Kiehener Aamitienblätter. Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger. Aer Gröe des Kaufes. Roman von Hermine Frankenstein. (Fortsetzung.) Einige Minmen lang schwieg der Exschreiber und erquickte sich nach seinem langen, mühsamen Laufe an der köstlichen Ruhe und Wärme. Aber nach einer Weile fing er an von dem Gegenstände zu sprechen, der ihm zunächst am Herzen lag. „Die» ist ein prachtvoller Ort, Signora", bemerkte er, während seine kleinen, stechenden Augen über die in musterhafter Ordnung gehaltenen Gärten glitten. „Ein Fürst könnte hier leben." „Gewiß, und er könnte auch stolz sein auf diese Besitzung", entgegnete die Parkhüterin. „Ich versichere Euch, daß e» kein schönere» Gut, noch eine ältere Familie giebt, al» Sir Arthur Tressilian. Der erste Tressilian war ein Normanne und kam mit Wilhelm dem Eroberer in'» Land." Sie gab diese Erklärung mit triumphirrnder Miene ab und Palestro schaute ziemlich ehrerbietig drein, obwohl er keine Ahnung davon hatte, wer Wilhelm der Eroberer gewesen war, noch daß die meisten Familien England» behaupteten, daß ihre Ahnen mit ihm in'« Land gekommen wären. „Ist'» möglich?" rief er mit wachsender Ehrfurcht aus. „Dieser Tressisian muß ein großer My'ord sein. Ist er reich?" „Reich", sagte die Parkhüterin. „Mit seinen Einkünften könnte ein Herzog zufrieden fein. Er zählt zu den reichsten Männern der Grafschaft." Palestro'« Augen futifeiten habgierig und er rieb sich vergnügt die Hände. „So reich", murmelte er. „In dem Dorfe unten fuhr ein Wagen an mir vorbei, in welchem eine Dame und zwei Herren saßen, sie fuhren hier herein. Vielleicht wir da» Mylord Sir Tressolino'» Wagen?" „Ja, er war e«", entgegnete die Frau lächelnd über den Titel, der ihrem Herrn gegeben wurde. „Sir Arthur war heute Morgen in Glocester und kehrte einige Minuten, ehe Ihr kamt, zurück." „Er sieht noch sehr jung und stattlich aur", sagte der schlaue Jialiener in gleichgiltigem Tone. „Ich vermuthe, daß der junge Mann sein Bruder und die junge Dame seine Frau oder Schwester war." Die Parkhüterin lachte. „Ihr täuscht Euch", sagte sie. „Sir Arthur hat sehr jung geheirathet, und der junge Mann ist sein Sohn und Erbe, Guy Tressilian. Die junge Dame ist Sir Arthur'» Mündel." „So ist also der schöne, blonde, junge Mann Mylords Sohn und Erbe?" sagte der Italiener sinnend. „Der einzige Sohn, Signora?" „Ja, der einzige Sohn!" „Mylord hat kürzlich einen Sohn verloren?" versetzte brr Italiener fragend, seinen Gedankengang, daß Guy und Lowder Brüder wären, verfolgend. Die Parkhüterin schaute ihn überrascht an. Sie war eine geschwätzige Frau, und plauderte lieber mit diesem Landstreicher, al» gar nicht. Sie beeilte sich, auf seine Frage zu entgegnen: „Herr Guy ist der einzige Sohn und war e» immer. Sir Arthur hatte keine anderen Kinder." Palestro'» Gesicht verfärbte sich. Wenn sein Gefangener in Italien, der sich jetzt in den Händen des rothen Carvelli befand, nicht der Bruder seine» Begleiter» war, wer und war war et denn? „Ist da» gewiß wahr, Signora?" fragte der Ex- schreiber. „War nicht ein zweiter Sohn da, der kürzlich im Auslände starb?" „Nein, Herr Guy ist der einzige Sohn, den Sir Arthur hatte! Aber Guy war fünf Jahre abwesend, erst auf der Universität und daon aus Reisen! Er hat kürzlich in Sicilien Schiffbruch gelitten und war dem Ertrinken nahe. Vielleicht habt Ihr von seinem Unfälle gehört?" „Ja", sagte Palestro mit heiserer, leiser Stimme. „Ich habe davon gehört. Hatte der junge Lord einen Reisebegleiter?" „Natürlich", entgegnete die arglose Frau, die von der Dienerschaft au» dem Schlöffe Lowder'» Version von dem Schiffbruche und dessen NebenuNständen ge« hört hatte. „Er würde sich für den Sohn und Erben Sir Tressilian'» nicht schicken, allein durch da» große Festland zu reisen ohne einen Reisebegleiter. Derselbe war ein armer junger Gentleman, der von ihm wie ein Bruder behandelt wurde. Cressi, da» Fräulein Blanche'« Kammermädchen im Schlöffe ist, sagt, daß der junge Mann in dem Schiffbruche verunglückt sei und jetzt in Sicilien» gänzlich blödsinnig, lebt." Palestro'» sonnverbrannte» G-flcht wurde aschfahl. War Lowder'» GeschH'e also doch wahr? War kein Geheimniß dahinter? Hatte er sich also doch getäuscht und war er vergeblich nach England gekommen? Er glaubte es anrehmen zu müssen. „Könnt Ihr mir den Namen de» Reisebegleiter» sagen, Signora?" fragte er. i „Jr, es ist ein seltsamer Name! Lowder — Jasper Lswdcr." | Ein höchst seltsames Angstgefühl übermannte da; 322 U viel- .,@8 tettibett ßättbett Qit I’—h-o »—- , setzte, und als der Italiener näher kam, schaute er mit überraschtem Ausdrucke zu ihm auf. Palestro zog mit außerordentlicher Höflichkeit seinen Hut und fragte den alten Mann • , Braucht Ihr vielleicht einen Gärtnergehilfen, I I v^dert l Und gchern, als sein alter Hund, den * er früher so lieb gehabt hatte, bellte, stieß er das arme Miet mit be» 8»"l 34 Jf>“ ______.1 _ihnt moYnfn.'' "Fünf Jahre. Aber selbst dieser lange Zertraum bätte ibn nicht gar so schlimm verändern müssen. STA & « die Geschichten, die ich i m zu erzählen pflegte von Verzauberungen. Es scheint fast, als ob irgend eine böse Fee — wenn man an solches Zeug glauben könnte - unser» Master Guy in diesen Menschen verwandelt hätte! Palestro'» Gesicht erhellte sich plötzlich. Die ahnungslosen, leicht hingeworfenen Worte des al en Gärtners übten eine «roße Wirkung auf den schlauen Italiener — dis Ahnung der eigentlichen Wahrheit dämmerte in ihm auf. „Ich hab'«", sagte Palestro zu sich selbst. „Ich will diesem feinen, jungen Manne die Larve vom Gesicht reißen — ich will ihm sagen , daß er nicht i der ist, für den er sich ausgiebt, daß er eine» An» i deren Reichthum verzehrt, die Würden und Ehr.n ®£r5Dft» Herz des alten Luke erwärmte sich sofort 1 sür den unheimlichen Eindringling. Er war den arößteu Theil seines Leben» hindurch Obergärtner auf dem Schlöffe gewesen und klagte stet» darüber, Nnü hia iünaeren Leute jetzt nicht mehr die Ehrerbie- XXnpoüew Alter hätten wie einst. Es schmeichelte ihm daher sehr, daß Palestro sich mit seiner Bitte so höflich an ihn und nicht an den | zweiten Gärtner gewendet hatte, welcher jetzt eigent- | liä die Aufsicht über die Gärten führte. 6 $, Ich weiß nicht", bemerkte er, den Fremden \ freundlich anschaumd. „Ihr seid Ausländer, nicht 5 Exichreiber und er stützte seinen Kopf in dieHände. Die Geschichte der geschwätzigen, eir.fältigen Park Hüterin bestätigte ganz genau, was Lowder ihm ge wahr? Ich halte nicht viel von den aurländischen Gärten. Gebt mir den guten, altengtrschen S^yl, aber ich sürchte, den werden wir nie wieder zurück- bekommen. Die Welt ist da» nicht mehr, wa» sie einst war. Was versteht Ihr?" „Ich kann Alle» thun, was Ihr von mir verlangt, H:rr. Ich würde Euren Anordnungen gewiß "^^Jch^wolltt^wir hätten eine Beschäftigung sür Euch", sagte der alte Luke in seinem »"ternben Tone. Aber wir haben wirklich kein«. Es ist jetzt Winter und e» stnd daher nur die Treibhäuser zu beabsichtigen. Nein, ich fürchte, daß wir keine Beschäftt« 0Utt?,‘ÄS$ könnte ich im Hause eine Stelle bekommen", sagte Palestro, stch sorglos an eine ä Marmor,Urne lehnend, deren Seitsnwände mit dunk- lem Weinlaub umrarkt waren. „Ich war fchon Goutier - «tal Wtbtau<6t d-r junge Mylord einen Kammerdiener? „Vielleicht", stimmte der alte Luke in brummendem Tone zu. „Aber ich kann Euch darüber keine Auskunft geben, mein Freund. „Herr Guy hat nur ein einziger Mal mit mir gesprochen , se" er n°ch Hause gekommen ist und sonst pflegte er doch den alten Luke so gern zu haben I Ich habe er immer gesagt, daß die ausländische Erziehung und die Reisen ihn verderben werden. Er ist nicht mehr derselbe Mensch, seit er zurückgekehrt ist." Ein rascher Blitz schoß aus den Augen de« Ex- schreibers. Es war sichtbar, daß er die letzten Worte buchstäblich auffaßte. I Nicht derselbe?" rief er au». i Nein I Er ist so verändert, al» ob er ein ganz -anderer Mensch wäre! Er ist fo ^etbot unb schweigsam, al» ob er em Grhetmniß mit sichhemm I Er hat keine freundlichen Worte für mich, ?Qßi Aber wenn dar Aller wahr ist", dachte er, „warum schaute er so schuldbewußt drein? Warum karrte er den Blödsinnigen so entsetzt an, al» ob er sich vor ihm fürchtete. Warum bot er mir ein1 fo fürstliche» Jahresgehalt an, nur um. rhnvon,dem lAesundbeitszustand de» armen Rersebrglerters rn Kenntniß zu erhalten? Hier liegt ein Geheimnrß zu Grunde; aber worin besteht er? Ich muß es wffsin, ick kann mit dieser Geschichte niemals zu Giuditta zurückkhren "—sie würde mich ob ihre- Mißerfolge- verhöhn ö0$ Giuditta — vereint mit seiner eianen Habsucht — drängte ihn, seine Forschungen maiter foihuftbett. Nach einer kurzen dleberlegung S eÄ &le, b.6 et to »lebet W W- unb fragte, als er seinen Uebertod anzog. „Braucht man vielleicht irgend einen Dimer im Schlöffe, Signora — einen Kammerdiener vier Auf- ieber. oder sonst etwa» dergleichen?" „Ich weiß e» wahrhaftig nicht", entgegnete die Parkhüterin, auf welche der Schreiber emen an- genehmen Eindruck gemacht hatte. „Ihr könnt leicht auf da» Schloß gehen und dort fragen. „3$ will e» thun", antwortete Palestro. kann nicht» schaden, wenn ich'» versuche! Die Frau gab ihm einige Andeutungen und öffnete dann eine Thüre, die nach dem Trr.silian- Karten binau»ging. Der Italiener lüftete fernen Hut, bot ihr einen freundlichen Abschied und schlug einen Seitenweg ein, der zu dem Schlöffe dahinsührte. Er war in der Nähe der großen, alten 6«^»* Hauses angekommen unb ging ««fmÄS ! trüge. Er hat keine treunon^en i«‘ “7» zu, als er den alten Luke, den Obergättner, erblickte, | nug ’ ^cht einmal Blicke. O, er rst sehr der wie man sich erinnern wird, von seiner emen । t j v_ t, nl» sein alter Hund, den awuu, mit Lomber eineu fo ungWen Elm I StofMuer »atonrt‘röitb aus ihm wetbeu.- tctilbcn 9 w’AVt&T lKn sLame er I “ „Er war wohl viele Jahre fort?" 323 eine» Andern erben hofft — ich will und muß da» Geheimniß lösen, das diesen Str Trcssolino umßübt." Der Alte hatte sich entfernt, und Palestro zog sich in den Schatten des Parkes zurück, die Lippen fest aufeinander gepreßt, die dunklen Augen Blitze sprühend, die schlanken Finger zur Faust geballt — ein Bild de» festesten Entschluffr» — der Erbarmungslosigkeit. So stand er einige Secunden, dann riß er sein Portefeuille aus der Tasche und warf folgende Zeilen mit flüchtiger Hand auf's Papier: „Mylord Sir Treffolino! Durch verschie« bene Umstände gezwungen, bin ich hier und erwarte Sie am Ausgange des Parkes. Wenn e» Ihnen nicht möglich ist, zu mir zu kommen, will ich zu Ihnen kommen. Jacopo Palestro." Er faltete das Blatt zusammen und beauftragte einen ihm begegnenden Diener, dieses dem jungen Herrn unverzüglich zu überbringen, worauf er sich wieder in den Park zurückzog, der Ankunft des Er« warteten fieberhaft aufgeregt harrend. Dreißigstes. Kapitel. Vom Regen in die Traufe. Olla und ihr Begleiter hatten dem ihnen durch einen Banditen servirtrn, einfachen Mahle gut zugesprochen — sie wollten und mußten ihre Kräfte schonen. Eben wollte sich Olla vom Tische erheben, als sich draußen feste Tritte vernehmen ließen und alrbald in dem Rahmen der geöffneten Thüre die hohe Gestalt des gefürchteten Räuberhauptmanns erschien. „Ich freue mich sehr, Signorina", begann er, „daß Eure Gefangenschaft nicht im Stande war, Euch den Appetit zu verderben. Trotz de« heute bewiesenen Mathes fürchtete ich, Euch jetzt niedergeschlagen und bekümmert zu finden — ohne Appetit, in Thränen ausgelöst — und ich bin sehr erfreut, mich vom Gegentheil überzeugen zu können." „Bcdaure, Euch in Euren Erwartungen getäuscht zu haben, Signore Bandit", entgegnete Olla in hei- terem Tone. „Weinen und Wehklagen sind nicht meine schwache Seite — ich ziehe das Handeln vor. Und so wollen wir auch jetzt an die That gehen. Welchen Betrag fordert Ihr als Lösegeld für mich und meine Diener?" fügte sie in stolzem, verächtlichem Tone hinzu. „Heute Morgen, als ich Euch und Eure Dienerschaft gefangen nahm", entgegnete Carvelli, „versprach ich mir ein schönes Stück Geld durch Euch zu verdienen — denn wie die Waare, so der Preis. Doch jetzt bin ich anders gesonnen. Eure Schönheit und Euer Geist haben mich berückt. Euer Muth und Eure Entschlossenheit haben mir Bewunderung für Euch abgenöthigt. — Ihr, die Ihr meine Gefangene seid, habt mich selbst in Bande geschlagen — mich zu Eurem Gefangenen und Sclaven gemacht. Signora, ich liebe Euch und habe beschloffen, Euch zu meinem Weibe zu machen — zur Königin meiner Bande zu erheben. Keine Schätze der Welt, keine Macht der Erde sollen an meinem Enischluffe rütteln. Ihr sollt mein sein — mein ganz allein!" sagte er in entschlosienem Tone. „Und glaubt Ihr wirklich Eure» Sieges so gewiß zu sein", entgegne Olla höhnisch. „In meinem Hei- mathland ist c» Sitte, die Damen in dieser Angelegenheit ebenfalls ein Wort mllreden zu lassen. Und ich halte fest an den Gebräuchen —" „Ich bin kein Mann von feiner Erziehung, von süßen Worten und Schmeicheleien, der in Unterwürfigkeit und Demuth um da» Mädchen seiner Wahl wirbt", unterbrach sie der berüchtigte Mann der Berge. „Ich will meine Zeit nicht vergeuden, indem ich Eure Schönheit und Euren Muth besinge, ich habe nie bitten gelernt, werde auch jetzt nicht bitten, wo die Macht auf meiner Seite ist." Olla mackte eine abwehrende Geberde und ihr Gesicht nahm einen höhnischen Ausdruck an, doch Carvelli fuhr unbehindert fort: „Ja, Ihr seid schön, Signora, g-boren, eine Rö, nigin zu sein. Und wahrlich, Ihr sollt auch eine Königin fein, Ihr sollt herrschen über die ganze Bande — ein leiser Wink von Euch soll ihr Befehl fein; ich will Euch mit Seide, Spitzen und Schmuck, den Weibern so lieber Tand, überschütten, ich will Euch Vergnügungen bereiten — Euch mit Liebe und Aufmerksamkeit behandeln." „Wohl sehr schöne Aussichten für mich, doch kann ich mich damit nicht einverstanden erklären und muß mich für die Ehre, Banditenkönigin werden zu können, bedanken." CarvM's Stirne furchte sich, seine dunklen Augen nahmen einen drohenden Ausdruck an und fdne Stimme klang hart und rauh, als er sagte: „Mein Entschluß ist gefaßt und nicht» vermag mich von der Erfüllung desselben abzubringen; doch will ich Euer Zartgefühl ehren und Euch unter Beistand der kirchlichen Segnungen zu meiner rechtmäßigen Gattin machen. Roch heute Abend wird uns der Priester für dieses Leben verbinden, meine schöne Braut. Schmückt Euch zu dieser Festlichkeit so schön als möglich — meine Braut soll bezaubernd schön fein." „Wie aber, wenn bei all' dieser Feierlichkeit die Heldin des Abend», die Braut fehlt? Nimmermehr willige ich ein, mein Leben an das Eure zu ketten- niemals werde ich Euer Weib", entgegnete Olla. „Ihr sollt und werdet meine Gattin werden", erwiderte Carvelli grimmig, „und selbst wenn sich alle Mächte de« Himmel» gegen mich aufthürme» sollten. Ehe der neue Tag anbricht, werdet Ihr in meinen Armen ruhen — weigert Ihr Euch jedoch, so beschwört Ihr da» Blut Eurer drei Freunde über Euch herauf. Vor Euren Augen will ich in ihrem Blute meinen Zorn kühlen. Treibt mich nicht zum Aeußersten. Ich verlange Ürnern Besitz und halte ihm da» Leben Euter drei Freunde entgegen. Wählet selbst I" Er entfernte sich, Olla ihren Gedanken überlassend. I (Fortsetzung folgt.) M Are Krdöeere. Von H. Salchow. (Schluß.) Am besten gedeiht die Erdbeere auf sandigem Lehmboden, der lief gegraben werden muß, weil die Erdbeere, sofern er ihr irgend möglich, 2-3 Fuß tief mit der Wurzel geht. Um reichlich zu tragen, sagt ein Fachmann im „Schlesischen Landwirth", bedarf die Erdbeere viel Nahrungr stoss, weshalb eine starke Düngung sich nothwendig erweist. Die beste Methode, Erdbreren zu bauen, ist auf Beeten, jeder etwa mit drei ca. 35 Centimeter von einander entfernten Reihen, in welche die einzelnen Pflanzen 30-35 Centimeter von einander entfernt gepflanzt werden. Indem jede» Beet genügend von dem an. dern durch einen breiten Weg getrennt ist, kann man bei der Ernte, ohne zwischen den Reihen herumzu- treten, was von großer Bedeutung ist, jede Beere leicht erlangen. Für die beste Pflanzzeit gilt in England der April, indeß kann das während dec Monate April bis Sep'ember erfolgen, nur werden die später gepflanzten Beete im nächsten Jahr wrni- ger reichlich tragen. Zweckmäßig ist er, die Beete alle 2—3 Jahre zu ermuern und zu verlegen, weil die jungen Pflanzen leichter tragen und schönere Früchte liefern, als die älteren. Um viele und gute Erdbeeren zu haben, ist es nothwendig, die Berte rein zu halten, mindesten» bis zur Reisezeit hin darf das Unkraut nicht aufkommen. Ist zur Zeit des Fruchtansatzes die Witterung trocken, so empfiehlt sich das Begießen sehr, doch darf dies nicht ein öftere« Besprengen sein, sondern es muß ordentlich den Boden anfeuchten, wenn es dann auch nur seltener geschieht. Ebenso wenig ist es zu versäumen, bis zur Reifezeit alle Ausläufer zu ent. fernen, weil durch solche der fruchttragenden Pflanze zu viel Kraft entzogen wird, und selbst später nach der Ernt« ist es zweckmäßig, diese Buüäufer abzu- lösen, da bei solcher Behandlung viele Arten noch eine zweite Ernte bei günstiger Witterung liefern. Das Pflücken der Erdbeeren sollte nur geschehen, wenn st« nicht von Thau oder Regea feucht sind, ober auch nickt bet brennendem Sonnenschein. Bei trockenem Wetter ist das Aroma am schönsten; schon bei einem leichten Regenschauer wird es bedeutend abgeschwächt. Die Vermehrung der Ecdbrerpflanzen geschieht fast immer und sehr leicht durch die Ausläufer, und nur um neue Sorten zu erzielen, werden von Handels» gärtnern und Liebhabern Pflanzen aus Samen ge. zogen. Auch in Töpfen gezogen ist die Erdbeere sehr dankbar und eignen sich hierzu besonders die großsrüchtigen Sorten. L Den alten Griechen und Römern scheint die Ecd» beere als Gartensrucht unbekannt gewesen zu sein; wenigstens wird ihrer von keinem Schriftsteller der j Alten Erwähnung gethan. In Deutschland ist sie ? als Walderdbeere offenbar schon sehr lange in Be. Nutzung, als Kulturpflanze finden sich über sie jedoch weit später Spuren al« in England. Dort muß sie bereits seit vielen Jahrhunderten cultivirt worden sein; schon in einer Urkunde au« der Zeit Hein» rich« VI. (1422-1461) wird ihrer als einer hochgepflegten Frucht gedacht. Ebenso war der Garten de« Bischofs von Ely zu Halborn schon im Jahre 1483 wegen der ausgezeichneten Erdbeeren so bekannt, daß Shakespeare in einem seiner Dramen anspielen konnte. Johannes Popp sagt in seinem obenerwähnten Buche, daß das aus den Erdbeeren destilirte Woffer das Herz stärke, die Brust reinige, den Menschen von der Geelsucht abhelfe und ein frisch Gemüth mache. Als Wafchwaffer wird cs noch hcutzutage häufig verwendet, besonders zur Ber» trribung von Sommersprossen. Ein Erdbeerbrei, auf Füße , und Finger im Sommer aufgelegt, soll gegen da» Erfrieren derselben im Winter schützen. Ltm.ö befreite sich durch massenhaften Genuß von Erdbeeren vom Podagra, doch verursacht ein solcher bei manchen Personen den Nesselautschlag. Auch bei nüchternem Magen genossen, sollen die Erdbeeren keine gute Wirkung haben, ebenso bei Wassersüch- tigen. In welcher Weise, ob frisch gepflückt, oder mit Milch, Sahne, Wein oder Zucker zubereitet, Erdbeeren am besten munden, ist natürlich Geschmackssache; im Sommer ist Erdbeerkaltschale jedenfalls ein sehr erquickendes Getränk. Wie hoch die rothe Frucht von jeher geschätzt worden ist, beweist ein altes Sprichwort, welche« sagt: „Wegen einer Erdbeere sollte ein Mann neun Mal vom Pferde steigend Ein schweizerisches Kinder-Räthsel lautet; Es etSt ebbes ufem r81e, h6t nu ß bei« und » roth kröpfle ? was auf hochdeutsch heißt: Er steht etwa« auf dem Rain, hat nur ein Bein und ein rothe» Köpfchen? — Besondere Liebhaber der süßen Frucht sind die Kröte und die Ameisen, und sie machen so dem Menschen den Genuß der Erdbeere streitig, welche derselbe in zahlreichen Gedichten gefeiert hat. Ein» der hübschesten ist wohl da» de» Tyroler Poeten Hermann von Gilm, welcher singt: Munter, gleich den jungen Schwalben, Gingen wir auf Erdbeerleese, Lilien in weißen Alben Hielten uns die Katechese: „Walderdbeeren müßt ihr ohne Zucker, ohne Zimmt genießen, Nicht den Essig der Citrone, Nicht Burgunder daran gießen. Laßt sie in der süßen Schale Rother Lippen halb zerdrücken, Um sie dann zum zweiten Male Noch mit einem Kuß zu pflücken!" , Nedaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.