Hießmer JamikienbNler. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Str. 7. Dienstag dm 17. Januar. 1888. Ate verkorene Biöek. Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-PlSn. (Fortsetzung). Bei den damaligen Communicationrverhältnissen verging längere Zeit, ehe der Bote, den sie nach Hamburg geschickt, zurückkehrte. Gleich nach seiner Abreise endlich entdeckte sie ihrer Umgebung ihr körperliches Leiden, sprach häufig von ihrem baldigen Ende, damit man ihren fest beschlossenen freiwilligen Tod als einen natürlichen ansehen sollte, und ließ einen Rechtrgelehrten aus der Residenz kommen, der ihr Testament machte. Bon dem Brief indeß, den mein Urgroßvater ihr schrieb, war sie vollständig consternirt. Er wies da» Geschenk im Namen seiner Tochter zurück. Mit nAnig Worten sprach er seine Ueberzeugung aus, daß sein Kind durch ein Vermögen, an dem die Thränen ihre« unglücklichen Landes hingen» unmöglich glücklich werden könne, überdies könne feine Tochter solches" entbehren, da sie sich vor Kurzem mit dem sehr wohlhabenden Kaufmann Bardeleben verheirathet habe. Am Schluß rteth er ihr, da er aus einigen Andeutungen entnehmen zu können glaube, daß sie das ihr von Gott gesteckte Ziel durch einen Selbstmord abzukürzen gewrllr fei, dies nicht zu thun, weil es ein Frevel fei, sondern für all' ihre Sünden Buße zu thun und zu bereuen, und wenn sie von dem Vermögen, welches sie seiner Tochter zuwenden -volle, eine Wohl- thätigkeitsanstalt stifte, so könne sie hoffen, daß der Himmel vielleicht einen Theil ihrer schweren Schuld vergebe. Wie aus diesem zweiten Brief der Gräfin Fichtenberg", fuhr Frau Rohdenberg nach einer Pause fort, „der an ihre Tochter, meine Groß, mutter direkt gerichtet war, hervorgeht, war sie sehr entrüstet über die Antwort ihres ersten Mannes und dir darin enthaltene Moralpredigt. Sie sei, schreibt sie darin, keine sentimental angelegte Natur, die feige vereuen könne, was sie gethan. Sie sei eine Frau, die, wenn sie einmal einen Gedanken gefaßt habe, denselben auch ausführen müsse. Sie habe dies stets mit eiserner Consequenz gethan und könne auch jetzt nicht von dem Gedanken lassen, daß ihre kostbaren Brillanten in den Besitz ihrer Tochter übergehen sollten, als daß sie nicht noch einmal d n Ver- such wagen möchte, ihren Vorsatz mit Erfolg auszuführen. Aber die Zeit drängte, sie wäre elend und krank, sie könne weder ihre Tochter noch ihren Gatten mehr bitten, zu ihr zu kommen, um ihnen den Schatz t zu übergebrn, sie dürfe noch weniger als früher l riskiren, denselben irgend einem Menschen zur Be- t förderung anzuvertrauen, so sei ihr kein anderer ! Ausweg geblieben, als den Schatz an einem sicheren ’ Ort zu verbergen. Sie habe das bereits gethan, | und nur der, welcher den Ort kenne, könne ihn ? heben und zwar ohne große Schwierigkeit. Niemand ä außer ihr wisse um dies Geheimniß. Sie hoffe und • erwarte nun zuversichtlich, daß ihre Tochter und t deren Gatts nicht so lächerliche wie unerhörte Be- j denken gegen die Annahme eines solchen Vermögen« | erhöben, da Erstere dadurch in den Stand gesetzt | würde, ein ungleich glänzenderes Leben zu führen l und Letzterer seinem KaufmannSgeschäfte einen be- deutrndrn Aufschwung zu geb-n, und daß Bardeleüen nach einiger Zeit, nachdem er erfahren, wo der Schatz verborgen sei, kommen würde, um denselben zu heben und zu holen, war, wie gesagt, keine allzu große Schwierigkeiten bereiten würde, da sie dafür gesorgt, daß die Pretiosen und die Goldrollen einen möglichst kleinen Raum einnähmrn. Sollten sie, wider Vermuthen, aus ähnlichen Gründen, wie sie der Musikdirektor Grunert vorgebracht, ihr Anerbieten refüsiren und aus ihren Vorschlag, den Schatz da zu suchen, wo er zu finden sei, nicht eingehen wollen, so möge derselbe, ehe er dem Erbprinzen Zufälle, für ewige Zeiten in seiner Verborgenheit unbenutzt verbleiben, denn es sei nicht wahrscheinlich, daß er von einem Anderen durch Zufall entdeckt werde. Da nun ihrem listigen, wachsamen Geheimsekretär die Uebersendung ihres ersten Schreibens verrathen worden, da er ferner bei der Abfassung des Testaments als Zeugs gedient Habs, somit wisse, daß sie ihr Baarvermögsn und ihr Geschmeide ihrer Tochter aus erster Ehe vermachen wolle, so müsse sie annehmen, daß er eine Ahnung ihres jetzigen Vorhaben« habe. Außerdem dabe sie sich in einem erregten Zwiegespräch hinreißen lassen, aurzurufen, daß sowohl er, wie alle Uebrigen Verräther seien, daß sie, 'weil sie Keinem den Schatz anzuvertrauen wage, ihn verborgen und e« schon so einrichten werde, daß ihre Tochter allein diesen Ort erfahre. Da Herr von Stolzenberg gewiß seine Wachsamkeit und Spionage verdoppeln würde, um hinter das Geheimniß zu kommen, so habe sie einen Plan erdacht» von dessen Ausführung sie hoffe, daß der Schlüssel zu dem Geheimniß nur allein in den Besitz ihrer Tochter gelangen möge. Sie habe abermals, wie sie glaube, einen zuverlässigen Menschen gefunden, der diesen Brief und die beifolgende Bibel an deren Adresse befördern solle. Er wisse, daß er weiter keine Schätze zu überbriMn habe, als nur eine Bibel. Zwar habe diese Bibel — sie war ein Geschenk des Herzog« — einen doppelten Werth, erstens einen archäologischen, denn sie war eine der ersten, die nach der Luther'schen Uebersetzung gedruckt worden war, und zweitens hatte sie einen mit Rubinen besetzten Silberbeschlag, auf dem von Künstlerhand die Leidensgeschichte Christi ciselirt war. Auf der Innenseite des Einbandes stand der Name der Gräfin. Aber sie Habs dem Boten die Zusage gemacht, ihm den fünffachen Werth des Silberbeschlags und der Rubinen zu geben, so daß er nicht in Versuchung kommen würde, die Bibel aus Habsucht sich anzueignen. Selbst aber wenn auch dieser Bote sie an ihren Geheimsecretär verrathen und ihm Brief und Bibel überliefern würde, so sollten ihre Widersacher doch wenigstens in diesem Brirk nicht den Schlüffe! zu dem Gcheimniß finden, sondern der letztere — er sei bereit« unterwegs — würde ihrer Tochter auf einem ganz ungewöhnlichen, aber desto sichern Wege, vielleicht erst nach einigen Wochen zugehen. Der Bote langte wirklich mit dem Packet in Hamburg an. Es wäre nun wohl anders gekommen, wenn nicht mein Großvater, der Kaufmann Bardeleben, mit seiner jungen Frau zur Frankfurter Meffe gereist gewesen wäre. Mein Urgroßvater, der mit seiner Tochter unter einem Dache wohnte, empfing in deren Abwesenheit den Boten, und als er von Letzterem erfuhr, daß der Inhalt nur eins Bibel sei, durchfuhr ihn der Gedanke, seine ehemalige Gattin könne, durch seinen eigenen Brief dazu veranlaßt, Reue über ihr vergangenes Leben fühlen und das Geschenk einer Bibel sei ein Zeichen ihrer Umkehr, weshalb man daffelbe nicht zurückschicken dürfe. Er schrieb dem Boten auf dessen Wunsch einen Empfangsschein aus «nd erst als dieser sich entfernt hatte, öffnete er, trotzdem es nicht seine Adresse trug, das Packet. Wie erstaunte er aber, als er nun den Brief gelesen, daß in demselben nicht eine Spur von Reue zu entdecken war. In dem Briefe, den mein Urgroßvater meiner Großmutter hinterlassen, schreibt er, daß dies Gs- heimniß doch angefangen habe, ihn zu reizen, und daß er ernstlich erwogen, ob er ein Vermögen von dieser Größe, das sonst Niemandem zu Gute kommen würde, seinen Kindern vorenthalten dürfe. Er sei doch von der Neugierde erfaßt worden, wo die Gräfin wohl dasselbe verborgen und habe nun dir ganze Bibel durchblättert, ob er darin irgend etwas entdecken könne, Habs aber absolut nichts gefunden. Da meldet sich etwa zehn bis elf Tage später ein braunes Zigeunerweib bei ihm. Sie fragt nach dem Kaufmann Bardelebm, und als er dir Gegenfrage stellt, weshalb sie denselben zu sprechen wünsche und sie darauf erwidert, daß sie eine Abgesandte der Gräfin Fichtenberg sei, begeht er die Lüge zu sagen, daß er der Kaufmann Bardeleben sei, um nur in den Bksitz des Geheimnisses zu gelangen. Sie erzählt ■ ' nun mit großem Wortschwall, daß sie der Zauberei I unschuldigerweise angrklagt sei, daß sie lange Zeit im Gefängniß geschmachtet habe und durch einen Machrspruch drr Gräfin Fichtenberg daraus befreit sei. FZr diese edle Frau ginge sie durch'« Feuer und aus Dankbarkeit gegen sie habe sie die weite Reiss unternommen. Hierauf übergab sie meinem Urgroßvater einen Brief, und nachdem dieser ihr ein nahmhaftes Geldgeschenk gemacht, entfernte sie sich, wunderbare Segenssprüche vor stch hinmurmelnd. In dem Briefe, den Grunert in großer Spannung geöffnet hatte, standen nur die wenigen Worte: Jesus Sirach, Kapitel 1, Vers 1. Nimm alle Buchstaben, unter betten ein Punkt steht, der Reihe nach und stelle ste zusammen, dann wirst Du finden, daß ste keinen Sinn enthalten, wählst Du aber stet» den nächsten Buchstaben, so wirst Du erfahren, was Du erfahren sollst. Mein Urgroßvater holte sogleich die Bibel hervor, schlug das Buch Jesus Sirach auf und entdeckte in der That unter verschiedenen Buchstaben einen fchwarzm Punkt, der zwar deutlich zu erkennen, aber doch so klein war, daß ihn Jeder, der von seiner Existenz keine Ahnung hatte, übersehen haben würde. Nun begann mein Urgroßvater sofort jeden punktirtrn Buchstaben, dar heißt, immer den nächstfolgenden, auf ein Stück Papier zu schreiben und zu Worten zusammenzusügen, war ihm auch ohne besondere Schwierigk-iten gelang. Er vertiefte stch in diese Arbeit so sehr, daß er darüber ganz und gar vergaß, zu einer bestimmten Stunde auf einer sehr wichtigen Mustkprobe zu erscheinen. Bereits hatte er die Worte entziffert: Es ist mein Wunsch, daß Du, meine geliebte Tochter, von der mich eigenartige Verhältnisse getrennt, meine Brillanten und ein Kästchen mit Louisd'or erbst und nur Dir und Deinem Gemahl will ich anvertrauen, wo ich dieselben verborgen habe. Wenn ste in Deinem Befitz sind, weile ich vielleicht nicht mehr unter den Lebenden, dann schenke Deiner Mutter eine Thräne des Mitleids. — Bereits hatte, wie gesagt, mein Urgroßvater diese Worte niedergeschrieben, als plötzlich die Thür aufgeriffen wurde und einer seiner Musiker mit drr Frage hrreinstürmte, ob der Herr Direktor vielleicht krank geworden sei, da er nicht zur Probe gekommen. Erschrocken über seine Vergeßlichkeit sprang mein Urgroßvater von feinem Sitz empor, steckte den Brief der Gräfin und seine Notizen in die Tasche, und ohne erst dir Bibel wieder zu verschließen, eilte er mit dem Musiker davon. Als er nach einigen Stunden zurückkehrte, war die Bibel von seinem Schreibtisch verschwunden. Nach Aussage der Magd, die dm Herrn Direktor nicht hatte fortgehen sehen und denselben noch auf seinem Zimmer vermuthete, war ein fein gekleideter Mann gekommen und hatte nach Herrn Bardeleben gefragt, und als sie ihm erwidert, daß er sowohl wie seine Frau schon feit vierzehn Tagen verreist seien, habe er gebeten, ihn zum Herrn Musikdirektor Grunert zu i führen. Sie habe ihn für einen Künstler gehalten, 27 wie so Viele fhU den Herrn Musikdirektor zu sprechen wünschten, ihm des Letzteren Zimmer be» zeichnet und sich nicht weiter um ihn bekümmert, habe ihn auch nicht wieder fortgehen sehen, .da ste gleich darauf ins Souterrain hinabgegangen sei, wo sie etwas in der Küche zu thun gehabt. Mein Ur» großvater war der Meinung, daß es wohl der Ge- heimsrkretär der Gräfin gewesen sein könne, der auf irgend eine Weise erfahren, daß die Bibel das Ge« heimniß, wo der Schatz verborgen, enthalte, und nun zu dem Zweck nach Hamburg gereist sei, um den Versuch zu machen, dieselbe durch Gott weiß welche Mittel in seinen Besitz zu bekommen, einen Versuch, der ihm auf den ersten Wurf gelungen. Mein Urgroßvater, der von Anfang an von dem Gedanken durchdrungen gewesen, daß die Erbschaft der Gräfin Fichtenberg seinen Kindern keinen Segen bringen würde, sah in der Entwendung der Bibel ein Walten der Vorsehung und unterließ jeden Schritt, das Verlorene zurück zu erhalten. Vielleicht, wenn er die Sache der Polizei gemeldet, daß man den Dieb noch ermittelt hätte. Und das, was ich Ihnen, Herr Professor, ohne Unterbrechung jetzt erzählt habe", fuhr Frau Rohden- berg fort, „ist das Refums dieser umfangreichen Schriftstücke. u@ie werden daraus ersehen, wie vage die Hoffnung und die Aussicht ist, jemals diese Bibel aufzufindrn, und wie wenig Wahrscheinlichkeit vor- chandcn, daß der Schatz noch an demselben Orte sich befindet, wo die Gräfin ihn verborgen. Kann er nicht längst von irgend Emern entdeckt sein? Mehr als ein Jahrhundert ist seit jener Zeit vergangen. War er vergraben, so kann die Anlage von Chausseen und Eisenbahnen ihn an's Licht befördert haben; hatte die Gräfin ihn in der nächsten Umgebung des Schlosses, in einem Pavillon oder in einem anderen Gebäude untergebracht, so können dieselben abgebrochen sein, nur Ein« ist bis zur Stunde unser- ändert geblieben, es ist das Schloß selbst. Und wissen Sie, Herr Professor, was für ein Schloß dar ifi? Es ist die vier Meilen von hier gelegene sogenannte Schlangendurg, die vor noch nicht langer Zeit in den Besitz unseres großen Industriellen, des Geheimen Commerzienrath Wolter gelangt ist. „Wie?" ries der Professor Marquard erstaunt au», „die Schlangenburg, dieser alte romantische Bau gehörte der Gräfin Fichtenberg?" „Sie bildete mit den Gütern Fichtenberg, Rönn- wald und Holzendorf, eine Enclave unseres Nachbarstaates, welche erst zu Anfang unseres Jahrhunderts unserem Lande incorporirt wurde." --Ihre Erzählung hat mich sehr interesstrt", sagte der Professor, sich mit der Hand durch das aufstrebende, borstige Haar fahrend, „und ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Man wird ganz eigenartig berührt, wenn man um mehr als ein Säculum in die Vergangenheit zurückgeführt wird. Wie vor- ändert sich doch die Welt und fast Alles, was sie enthält, von einem Jahrhundert zum andern. Wie unendlich Viel-s ist so ganz anders geworden, die die Fürsten und die Völker, die Anschauungen und die Begriffe. War früher geschehen konnte, ist jetzt zur Unmöglichkeit geworden." (Fortsetzung folgte Mofeffor Wrchow üöer den Kreös. (Schluß.) Nicht ohne Grund hat sich in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit wieder mehr den Umsetzungen in dem Körper der Kreb »kranken, namentlich im Blut und im Harn, zugewendet. Die Vermehrung de» Zuckers im Blute, die Verminderung des Harnstoffe« im Harn sind als wichtige diagnostische Hilfsmittel herangezogen worden. Aber auch diese Angaben entbehren bis jetzt derjenigen Sicherheit, welche uns die anatomische Untersuchung bietet. Sie find insbesondere, soweit bis jetzt die Thatsachen bekannt find, nicht mit derjenigen Genauigkeit in Bezug auf die Art des Krebses, auf das Stadium der Erkrankung, auf die Betheiligung der ursprünglichen Gewebe, auf das betroffene Organ und auf das Gesammtoerhalten des Organismus durchgeführt worden, daß ihnen ein sicherer Platz in der Diagnostik und Prognostik eingeräumt werden könnte. Insbesondere fehlen noch alle Anhaltspunkte, um auf rein chemischem Wege eine Erklärung dafür zu geben, warum gewisse Krebrsormeu mehr, andere weniger infektiös find. Gerade dieser für die Prognose im höchsten Maße entscheidende Punkt ist viel sicherer nach rein empirischen Regeln zu erledigen. Entgegen der früheren Vorstellung, daß der Krebs auf einer Dyskrafie beruhe, hat Virchow die Auffassung der primär lokalen Natur der bösartigen Neubildungen entwickelt und dis Dytkrasir als ein sekundäres Ereigniß gedeutet. Es hat manches Jahr gedauert, fährt Virchow fort, ehe ich an der Hand der Erfahrung dahin gelangte, mit dm Dogmen der alten Medicin zu brechen. Als ich anfing, waren dis Chirurgen so meffcrscheu gegenüber den Carci- nomen geworden, daß manche von ihnen überhaupt nicht mehr derartige Geschwülste operiren wollten, andere wenigstens die größten Reserven machten. Meiner Anschauung gemäß trug ich kein Bedenken, der früheren Operation das Wort zu reden. So lange ihre Neubildung sich noch al» eine solitäre erweist, darf die Hoffnung auf einen glücklichen Verlauf auch bei den gefürchtesten Arten der Neubildung nicht ganz aufgegeben werden. So lange man die Ueberzeugung festhalten darf, daß es sich um einen wesentlich lokalen Vorgang handelt, wird es gewiß gerechtfertigt sein, unter allen Verhältnissen dessen Beseitigung zu versuchen. In diesem Sinne wirkte ich stets auf dis mir befreundeten Operateurs ein, so 28 namentlich auf Karl Meyer, Albrecht v. Gräfe und B. v. Langrnbrck, und es gelang mir, sie zu ausgiebigen Operationen auch bei ganz jungen Geschwülsten maligner Art zu bestimmen. Jetzt ist das fast antiguirte Weisheit. Ist doch sogar von hervorragender Stells aus das Verdienst, die primär-lokale Natur der malignen Geschwülste erkannt zu haben, für die modernen Chirurgen in Anspruch genommen worden. Es ist das für mich eine sehr werthvolls Wahrnehmung gewesen. Denn es kommt doch nicht vorzugsweise darauf an, von wem die Lehre herstammt, sondern ob ste wahr ist; und daß ste jetzt wenigstens für wahr gehalten wird, dafür flieht es keinen besseren Beweis, als daß chirurgische Praktiker es al» eine besondere Leistung »her Chirurgie" darstellen, daß sie diese Wahrheit aufgefunden habe. Jedenfalls hat dieser Glaube die gute Folge gehabt, daß immer früher operirt wird und daß die Zahl der operativ geheilten Fälle immer mehr zunimmt. Auf die Statistik der Krebroperativnen möchte ich hier nicht eingehen. Man muß leider zugestehen, daß damit noch nicht „viel Staat zu machen ist". Wichtiger ist die Beobachtung, daß die Aff-krion un« gewöhnlich lange lokal bleibt und sich höchstens auf die nächste Nachbarschaft ausbreitet, daß dagegen Metastasen ganz ober doch während einer Reihe von Jahren ausbleiben. In solchen Fällen liegt die Gefahr wesentlich in der lokalen Verbreitung und Zerstörung, und so lange e» sich ausführen läßt, diesen Lokalherd in seiner ganzen Ausdehnung durch eine Operation zu erfaffen und zu beseitigen, so lange kann auch die Hoffnung festgehalten werden, daß eine definitive Heilung erreicht werden wird. Die vielerörterte Frage der Vernarbung bei Krebsen berührt Virchow ebenfalls; er hat gefunden, daß sehr gewöhnlich bei Krebsen eine Vernarbung vorkommt, welche durch eine regresstve fettige Metamorphose der Zellen im Ccntrurn der Geschwulst ein- geleitet wird, daß jedoch die Krebsvernarbung noch lange keine wirkliche Krebsheilung ist; im Gegeniheil, es kann eine ausgedehnte Vernarbung stattfinden, während doch dis Produktion neuer Krebselemente sich immer weiter propagirt. Das Hinderniß einer wirklichen Heilung liegt eben in der fortschreitenden Bildung acceflorischer Herde. An sich ist da» Car- cinom keine Dauergeschwulst. Seine Zellen haben vielmehr in ausgemachter Weise einen hinfälligen Charakter; sie sind nur zu einer beschränkten Lebensdauer angelegt und verfallen nach einer relativ kurzen Zeit ganz von selbst rückgängigen Metamorphosen. Könnte man diese Metamorphosen sofort über alle Theile des Krebses ausbreiten und den Nachwuchs accessorischer ober metastatischer Knoten hindern, so wäre eine definitive Heilung sicher. Von Zeit zu Zeit werden einzelne Fälle ver- jjffentlichf, in welchen diese glückliche Verbindung eingetreten fein soll. Ich habe früher wiederholt dars über berichtet, muß aber leider bekennen, daß sehr wenige Fälle bei einer genaueren Prüfung bestehen. Nichtsdestoweniger bin ich fern davon, die Möglichkeit einer spontanen Krebsheilung ausschließen zu wollen. So hat vor wenigen Jahren John Clay in London Beobachtungen mitgetheilt, nach welchen der Gebrauch des Terpentins von Chios eine so wvhl- thätige Wirkung hervorbringen soll. Leider fehlt es an ausreichenden B stätigungen. Es scheint mir, daß man in der ärztlichen Praxi» dieser Seite der therapeutischen Forschungen zu skeptisch gegenüber« steht. In einer so verzweifelten Lage, wie sie durch da» Auftreten des Carcinoms für einen Menschen geschaffen wird, ist man berechtigt, auch solche Mittel zu versuchen von deren Wirksamkeit man fich kein klares Bild entwerfen kann. Hier ist das Feld für therapeutische Versuche, natürlich nicht für Versuche mit jedem, von irgend einem Schwärmer oder gar Abenteurer vorgeschlagenen Mittel, aber wohl mit solchen Mitteln, für deren Wirksamkeit einigermaßen beglaubigte Beobachtungen beigebracht sind. Die spontane Rückbildung von Geschwülsten ist sehr weit verbreitet. Vielleicht am wenigsten findet sie sich bei hornigen und verhornenden Gebilden, und so auch seltener und weniger ausgiebig bei den epidermoidalen Carcinomen, den sogenannten Can- croiden. Eine verhornte Zelle eignet sich nicht mehr zur Fettmetamorphose. Hier ist daher die Entfernung des Krankheitsherdes vorzugsweise angezeigt. Ich möchte dabei aber hervorh-bsn, daß eine Entfernung des epidermoidalen AtveoleninhaUs auch durch Ulceration erfolgen kann, und daß es gerade unter den cancroiden Ulcrrationen der H,-uk solche giebt, in welchen das Zustandekommen einer defini- tiven Vernarbung nach voller Reinigung des Gs- schwüre von guten Beobachiern bezeugt wird. Eine Theorie dieser Heilungen läßt sich bei dem mangelhaften Material nicht geben. Nur das scheint mir vorläufig ausgeschloffen, daß es Methoden giebt, durch welche eine Immunität der Gewebe gegen dis Infektion durch einen bestehenden Krebs, also eine Widerstandsfähigkeit gegen die Invasion, herbeige' führt werden könnte. Alle», was wir bisher muffen, spricht dafür, daß unter gewlffen Umständen dir Ernährung der vorhandenen Krebszellen so sehr gestört werden kann, daß ihr Zerfall zu Stande kommt. Da» haben zahlreiche ältere und neuere Praktiker durch die äußere Anwendung der mannigfaltigsten Arzneistoffe angestrebt. Mögen die jetzige und die kommenden Generationen nicht im weiteren Suchen erlahmen! Ist der Krebs in seinem Beginn und oft noch sehr lange ein örtliche» Leiden, so muß es auch möglich sein, ihn in dieser Zeit örtlich zu heilen. Rehaktion: A. Scheyda. '<* Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,