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Ich muß schlimme Nachrichten mittheilen. Ihr erwartet wohl kaum vor Ablauf einer Woche von mir zu hören und werdet keinen Brief unter der falschen Adresse in Glocester suchen. Und in einer Woche kann Alles verloren sein. Die Räuberbande des rothen Carvrlli ist zerstört. Ihre geheimen Schlupfwinkel sind entdeckt. Der rothe Carvelli ist tobt. Und das Schlimmste von Allem für Euch und für mich, E r ist entflohen! Die junge Engländerin ist seine Beschützerin. Sie sind nach England gegangen. Laßt Euch warnen. Seid auf Eurer Hut. Ich will mit derselben Post unter der falschen Aoreffe an Euch in diesem Briefe einen Plan mittheilen, sich seiner auf immer zu entledigen. Empfangt, Mylord, den Ausdruck der höchsten Verehrung von Eurem ergebensten Diener Jacopo Palestro. Sir Arthur las diesen seltsamen Brief einige Male durch. Er prüfte den neapolitanischen Poststempel und studirte die Handschrift, während er über den Inhalt nachsann. Er verstand natürlich, daß btt Brief nur für Lowder's Augen allein bestimmt gewesen war. Aber er bedauerte nicht, ihn geöffnet zu haben. Im Gegen- theile, er glaubte, daß dieser Brief ihm zu irgend einem Schluß bezüglich des Charakters feines vermeintlichen Sohnes verhelfen werde. „Es ist sehr sonderbar", sagte er zu sich selbst. „Guy empfängt also von diesem Menschen unter einer falschen Adresse Briefe in Glocester. Das muß geschehen, weil der Italiener etwas schreibt, war Guy nicht hierherkommen zu laffen wagt. Was kann es sein?" Er überlegte diese Frage reiflich und eingehend und konnte nur zu dem Schluffe kommen, daß diese Briefe sich auf das Geheimniß bezogen, welches, wie er fest überzeugt war, irgendwo in der Vergangenheit seines vermeintlichen Sohne» wurzelte. „Guy hat irgend etwa» gethan, wofür er das Stillschweigen dieses Palest.o erkaufen muß", dachte er. „Aber was haben Räuber mit meinem Sohne zu thun? Kann er fein Freund gewesen sein? Und wer ist der Er, welcher entflohen ist? Und warum bedroht seine Ankunst in England Guy mit Unheil? Ist er Theilnehmer an irgend einem Verbrechen mit meinem Sohne? Kann Guy vielleicht heimlich ge« heirathet haben, während er auf Reisen war? Worin besteht di-se» Geheimniß?" Das Problem, welches Sir Arthur beschäftigte, war dunkel und schwierig genug. Eine Zeit lang marterte es die Seele des edlen Baronets. Endlich unfähig, die Unthätigkeit länger zu ertragen, packce er feine Briefe und Papiere zusammen, schickte Blanche den für sie angenommenen Brief und begab stch in die Einsamkeit seines Studirzimmers. Dort vertiefte er stch wieder in bett Inhalt des Briefes, den er auf so seltsame Weise aufgefangen hatte. Aber wie sehr er auch darüber grübelte, er konnte den unheimlichen Sinn desselben nicht herausbringen. Noch hatte kein Funke von Argwohn seine Seele ergriffen; noch ahnte er die Wahrheit nicht. Mehr al» je fühlte er den Druck auf seinem Herzen und Gehirn und er litt doppelt unter dem Vorgefühl eines kommenden Unheils. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne. Sein Körper zitterte. Ein Gefühl namenlosen Elends bemächtigte stch seiner. „Wie Guy stch seit den alten Tagen v rändert hat", dachte Sir Arthur trübe. „Wir ungleich seine Empfindungen denen sind, die er in seinen Briefen ausdrückte. Die Veränderung in ihm wird mir täg- lich und stündlich klar. Warum habe ich ihn auf Reisen geschickt? Warum ließ ich ihn so lange fort« bleiben? Ich glaubte, daß er meine kleine Blanche nur um so mehr lieben werde, wenn er sie nicht sehen würde, al» bis er zum Manne herangereift war. Ich glaubte, daß, wenn sie sich in ihrer Jugend oft sehen, ihre Liebe nur eine geschwisterliche sein werde. Und doch wünschte ich jetzt von ganzem Herzen, daß sie sich nur so betrachtet hätten. D-eser Mann, obgleich er mein Sohn ist, ist eines holden, reinen, edelherzigen Mädchens nicht würdig. Und sie hält ihn für edel, obgleich irrend, und fühlt ein Mitleid für ihn, das alle anderen Empfindungen leitet. Sie kann nicht vergessen, was er gewesen ist. Ich kann sie ihm nicht geben; und doch kann ich ihre Heirath nicht verhindern und so ihre leidenschaftliche Anbetung für ihn vernichten! Was soll ich thun?" Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und saß ; stumm und regungslos da. ' Die Zeit verging. Die Steine Standuhr über dem Kamin schlug die zehnte Stunde. Dann stand l Gießen. 882 Sir Arthur aus und schaute mit einem von tiefstem Kummer durchfurchten Gestchte umher. „Ich muß zu ihnen gehen", sagte er matt. „Sie werden sich über meine Abwesenheit wundern. Wenn Blanche sich zurückzieht, will ich mit Guy sprechen." Er hob den Brief vom Boden auf, schob ihn in das Couvert und steckte ihn in die Brusttaschs seines Rockes. Dann verließ er langsam die Bibliothek. Er durchschritt die weite Halle und trat in den Salon ein, wo sich seinen Blicken ein so heiterzs und freundliches Bild darbot, daß Jemand, der seinen geheimen Kummer nicht kannte, sich gewundert hätte über die sonderbare Bläffe, welche sein Gesicht überzog, als er das junge Paar betrachtete. Der große Salon war hell erleuchtet von dem milden Lichte der Ampel und dem flackernden Kamin» feuer. Blanche faß in einer Ecke, ihr reizendes Ge- sichtchen leuchtete; und dennoch sah ihr scharfblickender, großherziger Vormund, was der falsche Guy nicht bemerkte — eine unbestimmte, gedankenvolle Sehnsucht in ihren blauen Augen, eine gewisse Unruhe und Unzufriedenheit in dem bebenden Lächeln ihrer Lippen. Der Betrüger saß auf einem niedrigen Schemel zu ihren Füßen. Eine seiner Hände lag auf ihrem Knie, ihre Hände fest umschlossen haltend. Er schaute mit unverkennbarer Verehrung zu ihr auf. Es war klar, daß er sie heiß und innig liebte. Blanche schaute auf, als ihr Vormund eintrat, und warf ihm einen freundlichen, begrüßenden Blick zu. Es war für Sir Arthur deutlich erkennbar, daß sie über sein Kommen sehr erfreut war. Lowder schaute auch auf, aber mit einem etwa« ärgerlichen Ausdrucke. In seinem Innern zürnte er Sir Arthur ob seines ungelegenen Kommens. „Wo bist Du den ganzen Abend gewesen, Onkel- chen?" fragte Blanche, ihm an ihrer Seite auf dem Sopha Platz machend und Lowder ihre Hand entziehend. „Wir haben Dich seit dem Speisen nicht mehr gesehen?" „Ihr habt mich also vermißt?" fragte der Baronet, an ihrer Seite Platz nehmend. „Ob wir Dich vermißt haben? Gewiß. Nicht wahr, Guy?" „Ich kann das eben nicht behaupten", sagte Lowder. „Wenn ich bei Dir bin, Blanche, denke ich an Niemanden mehr." Blanche erröthete, trotzdem ihr diese Worte durchaus nicht gefielen, doch so sehr, daß Sir Arthur'- Blässe noch mehr vertiefte, und ein scharfer Schmerz ihm durch's Herz zitterte. Er wandte sein Gesicht ab, während ein höhnisches Lächeln um die Lippen Guy's spielte. „Guy und ich haben alte Zeiten zurückgerufen", sagte Blanche. „Das scheint für lange Winterabende eine possrnde Unterhaltung zu sein. Kannst Du'« glauben, Onkelchen, er kann sich der Zeit nicht erinnern, wo das schwarze Füllen mit mir von Jrby s Hall davon rannt« und wo er mein Leben mit > Gefahr seines eigenen rettete? Glaubst Du, daß er Bescheidenheit ist", fügte sie schelmisch hinzu, „welche ihn eine solche That vergessen ließ?" „Ich glaube, daß er es vergessen konnte, da ihn die edle Handlung doch fast das Leben kostete", sagte der Baronet. „Und besonders, da er die Narbe davon mit in's Grab nehmen wird", sagte Blanche, deren Augen sich plötzlich mit Thränen füllten. „Der Doktor sagte, daß er die Narbe an seinem Handgelenk, wo er verwundet wurde, als ihn das Füllen gegen einen Steinhaufen schleuderte, mit in's Grab nehmen werde. O Guy, wenn ich während all' dieser Jahre an jene Narbe dachte, die Du um meinetwillen hast — da» unauslöschliche Zeichen, daß Du für mich Dein Leben in Gefahr brachtest — bist Du mir größer erschienen als irgend ein Held aus den alten Zeiten. Du warst für mich das Ideal eines Manne» — der cbcljic —— „Und jetzt, wie ist der Hohe so tief gefallen!" murmelte Lowder. Blanche stieß ein halbes Schluchzen hervor. Im nächsten Augenblicke beugte sie sich über ihn in ihrer alten kindlichen, ungestümen, reizenden Art, und rief aus: „Guy, laß mich die Narbe ansehen. Der Doktor sagte, Du würdest sie nie verlieren; und mir ist gleichsam, al» ob sie ein Siegel wäre, das ich Dir aufgedrückt habe." Sie brach plötzlich errölhend ab und hob seine rechte Hand in die Höhe; aber er entriß sie ihr mit zorniger Geberde. „Die — dir Narbe ist mir zu heilig, al» daß ich sie zeigen sollte", stammelte er. „Aber mir, Guy!" „Niemandem. Ich liebe er nicht, solche Dinge zur Schau zu tragen. Ein anderes Mal will ich Dir sie zeigen, Blanche, aber jetzt nicht." „Sie existirt also noch?" fragte der Baronet, dessen scharfe Augen das verwirrte Gesicht des vermeintlichen Sohne» genau und ängstlich prüften. „Gewiß. Wie kann eine solche Narbe verschwinden ? Sie existirt noch und ist eine kostbare Erinne» rung für mich", sagte der Betrüger, seinen Gleichmuth wieder erlangend. „Ach, ich war ein tollkühner Bursche, Blanche, ich war öfter in Lebensgefahr, hatte mehr Abenteuer und Gefahren zu überstehen, als ein Dutzend anderer Jungen. Immer war ich in irgend eine Geschichte verwickelt; immer beim Kampf, um irgend einen kleineren Jungen, einem armen Landstreicher oder sonst einer verfolgten Person beizustehen." „Das ist Alles wahr", sagte Sir Arthur. „Mein Knabe war immer der Ritter und Retter der Schwachen und Unterdrückten; aber", fügte er hinzu, „er pflegte sich dessen nicht zu rühmen. Doch da» ist nicht die einzige Beziehung, in der Du Dich geändert hast, Guy." Der Betrüger erröthete abermals, stand von dem Schemel auf und setzte sich in eine Ecke. mit H stand, die Ri di« Ai N< thur, ermüd, „3 nur el Si gute S Sc aber ( beide „c etwas einand Dir e 3i ruhigt zu sät E betnbi Arthu schwei wie e ihn s, er er Mam T schöne unter ber i> beoba ruhe burch! H* erheu I" Gesch örterr aus. irrst Wenr Gestä bem n mit 5 besser ander n fragt. 883 E- geht nichts über bk Rivalität", bemerkte er mit Lohn, den die unschuldige Blanche nicht verstand, aber welchen Sir Arthur peinlich fühlte, „und die Rivalität mag's auch fein, welche einem Vater di« Augen über die Fehler seines Sohnes öffnet." Nach einem kurzen Stillschweigen sprach Sir Ar« thur, fich an seine Mündel wendend: „Du siehst ermüdet aus, Blanche — bist Du krank?" „Nein, Onkelchen", entgegnete Blanche; „ich bin nur etwa» erschöpft." Sie stand auf, um stch zu entfernen, sagte ruhig gute Nacht und ging ruh'g hinaus. Lowder stand auf, al« ob er ihr folgen wollte, aber Sir Arthur hielt ihn mit einer strengen Ge- berde zurück. „Geh' noch nicht!" befahl er strenge. „Ich habe etwas mit Dir zu sprechen. Es ist Zeit, daß wir einander verstehen lernen. Setze Dich. Ich habe Dir etwas Wichtiges zu sagen!" Ziemlich überrascht, aber durchaus nicht beunruhigt, nahm Jasper Lowder wieder seinen Sitz ein. „Beginne!" sagte er dreist. „Was hast Du mir zu sagen?" Fünfundvierzigstes Kapitel. Eine schreckliche Enthüllung. Einige Augenblicke nach den letzten herausfordernden Worten, welche Jasper Lowder und Sir Arthur Treffilian gesprochen hatten, herrschte Stillschweigen in dem Salon. Der Baronet wußte nicht, wie er von dem Gegenstände beginnen sollte, der ihn so sehr beschäftigte und aufregte und von welchem er entschlossen war, rückhaltslos mit dem jungen Manne zu sprechen. Das Kaminfeuer fiel voll auf Sir Arthur'» schönes Geficht und beleuchtete die dunklen Linien unter feinen Augen und den kummervollen Ausdruck, der in seinen Zügen lag. Lowder, der ihn scharf beobachtete, fühlte sich von einer unbestimmten Unruhe ergriffen. Er schaute den Baronet scharf und durchdringend an. „Du scheinst bekümmert zu sein", bemerkte er mit erheuchelter Sorglosigkeit. ,,Jch bin bekümmert", entgegnete Sir Arthur kurz. „Ich glaube, Du willst gar nicht aufhörrn, die Geschichte mit den zweitausend Pfund wieder zu erörtern, so lange Du lebst", ries Lowder ungeduldig au». „Wenn Du meinst, mich damit zu bessern, irrst Du Dich sehr! Ich beklage meinen Fehler! Wenn Du großmüthig wärst, würdest Du mit diesem Geständnisse zufrieden sein und Dir die Sache au» dem Kopfe schlagen." „Er ist nicht wegen de» Geldes, Guy, daß ich mit Dir zu sprechen wünsche", sagte Sir Arthur, dessen bleiche» Gesicht stch röth-te. „Ich habe viele andere und tiefe Kümmernisse." „Und wohl alle meinethalben, wie ich glaube?" fragte Lowder in ärgerlichem Tone. „Oder betreffen einige Deiner Kümmernisse auch Blanche?" fügte er bedeutsam hinzu. Ein schmerzlicher Ausdruck glitt über das G-sicht des Baronet«, aber er erwiderte nichts auf die höhnische Frage. „Die Wahrheit ist", sagte Lowder, „daß wir un« seit dieser Geschichte feindlich gegenüberstehen! Ich habe meinen Schmerz unzählige Male ausge- drückt! Ich möchte so gerne wieder Dein vertrauter Freund sein! Ich möchte so gerne meine Jrrthümer sühnen und Dir beweisen, daß ich im Grunde doch ein braver Mensch bin und daß meine Fehler nur den Schaumperlen gleichen, die einem guten Weine entsteigen." „Ehe Du mir das beweisen kannst, Guy, mußt Du mich in Dein Vertrauen ziehen I Ich muß Dein Geheimniß kennen!" „Mein Geheimniß!" schrie Lowder erschreckend. „Ja! Du darfst es mir nicht adlmgnen, daß Du ein Geheimniß hast I Ich weiß, daß die Summe, die Du dem Italiener zahltest, nicht zur Tilgung einer Spielschuld bezahlt wurde! Warum hat er Dir wiederholt versprochen, wöchentlich an Dich zu schreiben? Welches Geheimniß besteht zwischen D'r und ihm? Warum hast Du ihn zum Stillschweigen gedungen?" Lowder war zu erschrocken, um antworten zu können. Der Baronet, so lange arglos und vertrauensvoll, hatte fich endlich ermannt. Was wird der Ausgang seiner Forschungen sein? „Ich habe kein Geheimniß", stammelte der Eindringling. „Palestro war nur ein Schreiber, dem ich eine große Spielschuld zu bezahlen hatte!" „Warum hast Du also darauf bestanden, daß er Dir jede Woche schreibe» soll?" Lowder konnte keine glaubwürdige Antwort erfinden. Er wurde abwechselnd roth und bleich, rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, schob denselben endlich zurück in den Schatten und bewahrte ein hartnäckiges Stillschweigen. Der Baronet fuhr fort, ihn mit scharfen, beharrlichen, durchdringenden Blicken zu beobachten. „Und warum", fragte Sir Arthur strenge, „läßt Du Dir die Briefe unter einer falschen Adresse nach Glocester schicken?" Lowder stieß einen heiseren Schrei der Bestürzung und des Schreckens aus. Ein furchtbarer Ausdruck trat in seine Augen. Er schien übermannt — nie» dergeschmettert zu sein. Einen Augenblick saß er wie gelähmt. „Wer — wer hat Dir das gesagt?" keuchte er. „Es ist falsch - ich schwöre, es ist nicht wahr!" Sir Arthur erhob die Hand mit befehlender Geberde. „Noch eine Frage", sagte er in strengem Tone und mit finster leuchtenden Augen. „Wer ist dieser Gefangene, der in den Händen de« Ränberhaupt« nwnnes, genannt der rothe Carvelli, ist? — Dieser Gefangene, welcher entflohen und nach England gekommen ist." 384 Jasper Lowder unterbrach den Baronet mit einem durchdringenden Entsetzensschrei, der einer Seele hätte entrungen sein können, die sich für alle Ewig, leit verloren weiß. Sein aschfahles Gesicht — seine hervortretenden Augen, seine ver-erkten Züge — sie alle verriethen, daß er von einem namenlosen Entsetzen erfaßt war. „Entflohen", sagte er mit hohler Stimme. „Nach England gekommen? Ec — er ist hier?" Sir Arthur war entsetzt über die erschütternde Wirkung seiner Worte. Das Geheimniß, das seinen Sohn umgab, schien ihm größer zu sein, als er ver- muthet hatte. „Du glaubst also, daß er gleich nach seiner Ankunft in England nach Trejsiiian-Hos kommen werde?" fragte der Baronet rasch. (Fortsetzung folgt.) DKlöedingter Hehorsam. Eine heitere Skizze aus dem Gerichtsleben. Von Constantin Bulla. (Schluß.) Die drei Männer machten unglaublich dumme Gesichter; da aber kein Grund zu der Annahme vorlag, daß sie auch noch anderer Gesichter fähig seien, so fiel dieser Umstand nicht weiter auf. Der Aktuar, welcher mit anfeueruden Grobheiten nicht kargte, brachte die Männer bald aus ihrer Trägheit in die schönste Beweglichkeit. Einer stieg auf die Leiter und langte die Akten dem zweiten herunter und dieser trug sie dem dritten hinaus, welcher letztere sie am Fensterflur vom Staube säuberte. Hierbei ließ es sich natürlich nicht vermeiden, daß der Staub auch int Zimmer lustig umherwirbelte und daß demzufolge die Fenster aufgerissen werden mußten. Beides war dem Sekretär unangenehm, darum raffte er schnell seine werthvolleu Schriftstücke zusammen, drückte dem Aktuar zum Abschiede die Hand und sagte: „Leben Sie wohl, mein lieber Herr College! Auf frohes Wiedersehen nach vier Wochen!" Der Sekretär lächelte verbindlich, der Aktuar noch viel verbindlicher und beide hatteir über das Verrinnen der besagten vier Wochen heimlich ihre eigenen, sehr entgegengesetzten Wünsche. — — Bevor noch die gerichtliche Mittagsstunde angehoben hatte, war die Säuberung der Akten als vollbracht zu erkennen. Als sich die drei Männer wieder an der Thüre erwartungsvoll aufgestellt hatten, ging Zach abermals nach dem Botenzimmer und winkte einem Gerichtsdiener, der ihm sogleich folgte. „Führen Sie hier diese drei Kerls sofort ins Gerichtsgefängniß ab!" befahl der Gestrenge, wobei , er auf die harrenden Männer deutete, welche bei ! dieser Eröffnung ihre Mäuler beunruhigend weit ! aufrissen und durch ihre Mienen einem tiefempfun« ! denen Schrecken Ausdruck gaben. „Na, wird's bald?" schnarrte der ungeduldige Gerichtsdiener seine Arrestanten an und wollte eben ihrer Fortbewegung eine handgreifliche Förderung angedeihen lassen, als sich der muthigste der drei Männer ein Herz faßte und die bescheidene Frage verlauten ließ: „Aber — nehmen Sie's nicht übel — wir ha'n doch nischt verbrochen, warum soll'n wir denn jetzt s eingesperrt werden?" „Ja eben — wir ha'n doch nischt gemacht!" muckste auch ein Zweiter, der sich vorsorglich hinter den beiden Andern eine gedeckte Stellung gesucht hatte. Der Aktuar sah den Gerichtsdiener, der Gerichtsdiener den Aktuar und beide sahen die Männer der Reihe nach an. „Na sind Sie denn nicht aus dem Gerichtsge- t fängniß hierher gebracht worden?" fragte endlich der k Aktuar, in welchem eine unheimliche Ahnung zu däm- ; mern begann. j „Nee!" versetzte wieder der muthigste der drei ■ Männer, — „wir sind aus Louisenthal in die Stadt s reingekommen, weil wir um Zehne zum hochwürdigen ■ Herrn Gerichtsassessor Matthes von wegen der Erb- ; geschichte mit unserm seligen Vater bestellt gewesen \ sind." — \ Während der Sprecher diese wohlgesetzte Rede . losließ, knöpfte er und auch seine Genossen die ! Jacken auf und alle drei zogen die an ihren Herzen ruhenden Vorladungen hervor. ! Der Aktuar schien vor Schreck ganz sprachlos .■ und starr geworden zu sein und stand wie vernichtet, 5 als er aber das vergnügte und ihm höchst ungeziemend i erscheinende Grinsen des Gerichtsdieners bemerkte, ; da flammte sein Zorn mächtig auf. \ „Was wollen Sie denn noch hier?" schrie er den erschrockenen Gerichtsdiener an, — „Sie sehen ’ doch, daß Sie sich geirrt haben! — Führen Sie t diese werthen Herren sofort zum Herrn Asseffor ■ Matthes, verstanden?" \ Und damit drängte er die ganze Gesellschaft zur s Thüre hinaus, ergriff dann seinen Hut und lief wie besessen nach dem Gerichtsgefängniß, um dem Inspektor persönlich zu sagen, daß er auf die zum > Aktenabstauben bestellten Gefangenen verzichte, weil | — nun sehr einfach: weil er sich die Sache anders . überlegt habe. * * i * - Wer da etwa die Stirn haben sollte, zu behaup- * ten, daß es heutzutage in unsere^ Vaterlande an ! solchen Unterthanen fehle, die der Hohen Obrigkeit i unbedingten Gehorsam zu leisten bereit sind, dem fei ! diese wahre Geschichte zur besseren Belehrung hiermit vorgehalten Sicbaction: A. Scheyda. —- Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.