Hichener Isamiüenbläüer. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. Donnerstag bett 16. Februar. 1888. Are verlorene Wiöet. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-PlSn. (Fortsetzung). Kam die Reihe an mich, so hatte ich immer nur das eine: Im kühien Keller sitz ich hier, — und ehe ich noch anfing, hörte ich schon die Rufe: Nun kommt der kühle Keller. Und hieran denkend, fing ich, ohne daß ich es wollte, dies Lied auch gestern an, brach der bald wieder ab, weil ich über mich selbst erschrack und zum Bewußtsein gelangte, daß es entsetzlich sei, wenn Jemand mich gehört hätte, — und nun ist doch mein schöner Baß bis zu Deinen Ohren gedrungen! Du wirst jetzt einsehen, liehe Alexandra, nachdem ich Dir eine längere Rede über die Entstehung meines Gesanges gehalten und den vermeintlichen Schatz meine« Kehlkopfes einer eingehenden Beleuchtung unterzogen, daß ich für Deinen Gesangverein ein völlig unbrauchbares Mitglied sein würde, nicht wahr?" „Ich will vorläufig davon abstehen", erwiderte die Geheimräihin, „aber die mir versprochene Probe wirst Du mir nicht vorenthalten, erst dann will ich mich entscheiden, wer Recht hat, Du oder Deine Bescheidenheit." „Gut, ich werde Dir den Beweis liefern, wenn wir einmal ganz allein sind, aber niemals wieder versuche ich mich innerhalb irgend welcher vier Wände, sondern Du mußt zu diesem Zweck mit mir eine einsame Bergspitze besteigen oder in einen stillen menschenleeren Wald gehen." Alexandra hatte sich wieder gesetzt; Frieda, die am Fenster Platz genommen, das Gespräch der Eltern aber aufmerksam verfolgt hatte, sagte jetzt: „Es ist doch eigrnthümlich, daß ich innerhalb einer Stunde nun schon zum zweiten Male einen Namen höre, der mir bis dahin noch niemals aufgestoßen ist." „Ja, ganz recht", erwiderte Alexandra, „den Hauptzweck unseres Hierseins haben wir Dir ja noch gar nicht mit^etheilt, — wohin man sich verlieren kann?" „Wir haben einen sehr intereffanten Besuch gehabt, Papa", sagte Frieda. „Interessant? — So? — Wer warmes denn?" „Kein Geringerer als seine Excellenz der General außer Dienst von Weißenburg." „Wie? Unser neuer Gutsnachbar in Holzen- dorf?" । „Derselbe, von brat Du die großen Ländereien t zum Rübenbau für Deine demnächstige Zuckerfabrik ■ gekauft hast." „Ah, da« inienssirt mich!" „Seine Excellenz ist ein alter Militär vom Kopf bi« zu den Fützm, bieder, ernst, etwas finster blickend, Hagestolz. Er hat den französischen Krieg mitgemacht, unter der glorreichen Führung des Kronprinzen bei Weißenburg sehr wesentlich zum Siege beigetragen, wurde in Folge dessen vom oberste« Kriegsherrn nobilitirt, später bei St. Privat verwundet, nach seiner Genesung penstonirt, und hat in seinem Alter das Glück — er selbst nennt e« ein Unglück — nachdem vorher eine Reihe uner- I' wartetrr Todesfälle eingetreten, eine immense Erbschaft zu machen. Zu wenig erbaut davon, in seinen Jahren sich mit der complicirten Verwaltung eine« großen Vermögen« zu befassen, ließ er seinen Neffen zu sich kommen, und seine Nichte hat er berufen, Ium für sein neu einzurichtendes geselliges Haus eine Ehrsndame zu gewinnen. Frau von Barsen ist Wittwe und von meinem Alter, wenn der General, der im Laufe des Gesprächs zufällig das Alter der Nichte und auch das des Neffen genannt, sich nicht versprochen hat — sie sieht um zehn bis zwölf Jahre jünger aus. Sie ist gerade keine Schönheit zu nennen, denn das Einzelne entspricht dem Begriff nicht, aber das Ensemble ist unstreitig sehr anziehend. Sie hat einen feinen weißen Teint, einen kleinen Mund mit schwellenden Lippen und schönen Zähnen, die Nase ist weder griechisch noch römisch, aber doch hübsch geformt, das volle Haar, matt, glanzlos, besitzt jene röthlich blonde Farbe, die von Vielen als die schönste bezeichnet wird. Die Figur ist wenig mehr als mittelgroß, üppig und doch anmuthig, — ich glaube, die schöne Wittwe kann Männern von besonderer Anlage unter Umständen sehr gefährlich werden." „Sie ist entzückend!- rief Frieda begeistert au«. „Das ist sie, — sie kann aber auch Frauen gefährlich werden." „Wie das, Mama?" „Ich kann mich darüber nicht aussprechen, Du würdest es auch nicht verstehen. Sie ist jedenfalls ein Räthsel. Und der Neffe — ich habe selten einen so schönen Mann gesehen", fuhr sie fort, indem sie sich zum Gehen anschickte. „Er ist so groß wie Du, rttterlich, das Prototyp eines Kavaliers. Der General hat sein Alter auf zweiundvierzig Jahre angegeben» doch ist die Erhaltung der Jugendlichkeit bei Vetter und Cousine dis gleiche, es ist 82 dies wohl eine Familieneigsnthümlichkeit, aber in Beider Augen tritt uns eine wirkliche verwandtschaftliche Aehnlichkeit entgegen. Auch bei Ersterem sind sie von derselben grauen Farbe. Natürlich" — hierbei lächelte Alexandra — „kam auch die Rede auf unseren Gesangverein, wobei sich ergab, daß Vetter und Cousine sehr musikalisch sind und schul- gerecht singen. Sie verriethen Beide große Lust, sich daran zu betheiligen, jedoch auffordern konnte und wollte ich sie noch nicht, vor allen Dingen nahm ich mir vor, den Versuch zu machen, Dich, lieber Wolter, zu gewinnen, ich hätte es so gerne gesehen, wenn Du —" „Damit ist es nun leider nichts —" „Nous verrons.“ Sie waren während dieser Gesprächs bis an den Wagen gelangt. Der Diener öffnete den Schlag, Alexandra reichte ihrem Gatten dis Hand und stieg ein, Frieda, dis langsam gefolgt war, nahm an ihrer Seite Platz. „Du hast mir aber noch nicht den Namen des Neffen genannt", sagte Wolter. Er wußte schon, wie er lauten würde und doch mußte er ihn hören. „Habe ich wirklich nicht?" fragte Alexandra, „ich meine doch, ihn schon ausgesprochen zu haben- Er nennt sich Herr von Stolzenberg, und wenn es Dir recht ist, machen wir allernächstens dem General unseren Gegenbesuch." „Also doch l" kam es leise über Wolter's Lippen. Die Pferds zogen an, Alexandra und Frieda neigten freundlich grüßend das Haupt und der Wagen rollte davon. Dieser war schon längst nicht mehr sichtbar, aber immer noch stand der Geheimrath auf der untersten Stufe der Treppe. Erst, als das grelle Pfeifen einer Dampfmaschine in der Fabrik an sein Ohr drang, besann er sich, wo er war, und ging langsam und gesenkten Hauptes in fein Zimmer zurück. Mechanisch ließ er sich auf den Lehnstuhl nieder, auf dem vorhin seine Frau geseffen und nachdem er längere Zeit schweigend vor sich hingeblickt, wurden seine Gedanken laut: „Ja, ja, er ist es, daran ist nicht mehr zu zweifeln, das Alter, die genaue Beschreibung seines Aeußeren, Alles stimmt. Er ist der Erste von all denen, die mich früher gekannt, der in meine Nähe tritt. Längst schon habe ich unter der Hand nach Allen, die mir nahe standen, Erkundigungen singe« zogen. Mein Vormund ist tobt, von den Kameraden ist nicht ein Einziger bei meinem Regiment, der größte Theil ist in Frankreich gefallen, die Uebrigen sind zu anderen Regimentern versetzt. Von dem Lieutenant von Stolzenberg, nach dem ich auch gefragt, konnte mir Niemand etwas sagen. Ich nahm an, daß auch er sein Leben auf dem Schlachtfelds beschlossen. Woher kommt er jetzt so plötzlich? Ist er noch Soldat, hat er den Dienst quittirt? Alexandra nannte keinen militärischen Rang, als sie seinen Namen aussprach. Gott, mein Gott, wenn er mich erkennen würde!" Er sprang auf und stellte sich vor einen Spiegel. „N in, nein", fuhr er fort, „es ist unmöglich! Haben nich die Blattern mein Gesicht entstellt? War ich nicht vor zwanzig Jahren ein lang aufgeschossener, magerer Mensch, und Habs ich jetzt nicht breite Schultern und stark entwickelte Glieder? Welch ein Glück, daß ich auf seine Begegnung vorbereitet bin, wäre er plötzlich vor mich hingetreten, wer weiß, ob ich nicht gezuckt hätte, obgleich ich jahrelang auf solche Möglichkeit mich vorbereitet habe. Gerade er, der zuerst entdeckte, daß ich mit falschen Würfeln spielte! Jetzt, da dis Gefahr sich mir naht, heißt es, ihr Whig ins Auge blicken, nur Ruhe und Sicherheit können mich retten, können den Verdacht niederhalten und wenn er sich dennoch regen sollte, ihn wieder verscheuchen. Denn wenn ich mich nicht selbst verraihe, wer kann mir beweisen, daß ich nicht der bin, für den ich mich aurgebe? Und wenn dennoch ein Zufall mich verrieihe? Warum schnürt sich mir die Brust so krampfhaft zusammen? Sind diese Beklemmungen schon dunkle Ahnungen kommenden Unglücks? Wenn man mir meine Ehre abermals antastete! Damals war ich jung und konnte in die Welt hinausziehen, um ein neues Leben zu beginnen, in welchem ich mir eine neue Ehrs und die Achtung meiner Nebenmsnschen zu erstreben hoffte, damals stand ich allein und was mich traf, das verletzte nicht zugleich auch Anders, die meinem Herzen nahe standen, was jetzt aber auf mein Haupt niedrrfallrn würde, das würde auch das Haupt derjenigen nicht verschonen, die mir die Liebsten sind auf Erden, mein Weib, mein Kind, sie müßten Schmach und Schande mit mir theilen — nein, ehe das geschieht, will ich nicht mehr leben!" Wolter trat vom Spiegel zurück, mehrmals ging er schweigend im Zimmer auf und ab, dann blieb er in der Nähe des Fensters stehen und warf einen Blick auf den blauen Himmel, unwillkürlich faltete er die Hände und leise sprach er die Worte: „Mein Herr und Vater, Du bist ja gerecht — — meine Existenz hier ist eine Lüge, mein Name ein falscher — kann es Sünde sein, daß ich den alten beschimpften Namen abgeworfen und einen anderen wählte, unter dem ich nicht als ein Gs< brandmarkter mein Leben zu fristen nöthig habe? Kämpft nicht Jeder für das höchste Gut, feine Ehrs? Kann ein ehrlicher Mensch ohne diesen Schirm und Schutz existiren? Nein, und weil es kein Unrecht sein kann, daß der Mensch für seine Ehre Alles einsetzt, so mache ich mir auch keine Vorwürfe, daß ich den Namen nicht weiter geführt habe, dem die Ehre abgeschnitten wurde, ich kann nicht leben ohne die Achtung meiner Mitmenschen! Jetzt ist aber mein zweiter Name, den ich hier durch Redlichkeit und Fleiß zu Ehre und Ansehen gebracht, bedroht und jetzt gilt es, ihn zu schützen, es ist meine heilige Pflicht, ihn rein zu bewahren, denn er gehört nicht mir allein, er ist auch meiner Tochter, meiner Gattin. Mein Gott, erleuchte Du mich, wenn ich in diesem einen Punkt nicht wahr sein kann, Du kennst m-ch 83 jähre» ! fällig mit Falk-nstein in Grschäftsverbindung ge» standen, scheint mir vorläufig doch nicht gerechtfertigt^ v Solvenz?" unverkennbare Erregung aus. giebt's?" fragte der Geheimrath, „ist \ „Noch nicht, aber die Solvenz könnte einen Stoß lderes vorgefallen?'' | bekommen, wenn ihn ein neuer großer Verlust etwas besonderes vorgefallen? ein» tele- der „Was graphirt soeben, daß das Gerücht umlaufe, Bankier von Falkenstein habe flch erschosien." „Erschaffen? Unmöglich!" kein Fehler." „Dar Vertrauen, Herr Geheimrath, das Sie in alle Menschen setzen, macht Ihrem Herzen alle Ehre, aber Sie werden mir zugeben, daß wenn Sie mehr auf meine Warnungen gehört hätten, wir manchen Verlust nicht nöthig gehabt hätten ,u registriren." „Mag srin. Ich habe Ihnen ja auch versprochen, mehr auf Ihre Warnungrstimme zu hören. Aber daß Sie sich gleich Sorge machen, weil Römer zu-- athmen." In diesem Augenblick klopfte es an die Thür. Wolter fuhr ein wenig zusammen, faßte sich aber sogleich und rief Herein. Ueber die Schwelle trat jetzt ein junger Mann von etwa dreißig Jahren mit krausem, blondem Haar und eben solchem Vollbart. Es war der Prokurist Bärmann. Erhielt eins geöffnete Depesche in der Hand und in seinem Gesicht sprach sich eine Römer ist ein sehr reicher Mann." „Er war es, Römer soll große Verluste erlitten „Das möge der Himmel verhüten, wenn ein solcher Mann fällt, so reißt er noch mehr zu Boden." „Ja, und sein Fall würde die dunklen Schatten weiter werfen, bis hierher!" „Wie soll ich das verstehen? Sie meinen doch nicht etwa — ? „Unser Bankier Römer steht wiederum mit Falkenstein in Geschästtverbindung, ja, in ausgedehntem Maße, das weiß ich bestimmt." „Ah nein, — lieber Bärmann, — Sie sehen einmal wieder etwas schwarz." „Ich bin nur vorsichtig, Herr Geheimrath." „Ja, das find Sir, übervorsichtig, aber das ist das große Bankhaus Martin aus Paris, das mit dem Falkensteinschen Geschäft in innigem sConnex stehen soll, fallit geworden: Wenn dieser Krach nur nicht seine Schatten bis nach Wien wirft?" „Sie glauben doch nicht, Bärmann, daß Falkenstein, dieser hundertfache Millionär, sich erschosien haben könnte, weil — es ist ja gar nicht denkbar — seine Verhältnisse zerrüttet sind?" „Die Eigenschaft eines hundertfachen Millionärs ist in der Geschäftswelt schon längst bestritten worden." haben." „Wer sagt das?" „Man munkelt so Allerlei." „Ach, man munkelt, kann man denn darauf etwas geben?" „Ueber die Solvenz iines Bankhauses darf auch nicht.in der leisesten Weise gesprochen werden." „Mein Gott, man zweifelt doch nicht an Römer's träfe." „Rein, lieber Freund, ich wiederhole es, Sie sehen zu schwarz." „Wissen Sie, was der Makler Dunker mir vor einigen Tagen im Vertrauen sagte? — Römer habe gleich nach dem Bekanntwerden des Fallissements von der Pariser Firma Martin sein Landgut Brunnshagen auf den Namen seiner Frau schreiben lassen." „Ach, Dunker weiß immer Geschichten und Reuig» keilen." „Er ist aber meistens gut informirt." „Nun ja, wenn denn auch! Warum soll Römer seiner Frau nicht das Gut als Wittwensitz verschreiben? Er hat viele Kinder und mehrere Schwiegersöhne, er will vielleicht nicht, daß nach seinem Tode sich ein Streit um den Besitz des Gutes entwickelt, dem beugt er vor, wenn er es schon zu Lebzeiten seiner Frau übergiebt." „Einen solchen Streit könnte er ja durch eine einfache Bestimmung in seinem Testament verhüten." „Er zieht aber dies vor-". „Er wollte sogleich nähere Erkundigungen ziehen und dann abermals telegraphiren." „Aber warum sollte Falkenstein seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht haben?" „Erinnern Sie sich, Herr Geheimrath, daß ich die Worte aussprach, als es bekannt wurde, daß und weißt es, wie doch sonst die Wahrheit meine | Seele voll durchdringt!" Er ging zu seinem Sitz zurück und fuhr nach einigen Minuten des Schweigens in seinem Selbst, aespräche fort: , _ „ , „Ob mir in dem General eine zweite Gefahr droht? Daß ich auch darnach nicht näher geforscht! Aber ich war innerlich zu bestürzt, zu betroffen. Er nennt sich von Weißenburg. Ich erinnere mich nicht, je gehört zu haben, daß Stolzenberg einen Onkel dieses Namens hatte. Wohl aber war der Artillerie- Obrist Tramm sein Onkel. Ich habe ihn nicht ost gesehen, er kam selten in unser Kasino, wie der Kriegsgott selbst war seine ganze Erscheinung, ernst, strenge, finster, man sagte ihm nach, er sei das ver» körperte Princip der Disciplin, aber von strengster Gerechtigkeit. Er ist nach der Schlacht bei Weißenburg geadelt, wo er sich um die Entscheidung des Sieges große Verdienste erworben, sollte ihm als besondere Auszeichnung der Name des Schlachtfeldes beigelegt worden fein? Es wäre wenigstens denkbar. Nun, von ihm ist weniger zu befürchten, der einfache, so weit im Range unter ihm stehende Seconds» lieutenant wird längst seinem Gedächtnisse entschwunden sein! Ich wollte, die erst« Begegnung wäre vorüber, ich werde nach derselben freier Spiegel, möglich! m'stellt? 3 aufge- -tzt nicht ? Welch rbereitet en, wer „Eine unglaubliche Nachricht, entsetzlich, wenn sie sich bestätigen sollte! Unser Vertreter in Wien echt — ; Name ch den einen in Gehabe? Ehre? k n und knrecht ! Alles e, daß sm die l ohne aber it und >t und heilige nicht iattin. liefern m-ch !t habe, falschen ir naht, uhe und Verdacht n sollte, ich nicht ich nicht v wenn schnürt ? Sind imenden dermal» ! in die «ginnen, Achtung damals verletzte en nahe Zerfallen en nicht Erden, ich und eschieht, lls ging in blieb :f einen faltete 84 "Hkrr Geheimrath", sagte der Prokurist bei eindringlicher Stimme, „Ihr ganzes flüssiges Vermögen, Ihre sämmtlichen Kapitalien stehen mit Römer. Ich habe Sie schon oft gebeten, ja ange- fleht, Sie möchten doch Ihr Geld bei verschiedenen Anderen verthetlen, wo es ebenso sicher steht, Sie hätten ja Römer einen Theil taffen können." „Ich hatte wirklich keine Ursache dazu. Giebt es einen zuverlässigeren Geschäftsmann als ihn? So lange ich die Fabrik habe, hat er alle meine Geldangelegenheiten besorgt und ich bin stets prompt von ihm bedient worden; haben wir bisher nur über die geringste Lässigkeit zu klagen gehabt?" „Es wäre nur Vorsicht gewesen, die Jeder gebilligt hätte. Haben wir nicht erst vor wenig Jahren einen allgemeinen Krach in Wien erlebt, und haben wir nicht Beispiele gehabt, daß in Folge dessen in Berlin und auch hier Firmen bankerott wurden, die bis dahin von der ganzen Welt als felsenfest stehend betrachtet wurden? Hat man sein Vermögen in die Hand eines Einzigen gegeben, so schwebt man auch in Gefahr, mit einem Schlage Alles zu verlieren, im anderen Falle kann man doch nur von einem theil- weisen Verlust getroffen werden." (Fortsetzung folgt.) Are erste Kritik. Eine Schulhumoreske von E. Hackland-Rheinländer. (Nachdruck verboten.) Lang ist es her und die Blümlein find schon vielmal wieder mit ihrer holden Pracht ins Land gekommen, manch' strenger Winter hat seitdem an der Armen Thüren angeklopft und die Schwalben sind hin und wieder her geflogen über das weite Meer, als ich noch auf der Schulbank faß, ein Knabe von sechs ehn Jahren, in einem kleinen Dorfe am Rhein. Des herrlichen Stromes Wogen mit ihrem melodischen Wellenschlag hatten's auch mir angethan und ich sang, so gut ich es vermochte, den Wellen nach, unbekümmert um die ganze Welt. Was ging die Welt, was gingen die Menschen mich an? Fragt wohl die Lerche, fragt die Nachtigall auch nach unfern Behagen oder Mißfallen? Hell klingen die Triller der Lerche und der Nachtigall Klagen verhallen leise in dunkler Nacht. Sie fingen nicht für Dich, nicht für mich, ihre eigene Lust, ihr eigenes Lied ist ihr Lied, und wenn's uns erfreut, ergreift, so ist's nur ein Ungefähr. Ich war weder Lerche noch Nachtigall, nur ein zwitschernder Spatz, aber ich sang, sang wie der Spatz, lebte wie der Spatz und ob's den Menschen gefiel, war mir gleich, wie ihm wenn er „hoch vom Dachstein her" im „tschilp, tschilp" seine Lust, seinen Schmerz, seinen Kummer, seine Freude, sein Lieben und Haffen erschallen läßt. Vieles ist anders geworden, seitdem ich die Schulbank verließ, heller und klarer der Blick in Hinficht auf Reim und auf Versmaß; beide be-' kommen ihr Recht und der Verwandtschaft des Spatzen bin nun ich entronnen. Wohl trifft die Lerche, die Nachtigall auch, hin und wieder der Stein eines Buben, doch der Spatz ist das Ziel des Gespöttes, des Anstoßes Stein und ich war es auch. Hart' ich mich gleich nicht gewagt auf den Markt, auf den Dachstein, den hohen, wußte doch Mancher, daß hin und wieder auch ich ein Lredelein sang, nicht für die Welt, nur für mich hin, wann manchmal, ich darf es wohl sagen, ich besser des Lernens gedacht. Längst war ich dem Rector der Stein, an welchem er leichtlich sich anstieß; nicht gönnt er dem Spätzlein sein Lied, und er hatte beschlossen: „Dem mach' ich für immer ein End'!" So kam er denn nun eines Morgens zur Thüre der Klaffe herein und theilte dann Allen uns mit, daß demnächst der Pfarrer seinen Geburtstag würde feiern und da habe denn so er gedacht, wir wollten ein Ständchen ihm singen, was selbst wir gedichtet. „Vater, ich rufe Dich" legte er dem Versmaß zu Grunde und Alle sollte» versuchen, nach diesem ein Liedlein zu singen. Doch fragte er später und ich war der Einzige, bet es vollbracht und schon stand ich da, das Product zu verlesen. Aber, o Himmel, welch grimmig Gesicht das des Rectors. „Siehst Du, ich dachte mir's wohl, ja reimen, das kannst Du, Du Faulpelz, doch lernen, wie ist's da bestellt! Da sitzt er und brütet — und — brütet. O sag' doch, wie kannst Du nur wagen, mit solchem Jammergewinsel mir unter die Augen zu treten 1? — Setz' Dich, ich mag cs nicht hören!" Und nun stand er da, ganz noch entrüstet. Wie könnt' ich's auch wagen, in Concurrenz mit dem Herrn Rector zu treten, ich ein armseliger Spatz mit der Lerche herrlichen Trillern? Der hatte ja selbsten gedichtet, ein Lied war entstanden, wogegen Körners Gedicht elendes Machwerk nur war. Treu blieb es mir im Grdächtniß, wo dar meinige längst schon entschwunden und, ein Gedenkstrin der Knust, soll die erste Strophe hier stehen; „Sieh, wir stehen hier, Bittend für Glücke, bittend für Segen. Mag es Dir wohlrrgch'n auf all deinen Wegen. Lenker der Menschen; das bitten mir, Siehe, wir stehen hier!" Thränen der Wonne habe ich geweint und doch schluch ten vor Rührung Katzen und Hunde, so weit sie's nur mochten vernehmen. „Der kann's ja noch schlechter, wie Du!" dies war mein erster Gedanke. „Bewahre vor Nebel uns!" fo schloß der zweite sich an. Vieles ist anders geworden, die" Kritiker bleiben; Freund gehe hin, beschaue ihr eigenes Machwerk, und oft wirst Du finden — doch verzeiht mir, ich bitt', ich wollte nicht Kritiker fein. RedaMsn: A. Gcheydn. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.