Hießener Aamilienbläller. Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger. Dienstag den 19. Juni. 1888. Aer Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) „Jasper Lowder pflegte sonst der großmüthigste, selbstloseste Junge zu sein, den ich je kannte", murmelte der Baronet, traurig sinnend. „Was kann seine Natur verändert und umgekehrt haben? Und ich fürchte, er ist nicht ganz wahrheitrltebmd. Wo ist das strenge Ehrgefühl, das ihm sonst eigen war! Ich fürchte, daß er nicht würdig ist meiner kleinen, reinen, wahrhaften, unverdorbenen Blanche!" Dieser Gedanke verursachte ihm einen bitteren Schmerz. Er überblickte in seinem Grdächtniß die verschiedenen Züge in Lowder'S Benehmen, die sich ihm, als auf den Charakter eines Abenteurers deutend, ringt prägt hatten. Er hatte den gezwungenen Ausdruck bemerkt, der Lowder in seinem neuen Leben charakterisirte. Ec hatte die Selbstsucht des Eindringlings bemerkt, sein zeitweiliges Ab weichen von der Wahrheit, und einige Male hatte er ihn in unbewachten Momenten überrascht, wo sich Lowder'S wirklicher Charakter deutlich in dem verschlagenen Ausdruck seines Gesichtes zeigte. Es war daher nicht sonderbar, daß der Baronet bekümmert war. „Ich sehe jetzt ein, daß ich ihn nie hätte von mir lasten sollen", dachte er. „Das Leben in der Fremde hat ihn verdorben. Er ist mehr Jntriguant als Edelmann. Er hat die Frische seiner Seele verloren, seine Augen begegnen den meinen jetzt nie mehr mit dem offenen, furchtlosen, treuen Ausdruck, den ich so sehr an ihm liebte. Mir scheint fast, als ob er etwas zu verbergen hätte. Wird seine Liebe für Blanche ihn veredeln, oder wird er ste elend machen?!* Er überlegte diese Frage, al» das Nollen von Nädern in der Allee seine Aufmerksamkeit erweckte. Er schaute aus dem Fenster und erblickte einen Mtethwagen, welcher dem Haupteingange zurollte. Sir Arthur erkannte sofort, daß der Wagen von Glocester ge kommen sein müßte. Er hielt vor dem großen Thore und der Kutscher zog an der großen Glocke; im nächsten Augenblicke bestieg er wieder den Bock, fuhr eine kurze Strecke weiter und blieb dann stehen. Sir Arthur konnte sehen, daß seine Insassin ausgrstiegen war. Ehe der Baronet seinen Gedanken- gang wieder aufnehmrn konnte, trat ein Diener ein und fragte nach Herrn Guy Tresstlian. r „Er ist ausgegangen", sagte Sir Arthur, „wird jedoch im Verlaufe des Vormittags noch zurück- l kommen." | „Eine Dame wünscht ihn zu sprechen, Sir Ar» | thur", meldete der Diener. „Sie sagte, ihre Ange- i legenhett sei rv'ch-ig." „Eine Dame! Führt ste in den Salon, Joseph, j und bittet ste, zu warten, bis mein Sohn zu- f rüäkommi." Der Diener entfernte sich, kam jedoch sehr bald wieder zurück, mit einer Visitenkarte in der Hand. „Die Dame hat Eile, Sir Arthur", sagte er. Sie wünschi in ihrem Wagen nach Glocest-r zurückzukehren, um einen bestimmten Zug nach London zu erreichen. Sie fragte mich, ob Sir Arthur sie nicht empfangen wollte. Hier ist ihre Karte." Ec übergab dieselbe S!r Arthur, dieser schaute sie an und las auf derselben den Namen: Frau Hefter Lowder. „Lowder", wiederholte er. „Ah, irgend eine Verwandte de» unglücklichen, jungen Mannes» den Guy in Sicilien zmückließ! Ich glaube, Guy hatte gesagt, daß Jasper Lowder gar feine Verwandten habe. Joseph!" „Zu Befehl, Sir Arthur!" „Führt die Dame in den Salon und sagt ihr, daß ich gleich hinüberkommen werde." Der Diener entfernte sich und Sir Arthur folgte bald darauf. Als der Baronet in den eleganten Salon eintrat, stand eine Frau aus einem Fauteuil auf und näherte sich Sir Arthur, während das graue Licht aus dem Bogenfenster voll auf sie fiel. Sie war ein kleines, schmächtiges, mädchenhaftes Geschöpf von etwa 21 Jahren und in tiefste Trauer gekleidet. Ihr dichter Kceppschleier war zmückgc» schlagen und zeigte Sic Trlhur's Blicken ein bleiches, angstvolles Gesicht, ein Paar dunkle, bittende Augen mit einem schüchternen, flehenden Ausdruck, der sofort Sir Arthur's Theilnahme gewann. Unwillkürlich reichte er ihr seine Hand. Sie reichte ihm erwidernd ihre eigene schw:rz behandschuhte Hand, während Thränen in ihre kummervollen Augen traten. „Ich bin Sir Arthur", sagte der Baronet höflich. „Mein Sohn ist auf dem Gute draußen und wird in einer oder zwei Stunden hier sein." „Ich kann nicht so lange warten" sagte die junge Fremde in schüchtern?«, furchtsamen Tone. „Es ist mir sehr viel daran gelegen, noch diesen Abend nach : London zurückzukehren." „Ich bitte, setzen Sie sich", sagte Sir Arthur i freundlich. „Ihr Familiennamen ist m r bekannt", 286 und er blickte aus die Karte, die er noch in der Hand hielt. „Irre ich mich in der Vermuthung, daß Sie eine Verwandte des jungen Manner sind, den in Sicilien ein so schreckliches Geschick ereilte? Der Name Lowder ist nicht gewöhnlich." „Sie haben Recht, Sir Arthur, wenn Sie mich für eine Verwandte des armen Jasper Lowder halten", sagte die junge Frau, in dem zunächst stehenden Sessel Platz nehmend. „Ich bin, o Himmel! ich war seine Frau!" „Seine Frau!" rief der Baronet erschrocken aus. „Ja, Sir Arthur", und das arme junge Geschöpf schaute kläglich zu dem Baronet auf. „Und ich bin jetzt seine Wittwe!" Sie rang die behandschuhten Hände in stummer Trauer. „Seine Wittwe!" wiederholte Sir Arthur ganz verwirrt. „Er ist also tobt, der arme Mensch! Ich wußte nicht, daß er verheiratßet sei." „Wir waren zwei Jahre verheirathet", sagte Frau Lowder, vergeblich bemüht, ihre Thränen zu unterdrücken. „Wir heiratheten im Auslande, wo ich seither gelebt habe. Wir haben Beide fleißig gearbeitet, Sir Arthur, in der Hoffnung, uns eine kleine Summe zu ersparen, und jetzt ist Alles eus! Er ist tobt und ich bin hoffnungslos!" Ihre Stimme erstickte in einem Schluchzen. „Das ist sehr sonderbar", sagte Sir Arthur ernst. „Mein Sohn sagte mir, daß der arme Lowder in der ganzen Welt keinen Freund besaß. Ihr sagt, daß Ihr zwei Jahre verheirathet wäret?" „Beinahe, Sir Arthur", entgegnete die arme, junge Fremde zustimmend. „Jasper hat von seiner Großmutter etwas Geld geerbt, als er majorenn wurde. Sie hat in Brigston ein Wirthshaus geführt. Mit diesem Geld; ging er in's Ausland. Er kannte die Welt noch nicht, und da er den Hang zu einer verschwenderischen Lebensart hatte, war sein kleines Vermögen bald aufgezehrt. In drm ersten Jahre seines Aufenthaltes im Auslände lernten wir uns kennen. Mein Mädchenname war Hefter Meß, ich hatte eine Stellung als Gouvernante bei einer in Berlin lebenden englischen Familie, aber Jasper liebte mich, ich liebte ihn wieder und wir heiratheten uns. Die Hochzeit wurde in aller Stille vollzogen. Nach derselben nahm mich Jasper in sein Hütel, wo wir einen Monat verweilten. Ach, cs hat nie einen besseren oder zärtlicheren Gatten als ihn gegeben !" Und sie fing wieder bitterlich zu weinen an. „Arme Frau!" sagte Sir Arthur. Hefter Lowder schaute durch ihre Thränen dankbar lächelnd zu dem Baron auf. „Es ist so hart, ihn tobt zu wissen", schluchzte sie. „Ich kann mich noch nicht daran gewöhnen." „Es ist furchtbar", sagte der Baronet theilnahms- voll, „Jemanden zu verlieren, der uns so nahe steht und uns so thruer ist!" „Und er stand mir so nahe, war mir so theuer", murmelte das trauernde junge Geschöpf. „Nachdem wir einige Wochen in dem Hütel gewohnt hatten, nahmen wir eine Wohnung; in derselben lebten wir ein Jahr, bis unser Kind geboren wurde und Jas- per's Geld zur Neige gegangen war; und dann — wie schwer war es! — muhte ich wieder zu meinem alten Geschäfte, dem Unterricht greifen, und Jasper versuchte es auf verschiedene Art, Arbeit zu bekommen. Dir Fam'lie, bet der ich früher unterrichtet hatte, lebte wohl noch in Berlin, aber sie hatte eine andere Gouvernante und brauchte mich nicht; man empfahl mich jedoch einer bekannten Familie, bei welcher ich seither lebte. Mein Kind gab ich in Pflege. Und als Jasper's Aussichten am trübsten waren, wurde er von Trefsilian, Eurem Sohne, den Gott segnen möge, als Reisebegleiter ausgenommen. Sowohl ich als Jasper hatten uns während des vergangenen Jahres Geld erspart. Noch ein Jahr und wir hätten unsere Schule anfangen können. „Ahr habt ein Kind?" fragte der Baronet. „Ja, Sir Arthur, einen Knaben von 15 Monaten, mit seines Vaters blauen Augen und blonden Haaren. Mein armer kleiner, vaterloser Junge! Ich brcchte ihn mit mir nach England. Er ist in Glocester, wo ich ihn in dem Gasthofe in der Obhut eines Stubenmädchens zurückließ." „Und Ihr habt keine Verwandte?" „Gar keine, Sir Arthur. Ich wurde früh ver- waift und in einem Institute für verwaiste Pfarrers- töchter erzogen. Mein Vater war ein Pfarrer. Ihr seht also, daß Jasper und das Kind Alles waren, was ich hatte — und Jasper ist nun dahin." Sir Arthur bemitleidete das schüchterne, be- dauernswerthe Geschöpf mit väterlicher Theilnahme. Eine Wittwe mit einem jungen Kinde allein in der Welt! Ihr Loos war hart. „Wann ist Euer Gatte gestorben?" fragt er. Die traurigen Augen öffneten sich weit vor Erstaunen. „Hat Euch Herr Trefsilian nichts von dem schreck- lichen Schiffbruche an der sicilianischen Küste erzählt? ' fragte sie. „Jasper ist in dem furchtbaren Sturme damals zu Grunde gegangen. Sein Leichnam wurde nie gesunden. Das Meer wollte ihn nicht her« ausgebsn." „Meine liebe Frau Lowder", sagte der Baronet, „hier liegt irgend ein seltsamer Jrrthum zu Grunde. Euer Gatte ist bei diesem Schiffbruche nicht umgc- kommen; er lebt." „Lebt?" - Hester Lowder sprang auf und starrte den Baronet wild an. „Er lebt? Sir Arthur, ich — verstehe nicht —" „Es wäre vielleicht beffer für Euch, ihn tobt zu glauben, als bie Wahrheit zu wissen", sagte ber Baronet. „Es wäre weit beffer auch für ihn, wenn er tobt wäre. Aber er lebt, meine arme Frau, er lebt — aber er ist rettungslos blöbsinnig!" Hester Lowder sank betäubt nieder. „Er wird Euch nie wieder erkennen", fuhr der Baronet fort, der es für klüger hielt, ihr die Wahr- ; heit ungesäumt miizutheilen. „Sein Geist ist leider 287 gegeben hab'. Mein Mann lebt. Wie immer sein Zustand sein mag, ist es meine Pflicht und nicht bte einer Fremden, ihn zu pflegen, für ihn zu sorgen und über ihn zu wachen." Und ein entschlossener Ausdruck trat in die schüchternen, traurigen Augen. „Ich werde mit dem ersten Zuge zu ihm reisen." , Ihr werdet doch nicht so bald gehen?", sagte Sir Arthur dringend. „Erlaubt mir, Euch einige Erfrischungen anzubieten." „Ich danke Euch, Sir Arthur, ich kann unmöglich essen." , _ r , . M „Bleibt wenigstens, bis mein Sohn kommt. will ihn durch einige Diener suchen lassen. Er wird Euch genauere Auskunft geben." „Ich kann nicht bleiben, Sir Arthur. Jeder Augenblick, der jetzt meine Reife verzögert, fchemt mir eine Ewigkeit. Jasper kann mich vielleicht brauchen — diese Leute find vielleicht hart gegen ihn. In keinem Falle können sie ihm dieselbe zärtliche Sorgfalt angedeihrn lassen, wie seine Frau es lhun würde. D nein, nein, ich kann nicht bleiben; ich bitte, dankt Herrn Tresstlian für seine Freundlichkeit gegen mich. Nur wünschte ich, daß er mir die Wahrheit gesagt hätte!" Sie reichte Sir Arthur abermals die Hand, dieser forderte sie nochmal» auf, zu bleiben, bis sein Sohn nach Hause käme, aber sie hatte große Eil^ ihre Reife in'» Ausland anzutreten. Sie sehnte sich so sehr, ihn wieder zu sehen, den sie für tobt betrauert hatte, und kein Zureden konnte sie noch zurückhalten. Sie verabschiedete sich, stieg in ihren Wagen und crcheilte dm Befehl, nach Glocester zurückzufahren. Der Kutscher gab den Pferden die Peitsche und der Wagen rollte die Allee hinab. Er pai'sitte das Schloßthor und fuhr auf der Straße nach Ardleigh hinaus. Hefter Lowder lehnte sich an das offene Fenster und schaute hinaus. Al» bet Wagen in dm schcttigen Park einbog, welch-r die Straße ab. schnitt. bemerkte die junge Frau eine theilnahmslose Gestalt, welche sorglos an einem niederen Gitter lehnte. Es war die Gestalt Jasprr Lowder'». Mck einem Schrei, der gellend durch die Lüfte drang, tief fie* v , Laßt mich hinaus! Laßt mich hinaus! Da ist jetzt Jasper! O Jasper! Mein Gatte!" Der Wagen hielt kaum stille, als Hefter Lowder die Thür aufriß, heraussprang und zu ihrem Gatten hinstürzte. „ , ,,, , . , Jasper! Jasper!" schrre sie in schluchzendem Tone. „Sie sagten mir, Du seiest tobt — Du seiest blödsinnig! O Jasper!" Sie flog mit ausgestreöten Armen auf ihn zu. Und Jasper Lowder stand da, wie eine Statue, gelähmt an allen Gliedern, mit einem entsetzten Aus- druck in den Augen und aschgrauer Bläffe im Gefich . War die Stunde der Vergeltung für ihn gekommen? Hatte ihn die Gerechtigkeit ereilt? a-läbmt. Er hat meinen Sohn nicht mehr erkannt, nachdem er diese furchtbare Verletzung erhalten hatte-, Lowder mit irrem Flü« » " Et lebt, und ich habe ihn Tag und Nacht al» t'odt" beweint, seit ich iE schreckliche Nachricht erbielt. Ich habe geträumt, daß ich ihn tobt sehe! Unb ich bin hierher gekommen, um Herrn Tresstlian zu fragen an Mlchem Theil der ficilianischen Küste der SchWruch geschah, damit ich Hinreisen unb warten könnte, bi» ba» Meer den Tobten herau». giebt. Herr Tresstlian vergaß mir zu sagen, wo ba» Unglück geschehen ist." „Ihr habt meinen Sohn also gesehm?' Nein, Sir Arthur, er hat mir von Marseille au» "geschrieben und mit Jaspet'r Tod angezeigt!" Sir Arthur'» Gestcht erbleichte. „Ich verstehe nicht", sagte er verwirrt. „Guy versicherte mir, daß Lowder keine lebenden Verwandten habe! und Lowder war auch nicht tobt." „Ich habe Herrn Tresstlian'» Brief", sagte bte junge Fremde. „Seid so freundlich ihn zu lesen, Str Arthur." Sie zog ans der Tasche bett Brief, ben Jasper Lowder — ihr Gatte — von Marseille aus an ste geschrieben hatte. Sir Arthur schaute hin. E» war, wie er glaubte, die Handschrift seine» Sohne». Er entfaltete den Bries und las ihn. Sein Gesicht war sehr bleich, als er den Brief durchgelesen hatte und die junge Fremde anschaute. Dieser Brief, welcher mit dem Namen Guy Tressi. lian unterfertigt war, überführte seinen vermeinten Sohn einer Lüge! Er schauderte, als er die schein- bar so glaubwürdige Geschichte von Jasper Lowber'» Tod durch Ertrinken las und sich dabei erinnerte, daß sein Sohn ihm gesagt habe, der Verwundete lebe noch. Er war hier irgend ein Geheimniß verborgen, das er nicht ergründen konnte. „Vielleicht hat Euch Guy geschrieben, daß der Gatte tobt ist, weil er glaubte, Euch bamit den här- teren Schlag zu ersparen", sagte er. „Es mag fein", entgegnete Heftet Lowder, „aber Ich hätte die Wahrheit leichter ertragen. Herr Trefft- lian war sehr gut! Er schickte mir hundert Pfund, welche ich für meinen Knaben anlegen will — meinen armen, vaterlosen Knaben. Könnt Ihr mir sagen, Sir Arthur, wo ich meinen armen Gatten finden werde?" „Er ist In dem Hause eines gewiffen Vicini, eines Fischers, nahe dem Cap di Galla unb etwa fünf Meilen von Palermo entfernt, wie mein Sohn mir sagte", entgegnete Sir Arthur. H'ster Lowder nahm ihr Portemonnaie heraus, in welchem einige Blättchen unbeschriebenen Papiers und ein Bleistift sich befanden. Sie schrieb sich bte Adresse, welche ihr Sir Arthur gegeben hatte, sorgfältig auf und erhob sich dann, ihren schwarzen Shawl dichter um ihre bebende Gestalt ziehend. Ich danke Euch, Sir Arthur, für Eure freundliche Theilnahme und für bte Auskunft, bte Ihr mit M Einundzwarizigftes Kapitel. Gatte und Gattin. Der erste Gedarke Jasper Lowder'S, als er seine schwergekränkte, junge Gattin erblickte, war der einem Feigling so natürliche Gedanke — der Flucht. Aber der Schreck darüber, sie gerade in der Stunde seines Triumphes in Trejsilian.Hof zu sehen, schien ihn zu lähmen. Ihr freudige» Geschrei erklang seinen Ohren wie dar Donnern einer stürzenden Lawine, welche ihn begraben sollte! Und als sie aus dem Wagen sprang mit au? gebreiteten Armen und vor Entzücken verk ärkem Gestch'e auf ihn zustürzte, da schien sich Alles um ihn her im Kreise zu drehen. Ec klammerte sich an das kleine, offene Parkgitter und starrte sie mit entsetztem und furchtbarem Blicke an. Uni sie kam näher, während Freude, Neber* raschung und Entzücken aus all' ihren Zügen leuchteten. „D. Jasper!" schluchzte sie in aufgeregtem Tone, „ich habe Dich gefunden! Man ließ mich glauben, Du wärest tobt! Man sagte mir, Du seiest blödsinnig geworden. Sieh, ich trage Trauerkleider um Dich, mein Jasper, mein Gatte!" Bei diesen Worten hatte sie das Parkthor erreicht und umarmte Lowder mit stürmischer Freude. Er aber starrte sie an mit wilden, entsetzten Blicken. Wenn seine Gedanken und Wünsche Dolche gewesen wären, wäre da» arme junge Geschöpf auf der Sülls tobt niedergestürzt. Akur sie beachtete weder seine Blicke, noch sein Stillschweigen und war nur von dem Bewußtsein erfüllt, daß sie ihn gefunden habe. Sie faßte seine kalte, schlaffe Hand, führte sie an ihre Lippen und bedeckte sie mit Küssen. Schluchzend legte sie ihren vom Trauerflore umhüllten Kopf an seine Brust. Da sprang er zurück, als ob ihn eins Schlange gebissen hätte. Der einzige Gedanke, der ihn beherrschte, war, sie über seine Identität zu täuschen, wir er Sir Arthur Tresstlian und Blanche getäuscht hatte. Er wollte auch ihr gegenüber den ungeheuren Betrug ausführen'. Er wollte fein Ziel mit kühner Hand durchführen und die Rolle, die er übernommen hatte, sich als Guy Tressiltan auszugeben, weiter spielen. Hefter hatte ihn seit einem Jahre nicht gesehen. Die Aufgabe konnte nicht unmöglich sein. „Ihr irrt Euch, Madame", rief er daher in heiserem Tone aus, bemüht, einen Au druck großen Erstaunens in sein erbleichtes Gesicht zu bringen. „Ich kenne Euch nicht! Mein Name ist Guy Tresstlian. —" Die junge Frau wich einige Schritte zurück und schaute ihn dann mit erschrockenen, weit geöffneten Augen an. „O, Jasper!" schrie sie schluchzend. „O, mein Liebling! Kennst Du mich nicht — mich, Deine treue Hefter, Deine kleine Frau?" Lowder klammerte sich erbleichend an das Parkgitter. (Forts, folgt.) Die Abschaffung der Iotter in Arankreich. Eine historische Erinnerung. (Schluß.1 Vom Schmerz überwältigt schloß der Präsident die Augen. Nachdem er sich gesammelt, sprach er weiter: Jetzt brachen ihr die Folterknechte die rechte Hand ab, Finger nach Finger, und mein Blick verschwand in einem Meer von Blut. Da endlich, von der gräßlichen Pein überwältigt, bekannte sie die Diebin zu sein, aber selbst während dieses Geständnisses mahnte sie mich daran, daß sie meine Milchschwester sei und mitten im Winter im tiefsten Schnee sich vertrauensvoll zu mir geflüchtet habe. Als der Präsident bis hierher erzählt hatte, da erhob sich einem Geisterbilde gleich eine weibliche Gestalt von ihrem Sitze und ging auf den Präsidenten zu. Es war Frau Franziska v. Casabianca, die Milchschwester des Präsidenten. Sie zog ihren Handschuh aus und legte die matt herabhängende, vom Arm abgebrochene Hand wie versöhnend ans das Haupt des Greises. Dieser war tief erschüttert, die Anwesenden nicht minder. Der Präsident ergriff die Hand seiner Schwester und preßte sie an seine Lippen, während Thränen aus Beider Augen flössen. Nach einer Pause fuhr der Präsident fort: Am Abend desselben Tages erschien ich in meinem Richtkleid vor dem König. Es war großer Ball bei Hofe. Meine Schrift, in welcher Franziska zum Tode verurtheilt wurde, in der Hand, beugte ich meine Knie vor dem König und sprach: — Sire, die Folterknechte haben heute Vormittag meine des Diebstahls angeklagte Milchschwester gemartert und ihr die Finger von der Hand Glied um Glied abgebrochen. Ich selbst war ihr Ankläger und sie hat sich schuldig erklärt, Sire! Der König blickte mich gespannt an und forderte mich auf, weiter zu sprechen. — Ja, Sire, fuhr ich fort, sie hat sich schuldig bekannt, aber sie ist unschuldig! Ich habe sie fälschlich angeklagt und die Sache mit Vorsatz so gelenkt, daß der Schein gegen sie war. Erstaunt trat der König einen Schritt zurück. — Und weshalb thaten Sie das, Herr Präsident? — Weil ich meinem Vaterlande klar beweisen wollte, daß man auch von dem Unschuldigsten jedes nur mögliche Geständniß erpressen kann, wenn man die Folter anwendet. Um diesen Beweis zu liefern, Sire, opferte ich das Wesen, das mir aus Erden das Liebste ist. Der Ball war durch diesen Auftritt unterbrochen worden und die Musik schwieg. Ludwig XVI. fragte:,.MeineHerren, warumistder Ball unterbrochen worden? DieMusiksollweiterspielen! Dann ließ er den Kanzler rufen und sprach: — Mein Herr, von diesem Augenblicke an ist die Folter in Frankreich abgeschafft. Machen Sie dies sofort in meinem Königreich bekannt! Siebflction: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Hichener Äamitienblätter. Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger. --n 1—~**~—. ■ ■ , .. . , - -i — — ■1 r ■ , । - ■ ■■■--" ——— - —... -• Ux. 72. DonnerstG dm 21. Juni. 1888. Aaiser Iriedrich. t Leg' hin das Werkzeug, die Arbeit brich' ab Mein Volk, richt' auf Einen dein Sinnen, Aus ihn, dem entfallen der Herrscherstab, Auf ihn, der geschieden von hinnen: Es deckt Kaiser Friedrich die ewige Nacht, Die Prüfung des Dulders, nun ist sie vollbracht. Des Vaters würdig, ein Mann und ein Held, So durften mit Stolz wir ihn nennen; Vom Friedensanwalt, vom Sieger im Feld Beschloß das Geschick uns zu trennen. Um Friedrich den Denker, so edelgesinnt, Klagt mehr noch als Worte die Thräne, die rinnt. „Ein Jeder steht meinem Herzen gleich nah' „Weß Glaubens er sei und Bekenntniß" *), Dies Kaiserwort bleibet als Markstein da, Der Duldsamkeit ehrend Geständniß. Ruhmbringender Großthaten Glanz lockte nicht Den mächtigsten Fürsten im Staatengericht. Wie sehr sein Heimgang die Herzen bewegt, Wie tief auch die Trauer, die Klage, So bleibt „unser Fritz", durch Treue gehegt, Ein Liebling noch kommender Tage. Was Tüchtigkeit stetig im Leben geschafft, Das baut uns're Zukunft, bewahrt seine Kraft. Friedberg in der Wetterau. Car» Trapp. *) Aus Kaiser Friedrichs Erlaß vom 12. März 1888. 290 Low- I Die Stimme der armen Hefier war sanft und schmeichelnd, wie die Stimme ihres kleinen Kindes und Lowder entdeckte das tiefe Weh darin, all' den furchtbaren Schmerz einer Seele, die auf sich selbst angewiesen und von dem einzigen, den sie anbetet, verstoßen wird. Unwillkürlich veränderte sich das Gesicht des schuldbewußten Mannes. Die Linien um seinen Mund zuckten unruhig, seine arme, verstoßene junge Frau hatte den noch rmpfindungsfähigen Punkt seiner die Stirne. , „ „Was habt Ihr gesagt? War habt Ihr ihm erzählt?" keuchte er athemlor. Du kennst ihn also?" fragte seine Frau. „Er sagte mir, Du wärest noch in Sicilien. Welchen „Dies ist irgend ein Jrrthum", murmelte der. „Ich kann es nicht verstehen. Ihr haltet mich vielleicht für Jasper Lowder! Wir sehen uns ähnlich wie Brüder. Seid Ihr vielleicht die Person, der ich von Marseille aus schrieb? Seid Ihr Frau Freundlichkeit gegen mich danken. So kam ich denn in einem Wagen von Glocester nach Tressilian-Hos und habe Sir Arthur gesehen." Lowder fuhr mit einem wilden Satze zurück. „Ihr habt Sir Arthur gesehen?" „Ja", stammelte die arme Frau. „Wie edel und großmüthig er ist. Ich erzählte ihm meine traurige Geschichte; ich zeigte ihm den Brief, den mir sein Sohn von Marseille aus geschrieben — den falschen, grausamen Brief. —" Lowder keuchte vor Entsetzen. Latte Hester in ihrem Kummer und ihrer Verzweiflung den arglosen Baron auf die Spur der Wahrheit geführt? Kalter Schweiß trat ihm aus Lippen zuckten. „Er ist wahnsinnig", flüsterte sie. „Sir Arthur hatte recht! Jasper ist wahnsinnig!" Sie zwang ein Lächeln auf ihre bebenden Lippen und trat einen Schritt näher auf ihn zu, ihn noch immer mit erschreckten Augen anschauend und sagte traurig: „Armer Jasper, Du hast bei dem schrecklichen Schiffbruche eine furchtbare Verletzung erlitten! Wenn ich bedenke, daß Du nicht einmal mich erkennst! Und Du erinnerst Dich nicht an mich, Liebling?" „Natürlich nicht", sagte Lowder mürrisch. „Dies ist eine sonderbare Täuschung." „Und an das Kind erinnerst Du Dich auch nicht? " versetzte die junge Frau mit zitternder Stimme und flehendem Blicke. „O, Liebling, Du erinnerst Dich nicht an unseren Knaben, unseren blauäugigen, süßen kleinen Jungen? Er kann jetzt Papa sagen in so lieblichem, schmeichelndem Tone. Und er ist ganz Dein Ebenbild, Jasper. Gewiß erinnerst Du Dich an das Kind!" Hkster Lowder?" Die Lippen der jungen Frau zuckten schmerzlich. „O, Du weißt, daß ich's bin, Jasper", rief sie kläglich. „Wie seltsam Du mir vorkommst! Weißt Du nicht, daß ich Deine Frau bin, Gelebter — Der Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Deine kleine Hester!" Wieder trat sie näher an ihn heran mit liebevoll flehendem Blicke; und abermals trat Lowder von ihr hinweg in den Schatten der Bäume und aus den Augen des erstaunten Kutschers. „Entschuldigt, Madame", sagte Lowder hart. „Ist es unmöglich, Euch von Eurem Jrrthum zu über- zeugen? Ich bin nicht der, den Ihr sucht. Ich bin ,---------.... .. „ . . - . , Guy Tresfilian, Sohn Sir Arthur Tresstlian's von verworfenen Seele getroffen. D»e angstvoll Bittende Tressilian-Hsf! Ich kenne Euch nicht; ich habe Euch | an seiner Seite glaubte, daß er sich bemühe, fein ' • ««.....6 Gedächtniß u erwecken. „Versuche er, Dich zu erinnern, Liebling", sagte sie sanft. „Ich bin gekommen, um Dich von hier fortzunehmen. Das Kind und ich, wir müflen Dich haben. Bedenke nur, wir hielten Dich für tobt und unter den grausamen Wogen begraben liegend; Herr Tressilian schrieb mir so. Und als ich den Brief las, war ich außer mir vor Verzweiflung — ich glaubte, ich würde sterben, ich gab meine Stelle als Gouvernante auf, nahm unser Kind von seiner Kostfrau fort, und sobald ich im Stande war, die Reise zu unternehmen, denn die Nachricht von Deinem Tode machte mich krank — kam ich nach England. Herr nie gesehen. Ich war noch nie verheirathet. Wenn Ihr nicht wahnsinnig seid, müßt Ihr einsehen, daß Ihr Euch irrt und Euch entfernen." Die arme Hester war ganz erstarrt über diese Ansprache. Sie schaute ihn mit wilden, scharf prüfenden Blicken an. Jasper Lowder glaubte, daß er Zweifel und Ungewißheit in ihr erregt habe. Er begriff die unvergängliche Liebe eines reinen und hingehenden Weibes nicht. Er wußte nicht, daß ein halbes Jahrhundert, zu dem einzigen Jahre ihrer Trennung hinzugrfögt, auch nicht im Stande gewesen wäre, fein Bild aus ihrem Herzen zu verwischen. Er wußte nicht, daß jeder Ausdruck in seinen blauen . ..........------7 - - - „ Augen, jede Welle seines blonden Haares, jede Linie i Tressilian vergaß mir zu sagen, wo das Unglück in seinem schönen Gesichte ihr so bekannt war, wie geschehen war und ich wollte ihn über Dich unv das La'chen ihres Kindes — ja noch viel bekannter. \ Deine letzten Stunden fragen und ihm für seine Er konnte nicht wiffen, daß sie sogar die Seele ~ erkannte, die aus seinen Augen sprach, daß sie über jeden Zweifel hinaus wußte, daß er ihr Gatte fei. Feig, schwach und schlecht, wie konnte er die Tiefe einer Natur, wie die ihrige, ergründen? „Ich wiederhole es", rief Lowder aus, „daß ich Euch nie zuvor gefehen habe, daß ich Euch nicht kenne, daß ich nicht verheirathet bin!" Lowder hielt inne, als ein Ausdruck wilder Angst in Hester Lowder's Augen trat. Das furchtsame Gesicht der armen Frau wurde sehr bleich, ihre 291 irHtten! Wenn mich erkennst! , Liebling?" irrisch. „Diez Du Dich auch ernder Stimme i erinnerst Dich äugigen, süßen i sagen in so b er ist ganz merst Du Dich var sanft und kleinen Kindes darin, all' den : auf sich selbst en sie anbetet, is Gesicht der en um seinen erstoßene junge en Punkt seiner igstvoll Bittende I bemühe, sein Liebling", sagte Dich von hier sir müssen Dich ch für tobt und n liegend; Herr « ich den Bries weiflung — ich iieine Stelle als von seiner Kost- mar, die Reise m Deinem Tode England. Herr vo das Unglück über Dich und ihm für seine o kam ich denn ? Tressilian-Hof Satze zurück. I u. „Wie edel ilte ihm meine Den Brief, den chrieben — den und ihrer Verdis Spur der trat ihm aus habt Ihr ihm ne Frau. „Er ilien. Welchen Grund hatte er, mich zu täuschen? Vater und Sohn find Beide gleich - falsch und grausam. Ich wollte schon nach Sicilien reisen und sie mußten, daß Du hier bist." „Was - was hat Sir Arthur gesagt, als Ihr ihm den Brief zeigtet?" „Er sagte, sein Sohn wollte mir wahrscheinlich den ärgeren Kummer ersparen, Dich als Blödsinnigen zu finden. Aber Du bist nicht irrsinnig, mein Liebling. „Nein, aber ich muß es werden, wenn ich noch länger Eure seltsamen Reden anhören soll, Madame", sagte Lowder im heiseren, schrillen Tone. „Laßt es Euch nochmals sagen, daß ich nicht Jasper Low- der bin — daß ich Euch nicht kenne. —" „Armer Jasper!" sagte die junge Frau tröstend, seine Hand streichelnd und mit zärtlichen und angst, voll bittenden Blicken zu ihm aufschauend. Lowder begriff mit dumpfer Verzweiflung im Herzen, daß es unmöglich war, sie in Bezug auf seine Identität zu täuschen. Eine Liebe, wie diese, lieb sich nicht betrügen. Sie hatte Guy Tresstlian nie gesehen und wußte nicht, wie ähnlich dieser in der äußeren Erscheinung seinem verrätherischen Freunde war. Sie kannte ihren Gatten und es war unmöglich, gegen diese Ueberzeugung anzu- kämpsen. Was war zu thun? Er beschloß, lieber zu sterben, als sein Vermögen, seine Stellung an Blanche aufzugeben. Selbst in dieser Stunde, wo das Hinderniß zwischen ihm und Sir Arthur's Mündel wie eine Felsenmauer erstand, wagte er an die unschuldige Blanche zu denken. Ec schaute in Hefter Lowder's Gesicht hinab. Er war ein einfaches, ehrliches, liebevolles Gesicht — nicht schön, aber zart undTtngenehm. Ihre niedrige Stirne war von braunen Haaren umrahmt, aus ihren blauen Augen, die jetzt angstvoll zu ihm emporgewandt, sprach eine treue und reine Seele; ihr Mund zuckte von einem trau- rigen, aber muihigen Lächeln und ans all' ihren Zügen leuchtete zärtliche, thriluahmsvolle, weibliche Liebe, die sie für ihren verrätherischen Gatten fühlte. Trotz seines AergerS war Lowder's Herz gerührt. Er hatte nicht geahnt, daß sie ihn so namenlos liebe. Und dennoch in diesem Augenblicke durchzuckte ihn der Gedanke, wie er sie sich vom Halse schaffen könne, ohne seinen schändlichen Betrug und seine falsche Stellung einzugestehm und ohne den möglicher Weise schon erregten Argwohn Sir Arthur's noch weiter zu erwecken. Er schaute aus dem Schatten, in welchem er stand, heraus und erblickte den Kutscher, der noch immer mit verwirrter Miene in den Park hinein- schaute und auf Frau Lowder's Rückkehr wartete. Noch tiefer in den Schatten zurücktretend, schlug sich Lowder mit theatralischer Geberde mit den Händen vor den Kopf und fuhr sich dann abwehrend über die Augen, als wolle er einen Nebel von sich hinwegscheuchen. Dann rief er in theatralischem Tone, als ob er plötzlich zur Besinnung gekommen wäre, bestürzt au«: „Hefter!" Die arme Frau stieß einen Freudenschrei au». „Er kennt mich, er kennt mich!" rief sie ganz außer sich. „Er ist nicht wahnsinnig!" „Nein, ich bin nicht wahnsinnig", sagte Lowder, es war ein Ausdruck in feinen Augen, vor welchem die arme Hefter erschrak. „Ich bin jetzt bei klarer Vernunst, Hefter, obgleich ich seit dem furchtbaren Schiffbruche Jrrsinnranfällen unterworfen bin. Wie kamst Du hierher?" Hefter wiederholte die Geschichte, die sie ihm schon einmal erzählt hatte. „Ja, ja", bestätigte er, al« sie geendet hatte, „Herr Tresstlian schrieb Dir, daß ich tobt fei, um Dir den schlimmeren Kummer, mich wahnsinnig zu wissen, zu ersparen. Aber ich begann mich zu erholen, nachdem er Sicilien verlassen hatte. Und zeitweilig gesund, zeitweilig wahnsinnig, bin ich nach England gereist, um meinen Freund und Wohlthäter aufzusuchen. Ich habe ihn noch nicht gesehen, ich bin erste heute in bet Nähe von Tressilian-Hof an. gekommen!" „Mein armer Liebling! Aber warum bistSDu nicht gleich zu mir gekommen — zu Deiner Fran?" fragte Hefter. „Weil ich mir einbildete, daß Herr Tresstlian mir ärztliche Hilfe verschaffen würde", sagte der Heuchler. „Ich hatte Verstand genug, mich von Dir fern halten zu wollen, bis ich Dir wieder ganz ge» sund gegenübertreten könnte." Diese Erklärung, sowie daß er sie plötzlich er. kanut hatte, wie plump auch Beides angelegt war, täuschten die ehrliche, vertrauensvolle, junge Frau vollständig. Jasper Lowder war in ihren Augen groß, edel und vollkommen gewesen. Hefter war weder argwöhnisch noch scharfblickend genug, um zu sehen, daß er eine Comödie spiele. Ja ihrer großen Freude fiel cs ihr gar nicht ein, wie so gänzlich unwahrscheinlich es war, daß er in einem solchen Augenblick wieder Gewalt über seinen Verstand bekommen könne und sie auf diese Art erkennen würde. „Aber Du kennst mich jetzt, Jasper?" sagte sie, näher an ihn herantretend. „Sester!" „O, dem Himmel sei Dank!" rief das arme, junge Weib schluchzend. „Ich habe so viel gelitten, Jasprr; ich glaubte, ich hätte Dich v-rloreu, mein Liebling! Hast Du Sir Arthur und Herrn Steffi« lian schon gesehen?" „Noch nicht. Hast Du Herrn Guy — Herrn Tresstlian gesehen?" „Nein", antwortete die arglose Hefter, „fein Vater sagte, er fei im Park und würde bald zu- rückkommen." „Und wo wohnst Du, Hester?" „In Glocester, im Kronenwirthshaus. Und das Kind ist auch dort, Jasper." 292 „Wirklich? Ich staune, daß Du es wagtest, die Reise nach England allein zu unternehmen." „Ein Weib wagt Alles für Denjenigen, den es liebt", entgegnete die junge Frau einfach. „Ja, ich zweifle jetzt nicht mehr daran, mein wildes, kleines Rothkehlchen I Ich habe Dir gesagt, daß ich zeitweilig noch Jrrsinnsanföllen ausgesetzt bin. Ich muß so bald als möglich einen Arzt sprechen. Aber vor Allem muß ich meinen Freund und Gönner, Herrn Tressilian, sehen. Und Du, Hester, mußt in den Gasthof zurückkchren und mich dort erwarten." „O, Jasper, willst Du nicht mit mir gehen?" „Ich kann nicht. Habe ich Dir nicht versprochen, daß ich zu Dir kommen werde? Du mußt allein gehen und zu Niemandem sagen, daß Du mich gesehen hast. Wenn Du etwa Deine Autorität über mich geltend machen willst, so sage es nur, aber ich schwöre er Dir, Hester, daß, sobald Du aufhörst, Dich von mir leiten zu lassen, ich Dich verstoße. Wenn Du mir gehorchst, ist's gut, wo nicht, so verlasse ich Dich!" Diese Alternative war zu schrecklich für die junge Frau. Schluchzend versprach sie ihm unbedingten Gehorsam. „So ist's gut. Kehre unverweilt nach Glocester zurück. Ich will Dich in einigen Stunden in dem Gasthofe besuchen. Vergiß nicht, gegen Niemandem rin Wort über mich zu erwähnen!" „Und Du, Jarprr?" „Ich muß erst Herrn Trrsstlian sehen. Gehst Du jetzt?" Die junge Frou zögerte, ging einige Schritte weit und kehrte dann um und sagte traurig: „Jasper, Du vergaßest mich zu küssen!" Lowder beugte sich zu ihr hinab und küßte sie kalt. Es hatte eine Zeit gegeben, wo Hester's treues Herz und ihre liebevollen Augen sein Leben verschönt hatten, aber diese Zeit war jetzt vorbei. Die Gluth einer leidenschaftlicheren Liebe erfüllte ihn jetzt ganz und um Blanche zu gewinnen, würde er ruchlos dieses liebende, vertrauensvolle Weib geopfert haben. Hester erwiderte die Liebkosung mit einer langen, sehnsuchtsvollen Umarmung, dann wandte sie sich mit ersticktem Schluchzen um und verließ ihn. Sie öffnete das niedrige Parkthor und näherte sich dem Wagen, während sie den dichte» Krkppschleier über da» bleiche Gesicht zog. Der Kutscher sprang vom Bocke, half ihr in den Wagen und machte dann den Schlag zu. „Zurück in den Gasthof", sagte Frau Hester mit erstickter Stimme. Der Kutscher stieg wieder auf den Bock hinauf und das Fuhrwerk rollte von dannen auf der Straße nach Glocester. Jasper Lowder schaute ihm mit unbeschreiblich wildem Blicke nach. — „Das ist ein furchtbarer Strich durch meine Rechnung, ein schreckliches Hinderniß für die Ausführung all' meiner Pläne", murmelte er. „Wer hätte j gedacht, daß dieses furchtsame Geschöpf so viel Muth und Entschlossenheit besitzen würde, um nach England zu kommen? Ist je ein wahnsinnigerer Schritt gemacht worden, als daß sie ihre Stellung aufgab und m-t ihrem kleinen Kinde in die weite Welt ging? Warum hat sie nicht an Guy Tressilian geschrieben, wie es jede Andere gethan haben würde? Ist dieser thörichte, überflüssige Versuch ein Verhängniß? Bedeutet er Böses für mich? Warum ist sie nicht gestorben, als sie die Nachricht von meinem Tode erhielt? Sie ist eine von jenen liebevollen, hin« gebenden Frauen, welche an gebrochenem Herzen sterben und hat es doch überlebt!" Er murmelte eine Verwünschung gegen die arme Hester, die ihr Blut erstarrt haben würde, hätte sie sie gehört. „Ich habe mich geschickt aus der Schlinge gezogen", sagte er nach einer Pause zu sich selbst, als der Wagen seinen Blicken entschwunden war. „Das war eine geschickte Lüge. Ich will darüber nach, denken und Einzelheiten hinzufügen, um der Geschichte s einen wahrhaften Anstrich zu geben. Sie darf nicht ahnen, daß ich hier Guy Tressilian vorstelle. Sie muß glauben, daß Guy in eigener Person hier ist und ich sein Secretär bin. Ich will die Sache ganz genau überlegen, ehe ich zu ihr gehe. Sie wird es nicht wagen, an mir zu zweifeln, selbst wenn sie nicht so arglos wäre." Er stampfte den Boden heftig mit den Füßen und drückte die verwe'kten Blätter tief in den weichen, lockeren Boden. Nach eintr Weile schlug er bett Rückweg nach dem Schlosse ein, während ein finsterer Ausdruck seine Züge verdunkelte. „Vor Allem", dachte er, langsam in dem düsteren Schatten des December Morgens weiter gehend, „muß ich sehen, welches Unheil sie in dem Gemüthe Sir Arthur's angrstiftet hat. Meine Lage ist etwas unbequem. Sir Arthur ist die Seele der Ehren, Hastigkeit! Er haßt die Lüge! Er sagte gestern, daß Lügen das niedrigste Laster sei; daß es eine feige, verrätherische und entartete Seele ankündige. Ein Lügner, sagte er, könne kein Gentleman sein; denn kein Mann mit Ehrgefühl wird seine Seele so beflecken. Das Lügen war immer meine Force! Und nun bin ich in seinen Augen nicht nur einer, sondern mehrerer Lügen überwiesen! Ich sagte ihm, daß Jasper Lowder meines Wssens gar keinen Freund in der Welt besitze! Hester zeigte ihm aber meinen mit Guy Tressilian unterzeichneten Brief, aus welchem hervorgeht, daß zwischen ihr und Low« der irgend eine Verwandtschaft besteht. Lüge Nummer eins. Dann schrieb ich an Hester, daß Lowder ertrunken und tobt sei. Sir Arthur sagte ich aber, daß Lowder lebe, unb geistesgestört sei. Die Ver- schiebenheit in biesen Beibin Angaben muß ihm als Lüge Nummer zwei erscheinen. Ich bin neugierig, was er nun zu mir sagen wirb!" (Fortsetzung folgt.) Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. M. 73. Ro Ungeb beschleunij Herrenhat B bliothek in dem ft „Times" nicht. 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