s Hiehener AamilienbNler Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger. 1888. Donnerstag, dm 13. Dezember. Nr. 147. ! Schlaf meide» und wenn ich nur eine Stunde früher \ dm Schmerz von Ihnen nehmen kann; aber wenn z es mir gelingt, wenn ich Ihnen sagen kann: Ihr | Bruder ist frei; Anna, darf ich dann diese Hand I wieder erfassen und für immer behalten?" Sie hatte die Augen niedergeschlagen, Röthe ! deckte ihre Wangen und ein leichtes Beben durch- Dunkel! Erzählung von Friedrich Friedrich. zuckte ihren Körper. Mit steigender Ungeduld blickte Körber sie an. „Anna, wollen Sie mich ohne Hoffnung lassen?" rief er. „Soll dann diese Hand mir gehören?" „Ja", erwiderte das Mädchen, ohne aufzublicken. Der junge Mann wollte ausjubeln, seine Brust hob sich, schon wollte er die Arme um sie schließen, um sie an sein Herz zu ziehen, da drängte ein Gedanke sich ihm auf und legte sich schwer auf sein freudig erregtes Herz. „Anna", fragte er, „und wird Ihr Entschluß dann nicht blos ein Opfer sein, welches Sie für die Freiheit Ihres Bruders bringen? Nicht nach Ihrem Besitz allein sehne ich mich, mein Herz verlangt Ihre Liebel Anna, feien Sie offen, seien Sie wahr! Wenn ich Sie gestern gebeten hätte, mir Ihre Hand zu schenken — was würden Sie mir geantwortet haben?" „Dsffelbe Wort wie heute", erwiderte sie. Sie blickte zu ihm auf und aas ihrem Auge las er, daß ihr Herz ihn liebte. „Anna — Anna 1" rief er, sie leidenschaftlich an sich ziehend. „Du bist mein, Du liebst mich I" Und Anna entzog sich ihm nicht. Sie liebte ihn schon länger, als er sie. „Sieh", fuhr er fort, indem er ihre beiden Hände erfaßte und ihr glücklich in's Auge blickte, „ehe Du zu mir kamst, war ich erschöpft, ermattet: der Muth war mir entsunken. Neue Kraft belebt mich jetzt! Ich weiß, ich werde dies Geheimniß lösen, das Deinen Augen Thränen entlockt hat, ich werde die Unschuld Deiner Bruders beweisen und auf", fuhr er fort. Er stand dicht vor dem Mädchen, da» mit vollem Schmerze zu ihm aufblickie. Er kannte Annas Schlich- ternhrit und nur das festeste Vertrauen konnte sie zu ihm geführt haben. Welche Innigkeit und Wahrheit bltckrs aus ihren Augen! Unwillkürlich rief es in ihm: „Wenn dies Mädchen Dein wäre!" ..Anna", fügte er hinzu, indem er ihre Hand ,------------- erfaßte und festhielt. „Ich will Alles versuchen, ich - Gedanken meines Bruder«, er kann mir nicht« ver- will nicht eher mir Ruhr gönnen, als bis ich den ! hehlen - in seiner Seele lese ich - ich weiß, daß Mörder entdeckt habe und vor Sie hintreten und : es oft wi>d und jähzornig ist, daß feine H^iitzkert sagen kann: Ihr Bruder ist frei! Ich will mein ihn leicht zu einer Thar hinr-lßen kann, die!er nachher Auge schärfen, mit Gewalt meinen Verstand zwingen, hundertmol bereut, allein Berger hat er rächt dar tiefste Gcheimniß zu ergründen, ich will den' erschossen!" (Fortsetzung.) „Herr Commissär", fuhr Anna mit sich steigernder Angst fort, „haben Sie kein Mittel, ihn au« dem Gefängnisse zu befreien? Er darf nicht darin bleiben! Es wird ihn für immer vernichten!" „Ich kann es nicht!" entgegnete Körber. „Sie können es nicht!" wiederholte Anna. „So glauben auch Sie nicht, daß er unschuldig ist — o — er hat keinen Freund mehr, alle, alle verlassen ihn!" „Nein, Anna!" warf Körber ein. „Ich werde ihn nicht verlassen — ich glaube an seine Unschuld! - Bbsr wenn er sie selbst nicht beweisen kann, wenn ! ihm die volle Freiheit erringen!" Er rief diese Worte fest und mit voller Zuversicht. S-in ganzer Gesicht hatte sich wunderbar \ belebt, aus jedem Zuge sprach eine feste Thatkrast. „Ich wußte, daß ich Deine Hülfe nicht vergebens l anrufen würde", sprach Anna. „Ich kenne fast jeden er nicht im Stande ist, den Richter zu überzeugen, daß dessen Verdacht unbegründet ist, so wird derselbe auf ihm haften bleiben, bis es mir gelingt, den wirklichen Mörder zu entdecken!" „Thun Sie es!" fiel Anna hastig ein. „Herr Körber, ich beschwöre Sie, gönnen Sie sich keine Ruhe, bis es Ihnen gelungen ist, strengen Sie all' Ihre Kräste an — es gilt da» Lebensglück meines Bruders und das Leben meiner Mutter. Befreien Sie meinen Bruder und nie — nie werden wir vergessen, was wir Ihnen verdanken!" „Ich werde oll? Kraft daran wenden", versicherte Körber. „Seit Wochen habe ich es mir bereits zur ! Aufgabe gemacht, allein bis jetzt sind alle meine Be- \ mühungen vergebens gewesen, ich bin ermattet und r ohne Erfolg." Die Hoffnung, welche in Anna aufgelebt war, schien wieder zu schwinden. Körber bemerkte es. „Rein, Anna, geben Sie die Hoffnung noch nicht • „Ich weiß es", warf Körber ein, „auch ich | kenne ihn ja! Ich werde feine Unschuld darthun! Aber eins ncch, Anna, es ist Deines Bruders wegen, \ verrathe noch gegen Niemand den Bund unserer i Herzen, es soll, es darf noch Niemand wissen, in welchem Verhältnisse ich jetzt zu Dir und Hein» rich stehs." Anna versprach es. Er trieb sie zurück zu ihrer Mutter, welche durch die Nachricht von der Verhaft tung ihres Sohnes mächtig darniedergeworfen war. Körber war wieder allein. Er hätte ausjabeln mögen, sein Herz war des Glückes voll, und doch mochte er sich nicht die Zeit gönnen, dies Glück zu genießen. Unruhig mit hastigen Schritten ging er im Zimmer auf und ab. Es drängte ihn, schon jetzt das Versprechen zu lösen, welches er Anna gegeben hatte, den Schmerz und die Angst von ihr zu nehmen, H-llmann zu befreien. Vergebens strengte er seinen Verstand an, diesen Weg zu finden, allein jede Muthlosigkeit war jetzt von ihm gewichen, selbst an das Unmögliche wäre er entschloffen herangetreten. Von dem Criminal- g lichter mußte er das Nähere über Hellmann erfahren und zu ihm begab er sich. Ec traf ihn nicht zu Haus; als er indeß um die Mittagszeit zum zweiten Male zu ihm ging, fand er Pintus in seinem Zimmer. Er trat ihm mit einem Lächeln entgegen. „Es ist gut, Herr Commifiär, daß ich Ihren Versicherungen von Hellmanns Unschuld keinen Glau- den geschenkt habe", sprach er, „sondern daß ich meiner eigenen Ueberzeugung gefolgt bin, sie hat mich doch auf die richtige Spur geleitet!" „Unmöglich!" warf Körber ein. „Der Förster kann nicht schuldig sein!" „Er ist es", entgegnete ihm der Richter ruhig, und thkiltc ihm das Nähere seines Verhörs und die Erfolge seiner Untersuchung mit. Schweigend hörte ihm Körber zu. Jedes Roth war von seinen Wangen gewichen. Er erkannte die Schwere ,der Beweise, die gegen den Förster sprachen, mit aller Macht wollte er die Ueberzeugung, daß derselbe unschuldig sei, in sich festhalten, allein mehr und mehr fühlte er sie schwanken und schwinden. Er hatte ja keine Ahnung davon gehabt, daß Hellmann mit Berger an demselben Tage auf dem Wege zufammengetroffen war. All' die Hoffnungen, welche so schnell und freudig in ihm ausgewachsen waren, sah er zertrümmert — er dachte an Anna — an ihre Mutter — an Hellmann. „Nun", fügte der Criminalrtchter hinzu, „glauben Sie jetzt noch an Hellmanns Unschuld?" „3a, ich glaube auch jetzt noch daran!" rief Körber. Er tief es laut, als wolle er dadurch seine eigenen Zweifel übertönen. „Sie find schwer zu überzeugen", warf der Richter lächelnd ein, „doch hören Sie weiter. Ich habe Ihnen erst die Resultate, welche ich gestern gewonnen habe, mitgetheilt und bin noch nicht zu Ende." Körber wollte aufspringen und ihn bitten, inne zu halten. Da« Herz schlug ihm laut, ängstlich. Schweißtropfen traten auf seine Stirn. Noch mehr Beweise I Die ihm genannten reichten ja hin, einen Menschen zu verderben. Er bezwang sich. Regungslos blieb er sitzen. „Sehen Sie", fuhr Pintus fort, „dies Brief- cousert, welches an Hugo Berger gerichtet ist und auf der einen Säte Notizen trägt, zeigt den Poststempel von demselben Tage, an welchem Berger erschaffen ist. Ich war heute Morgen bei seinem Vater, er erinnert sich noch genau, daß sein Sohn an dem Tage einen Brief, den dies Couvert umschloß. erhalten, daß er sich Geschäfts-Notizen darauf gezeichnet und es in seiner Brieftasche geborgen habe. Ich habe den Alten noch nicht verhört, allein er erklärt sich bereit, seine Aussage zu beschwören. Wie kommt das Blatt hinter des Försters Laube?" Körber antwortete nicht. Er konnte auch keine Antwort geben. „Und nun weiter", fuhr der Richter fort. „Ich war auch bei Paula Braun mit dieser Schleife. Sie sagte mir freilich, sie könne es nicht bestimmt behaupten, daß sie diese Schleife dem jungen Berger auf dem Balle gegeben habe; allein diejenige, welche er von ihr empfangen, habe ebenso ausgesehen — dieselbe Größe, dieselbe Farbe." „Die Ballschleifen, welche die Damen verschenken, haben meist dieselbe Größe", warf der Commifiär ein. „Auch die Farbe kann zufällig dieselbe sein. „Ich sehe keinen Beweis darin —" „In diesem Falle ist es ein Beweis", entgegnete der. Richter, „allein ich würde hierauf nicht ein so großes Gewicht legen, wenn dieser Beweis, den Sie Zufälligkeit nennen, nicht mit dem Uebrigen zusam- menfiele. Und noch einen letzten Beweis habe ich, Herr Commifiär. Sehen Sie, dies ist die Kugel, mit der Berger erfchofien ist, eine kleine Spttzkugel, und dies sind die Kugeln zu dieser Büchse, welche Hellmann,, wie er selbst eingeüanden hat, an dem Tage getragen, Es find auch kleine Spitzkugeln. Die erste ist freilich breit gedrückt, ihre Form läßt sich nicht mehr genau vergleichen, allein geben Sie Acht, das Gewicht beider Kugeln ist daffelbe." Er nahm aus dem Secretär eine Goldwage und wog beide Kugeln — ihr Gewicht war gleich. Körber schwieg. Schwer lag es auf seiner Brust. Schon wagte sich der Gedanke an ihn heran: Sollte Hellmann dennoch Berger erschaffen haben? Mit Gewalt drängte et ihn von sich. Es konnte nicht sein — Annas wegen und auch für sein eigenes Glück nicht. „Ich wäre vielleicht nicht auf den Gedanken gekommen, die Kugel zu wiegen", gestand der Richter offen, „wenn mich nicht Prell sogleich darauf aufmerksam gemacht hätte, sobald er die Kugel fand!" „Prell?" fragte Körber. Ein Gedanke zuckte in ihm auf. „Ja wohl, sogleich bei der Untersuchung des Tobten", versicherte Pintus. ! „Wie konnte er damals schon ahnen, daß dies — 591 dies ein Beweismittel sein würde?" warf der Com- miffär ein. Er hatte die Worte hastig gesprochen. „Was fällt Ihnen dabei auf?" fragte der Richter. „Nichts — nichts!" gab der Commiffär zur Antwort. Er verschwieg sichtbar einen Gedanken. „Prell ist selbst Jäger und Hst deshalb in diesen Sachen mehr Erfahrung als ich", fuhr Pintus fort. „Und er hat auch zuerst Ihren Verdacht auf den Förster gelenkt?" unterbrach ihn Körber. Er richtete sein Auge scharf und prüfend auf den Richter. „Und wenn er es gethsn hätte, so sthen Sie, daß sein Blick ein scharfer gewesen wäre", erwiderte Pintus. „Ich muß aber jetzt noch den Namen Derjenigen, der mir die erste Spur gezeigt, verschweigen." Der Commiffär wußte, daß der Doktor es gethan hatte. War konnte ihn dazu bewogen haben? Hatte er wirklich eine Spur aufgefunden zu haben geglaubt? Hatte er mit dem Förster in irgend einem feindschaftlichen Vrrhältniß gestanden? Ec wußte nichts davon, allein es war ihm ein Leichtes, hierüber Gewißheit zu erlangen. Jetzt konnte er diese Gedanken freilich nicht weiter verfolgen. Der Richter deutete sein Schweigen falsch. „Commiffär", sprach er, „ich fühle mit Ihnen; des Försters Angehörige und Alle, welche näher mit ihnen verbunden sind, thun mir aufrichtig leid, ich bedauere auch den Förster, denn ich habe ihn immer gern gehabt, aber Sie müffen selbst eingestchen, ich konnte nicht anders handeln, ich durfte meiner Pflicht als Richter nichts vergeben." „Sir konnten nicht anders", erwiderte Körber, „ich mache Ihnen auch keinen Vorwurf." Er stand auf, um fortzvgehen. Der Richter hielt ihn noch zurück. „Nur kurze Zeit bleiben Sie noch", sprach ec. „Es ist mir unbegreiflich, wo der Förster das Geld gelassen hat. In seinem Hause ist es schwerlich, denn zu genau habe ich dasselbe durchsucht. Sollte er es vergraben, im Walde versteckt haben?" Körber zuckte schweigend mit den Achseln. „Herr Commissär", fuhr Pintus fort, „ist der Förster seit jenem Tage in der Stabt gewesen?" „Nein", erwiderte Körber. „Er fühlte sich ja unwohl." „Sie wissen es genau?' „Ich weiß er", versichert; Körber. „Es ist mir lieb", sprach der Richter. „Wäre er hier — bei seiner Mutter gewesen, so hätte ich auch bei ihr Haussuchung halten müssen, und wenn es geht, möchte ich die Frau schonen." Der Commissär zuckte heftig auf. Er faßte sich indeß sofort wieder. „Haben Sie noch etwas?" fragte er ruhig, fast gleichgültig. „Nein — ich danke Ihnen", erwiderte Pintus. „Es hat Ihnen diese unglückliche Geschichte viel Mühe gemacht — es freut mich, daß Sie nun mehr Ruhe haben werden." Hastig verließ er das Zimmer. । Kopfschüttelnd blickte der Richter ihm noch. „Er ist ein so heller, ruhiger Kopf", sprach er zu sich selbst, „und doch hat ihn die Liebe blind gemacht!"-- In einer Stadt wechseln die Eindrücke fast mit jedem Tage. Das Volk ist wie ein Wasser, jeder Wind ruft auf ihm Wellen hervor, mag er von Osten oder von Westen kommen, und sein bleibender Charakter ist seine Beweglichkeit. Von der Ermordung des jungen Berger wurde nur noch dann und wann gesprochen, wenn man unwillig war über die lange Untersuchung und Verhandlung gegen den Mörder desselben. Der Förster faß nun seit Wochen und Monaten im Gefängniß — er hatte Berger erschossen, weshalb machte man noch so viel Umstände mit ihm. Was jetzt die Gemüther beschäftigte, hatte mit diesem ganzen Vorfälle nichts mehr zu schaffen. Es hatte sich in der Stadt nämlich ein frommer Verein gebildet. Er zählte über fünfzig Mitglieder, und zwar waren es meist angesehen- Männer, unter ihnen auch Doktor Prell. Der Verein hatte sich den Namen „Philomen" gegeben. U-ber diesen Verein und sein Treiben unterhielt sich der Polizei-Commiffär mit dem Aff-ssor Jung, demselben, der einst auf dem Ballsbende den Streit zwischen Berger und Hellmann in so lustiger Weise geschlichtet hatte. „Es ist mir fast bei Allen begreiflich, warum sie in diesen Verein getreten sind", bemerkte der Polizei- Commiffär, „nur bei einem Manne nicht." „Und bei wem nicht?" warf Jung ein. „Bei Prell nicht", antwortete Körber etwas.leiser. „Aach mir ist fein Eintritt in diesen Verein ausgefallen", erwiderte Jung, „denn ich hätte es ihm nimmer zugetraut. Vor einigen Tagen traf ich mit ihm zusammen und sprach darüber; er gestand mir offen ein,, daß der Verein zwar nicht ganz nach seinem Sinne sei, allein er habe keinen anderen Verein, dem er sich anschließen könne, um den Forderungen feine« Glaubens und Herzens Genüge zu thun." „Wie schlau!" warf der Commiffär ein. „Weshalb schlau?" fragte Jung. „Aber, Herr Affessor", erwiderte der Commissär lächelnd, „glauben Sir denn wirklich, daß er sich durch einen inneren Drang dazu hab; treiben lassen? Assessor, eher würde ich das von Ihnen glauben. Seien Sie versichert, daß Prell gar nichts glaubt, daß er im Stillen über das ganze Treiben lacht — ich müßte ihn nicht schon seit Jahren kennen." „Sie haben nicht Unrecht", bemerkte der Assessor, „allein weshalb sollte er dem Verein wohl beige« treten fein?' „Weil er irgend einen Zweck dadurch erreichen will." „Vielleicht hofft er die Zahl seiner Patienten dadurch zu vermehren — seine Praxis ist ja nicht die ausgedehnteste." Körber schüttelte zweifelnd mit dem Kopfe. 592 „Las ist es nicht, das kann , es nicht sein", erwiderte er, „denn er hat sich nie viel daruA beworben. Das ist ihm gleichgültig. Prell muß Vermögen haben, sonst könnte er nicht so leben, wie er lebt!" (Fortsetzung folgt.) Gin Taugenichts. Die Geschichte eines Künstlers. Von Karl Ne um ann-Strela. (Schluß.) Das Mutterherz pochte immer stärker, je näher die Stunde des Abschieds kam, und als dann Daniel die sogenannte ordinäre Post, ein entsetzlicher Rumpelkasten ohne Polster und Federn bestieg, da glaubte die arme Frau doch nicht anders, als daß ihr ein grausames Geschick den Einzigen auf immer entführte. Nicht reich beladen mit Schätzen, aber mit guten Ermahnungen desto reichlicher versehen, saß er zwischen Kisten, Kasten und Päcken im Rumpelwagen. Machte er nicht wieder das grämlichste Gesicht? Ging er nicht einem neuen „Gefängniß", neuen Martern entgegen? Unter diesen Empfindungen begrüßte er die Residenz und pochte bei Herrn Heyl in der Leipzigerstraße an. Kein Zwiebeldust, kein Häringsgeruch, kein Befehl den Laden zu kehren, Tonnen und Wannen zu scheuern. Kein gestrenger Prinzipal, sondern ein freundlicher Herr, der den jungen Verwandten herzlich willkommen hieß. Wie so ganz anders war es doch im Laden der Sello gewesen! Hier in diesem Hause erinnerte nichts an „Sklaverei" und „Ketten"! Aus den Mienen des Herrn Heyl sprach nur Güte; innig und Vertrauen erweckend, wie seine Worte waren, vertraute sich ihm der Jüngling schon nach wenigen Tagen an, was er ersehnte, geduldet und gelitten hätte. Er erzählte, wie er sich auch nach der Katastrophe in Frau Sello's Laden vergebens bemüht, von der Mutter Erfüllung seines Wunsches zu erlangen, wie er von dem Gedanken, ein Maler zu werden, dennoch nicht lassen könne, und wie ihm mit jeder Stunde nur klarer werde, daß er zum Kaufmann nicht tauglich sei. Das sprach er so warm, so überzeugungsvoll, so aus der Tiefe seines Herzens heraus, daß Herr Heyl ihm zuhörte, ohne ihn nur einmal zu unterbrechen. Auch in den nächsten Tagen sagte er dem Knaben nichts, er stellte sich, als hätte er die Sache ganz vergessen. Aber er ging mit sich zu Rath und legte sich die Frage vor: ob nicht die Pflicht von ihm erheische, den Jüngling auf den ersehnten Weg zu führen und ihm ein Helfer und Beschützer zu werden? So kam er denn wieder nach reiflicher Erwägung auf Daniels Bekenntniß zurück und begehrte Proben seiner Kunst zu sehen. Wie hätte der Jüngling zögern können, diesem Verlangen nicht auf der Stelle zu genügen! Was lag ihm näher, als den Prinzipal zu zeichnen und die übrigen Hausgenossen dazu? Dann begab sich Herr Heyl mit diesen Blättern zu namhaften Malern und erbat ihre Meinung. Wie dieselbe war? In dem Briefe des Kaufmanns nach Anklam hieß es in Kürze so: Daniel müßte ein Maler werden, und wer ihm das noch länger untersagte, beginge einen Frevel an der Kunst! Das war entschieden kurz und bündig, das hatten die Gefragten einstimmig erklärt. Und das wirkte auch bei der Mutter, denn als sie dem Seifensieder das Schreiben des Vetters reichte, da fügte sie gleich hinzu: „Wenn ihm Heyl die Mittel gewähren will, wie er mir meldet, dann würde es Unrecht von mir sein, wenn ich ihn noch länger hindern wollte! Also in Gottes Namen, und mögen seine Hoffnungen in Erfüllung gehen!" „Narrheit," polterte der Nachbar. „Sie werden es noch bitter bereuen! Ein Taugenichts, wie Frau Sello sagt, aus dem nie etwas werden wird!" . . . Und in Berlin nach wenigen Tagen? Der glückselige Daniel küßte die Antwort der Mutter und dankte dem Kaufherrn aus Herzensgrund. Vorbei die Nacht, das Grauen! Der Tag brach an mit seinem Glanz und Sonnenschein! Und wohl ihm, daß er das Bild der Gestrengen gefertigt hatte, und daß ihm befohlen wurde, in dieses Papier Schwefel- faden zu packen! Daß es nicht in die Ecke zwischen Lumpen gerieth, sondern bemerkt, betrachtet, bewundert und besprochen wurde! Wäre Dame Sello sonst aus der Gesellschaft gestürzt? Hätte sie sonst auch die zweite Zeichnung erwischt und den „Taugenichts" aus den Hause gejagt? Also entschieden ein Glück, daß Alles so geschah, und daß dann Herr Heyl gebeten wurde, den Sohn des seligen Vetters unter seine Flügel zu nehmen. Und Ende gut, Alles gut. Hat nicht der würdige Kaufherr erlebt, daß Daniel Dank seines rastlosen Fleißes, die Nuhmesleiter höher erstieg und daß auch sein Name erklang, wenn von den tüchtigsten Künstlern gesprochen wurde? Hat die Mutter ihre Einwilligung je bitter bereut? O, Nachbar Seifensieder und ge- strenge Frau Sello, ihr seid schlechte Propheten gewesen ! Daniel Berger wurde zwar kein großer'Maler, sondern einer der trefflichsten Kupferstecher seiner Zeit. Plötzlich fiel es ihm ein, Pinsel und Palette mit dem Grabstichel zu vertauschen. In Paris, später in London, lag er diesem Studium ob, und wieder in Berlin, ernannte ihn der König zum Professor der Kupferstichkunst an der Akademie. Da entstanden seine berühmten Blätter „Schwerins Tod" „Seidlitz in der Schlacht bei Roßbach" und „Friedrich der Große mit dem Stern aus dem Haupte." Darstellungen aus dem Leben des Prinzen Heinrich reihten sich an und als Berger, der die glänzendsten Berufungen nach Paris und Petersburg ablehnte, seine Sammlung deutscher Gelehrten und Künstler erscheinen ließ, wählte man ihn zehn Jahre vor seinem Tode, der I 1824 erfolgte, zum Direktor der Berliner Akademie. Nedsttion; A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gicßcir.