(Gießener Amilienbläüer. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. mTör ” ” Donnerstag bett 16. August. 1888. Aer Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Lowder hob di« Hände empor, als ob er einen persönlichen Angriff abwehren wolle. Er kauerte vor Str Arthur zusammen, während er nach der Thüre schaute, als erwartete er, dort eine gefürchtete Erscheinung zu erblicken. „Du hast ihn gesehen?" flüsterte er. „Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Ec ist noch nicht erschienen." „Du — Du hast von ihm gehört?" „Nein, nichts von dem geheimntßvollen Menscher-, dessen Entkommen aus den Händen der Räuber in Italien im Stande ist, Dir rin solches Entsetzen einzujagen!" „Du hast einen Brief von Palestro gehabt?" fragte Lowder mit bebender Stimme, denn sein einziger Gedavke war der, daß all' seine Schuld bekannt sei. Sir Arthur zögerte mit seiner Erwiderung. Lowder wartete wie ein überwiesener Verbrecher auf da« Toderurtheil von den strengen Lippen seines Richter» wartet. Plötzlich sagte Sir Arthur in ruhigem, strengem Tone: „Palestro hat mir nicht geschrieben, Guy. Ich will offen gegen Dich und Du mußt wahrhaft gegen mich sein. Ich bin Deinem Geheimnisse aus die Spur gekommen und will e« ganz und gar kennen lernen. Er soll von nun an keine Heimlichkeit, keine Lügen, keine Ausflüchte mehr geben. Du verstehst?" „Was weißt Du?" fragte Lowder leise. „Ich w'll e» Dir sagen. Heute Abend, nachdem Du mit Blanche den Speisesaal verlassen hattest, brachte Purmton die Briefe herein. E» waren mehrere angekommen. Einer war für Blanche, die Uebrigen, wie ich vermuthete, für mich. Einer von diesen Briefen war adresstrt: An den jungen Sir Tresstlian. Dir Adresse war etwas sonderbar; aber ich bin doch auch durchaus kein alter Mann und der einzige Baronet dieses Namens. Ich öffnete daher den Brief, Guy, der für Dich bestimmt war." Lowder athmete schwer. „Er war von Palestro" sagte der Baronet, „selbstredend habe ich ihn gelesen." Er nahm au» seiner Tasche den fraglichen Brief und überreichte ihn Lowder. Der letztere riß ihn hastig an sich und seine brennenden Blicke verschlangen den Inhalt desselben mit wilder Gier. Er las ihn zweimal und beugte sich dann mit der Ruhe der größten Verzweiflung vorwärts und legte den Brief in die leuchtende Gluth. „Ich fordere von Dir eine Erklärung über den Inhalt dieses Briefes" fuhr der Baronet fort. „Ich frage Dich nochmals, wer ist dieser entflohene Gefangene? Warum fürchtest Du so sehr, daß er nach England kommt?" Die Aussichten Jasper Lowder'« standen verzweifelt, aber in seinem Herzen war die Hoffnung noch nicht ganz tobt; der Brief auf dem Postamte in Glocester konnte vielleicht bessere Nachrichten enthalten. Aber sicherlich hatte Tresstlian seinen Verstand nicht wieder erhalten und war nur von der Miß auf ihrer Reise nach England mitgenommen worden. Der arme Blödsinnige war nur unter dem Namen Jasper Lowder bekannt. Er war erschreckt worden und hätte fast seine Schuld verrathen und sich in's Verderben gestürzt mit seiner eigenen Furcht. Ec mußte sich so rasch als möglich in den Augen des strengen und hochstnnigen Baronets wieder rein waschen. Diese Gedanken stürmten durch sein Gehirn wie ein tosender Waldstrom. Die leidenschaftliche Unruhe und Verzweiflung wichen aus seinen Zügen. Ec strengte sein erfinderisches Gehirn an, um eins Aufklärung zu ersinnen, welche den Argwohn des Baronets vollkommen zerstören konnte. Wie konnte er sich in glaubwürdiger Weise rechtfertigen? „Ich — ich will die Sache erklären", sagte er, ’ al» die strengen, fragenden Blicke Sir Arthur's und f das tiefe Stillschweigen unerträglich geworden war ! und die Nothwendigkeit, daß er antworte, immer \ dringender wurde. Der Mann, der aus der Räuberhöhle entkommen ist, ist ein schlechter Mensch — ein ehemaliger Bekannter von mir. Er — er haßt mich 1 Er würde mich tödten, sobald er mich sieht!" „Und warum?" „Weil — weil — o, wie kann ich Dir nur diesen Abschnitt meines Lebens enlhüllm?" rief Lowder. „Du haft schon einen Schlüssel zur Wahrheit in j mr Geschichte von der Spielschuld. Dem Leben hier auf dem Lande war so friedlich, so ruhig, so frei von jeder Versuchung, daß Du die Fehler eines heißblütigen Jünglings unmöglich begreifen kannst, f Im Besitze von viel G-ld, jung und gedankenlos, i voll Lebenskraft, ohne Führer und Leiter, ist es zu • verwundern, daß ich da thöricht, ja sogar schlecht war?" i Str Arthur'« Züge wurden noch ernster und strenger. „Fahre fort", sagte er ruhig. „In Neapel", fuhr Lowdcr fort, sein Talent zu 386 erfinden, aurbeutend, „Mieth ich in schlechte Gesell, schäft. Du kennst meine Offenheit und Arglosigkeit. Ich wurde die Beute einer Bande von Falschspielern, welche den Gasthof Palestro's, in welchem ich einige Wochen verweilte, unstcher machten. Sie verleiteten mich zum Spiele, wie Du weißt. In einer Nacht — kann ich es je vergessen?" — und Lowder's Stimme schien vor leidenschaftlichem Schmerz und Gewissensbissen zu beben — „verleiteten mich diese Italiener wieder, mit ihnen zu spielen, wie ich es schon früher gethan hatte. Ich ging mit ihnen auf ihr Spielzimmer in dem Wirthshause. Ich trank mit ihnen, ich spielte! Du kennst eine solche Scene nicht, Vater. Erspare mir die Beschreibung ihrer Gräulichkeit." Er hielt schaudernd inne und bedkckie^das Gesicht mit den Händen. „Fahre fort", befahl Sir Arthur wieder strenge. „Ich wurde immer und immer wieder genöthigt zu trinken. Das feurige Getränk stieg wir in den Kopf. Ich spielte unbedacht. Ich verlor hundert Pfund an einen Italiener — denselben Menschen, der aus den Händen der Räuber entkommen ist. Ich spielte weiter und gewann die zweifache Summe, die ich verloren hatte. Mein Gegner sprang aus und klagte mich des Betruges an. Mein Kopf war in einem Taumel; mein Blut brannte wie Feuer. Blitzschnell riß ich einen Dolch aus dem Gürtel Palestro's, der zugegen war, und stach meinen lügneri- schen Ankläger in die Brust. Er fiel, wie ich glaubte, tövtlich verwundet." Wieder hielt Lowder inne, scheinbar übermannt von seinen Erinnerungen, aber in Wahrheit, um die Wirkung seiner falschen Erzählung auf den Baronet zu beobachten. Die Geschichte, wie sie der Eindringling erzählte, klang wahr. Seine schaudernde Stimme, seine reu- müthigs Miene, seine entsetzten Blicke würden selbst dem geschicktesten Schauspieler zur Ehre gereicht hoben. „Stelle Dir meinen Schreck und mein Entsetzen vor!" begann er wieder. „Stelle Dir meine Ver. zweiflung vor! Ich eilte auf den Verwundeten zu, aber er wehrte mich mit einem Schwur unauslösch- lichen Hasses ab. Ich glaubte ein Mörder zu sein. Palestro erbot sich, mir zur Flucht zu verhelfen, wenn ich ihm eine bestimmte Summe zahlen würde, die ich ihm mit Freuden gab. Nachdem ich sein Stillschweigen erkauft hatte, floh ich nach Sardinien. Als ich dort war, erhielt ich einen Brief von Palestro, worin er mir anzeigte, daß der Bursche sich von seiner Verwundung zwar erholt hätte, aber furchtbar entstellt sei. Mehr als das: er hatte einen gräßlichm Eid geschworen, sich an mir zu rächen. Du weißt, wie rachsüchtig die heißblütigen Italiener sind. In demselben Briefe, in welchem mich Palestro von der Gefahr benachrichtigte, die mir von diesem Menschen drohte, welcher entschlossen war, mich wie ein Bluthund zu verfolgen, machte er mir gleichzeitig den Vorschlag, ihn von Räubern entführen und in der Höhle des rothen Carvelli, welcher Palestro*« Schwager ist, gefangen halten zu lassen. Ich willigte in diesen Vorschlag des Mannes rin und tauschte meine Furcht vor de« Todfeinde für die Tyrannei Palestro's aus. Das Uebrige weißt Du." Diese so gut erzählte Geschichte klang glaubwürdig genug. Das Benehmen und die Blicke Lowder'« thaten auch das Ihrige, um sie zu brßätigen. Alex fertig war, senkte er vor dem Baronet sein Haupt, wie ein Schuldiger, der seinen Urtheilrspruch erwartet. Aber Sir Arthur machte keine Bemerkung. „Ich bitte Dich nicht um Verzeihung für meine Jrrthümer, Vater", sagte der Betrüger mit gutgespielter Demuth. Du bist so edel und hochfinnig, daß ich es bi« jetzt gar nicht wagte, Dir weine Fehler zu gestehen; und ich würde bis zu meinem Tode geschwiegen haben, hättest Du nicht einen Theil der Wahrheit entdeckt. Ich habe Deine Achtung und Liebe verwirkt, und dennoch war ich derselben nie würdiger, als in diesem Augenblicke. Ich bin meinen knabenhaften Fehlern und Verirrungen entwachsen, und meine Erfahrungen haben mich nun zu einem edleren und besseren Mann gemacht. Ich weiß es, daß ich Dich enttäuscht habe. Willst Du meine Gewissens bisse noch verschärfen? Willst Du mir das Leben zur Last machen oder willst Du mir verzeihen?" Er schaute flehend auf und spielte seine Rolle i mit solcher Vollendung, daß Sir Arthur'» Strenge i und Kälte ein wenig nachzulassen begann. „Du hast mir die Wahrheit gesagt ... die I ganze Wahrheit?" fragte der Baronet in gebieteri- ! sch em Tone. „Die ganze Wahrheit, Vater", sagte Lowder, fich ? zwingend, Sir Arthm's durchdringende Blicke fest ; auszuhalten. „Du kannst an Palestro schreiben, wenn ! Du mir nicht glaubst. Du kannst einen Kundschafter - nach Neapel schicken. Ich werde vor keiner Probe zurückschrecken, auf die Du mich stellen willst." Der Baronet stieß einen tiefen Seufzer au». „Sage nichts mehr, Guy", sagte er. „Laß die Vergangenheit bei den Todten ruhen. Wenn Deine Reue für Deine Fehler aufrichtig ist, will ich Dich nicht mit Vorwürfen überhäufen. Da Du jetzt die ganze Last von Deiner Seele geworfen, hoffe ich Dich mit der Zeit wieder so zu sehen, wie Du einst warst. Oder wenn Deine Offenherzigkeit und Dein unschuldiger Frohsinn für alle Zukunft dahin find, so sei mir wenigstens ein Sohn, welchen ich achten kann." Er standen Thränen in Sir Arthm's braunen Augen, al« er diese Worte sprach. Lowder reichte ihm seine Hand zum Zeichen vollständiger Versöhnung. Der Baronet faßte fie, aber ohne Herzlichkeit und Wärme. Lowder verweilte noch einige Minuten, um den Eindruck, den er gemacht hatte» zu vertiefen, dann stand er auf, zog fich zurück und ging auf sein Zimmer. 887 Sir Arthur blieb noch über eins Stunde im Salon. Die schweren Schatten wichen nicht von feinem schönen Gesichte, noch verminderte sich der Druck, der auf seinem Gemüthe lastete. „Die Geschichte war glaubwürdig genug", murmelte er. „Sie klang sogar wahr. Warum kann ich nun doch nicht aufhören, an ihm zu zweifeln, weil er mich einmal betrogen hat? Warum ist's denn, daß ich ihn immer mehr verabscheue — daß mich die Berührung seiner Hand schaudern macht, daß seine Stimme mir widerlich in den Ohren klingt?" Er stand auf und ging langsam in dem Zimmer auf und ab. Im Geiste wiederholte er sich die Ge» schichte, die ihm Jasper Lowder erzählt hatte. Und dann kehrten seine Gedanken zu dem Zwischenfall vom vergangenen Abend zurück — Lowder'» Weigerung, Blanche sein Handgelenk zu zeigen. _ „Das war seltsam", dachte Sir Arthur, sich Lowder'« Aufregung zurückrufend. „Blanche wünschte ganz natürlich die Narbe anzusehen, die er erhalten hart«, als er sie aus Gefahr, ja vielleicht vom Tode errettete. Warum weigerte er sich, sie ihr zu zeigen? Der Doktor sagte, die Narbe sei unverwischbar; Guy behauptet, daß sie noch vorhanden wäre. Wenn die Narbe noch vorhanden ist, wie er behauptet, was ist dann der geheimnißvolle Sinn seines seltsamen Benehmens? Wenn sie nicht da ist —" Seine eigenen Worte brachten einen seltsamen Argwohn in das Gemüth de« Baronets — einen schwachen Verdacht von der Wahrheit. Er verwarf ihn al» ungeheuerlich. Er sagte sich, daß er thöncht, wahnsinnig sei; aber der Gedanke wollte sich nicht zerstreuen lasten. Er verfolgte ihn, wie ein grüß, liche» Nachtgespenst. Endlich löschte der Baron die Lichter im Salon aus und ging die Treppe hinauf. Al« er in den weiten, einsamen, oberen Corridor angelangt war, zögerte er und blieb stehen. Dann trat er mit einer plötzlichen Bewegung auf die Thüre de« Betrügers zu und blieb lauschend stehen. Das Geräusch tiefer, regelmäßiger Arhemzüge drang zu ihm heraus." „Er schläft", dachte der Baronet. „Wenn die Narbe noch auf dem Handgelenke ist, werden all' diese Zweifel und Unruhen besiegt sein. Ich muß mich überzeugen." Er kämpste mit sich, aber er konnte nicht auf sein Zimmer gehen, um die Nacht in quälendem Zweifel zuzubringen, den ein kühner Schritt zu Nichte machen konnte. „Ich muß es misten", flüsterte er ängstlich, während sich in seinen Augen eine schreckliche Ungewiß« heit ausdrückte. „Um Blanche's Willen muß ich die Zweifel lösen, dis ich mir selbst nicht zuzugestehen wage." Er stellte sein Licht auf ein schmales Wandbrett. Dann öffnete er leise die Thüre, die in das Zimmer de« Betrüger» führte. Sir Arthur schlich unhörbar durch das Zimmer und blieb bet dem Bette stehen. Der Betrüger schlief ruhig wie ein Kind, ein friedlicher Ausdruck lag auf feinem hübschen Gesichte, ein Lächeln spielte um seine Lippen. Sir Arthur'» Herz erwärmte sich sür ihn. „Er muß mein sein — mein eigener Sohn", dachte er, zum ersten Male dem Argwohn, der ihn marterte, Worte und Namen gebend. „Kein Schurke könnte so ruhig schlafen!" Einer von de» Schläfers Armen lag auf der seidenen Decke. Der rechte Arm war nachlässig über den Kopf zurückgeworfen und der weite Aermel seines Nachthemdes bedeckte sein Handgelenk. Mit einer sansten Berührung schob der Baronet den Aermel etwas hinauf. Das Gelenk lag entblößt. Trotz der Versicherung des Betrüger» war es glatt und weiß, bar jeder Narbe oder überhaupt der geringsten Spur irgend einer Verletzung. Mit einem wildschmerzlichen Blick, in dem sich Entsetzen und Ungläublgkeit vereinigten, schlich der Baronet wankend aus dem Zimmer. Sechsundvlerzigstes Kapitel. Olla's Feind ist nahe. Nahezu drei Wochen waren seit der Ankunft Olla Rymple's, Guy Tresstlian's und der treuen Popley's in Bleak-Top vergangen. Der kurze Decembertag neigte sich seinem Ende entgegen. Finster und trübselig brach die graue Abenddämmerung über die Cheviothügel herein. Es lag wieder Schnee in der Luft und schon wirbelte ein ferner, eisiger Schauer umher. Ein heftiger, furchtbar kalter Wind durchschnitt die Lust. Die Lichter flimmerten schwach zwischen den unverhüllten Fenstern der kleinen Steinhäuschen, aus denen bas Dorf Gloam-Vale besteht. Der Weihnachtsabend stand vor der Thüre und der Laden des einzigen Krämers in dem Dorfe war reichlich ausgeschmückt mit Puppen, Spiel waaren und sor.stigem bunten Kram, der geschaffen wird, um die Herzen von Groß und Klein zu erfreuen. Der Krämer selbst stand in der Thüre seines Ladens und feine stämmige Gestalt hob sich scharf von dem grellen Lichte hinter ihm ab. Er schaute ängstlich die Straße auf und ab, in der der Sturm tobte und sauste, und sagte eben zu sich selbst, daß er wohl in dieser Nacht keine Käufer mehr haben werde, als das laute Rollm eines Wagens gehört wurde und ein von zwei erschöpften Pferden gezogener Postwagen die Straße herab gefahren kam. „Wer kann das sein?" murmelte der Krämer ganz überrascht. Er trat auf das Trottoir hinaus, um seine Neugierde zu befriedigen; der Wogen hielt gerade vor dem Ecksteine des Kaufmannes still. Im selben Augenblick steckte ein Herr seinen Kopf aus dem Wagenfenstsr und befahl dem Kutscher in rauhem Tone weiter zu fahren. „Er kann nicht sein, Euer Gnaden", sagte der Kutscher absteigend und an die Wagenthüre tretend. 888 „Die armen Thiere sind todtmüde. Dis S-rußen sind in einem schrecklichen Zustande und der Wind erstarrt siel" „Aber was soll das heißen? ' schrie der Passagier zornig. „Ihr wißt doch, daß Ihr mich weiter fahren müßt! Ich kann ja nicht hier bleiben." „Und ich kann Euch nicht helfen, Euer Gnaden. Es würde dis Thiere tübten, heute Nacht noch den Berg erklimmen zu müßen", erklärte der Kutscher hartnäckig. „Sie würden zusammrnbrechen, lange, ehe wir die Spitze erreicht hätten. Ich bin verant« wörtlich für die Pferde und ich weiß, was sie ertragen können. Zvei Meilen dieser Bergfahrt würden sie in ihrem jetzigen Zustande zu Grunde richten." Der Passagier riß hastig dir Wagenrhüre auf und sprang heraus auf das Steinpflaster. Ein Blick auf seine große, stattliche Gestalt und in sein weißes Gestchr mit dem Ausdrucke kalter Verachtung und anmaßenden Hochmuths genügte, um ihn wieder zu erkennen, wenn man ihn auch erst nur einmal ge» sehen hatte. Es war Olla's treuloser Vormund und unerbittlicher Feind — Herr Devereux Gower! i Fortsetzung folgt.) Eine Londoner Wokksöekustigung. Von Adam Affler. (Nachdruck verboten.) Die Boxkunst, ausgeübt als Unterhaltung und zum Vergnügen, im ernsten Zweikampfe und als Rechtsmittel, als Kunstfertigkeit und zum Erwerbe, bildet eine der wichtigsten Lehrgegenstände der englischen Jugend. Der Unterricht muß früh beginnen, denn die Kunst wird früh ausgeübt. In der That übt sich das Kind oft schon in seinem sechsten Lebensjahre in seinem Faustkampfe und ist jeden Augenblick auf denselben vorbereitet. Fühlt sich z. B. ein Straßenjunge von seinem Spielkameraden beleidigt, so wirft er instinktmäßig die Jacke vom Leibe, streift die Hemdärmel, wenn er nämlich noch ein paar hat, bis über den Oberarm auf, ballt beide Fäuste und stellt sich, so ausgerüstet, seinen Gegner scharf und aufmerksam ins Auge fassend, diesem gegenüber. Bei der ungeheueren hin- und herwogenden Menschenmasse in allen Straßen Londons versammelt sich natürlich ein Kreis von vielen Personen um diese zankschnaubenden Hähnchen, viele nur, um als Schiedsrichter acht zu geben, daß alle Regeln des Zweikampfes gewissenhaft befolgt werden. Statt den Zank zu schließen, werden diese beiden oft von den ältesten Leuten unter den Zuschauern auf das furchtbarste aneinander gehetzt, und der Kampf zweier folcher Kinder wird von beiden Seiten mit kaum glaublicher Wuth fortgesetzt und beendigt. Während dieser Zeit haben sich aus der gaffenden Menge unaufgefordert zwei Sekundanten eingefunden und sich, weiter in den Kreis tretend den Kämpfenden genähert. Freilich geht es bei diesen kindlichen Boxereien eben nicht „schulgerecht", aber um desto blutiger her, und wehe selbst der Mutter eines der boxenden Kinder, welche es wagte, ihren Sohn in diesem Kampfe zu stören, ihm denselben zu verbieten oder den Kleinen aus dem Kreise zu reißen, ohne Umstände würde sie einen scharfen Gegner haben. Fällt nun nach einem oft mehrere Minuten lang anhaltenden Ringen einer der Kämpfenden zu Boden, so hört das Gebalge für einige Zeit auf. Beide, der Ueberwinder sowohl, wie der Ueberwundene, nehmen, um auszuruhen und sich zugleich zum neuen Angriff vorzubereiten, jeder auf dem ausgestreckten Knie seines Sekundanten Platz. Diese haben sich nämlich mit einem Knie auf die Erde niedergebeugt und halten dem Kämpfer das andere während der Erholungspausen zum Ruhen entgegen. Oft habe ich sogar sechsjährige Kinder Gin trinken sehen, welcher ihnen von den Umstehenden gereicht wurde: dem Sieger wird übrigens ein wütbender Applaus zu Theil. Die Schlägerei geht fort', bis sich der eine von ihnen für überwunden erklärt oder vor Schmerzen nicht weiter fechten kann. In diesem Kampfe geht manches Auge, die Form mancher schönen Gesichtsbildung verloren: die g e r i n g- st en Wahrzeichen müssen wenigstens durch ein zerkratztes, blutiges Gesicht; durch Verlust einiger Zähne oder eines Büschels Haare bekundet werden. Daß der Ueberwundene, nachdem er gefallen, oder der zum Fortsetzen des Kampfes Unfähige, wenn er einmal auf der Erde liegt, von feinem Gegner nicht weiter berührt werden darf, ist ein Urgesetz, worauf streng gehalten und das selbst von den kleinsten Knaben, ja nicht einmal von den Fischweibern überschritten wird; auch verbietet das Gesetz, daß zwei gegen einen kämpfen. Zur Erlangung und Vervollkommnung dieser so „edlen" und „nothweudigm" Kunst haben einige „Professoren" (Professors of Boxing) ihre „Vorsäle" in London geöffnet und genießen des ungeteilten Zuspruchs der jungen männlichen Gentilüy und No- bility; denn boxen muß jeder können. Wie sollte sich auch wohl diese Klasse vor den Beleidigungen eines starken, aber nicht geschickten Lastträgers oder jener anderen gemeinen Schlingels schützen, der nur Naturalist ist und daher nichts von den Feinheiten des schulgerechten Boxens versteht, welches oft den Sieg über die rohe Kraft davonträgt. In der Mitte dieser „Vorsäle" ist eine Tribüne, 2—4 Meter hoch, mit einem Geländer umgeben, errichtet, auf welcher die Schüler ihre Hebungen paarweise anstellen. Hier werden die Hiebe aber nicht mit der bloßen Faust gegeben, sondern die Hände mit großen gepolsterten Fausthandschuhen, von weichem Leder gefertigt, bekleidet, welche über dem Handgelenke befestigt sind. Auch sind die Kämpfer bei diesen Hebungen nur selten bis auf die Hüfte entkleidet, was beim wirklichen Boxen der Fall ist, worauf ich jetzt komme. (Schluß folgt.) Rcdactiou: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'jchen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.