Hießener Jamitienblätler. Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger. 1888. Dienstag bett 12. Juni. Der Kröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Sir Arthur lächelte Lowder freundlich zu und sagte: „Jetzt wollen wir von Geschäften reden. Deine Mutter hinterließ Dir ihr Privatvermögen, die Dop- pelform von Gildethorpe, welche eine jährliche Rente von 800 Pfund einbringt. Ich habe Dir da« Geld - seit Deiner Großjährigkeit in verschiedenen Summen I zu verschiedenen Zeiten geschickt. Die« geschah, wie Du weißt, auf Deinen ausdrücklichen Wunsch. Er wäre mir ein Vergnügen gewesen, Deine Ausgaben wie früher zu bestreiten, aber Du wolltest es nicht gestatten. Alle» was ich habe, wird eines Tages Dein Mn, und es steht Dir frei, Vorfchüffe zu nehmen, wenn Du willst. Ich schickte Dir Deine halbjährige Rente nach Rom. Die nächsten Zahlungen laufen in 4 Monaten ein! Inzwischen wirst Du Geld brauchen! laß mich Dich damit versehen!" Sir Arthur stand auf und ging in eine Ecke der Bibliothek, in welcher eine feuerfeste Kasse stand. Lowder's Blick« folgten gierig seinen Bewegung-». ] Der Baronet sperrte mit einem Schlüssel, den er - aus der Tasche nahm, die Kassette auf, zog ein ; kleines Fach hervor und nahm aus demselben ein l Päckchen mit Banknoten. Er zählte 100 Pfund ab ’ und übergab Lowder die Summe. Der Betrüger nahm sie und verwahrte sie in seiner Brieftasche. „Ich hätte nicht gedacht, daß Dein Geld hier j sicher ist, Vater", bemerkte er. k „Warum nicht?" fragte Str Arthur, al« er zu i der Kosse zurückkehrte und den Rest de« Geldes in j derselben aufbewahrte. Ich habe keinen unehrlichen f Diener im House. Sie find alle von bewährter Treue und Ehrlichkeit. Ich habe übrigen« nicht viel i Geld im Hause. In der Bank von Glocester ist'« besser aufgehoben. Meine Werthsachen in der Kasse bestehen zumeist au« Urkunden, Pfandbriefen und Schriftstücken, die nur für mich Werth haben. Frei- \ lich habe ich in der Kasse auch das ganze Silberzeug l des Hause«, aber wir hab«» nie etwas von Dieben ? und Einbrechern gehört. Tressilian-Hof ist zu wohl : bewacht, um sie in Versuchung zu führen!" Er sperrte die Kaffe wieder zu und kchrte auf seinen Sitz zurück. „Ich will einer Tages nach Gildethorpe hinüber, ' leiten, wenn ich mich ganz wohl fühle", sagte Lowder. „Ich bin neugierig, die alte Farm und meine Bauern wieder zu sehen. Ich glaube wohl, daß Holden und Taggart noch Pächter find?" „Ja, Guy, aber ist'« nicht sonderbar, daß Du Dich an unscheinbare Thatsachen so gut erinnerst? Dein Gedächtniß ist etwas launenhaft." „Ich erinnere mich an Thatsachen und Namen besser als an Gesichter", sagte Lowder leichthin. „Ich habe nie ein gutes Gedächtniß für Gesichter gehabt. Aber ist das nicht Blanche'» Schritt draußen in der Halle? Sie ist in den Salon gegangen." „Folge ihr, mein Junge", sagte Sir Arthur, „ich will noch eins Kehle Weils hier bleiben." Lowder leistete der Aufforderung Folge, stand auf und ging in den Salon. Blanche faß in der Nähe eines Fensters, mit einer Stickarbeit in der Hand. Sie schaute lächelnd auf, als Lowder näher zu ihr trat und wachte ihm an ihrer Seite auf dem Divan Platz. Lowder's Her; wurde seltsam durchzuckt und seine Pulse schlugen rascher, al« er den angeborenen Sitz einnahm. Schon hatte das junge Mädchen einen bedeutenden Einfluß über ihn erlangt. Er schaute hinab cuf den schönen, gesenkten blonden Kopf, die schüchtern niedergeschlagenen grauen Augen, da« liebliche, sanfte und edle Gesicht, und er schwor es sich abermals zu, daß das junge Mädchen, seine Gattin werden sollte. „Indem ich sie heirathe, werde ich meine Stellung in Tressilian-Hof befestigen", dachte er. „Und obwohl natürlich nicht» meine jetzige Stellung erschüttern kann, würde sie doch in einem Falle der Noth eine Schutzwehr für mich sein." Die Sehnsucht übermannte ihn, zu erfahren, welche Gefühle Blanche für ihn hege. „Wie fleißig Ihr seid, Blanche", sagte er in spöttisch-vorwurfsvollem Tone. „Ihr denkt viel mehr an Eure Stickerei, als an einen betrübten Freund, der so gerne mit Euch plaudern möchte!". Blanche ließ hocherröthend die Arbeit fallen. „Da ich ein Mädchen bin", sagte sie lächelnd, „bin ich zum Plaudern immer bereit. Was habt Ihr mir zu sagen, Guy?" „Sehr viel", sagte Lowder. „Ich weiß kaum wie ich beginnen soll. Ich möchte von den Tagen unserer Kindheit sprechen, wo ich Euch zuerst bewundern lernte. Oder von Euren reizenden, schwe- sterlicken Briesen, die ich meinem Herzen zunächst trage. Oder ich möchte Euch sagen, wie überrascht und entzückt ich war. in Euch die Verwirklichung des holden Ideal« zu finden, das ich seit Jahrm in 274 meiner Seele trug. Ich könnte von all' diesen Dingen sprechen, denn meine Gedanken sind ganz und gar von Eurer Schönheit und Vollkommenheit erfüllt. Wenn ich rin Dichter wäre, hätte ich in Euch einen Gegenstand gefunden, um mich unsterblich zu machen. Wenn ich ein Maler wäre, würde Euer Bild meinen Namen bekannt machen, so lange die Kunst besteht. Wie soll ich jedoch in meiner Ein« fechheit dem, war ich fühle und denke, nur halben Ausdruck verleihen?" Blanche erröthete von Neuem über und über. Dis überschwänglichen Ausdrücke von Lowder's Bewunderung klangen ihren unerfahrenen Ohren wie die süßeste Musik. Sie hatte lange ein Ideal geliebt, das sie sich von Guy gemacht hatte und sie glaubte jetzt in Lowder den Helden ihrer Mädchen- träume zu erblicken. Da sie nicht antwortete, deutete Lowder ihr Schweigen als Ermunterung und fuhr fort: „Blanche, ich kam nach Haufe in dem Gedanken, daß wir Beide einander nicht lieben sollten. Und bei dem ersten Blicke liebte ich Euch. Ich beabsichtigte nicht, Euch das jetzt schon zu sagen, aber Jahre der Bekanntschaft könnten Euch nicht bester kennen oder mehr schätzen lasten. Ich glaube nicht, daß die Jahre weine Liebe für Euch vermehren könnten." In diesem Augenblicke hörte man >inrn Wagen unten Vorfahren. Blanche schaute in höchster Verwirrung au- dem Fenster. „Es sind die Egerion's", sagte sie. „Sir Arthur hat Oberst Egerton vorgestern gesagt, daß er Eure Ankunst erwarte. Ich glaube, die jungen Egerton's werden ungeduldig sein, Euch zu begrüßen." , Ich wünschte, sie hätten ihren Besuch noch eine Stunde verzögert", sagte Lowder. „Ich wollte Euch sagen" — In diesem Augenblicke erschien Sir Arthur. Ec hatte den Wagen vor dem Thore halten gesehen, ihn al« den seines Freundes und Nachbarn Oberst Egerton erkannt und ging jetzt hinaus, um seine Gäste zu empfangen. Einen Augenblick später kehrte cr zurück, mit einer rosenwangigen, schlanken, jungen Dame am Arm und gefolgt von drei Herren, von denen zwei noch sehr jung waren, und der dritte etwas älter und von militärischer Haltung. Lowder sprang eifrigst vorwärts, während sich in seinem hübschen Gesichte großes Entzücken auszumalen schien. „Mary Egerton", rief er aus. „Ich kann mich nicht täuschen! Ihr seid fast unverändert!" Er drückte ihre Hand herzlich und sie erwiderte seinen Gruß mit einer Wärme, welche bewies, daß sie wirklich Fräulein Egerton war. „Und hier find Fred und Will", erklärte Lowder mit scheinbarer Begeisterung. „Ei, Freunde, Ihr habt Euch ebenso verändert wie ich!" Er begrüßte Beide mit einer herzlichen Umarmung, welche von den jungen Männern mit aufrichtiger Freude erwidert wurde. Sie hatten offenbar keine Spur der Argwöhne«, daß Lowder nicht war, war er schien — ihr kind- licher Spielgenosse und Jugendfreund Guy Tresstlian. „Oberst Egerton sieht so jung au«, wie immer", sagte Lowder, dem alten Herrn seine Hand reichend. „Die Zeit ist an den indischen Helden schonend vorübergezogen!" „Et, Sir Arthur", rief Oberst Egerton lächelnd sich an feinen Freund wendend, „was habt Ihr mir unten denn von Schiffbruch, Krankheit und Verlust de« Gedächtnisses gesagt? Guy hat uns Alle, wie ich es voraus wußte, augenblicklich erkannt. Es liegt nicht in der Natur eines Tresstlian, einen Freund zu vergessen!" Sir Arthur war überrascht und vergnügt, daß sein vermeinter Sohn seine Gäste so rasch erkannte; aber er war gleichzeitig verwirrt bei dem Gedanken, wie launenhaft diese Gedächtnißschwäche Guy'» wäre. Mary beeilte sich, ihre Freundin, die Mündel des Baronets, zu umarmen, und sie setzte sich dann zu dem jungen Mädchen. „Ich glaube, Guy", sagte Fred Egerton, ein geistreicher, hübscher Mann, „daß dir Schicklichkeit e« eigentlich erfordert hätte, daß wir zu Hause geblieben wären, bis wir die osficielle Anzeige Deiner Rückkehr erhalten hätten, aber doch wenigsten« bi« Du etwa« von der Reise ausgeruht wärst; aber Du wrißt, wir nehmen es mit der Etiquette nicht so i genau. In London hätten wir dem Zuge unser«» i Herzen» folgen dürfen; aber hier handelt man nach Gutdünken. Ich hörte auf der Station, daß Du gestern angekommen wärst, ritt nach Hause, ließ anspannen, packte die Uebrigen in den Wagen und hier find wir." „Wir haben uns Alle so nach Deiner Rückkehr gesehnt, Guy", sagte Will Egerton. „Seit Dein Brief au« Marseille gtkommen ist, hat e» im Tressi« lian-Hof und bet uns mehr al» ein ängstliche» Ge- müth gegeben. Du bist auf wunderbare Art dem Tode entgangen und wir gratuliren Dir dazu." „Gewiß thun wir das", sagte Oberst Egerton in seinem geradezu herzlichen Tone. „Ihr habt Each sehr verändert, Guy. Ich glaubte, e» würde ein breitschulteriger Riese, wie Euer Vater er ist, au« Euch werden; aber diese jungen Leute entwickeln sich oft ganz ander», al« wir glauben. Wenn man Eure wunderbare Rettung bedenkt, so ist'« fast, al« ob Ihr au» dem Grabe wiederkehren würdet." Tie Gäste setzten sich und überschütteten den Betrüger mit Fragen, welche er alle mit Leichtigkeit beantwortete. Lowder war genöthigt, einem ausrichtig theil« nehmenden Zuhörerkr-ise seine Abenteuer wieder zu erzählen. Er berichtete, wie er auf seiner Rückreise von Cagliari nach Palermo gefahren sei und wie, al« sie sich schon dem Hafen näherten, ein heftiger Sturm sie ereilte, der sie von ihrer Richtung verschlug: wie sie Schiffbruch gelitten haben, wie er an's Land ge- schwcmmt und von gutherzigen Italienern gerettet ö)01 Em den in zäh ten gu! der des dai wä flll ta; © D dr G rli se bc 0« m u W T if $ si d h ei n n d fi i ( I 1 i 2?5 ftotbtn war; und wie er dann seine Reise nach England fortgesetzt hatte, nachdem er seinen, durch den Schiffbruch blödsinnig gewordenen Reisebegleiter in Sicilien zmückgelaflen hatte. Theilnahmsvolle Bemerkungen folgten seiner Erzählung. „Ihr müßt diesen Sch ffbruch zu vergessen trach. ten, Guy", sagte Oberst Egerton. „Aber wir, mein guter Junge, können nicht vergessen, daß Ihr in derselben Gefahr wäret, als dieser arm- Lowder, dessen Leben so grausam zerstört ist. Wie, wenn da» Opfer dieser Katastrophe Euer Sohn gewesen wäre, Sir Arthur?" Lowder senkte bescheiden Kopf. „Wie glücklich Du sein muht, liebe Blanche!" flüsterte Mary Egerton. „Gr-y ist so hübsch, so tapfer und so edel, und er hat so viel gelitten. Seine Micke wenden sich beständig zu Dir. Ach, Du stehst so schuldbewußt au», Du kleine Schelmin." Blanche lächelte. Sie war stolz auf den Eindringling und die Lobererhelungen, die ihm von den Gästen gezollt wurden, schmeichelten ihr. Er ist überflüssig, die Einzelheiten dieser Besucher zu beschreiben. Er genügt, |« sagen, daß Lowder sich so benahm, daß in seinen Gästen nicht der geringste Zweifel aussteigen konnte, daß er nicht der sei, für den er sich ausgab. Rach einer Stunde erhoben sie sich, baten um baldige Erwiderung ihrer Besuche» und Sir Arthur geleitete sie zum Wagen. „Ihr seid der glücklichste Mann in der Welt, mein Freund", sagte der Oberst, die Hand der Baronet» drückend. „Euer Soh» ist ein prächtiger Mensch, Ihr habt Rkcht gethan, daß Ihr ihn nach Deutschland zur weiteren Ausbildung schicktet. Er ist ein Mann au» ihm geworden. Aber welch' ein Wunder ,st seine Rückkehr. Die Vorsehung war sehr gnädig gegen Euch, daß sie von Allen, die auf dem unglückseligen Schiffe waren, gerade ihn erholten hat." Sir Arthur drückte seinem Freunde die Hand und erwiderte mit fröhlicher Herzlichkeit dessen beglückwünschende Worte. Cs war leicht zu sehen, daß er mit seinem vermeintlichen Sohne vollkommen zufrieden war. Die Gäste stiegen endlich in den Wagen und fuhren fort. Sir Arthur kehrte in die Bibliothek zurück. Lowder und Blanche nahmen wieder ihre Sitze in der Nische de» Bogenfenster» ein und setzten ihr Geplauder fort. Achtzehntes Kapitel. Verlobung. Die Tage verschwanden Jarper Lowder rasch in Tresfilian-Hof. Kein Zweifel und kein Argwohn, daß er nicht der echte Gry wäre, tauchte in den Ge- müthern Sir Arthur'« oder Blanche'» auf. Der Eindringling benahm sich gegen sie und gegen Alle, mit denen er in Berührung kam, mit glelch-r L ebenrwürdi^keit und Freundliäkllt, die ihn bald zum allgemeinen Liebling machte. Sir Arthur betrachtete ihn mit väterlichem Stolze und vieler Zärt- llchkeit, Blanche er.öthete unter seinen Bl'cken und war scheu, wenn sie mit ihm allein war, sich seinen Liebkosungen entziehend, al» ob sie ihr zuwider wären. Aber Lowder hatte Erfahrung im Umgang mit Frauen und er deutete die Schüchternheit de» jungen Mädchens ganz richtig, al« seiner Bewerbung günstig. Ec hatte noch nicht förmlich um ihre Hand angehalten, aber er plauderte ihr süße Richtigkeiten vor, sagte ihr, wie sehr er sie liebte und war schon einige Male daran gewesen, seine Bewerbung zu einer Entscheidung zu bringen, aber die Furcht, daß Voreiligkeit den Argwohn de» Baronets erwecken konnte, hatte ihn noch immer zurückgehalten. Nichtsdestoweniger wurden die jungen Leute als ein Liebespaar betrachtet. (Fortsetzung folgt.) Tarn, Ham!! Etwas von der transatfantischen Reklame, von Hugo von Kupffer. Wohin schwinden alle unsere bescheidenen Reklameversuche gegenüber der Reklame in der neuen Welt, die sich auf allen, ich sage mit gutem Gewissen auf allen Gebieten breit macht und an Originalität und Produktivität Alles weit hinter sich zurückläßt. Der amerikanische Geschäftsmann spitzt ein jedes Ding aufs Praktische zu und wird sich selten dainit zufrieden geben, durch theoretische Gründe in langaht- migen simplen Zeitungsinseraten das Publikum von dem Werthe und der Brauchbarkeit seiner Artikel zu überzeugen. Soweit Zeitungsreklamen in Betracht kommen, verfolgt der Amerikaner vor Allem die Prin- cipien: Kürze, Originalität des Gedankens, Originalität der Form und — Varietät. Jedes jener riesenhaften Tagesblätter ä la „New-York Herald“ strotzt natürlich von Annoncen aller Art. Dort ein Inserat hiueinzubringen, dessen mehr und minder auffällige Natur reichlich ihren Zweck erfüllte, ist wahrlich keine leichte Sache. Nun hilft sich der Deutsche durch Artikelchen, welche dicht hinter dem redaktionellen Text erscheinen oder macht anziehende Berschen wie Gottlieb Knöfel in Stadt Prag Meißner Straße zwanzig viere, Hat für Jeden, der sie mag Gottlieb Knöfels Lederschmiere! Der Amerikaner hingegen druckt seine Reklamen- Anpreisung, in Prosa und Poesie, gar unverfroren mitten in den redaktionellen Text hinein. Das ist ja Täuschung des Publikums seitens der Redaktion! Bewahre! Hinten nach steht mit winzigen Diamantlettern gedruckt: Adv. d. h. Advertised. Wer das nicht sieht, und es wirklich für eine- ' redaktionelle Notiz ansieht, nun — der ist eben selber i schuld. Selbstverständlich ist das inserirende Publikum der Neuen Welt auch erfindungsreich genug in der äußeren Ausstattung der Inserate, welche das sogen. „Jn's Auge fallen" befördern soll. Ganz originelle Stellung der Buchstaben, fünfzigfache Wie» derholungen jedes einzelnen Wortes in symmetrischer Anordnung u. s. w. gehört da zu dem Alltäglichsten. Das leitende Princip in der eigentlichen nationalamerikanischen Reklame ist zunächst, das Publikum mit der Anpreisung des betreffenden Gegenstandes förmlich zu übermüden, zu verfolgen, bis es aus purer Verzweiflung, wie um den Bann zu brechen — kauft. Es ist ein kostbares Charakteristikum, daß der Reisende, sobald er in die New-Iork umgebenden Gewässer hineinsegelt, gleich ein Pröbchen von der transatlantischen Reklame zu sehen bekommt. Da ragt nicht weit von Sandej-Hook, wo sich die Quarantaine- Jnstitute befinden, ein Felsen aus dem Wasser. Es wäre wahrlich schade gewesen, die breite Steinfläche, welche die Natur da gleichsam als atlantische Anschlagssäule hingestellt hat, in ihrer natürlichen Einfachheit und Leere verharren zu lassen. Die erfinderische Frau Reklame nahm daher den Pinsel zur Hand und malte in weit über manneshohen, fernhin sichtbaren Buchstaben das Wort: „Sozodont“ darauf. Dieses Wort: „Sozodont“ wiederholt sich. Es erscheint wie ein Gespenst täglich in den vier Ecken des Morgenblattes, oben an der Decke des Pferdebahnwagens, auf jedem glattpolirten Marmorblocke, der vor dem fashionabeln Hause einer fashio- nabeln Straße zur Bequemlichkeit des in den Sattel steigenden Reiters, ohne Rücksicht auf Symmetrie und etwaige Beinbrüche, von Passanten gelegt ist. An einer frequenten Straßenecke überreicht Dir an einem heißen Tage ein Unbekannter einen mit bunten japanesischen Figuren bemalten Papierfächer. Du fächelst Dir entzückt Lust zu — wehe, auf der Rückseite des Fächers steht mindestens fünfzig Mal in kleinen Buchstaben gedruckt das Wort: Sozodont. Du fliehst in den Wald, dort erscheint Dir auf den braunen Rinden der Bäume in weißer Farbe der unselige Name und hoch oben auf der Felsenspitze, die auf den Wald herniederblickt, da, auch da steht in Riesenzügen: Sozodont! Diese amerikanische „Nekl ame-Kiselackerei" — ich finde keinen bezeichnenderen Namen dafür — ist in der That von einer Ausdehnung, welche aller Beschreibung spottet. Wohin ist die Poesie des Urwaldes geschwunden, wenn man auf den Bäumen desselben Namen von Hotels naheliegender Ortschaften, Namen von Patentmedicinen „chemischen Glanzwichsen" u. s. w. angepinselt findet? Der Wunsch aufzudrängen, zu verlocken, „show zu machen" ist vorwiegend und leicht erkenntlich im ganzen amerikanischen Handel und Wandel vom Wholesale-Kaufmann bis herab zum „Grocer", dem Grimkramhändler an der Straßenecke. Ein gewöhnliches Schild mit dem Namen wird selten genügen. Da muß es beim kleinsten Geschäft heißen: „Metropolitan Family“, ^Imperial Pie Bakery“, „der billige Eckladen", "der Beefsteak-John" (Firma eines kleinen Speisesalons auf der Bowery 'in New-Park) u. dgl. Die Wagen, welche Morgens das Brod umherfahren, sind, wenn irgend möglich, so bunt und auffällig bemalt, wie die Karavanenwagen der herumziehenden Seiltänzertruppe; Theaterdirektoren, wenigstens diejenigen hervorragender Theater, verfehlen nicht, die Ankunft neuer, berühmter Gäste, oder die bevorstehende Aufführung beliebter Zugstücke auf großen, guir- landenartig über die Hauptstraßen weggezogenen Bannern bekannt zu machen, oder mehrere buntbemalte, mit Leinwand verschlossene Wagen, aus deren Innerem Tam-Tam und Glockenklang erschallt, umherfahren zu lassen. Das Verlangen, Alles zur Schau zu tragen, zeigt sich schon in der durchgängig originellen Wäa- renausstellung. Man kann rund heraus sagen: Des Amerikaners beliebtestes Schaufenster ist — das Trottoir, und es ist nur ein Glück, daß die Trottoirs der verkehrsreichen Straßen der dortigen Großstädte die gehörige Breite besitzen. Wäre dies nicht der Fall, so könnten die Passanten vor lauter Schuhwerk, Obst- und Fischkörben, Porzellan und GlaSwaaren, Teppichrollen, Stühlen, Tischen und Sophas, die auf die Straße hinausgesetzt werden, sich des ihnen von rechtswegen zukommenden Fußsteiges gar nicht bedienen. Die New-Parker Bowery namentlich, das Paradies für den „großen Kleinhandel", für das Amüsement aller Art, für den auf die Lungenstärke von Ausrufern basirten Straßenverkauf, diese Bowery bietet so recht ein typisches, unbeschreiblich buntes Bild von show im amerikanischen Geschäftsleben. Gäbe es keinen show, so gäbe es auch keinen „show cards“. Es ist eine blühende Hausindustrie, diese Malerei von billigen Pappe- und Leinwandschildern aller Größen und Formen, die überall dahingehängt werden, wo es menschenmöglich ist, einen Nagel zu placiren. Die Speisesalons, deren es unzählige gibt, werfen thatsächlich ihre Speisekarten der werthen Kundschaft zur gefälligen Einsicht auf die Straße hinaus. Da hängen, liegen und stehen Unmassen kleiner oval, herzförmig, quadratisch oder oblong geformten Kärtchen draußen, deren jede in schwarzen, bunten oder goldigen Buchstaben den Namen einer verlockenden Delikatesse oder alltäglichen Hausmannsspeise trägt. Vom „pork and beans 10 cents“ aufwärts bis zum „turkey pot pie 25 cents“ in beliebigen Varianten. Das Austheilen von Geschenken, wie Fächern Nippsachen, Vasen, einem Gläschen Sodawasser rc. an jeden Käufer gehört zu dem Gewöhnlichsten und steht sonderbarer Weise ganz besonders bei den Thee- und Kaffeehandlungen in Blüthe. Uebrigens gehört diese Reklame-Machina- tion in das Gebiet des allgemeinüblichen „free lunch“, welcher in kalter und warmer Form auf dem Tische eines jeden Bierwirthes zu finden ist. Da kann man nur immer fleißig zulangen und sich an kaltem Aufschnitt, Anchovis, Kartoffelsalat oder auch zu gewissen Stunden an warmen Suppen, Fleischragouts u. dgl. erfreuen. (Schluß folgt.) Redaktion; A. tzcheyd«. — Druck und Vertag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen,