Hießmer Jamilienbläiter Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. 1888. Samstag den 17. März. Nr. 33. wie um Gießen. viel als ntgien Staaten eliefert worden, m Stich, kehrte 'eau zurück und eiten. Es kam er Ansicht war, rem Geld aus rd wußte, wie Richtweg nach einsamen Ort r nieder; warf ngrube und be> itberbarer Weise er Arbeit, Eng- ibe hat er den c betäuben und richt zu fliehen c Tage früher, Paflagierbillet r am 23.^ Sep« einem gewich« )pfer in Black» dem Perron (Fortsetzung). „Du glaubst nicht, Siegfried, mit rsche betrifft, so wnn ich an ht im Schnvpen selbe war in ;e Reise machte, n lassen und es and. mern uns nicht, ndet sie in dem . Hier genügt, it den Verhand- war, den Ent« auern; ihm die dann mit dem moderte. Mein ans, wie jener en von ihm dis sonst nirgends en würde; dar iur Auffindung fives Werkzeug e ich nicht aus- !M Leser über« man annehmen en Erfahrungs- : Sonne, von 'ich etwas trö.u- freudigeren Gefühlen ich Dich heute betrachte, ich gestern Abend gethan habe." „Du machst Dir gleich zu viele Sorge mich." Herrn erschlug ebenfalls erhielt er wurde i« in Old Bailey Aufführung annehmen wolle. Und der Direetor hat ste angenommen und war von ihr entzückt. Nun Freund Rohdenberg, was fügen Sie denn zu diesem unglaublichen Vorerfolg?" „Ich freue mich unendlich und wünsche Ihnen alles fernere Glück bamit." Langenbach sah dem Freunde aufmerksam ins Gesicht. „Doch sagen Sie mir, lieber Freund, was ist Ihnen denn passirt? Heraus damit, auf daß Ihre Seele frei wird!" „Sie sollten mir einen Ra!h ertheilrn." „Mit Freuden, wenn ich's tarnt I" Siegfried erzählte nun Alles, was auf die Entwickelung seiner Liebe Bezug hatte und was ihn berechtigte, an Frieda'» Gegenliebe zu glauben; ferner das Gespräch, welches er in der Nacht über diesen Gegenstand mit seiner Großmutter geführt hatte. „Nach reiflicher Ueberlegung bin ich zu der Ansicht gekommen", sagte er, „daß Frieda'» Liebe nicht minder wahr und tief ist, als die meine, es giebt Blicke, die Bekenntnisse ohne Worte sind und nicht weniger sagen, als es die Sprache könnte. Aber ich bin arm und das ist dem Vater gegenüber die Schranke, über die meine Hoffnungen nicht hinüber können." „Es mag wohl sein, Gottlob, daß ich es nicht mehr nöihig habe." Es kam dann das Gespräch auf den Gesangabcnd und Frau Rohdenberg schilderte den Eindruck, den die großartige Schlangenburg, der Garten und der Park, sowie das Wolter'sche Ehepaar und die Gäste auf sie gemacht; Siegfried sprach sich über die Fähigkeiten der Sänger aus und erwähnte dabei, daß die Frau Geheimräthin ihm gesagt, es sei nicht unmöglich, daß einer der Sänger nächstens aurscheiden müsse, ob er einen Ersatz wisse. Er habe ihr erwidert, daß sein Freund Langenbach einen sehr schönen Tenor besitze und sehr musikalisch sei. Frau Gcheimräthin sei sehr lebhaft darauf eingegangen und habe ihn gebeten, seinen Freund zum Beitritt auszufordern. „Und ich werde alles Mögliche thun, um ihn zu überreden, schloß er." Als Frau Rohdenberg gegen halb neun Uhr das Plauderstündchen beendete, verabschiedete sich Siegfr ed von ihr und begab sich nach dem Rütter'schen Biergarten. Er wählte eine schattige Laube, von der aus das Gartenthor bequem zu überwachen war. Genau mit dem Glockenschlage Elf trat Heinrich Langenbach in den Garten und die Freunde begrüßten sich herzlich. „Das für Sie sehr Wichtige, lieber Langenbach", sagte Siegfried, „muß zugleich etwas sehr Freudiges sein, denn Ihre Gestchtszüge strahlen förmlich von Glück und Jubel." Das ist es auch. Erstens: Ich bin verlobt!" „Verlobt?" rief Siegfried überrascht. „Mit Fräulein Werner?" „Errathen!" „Da gratulire ich von Herzen!" Siegfried reichte über den Tssch dem Freunde die Hand. „Zweitens", fuhr Langenbach fort, „wird meine Operette angenommen werden!" „Wird angenommen werden? Aber woher wissen Sie denn das? Noch ist der dritte Act nicht fertig!" „Fch konnte nicht warten, bis ich die letzte Note geschrieben. Da ging ich denn vor etwa acht Tagen z mit den vollendeten ersten zwei Akten meiner Operette \ zum Herrn Theaterdirektor Stiebitz, ersuchte ihn, s dieselben einer gütigen Durchsicht zu unterwerfen, t und wenn sie ihm gefielen, mir zu sagen, ob er das Ganze, natürlich unter der Voraussetzung, daß der letzte Act den beiden ersten Acten entspräche, zur „Ich kenne den Geheimrath Wolter persönlich nicht", versetzte Langenbach, „ich weiß nur, daß er den Ruf eines Ehrenmannes hat und sehr viel Gutes thut. Aber wer kann wissen, ob er von allen Vor- urtheilen frei ist, wenn es sich um die Wahl eines Schwiegersohnes handelt? Da haben vermögende Leute, mögen ste sonst noch so vortreffliche Menschen sein, oft ihre eigenen Ansichten." „Gerade dies Beispiel hat das trübe Gefühl der Aussichtslosigkeit in mir nur noch vermehrt", sagte Siegfried mit einem tiefen Seufzer. „Wäre tch , reich, „so würde ich zu Frieda'» Vater gehen, würde s ihm sagen, ich liebe Ihre Tochter, geben Sie sie l mir zur Frau, ich brauche keine Mitgift, denn ich | bin im Besitz einer Million, und dann „Würde er vermuthlich sogleich ja sagen." „Und ich bin reich, Langenbach, und bin es Die verkorene Kiöek. Original-Roman in 3 Bänden von vr. Carl Hartmann-Plön. 130 wieder nicht, ich habe eine Million, und habe sie wieder nicht." „Sie meinen: Mein ganzer Reichthum ist mein Lied, in diesem Falle meine Violine! Möglich, daß sie Ihnen bei einiger Sparsamkeit und etwa« reich' lich Glück am Ende Ihre« Lebens zu einem Milliönchen verhalfen hat. Es kann auch weniger sein — ich kenne bi« jetzt keinen Künstler, der in dem Geruch stände, ein Millionär zu sein." „So meinte ich es nicht. Nein, de facto, Langenbach, ich habe wirklich eine Million." „Sie sprechen in Räthseln, drücken Sie sich beut» licher aus." „Jetzt, lieber Langenbach, kommt der Augenblick, wo ich Sie in das Geheimniß einweihen muß." Siegfried berichtete jetzt ausführlich von dem Familirngeheimniß. Als er der verlornen Bibel erwähnte und den Einband beschrieb, desien Silber» beschlag mit Rubinen besetzt und auf dem das Leiden Christi eingravirt war, da fuhr Langenbach überrascht in die Höhe. „Was ist Ihnen?" fragte Siegfried. „O, nichts, nichts! Mir fiel nur etwas ein!" „Hatte es Bezug auf die Bibel?" „Keine Idee!" Langenbach hatte sich rasch gefaßt und setzte hinzu: „Ich bin heute sehr zerstreut. Ich habe ganz vergessen, daß ich heute noch eine kranke Frau besuchen muß, die beständig eine aufgeschlagene Bibel vor sich liegen hat, in der sie wahrscheinlich gar nicht liest. Es wäre mir vielleicht gar nicht eingefallen, wenn meine Gedanken nicht von Ihrer Bibel auf die meiner Patientin gerathen wären. Bitte, fahren Sir fort!" Al« Siegfried seine Erzählung beendet, sah er den Freund gespannt an und sagte: „Was glauben Sie, Langenbach, sollte es mög» lich sein, eine Spur der verlornen Bibel zu ent» decken?" „Bester Freund", erwiderte der Mediciner, „lassen Sie mich die Sache gehörig überlegen, so will ich Ihnen später meine Ansicht darüber mittheilen. So sind Sie ja in der That ein Millionär ohne eine Million! Alle Wetter, wenn wir diesen Widerspruch auflösen könnten, wenn wir die Bibel fänden und den Schatz dazu! Aber voreilige Hoffnungen wollen wir uns Beide noch nicht machen. Lassen Sie vorläufig alles Grübeln, Rohdenberg, und nehmen Sie sich die Sache nicht allzusehr zu Herzen. Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle thun würde? Ich dächte an diese imaginäre Million bis auf Weiters gar nicht mehr." Beide schwiegen einen Augenblick, dann sagte Siegfried: „Ich habe noch eine Frage an Sie zu richten, Langenbach. Einer unserer Tenoristen wird wahr» scheinlich von hier versetzt werden, hätten Sie Lust, die Lücke wieder aurzufüllen und in den Gesangverein einzutreten?" „Rein, nicht die mindeste Lust." „Ich habe Sie der Frau Geheimräthin bereits vorgeschlagen und si; war mit meiner Wahl sehr zufrieden." „Da müßte ich ja aber jede Woche einen ganzen Abend meiner Braut stehlen!" „Ich möchte Ihnen doch bemerken, wie wichtig es für Ihre künftige, ärztliche Carriöre werden könnte, wenn Sie in dieser vornehmen Gesellschaft bekannt würden." „Darin haben Sie nicht Unrecht!" Langenbach sah einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann sagte er: „Helene könnte mich begleiten und besucht unter» deß die Tanten auf der Schlangenburg. Ich null die Sachs in Erwägung ziehen." Er sah nach der Uhr und mit den Worten: „Es ist Zeit, ich muß auf die chirurgische Klinik", erhob er sich. Eine Strecke gingen fie zusammen, dann verabschiedeten sie sich, Langenbach bog in eine Seitenstraße ein, die nach beit Krankenhäusern führte, und während er, den Kopf etwas gesenkt, wie in tiefes Nachdenken versunken, auf dem Trottoir langsam dahinschritt, kamen von Zeit zu Zeit kurze, abgerissene Sätze halblaut über seine Lippen: „Eine wunderbare beschichte, der reine Roman. — Seltsam, seltsam! — Ein Zufall, wie von einer höheren Macht geleitet. — Ec darf indeß noch nichts ahnen. Himmel, das gießt noch Aufregung und Sturm!" Noch denselben Abend schrieb Langenbach einen Brief an Frau Schmidt auf der Schlangenburg, worin er sie bat, ihm, wenn möglich, umgehend die alte Bibel ohne Einband, von der sie ihm erzählt, zu schicken, da ein Bekannter von ihm, b?r sich für Alterthümer interefsire und ebenfalls eine alte Bibel habe, den Druck beider miteinander vergleichen möchte; er brächte sie, wenn er ihr demnächst mit Helene einen Krankenbesuch auf der Schlangenburg mache, selbst wieder mit. Dritter Band. Fünfzehntes Kapitel. Siegfried war jetzt jeden Abend bei Langenbach, wo sie gemeinschaftlich damit beschäftigt waren, de« dritten Act der Operette für Orchester zu setzen. Es war ihm lieb, möglichst viel außer dem Hanse zu sein, wo cs ihm von Tag zu Tag schwerer wurde, seiner Großmutter gegenüber Zwang anthun zu müssen. Aber schon am nächsten Sonntag verbesserte fich seine Stimmung um ein Bedeutendes. Er hatte einen Brief von der Frau Geheimräthin bekommen, worin sie ihn bat, seinen Freund zu fragen, ob er Lust habe, dem Verein beizutceten. Ganz unten auf der Seite bte Briefe» standen noch einige Worte von einer anderen Hand geschrieben: Die Komposition ist so hübsch wie das Gedicht. Frieda. Dieser kleine Satz wirkte so erfrischend auf seine 131 Stimmung, daß alle dunklen Schotten, die sich auf skin sonst stet« so heiteres Gemüth gelegt, plötzlich Wie weggsweht waren. Als sie wieder eines Abends bis gegen zehn Uhr emstg an der Operette gearbeitet hatten, sagte der Komponist: „Für heute ist es genug, und wenn es Ihnen Recht ist, Rshdenberg, so plaudern wir noch ein wenig." _ , Er entkorkte zwei Flaschen, füllte beide Gläser und fuhr fort: „Lassen Sie uns einmal darauf anstoßen, Srsg- ftied, daß sich unsere Wünsche erfüllen." Langenbach warf sich dann in die Ecke des Sopha'r zurück, kreuzte die Arme und sagte: „Ich habe Ihnen, lieber Freund, vor einiger Zeit bereit« Verschiedenes aus der unglücklichen Vergangenheit von Helenens Tante, der Frau Schmidt, erzählt. Sie werden sich wundern, wenn ich Sie heute bitte, dem Ihnen Bekannten noch einiger hin- zufügen zu dürfen. Deshalb will ich gleich voraus- schicken, daß Ihrer am Schluß eine Aufklärung von besonderer Bedeutung ha.rl." (Forts, folgt.) 5>ie Waus in der Aasse. Von Julius Bielitz. „Lieber Kind", sagte Fräulein Thekla Probst, „ich bin im Innersten davon überzeugt, daß bei der Sache etwas nicht ganz richtig ist." Die junge Frau Selben ließ ihre Häkelarbeit in den Schooß sinken und sah aus wie ein kleiner Vogel, der einen Schrecken bekommen und nun aus der Hut ist. „Etwas nicht ganz richtig?" wiederholteste, „nein Thekla, ich kann mir nicht denken, was dabei nicht ganz richtig sein sollte." Frau Selben war eine kleine hübsche Blondine, mit großen, verwundert blickenden Augen, einem bittenden Ausdruck in ihrem zarten Gesicht und einer Stimme, die so sanst und süß klang, wie das Girren einer Ringeltaube. Ihre Freundin, Thekla Probst, war das vollkommene Gegentheil von ihr, ein großes grenadierartiges Wesen mit einem sehr bemerkbaren Anflug von Bart auf der Oberlippe, vorstehenden Backenknochen und einem Paar Ellenbogen, die so dürr und spitz waren, daß kein Kleiderstoff ihnen lange widerstehen konnte, weshalb selbst ihre neuesten Kleider in der Gegend des Ellenbogens einen kleinen Flick trugen. „Liebes Kind", fuhr Thekla fort, und senkte ihre Stimme zu einem leisen Geflüster, „die Sache ist entschieden verdächtig. Selben ließ es sich doch zu sehr angelegen sein, Dich zu einem Besuch bei Deiner Mutter, die dreiviertel Stunden von hier wohnt, für heute Abend zu bestimmen." „Das that er gewiß deswegen, weil er glaubte, es würde eine angenehme Abwechselung für mich sein", behauptete Frau Selben eifrig. „Natürlich, natürlich", gab die Freundin mit ironischem Lächeln zu. „und auch für ihn wird es eine angenehme, ja, eine sehr angenehme Abwechselung sein." „Wie meinst Du das?" hauchte Anna und richtete ihrs Augen ängstlich auf Thekla. „Nein. Du bist doch ein schreckliches Gänschen", rief sie dann. „Eine Herren-Gesellschaft will er geben, weiter will er gar nichts. Er will seins Freunde einladen und einmal recht lustig mit ihnen sein und in Deinem Hause alles um und um drehen, das Unterste zu obsrst kehren I Das ist seins wahre Absicht, Du kannst Dich darauf verlassen. Ich habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß Runge, der Delikateffsn- Händler, den Auftrag bekommen hat, hundert eingemachte Austern, ein Dutzmd Flaschen Champagner und auch noch andere Weine und eine große Schüssel Hummersalat zu besorgen. Für heute Abend, liebes Kind! Als ich heute früh davon hörte, wollts ich es nicht recht glauben, aber nun ich es von Dir erfahre, was Selben heute mit Dir verhandelt hat, ist gar kein Zweifel mehr möglich. Und so, meine Thsure", fügte sie mit furchtbarem Nachdruck hinzu, „weißt Du jetzt, was Du von Deines Herrn Gemahls großer Güte, die Dir einen Besuch bei Deiner Mutter sür heute Abend gestattet, zu halten hast! Hahaha, man lehre mich die Männer ksnnen! Sie sind alle gleich, einer wie der anders!" ? Nacken. Anna brach in Thränsn aus. „Dann geh' ich nicht", schluchzte sie, „ich bleibe zu Hause." „Nein, liebes Kind, das darfst Du nicht. Du wirst Dich hübsch zurecht machen und mit den Kindern fahren. Wer weiß, wenn Dir wieder eine so schöne Gelegenheit geboten wird. Deinen Mann überlasse mir. Nichts, was hier im Haufe in Deiner Abw" senhsit geschieht, soll meinen Augen und Ohren ent ßcfjcti/* „3V aber wie willst Du das machen?" fragte dis junge Frau, in deren Kopf sich Alles wie im Kreise drehte. „O, nichts leichter als dar! Wenn Du weg bist, schleich ich mich durch die Hintere Treppsnthür, zu der Du mir den Schlüssel geben mußt, heimlich in's Haus und krieche in den großen Wandschrank, in dem das Tafelgeschirr stsht. Dort werd: ich Alles ganz gemächlich belauschen, was im Speisezimmer prssirt." „Ja, ja, Du wirst wohl recht haben", entgegnete Anna und zerrte in nervöser Unruhe an ihren Fingern ; ich hätte nie gedacht, daß Emil so verrätherisch gegen mich handeln könnte." O, die Männer sind Alle gleich, einer wie der anders", sagte Thekla, „und wir Frauen sollen nach ihrer Ansicht nur dazu da sein, damit sie uns zum Besten haben. Ich würde nicht heirathsn, und wenn vierzig Männer auf einmal auf ihren Kniesn zu mir gerutscht kämen! Nein, ich thäts es nicht! Dazu schätzte ich meine Freiheit, meine Unabhängigkeit viel zu ho i) 1" Und sie warf ihren Kopf mit einem halb triumphi- renden, halb verachtungsvollen Schnauben in den 132 Anna war ein gutherziges, leichtgläubiges kleines Ding, dos vor dem Urlheil der älteren Freundin einen außerordentlichen Respect hatte. Aber als Emil eine Stunde später ihr so zärtlich in den Pferdebahnwagen steigen half und für das Baby und die kleine Minnie Apfelsinen kaufte, da quälte sie doch das Ge- wiffen ein wenig, und sie würde Alles bekannt haben, wenn nicht Thekla neben ihr gestanden hätte. „Ich werde jede Secunde zählen, bis Du wieder Hein kehrst, Anna", sagte Emil, und gab ihr einen Kuß. „Ach! der Betrüger!" zischte ihr Thekla in's Ohr, natürlich von der andern Seite. „Du weißt", fuhr der gewiflenlose Gatte fort, „daß mir ordentlich bange ist, wenn ich einmal den Thce allein trinken soll. Ich werde mich recht einsam fühlen, wenn Du nicht da bist und unsere Minnie." „Eingemachte Austern und Champagner", kicherte Thekla boshaft und hielt ihren Mund so dicht an Annas Ohr, daß ihre Worte deren Trommelfell wie ein Keulenschlag traf. „O ja, schrecklich einsam. Hahaha!" Der Zug fuhr ab, und Thekla eilte zurück, öffnete ! mit dem Schlüssel, den ihr Anna gegeben, die Hinter« ! trcppcnihür, schlich sich hinauf nach dem Speisezimmer und versteckte sich in einem Winkel des Wandschranks. - „Runge schickt immer feine eigenen Gläser und j Teller", sagte sie für sich, „so habe ich nicht zu l fürchten, daß man etwas von dem Tafelgeschirr hier f braucht und werde ganz ungestört sein." Dann vergegenwärtigte sie sich, daß sie sich ja nur zu dem Zwecke hier verbarg, um ihrer geliebten Freundin über den schurkischen Charakter ihres Gatten die Augen öffnen zu können, und kam sich in Rücksicht; hi erauf als eine recht hochherzige Freundin vor. Im anstoßenden Zimmer schlug die Uhr vier. „Nrch sehr früh", sagte Thekla für sich. „Da werde ich noch tüchtig zu warten haben. Aber btffer zu früh, als zu spät." Um sechs Uhr kam Emil nach Haufe und trank seinen Thee allein, und Thekla mußte sich in den äußersten, höchst unbequemen Winkel hinter eine Wasser- ! filtrirtonne zurückziehen, um nicht von Barbara, demi flinken kleinen Stubenmädchen, entdeckt zu worden, als ! dieselbe das Tafelgeschirr holte und wiederbrachte. „Nur Geduld", dachte Thekla, „sttzt dauert es '■ nicht mehr lange, die Gäste müssen bald kommen." f Berbara schüttete Kohlen auf den Rost, stellte den ! Ofenschirm zurecht und zog sich zurück. Und Emil; zündete sich eine Cigarre an, nahm ein Buch, das er i sich mitgebrecht, vom Tisch, setzte sich vor den Kamin, j stützte die in Hausschuhen steckenden Füße auf das! Feuergitter und vertiefte sich in seine Lcctüre. „Es schlug sieben Uhr — acht Uhr — neun Uhr \ — zehn Uhr, und noch immer war keine Gesellschaft da. Emil las und las und wendete Blatt auf Blatt mit ! einer Ruhe um, die Theklas Unruhe allmälig bis auf den höchsten Grad steigerte. Elf! Emil erhob sich, gähnte fürchterlich, schraubte ? die Garflamme herunter, verschloß sorgfältig dem Wandschrank, was sonst immer seine Frau that — der Schrank barg nämlich auch die sämmtlichen SU» bersachen — verließ das Zimmer, ging die Treppe hinauf und legte sich schlafen, ohne eine Ahnung zu haben, welches Kleinod er in Gesellschaft des Silbergeschirrs eingeschloffen hatte. Am andern Morgen, gerade als Emil die Morgenzeitung auseinanderfaltete, kam die kleine Barbar» herbeigeeilt. „Ach, Herr", sagte sie, bleich wie ein Bettlaken, „es sind gewiß Diebe im Silberschrank. Da drinnen schreit es und poltert es ganz fürchterlich!" „Aber er ist ja verfchloflen", erwiderte Emil- „und ich habe den Schlüffel hier in der Tasche!" „Dann sitzen sie vielleicht schon seit gestern drin. Ach, Herr! Das Geräusch ist wirklich schrecklich. Möchten Sie nicht selber hinkommen, Herr?" Emil nahm seinen Revolver, holte dann noch ein langes Küchenmesser, ging so bewaffnet in das Speisezimmer und schloß den Schrank auf. Drinnen, in einem Winkel zusammengeduckt, saß Thikla; sie hielt ein Taschentuch vor das Gesicht gedrückt, denn soeben hatte sie einen heftigen Kinn« backenkrampf bekommen. „Der Taufend!" rief Emil, und wußte nicht recht, ob er seinen Augen trauen sollte, „Fräulein Probst!" „Ich wurde aus Versehen eingeschloffen", lallte Thekla, so gut es ihr der Schmerz gestattete, „bitte, lassen Sie mich hinaus!" In demselben Augenblick polterte es auf der Treppe; es war Anna mit den Kindern. Die kleine Frau flog in ihres Gatten Arme. „Theurer Emil", schluchzte sie, „ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, ich mußte immer daran denken, daß ich Dich durch Spione bewachen ließ. Ach, Emil, ich werde es auch nie wiederthun, nie, nie!" „Spione?" wiederholte Thekla hinter ihrem Taschentuch. „Ich sehe keine, hier gab es nur Ratten und Mäuse und schwarze Käfer! Und", sie konnte sich nicht länger beherrschen, „ja, wenn ich gewußt hätte, daß Du ein so schwachherziges, erbärmliches Ding bist, Anna, so würde ich mich gewiß nicht dazu hergegeben haben, Dir beizustehen I" „Ich brauche Deinen Beistand auch nicht!" entgegnete Anna muthig. „Suche Dir selbst einen Ehemann, wenn Du spioniren und horchen willst!" Und Thekla ging wüthend nach Hause und sprach drei Wochen lang nicht ein Wort mit Anna. „Es ist richtig", sagte sie während dieser Zeit wohl hundert Mal, „Emil gab an jenem Abend keine Herrengesellschaft. Aber das ist doch nicht meine Schuld, das kann mir doch nicht zur Last gelegt werden. Diese Anna! Die Pein, die ich für sie in dem dumpfen Schrank ausgestanden habe, achtet sie für nichts! So ein fchwarzer Undank!" Jetzt lachen die beiden Freundinnen wieder ganz munter zusammen, aber Thekla schämt sich doch immer noch ein wenig vor ihrer Freundin. Redaction: A. Sche hda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in (Siegen.