Hichener JamilienbMer. Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger. ...zrxir—r— — nn ■iiihiwutmiw— I■ »■xj«c«?*arcri - ■■ i» ■'—■»n winw—■»Mts- Ml. 18. Samstag dm 11. Februar. 1888. Are verlorene Wiöek. Original-Roman in 8 Bänden von Dr. Carl Hartm^ann-Plön. (Fortsetzung). ,,Jch hatte den längst erwarteten Tob unserer Mutter", fuhr Auguste fort, „meiner Schwester und meinem Schwager angezeigt; Letzterer kam auch zur Beerdigung und zeigte sich von seiner liebenswürdigsten Seite. Ich hatte keine Ahnung von dem schlechten Verhältniß zwischen den Eheleuten und ebensowenig, daß ihre Finanzen zerrüttet waren; meine Schwefle hatte aus falschem Schamgefühl uns Alles verschwiegen. Und nun, Herr Geheim- rath, will ich Ihnen ein. Beispiel vorführen, welche tiefen Abgründe von Schlechtigkeit in einer menschlichen Seele liegen können und mit welcher rasst- nirten Schauspielkunst mein Schwager seine Frau aus's Neue zu umgarnen und auch zu täuschen wußte. Ich schicke voraus, daß wir unserer drei Geschwister waren und daß Jeder von uns von unserer Mutter achttausend Mark geerbt hatte. Das Erbrheil seiner Gattin und das meins in seine Hand zu bekommen, mar sein wohlo.ngelegter Plan, den er auch mit grober Gewandtheit auszuführen wußte. Nachdem ich noch einige Tage in meinem Geburtsort geblieben war, um den Nachlaß zu ordnen, wobei er mir thatkräftig zur Seite stand, reisten wir zusammen zu meiner Schwester, die leider ihrer geschwächten Gesundheit wegen noch immer nicht das Haus serlasien konnte. Schon am Tage vor unserer Abreise begann er sein teuflisches Spiel, indem er unter Thränen und mir dem Scheine der aufrichtigsten Reue stch anklagte, in der letzten Zeit ein verwerfliches Leben geführt zu haben. Er sei dem Dämon des Spiels verfallen und habe stets verloren; um das Verlorene wiederzugewinnen, habe er, was seine Frau noch gar nicht wisse, deren Pretiosen verkauft, aber er sei unausgesetzt vom Unglück verfolgt worden und habe nichts zurückgewonnen. Indessen sei er zur Einstcht gelangt, daß er am Abgrunde stehe und in demselben Augenblick, wo ihm dies zur Gewißheit geworden, habe er stch den Schwur geleistet, ein anderes Leben zu beginnen und danach zu streben, durch ehrliche Arbeit für sich und seine Frau den Unterhalt zu verdienen. Er sei in dem aristokratischen Club, dessen Mitglied er bis jetzt gewesen, zu dem hohen Spiel verführt worden, aber keine Macht der Erde solle ihn ve> stimmen, denselben je wieder zu besuchen, er wolle austreten und sich bemühen, eine Stellung zu finden, die ihn befähige, seine Familie, wenn auch nicht in glänzender Weise, so doch auskömmlich und standesgemäß zu ernähren. Er habe sehr viele Bekanntschaften und Corwexionen, so daß es ihm wohl nicht schwer fallen werde, seinen Wunsch zu erreichen. s Durch das Leben, welches er in der letzten Zeit ge- l führt, fei leider auch zwischen ihm und seiner Gattin l das gute Verhältrüß getrübt, wovon nur ihm ganz s allein dis Schuld beizumessen sei, aber er bäte mich, l meinen Ewfüch bei meiner Schwester geltend zu 5 machen und nichts unversucht zu lassen, dis sie ihm Z verziehen und an seine aufrichtige Reue glaube." „Nun wohl", fuhr Auguste Brandt nach einer kurzen Pause fort, „es gelang meinem Zureden, dis alte Flamme der Liebs, die, wie meine Schwester l mir gestand, schon fast gänzlich erloschen sei, in ihrem | Herzen noch einmal wieder anzufachen, sie verzieh z ihm, vertraute seinen Betheuerungen, die er ihr gegenüber mit gleicher Treuherzigkeit und Biederkeit | 'wiederholte, und acht Tage lang führten wir ein ä gemächliches Leben, bei dem die arme Nervenkranke ; sich sichtlich erholte und von Tag zu Tag an Heiter« 2 kett und Lebensmuth gewann. Mein Schwager, der- \ ich gebe es zu, von bestrickender Liebenswürdigkeit l sein konnte, entfaltete diese in feiner ganzen Fülle; i er zeigte sich so besorgt um den Zustand seiner l Gattin, lhat Alles, was er ihr an den Augen ab- s sehen konnte, erfüllte ihr jeden Wunsch, herzte und s liebkoste sie, und mit Zuversicht blickte sie in die ] Zukunft. Abends blieb er stets zu Hause, da las s er uns die Zeitung vor, spielte mit seiner Frau, l die wieder etwas Interesse an der Musik gewonnen, l aus dem Flügel vierhändig zusammen, scherzte und ■ lachte wie in früheren Tagen, und wenn meine s Schwester bisweilen in Klagen ausbrach über den s Verlust ihrer Stimme, so wußte er sie jedesmal mit i Erfolg zu trösten, versprach ihr, sobald sie nur etwas z kräftiger geworden» mit ihr zu dem berühmtesten ; Specialisten in Kshlkopskrankheiten zu reisen, der s sicher ihr Leiden beseitigen werde, kurz, er spielte s meisterhaft bis in die kleinsten Details die Rolle s eines musterhaften, liebevollen Ehemannes. In den I Vormittagsstunden verließ er regelmäßig einige - Stunden das Haus, um, wie er sagte, eine Lebens- - stellung zu suchen. Bisher waren seine Schritte er- i folglos gewesen, da kam er eines Tages nach Hause und schien sehr niedergeschlagen. Auf unser Be- i fragen, ob ihm etwas Unangenehmes widerfahren, * antwortete er Anfang? ausweichend, erst als wir in 70 ihn drangen, bl Ursache seiner Trauer uns mitzu- theilen, sagte er, daß ihm ein glänzend dotirter Posten bei einer Lebensversicherungsgesellschaft, nämlich der eines Generalagenten angebotsn sei, den er aber abgelehnt habe, weil er eine Caution von sechszehntausend Mark stellen müsse, die er ja nicht besitze. Wir thörichten, leichtgläubigen Frauen boten ihm sogleich an, die Erbschaft unserer Mutter, die au» je achttausend Mark bestand, also zusammen gerade die Summe ausmachte» die gefordert sei, zu diesem Zweck zu verwenden, was er aber entschieden und fast mit Heftigkeit zurückwies, und erst, nachdem wir all unsere Ueberredungskunst angewandt und ihm vorgehalten, daß es die Pflicht gegen seins Gattin und sich selbst es ihm gebiete, das Geld von uns anzunehmen, entschloß er sich dazu. Es war leicht, dir Erbschaft, die bei einer B nk in unserer Vaterstadt belegt war, zu erheben, ich reiste persönlich dahin ab, um sie flüssig zu machen, und nie vergefle ich das triumphirende Gesicht, das er machte, al» ich ihm die sechszehn Tausendmarkscheine hin- zählte. Er raffte sie zusammen, steckte sie in dis Tasche und stürmte damit fort. Nach einer Stunde kam er zurück, sagte uns, er Habs dm Posten jetzt definitiv angenommen, müsse aber sofort in die Provinz reisen, wo mehrere Sterbefälle von Versicherten vorgekommen, die wahrscheinlich Veranlaffung zu einem gerichtlichen Prozesse geben würden und seine Gegenwart erforderten; er könne vielleicht erst nach zwei bis drei Wochen zurückkehren, doch wolle er häufig schreiben. Er war auffällig erregt, doch sahen wir darin nur die Freude, eine gesicherte Stellung erworben zu haben und nachdem er in großer Eile seins Koffer gepackt, nahm er Abschied. Aber kaum war er fort, al» meine Schwester von eigenthümlichen, bangen Ahnungen befallen wurde, die mir in diesem Augenblick völlig grundlos zu sein schienen, denn da» Vorurtheil, welches ich früher gegen ihn gefaßt, hatte er durch sein freundliches Wesen vollständig in mir zu beilegen gewußt. Ich widersprach ihr und suchte ihr die häßlichen Gedanken auszureden. Es sollte sich bald Herausstellen, daß ihre Ahnungen begründet. Als nach acht Tagen kein Brief von ihm angslangt war, hatte dis Aufregung meiner Schwester einen sehr hohen Grad erreicht und auch mir fing die Sache an bedenklich zu werden, doch zählte ich noch alle Möglichkeiten auf, die ihn am Schreiben verhindert haben konnten. Endlich nach drei weiteren Tagen kam ein Brief, aber der Inhalt schmetterte uns zu Boden. Er schrieb darin, ob wir wirklich geglaubt hätten, daß er es seinem Range zumuthm würde, eine so untergeordnete Stellung, wie die eines General-Agenten zu über- nehmen, er habe das nur vorgegeben, um in den Besitz der sechszehntausend Mark zu gelangen, mit einer solchen Summe, wenn man ein ruhiger Spieler sei und sich nicht überstürze, könne man in Monaco die Bank sprengen, und das Glück sei ihm günstig, er gewinne unausgesetzt. Nun bat er meine Schwester um Entschuldigung, daß er zu ihrem eigenen Wohls eins List' angewandt, um freie Disposition über ihr Vermögen zu erhalten, dis sie ihm freiwillig nie gewährt haben würde; es sei ihm unmöglich, in untergeordneten, bürgerlichen Verhältniffen, bei einer kärglichen Einnahme -in kümmerliches Dasein zu fristen, er könne nur leben auf der Höhe des Reichthums ober er wolle gar nicht leben; jetzt mit dem erhaltenen Gslde böte sich eins Gelegenheit, diese in rascherem Sprung; zu erreichen, schon habe diese Summe sich verdoppelt, das Glück stehe ihm zur Seite, bald Habs er soviel als er brauche und dann sollten meine Schwester und ich seinen Reichthum theilen, er schriebe nächstens wieder." Auf einen zweiten Brief hofften wir vergebens, dagegen kam er nach vierzehn Tagen in eigener Person. O, nie in meinem Leben, Herr Geheimrath, werde ich die fürchterliche Scene vergeffen, dis sich nun entwickelte. Es war um dis Mittagszeit, da wurde, ohne daß wir einen Schritt gehört hatten, dis Thür plötzlich aufgsriffen und mein Schwager trat ins Zimmer. S.in Gesicht war verstört und sah aufgedunsen und geröthst aus, als wenn er schon geistige Getränke zu sich genommen, und ohne seine Frau oder mich zu begrüßen, ohne nur Guten Tag zu sagen, rief er meiner Schwester zu: „Wo hast Du die Bibel, die ich Dir geschenkt?" „Ich muß hier dis Bemerkung einfchalten", unterbrach sich Auguste Brandt, „daß meine Schwester für Altsrthümer und archäologische Seltenheiten ein großes Jntereffe hatte. Sie hatte im Lauf der Zeit verschiedene derartige Sachen sich erworben, und als sie eines Tage», es war noch vor ihrer Verlobung, ihrem zukünftigen Gatten gegenüber dies Jntereffe lebhaft betonte, da erzählte er ihr, daß er erst vor Kurzem von feinem Onkel eine Bibel geerbt habe, die schon im sschszeh.tten Jahrhundert gedruckt sei. Es sei ein Familienerbstück und er knüpfe sich die sonderbare Tradition daran, daß darin der Nachweis von einem Gott weiß von wem vergrabenen Schatz enthalten sei; er sei indessen überzeugt, daß dieselbe reine Fabel, denn er hab; das ganze Buch, Blatt für Blatt, untersucht, und nirgends ein geschriebenes Wort oder dem Aehnlicher gefunden. Dis Bibel hatte neben dem antiken noch einen anderen Werth; sie war nämlich stark mit Silber beschlagen, auf dem die Leidensgeschichte Christi eingravirt war, und der silberne Beschlag war mit vielen, zum Theil sehr großen Rubinen besetzt. Der Werth der Letzteren ist auf sechshundert \ Thaler geschätzt worden. Meine Schwester hatte ■ den Wunsch geäußert, die Bibel einmal zu sehen, ; und als der Besitzer derselben da» nächste Mal wiederkam, brachte er sie selbst mit, überreichte sie ihr und bat sie, dieselbe von ihm als Geschenk anzunehmen, was meine Schwester, hoch erfreut über einen Zuwachs ihrer Sammlung, dankbar annahm. ' Diese Bibel war es, dis mein Schwager jetzt so ■, stürmisch verlangte." Huldigung, angewandt, u erhalten, würde; er bürgerlichen nähme ein i nur leben wolle gar de böte sich mg; zu et» verdoppelt, >e er soviel ! Schwester >e nächsten» vergebens, in eigener Ssheimrath, m, die sich agszeit, da ört hatten, Schwager erstört und ! wenn er und ohne nur Guten zu: „Wo « fett', unter» ! Schwester mheitrn ein i Lauf der erworben, vor ihrer enüber die» ihr, daß er Bibel ge» hundert ge» ick und er >aran, daß ß von wem sei indeffen in er hab; rsucht, und l Aehnlicher mtiken noch stark mit enZgeschichte re Beschlag kubinen 6c» 'echshundert rester hatte zu sehen, ächste Mal irreichte sie ieschenk an» rfreut über r annahm. ;er jetzt so 11 „Zu welchem Zweck fragst Du darnach?" erwiderte meine Schwester. -rch habe in Monaco Schiffbruch gelitten! Schon batte ich über hunderttausend Mark gewonnen, da schlug das Glück um, und bis auf den letzten Pfennig habe ich Alles wieder verloren. Jetzt soll die alte Tradition, daß durch die Bibel ein Schatz gehoben werden könne, sich bewahrheiten, ich werde, sie verkaufen und mit dem Erlös noch einmal mein Glück versuchen. „Meine Schwester hatte sich erhoben und war vor die Glarthür eines Schrankes getreten, in welchem die Bibel sich befand. Die Röths der Entrüstung war in ihre sonst so bleichen Wangen getreten und mit blitzenden Augen rief sie: „Wie? Du wagst es, nachdem Du mein Vermögen und das meiner Schwester vergeudet und uns an den Bettelstab gebracht, noch mehr von mir zu fordern? Weißt Du, daß ich Dich beim Gericht wegen Betrugs, wegen Diebstahls denunciren könnte? Und ich würde es unfehlbar thun, wenn ich nicht Deinen Namen trüge, denn Du hättest es verdient, daß man Dich wie einen Verbrecher behandelte. Nein, und abermals nein, die Bibel erhältst Du nicht!" „Nicht?" schrie mein Schwager wild auf, „Du willst mich hindern, das Mittel zu ergreifen, wodurch ich das Verlorene zurückgewinnen kann? Du wirst es nicht!" Sein Gesicht hatte sich grauenhaft entstellt, er stürzt« auf seine Gattin zu, erfaßte sie am Arm und schleuderte sie mit solcher Gewalt von dem Platze fort, wo sie sich zum Schutzs ihres Eigenthums ausgestellt hatte, daß sie auf den Teppich des Zimmers niederfiel. Ich eilte ihr sogleich zu Hilfe, richtete sie vom Boden auf und führte sie in die Ecke des Sophas, wo sie vorher gesessen. Mein Schwager hatte unterdessen den nicht ver» schlossenen Schrank aufgerissen, die Bibel ergriffen, ein Taschenmesser hervorgeholt und war jetzt dabei den Einband mit raschen Schnitten von dem Werke zu trennen. „Ich weiß es recht gut", sagte er mit einem unangenehmen Lächeln, „Dir ist es nur um den Plunder, um die vergilbten Blätter zu thun, magst Du sie in Gottes Namen behalten, sie find mir überdies zu unbequem mit fortzuschleppen, ich begnüge mich mit der äußeren Hülle." Darauf wandte er sich der Thür zu und als ich das Wort, „Ungeheuer" ihm nachrief, lachte er höhnisch auf. (Fortsetzung folgt.) Gin alles Lied. Novelletto von Elise Polko. (Fortsetzung.) Und ein neues Bild tauchte auf: Frankreich rief und lockte ihn herüber und erinnerte sich plötzlich des Letzten der Smarts, der als Graf Albany in Italien ruheloser denn je umherzog — der Herzog von Choissul und der Marschall von Brogli wünschten den damaligen unliebsamen Hof ein wenig zu ängstigen durch das Auftauchen eines so gefährlichen Verschollenen. Das Geschlecht der Stuart» sollte noch einmal auferstehen, als neue immer nagende Sorge für Old-England. Das längst verstummte Lied vom Prinzen Charlie wurde plötzlich wieder lebendig in Schottland — wer yatte es zuerst ange» stimmt? Niemand konnte es sagen, aber überall hörte man es singen, in den Hochlanden, an den Seen, in den Straßen von Eoinburgh, angesichts des Schlosses von Holyrood tönte es wieder wie vor langen Jahren: „Pi’ince Charlie is my darling, Te young Chevalier!“ Seine persönliche Erscheinung in ihrer Verkommenheit in dem schwankenden Schritt und mit dem müden Blick, hatte freilich seine neuausgetauchten Freunde schwer enttäuscht, aber das Geschlecht der Stuarts durfte nicht ausstreben — und wenn Karl Edward nicht mehr im Stande war, ehe Landung zu versuchen, wie einst an der Küste von Schottlands so würde es sein Sohn sein. Eine große deutsch« Kaiserin erwählte für den Prätendenten, für den sie sich interrssirte, eine ebenbürtige Gefährtin: Maria Theresia's weiße Hände führten ihm eine junge deutsche Prinzessin zu big wunderschöne blonde Louise von Stolberg. Den Brautfchatz für den Letzten der Stuarts zahlte aber Frankreich — eine jährliche Rente von 240,000 Livres. — Stolz, als trüge sie schon die britische Krone auf ihrer reinen Stirn, trat ihm seine Ge- mahlin entgegen — und diese Krone blieb denn | auch, so lange sie athmete, der Traum ihres Herzens. Kein Liebssgedanke erfüllte dies reizende Köpfchen, kein« Zärtlichkeitsempfindung lebte in der Brust der Gräfin Albany für den Mann, dem man sie verbunden, — Königin zu werden, zu herrschen, war das Ziel ihres Strebens. Das erste Lächeln dieser stolz geschwungenen Lippen galt nicht ihm, sondern jener goldnen Münze, die Karl Edward hatte prägen lassen zum Andenken an seine Vermählung. Sir zeigte das Bildniß Louisens mit der Umschrift Louise, Königin von England Irland und Schottland. Und dennoch sollte nie eine Krone dies goldene Haar schmücken. Er aber, der Letzte der Stuarts, empfand eine glühende Leidenschaft für das schöne kalte Weib an seiner Seite, eine hoffnungslose brennende Liebe. Rom wurde nun die prunkvolle Residenz dieses ungleichen Paares, dort sammelten sich die Getreuen um den Letzten der Stuarts, dort nannte man ihn „Majestät" und huldigte ihm und seiner Gemahlin wie einem Könige und einer Königin. Der Papst jedoch verweigerte trotz aller hohen Fürsprache die I Anerkennung des Königstitrls und des Hofhaltes 72 und so "mußten Karl Edward und Louise sich begnügen mit den königlichen Ehren, die man ihnen im engsten Kreise erwies. Für den übrigen Theil der vornehmen römischen Gesellschaft blieb der Prätendent nur der einfache Graf Albany. Die wachsende Kälte seiner schönen Gemahlin, welche die Erfüllung ihrer ehrgeizigen Hoffnungen in nebelhafte Ferne gerückt sah, zerriß ihm das Herz, dis Verachtung, die sie ihm zeigte, drückte ihn zu Boden. Immer tiefer versank er nun, und immer rettungsloser in den Lethestrom, der ihm das Vergessen bringen sollte, als Mary von ihm gegangen, immer geringer wurde dis moralische Kraft des Widerstandes dieser Versuchung gegenüber, immer lauter das Geflüster um ihn her. Dis wunder- baren Stuartaugen verloren ihren Glanz und Ausdruck, kalt und stumpfsinnig blickten sie umher. Wozu auch sich ausraffen — wer fragte danach, wer liebte ihn? Der Letzte der Stuarts verließ endlich, auf den Wunsch feiner Gemahlin, dis ewige Stabt, dessen Oberhaupt sie nicht als Königin anerkannte, und siedelte nach Florenz über. Ach, auch dort zuckte man lächelnd die Achseln über den König ohne Land, und der Hof von Toskana zog sich von ihm zurück. Niemand aus der immer kleiner werdenden Schaar der Anhänger wagte es mehr, das Lied vom Sieger von Panr anzußimmsn, den kecken Sang vom Prinzen Charlie. Immer dunkler wurde es um ihn her, immer verzehrender brannte das Feuer der Liebe zn feinem schönen Weibe. Hätte sie ihm geboten, zur Stelle wieder, wie einst die Landung zu versuchen an der Küste seiner Heimath, er würde es gethan haben — einer Welt zum Trotz — sein Leben hätte er hingeworfen um ein Lächeln von ihr, einen zärtlichen Druck ihrer weißen Hand. O, sie hätte Alles aus ihm machen können, was ihr beliebt, damals, mit ein wenig Geduld und — Liebe. Aber als er eines Tages mit wankendem Schritt vor sie hintrat, um die Frage zu lallen, mit schwerer Zunge, ob es eine Freude sein würde, wenn er zur Stells einen neuen Feldzug unternähme, da hatte sie ihn nur mit einem niederschmetternden Blick angeschaut und, den prachtvollen Kopf über die Schulter hinweg zu ihm ae- wendet gesagt: „Einen Trunkenbold wählt kein Volk zum König; !•' Welch' einen Schmerz brachte ihm diese Antwort, dieser Blick! — Lethe — Lethe! Und dann tauchte wiederum eine Bild aus in der schlummerlosen Nacht des Verlassenen: ein glänzendes Gartenfest in dem königlichen Palast am Arno — o, der Springbrunnen sah b<& Gewühl berückender FrauMgestalten und vornehmer Cavaliere *7 und unter ihnen, zum ersten Mal eingeführt, Italien» lorbeergekrönter Dichter, der schöne Graf Vittorio Älfierie. Und die Sonne unter allen - Frauen .an jenem Abend war die stolze blonde Königin ohne Thron, und gar bald sah man sie k neben einander im tiefen Gespräch, den königlichen i Dichter und die königliche Frau. Wie sie ihn anblickte und wie er diese Blicke erwiderte! Lethe! Lethe! Seit einer Stunde zog denn auch die Liebe ein in das unberührte Frauenherz der Gräfin Albany und drängte den Ehrgeiz zurück bis in den fernsten Winkel, und die armen glanzlosen Stuartaugen sahen das Leuchten eines gcheimnißvollen Glücks auf dem bis dahin so kalten, wie aus Marmor gsmeiselten Frauenamlitz, sahen die wunderbare Wandlung, wie nur die Macht der Liebe sie hervorzuzaubern vermag, und wußte, daß sein Weib, die schöne stolze Louise, für ihn auf immer verloren sei. Er hörte aber auch, wie man stärker über ihn zu flüstern begann, sah, wie man über ihn lächelte, sein eigenes Bild erschien ihm so häßlich und verächtlich; das blasse verschwollene Antlitz, der erloschene Blick, dis verfallene Gestalt. Deutlich fühlte er, wie sein Grdächtniß schwand, seine Willenskraft gleichsam zerbröckelte, wie der Strom, in den er sich gestürzt, Alles mit sich fortriß, nur jene eine Folterqual nicht, das sengende Gefühl der Eifersucht auf das Weib an seiner Seite, deren Herz und Seele jetzt einem Anderen gehörten, dessen Nawe ganz Italien feierte. Warum, gab es denn nicht für diese Marter eine Betäubung? Aber kein Feuerwein der Erbe war stark genug, diesen Brand zu ertränken und ein — wenn auch nur momentanes Vergessen zu bringen. Nur eine Genugihuung gab es — jene Frau zu quälen, zu martern, zu bewachen, mit Argusaugen, wie der 'strengste Kerkermeister seinen Gefangenen, sie keinen Augenblick von sein«« Gegenwart, die ihr so verhaßt, zu befreien. Aber trotzdem blieb das blonde Haupt ungebeugt, die stolze Stirn senkte sich nicht und jenes Leuchten trunkenen Glücks in den Augen und um dis Lippen wich nicht, das ihn so rasend machte. Nur die Wangen wurden allmälig bleich und bleicher und der sonst io elastische j Schritt des schönen Weibes müde und langsam. Aber berückender als je erschien sie ihm, wenn sie durch die Gemächer des Palastes schritt und der schimmernde goldgestickte Atlas der Gewänder dis üppige Gestalt umfloß und blitzende Steine in dem Goldhaar ihre Strahlen warfen. Und strablsnde Verse sandte Älfierie in die Welt, die alle der geliebten Königin seines DichterherzenS galten — der Gräfin Albany. Karl Edward konnte es nimmer verhindern, daß man sie ihr brachte, daß er selber, Vittorio Älfierie, sie ihr vorlas, und er fühlte, wie eine einzige Strophe dieser berauschenden Huldigungen alle Leiden der Gefangenen auslöschten, als ob sie nie gewesen. (Fortsetzung folgt.) Redastisn: A. Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei Er. Ehr. Pietsch) in Gießen.