir!" „Ich will es ihr sagen", erwiderte Körber, ihm die Hand entgsgenstreckend, „und, Freund, wenn mich nicht Alles im Stich läßt, dann, dann sollen Sie selbst ihr bald sagen können, daß Sie unschuldig sind!" Noch einmal schüttelte er dem Freunde warm die Hand, dann verließ er das Gsfängniß. Dies war also der kräftige, lebensfrische Mann, der noch vor wenigen Monaten so lustig und ent« schloffen in das Leben hineingeblickt hatte. Dahin hatte ihn der Bubenstreich eines Anderen oder eine unheilvolle Verkettung von Zufälligkeiten gebracht. Und wenn er wieder frei wurde, wenn feine U-r- schuld von dem Gerichte mit den lautesten Worten ausgerufen wurde — wer konnte die Zeit aus seiner Erinnerung verwischen, die er im Gefängniß zuge« bracht hatte, wer war im Stande, ihm die Schmerzen zu vergelten, die er unschuldig erduldet und die sein Leben vielleicht um Jahre verkürzt hatte? In dem Hause des Doktor Prell ging es still zu. Marie war noch immer in der R-stdenz. Ver« gebens hatte sie im Anfänge in mehreren Briefen ihren Vater gebeten, ihr die Rückkehr zu gestalten, sie fühle sich fremd in der großen Stadt. Prell hatte ihr die Bitten abgeschlagen und ihr in strengem Tone geschrieben, sie werde so lange bleiben, bis er sie selbst wieder zurückhole, als ihm seine Schwester geschrieben habe, daß Alles an ihrer Erziehung und Ausbildung, was es verlangt habe, nachgeholt sei. Jetzt schrieb sie nur noch selten. Sie hatte sich an das geräuschvollere Lebe t in der Residenz ge- wöhnt, ja, es sogar lieb gewonnen. Auch mit P iula stand sie nur in seltener brieflicher Verbindung. Ihr Vater wünschte diesen Briefwechsel nicht und ihre Tante trat demselben, so viel ihr möglich war, hindernd entgegen. Paula lebte in dem großen Hause still und ein- gezogen. Der so grausame Tod Bergers, nachdem sie kaum wenige Stunden mit ihm verlobt gewesen war, hatte einen tiefen, erschütternden Eindruck in ihr hinterlassen. Das Glück ihres Lebens schien ihr vernichtet. Und der hatte ihren Geliebten ermordet, dem ihr Herz gleichfalls zugeneigt gewesen war, der Förster, dessen Worten sie so gern gelauscht! Anfänglich hatte sie e» für unmöglich gehalten, daß Hellmann die That begangen habe — der Doktor hatte sie indeß längst überzeugt, daß Jener Berger« Mörder sei. Vergebens war Prell bemüht gewesen, sie zu zer« streuen, sie hatte jede Zerstreuung zurückgewiesen. Auf ihrem Zimmer saß sie allein und am Abend in der Stube Prell« mit diesem zusammen, der Alle« aufbot, sie zu unterhalten und mehr und mehr vergessen zu lassen, war so schwer in ihr Glück einge« griffen hatte. Selten verließ Prell am Abend da» Hau«, nur um Paula nicht allein zu lassen. Allen Vergnügungen 603 «rtfajte er ihretwegen. Sie wußte es und erkannte es in dankbarer Liebe an. Der alte Berger, der nach dem Tode seines Sohnes kinderlos und ohne Erben dastand, hatte schon mehrere Male den Wunsch geäußert, Paula zu sich und an Kindesstatt annehmea zu wallen. , . »Mein Sohn hat sie geliebt", sprach er, „ich glaube sttn Andenken nicht beffer ehren zu können, als wenn ich sie trotz seines Todes zu meinem Kinde mache." Prell mar den Wünschen des Alten stets ausge- rmchen, hatte die Ausführung derselben hinauszu- schieben gesucht durch den Vorwand, daß Paula noch der größten Ruhe und Schonung bedürft. Unerwartet trat der alte Berger eines Taaes gegen Abend in Pcells Zimmer. 9 ... Der Doktor errteth sofort, was denselben zu ihm führte und trat ihm unruhig entgegen. „haben Sie mit Paula noch immer nicht über meinen Wunsch gesprochen?" fragte der Alte, nach, dem er sich niedergelassen hatte, „haben Sie ihr densetbrn noch nicht mitgetheilt?" y „Nein", erwiderte Prell. „Noch nicht. Sie ist «oäLa flenug dazu. Gönnen sie dem armen Mädchen Zeit, das zu verschmerzen, war sie so ge. wollig erschüttert hat!" ' a Der Alte schüttelte mit dem Kopfe. „Ich fürchte, daß ich selbst nicht viel mehr Zeit ’V’Ä1 h°ben werde", sprach er tief bekümmert. Äs- $ "eines Lebens ist mir genommen, nun suhle ;ch, wie er schnell zusammenbricht!" „Thorheit, bester Herr Berger", warf Prell in scheinbar scherzendem Tone ein. „Sie werden noch lange leben! Ihre Gesundheit ist eine vortreffliche und die Zeit wird auch bei Ihnen den Schmerz mehr und mehr rn Vergessenheit bringen." Er war ja seit Jahren Hausarzt in Bergers Haufe und kannte den Alten. , In meinem Alter vergißt man schwer", ent- I segnete der Kaufmann, „für mich giebt es keine Hoffnung mehr. Meine Gesundheit ist bis jstz gut ? SW« - aber meine Kräfte nehmen ab mit jedem | Dage. Mir bleibt nichts als die Erinnerung an meinen Sohn, deshalb will ich ganz nach feinem Smne handeln. Altdorf wollte er kaufen, um es ferner Braut zu schenken, um mit seiner jungen Frau dort zu wohnen. D-e Unterhandlungen um den Kauf der Gutes wurden durch seinen Tod abgebrochen- rch habe sie wieder angeknüpft - ja, ich will Alldorf kaufen und ee soll Paulas Eigenthum werden!" „Paulas Eigenthum soll Alldorf werden?" rief Prell überrascht. „Sie wollen es ihr schenken?" Der Alte nickte zustimmend mit dem Kopfe. „Ich will sie ja an Kindesstatt annehmen — sie soll meine Erbin werden, allein hiervon sagen Sie ihr noch nichts, versprechen Sie es mir, Doklor, ich möchte nicht, daß sie sich hierdurch verlocken ließe, in mein Haus zu ziehen — mein Haus steht so allein und verlassen da — ihre Liebs möchte ich mir erwerben und erst dann, wenn ich weiß, daß sie mich wie ihren Vater liebt, erst dann will ich sie damit ! überraschen. Gönnen Sie einem alten Manne diese Freude." „Kein Wort werde ich davon sagen", erwiderte Prell, „nicht ein Wort, Herr Berger, ich werde Ihnen die Freude nicht verderben, wenn Paula überhaupt nur geneigt ist, in Ihr Haus zu ziehen - ich werß, daß si; hier gern ist." „Sie stad gut gegen sie gewesen, liebevoll wie ein Vater", fuhr der Alte fort, „allein ich will sie ja dadurch nicht von Ihnen reißen, sie kann noch reden Tag zu Ihnen kommen. Sagen Sie es Paula, daß ich sie in mein Haus aufzunehmen wünsche, daß sie gleichsam an Hugos Stells einrücken soll. Sie werden ja hören, was sie erwidert — ob sie es gern thut. - Lassen Sie mich selbst zu ihr - ich selbst will er ihr sagen, will in ihrem Aage lesen, wie sie meinen Wunsch ausnimmt!" In dem Doktor zuckte es auf. „Thun Sie er nicht", warf er ein. „Ihr Wunsch trifft sie noch ganz unvorbereitet — ganz unerwartet. Lassen Sie mich Paula langsam darauf hinführen — ich bin ja ihr Vormund und habe nur ihr Bestes im Auge. Er ist ihr Glück, wenn Sie sie als Kind zu sich nehmen und ich werde sie dahin bringen, daß sie gern und freudig zu Ihnen geht." Der alte Kaufmann drückte dem Doktor die Hand. „Thun Sie es — thun Sie es", sprach er. „Das Leben hat ja nur noch diesen einen Wunsch mir übrig gelassen; ich möchte ihn gern erfüllt sehen, ehe ich scheide!" „Das sollen Sie", entgegnete Prell scheinbar mit der größleu Ruhe und dennoch schritt er im Zimmer auf und ab, um zu verbergen, was in ihm vorging. Endlich blieb er vor dem Alten stehen. „Stellen Sie doch Paula eine Schenkungs-Urkunde über das ! ®»t aus", sprach er. „Lassen Sie mich dieselbe ! ihr geben — es wird sie ergreifen und sie rühren und am schnellsten ihr Herz Ihnen zuführen!" Er blickce den greisen Krusmann prüfend an. Dieser schüttelte ablehnend mit dem Kopfe. „Noch nicht!" sprach er. „Erst muß sie bei mir sein — erst muß ich dis Gewißheit haben, daß sie mir eine wirkliche Toch.'sr wird. So schnell hoffe ich noch nicht zu sterben, daß mir dazu nicht noch Zeit bliebr." „Sir haben Recht", erwiderte Prell. „Es war nur eine Idee — wie sie oft in uns aussteigen. Sie, gewinnen uns leicht, weil sie unerwartet neue Gesichtspunkts zeigen und doch geben wir sie bet näherer Prüfung meist wieder auf. Sie haben Recht — es eilt damit ja nicht-" Der Alte erhob sich, um fortzugehen. „Nicht wahr", fragte er noch, „Sie sprechen mit Paula darüber?" „Gewiß", versicherte Prell, „so bald als möglich — so bald ich sie mit einer ruhigen, heiteren Laune treffe. Verlassen Sie sich auf mich." Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und der Alte ging fort. 604 Prell blieb allein zurück. Einen Augenblick blieb er regungslos stehen, die dunklen Augen starr auf den Boden geheftet, dann schritt er im Zimmer auf und ab. Der Alte drängte ihn — ft wollte ihm die ent* reißen, an der sein Herz hing — trennen sollte er sich von Paulo. Der Alte ließ seinen Wunsch nicht fallen. Er mußte endlich für ihn zur Entscheidung kommen. (Fortsetzung folgt.) Pas Lied vom Scheuerfest. (Frei nach bekanntem Vorbilde.) Aus den Federn, lieben Leute! Anna, schnell den Kaffee brau', Denn ein herrlich Fest ist heute, Seht, es naht die Scheuerfrau! . Mann, geh' auf's Kontor Und das Kindercorps Mag sich rasch zur Schule scheeren; So, nun kann man uns nicht stören, Denn von den Festestagen allen Die uns der Himmel feiern läßt, Hört am Gewichtigsten man schallen Das große Wort: Das Scheuerfest. Die Männer wissen's nicht zu schätzen, Und viele giebt es, die fürwahr Das Wort schon hören mit Entsetzen Wie selten auch es kommt im Jahr. Das ist der Frauen ew'ger Jammer, Daß schwer ein Mannsbild es begreift. Wie schön es ist, wenn Stub und Kammer So recht von Grund aus abgeseift! Die schrecklichste von allen Plagen So nennt er es — Du schlechtes Herz, O laß es Wilhelm Busch Dir sagen: „Die Reinlichkeit ist nicht zum Scherz!" Nun laß betrachten uns beim Schalten, Wozu das große Werk ist nutz, Und überhaupt der ^Hausfrau Walten Beim Kampfe gegen Staub und Schmutz. Line, rasch zum Kaufmann lause. Eine Bürste hole Du, Sechs Psund grüne Seife kaufe Sand und Soda auch dazu. Dieser Scheuerwisch Dünkt mich nicht mehr frisch. Einen neuen kannst Du bringen, Schnell! Ich hör' den Kessel singen Jst's doch das Wasser und die Seife, Was man als Rein'gungsfundament Vom.Knospenzustand bis zur Reife Des menschlichen Geschlechts kennt. Kaum daß die Kunst der Frau, der weisen, Das Kind zur Welt befördert hat. Eh' sie's dem Vatpr reicht zum Preisen, Bescheert sie ihm ein warmes Bad. Das Kleine freundlich grüßt mit Schreien Wenn man die Haut, die zarte, näßt, Und manche Jahre lang erneuen Wird's gegen Waschen den Protest. Ein Kind hält schwerlich es für labend Wenn rauh die Magd es fpült und schwemmt Zum Wochenschluß am späten Abend, Und endlich gar noch „eng" es kämmt, Denn solcher Kamm hat scharfe Zähne, Pflügt hart die Haut, nimmt mit das Haar, Und bald vereinet mit der Thräne Sich ein Geheul der ganzen Schaar! Ein Glück, daß in der Sommerschwüle Die „Jung'ns" im Freien baden gehn; Das Plätschern dort in frischer Kühle, Das Tauchen, Spritzen das ist schön! Die Gardinen abgenommen! I Hakt die Fensterflügel aus! Frischer Luftzug möge kommen, Pfeifen durch das ganze Haus. Scheuert frisch entlang Jede Fensterbank, Mit der nassen Bürste reiben Mögt ihr kräftig auch die Scheiben. Beim Scheuern bleibet sehr phlegmatisch Der Zimmerherr der Junggesell Ist Seifendunst ihm antipatifch So flüchtet er in's Wirth sh aus schnell. | Doch wen die Rosenfesseln binden, i Die Hymen flocht, muß bis zum Rest i Den Kelch des Leidens leeren, finden | Muß er sich in das Scheuerfest! i Da, wo er sonst sich labt am Mahle : Am Mittagsschläfchen sich erfrischt, Wird heut' der Imbiß, der frugale, Im Nebenstübchen aufgetischt; Im Zimmer nebenan, dem nassen Sieht er betrübt das Sopha stehn; „Dein Schlafen würde heut' nicht passen. Du kannst wohl baldigst wieder.gehn!" So sagt ihm die Frau Und ob er auch harre, Der Kaffee ist flau. s Und feucht die Zigarre, § Das Jüngste, es weint, | Ihm ist's nicht gemüthlich, Die Gattin es scheint Ihre Stimmung nicht friedlich: „Jetzt räum' ich hier aus, Da kommt schon Frau Meyern!" Der Mann muß hinaus — Die Alte will scheuern! Das Hündchen lief längst (ohne Maulkorb!) schon fort, Denn sämmtliche Thür en des Hauses sind offen. Ihn hat auf der Lagerstatt traulichem Ort Der Besen der fegenden Dienstmagd getroffen. (Schluß folgt.) Bedactirm: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen