Hichener Jamilienbläller. Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger. Nr. 133. Samstag, dm 10. November. 1888. Im Kaufe Immendorf. Original-Roman von Emilie Heinrich». (Fortsetzung.) „Wie ein Indianer fand und verfolgte ich seine Spur, bis ich meinen vortrefflichen. John Walter als Universal-Erben und Neffen des hochgeborenen seligen Grafen von Rüdershausen in Oesterreich wtederfand." Egon fuhr erstaunt empor, warf einen Blick auf den schlummernden Ulrich und fragte leise: „Haben Sie das meinem Freunde erzählt?" „Das Letztere, ja, Sie hätten sonst schwerlich das Mißgeschick gehabt, mich in Ihrer Gesellschaft zu sehen." „Pardon, man wird nur zu leicht mißtrauisch, mein Herr! Wie aber in aller Welt erkannten Sie ihn in dieser Verkleidung? Wenn Sie stch nur nicht geirrt haben." „Ich mich geirrt, bah! — Ich hörte schon unterwegs, daß der alte Graf seinen ungerathenen Neffen, welchen er mit einer Abfindungssumme in die weite Welt geschickt und enterbt hatte, plötzlich in allen großen Zeitungen zur Rückkehr habe auffordern lassen, daß derselbe jedenfalls kommen und da» reiche Erbe antreten werde. Ich glaube, daß er den Alten im Sterben gefunden, cs ist derselbe Rüdershausen, welcher das greifiäu lein von Jmmendorf seiner Zeit hat sttzrn lassen, — ich sah Herrn Walter von der Vogelweide, — er heißt wirklich Walter mit Vornamen, unser famoser John, den jetzigen jungen Erbgrafen, und erkannte ihn auf der Stelle, ohne von ihm gesehen oder bemerkt zu werden. Ec reiste, als der Onkel in der Ahnengruft ruhte und cr die Herrschaft angetreten, nach Deutschland, ich heftete mich an seine Ferse und verpaßte in unserer Refidenz den Zug, nachdem ich jedoch von seinem Reiseziel bereits Kenntniß erhalten." „Wohin ging sein Ziel?" fragte Egon in großer Erregung. „Nach X., dort werden wir ihn finden, immerhin ein muthiger Bursche, dieser John Walter!" Egon erwiderte nichts, eine seltsam beklemmende Angst hatte sich wie ein Reif um seine Brust gelegt. Was wollte dieser Mensch mit dem unseligen Namen dort? — Galt der Zweck seiner Reise dem Immen- dörfischen Hause? — Und gerade fitzt, wo dort die letzte Scene, die Ictzte erlösende Katastrophe des langen Drcmas zu erwarten stand! — Ec blickte auf Ulrich mit heißem Dankgefühl, ohne die Alles bezwingende Ungeduld des kranke« Freundes wäre es nicht zu dieser Reise gekommen, welche ihm jetzt als eine göttliche Fügung erschien. „Wollen Sie gegen den Grasen einschreiten?" fragte er plötzlich, sich wieder an den Detcctiv wendend. „Ich bin mir noch nicht ganz einig darüber", versetzte jener, „will mich noch im Hintergrund halten und dem Herrn Baron von Jmmendorf einstweilen den Vortritt lassen. Vielleicht treffen sich die Herrschaften im freiherrlichen Hause, und möchte ich diesem kostbaren Moment um jeden Preis beiwohnen." Es trat jetzt Schweigen ein, bis Ulrich erwachte und sofort, nachdem er stch durch einige Tropfen seiner M'xlur gestärkt, dar Gespräch über den interessanten Gegenstand wieder aufnahm. „Wie ist Ihr Name?" fragte er den Detrctiv. „Thorsen." „Gut, Herr Thorsen, ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Mittheilung", fuhr Ulrich eifrig fort, „und hoffe auf Ihren Beistand, den Burschen, der viel auf dem Kerbholz hat, zu entlarven, da ich sicher annchmen darf, daß er mein Elternhaus als Reiseziel ausgesucht hat." „Ec wäre sonst wohl schwerlich nach X. zurückgekehrt", bemerkte der Detectiv. „Sehr richtig", mischte sich jetzt auch Egon in die Unterhaltung, da ihn plötzlich eine heftige Unruhe zu ergreifen schien. „Vielleicht hat ihn eine Testamentsbestimmung des Onkels, den die Reue gepackt haben mag, nach X. beordert. Wie aber kann er den Tod des Grafen erfahren haben? —" „Durch eine Zrilungs - Notiz, welche ihm auf seiner Flucht irgendwo vor die Augen gekommen", versetzte Thorsen, „fein Onkel hat doch eine derartige Aufforderung in allm großen Welt-Zeitungen einrücken taffen." „Ja freilich, so läßt e» sich erk ärcn", sprach Egon, „wie aber wollen wir uns bei der Geschichte verhalte«, lieber Ulrich?" setzte er, diesen fragend anblickend, hinzu, „willst Du Dich bei unserer Ankunft direct nach Hause begeben?" , Ich sinne soeben darüber nach und halte es für das Beste, mit Dir vorerst zu Deinem Onkel zu fahren, wohin Herr Thorsen uns begleiten könnte." „Was jedenfalls höchst unvorsichtig von mir sei« würde, Herr Baron!" sagte der Detcctiv, „ich werde schon zur rech'en Minute eingreifen, wenn Sie nur die Güte haben wollen, Jh en alten Diener dahin zu instruiren, daß er mich unbeanstandet in's Haus einläßt." 534 „Dafür werde ich sorgen. Halten Sie es gc- rathen für mich, geradewegs in mein Haus zurück- zukehren?" „Nein, bleiben Sie bei Ihrem Entschluß, Sie erfahren durch den Herrn Major sicherlich genug, um klar zu sehen und nicht überrumpelt zu werden." „Gut, ich freue mich ganz ungemein darauf, diesen Grafen von Rüdershausen kennen zu lernen", rief Ulrich mit einem finstern Lächeln, „am liebsten unter vier Augen —" „Sogen Sir sechs, Herr Baron!" -lachte der Detectiv, sich vergnügt die Hände reibend, „bei diesem Rendezvous bin ich unentbehrlich, da ich ihn jetzt mit anderen Augen anschaue." Noch eine Station, und der Zug hielt bei X., wo die drei Herren eiligst das Corrpä verließen. Während Ulrich und Egon sich in eine Droschke warfen, eilte Thorsen durch eine Seitenstraße nach seiner Wohnung, wo er sich rasch umkleidete, einen Imbiß zu sich nahm, und sofort wieder ausging. Er näherte sich auf Umwegen dem Hotel „Zum Erbprinzen", sah einen eleganten Miethwagen vor dem Eingang halten und einen Herrn in Pelz einsteigen. Der Abend war rauh und kalt genug zu solcher Umhüllung. „Zum Freiherrn von Jmmendorf!" lautete der Befehl und der Wagen fuhr davon. „Alle Wetter! —" brummte Thorsen, eiligst sich nach der entgegengesetzten Seite entfernend, „jetzt haben wir keine Zeit mehr zu verlieren, muß meinem Freiherr«, dessen Partei ich jetzt klüglicherweise ergriffen, den Besuch schleunigst melden. 27. Major Tellkamp empfing die beiden Ankommenden mit freudigem Erschrecken, aber auch mit tiefer Besorgaiß um Ulrichs der bleich und erschöpft in einen Sessel sank. „Mein Gott, Kinder, welch' eine Unbesonnenheit", schalt er, unruhig Ulrichs fieberheiße Hände ergreifend, „er kann ja den Tod davon haben, Egon!" „Schelten Sie ihn nicht, Onkel Tellkamp!" bat Ulrich matt lächelnd, „er ist unschuldig daran, da alle Aerzte der Welt mich nicht zmückgehalten hätten. Ich mußte heim, dis Angst hätte mich dort unfehlbar getödtet, weil wir Tante Irmgards Macht jetzt, da sie «ns für immer verlassen will, erst recht zu fürchten haben. Geben Sie mir ein Glas Wein, lieber Major!" „Bei Ihrem Fieber-Zustand, Ulrich?" „Oder sonst etwas Kräftigendes, — nicht wahr, der Rüdershausen spritzt sein letztes Gift noch aus dem Grabe auf unser Haus?" „Woher wissen Sie davon, Ulrich?" „Wir erfuhren es unterwegs, lieber Onkel! — der Neffe des alten Grafen ist hier —" „Ja, er hat der Sterbenden seinen Besuch gemacht und ein Schreiben des Onkels überreicht. Doch davon später, laß uns erst für Ulrich sorgen. Ich denke, er legt sich ein Stündchen, um zu ruhen, auf Dein Bett." „Dazu ist j-tzt keine Zeit", rief Ulrich ungeduldig, „ein Glas Wein, lieber Mojor, und dann zu diesem Grafen. Haben Sie Hedwiga schon gesehen? ' „Sie befindet sich hier in meinem Hause, Tante Ulrike meinte, daß sie hier besser aufgehoben sei, als am Sterbebett." „So hat fi- Tante Irmgard gar nicht gesehen?" fragte Ulrich erstaunt. „Nein, die Kranke weiß noch nichts von ihrer Heimkehr." Ulrich richtete sich straff empor und blickte den Major starr an. „Dahinter verbirgt sich etwas Ungeheuerliches", sprach er langsam, „was ist geschehen? Sage« Sie mir Alles, damit ich als Chef der Familie meine Maßregeln darnach ergreifen kann. Nur kein unnützes Bedenken jetzt, wo vielleicht Gott weiß wa» auf dem Spiele steht, alter Freund!" „Ja, Onkel, es wird das Beste fein", rief nun auch Egon in hoher Aufregung, „gieb uns das Gift nicht tropfenweise, Du siehst, daß Ulrich mehr unter der Ungewißheit leidet." „Wohlan, der verstorbene Graf Rüdershausen hat in seinem Testament die kategorische Bestimmung hinterlassen, daß sein Neffe und Universal-Erbe die Nichte der einst am Altar von ihm verlassenen Irmgard von Jmmendorf heirathen soll und zu diesem Zweck ist der junge Graf hier in X " Egon ergriff krampfhaft die Lehne seines Sessels, während Ulrich spöttisch auflachte. „Da« ist ja allerliebst, in der That!" rief er, „und was sagt die gute Tante Irmgard dazu?" „Sie ist höchst gerührt und erfreut über diese unerwartete Großmuth ihres einstigen Verlobten", versetzte Tellkamp achselzuckend, „und erwartet nur noch Hedwiga, um die Zeremonie vor ihrem Eade wirkungsvoll in Scene zu setzen." „Natürlich", nickte Ulrich, „sie wird sich doch getreu bleiben bis zum Schluß, die gute Tante Irmgard! — Und Tante Ulrike hat in der That zur Opposition sich aufgerafft, indem sie Hedwiga zu Ihnen sandte? — Das klingt ordentlich märchenhaft." Er lehnte sich erschövft zurück und schlürfte den köstlichen Wein, dm Tellkamp ihm bot. „Ah, lieber Major, dieser Nektar ist die beste Medicin für mich, ich fühle mich wie neu belebt und jedem Kampfe 'gewachsen. Sie werden noch neue Urberraschungen erleben, Onkel Tellkamp, wie, Egon?" „Wenn sich gewisse Angaben bewahrheiten, dann allerdings", bestätigte Egon zerstreut, „ich fürchte nur, daß Du Deine Kräfte überschätzest, Ulrich! — Es drohen Dir zwei gefährliche Gegner, welche keine Waffe scheuen werden, um den Sieg zu erringen. Womit willst Du Deinen Angriff unterstützen? — Kannst Du ihm die Maske durch Beweise entreißen? Ich fürchte, daß an seiner Identität nicht zu zweifeln fein wird." 535 „Bist Du kleinmüthig geworden, Freund Egon?" lächelte Ulrich, ihn mitleidig betrachtend, „ich dächte doch, wo so viel auch für Dich auf dem Spiele stände, müßten olle ängstlichen Erwägungen schweigen." Der Major blickte kopfschüttelnd aus die jungen Männer, als fürchte er um ihren Verstand. Was um Alles in der Welt konnte für feinen Neffen dabei auf dem Spiele stehen? „Wollen Sie dem Grafen in Ihrem Haufe ent- gegentreten, Ulrich?" fragte er besorgt. „Nein, ich werde ihn jetzt im Hotel auffuchen." „Und ich bleibe Dir zur Seite", setzte Egon hinzu. „Wo ist Hedwiga?" fragte Ulrich, stch erhebend, „ich möchte sie doch begrüßen." „Weshalb?" fiel Egon rasch ein, „es hieße fie nur noch unruhiger und ängstlicher machen. Findest Du nicht auch, Onkel?" „Allerdings, des kranken Bruders Gegenwart würde sie nur entsetzen, besser, sie erfährt nichts davon." Der Diener meldete in diesem Augenblick einen Herrn Thorsen, welcher den Herrn Doktor zu sprechen wünsche. „Es ist unser Gewährsmann, darf er eintreten, Onkel?" Der Major nickte dem Diener zu, und im räch« sten Augenblick trat der Detcctiv Thorsen in's Zimmer. „Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie aufgesucht", begann er, sich mit feinem Anstand ver» beugend, „aber meine Mittheilung erfordert Eile. Ich sah soeben, daß Graf Rüdershausen sich nach dem Freiherrlich von Jmmendorf'schen Hause fahren ließ. Ich habe ihn mir noch einmal ganz genau im Portal des Hotels, wo der volle Lampenschcin auf sein Gesicht fiel, angesehen und bin überzeugt, daß er der Rechte ist." „Nun, dann vorwärts nach meinem Hause", rief Ulrich, fieberhaft erregt, „Sie begleiten uns, Herr Thorsen?" „Halt", mischte sich jetzt der Major, welcher mit lebhafter Unruhe den Worten des Deteclios gefolgt war, mit fester Stimme ein, „ich verstehe freilich nicht, was die Worte dieses Herrn Thorsen, der mir nicht unbekannt zu sein scheint, zu bedeuten haben, muß aber gegen eine derartige Scene an einem Sterbebett protestiren, zumal der junge Freiherr hier selber krank die Reise unternommen und seinem Leben deshalb ebenfalls Gefahr droht. Regen Sie sich nicht unnöthig auf, lieber Ulrich. Sie wiffen doch, wie gut ich es mit Ihnen meine." „Ja, ja, aber wir haben keine Zeit zu ver» lieren —" , „ ~ , „Bah, Sie versäumen nichts, mutt bester Freiherr!" lächelte Tellkawp melancholisch. „Ist doch Fräulein Hedwiga hier unter meinem Schutze, die Hauptperson, ohne welche keine Verlobung stattfinden kann, dort nicht anwesend. — Wir haben damit jeder despotischen Willkür die Spitze abgebrochen." „Erlauben Sie, Herr Major", nahm Thorsen Kalender. (Schluß.) Weiterhin werden von diesen Kalendern die Planeten, ihre Eigenschaften, „natürlichen Zuneigungen" und Bedeutungen beschrieben, wobei einem jeden ein besonderes „Temperament" gegeben ist, eine uralte Anschauung. Saturn gilt für kalt und trocken, Jupiter für warm und feucht, Mars ist hitzig und trocken, Venus wie Jupiter, Merkur warm und trocken, wozu noch die heiße und trockene Sonne, und der kalte und feuchte Mond treten.*) Aus den Stellungen dieser Gestirne wird nun der Gesundheitszustand des Jahres bestimmt, während die einzelnen Zeichen des Thierkrcises den Charakter der in dem Monat, welchem sie beigegeben sind, Geborenen charakterisireu. „Wird ein Kind im Skorpion", heißt es da, „so wird es ein gerader Mensch, behenden Leibes und guter Farbe, furchtsam, still, ungeschaffen (?), geizig, untreu; er wird nicht leutselig, und so bekannt wird, so wird er lieb gehabt von den Weibern; ist neidisch und stark int Zorn, also daß er den Zorn nicht bald läßt fahren, so er dazu bewegt wird. Er wird auch auf dem Meere und an den großen Wassern reifen und hautiren. Und im Skorpion hat er Glück zum Kaufen und Verkaufen. Er überlebt Vater und Mutter, seine Kinder werden vernünftige Leute, so wird er auch der beste unter feinen Brüdern. Und seine Krankheiten werden sein starke Fieber und die Harnwinde, und Solches wird ihm allermeist im Widder, so die Sonne darinnen ist, angezeigt. So er im Stier ein Weib nimmt, so wirb es glücklich ergehen. Im Zwilling wird ihm der Tod getraut und im Krebs hat er Glück und Gunst. Im Löwen gewinnt er Reichthum und in der Jungfrau hat er Glück in Allem, was er anfängt, und in der Wage hat er Widerwärtigkeit vor falschem Zeugniß, das über ihn geschieht. So er vierzig Jahre erlebt, so lebt er bis in die zweiundsiebzig Jahre; wird im Dienste Gottes sterben und begraben werden; hat Glück in allen Farben, ausgenommen in Schwarz." Kinder, die im Zeichen des Krebses geboren werden, sind unglücklich *) Hierauf begründet sich auch der sogenannte „Hundertjährige Kalender." rasch das Wort, „er handelt sich hier um die zweite Hauptperson, um diesen Grafen Rüdershausen, welcher jedenfalls dem Fretherrn von Jmmendorf gegenüber' gestellt werden muß." „Ja, ja", rief Ulrich erreat, „ich allein kann ihm die Maskr abreißen. Sie werden mich ver« stehen, lieber Major, wenn ich Ihnen sage, daß er mein ehemaliger Freund John Walter ist." „Ah, wissen Sie das genau?" fragte Testkamp erstaunt. , , , „Ganz zweifellos", antwortete Thorsen für den Gelragten. (Fortsetzung folgt.) 836 und kommen in der Welt nicht gut fort, und alle Kalendertage, welche das Zeichen des Krebses oder des Skorpions, der „rauhen Dinger" haben sind unheilvolle. Ein im Wassermann geborenes Kind steht stets in Gefahr des Ertrinkens; im Stier geboren, macht es gute Fortschritte; im Löwen geboren, ist es unbeugsam rc. Ferner wird eine genaue Uebersicht des künftigen Wetters unter den sinnigen Ueber- schriften: Von dem kalten Winter, vom angenehmen grünen Frühling, vom warmen Sommer, vom Herbst gegeben, und heißt es bespielsweise beim ersten: „Der Winter wird von dem fei. Luthero T. v. 498 und 468 nicht unbillig eine jährliche Sündfluth der Welt genannt, in welcher alle lebendigen Kreaturen, so sich nicht in ihre Höhlen oder Häuser, als in einem Kasten verbergen ingleichen alle leblose Geschöpfe gleichsam ersterben oder verderben muffen bis sie von der Sonne und der warmen Frühlingsluft wiederum erwärmt und belebt werden. So unangenehm und verdrießlich auch der Winter den Menschen sein kann, so nützlich und nothwendig ist er dennoch. Denn da muß nicht allein die Erde, welche den Sommer über von großer Hitze, wie auch von allerhand fruchttragenden Körnern und Getreide ausgemergelt worden, sich wieder erholen und zur fernerer Ertragung der Früchte ausruhen, sondern es ist auch der Winter viel gesünder als der Sommer. Er giebt den Menschen bessere Nahrung in Essen und Trinken, man hat auch Gelegenheit, besser schaffen und ausruhen, und was dergleichen Bequemlichkeiten mehr sind." Natürlich fehlen auch nicht die unter dem Namen „Bauernregeln" bekannten Wetterregeln, die sich ja noch heute in vielen Kalendern finden, gleich der Rubrik „Gemeinnütziges" oder „Allerlei Rezepte" wie auch für „Haus- und Landwirthschaft." Ganz ebenso war's schon vor hundert Jahren. Da lesen wir: „Zu erfahren, ob ein Wein Wasser habe. Nehmet eine Birn, werffet sie in den Wein, schwemmt solche oben, so ist er gefälscht. Oder gieß Wein in einen neuen Topff und setze ihn in die Luft, ist der Wein wässericht, so verwandelt er sich im Topff und wird Essig." „Die Schafe rein und frisch zu erhalten" lehrt folgendes Rezept: „Grabe im Mertz Hirschwurtzel, auch Holzwurtzel und Alentzwurtzel, zwischen den zwei Frauentagen, zerstoße sie zu Pulver und gieb ihnen solche unter das Salz zu lecken, wenn die Zeit kommt. Gegen „Bezauberung der Milch" wird empfohlen: „Nimm Theriak, Gartheil, Kreuzrauten, rothen Knoblauch, binde es zusammen und begrabe es unter die Schwelle, darüber das Vieh gehen muß, und wasche das Gefäß mit stolzem Heinrich." Ebenso fehlen „Anekdoten" nicht, nur sind sie etwas anderer Art als die, welche sich in den heutigen Kalendern finden, wovon folgende „Historia" zeigt: „Ein gewisser Mann hatte eine sehr böse Frau, die konnte er weder mit Schlägen noch mit Worten zum Gehorsam bringen. Er war aber Herr und kaufte eine drey Ellen lange Wiege, lud einige Gäste zu sich zum Schmause, und brachte sie alsdann zum Vorschein. Die Frau fragte, was er mit der ungeheuren Wiege machen wollte, Er machte aber eine Kurtzweile daraus, bis die Frau anfing, ihrer Gewohnheit nach zu keifen und zu belffern. Alsdann packte er solche mit Hülffe des Dieners an, warf sie in die Wiege, und ließ sie feste binden, der Duner mußte stark wiegen, er selbst aber saug ihr ein Wiegenlied: Schlaf ein, schlaf ein, Du Kindlein ein, sep nicht zu böß, hör auf zu schrepn, schlaf ein, schlaf ein, Du Wechselbalg rc. Unterdessen tranken die Gäste der Frau Gesundheit tapffer herum, diese aber wollte vor Zorn zerbersten, und aus der Wiege fahren, sie konnte aber nicht. Der Mann kehrte sich an nichts, sang immerfort, und die Gäste lachten sie aus. Endlich gab sie gute Worte und weinte wie ein kleines Kind, gelobte auch, besser zu werden. Alsdann wurde sie aus der Wiege gelassen und wenn sie sich künftig widerspenstig erzeigen wollte, droht der Mann mit der Wiegen, so legte sich gleich das Wetter." Sehr verschiedenartig sind die Titel der Kalender. Einer derselben ist oben mitgetheilt, andere lauten: „Der verbesserte und neue europäische Geschichts-, Haus, und Staatskalender", „Der lustige Bauer", „Kriegs-, Mord- und Tod-, Jammer-, Noth-Kalender", „Türkenkalender" u. f. In den letzteren, welche bei dem gemeinen Manne sehr beliebt waren, wurden furchtbare Greuel- und Bluthistorien aus den Türkenkriegen erzählt, auf den Titeln sah man langgeschwänzte Kometen, Sonnenfinsternisse, brennende Städte, Seeschlachten dargestellt, und Alles, was irgend wichtig, war durch rothe Druckfarbe ausgezeichnet, im Text natürlich auch die Sonntagsnummern, die der Heiligen und bemerkenswerthe astronomische Bezeichnungen roth gedruckt. Der Kalender war ehemals aber auch Zeitung, und berichtete seinen Lesern, freilich erst ein Jahr später, die Weltbegebenheiten; eine „politische Uebersicht" fehlt ja auch heute in ihm nicht. Was die manchen Kalendern beigegebenen Holzschnittbilder anbetrifft, so sind sie sehr roh, kindisch und geistlos und erst die „Taschenbücher" und „Almanachs" boten Anderes und besseres. Aber der gemeine Mann war damit wohl zufrieden, ebenso wie er von solchen Kalendern, deren Text „zahm" war, die nichts von Mord und Todschlag zu erzählen wußten, nichts wissen wollte. Schließlich durften selbstverständlich in einem ordentlichen Kalender eine Uebersicht der Messen und Märkte und Angabe der Postkurse nicht fehlen. So stellen sich uns die Kalender des vorigen Jahrhunderts dar; aus den mitgetheilten Proben ist zu ersehen, daß sie nicht ohne kulturgeschichtliches Interesse und kulturgeschichtlichen Werth sind. Ein solcher fehlt, wie gesagt, auch unseren heutigen Kalendern zum Theil nicht, wenn sie auch ganz anderer Art sind. Sie bilden noch immer einen wesentlichen Theil unserer Volksliteratur, sind also ein beachtens- werthes Werkzeug der Volksbildung und darum sollte jeder Kalenderschreiber nie vergessen, daß für das Volk nur gerade das Beste gut genug ist. -kedgctisn? A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Trackern (Fr. Ehr. PielsH) in Güßen.