1888. Dienstag dm 16. October. Nr. 122. ge« Irmgard blickte durch ihr goldgefaßtes Augenglas hinab auf die wogende Volkrbrandung und wandte | sich dann mit der Gederde tiefen Abfcheues ab. Auf der Straße, dem Haufe gegenüber, befanden Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emilie Heinrichs. sich verschiedene Gesichter, denen wir bereits begegnet find. Ganz vorne stand der Detectiv Thorsen, der es vorgezogen hatte, hier gedrängt und gepreßt zu werden, anstatt, wie man's ihm angeboten, unter Dach und Fach das Schauspiel bequem zu genießen. Er mußte mindestens jenes Haus beobachten, wo das vornehme Wild weilte, dem er mit der Zähigkeit einer Jägers von Profession nachstcllte, da er von der Avretse desselben seltsamer Weise noch nichts wußte, obwohl des berühmten Dorner's Abwesenheit ihm nicht unbekannt geblieben war, da selbige in den höheren bürgerlichen Kreisen sehr bedauert wurde. Neben ihm stand der Barbier Semmel, und hinten drängte sich seine Garde, die er im geheimen Dienst der Polizei beschäftigte. Borheiten und harmlose Witze flogen wie Raketen umher, man vertrieb sich das Martyrium des langen Harrens und der Ungeduld mit allerlei Einfällen, die lautes Gelächter hervorriefen, während die Polizei genug zu thun hatte, um die ärgsten Schierer in Ruhe und die Ordnung aufrecht zu halten. „Wetter, ja, das alte Haus dort drüben sieht jetzt wie eine richtige Ritterburg aus", bemerkte der Barbier, ,lalle bonheur» die Geschichte macht Staat." gangen und die Kranke in einer leidlich zufriedenen Stimmung, obwohl Ulrichs Abwesenheit immer auf'S Reue wieder ihren Groll heraurforderte. -In diesem Augenblick melvete Johann den Herrn Baron von Lerchenheim, welcher ganz erregt in's Zimmer trat und nach der gewohnten respectvollen Begrüßung es außerordentlich bedauerte, nicht früher gekommen zu fein, da die Menge ihn nicht habe durchlafien wollen und er feine ganze Diplomatie habe aufbieten müsien, um die Mauer zu durchbrechen. „Das Haus macht einen geradezu Überwältigend schönen Eindruck, meine Gnädigste!" rief er dann, tief Athem schöpfend, „ich hörte nur eine Stimme darüber." Er hütete sich wohl, verschiedene anders Stimmen zu wiederholen, deren Angriffen auch seine Person ziemlich deutlich ausgesetzt gewesen. (Fortsetzung.) So war denn Alles bis dahin nach Wunsch „Na, sie stammen ja auch direct von den Raubrittern ab", rief eine andere Stimme. „Nicht so hitzig, nicht so hitzig", schrie der Barbier ängstlich, „wer mag so etwas behaupten." „Ha, ha, nicht so hitzig, alter Semmel, vertrocknetes Hasenherz!" tönte es höhnend aus der Menge, „was haben die Aristokraten da drüben mit ihrem mittelalterlichen Gerümpel Staat zu machen? Es ist eine Verhöhnung der Volks, man müßte den Kram herabreißen." „Nicht so hitzig, nicht so hitzig!" flüsterte Semmel mit angstbleichen Lippen, „am Ende giebt's noch Krawall, Herr Thorsen?" „Unsinn, Mann!" sprach dieser, sich verächtlich umblickend, wobei er seine Garde bedeutungsvoll streifte, „Sie thun beffer daran, Ihre Begeisterung für sich zu behalten." „Jawohl", schrie ein Riese mit einer dicken rothen Nase, welche keinem Anderen als dem braven Timm, des Detectivr rechter Hand, gehörte, „das sag' ich auch, Maul gehalten und stillgestanden, damit des Volkes Rechte, das auch von dem Feste genießen will, nicht unterdrückt werden, ich, Gottlieb Timm, behaupte, daß die Jmmenburg heut' am schönsten sich herausgeputzt hat, wer behauptet das Gegentheil?" „Hurrah für Gottlieb Timm!" brüllten feine Kameraden, und die Menge johlte mit, wie sie es immer gethan bei solchen Gelegenheiten. „Die Jmmenburg ist ein guter Witz", hieß es dann, „hurrah für die alte Jmmenburg!" „Da sitzt auch das lahme Burgfräulein mit dem gebrochenen Herzen", schrie ein roher Gesell-, als der Jubel sich einen Augenblick gelegt, „seht, wie sie uns neugierig durch ihr Glas beäugelt, puh, wie das kleine Gerippe sich aufgeputzt hat —" „Silentium!" schrie der Riese, „Kranke läßt man nicht leben —" Ein schallendes Gelächter unterbrach seinen sonderbaren Satz» während der Barbier fortwährend sein gewohntes „Nicht so hitzig, nicht so hitzig", vor sich hinmurmelte. Plötzlich vernahm man donnernde Jubelrufe. „Sie kommen!" hieß es, Alle verstummten und reckten die Hälse, so lang' sie konnten. „Nicht drängeln! — Au, grober Klotz! — Die Reichen haben'« gut, brauchen sich hinter ihren Fenstern nicht knuffen zu lassen I--Dafür sind wir hier auch in großer Gesellschaft I — Silentrum, meine Herrschaften!" So tönte es lachend, grollend, schimpfend durcheinander. Hießener Jamilienbläiter Belletristisches Beiblatt?um Gießener Anzeiger. 490 - tigkeit unbemerkt von ihnen geblieben war. Es war Alles bis hierher programmmäßig ver- laufen, beim hohen Thor, wo die prächtige Ehren- Pforte sich befand, das hohe Paar, welches in einem Wagen, von vier milchweißen Pferden gezogen, faß, von den Ehren-Jungfrauen der Stadt begrübt, und vom Magistrat der übliche feierliche Empfang in Scene gefetzt worden. Es war ein ebenso schöner als liebenswürdiges Fürsten-Paar, welches Freude und Glück empfand und beides dem jauchzenden Volke mitzutheilen auch offenbar von ganzem Herzen die Namen hörten. „Freifräulein v. Jmmendorf und Fräulein Mazda Rosen, Du hörest es, meine Liebe!" wandte sich der Fürst erfreut zu seiner Gemahlin, welche-, von einem raschen Impuls getrieben, den beiden holden Wesen hatte. , , Der Zug nahte auch in der That schon, eine Zeit lang durch die gedämpfte Brandung der Menge mnft nur hnrrfi ^rmaotbS maßlose Äef« bitter fort, „daß Ihr meinen Tod wünscht und her» beisehnt — „Schwester I" unterbrach sie Ulrike fast heftig. „O, verstelle Dich nicht, ich ahn-, ja weiß Alles, — Du hoffst alsdann noch auf Glück, und wirst Dich wenig um die Tobten bekümmern, wenig um des Hauses Ehre und Ansehen, um den unbefleckten Ahnenschild unsers glorreichen Geschlecht», wirst Deinen ruhmreichen Namen mit einem obscuren bürgerlichen vertauschen und vielleicht es zugeben, daß die letzten Sproffen dieses Hauses denselben verdamm« lichen Weg wandeln. AVer ehe ich solches zugebe, sollst Du mir schwören —" „Schwester, um Gotteswillen, welche Scene!" rief Ulrike, leichenblaß vor Empörung und Aufregung, „Du vergiffest, daß wir nicht allein sind, daß ich Dir niemals Ursache zu solchen Beschuldigungen ge- geben habe, ja, daß ich um Deiner Ruhe willen —" „Meine Gnädigsten, die hohen Herrschaften kam» men!" unterbrach der Baron, der mit steigender Angst dieser Scene gefolgt war, die letzten verhäng« nißvollen Worte der armen, so schwer verletzten ! Ulrike- Er wunderte sich selber über seine maßlose Kühnheit, zu welcher ihn nur die Furcht, daß Ulrike sich durch einen Schwur um den letzten kümmerlichen Rest ihrer Hoffnungen betrügen werde, hingerissen „Da unten aber ist'» fürchterlich', flüsterte Baron i Lerchenheim, welcher sich mit Ulrike' in ein Eckfenster zurückgezogen hatte. n, „Ja, sie scheinen unser Hau» zur Zielscheibe ihrer ungeduldigen Laune gemacht zu haben", ernst, bette Ulrike mit besorgter, halblauter Stimme, „wenn sie nur unsere Kranke verschonen möchten. Ach , setzte sie seufzend hinzu, „hätte der Zug einen ande« rett Weg nur genommen, lieber Baron!" „Freilich, freilich", seufzte dieser fast unhörbar, worauf er sich ganz leise zu Irmgard begab, um ihre Stimmung zu fondiren. Diese deutete auf Sonnenschein, wie die goldenen Strahlen, welche ihre Reflexe über die zarte Gestalt warfen und auf ihr wachsbleiche» Antlitz den Schimmer der Gesundheit zauberten. „Wie lieblich und wohl Sie aussehen. Gnädigste!" flüsterte der alte Herr, ganz beglückt, daß die boshafte Außenwelt ste unberührt gelaffen. „Man bewundert dort unten unser Haus", lächelte ste zufrieden, „was ist das Volk doch eigentlich, lieber Baron? - Ich sehe da eine große, stch ungenirt drängende Maffe, die man im Grunde nicht für Menschen halten kann. Das Volk ist ein große», ungeschlachtes Thier, nicht wahr, Baron?" Er hustete verlegen, weil dieser Ausdruck ihm Menge. „Sie schauen mich an, L donc!" sprach sie, da» Glas hinlegend und sich mit dem Ausdruck de» Grauens zu dem Baron wendend, „wie gräßlich dieser Lärm mich berührt, weshalb hat man keine Soldaten aufgestellt, um dieses große, rohe Kind in Ordnung zu halten?" Ulrike gab ihr das Flacon mit Riechsalz und wagte die Bitte, sie in ein anderes Zimmer bringen zu dürfen. „Nachdem ich so lange hier ausgeharrt?" sprach sie mit schwacher Stimme, „nein, Ulrike, und wenn es mein augenblicklicher Tod wäre, ich muß das erlauchte Paar sehen. — O", setzte sie hinzu, „der Anblick der Menge hat mich unterhalten, ich habe seit langen Jahren so viele Menschen nicht beisammen gesehen. Wäre Ulrich nur hier, es ist unver- zeihlich von ihm, so wenig Rücksicht auf mich zu nehmen, aber wann ist auch solche» in diesem Haufe geschehen?" — Wann hat man Rücksicht auf da» Glück und die Zufriedenheit einer von allen Freuden der großen Welt ausgeschloffenen Kranken genommen?" Ulrike preßte die Lippen fest zusammen, um jeden Laut der Empörung zurückzudrängen, während der Baron verlegen vor sich hinblickte und diese Aeuße« rung seiner Angebeteten doch ein wenig zu hart finden mochte. „O, ich weiß es sehr wohl", fuhr die Kranke bestrebt war. Al» Hedwiga vortrat, um mit Ueberretchung eines prächtigen Straußes den Glückwunsch der Stadt in kurzer, gebundener Rede darzubringen, als ihre klare melodische Stimme wie Musik erklang, da herrschte Todtenstille ringsum und mit sichtlichem Wohlgefallen ruhten die Blicke des Fürsten-Paare» auf dem I schönen Mädchen, das mit vornehmer Sicherheit und lächelnder Anmuth sich feiner Aufgabe entledigte. Hewiga und Magda.Rof-n, welche von ersterer mit fester Hand in Reih' und Glied gezogen, wurden jetzt den hohen Herrschaften durch den Bürgermeister vorgestellt, welche mit sichtlicher Ueberraschung sehr grausam erschien. „Möchten wir nicht lieber sagen, es ist ein großes unverständige» Kind, Gnädigste?" ,„..ö ...... ... T, Irmgard wiegte überlegend den Kopf, und schaute | angekündigt, was nur durch Irmgards maßlose Hef. dann aufmerksam durch ihr Glas auf die lärmende die $ röthe berül Freu Heim I fort, 5 nach! ausg ging den wem eine) zwei zusa sie I oder Mä Ges fuhi wäf eine als« scha den in de» lich noci Göj «tu Br uni ich mii hab Bl feil seii ihr De mi bri bei sei! roe al! do 491 5 5 i l I heftig. veiß Alles, und wirst wenig um nbefleckten wirst Dei« en bürger- t, daß die verdamm» >es zugebe, und her» ie Scene!" Aufregung, ), daß ich gungen ge- wtllen —" >aften kam» steigender n verhäng« : verletzten zeichnung? — Und neben dem Freiherrn v. Jmmen- dorfl Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ah, diese rohe Menge, schaffe mich fort, Ulrike! — ich habe über genug davon." Schweigend bemühten sich die beiden einzigen Menschen, welche der selbstsüchtigen Kranken unerschütterliche Liebe und Treue bewahrt, die federleichte Gestalt sammt ihrem Ruhebett nach drr Kamin-Ecke zurückzubringen, wo sie erschöpft die Augen schloß und grollend dar Einst und Jetzt bei sich erwog. Nein, die Aermste verstand die Welt nicht mehr! — Draußen hatte sich im selben Augenblick, als dec Wagen mit Ulrich und Egon nahte, eine andere blitzschnelle Scene, deren Bedeutung nur von drei Männern verstanden wurde, abgespielt. Dieselbe war von dem Detectiv Thorsen veranlaßt worden, denn kaum hatten seine ruhelos umherschweifenden Blicke die Insassen erkannt, als er dem neben ihm stehenden Timm einige Worte zuflüsterte, welche dieser rückwärts seinen Kameraden mittheilte. (Fortsetzung folgt.) „Er ist der berühmte Reisende Doktor Egon ; Dörner, der Reffe des Major Tellkamp!" erwiderte \ der Baron an Ulrikens Statt. „Der MW" sagte Irmgard gedehnt, „wie I kommt denn dieser Mensch zu einer solchen Aus- ßlose Kühn- Ulrike sich unmerlichen hingeriffen schon, eine der Meige mßlose Hef« r. Mäßig »er» tige Ehren- 26 in einem -zogen, saß, egrüßt, und empfang in -nso schöner heS Freude jauchzenden azem Herzen eberreichung ch der Stadt rls ihre klare da herrschte :m Wohlge- :ee auf dem ch-rheit und ntledigte. von ersterer ogen, wurden Bürger- eberraschung ulein Mazda adle sich der von einem olden Wesen die Hände entgegenstreckte. Diese neigten sich er- ß röthend darüber, um dieselben mit ihren Lippen zu I berühren, und leise fragte die Fürstin: „Ihr seid Freundinnen, wie?" „Schwestern, Durchlauchtigste Fürstin!" versetzte Hedwiga, um die verwirrte Magda den Arm legend. „Ich danke Euch, Kinder!" fuhr die hohe Frau fort, „und hoff-, Euch nachher im Schlosse zu sehen." Die kleine Scene war rasch vorübergegangen; nachdem der Fürst mit lauter Stimme seinen Dank ausgesprochen, traten die Dcmen zurück» der Zug ging weiter. Am liedstkN hätte die Fürstin die beiden Freundinnen zu sich in den Wagen genommen, ■ wenn der Rücksitz nicht von der Oberhofmeisterin und einer ältlichen Hofdame bereits besetzt worden wäre. Plötzlich preßte Magda der Freundin Arm. „Schau, Hedwiga! — Wer sitzt dort in dem zweiten Wagen?" flüsterte sie athemlos. Das Freifräuletn starrte hin und zuckte erschreckt zusammen. „Mein Bruder Ulrich mit Doktor Dörner!" stieß sie halblaut hervor, ungewiß, ob dies Wirklichkeit oder Vision sei. Rein, es war keine Vision, was die beiden jungen Mädchen sahen, sondern Wirklichkeit 1 — Im nächsten Gefolge, dicht hinter dem Wagen der Fürsten Paares, fuhren die beiden Genannten im schlichten Civilrock, während den Rücksitz zwei Adjutanten der Fürsten eingenommen hatten. L-tzterer hatte unsere Freunde also ganz besonders auszetchnen wollen. Jetzt verneigten sie sich, die Hüte ziehend, mit schalkhaftem Lächeln gegen die beiden Damen, welche den Gruß fast mechanisch erwiderten und dann eiligst in einen Wagen flüchteten, um sich nach dem Hause der Mojors zu begeben, das an einer von dem festlichen Trubel nicht berührten Straße lag. „Verstehst Du das, Magda?" fragte Hedwiga noch ganz athemlos, als der Wagen eine stillere Gegend erreichte. „Richt ganz, liebes Herz!" erwiderte Magda altklug, „doch dämmert es allmälig in mir auf. Dein Bruder fchien am Tage feiner Abreise recht besorgt und unruhig zu sein, seine Worte klangen so seltsam, ich konnte es gar nicht vergessen. Run denke ich mir, daß er und Egon zum Fürsten sich begeben haben —" „Ja, ja", siel Hedwiga hastig ein, wobei ihr Blick wie abwesend vor sich hinstarrte, „so wird es sein. Der arme Ulrich mußte sich beim Fürsten ob seiner damaligen Flucht und langen Abwesenheit, die ihn in einen falschen Verdacht gebracht, rechtfertigen. Deshalb feine Unruhe, und Egons Begleitung, welche mir Alles erklärt. O Magda!" setzte sie in aus- brechendem Jubel hinzu, „dies ist ein glückverheißender Tag sür uns Beide, nun kann Alles gut und selbst auch Tante Irmgards Hochmuth überwunden werden." Der Fürst ließ halten, um das geschmückte Haus in Augenschein zu nehmen. Der Fürstin Blick schweifte zu dem Fenster hinauf und blieb an Jrm« gard's gebrechlicher Gestalt haften. Der Baron und Ulrike waren rasch vom Fenster zurückgetreten, doch Irmgard» Augen leuchteten voll hochmüthiger Befriedigung. „Hilf mir?, mich ausrichten!" befahl sie ungeduldig, „die hohen Herrschaften grüßen herauf." Jetzt mußte Ulrike gehorchen wie immer, so schwer e» der Armen auch fallen mochte. S?e unterstützte die zarte Gestalt, indem sie sich selbst verneigte und unterdrückte einen schweren Seufzer, als sie die vergeblichen Versuche der Armen, eine formvolle Verneigung zu Stande zu bringen, mit an« sehm mußte. Das edeldenkende und zartfühlende Fürsten-Paar grüßte noch einmal mitleidsvoll hinauf und ließ dann rasch weiterfahren. Das Volk aber war nicht so rücksichtsvoll, sondern ließ seinem groben Witz den Zügel schießen und verspottete mit lautem Gelächter da» lahme Burgfräulein, das glücklicher Weise von alledem nichts merkte, da der zweite Wagen ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. „Ulrike! Ulrike!" rief sie fast kreischend, „dort sieh, unser Ulrich im Gefolge, der erste hinter den ; hohen Herrschaften! — O, nun bin ich mit ihm zu- ? frieden, der Schelm der! — Aber wer ist's doch, der neben ihm in Fond sitzt? — Kennst Du den jungen Herrn mit dem Orden im Knopfloch?" Aus der Ferne donnerten die Hochrufe der Menge, I als in diesem Augenblick dem Immen- dors'schen Hause näherte. - 492 Deutsche Kaiser in Korn. Em zeitgemäßer Rückblick von Dr. Adolf Frank. (Schluß.) Was aber ging damit an deutscher Kraft unter?'. Ein Jahr später setzte ein früher Tod seinen ehrgeizigen Plänen ein frühes Ende. —• Der Welfenkaiser Otto IV, ließ sich 1209 in Rom von Jnnocenz III. krönen. Derselbe Papst schloß drei Jahr später mit dem Gegenkaiser Otto's, Friedrich II., in Rom einen Pakt. Aber erst im Jahre 1220 konnte sich Friedrich in Rom krönen lassen. Von Deutschland blieb Friedrich lange abwesend, da sein Kreuzzug und seine italischen Besitzungen' es bewirkten, daß er erst 1234 wieder jenseits der Alpen erschien. Dagegen erblicken wir ihn 1236 wieder auf lombardischem Boden, wenn auch nur für kurze Zeit. Von Wien aus, wo er 1237 weilte, erschien er gegen Ende 1238 vor Brescia, das er vergebens belagerte, und vom Unglück verfolgt, mit dem Bann belegt, in Deutschland ntü einem Gegenkaiser in Fehde, brachte er es doch dahin, daß er den Papst 1241 in Rom belagerte. Dies war jedoch sein letzter Erfolg im Felde — zehn Jahre später starb er auf italischem Boden, wie er auch in Italien geboren ward. Der letzte Hohenstaufensproß Konradin machte 1267 seine erste und letzte Romfahrt — 1268 büßte er auf dem Schaffst das Wagniß, ohne zureichende Kräfte den Zug über die Alpen unternommen zu haben. So ging das deut- fcheste Kaiserhaus durch den falschen Gedanken unter, daß das römische Kaiserthum über dem deutschen König- thum stehe — dieser Gedanke verschuldet den politischen Rückgang Deutschlands bis in die neuere Zeit. Erst um's Jahr 1310 erschien ein deutscher König, Heinrich VI., der Lützelburger, in Italien, 5000 Reiter waren um ihn; er mußte erst den Trotz der lombardischen Städte brechen und zu Rom, in welches er am 7. Mai 1312 einzog, kam es zu hartnäckigen Kämpfen mit den Einwohnern, in denen die Deutschen fast unterlagen. Auch er starb in Italien. Sein Nachfolger, Ludwig — der Baier — ward nach voraufgegangenen Kämpfen mit dem Papstthum, von den Römern 1328 mit großem Jubel empfangen — aber P/2 Jahr später mußte er in Folge vieler politischer Fehler und des Begünstigens eines Gegenpapstes, der wenig zur Geltung kam, aus Rom und um 1339 sogar aus Italien fliehen! Karl IV., der Nachfolger Ludwigs, betrat im Jahr 1355 zum ersten Mal die Stadt Rom und sein Aufenthalt währte nur so lange, als seine Krönung Zeit erforderte. Dem Papst hatte er zugesagt, bevor er nach Rom kam, sofort nach vollbrachter Krönung die Stadt zu verlassen und er hielt sein Wort getreulich. Als er 1368 zum zweiten Male Rom besuchte, war er dem hl. Vater wie ehedem ein getreuer, frommer Sohn — er hielt ihm den Steigbügel, führte den Zelter, auf dem der Papst ritt und wenn er auch demselben mehr Unterwürfigkeit bezeigte, als es für den Kaiser der Deutschen wohl schicklich, so kam er mit dieser versöhnlichen Politik weiter, als die Hohenstaufen mit ihrer agressiven Staatskunst und war das Beste — er schonte die Kraft seines Volkes. Unter seinen Söhnen Wenzel und Sigismund gerieth das Reich in tiefen Verfall, innere Zwistigkeiten, der Kampf der Städte gegen die Fürsten mußten den Kaistr bald hier, bald dort Partei ergreifen lassen und auf diese Weise verlor die Kaiserliche Macht im Staate ihr durch Jahrhunderte lang begründetes Ansehen. Erst Sigismund ging nach den Hussitenkriegen 1431 nach Rom, wo er aber erst im Jahr nachher, nach vielen Feindseligkeiten seitens des Papstes Eugen IV. gekrönt wurde. Sein Nachfolger Albrecht II. regierte so kurze Zeit, daß er nicht die Zeit während seiner dornenvollen Regierung sand, um nach Rom zu gehen, wogegen der 1439 zur Regierung gelangende Friedrich III. nach Beendigung eines heftigen Kampfes mit der Hierarchie März 1452 von dem Papst Nicolaus V. zum Kaiser gekrönt wurde; vorerst hatte er jedoch dem Papst den Eid des Gehorsams und der Ergebenheit geleistet. Das Zeitalter der Reformation wirft seine Schatten voraus — Maximilian I. denkt schon nicht mehr daran, nach Rom zu gehen, denn in ihm entsteht sogar der Plan, die päpstliche Krone sich selbst auf's Haupt zu setzen. Karl V. benutzte feinen kurzen Aufenthalt in Italien, um sich vom Papste Clemens VII. in Bologna krönen zu lassen — Rom hatte ja bereits die Bedeutung, die einzige Stadt zu sein, wo die Kaiserkrone entgegengenommen werden konnte, verloren. Im September des Jahres 1556 dankte Karl V. als Kaiser ab, nachdem er bereits im Anfang desselben Jahres Spanien und vordem noch Italien und die Niederlande an seinen Sohn Philipp abgetreten hatte. In einem Schreiben an die Kurfürsten erklärte er, daß er die Kaiserwürde feinem Bruder Ferdinand überlaste und dieser ward auch 1558 von den Fürsten zum Kaiser erwählt. Dieser sowie sein Nachfolger, der edle und bedeutend jener Zeit vorangeschrittene Maximilian II. gingen nicht nach Rom, der Letztere entschied italienische innere Zwistigkeiten von Deutschland aus und wurde auch ohne jeden Kampf von den Italienern seine Oberherrschaft anerkannt. Die Kaiser aus dem Hause Habsburg unternahmen keine Römerzüge mehr, der Kaiserkrone wegen, wohl fochten oft genug noch deutsche Truppen auf dem blutgetränkten Boden jenseits der Alpen, aber sie selbst residirten zu Wien und ließen ihre Feldherren um die Siegespalme ringen. Die Aufklärung hatte dem Papst die größte Waffe genommen, die ihm gegen die feindlichen Kaiser zu Gebote stand: den Bannstrahl. Die Drohung mit dieser früher so verderblichen Maßregel vermochte keine Wirkung mehr zu erzielen und als der Papst Clemens IX. den Kaiser Joseph I. (1705—1711), dennoch hiermit versuchte, sandte ihm dieser seinen General Daun auf den Hals, so daß der Papst schleunigst den Wünschen des Kaisers uachkam. (riWj *”"* Redaction: A. Schetzda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.