Hießener Jamilienblätler. Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger. mW» mrawow—i ■ i — ■» ii ■ ■■i«f iimtt. il ii —>*«1 mi ■ —■«»——mm ■ «, iwnr.i —«hm um m nun iimii i m».h oct r, wu-wwaa. Nr. 82. Samstag bat 14 Juli. 1888. Aer Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Zweiunddreißigster Kapitel. Palestro und Lowder. Während dar Schicksal so mit dem Baronet spielte, fing es an, dem Betrüger Hemmnisse in den Weg zu legen. Die Ankunst Palestro'» in Tresstlian-Hof und seine Verfolgung Lowder'» hotten fünf Tage nach den tragischen Vorfällen, die wir im vorhergehenden Kapitel berichteten, flattgrsunden. Nachdem Jacopo Palistro seinen Brief durch einen Diener an Lowder in dar Schloß gesch'ckt halte, zog er flch, wie wir erzählten, in den Schatten de» Parke» zurück und wartete mit triumphlrender Miene auf die Unterredung mit dem Eindringling. Er glaubte, daß er da» Geheimniß in Lowder'» Benehmen ergründet hätte, daß er Herr eine» wrrthvollen Geheimnisse» sei und sich ihm die Aussicht eines ungeheuren Reich- thums eröffne. Während er im Schatten des Parkes fast berauscht vor Freude stand und sich zu seinem Scharfsinne Glück wünschte, der ihn auf die Spur von Lowder'» Identität geführt hatte, befand sich der Eindringling im Salon des Schlosses und war fo zufrieden und glücklich, al» ob ihm gar keine Gefahr drohen könnte. Nachdem er von Glocester zurückgekehrt war, hatte er sich in da» große Empfangszimmer begebe«. Sir Arthur Treffilian folgte ihm, während Blanche auf ihr Zimmer ging, um Hut und Mantel abzulegen. Lowder trat zu dem Kamin und lehnte sich nachlässig an das Gesims. Str Arthur trat zu einem Fenster und schaute nach dem Parke hinaus. Da« schöne Gesicht des Baronets war sehr; ernst, wie meistens jetzt, aber aus seinen braunen Augen leuchtete ein milder Ausdruck und ein wohlwollendes Lächeln schwebte um seine Lippen. „Der Winter sängt schon an zu schwinden, Guy", bemerkte er. „Der 6. Februar wird bald da sein. Blanche wird Viele» von London zu besorgen haben, und wahrscheinlich vor der Hochzeit noch selbst Hinreisen müssen. Ursere Blanche muß ein glänzende» Hochzeitsfist haben. Eine meiner Commissionen heute war, die Brillanten Deiner Mutter nach London zu schicken, um sie frisch soffen zu lassen. Manche muß sie an ihrem Hochzeitstage tragen." „Natürlich!" versetzte Lowder gleichgilttg. „Es war der Wunsch Deiner Mutter, daß die Braut ihre« Sohnes die Tressi ian-Juwslen tragen soll", fuhr Sir Arthur fort. „Ich nenne sie die TressiliaN'Juwrlen, aber eigentlich sind sie es nicht. Sie kommen aus der Familie Deiner Mutter. Es ist ein Diadem darunter, als Halsband, Armbänder, Brache und Ohrgehänge — ah, was für ein fremder Mensch schleicht dort an der Pa-kecke herum? Ec sieht einem Ausländer gleich. Jetzt hat er sich zurückgezogen. Er scheint fort zu sein." Es war ohne Zweifel einer von dm Garten- arbriiern", erwiderte Lowder. „Ich bemerke, daß sie heute Morgen beschäftigt waren, die welken Blätter aurzukehre"." In diesem Augenblicke trat Blanche ein; sie sah allerliebst aus. Ihr Gesicht war frisch und schelmisch, aber Sir Arthur glaubte einen Schatten in den großen, grauen Augen zu entdecken und zu bemerken, daß sich unter dem Frohsinn ihrer Miene ein gedankenvoller Ausdruck verberge. Hatte sie irgend einen geheimen, unbefriedigten Wunsch? fragte er sich selbst. War sie nicht so zufrieden und glücklich, al» sie schien? Sir Arthur rückte ihr höflich einen Stuhl zurecht. Lowder verharrte in seiner nachlässigen St llung, \ aber seine Augen drückten die Verwunderung au», I die er für seine junge Verlobte fühlte. „Nun", sagte Lowder langsam, „die Hochzeits- vorbereitungen werden bereits getroffen. Wir w-r- den in den nächsten Wochen viel zu ihun haben. Mein Vater sagt, wir Kirben Dich nach London begleiten müssen, Du verschwenderische, kleine Blanche, denn Glocester enthält nicht so viel prächtige Dinge, al» Du brauchst." Blanche lachte fröhlich. „Er ist einmal Brauch, daß man eine Braut ? gleich für das ganze Leben ousstattet, ich habe aber \ diese Aufregung des Einkaufens nicht ungern." „Und Du bist sehr glücklich in der Voraussicht Deiner baldigen Heirath, Blanche, nicht wahr?" fragte Sir Arthur zärll'ch. Das Mädchen erschrak und bejahte dann mit i holdem Erröthen. Im nächsten Augenblick ver- schwand die Röthe, sie wurde blaß, und dec sehn- ; suchtsvolle, unbefriedigte Blick trat in ihre grauen Augen. „Sie liebt ihn", dachte der Baronet, „mit der ganzen Gluth ihre» jungen Herzens. Aber etwas fehlt ihr. Sie ist nicht ganz zufrieden. Was giebt ihrem Gesichte dsifen sehnsuchtsvollen Aurdrrck?" 330 Er überlegte, ob iS nicht beffer wäre, die Liebenden für einige Minuten allein zu taffen. Dann stand er hastig auf und entfernte sich unter einem Vorwande. Er war kaum einige Augenblicke fort, als der Diener mit einem Briefe eintrat. „Für Herrn Guy", sagte er, sich Lowder nähernd. „Er wurde von einem fremden Manne abgegeben." Lowder nahm den Brief und wandte seine Blicke Blanche zu, welche, wie er sah, in tiefes Nachdenken versunken war. Dann entließ er den Diener und blickte in die von Palestro geforderte Aufforderung. Bei dem Anblick des darunter gestellten Namens schien er zu Stein zu erstarren. Sein Gesicht wurde geisterhast blaß; seine Augen traten weit hervor in wildem Entsetzen, harte Linien prägten sich um seinen Mund aus, und seine Hände zitterten, daß das Papier, welches er in denselben hielt, raschelte. Ihm war, als ob er das Medusenhaupt erblickt hätte. Ehe er noch Zeit hatte, seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen, und während er sich noch ganz betäubt sühlte von dem Stoße, den seine Pläne durch diese unerwartete Wendung der Dinge erlitten hatten, kam Sir Arthur zurück, und als er ihn so stehen sah, wie versteinert vor Entsetzen, rief er erstaunt aus: „Hast Du unangenehme Nachrichten erhalten, Guy?" Lowder fuhr wie aus einer Betäubung empor. Er versuchte zu lachen; aber er konnte nur ein ganz schwaches Lächeln auf seine bleichen Lippen zwingen. Nein — nein; es sind keine unangenehmen Nachrichten", murmelte er in hartem, erzwungenem Tone. „Es ist nur ein unverschämter Bettelbrief I" Er zerknitterte den Brief hastig in seiner Hand und warf ihn in's Feuer. Str Arthur sah ihn bestürzt an. „Mein Sohn", sagte er freundlich, „ein gewöhnlicher Bettelbrief konnte Dich nicht so beunruhigen I - Was ist geschehen?" „Ich sage Dir — nichts!" erwiderte Lowder heftig. „Ich habe einfach einen Anfall von Schwindel. Seit meinem Schiffbruchs bin ich demselben unterworfen. Die frische Lust wird mir gut thun", fügte er hinzu und verließ hastig das Zimmer. Blanche, welche den ganzen Auftritt erstaunt zugesehen hatte, entfernte sich durch eine andere Thür und suchte ihr Boudoir auf. In der Halle setzte Lowder hastig seinen Hut auf, nahm seinen Oberrock und eilte aus dem Hause. Sir Arthur, welcher im Salon am Fenster stand, sah, wie sein vermeinter Sohn schnurstracks auf den Park zueilte und sah auch die Gestalt Palestro's aus dem Schatten auftauchen und ihm entgegenetlen. Der Baronet wußte nun, daß der Brief eine Aufforderung gewesen war. Er wußte, was er früher nur unklar geargwohnt hatte, daß in dem Leben des Mannes, der ihn Vater nannte, und der die Liebe der unschuldigen Blanche gewonnen hatte, ein Geheimniß verborgen war. Aber, fragte er sich, was ist das für ein Geheimniß ? Während er über diese für ihn so peinliche Frage grübelte, war Lowder in den Park eingetreten, in welchen sich Palestro wieder zurückgezogen hatte. Er ging einige Schritte auf dem breiten Kieswege vor und sah sich dem Exschreiber von Palermo gegenüber. Palestro streckte grinsend seine Hand aus. „Ich bitte um Entschuldigung für mein Kommen, Mylord Str Tresolino", sagte er in demüthigem Tone. „Aber es war notwendig, daß ich Euch unverzüglich sehen mußte." „Was? Ist er — der Blödsinnige, entflohen?" „Nein, Mylord, er ist ganz sicher." „Warum seid Ihr dann hier?" „Ich kam, um mit Each über den armen Signore zu sprechen." „Er -=■ ist also wieder zu Verstand gekommen?" „Nein, Mylord, er ist blödsinniger als je. Der gute Doktor Spe zo sagt, daß er unheilbar ist." Lowder's Gesicht war farblos gewesen; seine vor Angst weit geöffneten Augen brannten von einem wilden Feuer. Jetzt kehrte etwas Farbe in sein Gesicht zurück und fragte: „Wieso habt Ihr mich aufgesucht?" „Ich kam heute Morgen in Glocester an und fragte nach einem Sir Tresolino. Niemand konnte mir Auskunft geben. Ich ging auf das Postamt. Der Beamte konnte mir nichts sagen. Ich fragte nach einem John Harro lle ; der Beamte wußte auch von diesem nichts. Da verkleidete ich mich etwas und wartete. Da Ihr längst einen Brief von mir haben solltet, kamt Ihr, wie ich es erwartete. Ich folgte Euch die Straße hinab bis zu Eurem Wagen. Ich lief dem Wagen nach bis hierher — und hier bin ich." „Und warum habt Ihr den weiten Weg nach England zurückgelegt, um mir zu sagen, daß der Zustand des Blödsinnigen unverändert ist?" fragte Lowder. „Es sind Ereigniffe vorgefallen, seit Ihr in Sici- lien wäret, Signore", sagte Palestro, die Frage vorderhand nicht beachtend. „Der Mann meiner Verwandten, Signora Vicini, ist tobt. Theresa ist nach Catanien gegangen zu ihrer Familie und der Eng- länder, — der Blödsinnige, hat ©teilten verlassen!" „Stellten verlassen I Großer Gott!" „Auch ich habe Sieilien verlaffen", sagte Palestro beruhigend. „Ich habe ein schmuckes Mädchen ge- heirathet, die Besitzerin eines Gasthauses, Signore. Ihr habt vielleicht von Giuditta Carvellt schon gehört ? Sie ist eine Schwester des als Räuberhauptmann berüchtigten rothen Corvelli!" „Was kümmert das Alles mich? Ich will von ihm wiffen!" „Ich komme schon zu ihm. Er erwarb eine Freundin in Stellten — eine junge Engländerin, ein so herrlich schönes Mädchen, Signore, daß man es anbeten könnte! Sie hatte ein weiches Herz, und 331 vergangene Woche entfloh sie ihrem Vormunde und nahm den blödsinnigen Engländer mit sich; sie reiste mit ihm nach England ab. Sie verließ Sicilien in einer Fischerbarke mit ihren beiden Dienern und dem Unglücklichen/ - Lowder unterbrach ihn mit einem Entsetzensschrei. „Sie sind auf dem Wege hierher?" keuchte er. „Sie kamen nach Neapel", sagte Palestro ruhig. „Sie stiegen in dem Gasthofe zum Vesuv ab. Am nächsten Morgen sagte Giuditta — sie ist gar schlau und pfiffig, meine Giuditta — der jungen Engländerin, daß sie von ihrem Vormunde in Neapel gesucht werde und beredete sie, ihre Reise über Ter« moli auf einer anderen Seite fortzusetzen. Die junge Dame willigte ein. Sie reiste mit ihrer Freundin nach Termolt ab; ungefähr auf dem halben Wege dahin wurde ihr Wagen von Räubern überfallen und die ganze Gesellschaft gefangen genommen. Sie sind auch jetzt noch dort!" Lowder trocknete den Schweiß von der Stirn. „Dieser rothe Carvelli ist Euer Schwager?" fragte er. „Ja, er thut Alles, was ich sage. Wenn ich sage, laß den armen Engländer leben, wird er es thunl Wenn ich sage, tödte ihn, gehorcht er!" (Fortsetzung folgt.) Episoden und Anekdoten aus dem Leöen Kaiser Friedrichs. ii. Es war im Jahre 1865. Auf der Promenade der Bades zu Karlsbad schritten die Badegäste, die sich hier Genesung suchen wollten, auf und ab und lauschten der Musik, die fröhlich vom Kurhause-her- überschollte. Unter den Spoz'ergängern befand sich auch ein Herr, der von ollen Seiten ehrfurchtsvoll begrüßt wurde und deshalb einsamere Wege aufsuchtr. Da fühlte er sich plötzlich am Rockschoße erfaßt. Er blickte sich um und sah ein blasser Mädchengestcht, dar flehend zu ihm emporschaute. „Wer schickt Dich betteln, mein Kind?" fragte der Fremde. „Meine kranke Mutter!" antwortete die Kleine. „Wo ist Dein Vater?" „Der ist tobt. — Ach, uns hungert so sehr!" setzte sie schluchzend hinzu. Der Herr, der schon seine Börse gezogen hatte, steckte sie wieder ein. „Führe mich zu Deiner Mutter, Kleine", sagte er, und folgte dem Mädch n, das ihn durch mehrere Straßen und Gassen bis zu einem kleinen, baufälligen Hause führte. „Hier wohnen wir, Herr!" Sie schr-tten zwei schmale, alte, knarrende Treppen hinauf. Dann öffnete die Kleine eine Boden« thür und der Herr hatte nun einen Einblick in eine halbfinstere, unheimliche Dachkammer; der Verschlag war feucht und kalt, und in der Ecke lag auf ärmlichem Lager eine junge Frau, der das Unglück in den Augen zu lesen war. Sie richtete sich stöhnend auf, als der F-emde eintrat. O, Herr Doktor", sagte sie, „es ist nicht recht, daß meine Tochter Sie heimlich gerufen hat. Ich habe keinen Heller und kann nichts bezahlen." Der fremde Herr winkte einen Diener herbei, der ihm gefolgt war, und sagte ihm einige Worte, worauf dieser sich sogleich entfernte. „Haben Sie Niemanden, der für Sie sorgt?" fragte er dann. „Ich habe keinen Verwandten, der sich um mich kümmern könnte, und meine Wirthsleute sind selber arm. Mein Mann war Arbeiter. So lange er lebte, ging es gut; seit er tobt ist, habe ich Tag unb Nacht gearbeitet, um uns zu ernähren. Dann wurde ich krank, und so kamen wir in Noth und Elend." Der Herr gab dem Mädchen Geld. „Geh', hole Brot und Wein!" Schnell eilte da» Mädchen davon und kehrte bald mit freudestrahlendem Gesicht zurück, i ein Brat im Arm und eine Flasche Wein in der Hand. „Das lohne Ihnen Golt!" sagte die Frau m«t j Thränen in den Augen. Da trat ein Arzt ein, den der Diener herbeige, rufen harte. Ehrfurchtsvoll verneigte er sich vor dem fremden Herrn, der diesen Augenblick benutzte, um still eine Kassenanweisung auf den Tisch zu legen und sich dann unbemerkt zu entfernen. Der Arzt untersuchte den Zustand der Kranken, x gab seine Verordnungen und bemerkte, daß er seinen ! Besuch jeden Tag wiederholen werde. Wegen der \ Zahlung dürfe sie sich keine Sorge machen, zumal er sogar die Anweisung habe, die Rechnung in der : Apotheke zu bezahlen. „Wer war der Fremde?" fragte die Frau. „Ich hielt ihn für einen Arzt." „Das war der Kronprinz von Preußen!" Da faltete die Frau still ihre Hände und richtete aus innigem Herzen ein Dankgebet zu Dem, der die Geschicke der Menschen zum Besten lenkt. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Römische Särge. Dieser Tage ist, wie das „Mnzr. Tgbl." berichtet, in Mainz ein dritter Steinsarg auf beni Reuleaux'schen Terrain aufgedeckt, bis jetzt aber wegen der erst nothwendigen Abgrabungen noch nicht geöffnet worden. Der erste dieser durch die Güte des Commerzienraths Reuleaux dem Museum überwiesenen, vorläufig im Schloßhof aufgestellten Sarkophage bietet nach verschiedenen Seiten ein besonderes Jntereffe. Derselbe hat sehr ansehnliche Raumverhältnisse: er ist 2,26 Meter lang, 83 Centi- meter breit und 70 Zentimeter hoch; bisher in solcher Form im Museum nicht vertreten ist der schöne gewölbte Sargdeckel, welcher an Stelle der häufiger, auch an einem der Särge in der Neuen Anlage vorkommenden viereckigen Akroterien (in der Form 882 von großen^Würfeln aus den Ecken und zuweilen auch in der Mitte) mit einer Kugel von 24 Centi- meter Durchmesser auf jeder Ecke versehen ist. In die beiden vorderen Kugeln sind vertheilt die Buchstaben D M (Dis Manibus) eingehauen. Eine eigenthümliche Erscheinung ist die, daß Deckel und Sarg trotz ihrer gleichen Größe nicht zusammengehören, wie dies aus den verschiedenen Löchern für die Klammern, welche den Sarg schlossen, und namentlich aus den Inschriften ersichtlich ist. Der untere Rand des Deckels enthält nämlich die erste Zeile einer Grabschrift auf den einzigen Sohn seiner Eltern Peregrinus Justinus; die vordere Seite des Sarges selbst dagegen zeigt in schlichter Umrahmung und mit geschmackvoller Verzierung zu beiden Seiten eine sorgfältig eingemeißelte Inschrift, welche besagt, daß dieser Sarg der Attiana Ursa von ihrem Gatten Domitius Salvianus und seinen Kindern Ursus und Salvia gesetzt ist. Der Sarkophag ist bereits früher geöffnet und, nach Entfernung der Beigaben, mit dem Deckel eines anderen Sarges, wie solche in der Nähe leicht zu greifen waren, wieder geschlossen worden, oder aber, und das ist wohl das Wahrscheinlichere, die Leiche, welche jetzt noch unversehrt im Sarge lag, war nicht die ursprüngliche reiche Frau mehr, sondern der früher bereits benutzte Sarg ist zum zweiten Mal (wohl nicht vor der zweiten Hälfte des IV. Jahrhunderts n. Ehr.) zur Ruhestätte einer anderen Leiche benutzt worden, wie dies bei den in der Reuen Anlage diesmal gefundenen Steinsärgen zweifellos geschehen ist. Der Deckel ist, der Buchstabenform nach zu schließen, älter als der Sarg; beide sind von rothem Sandstein, sind also wohl dem III. Jahrhundert n. Ehr. zuzuweisen. — Daß diese Steinsärge mit ihren durchweg sorgfältig und häufig in ungewöhnlich großen Buchstaben eingehauenen Inschriften, mit ihren Verzierungen und den meist in Dachform gebildeten Deckeln nicht unter die Erde gekommen sind, kann als ausgemachte Sache gelten; ein solcher Steinsarg war ein ziemlich kostspieliger Luxus, den nur reiche Leute sich gestatten konnten. Diese Särge standen zweifellos in Gärten, an der Straße rc. in überdachten Grabnischen, vielleicht einer Art Gruft (Familienbegräbnisse), wo die Seite des Sarges mit der Inschrift als Leichenstein freistand und stets gelesen werden konnte. Billig und allgemeiner wurden auch steinerne Särge, als man am Ende der römischen Herrschaft am Rhein die Pietät gegen die Todten, vielleicht durch die Verhältnisse gezwungen, abwarf und früher bereits benutzte Steinsärge mit neuen Leichen belegte, wie dies auf dem oberen Theile des Friedhofes in der Reuen Anlage, der jetzt freigelegt wird, mit überraschender Deutlichkeit zu constatiren ist. Die normale Begräb- nißart war in Holzsärgen (Vleisärge bilden eine seltene, durch besondere Umstände zu erklärende Ausnahme), wie solche auf dem beim Umbau der Lud- wigsbahn vor mehreren Jahren freigelegten Theile des Grabfeldes vor dem Neuthor an den übrig gebliebenen großen Nägeln zu verfolgen waren, nachdem etwa mit dem Ende des III. christlichen Jahrhunderts die Leichenverbrennung bei den Römern im Allgemeinen abgeschafft worden war. Die falsche Braut. Ein junger Gesell, der in Berlin arbeitete, machte Abends am Brunnen die Bekanntschaft eines hübschen Mädchens, das, wie sie ihm sagte, in der Nachbarschaft bei einer vornehmen Herrschaft diente. Beide fanden an einander Wohlgefallen, und waren bald ein erklärtes Liebespaar. Jndeß konnte der junge Gesell seine Geliebte nur Abends im Dunkeln entweder am Brunnen oder unter der Hausthür sprechen, und viele Mühe kostete es ihm, bis er sie beredete, einmal Sonntags mit ihm auf einen Tanzboden zu gehen. Diese Liebschaft mochte etwa ein halbes Jahr gedauert haben, als der Gesell aus seiner Heimath die Nachricht von einer ziemlich bedeutenden Erbschaft erhielt, die ihm zugefaüen war, und zur Regulirung seine augenblickliche Anwesenheit forderte. Unter zärtlichen Küssen schied er von der Geliebten, der er versprach, sie bald als seine Frau nachzuholen. Umstände verhinderten dies jedoch, und statt sie selbst abzuholen, schrieb er ihr, daß Alles zu ihrer Heirath vorbereitet sei und bat sie, so bald als möglich in seine Arme zu eilen. Längere Zeit blieb die Antwort aus, endlich aber schrieb das Mädchen, da sie den Dienst verändert hätte, wäre ihr der Antrag erst später zugekommen, und so sehr derselbe sie überrascht hätte, wollte sie ihn doch als einen Fingerzeig Gottes betrachten, und daher, mit allen nöthigen Papieren versehen, an einem von ihr bezeichneten Tage an dem Wohnorte des Werbers eintreffen. Der junge Meister wunderte sich über die Verwunderung seiner Geliebten, gegen die er sich bei seiner Abreise deutlich genug ausgesprochen hatte, wie stieg aber seine Verwunderung erst, als die Erwartete ankam, und er in ihr ein zwar recht nettes, aber ihm ganz fremdes Mädchen erblickte. Er wollte sie nun natürlich nicht für die Rechte erkennen, allein ihre Papiere bewiesen, daß sie wirklich die Verschriebene sei; außerdem aber löste sie dem Staunenden das Räthsel der Personenverwechselung dadurch, daß sie ihm sagte, die Tochter der Herrschaft, bei der sie früher gedient, hätte sich zuweilen von ihr Kleider geborgt, ,,um sich einen Scherz zu machen," wie sie gesagt, in der That aber, wie es sich jetzt zeige, um unter der Maske ihres Dienstmädchens auf Abenteuer auszugehen, unter die denn auch die Liebschaft mit dem jungen Gesellen gehörte. Für diesen war die Enttäuschung zuerst sehr schmerzlich, inbcfe gab die Ueberzeuguug von dem Unwerthe der Geliebten ihm bald seine Ruhe zurück, und er ließ sich den Tausch gegen die Person der Verschriebenen nach einiger Prüfungszeit gefallen, soll auch später keine Ursache gefunden haben, den Tausch zu bereuen. Redaktion: A. Scheyd«. — Druck und Verlag her Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.