Eichener Aamilienblätter. Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger. - irr~» rr.r—.~rn-iT"~i—nur mimmin■ - ttiw» i i um iwu i ■! »im miiim .m »m t _n iiimi ■ mi« »ui 11 n i ir»i»iir: n ut.'inni. n.-mirj ._-m ».nr.ii nun mr i.hhuhi ~..i i il t' •~ji~rr~~i T~-i-n-nn i'irrr" i in» i: Nr. 124. Samstsx, bett 20. October. 1888. Im Kaufe Immendorf. | Original-Roman von Emilie Heinrichs. (Fortsetzung.) „Wo Baben Sie Ihren Freund gelaff-n?" tief der Fürst Egon entgegen. , Er bet wich, ihn bei Ew. Durchlaucht zu ent» schr-ldigen, weil er, höchst angegriffen, sich einstweilen nach Hause habe begeben müssen." „Ach, wirklich? — Hat er schwache Nerven?" lächelte der Fürst etwas ironisch, „nun ja, dergleichen greift wirkl.ch an, und auch ich fürchte mich ein wenig vor dem morgigen Trubel." „Ah, Durchlaucht fürchten Sich vor der Liebe höchst Ihrer Residenz?" „Das nicht, lieber Doktor! — man verschwendet nur zu viel Geld babd, welches den Armen zu Gute kommen könnte, der Winter steht vor der Thür, dergleichen hat stets einen bitteren Nachgeschmack für mich. Doch läßt es sich nicht ändern, ohne die Ge» müthsr zu verletzen, — und — wissen Sie, Doktor, — es ist mein zweiter Vermählungs-Einzug, einen dritten aber soll Niemand wieder erleben. — Nun, davon nichts mehr, Doktor I wovon redeten wir eigentlich?" „Von Ulrich Jmmendorf, Durchlaucht!" „Richtig, er hat eine sehr schöne Schwester, superbe Erscheinung, von welcher die Fürstin en!» zückt ist. Die andere junge Dame ist Ihre Pflege- schwester, eine entfernte Verwandte vor» Ihnen?" „Durchlaucht halten zu Gnaden, keine Verwandte, — die verwaiste Tochter eines Freundes meines verstorbenen Vaters, welche allein in der Welt zurückblieb." sonst noch etwas zu sagen, ich lese dergleichen in Ihrem Gesicht." „..Ja, Durchlaucht 1 — ich möchte noch um einige Minuten gnädiges Gehör im Interesse meines Freundes Jmmendorf bitten." „Ah, also doch etwas Besonderes mit seiner Angegriffenheit", sprach der Fürst, sich in feinen Sessel । niederlaffend, und mit einer leichten Haudbewegung | den Doktor ebenfalls dazu aufforderud, woraus dieser | in resprctvoller Entfernung Platz nahm. „Sprechen Sie, lieber Doktor", nickte ihm der I liebenswürdige Fürst freundlich zu. Egon erzählte kurz, was sich bei dem Einzugs ereignet halte. s „Wieder dieser ominöse Name in eines Dritten I Munde, das ist seltsam", sagte der Fürst nachdenk- 5 lich, „es wird jedenfalls dieselbe Person sein." „Unzweifelhaft, Durchlaucht! — der arme Ulrich I steht sich verrathen und verkauft, falls man ihn mr- j haften und ihm bm Proceß machen sollte. Er l fürchtet, daß Ew. Durchlaucht ihn alsdann sollen t lassen müsse." „Fürchtet er bas wirklich?" rief der Fürst, ge* s davkmvoll den Dvkror anblickend, „cllerdings bin ich Z kein Despot, welcher Gesetz und R^cht beugt, um ? seinen Willen durchzusetzen und einen Schuldigen vor l Strafe zu schiitzm. Aber hier, denke ich, liegt die z Sache ganz anders, und meine fürstliche Pflicht und Aufgabe gipfelt dabei einfach in der Verhütung eines Justizmordes. Ich muß die Richter, welche nach dem unseligen Thalbestand dar Schuldig unbedingt aussprechen müssen, vor jenem Verbrechen schützen. Das ist meine Urberzeugung, Doktor?' „Und von ihm in fein Haus aufgenommen wurde", I sprach der Fürst wohlwollend, „das ehrt den Ver» 5 storben-n noch im Grabe. Wie nennt sich die junge • Dame doch gleich?" „Magdalene Rosen, Durchlaucht zu Befehl!-" ,,U-rd Sie heißen Dörner, ei, mein lieber Doktor, « da gehöd die Dame ja unzwe sselhafk zu Ihnen, vom । Schicksal gleichsam für Sie prädestinirt, meinen Sie - nicht? Rose und Dornen allerliebst!" „Mazda ist mir lieb, wie eine Schwester!" ver- } setzte E^on ernst, „ich darf den gleichen Wärmegrad der Gefühle von ihrer Seite für mich constatiren." „Schade!" meinte der Fürst, ihn sirrnend betrachtend. „Nun, pardon, Doktor! er war nicht böse gemeint- Ich sehr Sie also mit Ihrer ganzen Familie bei der Tafel wieder? — Haben Sie mir Dieser erhob sich tief bewegt, um vor dem ebenso edlen als k-ugen Fürsten, besser- Geistesschärfe den jungen Mann überraschte, das Knie zu beugen, um ihm so fdnett Dank und seine Huldigung dar» zub ringen. D-r Fürst hob ihn rasch aus und drückte ihm die Hand. „Ich dulde dos von keinem Menschen, mein lieber, junger Fr-und!" sprach er läch-lnd, „von Ihnen, dem freien, geraden Manne erwartete ich dergleichen am wenigsten, obwohl es mich deshalb besonders erfreuen und mit Siolz erfüllen sollte. Es ist nicht wohlgethan, dem Fürsten jede Pflichterfüllung als hohe Tugend anMechnen, er verliert der. Maßstab für sein Thun und Streben nach jener selbstlosen Aufopferung, welche wir erst mit dem erhabenen Ausdruck „Tugend" bezeichnen dürfen. Nun aber 498 eilen Sie zu Ihrem Freunde, und übermitteln ihm meine fürstliche Ueberzmgung." Er winkte freundlich mit der Hand, und Egon verließ das Gemach und das Schloß, um mit freudig bewegtem Herzen dm Weg nach der Schloßstraße sinzufchlagen- 20. Auch dieser festliche Tag war für die Stadt X- vorübergerauscht. Zur Tafil hatten Alle, welche fich zur Aristokratie und den Angesehensten der Stadt zählten, Einladungen erhalten, während sich das Volk an's Schloß herandrängte, um die glänzenden Toiletten zu bewundern und seine Glosien zu machen. Mit einer geheimen Scheu war Ulrich Jmmen- dorf mit Hedwiga der Equipage entstiegen, deren Schlag der alte Johann in Gala-Livree respectvoll geöffnet. Der junge Mann fürchtete auch hier den ihm jetzt verhaßten Namen zu hören und athmete erst ruhig wieder auf, als er unbehelligt das Innere des Schlaffes erreicht, obwohl er von Egon die beruhigende Erklärung des Fürsten vernommen hatte. Die hohen Herrschaften zeichneten ihn und Hedwiga, sowie den Major Tellkamp mit seiner Famllie auffällig aus und lächelten sich überrascht an, als ihre forschenden Blicks auf Egon und das schöne Fräulein von Jmmendorf, von diesen dann auf Ulrich und Mazda Rosen sich hefteten. Als die Tafel aufgehoben wurde, war man allseitig darüber einig, daß man sich wundervoll unterhalten habe und die junge Fürstin ein Engel sei. Der Fürst hatte den Polizei-Dirwor, welcher ebenfalls anwesend war, nach der Tafel in sein Cabinet befohlen. Dieser stand jetzt, einer Anrede gewärtig, vor dem hohen Herrn. „Setzen Sie sich, lieber Polizei-Director I" begann der Fürst, mit einer gütigen Handbewegung auf einen Seffel deutend, „wir, meine Gemahlin und ich, möchten nachher eine Rundfahrt durch die Stadt machen, es ist doch Alles sicher?" „Gewiß, Durchlauchti — unsere Stadt ist sehr loyal —" „Es ist mir allerdings so vorgekommen, doch soll erst kürzlich ein Raubmord hier passirt sein." „Durchlaucht halten zu Gnaden, ein eigentlicher Raubmord wohl nicht, die Sache ist noch nicht aufgeklärt, da man leider den Thäter entkommen ließ. Doch wird der Verwundete mit dem Leben davon kommen." „Ich weiß, der Mensch, der Verwundete nämlich, soll den Denkzettel verdient haben", versetzte der Fürst ruhig. Der Polizei-Director starrte ihn erschrocken an, hatte der hohe Herr bei Tafel vielleicht zu stark dem köstlichen Nektar zugesprochen? Vermeffener Gedanke I — aber es ließ sich nicht anders erklären. „Wenn der Verwundete", fuhr der Fürst ebenso ruhig fort, „wir heißt er doch?" „Man weiß es nicht, Durchlaucht!" „Gleichviel also, wenn der Mensch genesen ist, mein lieber Polizei.Direetor, dann senden Sie ihn unter genügender Bewachung sofort nach der Residenz in das dortige Gesängniß, mit dem Befehl, mir auf der Stelle darüber Bericht zu erstatten. Haben Sie mich verstanden?" „Vollkommen, Durchlaucht!" verbeugte sich der Polizei-Chef, welcher ganz verwirrt war und noch immer nicht zu unterscheiden vermochte, ob der hohe Herr in scherzhafter Weinlaune oder im nüchternen Ernste mit ihm rede. Doch gleichviel, er mußte gehorchen, so oder so! —" Der Fürst schien seine widerstreitenden Gedanken zu errathen. „Ich habe meine geheimen Beweggründe dafür, mein bester Herr von Strecker I" sagte er, sich erhebend und dem ebenfalls rasch ewporschnellenden Polizei Ches vertraulich die Hand auf die Schulter legend, „und baue selbstverständlich auf Ihre strenge Discrttion. Mir liegt daran, jenen unbekannten Menschen selbst zu verhören, ein Wunsch, den Sie nach allen Seiten hin respectiren werden, wie ich hoffe —" „Durchlaucht haben nur zu befehlen, um stritten Gehorsam zu finden", versicherte devot der Polizei- Director. „Gut, ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann. Doch, um eins noch muß ich Sie fragen, Herr von Strecker! Ist der Verwundete bei Besinnung?" „Bis heute Morgen .war er's noch nicht, Durchlaucht!" „Wer hat Zutritt zu ihm? Forschen Sie^beson- ders darnach, ob irgend ein Fremder außer den Arrzten und Wättern die Kranken-Zelle betreten hat? Ich erwarte heute Abend noch Bericht von Ihnen." „Durchlaucht sollen mit mir zufrieden sein —" „Ja, und dann, lieber Polizei-Dtrector! sorgen Si« dafür, daß wir morgen früh um 6 Uhr unbehelligt durch Ovationen nach dem Bahnhof kommen." Herr von Strecker machte ein bedenkliches Gesicht, meinte aber den Leuten das Frühaufflehen nicht verbieten zu können. „Denn, — Durchlaucht verzeihen, — wo das Volk der Polizei einen Schabernack anihun kann, ist es stets dazu bereit." Der Fürst lächelte und entließ den Polizei-Chef voll gnädiger Huld. Am selbigen Abend war große Illumination; selbst die engsten Gaffen ließen ihr Lichtlein leuchten, und als das FürstewPaar die Rundfahrt machte, da war des Jubels und der Lust kein Ende. Das Jmmendorf'fche Haus machte einen zauberischprächtigen Eindruck und haufenweise drängte sich dar Volk heran, um zu schauen und zu bewundern, da I es leider keine Gelegenheit zu Gloffen bot, wie am Morgen. Das lahme Burgfräulein war ganz erschöpft von den Anstrengungen des Tages in ihr Schlafgemach i und von Ulrike sanft zur Ruhe gebracht worden. Es war auch zuviel auf einmal über die Kranke ? gekommen, und sie wäre beinahe vor Entzücken gestorb daß H und m leicht । erhalte Expedi durfte einen f hinreic einen Sl Einfch! in der acht 2 Hätte der di beföhle Magd« die ah zärtlich bürger das $ Haufe schaut« im Ci wie B tauscht wäre Si lauten streute Wahr! etngeri der B ste läc Du je 31 wurde stadt i trotz 3 mit E gesteue Verga Es zigen S sein ei Le bas h braust, liche 6 bereit Equipi einer Di hier ii gewese und F wollte! 499 gestorben, als man ihr die Wundermähr mittheilte, daß Hedwiga zur jüngsten Hofdame ernannt worden und auch Ulrich wahrscheinlich eine Hof-Charge, vielleicht als fürstlicher Stallmeister oder Jägermeister erhalten werde, wenn er es nicht vorzöge, eine Afrika- Expedition mitzumachen. Der Ausfall dieser Wahl durfte durchaus nicht zweifelhaft fein, zumal für einen Freiherrn von Jmmendorf, welcher fich bereits hinreichend in der Welt umgesehen, um endlich nicht einen Ekel vor plebejischer Gesellschaft zu empfinden. So lautete Tante Irmgards Ausspruch vor dem Einschlafen, und ste freute fich ihrer alten Herrschaft in der Familie, als Ulrich scheinbar nachgab und acht Tage später Hedwiga nach der Refidenz brachte. Hätte sie eine Ahnung davon haben können, daß der verhaßte Egon Dörner, ebenfalls an den Hof befohlen war und vom Major Tellkamp wie von Magda Rosen zum Bahnhof begleitet wurde, hätte die ahnenstolze Dame es mit ansehen müffrn, wie zärtlich die junge Hofdame der Fürstin von ihrer bürgerlichen Freundin Abschied nahm und wie tief das Oberhaupt de» Freiherrlich Jmmendors'schen Hauser in die blauen Augen der verwirrten Magda schaute, ja, wie selbstverständlich der verhaßte Doktor im Coupö an Hedwigas Seite sich niederließ und wie Beide so vertraulich-zärtliche Blicke mit einander tauschten, — ach, die arme Tante Irmgard! ste wäre an diesem Anblick sicherlich gestorben. So ungefähr mochten auch Ulrichs Gedanken lauten, als der Zug davonbrauste und seine zer- streuien Blicke auf das gegenüberfitzende Paar fielen. Wahrhaftig, er hatte dem kecken Egon seinen Platz eingeräumt, dort an Hedwiga» Seite hätte doch er, der Bruder, fitzen müssen! „Glücklich sind die Unwissenden", murmelte er, ste lächelnd betrachtend, o, Tante Irmgard, hättest Du jetzt einen Zauberspiegel I" Immer weiter brauste der Zug, immer größer wurde die Entfernung zwischen ihm und der Vaterstadt und immer freier und leichter athmete er auf; trotz Magda's schönen Augen wäre er am liebsten mit Egon geradewegs in die unendliche See hinaus- gesteuert, um den Ocean zwischen sich und seine letzte Vergangenheit zu legen. Egon und Hedwiga aber schienen nur den einzigen Wunsch zu haben, dieses beseligende Beisammensein ebenfalls in'« Unendliche auszudehnen. Leider nimmt Alles auf Erden ein Ende, auch bas höchste Glück, der seligste Traum. Der Zug brauste in den Bahnhof der Residenz, wo eine fürstliche Equipage zur Aufnahme der neuen Hofdame bereit stand, während Ulrich und Egon, welche die Equipage ebenfalls benutzen konnten, es vorzogen, in einer Droschke nach dem ersten Hotel zu fahren. Der Empfang de» jungen Fürsten-Paares war hier in der Refidenz ganz außerordentlich pomphaft gewesen. Roch strahlte die ganze Stadt in Laubund Flaggenschmuck und die Festlichkeiten im Schlosse wollten kein Ende nehmen. Hedwiga, welche ungewöhnlich huldvoll empfangen worden, war Anfang» ganz verwirrt von dem geräuschvollen Hoflebm, doch eingedenk Tante Irmgard« Ermahnungen, es niemals zu vergessen, daß ste eine Freiin von Jmmendorf und einem uralt edlem Geschlechte entsprossen sei, fand sie sich mit avgebornem Takte bald in die Hof-Etikette hinein, zumal ihr Tante Ulrikes trockene Bemerkung, daß ihr uralte« Geschlecht unzweifelhaft bi» zum Vater Adam hin« aufreiche und daß der Stammbaum de« Menschen am besten nach seinen Früchten zu beurtheilen fei, sie rasch über jede Beklommenheit und Angst hin- wegsetzte und ihr die natürliche Heiterkeit bei Geistes und Gemürhs zurückgab. Es blieb der Umgebung bald nicht zweifelhaft, daß die neue Hofdame die Gunst der Fürstin in einem hohen Grade besaß und daß auch ihr Bruder, der schöne Jmmendorf, wie die Damen ihn nannten, vom Fürsten ausgezeichnet wurde. Der Obcrstallmeister war gestorben, der Platz noch nicht wieder ausgefüllt, kein Zweifel, der neue Günstling wurde hineingeschoben. So zischelte und flüsterte man in den Hofkreisen und Haß, Reid und Kabale erhoben ihr Haupt. , Ich beabsichtige, Sie zu meinem Oberstallmeister zu machen, lieber Jmmendorf", bemerkte der Fürst nach einigen Tagen. „Sie sind ein tüchtiger Reiter und Pferdekenner, der Dienst würde Ihrer Neigung zusagen, wie?" „Durchlaucht häufen zu viel Huld und Gnade, zu viele Schulden der Dankbarkeit auf mein Haupt", versetzte Ulrich ehrerbietig, doch frei, „und auf die Gefahr hin, undankbar zu erscheinen, bitte ich Ew. Durchlaucht, den gnädigen Antrag ablehnen zu dürfen." „Ich war darauf gefaßt", nickle Fürst Friedrich ernst, „gebe Ihnen aber Zeit, zu überlegen und zu bedenken, daß eine solche Charge Sie mit Einem Schlage in eine ehrenvolle Stellung versetzt und jeder Verdächtigung die Spitze abbricht. Sie ziehen es also noch immer vor, unfern Doktor Dörner auf der neuen Expedition zu begleiten?" Ulrich verbeugte sich. Dann erhob er nach kurzer Ueberlegung das gesenkte Antlitz. „Gestatten Durchlaucht e« mir, diesem Entschlüsse treu zu bleiben. Sollte ich, wie ich es wünsche und hoffe, gesund znrücktehren, dann, mein gnädigster Fürst und Herr, darf ich mit größerem Rechte und stolzer Genugthuung den Posten annehmen, den Ew. Durchlaucht Huld mir zugedacht." „Gut", lächelte der Fürst, ihm die Hand reichend, „so sei es denn, ich ehre Ihren Stolz und will den Posten bis dahin für Sie reserviren. Wann wird die Expedition aufbrechen?" „Wie es heißt, noch vor Anbruch des Winters, vielleicht schon in acht Tagen." (Fortsetzung folgt.) Jur Geschichte der „schwarzen" Großmacht. Wenn man die Preffe hier und da noch als die „sechste Großmacht" bezeichnen hört, so nuch dies halb scherzhafte, halb ernsthafte Wort heute einigermaßen corrigirt werden, denn längst hat sich ja Italien in der Reihe der europäischen Großstaaten Sitz und Stimme errungen und bereits macht Spanien ernstlichen Anspruch auf die Bezeichnung ols jüngste, das wäre also als siebente Großmacht. Aber daß auch die Presse nach wie vor als Großmacht mitmar- schirt, bleibt jedenfalls bestehen und mit ihren schwarzen Truppen hat sie mehr und größere Eroberungen gemacht, als jemals die berühmtesten Kriegshelden, während sie zugleich in einer Weise herrscht, daß sie nicht eine Großmacht, nein, eine Weltmacht darstellt, deren Stellung niemals erschüttert werden kann. Aber freilich, ehe die Preffe zu dieser ihrer heutigen Weltstellung gelangte, hat sie einen langen und gar merkwürdigen Entwickelungsgang dnrchmachen muffen, der in seinen einzelnen Phasen so mancherlei des Interessanten und Bemerkenswerthen darbietet. Wenn man allerdings die Presse lediglich als Repräsentantin und Trägerin der öffentlichen Meinung betrachtet, so datirt ihre Macht und ihre Geschichte noch nicht so weit zurück, faßt man aber die Zeitungen als das auf, was sie ursprünglich waren, als Organe, welche der Verbreitung von Nachrichten über Thatsachen oder nichtige Ereignisse dienten, so können sie auf eine Geschichte zurückblicken, die bis in die Zeiten des alten Rom reicht. Die römischen acta diurna (Journale) würden da als die zuerst bekannten Zeitungen zu bezeichnen sein und da Julius Caesar diese acta regelmäßig zusammenstellen und öffentlich anschlagen ließ, so kann der große Feldherr der Römer den Ruhm in Anspruch nehmen, der erste — Zeitungsherausgeber der Welt gewesen zu sein! Die acta diurna, diese Urbilderder nachfolgenden Zeitungs- Generationen , waren zunächst die Tagebücher des römischen Senats und der Comitien, also die Protokolle über die Verhandlungen der Parlamente in Rom, aber allmälich wurden in . diese Tagebücher auch Staatsereignisse und Tagesncuigkeiten ausgenommen und Julius Caesar war es eben, welcher den actis diurnis während seines ersten Consulats (59 v. Chr.) ihre Erweiterung gab; wie lange sich diese römischen Journale erhalten haben, geht aus den Mittheilungen der zeitgenössischen Schriftsteller nicht hervor. Wenngleich nun die acta diurna der Römer nicht als Zeitungen im heutigen Sinne aufgefaßt werden dürfen, da ihnen alle Mittel der raschen und regelmäßigen Verbreitung fehlten, die ein Haupt- charakteristicum der modernen Zeitung bildet, so glichen sie doch durch ihre Aufzählung gewisser Facten ganz den officiellen Zeitungen des vorigen Jahrhunderts. Solche „Reichs- und Staatsanzeiger" existirten auch 500 ß in Constantinopel bald nach Errichtung des lateinischen Kaiserthums und offenbar waren sie eine oströmische Auflage der acta diurna und aus der Siebenhügelstadt hinüber nach Stambul gerettet; vermuthlich gingen aber die officiellen Blätter des oströmischen Kaiserthums in den Stürmen der Völkerwanderung wieder unter. Dagegen hat sich die unter dem Namen „Neue Nachrichten" — so etwa würde wenigstens der Titel der betreffenden Zeitung in deutscher Ueber- setzung lauten — in Peking schon seit mehr als fünfzehnhundert Jahren erscheinende, auf gelbes Seidenpapier gedruckte chinesische Staatszeitung bis heute erhalten. Auch der „Reichs- und Staatsanzeiger" des himmlischen Reichs der Mitte enthält gleich den actis diurnis der Römer keinerlei politische Nachrichten, sondern nur Verfügungen der chinesischen Negierung und ihrer Unterbehörden, Bekanntmachungen sonstiger chinesischer Behörden, Berichte über Vorgänge in der kaiserlichen Familie und dergleichen Angelegenheiten mehr. Die oft so wildbemegten Zeiten von der Völkerwanderung an bis zu den ersten Morgenstrahlen der neueren Zeit weisen bezüglich des Zeitungswesens begreiflicher Weise nichts Sonderliches auf; höchstens könnte man die Lieder der fahrenden Sänger des Mittelalters als Zeitungen bezeichnen, als „gesungene". Denn die Lieder dieser von Ort zu Ort, von Land zu Land ziehenden Gesellen enthielten die Kunde von allem Erwähnenswerthen, das damals in der Welt passirte und so vertraten sie zu jenen Zeiten in gewissem Sinne unsere heutigen Tagesblätter, auch sind wir über gar manche Ereignisse aus dem Mittelalter nur durch jene Spielmannsweisen unterrichtet. Aber die ersten Spuren von wirklichen, gedruckten Zeitungen finden sich noch im Ausgange der mittelalterlichen Aera, sie tauchen alsbald nach der Erfindung der Buchdruckerkunst auf und waren es die bislang gesungenen Weisen der fahrenden Sängerzunft, welche mit am ersten durch die „schwarze Kunst" Guttenberg's auf das Papier übertragen wurden. Neben dieser ältesten Art der poetischen Zeitung gab es jedoch schon bald nach der Erfindung der Buchdruckerkunst (1440) auch Zeitungen prosaischen Inhalts und zwar wirkte auf deren Entstehung die Entdeckung Amerikas vorzugsweise ein. Die Auffindung der neuen Welt war ein Ereigniß, welches sich diesseits des atlantischen Oceans sehr rasch fühlbar machte und den berühmten Brief, welchen Columbus über die Ergebnisse seiner ersten Seereise nach Westen an den königlich spanischen Schatzmeister Rafael Sanchez richtete, kann man wohl als das erste gedruckte Zeitungsblatt betrachten; zum Mindesten trifft das Kriterium der raschen und allgemeinen Verbreitung bei dem Briefe des Columbus zu, denn er ist sehr bald nach seinem ersten Bekanntwerden in fast alle Sprachen übersetzt und in zahllosen Exemplaren verbreitet worden. (Fortsetzung folgt.) Nchqctiyn: A. Schetzda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.