Hichener Jamilienbläüer. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. wiw-HXKirM-Mt-gj'ni. ....... i - ■ - ■ ■' im« ........■ ■ djx. 120. Donnerstag den 11. Oetober. 1888. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emilie Heinrichs. (Fortsetzung.) In diesem Augenblick trat auch Egon in's Zim- ■ mer, schüttelte dem Freunde die Hand, und bemerkte, daß der Onkel gewissermaßen eine schadenfrohe Ader besitze, weil er, Egon, sich gar zu sehr auf eine kleine Plauderei mit Fräulein Ulrike von Immen« darf gefreut habe, was man ihm natürlich nicht gönne. „Hm, hm", räusperte sich der Major in so unzweideutiger Weise, daß Egon erröthete und Ulrich laut auflachte. „Na, mein Junge, lassen rvir"s gut sein", setzte Tellkamv in seiner gutmüthigen Weise hinzu, „wir sind allzumal Sünder und dürfen uns deshalb nichts nachtragen. Setzen Sie sich, lieber Ulrich, Sie find bei mir stets daheim, nicht wahr, eine innere Unruhe hat Sie hsrgetrieben, fühlen sich unter dem heimlichen Bann unglücklich, ich feh's Ihnen nur zu deutlich an." „Ja, ja, Sie habens errathen, alter Freund I" erwiderte Ulrich mit einem unterdrückten Seufzer, „ich bin gekommen, um Ihren Rath zu erbitten, hören Sie, was mir in der gestrigen Nacht, als ich mit Hebwiga aus Ihrer Gesellschaft heimging, in der Nähe unseres Hauses passirt ist." Er erzählte jetzt mit halblauter Stimme den überraschenden Umstand, wie sein in der Fremde von ihm angenommener Name plötzlich laut genannt und in Verbindung mit einer feinen Livree, was offenbar auf seine jetzige Kleidung und Stellung anspielen sollte, gebracht worden fei. Daß ihn also Jemand erkannt haben müsse, was unter den gegebenen Um« stäntzssn verhängnißvoll für ihn werden könne. „Und Sie sahen diesen Jemand nicht?" fragte der Major erregt, während Egon den Bedrohten mit inniger Theilnahme anolickte, indem er dabei die glücklichen Umstände erwog, welche ihn selber von Kindesbeinen behütet und an's Ziel geführt hatten. „Nein, ich sah ihn nicht, hörte ihn auch kein einziges Wort weiter äußern, er war wie in den Erdboden hinein verschwunden, weshalb ich annehmen muß, daß jene Aeußrrung nur mir allein hat gelten sollen." Der Major hatte sich erhoben und das Zimmer einige Mals durchmessen. Dann blieb er vor U.rich stehen. „Haben Sie irgend einen Entschluß schon gefaßt?" „Jg, ich sann die halbe Nacht darüber nach, da ich's nur zu deutlich empfand, nicht länger einen ‘ solchen Damokler-Zustand ertragen zu können. Versetzen Sie sich in meine Lage, denken Sie sich die Furcht vor dm Folgen eines auf Sie gewälzten Verbrechens, die Sie durch keinen Wahrheitsbeweis von sich abzuwehren vermögen, da alle Umstände sich vereinigt haben, Sie zu einem Verbrecher zu stempeln, allstündlich zittern zu müssen, wie ein Schuldiger. — Wer vermöchte ein solches Dasein zu ertragen?" „Nein, nein, das vermöchte kern Mann von Ehre", rief Egon , ihm bewegt di? Hand auf dis Schulter legend, „o, Onkel Trllkamp", wandte er sich erregt an diesen, der düster vor sich hinblickte, „wir müssen diesen Knoten mit dem Alexanderfchwert durchhauen —" „Laß uns erst den Entschluß unseres Freundes hören, mein Junge!" unterbrach ihn der Major, „seins Lage ist zu kritisch, um nicht von allen Seiten und absonderlich mit kaltem Blut beleuchtet und erwogen zu werden. Fahren Sie fort, lieber Ulrich, wir erkennen die Haltlosigkeit dieses Zustandes vollständig an." „Ich danke Ihnen, meine theursn Freunde!" versetzte der junge Mann, beiden die Hände reichend. Er ist mir ein unbl zahlbarer Trost, bei Ihnen, deren Ehre und Ruf makellos, ja sogar ruhmgettönt vor der Welt dasteht, Glauben und Vertrauen gefunden zu haben, und von diesem Gedanken erhoben, faßte ich in der l-tzten Nacht den Entschluß, die oberste Instanz der Ehre, welche dem Eoelmsnn zu Gebote steht, in Anspruch zu nehmen, mit einem Wort, mich an unsern Fürsten zu wenden, welcher, wie ich vernommen, nächstens mit seiner Neuvermählten diese Stadt berühren wird." Der Major blickte ihn verduzt an und schüttelte dann zweifelnd dm Kopf. „Der Gedanke ist gut und unsers Freundes würdig", rief Egon erfreut aus, „nur kein philiströses Kopsschütteln, Onkel Major!" „Und auch nur ums Himmelswillen keine sanguinische Hoffnungen, meine Kinder I" seufzte Trllkamp, „wie kommen Sie au? diesen Gedanken, Immen- darf? Kennen Sie den Fürsten?" „Ein wenig", versetzte Ulrich ernst, „wir studirten zusammen in B. und trafen uns später wieder in Paris. Sie wissen doch, Major, daß mein verstorbener Vater meine Reiselust und meine unsinnige Verschwendung plötzlich in einer Weise begünstigte, die mein Verderben beschleunigen mußte. Nun, lassen wir da« ruhen, es gehört nur insofern hierher, al« ich damit motiviren möchte, daß ich in jenen vornehmen 482 Kreisen, welche Fürst Friedrich besuchte, heimisch und $ beliebt war. Ob jene tolle Zeit mir größere Ehre | gemacht als die spätere, ist die Frage, genug, daß rs mir eines Tags vergönnt war, dem Fürsten, der mich gern hatte, einen nicht unwesentlichen Dienst zu leisten, welcher mir diese Schmarre eintrug I" Ulrich strich bei diesen Worten das lockige Haar von der Stirn zurück, wo eine tiefe Narbe sichtbar wurde. „Man wollte dem deutschen Fürsten die Goldfeder amrupfen, er war zufällig in schlechte Gesellschaft gerathen, weshalb sein Begleiter mich zum Schutzs hsrbeirief. Das Ende vom Liede waren einige Schüsse und Hiebe, von denen einer mir, dem Unverletzlichen, diesen Denkzettel einirug. Fürst Friedrich schwur mir ewige Freundschaft und so weiter, wovon ich natürlich bis zur Stunde keinen Gebrauch gemacht. In der letzten Nacht aber, als jene Stimme mir das Schwert des Damoklcs zu drohend zeigte, erfaßte mich plötzlich der Gedanke an diese Narbe und reiste als letzter Rettungsanker zum unerschütterlichen Entschluß." „Den hoffentlich kein Kopfschütteln mehr umzustoßen vermag", rief Egon, triumphirend auf den Onkel blickend. „Wahrscheinlich nicht", versetzte dieser lächelnd, „und ich füge ebenfalls ein „hoffentlich nicht" hinzu, weiser Cato I Uebrigens wundert es mich, daß unser Freund Ulrich bei solcher Unerschütterlichkeit unsere Rathschläge in Anspruch nehmen wollte." „Weil ich es für heilige Pflicht hielt, meine besten Freunde davon in Kenntniß zu setzen", sprach Ulrich bewegt, glauben Sie aber nicht, daß dieser Entschluß mir so leicht geworden, könnte ich auf andere Weise meine Ehre aus dieser unseligen Ver- Wickelung retten, ich würde Alles lieber thun, al» auf eine That zmückzugreifen, deren Andenken an betreffender Stelle vielleicht längst erloschen, jedenfalls aber als peinliche Erinnerung verpönt worden ist." t _ „Glauben Sie das nicht, lieber Jmmendorfl" erwiderte der Major voll herzlicher Theilnahme, „der junge Fürst gleicht stimm verstorbenen Vater, mit dem ich in früheren Jahren häufig in nähere Beziehungen getreten bin, und dessen hervorragendste Eigenschaft die Dankbarkeit war, welche er stets al» eine heilige Schuld betrachtete. Der junge Fürst ist mir freilich persönlich weniger bekannt, doch legt ihm das Gerücht dieselbe Eigenschaft in einem hohen Grade bei. Du kennst ihn, Egon?" „Ich wurde ihm vor unserer letzten Expedition Borgestellt." „Das ist sehr günstig", nickt« der Major, „ergrei- fett wir die Gelegenheit also ohne Zaudern beim Scbopf. Er hat sich bekanntlich jetzt zum zweiten Mole vermählt, wie ich höre, eine Herzensneigung. D;e erste Gemahlin zwang die Convenienz ihm auf, die Ehe blieb kinderlos, der Fürst wurde schon nach wenigen Jahren Wittwer. Jetzt wird er sich glücklich fühl« n an dcr Seite einer geliebten Gattin und deshalb in jeder Weise bereit sein, Glück zu spenden Also, mein Rath ist der, noch heute die Stadt, wo Ihnen nur Gefahr droht, zu verlassen und in Egon'» Begleitung sich zu dem Fürsten zu begeben. Er weilt heute, wie ich vorhin gelesen, in W." „Bravo, Onkel Major, der Rath ist wahrhaft gut und vernünftig", rief E^on ganz begeistert, „wann geht der nächste Zug in jener Richtung?" Tellkamp blickte auf seine Uhr. „In einer Stunde, glaubt Är bis dahin fertig zu werden?" „Mit Leichtigkeit, nicht wahr, Freund Ulrich?" „Gewiß, je eher aus dieser Mausefalle, desto eher zum Frieden. Tausend Dank, meine Freunde! — Ich eile nach Hause, um das Nöthige einzu- packen. Meins beste Empfehlung Ihren Damen! Ah!" Er hatte sich der Thür zugewandt und blickte auf Magda, welche geräuschlos eingetreten war und sich jetzt bei Ulrichs Anblick verwirrt zurückziehen wollte. „Sich' da, eine Uebsrrumpelung!" lachte der Major, „jetzt hilft kein Rückzug mehr, Kleine! vor« wärt« in's Gefecht!" Magda lachte nun ebenfalls und reichte dem Gaste erröthend die Hand, welche er mit einem strahlenden Blick an die Lippen führte. „Ihr Gruß soll mich begleiten, Fräulein Magda", sprach er leise, „als glückliches Omen meiner Zu- kunft mich ermuthigen, — darf ich denselben als ein solche» mit mir nehmen?" Sie blickte ihn verwirrt an und fragte mit stockender Stimme: „Sie wollen doch nicht wieder fortgehen? — Die Heimath auf'» Neue verlassen?" „O doch, Kleine, er geht mit mir nach Afrika", rief Egon rasch, „diesmal aber machen wir nm einen kleinen Ausflug, der keinen sentimentalen Ab« schied verdient. Allons, Freund Jmmendorf, wik haben keine Minute zu verlieren." Ulrich küßte noch einmal das Händchen, welche« er nicht losgelaffen, tauschte einen innigen Blick mit ihr und verließ das Zimmer. „Kannst mir einige Garderobestücke einpacke« helfen, Magda!" schreckte Egon sie etwas rauf empor, „muß in einer halben Stunde fort; komm, Kleine!" setzte er lächelnd hinzu, „siehst ja au« role eine egyptische Sphinx, grüße Deine holde Freund!« i von mir, welche sich die Abreise ihres Bruders hoffentlich nicht so sehr zu Herzen nehmen wird." Ec ergriff ihre Hand und zog sie mit sich fort in's Nebenzimmer, während der Major, hastig auf' und abschreitend, nichts davon bemerkt zu habe« schien. „War habt Ihr vor, Egon?" flüsterte Magda jetzt angstvoll, „Herr von Jmmendorf'« Benehme« schien auf eine große Gefahr hinzudeuten." , „Unsinn, Kind", lachte Egon, „er ist verlick daher seine Sentimentalität." „Dann bist Du r« also nicht?" forschte Magda, deren rügende» Antlitz sich in Gluth getaucht hatte- 486 „Das ist eine GeMenrfrage, zu leren Beant^ t wortung mir augenblicklich die Zeit fehlt", versetzte Egon etwa» ungeduldig, „da, Kleine, packe die» und da» hier in den Koffer. Weiht Du, Kind, die Symptome jener Krankheit äußern sich sehr ver« schieden." „Du scheinst Erfahrungen darin gemacht zu haben, Egon!" warf Magda etwas, schalkhaft ein. Er lachte. „Das nicht, kleine Boshafte, nur scharfe Beobachtungen jener Unglücklichen, welche mir den unumstößlichen Beweis geliefert, daß die Krankheits- Symptome nach Charakter, Klima und Aussichten ganz verschieden austretsn, bei dem Einen melancholische Anwandlungen, bei dem Andern hingegen ungeheure Heiterkeit und freudige Lust Hervorrufen —" „Wie bei Dir", schaltete Magda ernsthaft ein. Egon blickte sie etwa» perplex an und lächelte dann still vor sich hin, indem er ein Kästchen öffnete und sich anschickte, den darin befindlichen Orden in dem Knopfloch eines schwarzen Rockes zu befestigen. „Himmel, welcher Glanz!" rief Magda verwundert aus, „Du gehst am Ende ger nach Berlin an den kaiserlichen Hof?" „Möglich, — werde in Berlin überhaupt erwartet, muß meinen Rock deshalb würdig Herrichten." „Dazu gehört unbedingt der Frack", entschied Magda. „Trage das Ungeheuer 'principmäßig niemals", sprach Egon feierlich, „irre ich nicht, hat es die französische Unsitte erdacht und die europäische Sitte dasselbe «in ganzes Jahrhundert hindurch hoffähig gemacht. Wrthalb macht man nicht tabula rasa damit, wie bet dem Uniformfrack der Arme- ? Das wäre ebenfalls eine zeitgemäße und durchaus noth- wendige Reform. Aber nun genug der übe-flüssigen Worte, Kmd, wir müssen Thaten sehen. — So, jetzt den Staatsrock fein säuberlich eiugepackt- auf daß er nicht faltig werde —" „O, gieb her", rief Magda entsetzt, „Du wickelst ihn ja zum Packet zusammen, welch' ein Wilder Du geworden bist!" Sie legte den Rock sorgfältig in den Koffer, und meinte dann, als Egon den letzteren verschloß, daß sie e» durchaus nicht hübsch von ihm finde, sie und gewisse Leute wie kleine schwatzhafte Mädchen zu behandeln und kein Sterbenswort vom Zweck und Ziel einer so plötzlichen und geheimnißvollen Reise ihnen anzuvertrauen. „Glaubst Du, daß Deine Mama sich damit al- speisen läßt?" setzte sie indignirt hinzu. Egon blickte sie nachdenklich an und zuckte dann die Achseln. „Sie wird sich an meinem Wort, daß ich einen wichtigen Grund zum Schweigen habe, genügen lassen, liebes Kind!" sprach er ernst. „Auch glaube ich, daß gewisse Leute den Mann wenig atzten würden, der sein Herz auf der Zunge trägt und alle Geheimnisse den Wänden anvertraut. Komm, kleine Magda, zeige mir ein freundliches Gesicht und bringe meins besten Grüße derjenigen, die sie viellücht gnädigst annimmt. Sieh", wandte er sich der Thür zu, „da ist Mama! — Du nimmst mir einen Weg ab, — da ich Dir nun hier Lebewohl sagen kann." „Wie? — was? — Du willst doch nicht etwa schon wieder verreisen?" fragte die Regierungsräthin erschreckt. „Ja, Mama, eine kurze, aber wichtige Mission, deren Ziel und Zweck ich Dir augenblicklich noch nicht verrathen kann. Werde bestimmt in wenigen Tagen zurückkehren. Damit bist Du zufriedrngestellt, wie, Mama?" „Ich muß er wohl sein", seufzte die Dame resig- nirt, „bin es bei Dir von jeher so gewohnt gewesen. Weiß Dein Orckel davon?" Dieser öffnete im selben Augenblick dir Seiten# thür und trat, zum Ausgehen gerüstet, m't Hut und Stock in der Hand, in's Zimmer. „Guten Morgen, Eotilde!" nickte er feiner Schwester zu, die kopfschüttelnd seinen Cwilanzug, dm er nur höchst selten anlegte, betrachtete, „bist Du bereit, Egon? Es ist die höchste Zeit." „Sonderbare Entschlüsse, welche gleichsam über Nacht kommen", bemerkte Frau Clotilde mißbilligend, „gchö-st Du auch zum Cowplott, Rudolf?" „Er, welch' ein fürchterlicher Ausdruck", lachte der Major, „Du weißt, liebe Schwester, daß Dem Sohn mancherlei Verbindungen und Verpflichtungen hat, die ihm das Schweigen zur Ehrenpflicht machen." „Du reifest mit ihm, Bruder?' „Nicht doch, der junge Jmmendorf wird ihn begleiten." „Ja, Mama!" rief Egon mit einem ungeduldigen Seufzer, „ich möchte feine Siebung in meinen KreU'er neu befestigen, Du begreifst, daß es nöchig ist nach ft in er langen Abmesenhüt." „Ach so, ja, ja, ich begreife —" , Utb wirst ferner auch die Nothwendigkeck absoluten Schweigens einsehen, liebe Mama! — Meine schnelle Abreise hängt mit einer dienstlichen Mission zusammen, an welcher mnn Freund Jmmendorf aus Liebhaberei rheilntmmt, da» ist Alle», Mama! —" „Ja, ja, es ist schon gut, lieber Sohn! — Reise mit Gott und kehre recht bald zurück." Sie küßte ihn auf die Stirn und klingelte dem Diener, welcher den Koffer hinauttrug und rasch einen Wagen besorgte. Als sie auf dem Bahnhof anlangtsn, war Ulrich schon fort, und nach wenigen Minutm dampfte der Zug mit den beiden Freunden davon, während der Major ihnen sorgenvoll nachblickte und fein heißer Wunsch sich zum stillen Gebet formte, daß Gott ihr Vorhaben segnen und dem unglücklichen Ulrich endlich vergönnen möchte, frei sein Haupt zu erheben und ein neues, würdiges Leben zu beginnen. 17. Die Vorbereitungen zu einem glänzenden Empfang des jungen neuvermählten Fürstenpaares waren im besten Gange. Usberall herrschte rege Thätigkeit, vm Triumphbögen und Ehrenpforten herzustellen, während die Tannen ihre immergrünen Reiser, die Treibhäuser ihre Blumen und Zierpflanzen opfern mußten zu Ehren des festlichen Tages. Zwar zeigte der Himmel noch immer ein gries- grämigss Gesicht, er hatte sich mit einem aschgrauen Nebelschleier umhüllt und weinte melancholische Thrä- nett, welche die undankbaren Erdenkinder mit Verdruß und Ungeduld erfüllten. In dem Jmmkndorf'sHen Hause ging nach Ulrichs Abreise Alles wie bisher seinen geordneten Gang. Mochte Ulrike auch von innerer Unruhe und Angst erfüllt sein, Niemand sah'» ihr an oder vermochte die leiseste Veränderung in ihrem ganzen Wesen zu bemerken. Heute war zur Veränderung einmal große Eon, ferenz bei Tante Irmgard, die wie gewöhnlich wie ein schön geschmücktes Opferlamm auf ihrem Ruhebett lag, das wachsbleiche Gesicht von einer zarten hekti« scheu Röthe überbaucht, welche bett guten Baron Lerchenheim mit Entzücken erfüllte. Außer ihm befanden sich heute Tante Ulrike und Hedwiga bei der Kranken, welche den Vorsitz führte und durch häufigen Husten unterbrochen, ihre Vor- schläge oder vielmehr Befehle ertheiüe. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Vom deutschen Nationallaster. Die! deutschen Chronisten aus der „alten guten Zeit" j wissen manch' seltsam Stücklein von der Zechluft unserer Altvordern zu erzählen; wir wollen hier nur einige Züge aus diesem für uns Deutsche leider nicht allzurühmenswerthen Bilde wiedergeben. Besonders auf den deutschen Universitäten ist von jeher stark „geknippen" worden. Ganz absonderlich muß es früher jedoch in Tübingen zugegangen sein, denn ein Chronikenschreiber aus Schwaben berichtet, der akademische Senat der Tübinger alma mater habe sich zu derartig scharfen Maßregeln gegen die jungen Studenten ob ihrer Trunksucht veranlaßt gesehen, daß die letzteren es schließlich vorzogen, ihren Bierdurst in Rottenburg zu stillen. Daß das zarte Geschlecht damals mit dem starken um die Wette getrunken hat, geht aus verschiedenen Berichten jener Zeit hervor, und ein Tübinger Visitationsreceß von 1591 rügt sogar, daß die Frauen der Professoren selbst oft ein Gläschen über den Durst trinken, daß z. B. „Frau Profesior Crusius und Frau Professor Hom- berger sich gar ungebührlich halten, daß sie gar übel fluchen und schwören, dem Trünke sich ergeben, sonderlich des Crusius Weib, gehen selten zur Kirche, ziehen oftmals auf die umliegenden Dörfer und erweisen sich allda ziemlich verdächtig." In Schwäbisch-Hall gingen im Jahre 1532 drei Schwestern zusammen nach Münkheim in des damaligen Mühlmichels Haus, wo sie 32 halbe Maß des besten Weins tranken, dann die Zeche bezahlten und Abends ruhig nach Hause wanderten, als ob sie gar nichts weiter genosten hätten. Die „Weiberzechen" waren in vielen Orten Württembergs bis in das vorige Jahrhundert hinein üblich, so in Ochsenbach, Güglingen, Mühlheun bet Sulz, Wertheim bei Tübingen u. s. w. und dre Bürgermeister und Schultheißen mußten bei diesen Zechgelagen der Weiber aufwarten. Um jene Zeit wurden in den Städten fast jeden Morgen Betrunkene in den Straßen schlafend aufgefunden und in Nürnberg wurde vom Magistrate ein besonderer Wagen gehalten, um die schlafenden Trunkenen nach Hause oder auch nach dem Stockhause zu fahren. Aber auch in den höchsten Kreisen sah es nicht besser aus und wie hier gezecht wurde, erhellt z. B. aus einer Regensburger Chronik, der zufolge in Regensburg bei einer Fürften- versammlung, die Kaiser Karl V. abhielt, nicht weniger als 3000 Eimer des besten Weins ausgetrunken wurden und ein Erzherzog von Oesterreich ließ sich auf einer Reise einntal über 2000 Eimer Wein nur für seine Tafel nachführen. Jeder von seinem Standpunkt. Gast: „Was kostet eine Portion Rehbraten?" — Kellner: „1 Mark 50 Pfg." — Gast: „Bringen Sie nur eine Portion!" — (Der Kellner geht in dre Küche, wo ihm gesagt wird, daß kein Rehbraten mehr da ist.) Kellner: „Rehbraten giebts nicht mehr. Wisftn Sie was, essen Sie drei Portionen Kalbsbraten — die kosten gerade so viel!" Das Erkennungszeichen. „Wie empfängt Sie nun Ihre Frau, wenn Sie zu spät nach Hause l kommen?" — „O, das seh' ich schon in der Küche. | „Woran denn?" — „Am Besen, wenn der da steht, | ist Alles gut." — „Und sonst?" — „Sonst — sonst hat die Alte ihn mit 'reingenommen." Aus der Jnstruktionsstunde. Feldwebel! „Ihr wißt doch, daß der Herr Oberst es gerne hört, wenn man ihn den Vater des Regiments heißt: wenn also bei der Inspektion der H 'rr General z. B. fragen würde, wie Ihr den Herrn Oberst unter Euch so im Allgemeinen nennt, was würden Sie zur Antwort geben, Grandhuber?" Soldat Grandhuber: „Au j Krawattelfuchser, Herr Feldwebel!" S e l b st g e f ü h l. Lieutenant (mit seiner Braut | am Meeresstrand): „Rich' wahr, Minna, ein jott- voller Anblick? — Aber so furchtbar aufjeregt sst das Meer, als hätte es noch nie einen Jarde-Offizier jeseh'n." Mozart, der lebensheitere, konnte mitunter recht scharf sein. Als einer seiner Freunde, Namens Gebauer, ihm gelegentlich eine Composition mit der Bitte um Correctur übersandte, schickte er das Manuskript unverändert wieder zurück, auf die erste ? Seite hatte er geschrieben: „Geh' Bauer" (Gebauer). Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.