Hießeuer Amilienblatter. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Ux. 34. Dienstag bett 20. März. 1888. Ate verlorene Miöel. Original-Roman in 3 Bänden von vr. Carl Hartmann-Plön. (Fortsetzung). Und nun gab er Siegfried in kurzen Worten ein Bild der Vergangenheit von Frau Schmidt, die dem Leser bereits aus dem Gespräch ihrer Schwester mit dem Geheimrath bekannt ist. „Und jetzt komme ich zum Schluß", fuhr er fort. „Ich sagte Ihnen vorhin, daß der Gemahl der Frau Schmidt ihr auch das letzte Werthobjekt entrissen habe und damit fortgestürmt sei. Dieses Wertyobjekt mochte wohl die Summe von sechshundert Thaler repräsentiren und bestand in einem alten Buch, dessen Einband mit vielem Silber beschlagen war, auf dem sich eine Reihe großer Rubinen befanden." „Großer Gott!" rief Siegfried au» und sprang von seinem Sitz empor. „Was heißt das! Dieses Buch mit dem Silberbeschlag und den Rubinen, — Langenbach, machen Sie mich nicht wahnsinnig! Ist dieses Buch —? „Nur Ruhe, Freund — den Knalleffekt habe ich mir bis zuletzt aufgespart." Er erhob sich, schritt in eine Ecke der Zimmers, ergriff einen kleinen Tisch, auf dem ein Gegenstand verdeckt lag, trug denselben in die Nähe des Sopha- tisches und sagte mit tiefer Stimme: „Sehen Sie her, — das ist die verlorene Bibel!" „Ist es denn möglich?" rief Siegfried. Ist es keine Täuschung, daß ich dort die Bibel sehe und zerfließt sie nicht vor meinen Augen, wenn ich die Hand darnach ausstrecke? Aber täuschen Sie sich nicht auch selbst, Langenbach? Ist e» wirklich die verlorene Bibel, die wir suchen?" „Darüber können Sie sich beruhigen, ich habe den ganzen Jesus Sirach schon durchgearbeitet, jeden punklirken Buchstaben niedrrgeschrieben, und wenn auf der Schlangenburg noch Alles ist, wie vor hundert Jahren, so haben wir auch den Schatz." Während er nach seinem Schreibtisch ging und au« seiner Schreibmappe ein Blatt Papier hervor» suchte, sagte er: „Hier ist der Jesus Sirach, ich will Ihnen meine Aufzeichnungen vorlesen, Sie können später die Punktirarbeit such noch selbst einmal entziffern." „Einen Augenblick" sagte Siegfried, sich erhebend und dir Bibel in die Hand nehmend. „Lassen Sie mich das Buch, dessen bloße Existenz schon so ver- hängnißvoll für uns geworden ist, vorher erst einmal berühren 1 Die Bibel gewährt sonst den Menschen einen Trost, an dieser aber hastet ein Fluch, möge er sich nun in Segen verwandeln I" Siegfried schlug die Bibel auf und suchte da» Buch Jesus Sirach. „Ja", rief er aus, „hier stehen Punkte über verschiedenen Buchstaben, sehr klein zwar, jedoch ganz deutlich. Ein Uneingeweihter würde wohl nie entdecken, daß sie eine Bedeutung haben." Er setzte sich wieder in seine Sophaecke, Langenbach zog die Lampe etwa» näher heran, doch bevor er zu lesen begann, sagte er: „Ich bin nie auf der Schlangenburg gewesen, beantworten Sie mir erst gefälligst eine Frage: Reicht der Park, der zur Burg gehört, bis an dis Fahrstraße?" „Ja." „Und steht an der Landstraße ein hohes, steinernes Thor, durch dessen weiten Eingang man gehen oder fahren muß, um auf den Weg zu gelangen, der nach dem Schloß hinaufführt?" „Ja." „Erinnern Sie sich, daß in einer Nische, welche sich in der Mitte der inneren Thorwand befindet, eine Mutter Gotte» steht?" „Ja, ganz genau. Aber warum fragen Sie darnach, Langenbach?" „Sie solle« e» sogleich erfahren, nun hören Sie." Langenbach begann zu lesen: „Es ist mein Wunsch, daß Du, mein? geliebte Tochter, von der mich eigenartige Verhältnisse getrennt, meine Brillanten und ein Kästchen mit Louisd'or erbst, und nur Dir und Deinem Gemahl will ich anvertrauen, wo ich dieselben verborgen habe. Wenn sie in Deinem Besitz sind, weile ich vielleicht nicht mehr unter den Lebenden, dann schenke Deiner Mutter eine Thräne des Mitleids. Die Edelsteine und da» Kästchen mit Gold befinden sich in einem größeren Kasten. Derselbe, ein Geschenk de» Herzog», ist aus schwarzem Ebenholz ge- fertigt, der Griff davon von gediegenem Goldes Drr Deckel ist «»»gelegt mit einer Menge Figuren 184 üus Goldblech, bie den Jagdzug der Diana dar- stellen. Das Schloß daran ist aber so kunstvoll, daß nur Derjenige es öffnen kann, der mit dem Ge- heimniß des Mechanismus vollständig vertraut ist; denselben zu beschreiben ist unmöglich, dah-r muß der Kasten, wenn er in Deinem Besitz ist, geopfert und gewalts m gesprengt werden. Der Inhalt hat einen Werth von mehr als einer Million Tbaler. Der Kasten mit dem, was er enthält, ist nicht leicht, aber doch auch nicht so schwer, daß nicht ein Ein elner ihn forttragen könnte. Nun richtete ich alle meine Gedanken darauf, auf welche Weise der Schatz in Deine Hand gelangen könne, ohne daß eine menschliche Seele davon Kenntniß erhielte. Nur Einer ist hier, den ich für treu und ergeben halte, es ist der Kastellan des Schlosses, und wenn ich ihm auch nimmermehr anvertrauen möchte, daß es sich um einen so werthvollen Schatz. handelt, so schafft er mir doch die Mittel herbei, die ich zur Ausführung meines Vorhabens brauche. In einem Wandschrank, der verschlossen war, zu dem kein Schlüssel paßte und den ich öffnen ließ, fand ich eine Menge alter Papiere. Ein Heft war darunter, das chronikartige Aufzeichnungen enthielt. Ich las dieselben durch, sie stammten aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges und waren von dem damaligen Besitzer der Schlangen« bürg niedergeschrieben. An einer Stelle beschrieb er eingehend, wie er seine Schätze vor den wilden Schaaren Tilly's gerettet. Er wußte, daß Tilly seine Horden rauben und morden ließ, so viel sie wollten, daß sie aber daneben strenge ihre religiösen Pflichten erfüllen mußten. Nun befand sich unten am Schloßwege in einer tiefen Nische auf einem SoSel eine hölzerne Madonna und der Schloßherr hoffte, daß die Habgier der Plünderer davor Halt machen würde. Er ließ Sockel und Bild fortnehmen, ! reiste damit in dis Stadt, wo ein berühmter Kupfer- \ schmied wohnte, bestellte einen ebensolchen Sockel und : eine ebensolche Madonna von Kupfer, befahl aber ' beide Theile hohl anzufertigen. Damit die Vorbe« ! Teilungen von Keinem gesehen würden, hatte er eine \ große Thür vor der Nische machen lassen, die er verschloß. Aus dem Sockel ragten drei Spitzen hervor, die mit drei Röhren oder Scheiden inner« hals der Figur correspondirten. Schob man die Scheiden über die Spitzen, so stand die Figur auf dem Sockel unverrückbar fest und mit Leichtigkeit konnte man erstere wieder abheben. Hier verbarg er den größten Thril seiner Schätze und er behielt nur einen kleinen Theil zurück, denn es hätte Auf. sehen erregt, wenn die Krieger nichts im Schlosse vorgefunden hätten. Und er hatte recht gerechnet. Als nach kurzer Zeit sich die rohen Schaaren über das Land ergoßen, füchten sie auch die Schlangen« bürg heim, raubten, was ihren Augen gefiel, und zertrümmerten, was sie nicht mitnehmen konnten; I nur das Muttergottes bild blieb unberührt. Als ich die alte vergilbte Chronik durchgelesrn, ' stand es sogleich in mir fest, daß auch ich den Kasten an demselben Ort verbergen wollte. Als eines Tage« mein Gkheimftkretär nach der Residenz zum Erbherzog befohlen war und in Holzendorf ein Volksfest stattfand, das mitzumachen ich fast meiner ganzen Dienerschaft erlaubt hatte, da schlich ich leise aus der Burg, um vorerst zu untersuchen, ob es mir möglich sein würde, die Madonna von ihrem Postamente zu entfernen. Ich war überrascht, mit welcher Leichtigkeit ich die hohle Puppe herabheben konnte. Ich fühlte in der Dunkelheit, daß eine lose Platte den Hohlraum im Sockel bedeckte und daß die Oeffnung groß genug sei, um den Kasten hindurchzuschieben. Nicht so leicht gerade gelang es mir, das Bild wieder an seine Stelle zu bringen. Noch in derselben Nacht schleppte ich den Kasten von Ebenholz den Berg hinunter. Er war schwer, fast zu schwer für meine Kräfte, denn ich bin krank und erschöpft, und mehrmals mußte ich ihn nieder« fetzen, um mich auszuruhen. Aber mein nächtliches Werk wurde ausgeführt, der Schatz ruht jetzt in dem Postamente des Muttergottesbildes und Niemand wird ihn dort suchen. Am anderen Tage begann ich mit dem Punktirrn der Buchstaben im Jesus Sirach; morgen reist ein Mann, dessen Vertrauen ich mir erkauft, mit der Bibel und einem langen Brief an Dich von hier ab, und einige Tags später geht von hier ein Zigeunerweib mit einem zweiten Brief, worin Du weiter nichts findest, als den Schlüssel zu dem Geheimniß, welches in der Bibel enthalten. Sobald sie Dir den Brief übergeben, muß Dein Gemahl sich sofort auf .den Weg machen und zwar in Be reitung eines Vertrauten. Ich wiederhole, daß die Madonna mit Leichtigkeit herab« zuheben ist und daß es auch keiner besondern An« strengung bedarf, um die weiten Scheiden auf die eisernen Stäbe wieder hinabzusühren, und ich bitte darum, das Bild wieder auf seinen Standpunkt zurückzubringen, damit Aufsehen vermieden wird. Und so will ich denn von ganzem Herzen wünschen, daß die kostbaren Juwelen, die ich mit Stolz getragen, die Goldstücke, die ich erspart, in Deinen Besitz gelangen, damit sie Dich erfreuen und Dein Leben verschönern. Grüße Deinen Gemahl, grüße auch Deinen Vater, den ich bitte mir zu verzeihen, was ich ihm anthun mußte, Dir aber, meine geliebte Tochter, wünsche ich aus tiefster Seele alles Glück dieser Erde und ein langes, von keiner Sorge getrübtes Leben. Leb wohl, Dich grüßt Deins von aller Qual bald erlöste Mutter." Als Langenbach mit dem Vorlesen seiner Notizen fertig war, trat eine lange Pause ein. Endlich hob Siegfried den Kopf und sagte: „Und wann wollen wir das Geheimniß lösen?', „Wann? Morgen Abend natürlich. Ich habe mir schon Alles zurecht gelegt. Als meine Schwiegertante mir vor einigen Tagen die Bibel schickte, erhielt ich zugleich einen Brief von ihr, worin sie mir schrieb, daß sie nicht auf der Schlangenburg selbst wohne, sondern mitten im Park in dem sogenannten Jägerhäuschen, damit die Kranke die kräftige Wald« 135 tuft direkt genießen könne. Wir suchen gleich nach unserer Ankunft das Jägerhäurchen auf und sagen zugleich, daß wir nach der Probe noch einmal wieder vorsprechen würden, dann erwarten sie uns und gehen nicht zu Bett. Wenn dann die Gäste von der Schlangenburg fort sind, verabschieden wir uns, um nach Helzendorf zu gehen, und dann, Rohden« berg, heben wir den Schatz." Siegfried erhob sich und ging erregt im Zimmer auf und ab. „Jetzt gehen Sie nach Hause, lieber Freund", sagte Langenbach, „es ist spät geworden, vielleicht schlafen Sie trotzdem noch etwa«. Nach großen Auf« regungen gelingt es oft, leichter einzufchlummern, als nach den kleinen, unangenehmen." _____ „Schlafen werde ich nicht, doch das ist kein Unglück. Wäre erst Alles vorüber I" „Und glücklich, fügen Sie hinzu!" „Ja und glücklich! Wenn wir den Kasten dort nicht mehr finden?" „Dann müssen Sie sich trösten mit dem, was immerhin noch dabei gewonnen ist. Die verlorene Bibel ist wenigstens wieder da, und dieses Familien, gefpenst kann fortan keinem Mitglieds mehr den Kopf verdrehen, das ist unter Umständen auch schon eine Million werth." Siegfried nahm Hut und Stock, und Langenbach die Hand reichend, sagte er: „Gute Nacht, mein treuer Freund, nehmen Sie meinen Dank für Ihre Hülfe und guten Rath« schlüge." Langenbach leuchtete Siegfried die Treppe hin« unter. (Fortsetzung folgt.) Amerikanische Rechtspflege. Von Heinrich Köhler. (Nachdruck verboten.) Die jüngsten Vorgänge, welche sich während des Anarchistenprocesses in Chicago abspielten, haben die Aufmerksamkeit der alten Welt wieder einmal auf die amerikanische Rechtspflege gelenkt. Es giebt Optimisten, bis Amerika „das Land der Zukunft" nennen, es giebt aber auch Leute, die längere Zeit dort gelebt und ein offene« Auge für feine Zustände gezeigt haben, welche aus der vielfach bestehenden Corruption einen weniger günstigen Schluß für die Zukunft, d. h. vor Allem auf die Einheitlichkeit der Republik ziehen. Einer der wundesten Punkte, auf den wir hier zunächst unser Augenmerk richten wollen, ist nun die Rechtspflege in den Vereinigten Staaten. Da alle Aemter in erster Linie vom Standpunkt der Parteiwesens besetzt werden, so zwar, daß die am Ruder befindliche Partei dieselben für ihre Anhänger in Anspruch nimmt, so kann man sich derken, daß weniger auf die Befähigung, als auf den Nutzen, welchen der Betreffende in seiner Stellung der Partei leisten kann, gesehen wird. Da ist denn auch der Richter mehr oder weniger der Sclave feiner Partei, welche ihm zu dem Amt verhalf und ihm dasselbe wieder entziehen würde, wenn er sich dessen unwürdig, d. h. zu selbstständig erweisen wollte. Es ist aus diesem Grunde eine sehr herkömmliche Sitte, daß Angeklagte sich weniger auf ihr gutes Recht, als auf den Einfluß ihrer Partei verlassen und es ist oft genug vorgekommen, daß oft notorische schwere Verbrecher fretge« sprachen wurden. Al» ein Beispiel unter vielen ist hier ein gewisser Stokes anzuführen, Eigsnthümer bedeutender Hotels, unter anderen auch des bekannten Hoffmann House, der großartigsten Restauration New.Yorks und überhaupt der Vereinigten Staaten. Dieser erschoß in einem New < Aorker Hütel einen Mann, Namens I. Firk, einen der größten Eisenbahn-Magnaten und beliebten Colonel, meuchelmörbertsch hinterrücks auf dcr Treppe. Das berüchtigte französische Schlagwort Cherchez la femme! Suchet dis Frau! fand bei diesem Recontre wieder einmal seine Anwendung. Der Mörder, welcher bedeutenden Anhang besaß, wurde mehrmals zum Tode verurtheilt und dann dennoch freigesprochen. Gleich der Vorfälle in Chicago erinnern sich die Leser gewiß noch jenes großen Volksaufruhrr in Cincinnati, welcher auch nichts weiter als das Resultat eines schimpflich bestochenen Urtheilsspruches seitens der Geschworenen war. Es handelte sich um ein besonders grausames Verbrechen, welches durch mehrmaliges Selbstgeständniß klar erwiesen war. Der Mörder Bremer hatte mit Hilfe eines Negers feinen Prinzipal im Stalle mit einer Eisenstangs erschlagen, ihn seiner Baarschaft beraubt und den Leichnam in den nahen Wald gefchleppt. Die Bevölkerung nahm an diesem Fall großes Interesse und man erwartete allgemein die Verurtheilung durch den Strang. Da erkannten die Geschworenen nur auf Todtschlag und verurtheilten den Mörder zu einer mehrjährigen Zucht- hauüstrafe. Selbst der Richter war empört darüber und in sämmtlichen Zeitungen war man darüber einig, daß hier eine Bestechung der Geschworenen durch den bemittelten Vater des Mörders, welcher zugleich ein einflußreicher Politiker war, vorlag. Es wurde ein großartiges Volksmeeting abgehalten, bet welchem trotz der Abmahnung ruhig gesinnter, angesehener Bürger der Beschluß gefaßt wurde, das Ge- fängniß zu stürmen, in welchem noch andere Mörder schon lange Zeit saßen, ohne daß dar Urtheil an ihnen vollstreckt wurde, weil durch Advocatenkniffe immer neue Moniente herbeigetragen wurden, um der Gerechtigkeit entgegenzuwirken. Das Gefängniß wurde auch gestürmt, aber man fand den Mörder Berner nicht mehr darin vor, da derselbe vorsichtshalber schleunigst nach dem Staatsgefängniß abgesührt worden war. Da die Polizei den Aufruhr nicht zu 186 unterdrücken vermochte, so wußten Milizen beordert werben und sogar Kanonen wurden zur Zerstörung der von der Bevölkerung errichteten Barrikaden auf» gefahren. Sämmtliche Geschworene, die bei dem „Berner Fall" betheiligt waren, hatten Cincinnati verlassen. Es gab viele Todte und Verwundete, auch das Gefängniß gsrieth in Brand und das Gerichts- gebäuds mit einer werthvollen Bibliothek brannte total nieder. Das ist wieder so ein drastisches Bfld der heterogenen Zustär-de Amerikas. Ein Berichterstalter des „Century" wies in einer statistischen Tabelle nach, daß im Jahre 1883 mehr els 1500 Morde in den Vereinigten Staaten verübt würden, während die gesetzlichen Hinrichtungen nur 93 betrugen. Die Ausstellung von nur einem Jahr kann freilich keinen maßgebenden Ueberblick geben, dazu müßte man eine längere Reihe von Jahren in's Auge fassen. Aber derselbe Journalist kam bei einem weiteren Rückblick zu der Schlußfolgerung, daß bie Anzahl der jährt. Morde in der Union sich aus 1300 bis 1400 belaufen, während die Executionen nie die Zahl von 100 übersteigen. In klaren Worten: von 14 Mö dein entkamen 13 dem wohlverdienten Galgen. Aus derselben Quelle wird uachgewiesen, daß die Zahl der „Lmchings" in den Vereinigten Staaten die gesetzlichen Hinrichtungen um 25 pCt. überstiegen, indem im Jahre 1883 125 Personen durch Volksjustiz ihr Leben verloren- In der Stadt New-Aork kommt durchschnittlich jede Woche ein Mord vor. Das sind erschreckliche Thaisachen, denen gegen« über die humane Anschauung, welche die Todesstrafe ganz beseitigt wissen möchte, nicht Anwendung finden kann. ES wäre gar nicht vorher zu sagen, rvelche Zustände in solchem Falle dort drüben Platz greifen würden. Man steht hingegen ein, daß das amerikanische Crimincl-System in einer Weise gehandhabt wird, daß die Gesellschaft nicht 6et^bi:nb an Leib und EigcMhum geschützt wird. Man kann sogar den Satz als feststehend betrachten, daß es der Vertheidi- gung viel leichter ist, den Geschworenen gegenüber einen Verbrecher loszubekommen, als daß es dem etwa unbestechlichen R chter gelingt, ihn der verdienten Ser« urtheilnng zu überliefern. An dieser Calamität trägt die meiste Schuld die aus den Geschworenen bestehende Jury, weil nachgewiesener Maßen diese in 9 Fällen von 10 zu Gunsten des Verbrechers organisirt ist, Notabene wenn dieser Verbindungen und (Se(b besitz!, denn bei einem armen Teufel werden rauirlich nicht so viele Umstände gemacht. Das CriminaOVersahren bietet in seiner Weitschweifigkeit eben Gelegenheit zu allerlei Winkelzügen und Anhaltungen. Man denke nur an das Poffenspiel, welches mit dem Präsidenten» Mörder Gui'.au aufgesührt wurde, welches die Empörung der ganzen civilisirten Welt hervorrief. Hier kommen wir nun zu einem der wundesten Punkts im amerikanischen Leben, der sog. Lynchjustiz, die, wie vorhin schon gesagt, die rechlskrästtgen Exe- eutionen noch übersteigt. Früher beschränkte sich die Selbsthilfe mchr auf die entlegeneren Staaten, in denen bei der schwachen Bevölkerung von einer geordneten Gerichtspflege schon aus diesem Grunde nicht die Rede sein konnte. Man knüpfte d n ertappten Pferdedieb einfach an den nächsten Baum, um ein | drastisches abschreckendes Beispiel zu geben. Man übte aber die Lynchjustiz auch in viel grausamerer l Weife aus. Es läßt sich nicht verkennen, daß die I Selbsthilfe in diesem Falle ihre Berechtigung hatte, denn das biblische Wort: So Dir Jemand einen Streich giebt auf den rechten Backen, so halte den andern auch hin, läßt sich in Wirklichkeit nur nicht gut in Anwendung bringen und es blieb den Farmern nur die Wahl, sich an Leib und Eigenthum schädigen zu laffen, oder den Frevler unschädlich zu machen. Heute aber ist die Selbsthilfe nicht mehr aus die noch wenig bevölkerten Staaten beschränkt, sondern die z corrnmpirte Gerichtsbarkeit ruft den Zorn und die s Rache des Publikums allgemein wach, welche sich dann ( einmal in so großen Demonstrationen äußert, wie die ; von Cincinnati erwähnte. Die Frechheit der Ver« s brecher ist denn auch auf einen hohen Grad gestiegen, f so daß selbst in den größten Städten am Hellen Tage I Niemand seines Lebens sicher ist. Es sind verschie« ; deutlich Eiserbahn-Attentate ganz in der Nähe bei i New Uork vorgekommen und es ist erstaunlich, wie - ein so paar freche Strolche die Paffagiere eines ganzen | Eisenbahnzuges in Schach zu halten vermögen. Ein I paar Kerle ziehen plötzlich ihre Revolver aus der l Tasche und halten dieselben auf die Passagiere ge- s richtet, während einer oder mehrere ihrer Genossen - die Taschen der Mitreisenden entleeren. Gs ist ein l komisches Bild, alle männlichen Passagiers, die selbst 1 ihre Waffe in der Tasche tragen, ruhig still halten zu sehen und sich ausbeuten zu lassen. Freilich, wer ] möchte gern derjenige fehl, welcher sein theures Leben : mit ziemlicher Gewißheit für die andern in die * Schanze schlägt! Recht bezeichnend und instructiv ist es denn auch, ! wenn man einen Mick in dis illustr-rten amerikani- '■ schon Journale, wie z. B. Police-Gazette und The ■ illustrated Police News, wirft. Da kann man ' erfahren, welche Rolle der Revolver im amerikanischen j Leben spielt. Nichts wie Attentats, Attentäter und - Geschossene. Hier kniet im Wirthshaus einer mit ’ dem Revolver in der Hand auf seinem lieben Nächsten, i während aus dem Fenster ein noch rauchender Revolver starrt. Ein anderes Sifb zeigt uns eine Straßen» feere, wo nrlürlich geschossen wird, indem zwei Strolche eins Gesellschaft von nach Hause zurückkehrenden Gentle- men überfallen und ausrauben. Es ist eben ein Land der Coniraste, dieses Amerika. In vielen Beziehungen ein herrliches Land, in manchen noch im tiefen Sumpfs steckend. Die Vereinigten Staaten haben noch eins schwere Krisis durchzumachen, ehe sie von all' der Fänlniß, die in ihnen herrscht, sich befreien, aber der Most, der am stärkst.» gährt, giebt ja den edelsten Wein und es hat den Anschein, als ob unter dem jetzigen Präsidenten Grover Cleoüand ein energischer Anfang mit vernünftigen Reformen gemacht worden ist. Rchsstion! A. Scheyda, — Druck und Verlag de? Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr- Pietsch) in Gieße».